Dragan. Eine Begegnung in Montenegro.

„Where are you from?“ fragt mich der Typ in amerikanisch geprägtem Englisch.

„Germany.“

„Na, dann lass uns doch auf Deutsch schwätzen!“ Ein deutlicher südwestdeutscher Einschlag. Sein Bart ist mehr als die sprichwörtlichen drei Tage alt. Nach seinem Geruch zu urteilen hat er ebenso lange keine Dusche genossen. Dunkle Locken, gewitzte Augen. Mit einer Zigarette im Mund steht er neben dem Bus in Tivat. Ich hatte ihn angesprochen, um zu erfragen, ob dies der Bus nach Kotor sei. Es ist mein letzter Tag in Montenegro; ich bin früh aufgestanden, um ihn voll auszunutzen. „Ich heiße Dragan“, er streckt mir seine Hand entgegen.

Dragan will ebenfalls nach Kotor, also steigen wir gemeinsam in den Bus. Ich will mich in eine der vorderen Reihen setzen, aber Dragan zieht es auf die Rückbank: „Komm, lass uns nach hinten gehen. Vorne ist doch assig.“ Das erinnert mich an die Fahrten im Schulbus. Hinten saßen immer die ganz coolen Jungs. Ich war nie dabei.

Die Fahrt nach Kotor dauert nicht lange, obwohl der Bus den durch den Berg Vrmac gebohrten Tunnel ignoriert und das steile Massiv lieber umfährt, vielleicht aus Angst vor Tunneln, vielleicht um einen höheren Fahrpreis zu rechtfertigen. Dragans Leben scheint spannender zu sein als meins, also entscheide ich mich, zuzuhören, anstatt von mir zu erzählen.

„Ich bin in Deutschland geboren, in Heilbronn. Habe in Mannheim Maschinenbau und in Hamburg Germanistik studiert. Beides mit Diplom abgeschlossen. Und jetzt jobbe ich hier als Kellner“, beginnt er ungefragt zu erzählen.

„Aber die Saison ist vorbei.“ Es ist Anfang November. „Und dieses Jahr war sowieso scheiße. Zu viel Regen, zu wenig Touristen.“

Dragan zählt die acht Sprachen auf, die er spreche: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Serbisch, Berber, Albanisch und Russisch. Ich versuche daraus die Stationen seines bisherigen Lebensweges abzuleiten.

Er wartet gar nicht darauf, dass ich ihn frage, wie er als Kellner an der Küste Montenegros gelandet ist. Wie ein Schauspieler, der zu einem Filmdebüt zwanzigmal das gleiche Interview gibt, weiß er schon genau, was den Gesprächspartner interessiert. Er hatte ein Restaurant in Deutschland. Dann eine Scheidung. Die Frau zeigte ihn beim Finanzamt an, natürlich war nicht alles ganz sauber. Vier Jahre Haft. Abschiebung nach Bosnien, wo er nie gewohnt hatte. „Ich war nur als Kind ein paar Mal zum Urlaub in Bosnien, und dann sollte ich dort von einem Tag auf den anderen mein Leben neu anfangen!“

Deutsches Ausländerrecht. Was für eine Verschwendung von Talent und Fähigkeiten. Wer mit der deutschen Stastsbürgerschaft gesegnet ist, schafft es mit so einer Vorgeschichte noch locker zum Pegida-Anführer.

Dragan ist wieder verheiratet. Seine zweite Frau ist aus der Ukraine, war legal in Montenegro, aber irgendeine Genehmigung zur unselbständigen Arbeit fehlte, als sie bei einer Razzia in einem Restaurant aufgegriffen wurde. Ausweisung in die Ukraine. Er würde natürlich gerne zu ihr fahren, auch wenn in der Ukraine gerade Krieg ist. Aber die Flugtickets sind teuer und der Landweg ausgeschlossen, weil er ein lebenslanges Einreiseverbot für die EU habe.

Dragan ist diesen Morgen auf dem Weg zum Arzt. Wegen drei gebrochener Rippen benötige er Cortison-Spritzen. Ich fahre nach Kotor, um auf die am Berghang liegende Festung zu klettern. Ich fühle mich plötzlich vergleichsweise jung und frei und energiegeladen und weiß doch, dass ich nichts dafür getan habe, um mein Glück zu verdienen. Die Zeit reicht nicht mehr, um Dragan nach seinem Alter zu fragen, aber wahrscheinlich ist er wesentlich jünger als er aussieht.

Dragan fährt noch ein paar Stationen weiter, als ich am Busbahnhof in Kotor aussteige. Ich wünsche ihm alles Gute, und er fragt mich verschämt, ob ich ihm mit ein paar Euro helfen könne. „Ich habe leider selbst nicht viel“ antworte ich, nur halb gelogen, als ich mein Portemonnaie zücke und ihm fünf Euro gebe. Ich habe bereits entschieden, über diese Begegnung zu schreiben, und sehe die Spende als Honorar für den Protagonisten an.

Stadtmauer von Kotor mit Blick auf die Festung

Stadtmauer von Kotor mit Blick auf die Festung

(Click here for the English version of this story.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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