Die Rauchende Schlange

Gerade erst war der 8. und 9. Mai, zu dem die eurozentristischen Europäer das Ende des Zweiten Weltkriegs feiern, obwohl jene Veranstaltung in Asien noch ein paar Extramonate lief. Mit Paraden und Märschen wurde der überlebenden und mit Friedhofsbesuchen der nicht überlebenden amerikanischen, britischen, französischen, belgischen, neuseeländischen, australischen, indischen, kanadischen und ja, auch der sowjetischen Veteranen und sogar der Partisanen gedacht.

Aber wie jedes Jahr wurden die Soldaten eines Landes komplett vergessen.

Nein, ich meine nicht unsere Opas von der Wehrmacht! Die haben ja nun größtenteils wirklich keine Feier verdient.

Ich spreche von den brasilianischen Soldaten, die zusammen mit den Alliierten Europa vom Faschismus befreit haben.

Von denen wusstet Ihr nichts? Seht Ihr, genau das meine ich. Die werden nämlich immer übersehen. Dabei waren es nicht ein paar einzelne Brasilianer, die in der amerikanischen oder britischen Armee Dienst taten. Nein, Brasilien entsandte im Zweiten Weltkrieg eine gesamte Division nach Italien: 25.000 Mann.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wollte Brasilien auf Schweiz machen, neutral bleiben und mit jeder Seite handeln. Brasilien war zu jener Zeit mal wieder Diktatur, die als solche durchaus Sympathien für Nazi-Deutschland hatte (obwohl es im Völkergemisch Brasilien auch in jener Zeit keine Ausgrenzung von ethnischen Minderheiten gab). Aber die nordamerikanische Charmeoffensive war einfach zu stark,jornal_o_globo_1942 und so erlaubte Brasilien den USA ab 1942 die Errichtung von Stützpunkten für den Seekrieg im Atlantik.

Die Neutralität wurde unhaltbar, als deutsche U-Boote im gleichen Jahr 13 brasilianische Handelsschiffe versenkten und Hunderte von Menschen starben. Dabei wollte die Regierung Brasiliens noch immer keinen Krieg gegen Deutschland führen. Die Forderungen kamen aus dem Volk und wurden immer lautstarker. Demonstranten forderten den Kriegseintritt und zerstörten deutsche Kneipen. Am 22. August 1942 erklärte Brasilien dem Deutschen Reich, Italien und Japan schließlich den Krieg.

Dieser Schritt wurde damals auch in Südamerika zunehmend populär. Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Paraguay, Peru, Chile, Venezuela und Uruguay folgten in dieser Reihenfolge. Ach ja, das heroische Argentinien entschloss sich am 27. März 1945 noch knapp rechtzeitig zu diesem kühnen Schritt; es war die letzte Kriegserklärung an Deutschland.

Aber auch in Brasilien blieb es erst einmal bei der Ankündigung. Der Volkszorn kochte weiter, was aber auch daran gelegen haben mag, dass wegen des Zweiten Weltkriegs die Fußball-Weltmisterschaften ausfielen. Es entwickelte sich die Redewendung, dass die Regierung wohl erst Truppen nach Europa schicken werde, „wenn die Schlangen Pfeife rauchen“, um die Skepsis auszudrücken, ob dies jemals passieren wird. Bei uns würde man sagen „wenn die Hölle zufriert“, aber in Brasilien weiß niemand, was Frieren bedeutet.

Endlich, fast zwei Jahre nach Kriegseintritt – und praktischerweise nach der erfolgreichen Landung in der Normandie, als nun wirklich jedem klar war, wer als Sieger vom europäischen Spielfeld gehen würde -, verließen die ersten Truppen am 2. Juli 1944 Brasilien Richtung Italien.

175px-distintivo_da_feb„Die Schlange raucht!“, hieß es nun ungläubig, und das Brasilianische Expeditionskorps wählte dieses Symbol ganz selbstironisch als Abzeichen. Krieg ist immer Chaos, und so fiel erst bei der Ankunft in Italien auf, dass die Brasilianer keine Waffen hatten, dass ihnen keine Kaserne oder andere Unterkunft zugeteilt worden war und, am allerschlimmsten, dass ihnen niemand etwas über Winter, Kälte und Schnee gesagt hatte.

Schnee ist in Brasilien, außer in ganz wenigen Bergregionen, unbekannt. Und diese Truppen vom Strand sollten im Winter 1944/45 in den Apenninen gegen Gebirgstruppen der Wehrmacht kämpfen, die sich an der sogenannten Gotenlinie eingegraben hatten.

feb

Umso erstaunlicher, dass sie dennoch ganz erfolgreich vorankamen, Schlachten gewannen, unter anderem Parma befreiten und allein mehr als 20.000 hauptsächlich deutsche Soldaten gefangen nahmen. Das Foto zeigt den deutschen Generalleutnant Otto Fretter-Pico, wie er sich einem brasilianischen Soldaten gegenüber ergibt.

general_german_brazil

Die deutsche Propaganda war also wirkungslos geblieben, obwohl sie für die Feinde aus Brasilien sogar eine Radiosendung auf Portugiesisch ausstrahlte: „Hora Auri-Verde“. Darin wurde den Südamerikanern wahrscheinlich noch mehr Angst vor noch mehr Schnee, Eis und Frost gemacht, eine Rückkehr nach Rio empfohlen und andernfalls eine empfindliche Niederlage im Fußball angedroht.

Außerdem nutzten die Nazis in ihrer an die italienische Bevölkerung gerichteten Propaganda die Tatsache, dass viele brasilianische Soldaten dunkelhäutig waren. Sie versuchten insbesondere, Furcht vor Vergewaltigung und Mord zu schüren. Und schon sieht man wieder, wo sich die AfD ihre Methoden abschaut.

Die brasilianischen Soldaten hatten in den Wintermonaten im Schützengraben übrigens viel Zeit, darüber nachzudenken, warum man in Europa für die Demokratie kämpft, während zuhause ein Diktator regiert. Auch unter dem Einfluss der zurückkehrenden Soldaten kündigte Getúlio Vargas 1945 Wahlen an, erlaubte die Gründung von Parteien und versprach, selbst nicht mehr zu kandidieren. Sicherheitshalber – Brasilien tut sich schwer mit Demokratie – wurde er dann aber doch weggeputscht, 1950 wiedergewählt und erschoss sich 1954, wohl selbst verwirrt von dem ewigen Hin und Her, selbst.

Eine interessante Dokumentation mit Originalaufnahmen und vielen Originalstimmen könnt Ihr hier sehen (auf Portugiesisch mit englischen Untertiteln). Gönnt Euch doch eine Pfeife dazu!

(Click here to read this article in English.)

Advertisements

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
Dieser Beitrag wurde unter Brasilien, Geschichte, Italien, Militär, Politik, Reisen abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Rauchende Schlange

  1. Pingback: The Smoking Snake | The Happy Hermit

Hier ist Platz für Kommentare, Fragen, Kritik:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s