Mauthausen

To the English version.

Meine Gastgeber in Linz sind äußerst herzliche Gastgeber. Am Morgen des Abschieds kochen, backen, pürieren, flambieren und präparieren sie, wie wenn ich kein bescheidenes Männlein, sondern eine Horde von hundert Hungrigen wäre.

Leider habe ich nicht viel Appetit. Denn heute geht die Reise nach Mauthausen.

Die überaus zuvorkommenden Gastgeber lassen es sich nicht nehmen, die 20 Kilometer zu fahren. Vielleicht trauen sie dem Trampen nicht, obwohl es mich sicher nach Linz gebracht hat. Trotz Coronavirus. Wir fahren vorbei an Hochöfen, Stahlwerken, rauchenden Schloten, funkensprühenden Feuern. Eisenbahnen rauschen von einem Teil des Werks zum anderen. Es wird gehämmert, geschmolzen, produziert und geschwitzt. So muss das Ruhrgebiet früher ausgesehen haben. Oder der Donbass.

Es sind die Hermann-Göring-Werke. Erbaut ab 1938, ein paar Monate nach dem Ende Österreichs als unabhängiger Staat. Erbaut, erweitert und betrieben auch mit Zwangsarbeitern, mit Kriegsgefangenen und mit Häftlingen der nahen Konzentrationslager Gusen und Mauthausen. Die Deutschen und Österreicher konnten damals nicht selbst arbeiten, weil sie mit dem Überfallen anderer Länder beschäftigt waren, um die dortige Bevölkerung zugunsten eines deutschen Wirtschaftswunders zu versklaven. Kapitalismus braucht Wachstum, notfalls mit Gewalt.

Aber man muss der Voestalpine AG, wie das Unternehmen mittlerweile firmiert, zugute halten, dass sie auf dem Werksgelände ein Museum zur Zeitgeschichte unterhält. Tausende andere Unternehmen halten mucksmäuschenstill, obwohl im Deutschen Reich fast jeder Zwangsarbeiter hatte, bis in den Mittelstand und sogar in die Landwirtschaft.

Aus dem Städtchen Mauthausen, und Städtchen ist schon fast zu viel gesagt, führt eine sich durch den Wald und durch Maisfelder schlängelnde Straße. Immer bergauf. Bis zu der Festung, die noch immer bedrohlich und düster wirkt.

Dicke Mauern. Stacheldraht. Wachtürme.

Keine Bäume, stattdessen freies Schussfeld.

Es ist Sommer 2020, weniger Besucher als sonst, wegen des Coronavirus. Die Dame an der Rezeption nimmt sich viel Zeit, alles zu erklären.

Mauthausen war eines der letzten Konzentrationslager, das befreit wurde, am 5. Mai 1945. Dass die ersten Konzentrationslager schon zehn Monate vorher befreit wurde, führte hier nicht zum Innehalten. Dass Hitler sich eine Woche vorher selbst entleibt hatte, führte nicht zum Innehalten. Dass die Wehrmacht schon Anfang Mai an allen Fronten kapitulierte, führte nicht zum Innehalten. Aber danach faselten die Mörder ihr weitgehend unverfolgtes Leben lang vom angeblichen Befehlsnotstand.

Weil in Mauthausen bis fast zum letzten Atemzug gemordet wurde, war das Lager Ziel etlicher Verlegungen und Todesmärsche aus anderen Konzentrationslagern. Die Zahl der Häftlinge schwoll ab 1944 dramatisch an, und in den letzten vier Monaten vor der Befreiung starben genauso viele Menschen wie in den vier Jahren zuvor. Insgesamt mindestens 90.000 Menschen.

Befreit wurde Mauthausen von der US-Armee. Wenn man das Banner sieht, mit dem die spanischen Häftlinge die Befreier begrüßten, dann wird klar, dass der Begriff „Antifa“ keinerlei negative Konnotation verdient. Ganz im Gegentum.

Aber dass Mauthausen zu einer Gedenkstätte wurde, ist der Sowjetunion zu verdanken, klärt mich die Dame von der Gedenkstätte auf. Wie Deutschland war Österreich in vier Besatzungszonen geteilt, und nördlich der Donau war die sowjetische Zone. Die sowjetische Besatzungsmacht retournierte das Gelände nur unter der Auflage, dass eine Gedenkstätte entstehen müsse.

„Wie denken denn eigentlich die Leute in Mauthausen darüber, dass ihr Ort immer mit dem Konzentrationslager assoziiert wird?“ will ich wissen.

Sie wendet sich an einen jungen Mann, der gerade ein Praktikum absolviert: „Du bist von hier, Du kannst wahrscheinlich mehr dazu sagen.“

„Gestern habe ich Flyer für unsere Filmretrospektive verteilt“, berichtet er. „Da gab es schon Interesse. Aber als ich in einer Eisdiele sagte, dass ich von der Gedenkstätte bin, hat sich die Verkäuferin umgedreht und nicht mehr mit mir gesprochen.“

Er erzählt das so, wie wenn es nicht zum ersten Mal passiert ist.

Und: „Wenn wir ins Ausland fahren, sagen wir lieber, wir sind aus Linz.“ Das kennt man aus Dachau, wo sich die Leute lieber als Münchner ausgeben.

Mit einem Übersichtsplan und weiteren hilfreichen Hinweisen ausgestattet, beginne ich die Erkundung des Geländes. Außerhalb der festungsartigen Mauern lag der Fußballplatz. Die SS spielte hier gegen örtliche Fußballvereine. Die Bevölkerung konnte zusehen, wahrscheinlich hat auch jemand Würstchen oder Limonade verkauft. Auch sonst gab es gemeinsame Feste und regelmäßigen Kontakt, bis zu Eheschließungen zwischen SS-Männern und örtlichen Frauen. Die Bevölkerungszahl von Mauthausen wuchs, die Vermieter freuten sich, die Gastwirte freuten sich.

Neben dem Sportplatz waren Baracken für die Häftlinge, die so krank waren, dass sie keine Fluchtgefahr mehr darstellten. Zum Sterben konnte man sie auch außerhalb der Mauern stapeln. Jetzt führt eine Frau ihren Hund auf diesem Feld aus und pflückt Blumen. Für den Mittagstisch.

Wo einst die Baracken der SS standen, ist jetzt ein Denkmalpark. Ein Spiegel der Nachkriegssituation, des Kalten Krieges und der seither eingetretenen Veränderungen. Die ersten Denkmale waren groß, heroisch, männlich. Vieler Opfergruppen wie Frauen, Homosexuellen oder Kindern wurde nicht gedacht.

Erst in den 1970er Jahren wurde ein Denkmal für die jüdischen Opfer errichtet. Roma und Sinti warteten bis 1989.

Und das Gedenken war national. Jeder Staat wollte sein eigenes Denkmal. Deutschland ist gleich zweimal vertreten, nicht als Täter und Opfer, sondern als Ost und West. Hier gedenken Staaten, die gar nicht mehr existieren, UdSSR, DDR, Jugoslawien. Und neue Staaten wie die Ukraine oder Slowenien.

Diese Nationalisierung des Gedenkens ist, was die Skeptiker des geplanten Polen-Denkmals in Berlin befürchten.

Besucher aus aller Welt bringen Plaketten an. Dank an die US-amerikanischen Befreier neben Erinnerung an die sowjetischen Opfer. Letztere bekamen, zumindest wenn sie Generalleutnant waren, den ausführlicheren Nachruf. („… Foltern und Hohn brachen nicht den Mut des feurigen Kämpfers für die Befreiung der Völker vom faschistischen Joch. …“)

Gedenktafeln für Kinder. Gedenktafeln für jüdische Fallschirmspringer*innen aus Palästina, die sich freiwillig meldeten, um hinter feindlichen Linien gegen die Nazis zu kämpfen. Gedenktafeln für Homosexuelle. Für Pfadfinder. Für Roma und Sinti. Für Zeugen Jehovas. Für türkische Opfer. Für chinesische Opfer. Für georgische Opfer. Für Louis Häfliger. Für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer der Wehrmacht. Für Kommunisten und Sozialisten. Für aserbaidschanische Opfer. Für kosovarische Opfer. Für portugiesische Opfer. Für montenegrinische Opfer. Für kubanische Opfer. Und für Leopold Figl, der nach seiner Haft im KZ Mauthausen zum Bundeskanzler der Republik Österreich gewählt wurde.

Hundertneunzigtausend Häftlinge. Hundertneunzigtausend Geschichten.

Die Dame von der Gedenkstätte hatte mir erzählt, dass in pandemiefreien Jahren Angehörige aus aller Welt kommen. Die Historiker holen dann die jeweiligen Akten aus dem Archiv. Und alle Angehörigen bekommen eine persönliche Führung.

„Manchmal“, fährt sie fort, „übergibt uns jemand ein Bündel mit Papieren, das sie nach dem Tod des Vaters oder Großvaters gefunden haben. Alte Ausweise, Schriftstücke, ein Tagebuch oder handschriftliche Memoiren. Unsere Arbeit wird noch lange nicht vorbei sein.“

Wenn man ein ehemaliges Konzentrationslager besucht, erwartet man, dass einen die Gaskammer am meisten schockiert. Oder die Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden. Oder die Fotos von Leichenbergen. Aber hier hat die Gedenkstätte ein anderes Konzept: Im Keller, wo die Krematorien stehen, dürfen Angehörige Plaketten, Erinnerungen und Fotos der Opfer anbringen.

Die Räume sind voller Gesichter, voller Namen, voller Lebensgeschichten.

Hundertneunzigtausend Häftlinge. Hundertneunzigtausend Geschichten.

Eine Geschichte davon will ich erzählen. Die Geschichte von Francisco Boix.

Vielleicht habt Ihr Euch bei dem obigen Bild von der Befreiung schon gewundert, warum das Plakat auf Spanisch verfasst war. Nun, in Mauthausen saßen etwa 7.000 spanische (viele davon katalanische) Häftlinge.

Wie kam das? Spanien wurde doch nie von den Nazis erobert, oder?

Es war eine Folge des spanischen Bürgerkriegs. Nachdem Franco 1939 obsiegt hatte, flohen viele spanische Linke und Republikaner über die Pyrenäen nach Frankreich. Ein Teil von ihnen geriet in deutsche Gefangenschaft, als Deutschland Frankreich überfiel. Andere kämpften mit der französischen Fremdenlegion gegen Deutschland und kamen so in deutsche Gefangenschaft. Das Deutsche Reich wollte sie anfangs nicht ins Konzentrationslager stecken, sondern behandelte sie als Kriegsgefangene. Deutschland bot Franco sogar an, sie nach Spanien zu schicken, das sich schließlich nicht mit Deutschland im Krieg befand. Aber der spanische Diktator antwortete: „Nein danke. Diese Leute haben sich gegen mich verschworen, das sind keine Spanier mehr. Macht mit ihnen, was Ihr wollt.“

Das war ihr Todesurteil.

Francisco Boix war einer dieser Spanier, die zuerst gegen Franco und dann gegen Hitler kämpfte. Er wurde gefasst und kam 1941 nach Mauthausen. Außerdem war er Fotograf.

Das rettete ihm das Leben.

Er musste als Fotolaborant für den SS-Erkennungsdienst im Lager arbeiten. Durch seine Hände gingen Propagandafotos, Fotos aller neuen Gefangenen, Fotos von Todesfällen im Steinbruch, Fotos von Hinrichtungen, Fotos der grausamen Lebensumstände im Lager. Einfach alles.

Von etlichen dieser Fotos fertigte Boix heimlich einen weiteren Abzug an. Andere spanische Häftlinge, die in den Steinbrüchen außerhalb des Lagers arbeiten, schmuggelten die Fotos nach draußen. Auf dem Fußweg durch den Ort Mauthausen fiel ihnen immer wieder eine Frau auf, die menschlicher als die anderen Einwohner zu sein schien, die ihnen zunickte, sie grüßte. Dieser Frau steckten die Häftlinge die Fotos zu. Immer wieder. Jedes Mal unter Lebensgefahr für alle Beteiligten. Diese Frau, Anna Pointner, versteckte die Fotos bis 1945.

Es war fast unglaublich, aber Francisco Boix überlebte die vier Jahre im KZ. Ohne dass er oder seine Helfer je aufflogen. Seine Fotos und seine Zeugenaussagen beim ersten Nürnberger Prozess sowie im Mauthausen-Prozess belegten nicht nur die grausamen Haftbedingungen, sondern auch die persönliche Kenntnis darüber von Albert Speer, der während seines Besuches im KZ Mauthausen fotografiert wurde.

Boix und die anderen spanischen KZ-Häftlinge konnten übrigens nach der Befreiung nicht in ihre Heimat zurückkehren. Denn Spanien machte keine Anstalten, ihnen die einmal entzogene Staatsbürgerschaft wieder zu gewähren. Sie blieben staatenlos.

In der Ausstellung lerne ich so viel, das ich hier gar nicht wiedergeben kann, ohne den Rahmen zu sprengen.

Über Martin Roth, der im KZ Mauthausen für den Betrieb der Gaskammer und des Krematoriums verantwortlich war. Seit 1945 wurde er wegen Mordes gesucht. Aber anscheinend nicht richtig, denn bis 1968 konnte er in Deutschland und Österreich unbehelligt leben. Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Von 1977 bis zu seinem Tod im Jahr 2003 fuhr er jedes Jahr in den Sommerurlaub nach Mauthausen. Er saß dort gerne in einem Wirtshaus mit Blick auf das ehemalige Konzentrationslager.

Über die SS, die ganz im Sinne der Marktwirtschaft eine eigene GmbH zur Ausbeutung der Steinbrüche in Mauthausen gründete. Mit Prospekten, die den Granit aus Mauthausen, Groß-Rosen und Flossenbürg anpriesen. Gartenverunstalter greifen bei letzterem Steinbruch auch heute noch gerne zu.

Über das Lagerbordell, in das Frauen aus dem KZ Ravensbrück gebracht wurden. Der Besuch des Bordells wurde nur wenigen privilegierten Häftlingen gestattet. Juden waren ausgeschlossen. Die den Frauen versprochene Entlassung erfolgte natürlich nie.

Über die Anstrengungen der SS, in den letzten Monaten alle Beweise zu vernichten. Die meisten Dokumente wurden verbrannt. Die Tötungsanlagen wurden demontiert. Gut, dass Francisco Boix die Fotos versteckt hatte. Und gut, dass Jack Taylor, ein US-amerikanischer Geheimagent, seine Haft im KZ Mauthausen überlebte und bei den akribischen Ermittlungen der US-Armee helfen konnte.

Wie so oft bei der Konfrontation mit dem Nationalsozialismus erschrecken vor allem die Bürokratie, die Regelungswut, die Ordentlichkeit der Buchführung, die deutschen Tugenden eben.

Ich muss Luft schnappen, gehe raus, wandere durch das Gras, das jetzt so grün ist, wie es zu Zeiten des Konzentrationslagers nie war. Aber überall, wo ich hintrete, liegen Tote.

Erst am Zaun, einst elektrisch geladen und ebenfalls ein Ort des Todes, endet mein gedankenverlorener Spaziergang.

Nur einmal gelang es Häftlingen, diesen Zaun zu durchbrechen. Im Februar 1945 griffen sowjetische Kriegsgefangene die Wachtürme an und schlossen den elektrischen Zaun mit feuchten Decken kurz. 419 von ihnen konnten das Lager verlassen.

Allerdings nur kurz. Viele brachen vor Erschöpfung zusammen oder starben im Kugelhagel der Maschinengewehre. Auf den Rest veranstaltete die SS eine regelrechte Hetzjagd. Drei Wochen lang wurden alle umliegenden Wälder und Dörfer durchkämmt, um jeden entkommenen Sowjetsoldaten aufzufinden und zu töten. Unter dem zynischen Namen „Mühlviertler Hasenjagd“ beteiligten sich die Polizei, die Feuerwehr, die Wehrmacht, die Hitlerjugend, der Volkssturm sowie die Zivilbevölkerung an der Menschenjagd. Massenmord als Volksfest. Das waren die, die nach 1945 behaupteten, „von nichts gewusst“ zu haben.

Lediglich elf der geflohenen sowjetischen Soldaten überlebten, weil sie von Bauern oder Zwangsarbeitern versteckt wurden. Das waren die, denen die Mehrheit nach 1945 gram war, weil sie gezeigt hatten, dass Widerstand möglich war.

Ich gehe zu Fuß runter zur Donau, durch die Ortschaft. Vier Kilometer sind es zum Bahnhof, die die Häftlinge von dort auf den Hügel mit dem Konzentrationslager laufen mussten. Vorbei an hübschen Villen, spießigen Häuschen, gepflegten Gärten.

Ich rechne. Wer damals 20 Jahre alt war, wäre jetzt 95. Davon wird es nicht mehr viele geben. Die 60- oder 70-Jährigen, die jetzt im Garten sitzen, sind die, die nie gefragt haben. Aus Angst davor, was ans Licht kommt. Auch über die eigenen Eltern.

Es dauert wohl zwei oder drei Generationen, bis sich das historische Interesse den Weg bahnt. Und manchmal noch länger. Auf der Internetseite der Gemeinde Mauthausen ist die KZ-Gedenkstätte nicht unter den örtlichen Sehenswürdigkeiten aufgeführt. Ebensowenig das Denkmal für Anna Pointner. Aber es gibt einen stolzen Hinweis auf das Kriegerdenkmal für die Nazi-Soldaten, die die Opfer für Mauthausen in aller Welt zusammengetrieben haben.

Praktische Tipps:

  • Sowohl vom Bahnhof in Mauthausen als auch vom Bahnhof in Linz fährt ein Bus bis zur Gedenkstätte.
  • Im Winter ist die Gedenkstätte montags geschlossen, ansonsten ist sie jeden Tag geöffnet. Ich empfehle, für den Besuch mindestens 3-4 Stunden einzuplanen.
  • Der Eintritt ist kostenlos. Die App, die einen über das Gelände führt und Hintergrundinformationen bietet, ist ebenfalls kostenlos. Wer, wie ich, kein Smartphone hat, kann sich für 3 € einen Audioguide mieten.

Links:

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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23 Antworten zu Mauthausen

  1. Kain Schreiber schreibt:

    einen solchen Ort (die Gemeinde Mauthausen) möchte man – bei soviel Leugnung nicht besuchen…

    • Andreas Moser schreibt:

      Der freundliche Herr, der mich per Anhalter mitgenommen hat, hat auch gleich von den Römern und Markomannen angefangen, als ich gesagt habe, dass ich Geschichte studiere. Obwohl er sich sicher denken konnte, warum und wofür ich in Mauthausen war.

      Dass sich Einzelne nicht ständig für etwas rechtfertigen wollen, wofür sie nichts können, kann ich nachvollziehen.
      Aber wie die Gemeinde, zumindest ihrer Website nach, damit umgeht, das ist schwach.

      Ich glaube, wenn ich an so einem Ort leben würde, würde ich mich intensivst damit beschäftigen wollen – oder wegziehen. Bei mir in der Nähe ist Flossenbürg, und ich frage mich da immer, was das für Leute sind, die ihre Wohnhäuser direkt an den Hang bauen, von wo sie in das ehemalige KZ blicken können. Aber gut, dort wird ja auch immer noch Granit aus dem ehemaligen KZ-Steinbruch abgebaut.

      Wenn die Alliierten nicht zumindest ein paar Jahre hier geblieben wären, hätten die Deutsche diese Orte wahrscheinlich alle plattgemacht. In anderen Ländern ist es ja auch so passiert, zB in Babi Jar in der Ukraine: https://andreas-moser.blog/2020/04/20/babi-jar/

    • Kain Schreiber schreibt:

      bei mir hier gleich um die Ecke ist ein Denkmal für die Opfer und Zwangsarbeiter einer ortsansässigen Firma. es gab wohl eine Aussenstelle von Buchenwald. irgendwie habe ich da auch das Gefühl: die Menschen ignorieren es so gut sie eben können.
      sehr traurig!

    • Andreas Moser schreibt:

      So gut wie möglich ignorieren, ich glaube, das trifft die Einstellung der meisten ganz gut.

      Wobei ich gar nicht sagen will, dass das immer aus Boshaftigkeit oder Desinteresse geschieht. Viele wissen tatsächlich zu wenig und empfinden den Komplex Nationalsozialismus als zu wuchtig und schrecklich und kompliziert, und wissen nicht richtig, wo sie damit anfangen können. Ich habe das schon manchmal erlebt, wenn ich (eigentlich gebildete) Freundinnen in ein Museum oder zu einer Gedenkstätte geschleppt habe. Manche wissen einfach von Geschichte so wenig wie ich von Physik.

      Und dann erlebe ich auch immer wieder, dass Menschen glauben, die Konfrontation mit dem Nationalsozialismus sei gleichbedeutend mit einem persönlichen Schuldvorwurf an sie als Deutsche. (Oder Nichtdeutsche glauben aus einem ähnlichen Gedankengang, dass sie der Holocaust gar nichts anginge.)
      Wenn man dem Eindruck entgegen wirkt, öffnen sie sich manchmal.

      Und dann gibt es natürlich noch die Leute von der Schlussstrich-Fraktion, da kann man nichts machen. Die Diskussion mit denen führt zu nichts: https://andreas-moser.blog/2020/05/08/schlussstrich/

      Als ich angekündigt habe, das Schicksal des sowjetischen Zwangsarbeiters in meiner Familie zu erforschen – https://andreas-moser.blog/2019/11/28/zwangsarbeiter/ – (was derzeit pausiert, weil die Archive geschlossen sind), habe ich in meiner Familie auch nur demonstratives Schweigen und Desinteresse geerntet.

    • Kain Schreiber schreibt:

      hallo andreas!
      der aspekt des schuldvorwurfs trifft es wohl sehr gut. betroffenheit, die man nicht in worte kleiden kann oder will, ist wohl auch dabei.
      ich selbst bereue sehr, dass ich meine mutter als sie noch lebte, nicht ausführlicher befragt habe…
      deine links schaue ich mir morgen mit mehr zeit an. danke dafür!

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, das Denkmal für die Soldaten (auch) der Wehrmacht wurde übrigens 2020 restauriert und „erstrahlt jetzt im neuen Glanz“:
      https://www.meinbezirk.at/perg/c-regionauten-community/andenken-an-die-in-den-weltkriegen-gefallenen-soldaten-wurde-restauriert_a4349321#gallery=null

  2. Anke schreibt:

    Danke für den außergewöhnlich interessanten Bericht! Vieles ist einfach unfassbar, und darf gerade deshalb nicht in Vergessenheit geraten. Der Ansatz dieser Gedenkstätte, die persönlichen Geschichten in den Vordergrund zu stellen, gefällt mir sehr. Es müssten all diejenigen dort eine Pflichtführung bekommen, die es wagen zu behaupten, alles sei eine Lüge.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich fand das auch eine sehr gute Idee. Und es werden ständig neue Tafeln und Plaketten angebracht, was allein schon als Argument gegen jeden Ruf nach einem „Schlussstrich“ reicht.

      Die Austellungen waren auch gut, der Audioguide hatte noch zusätzliche Informationen.
      Und ich weiß nicht, wieviele Besucher da sind, wenn kein Corona ist, aber ich fand es angenehm, auch mal allein über den Hof oder über die Wiese laufen und nachdenken zu können. Ganz anders als in Auschwitz, wo man durchgeschleust wird und ständig schon die nächste Gruppe nachdrängt.

    • Andreas Moser schreibt:

      Aber wenn in Mauthausen zu viel los ist, fällt mir noch ein, könnte man nach Gusen – https://www.mauthausen-memorial.org/de/Gusen/Das-Konzentrationslager – oder in eine andere Gedenkstätte in der Region ausweichen.

      Ich bin eh mehr ein Freund des dezentralen Gedenkens, anstatt dass alle nach Auschwitz oder Berlin reisen, nur um etwas auf einer to-do-Liste abzuhaken. Deshalb finde ich auch die Stolpersteine ganz gut.

  3. Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

    Informativ und gut geschrieben,habe selbst drei deportierte Familienmitglieder zur Zwangsarbeit 1945 in die Sovjetunion und Berichte darueber erst in letzter Zeit gefunden.“Eine Aufarbeitung der Vergangenheit dieser deutschen Volksgruppe in Rumaenien wurde den Historikern ueberlassen.In der Landsmannschaft der Bundesrepublik wurde diese braune Vergangenheit konsquenterweise anfaenglich tabuisiert und spaeter kleingeredet“.In:“Vor 70 Jahren fand die Deportation der Rumaeniendeutschen in die Sovjetunion statt“.ADZ-Online

  4. Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

    Hollo,ueber die Donbass- Deportation gibt es Dokumentar-Konfessionen in Form von Buechern ,deren Titel ich noch erkundigen muss,da ich sie nicht mehr habe .die ersten davon erschienen kurz nach der Wende und muessten im Archiv der Siebenbuergischen Zeitung ,die glaube ich ,in Muenchen ihren Sitz hat ,sein.(es sind sehr ausfuehrlich mit konkreten Daten geschriebene buecher,keine BelletristikPS,keine Traumata,ich musstebloss schmunzeln,da ich wieder im Zentrum des Geschehens war,wie du mal sagtest…aber andereseits wurde meine Mutter und ihre 2Schwestern ,eine davon 17-jaehrig,von heut auf morgen auf den Bahnhof „getrieben“.Mathilde, die aelteste von ihnen, starb an Typhus.DAS war ein trauriges Schicksal,Leider vergessen oder wissen heute wenig und Wenige davon,deshalb sind deine Berichte darueber wertvoll.gruesse

  5. Pingback: Mauthausen | The Happy Hermit

  6. Siewurdengelesen schreibt:

    Das Vergessenmachen nach dem zweiten Weltkrieg hat auch in Flossenbürg stattgefunden. Dort wurde relativ schnell Eigenheime auf Teilen des KZ-Geländes gebaut. Auch das war eine Konsequenz des Ignorierens und Ausblendens.

    Andernorts schrubte ich bereits, dass statt der zahllosen Kriegerdenkmäler besser Friedensdenkmäler stünden. Meist dienen diese doch mehr dem Aufpolieren und verzerrten Gedenken an die soldatischen Leistungen der Weltkriege, statt die Kriegsgräuel mit einem „Nie wieder!“ zu verbinden.

    • Andreas Moser schreibt:

      Als ich das erste Mal in Flossenbürg war, hat mich das tatsächlich am meisten schockiert.

      Das Soldatengedenken finde ich auch äußerst bedenklich.
      Sowohl das Helden-, Vaterlands- und Kameradschaft-Bla-Bla wie nach dem Ersten Weltkrieg.
      Als auch das einfachere Gedenken nach dem zweiten Weltkrieg. „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ oder so hört sich erst einmal in Ordnung an, aber da spricht eben auch er Wunsch der Deutschen/Österreicher hervor, ebenfalls Opfer zu sein. Wehrmachtssoldaten waren aber halt auch zu großen Teilen Täter.

    • Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

      total Ihrer Meinung,ignoriert und ausgeblenet wurde aber nicht ueberall;in Braila ,an der Donau ,wurden vor der Wende,1980ungefaehr, Friedhoefe der Wehrmachtsoldaten registriert und gepflegt; wusste nicht genau ,wie man darauf reaktionieren soll,als es mir verbal von Herrn Endl ,der sich darum kuemmerte,mitgeteilt wurde;ziemlich perplex,denn ueber manche Konzentrazionslager (Babi Yar ,zb)hoerte man nie oder so gut wie gar nichts…..(Nicht im Kontext :bei dem sehr guten Deutsch,das sie beherrschen… es ist nie schrub oder schrob ,sondern immer nur schrieb…

  7. Siewurdengelesen schreibt:

    Hallo Frau Cretoiu

    „es ist nie schrub oder schrob ,sondern immer nur schrieb…“

    Bitte verzeihen Sie, falls das falsch ankam. Manchmal laust mich einfach der Affe und mir schien, speziell die Kriegerdenkmäler verdienen ein Prise Ironie, wenn sie aus der Sicht Ewiggestriger überhöht werden;-)

    • Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

      alles klar!bitte auch um Entschuldigung,habe mehrmals ueberlegt,ob ich’sschreiben soll,leider auch so eine Deformation meines Berufs… dachte mir schon ,dass dort etwas mit dem Wort nicht stimmt…dass es ein lausiger Affe SEIN koennte fiel mir gar nicht ein!!Toll!

  8. benwaylab.com schreibt:

    Sehr interessant. Vor sehr langer Zeit habe ich als Kind mit meinen Eltern, als wir bei dem österreichischen Familienzweig zu Besuch waren, das KL Mauthausen besichtigt. Jetzt, wo ich Deine Fotos sehe, fällt mir auf, dass ich das Eingangstor mit den großen quaderförmigen Sandsteinen noch sehr gut in Erinnerung habe.

    • Andreas Moser schreibt:

      Familienbesuche in KZ-Gedenkstätten und das schon vor sehr langer Zeit, also als die Tätergeneration noch lebte, das hört sich nach einer aufgeschlossenen Familie an!

      Als ich in der Schule den Nationalsozialismus durchnahm und zuhause mein historisches Interesse anklingen ließ, sagten meine Eltern noch: „Sag nichts davon, wenn Opa da ist.“

    • benwaylab.com schreibt:

      Meine Eltern waren ja mehr oder weniger linke 68er. Für die war das normal und selbstverständlich. Es wurden auch sehr hitzige Diskussionen innerhalb der Familie geführt. Aber das ist eine eigene Geschichte, die hier in den Kommentaren nicht den angemessenen Platz hat.

  9. Pingback: Per Anhalter gegen die Skeptiker | Der reisende Reporter

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