„Als Spion am Nil“ von Gerald Drissner

Ägypten kommt nicht gut weg in diesem Buch. Es ist dreckig, patriarchalisch, übertrieben religiös, korrupt, unsozial. Die meisten Ägypter sind antisemitisch und schieben die Probleme ihres Landes auf internationale Verschwörungen. Nein, eine Empfehlung für Ägypten ist „Als Spion am Nil“ des österreichischen Journalisten Gerald Drissner beileibe nicht.

als Spion am NilTrotzdem sollte dieses Buch ins Reisegepäck, wenn Sie die Pyramiden besuchen, eine Kreuzfahrt am Nil unternehmen oder am Roten Meer tauchen, denn Sie werden als Tourist die meisten dieser Seiten nicht kennenlernen. Sie werden die Orte, die Drissner in ganz Ägypten bereist hat, nicht besuchen können, und mangels Arabischkenntnissen die Gespräche, die nicht für Sie bestimmt sind, nicht mitbekommen. Deshalb benötigen Sie ein Buch wie dieses, um Ihr Bild von Ägypten abzurunden.

Drissner lebte fünf Jahre in Ägypten und studierte in der Zeit Arabisch. Mit dem Bus fährt er ins Nildelta, in die Wüste, an die Küsten, an bekannte Orte wie Assuan oder Nuweiba, an unbekannte Orte wie Abu Mena oder Ismaila. Er trifft Muslimbrüder, Sozialisten, koptische Mönche, Geschäftsleute, Intellektuelle, Bauern und eine Menge neugieriger Geheimpolizisten. Der Titel des Buches „Als Spion am Nil“ spielt darauf an, dass er immer wieder mißtrauisch beäugt wird. Verhaftet wird er aber kein einziges Mal, was für fünf Jahre in Ägypten, noch dazu während des Arabischen Frühlings, schon eine gute Leistung ist. Die Ankündigung im Klappentext, dass er „fast in einem Militärgefängnis landet“ ist deshalb zu reisserisch – insbesondere aus den Augen von jemandem, der selbst schon während einer (gescheiterten) Revolution im Mittleren Osten im Gefängnis gelandet ist.

Drissner verwendet die Beschreibung seiner Reisen und Gespräche, um geschickt etwas über die ägyptische Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und über die erdrückende Bedeutung der Religion einzuflechten. So bleibt das Buch nicht im Anekdotischen stecken, sondern bietet Orientierung im Chaos.

Eine lobende Erwähnung verdient, dass Drissner sich nicht davor scheut, mehrfach auf die Widerlichkeit hinzuweisen, die besonders österreichischen und deutschen Besuchern droht: die offene Bewunderung für den Nationalsozialismus. Immer wieder – und das deckt sich mit meinen Erfahrungen aus anderen arabischen Ländern – wird Hitler als guter Mann gepriesen, der Holocaust ausnahmsweise mal nicht verleugnet sondern gelobt, Rommel gilt als Vorbild, nach dem Hotels und Restaurants benannt werden, und ägyptische Kinder werden mit Vornamen wie „Hitler“ oder „Rommel“ bedacht. Diese Bewunderung für die Nazis geht natürlich Hand in Hand mit dem Hass auf Israel, den Drissner ebenso offen anspricht. Man bekommt den Eindruck, dass es Ägypten besser ginge, wenn nur ein Teil der Energie, die auf Israel- und Judenhass verwendet wird, auf die Verbesserung der eigenen Gesellschaft verwendet würde. Stattdessen bleibt das Land gelähmt von der Obsession, immerzu Fremde für das eigene Los verantwortlich zu machen.

Für ein 2013 und damit noch mitten in den politischen Wirren erschienenes Buch ist es passend, dass der Autor einen prognostischen Ausblick verweigert. Für Hoffnung bieten diese Berichte aus Ägypten jedoch keinen Anlass.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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