Nächste Reise: Andalusien

Ihr habt den Sommer über schon gemerkt, dass auf diesem Blog ziemliche Flaute war. Das lag daran, dass ich im Juli und August in Wien, der bekannterweise und, wie ich jetzt bestätigen kann, lebenswertesten Stadt der Welt wohnte. Mit einem Rucksack voller Bücher, Notizen und guten Vorsätzen reiste ich an, nur um sogleich in den Bann der bezaubernden Stadt an der Donau gezogen zu werden. Bei schönem Wetter, weitläufigen Parks, der Menge an kulturellen Veranstaltungen und nicht zuletzt vielen interessanten Menschen, hielt es mich kaum am Schreibtisch. „Wer weiß, ob ich jemals wieder so viel Zeit in Wien verbringe“, dachte ich mir und ließ Arbeiten, Studieren und Schreiben zugunsten des täglichen und meist ziellosen Flanierens sausen.

Noch selten war ich so glücklich wie diesen Sommer in Wien. Wie sagte ein Fräulein, als wir nachts im Schein des Vollmonds durch das Labyrinth der Hofburg liefen: „In Wien verliebt man sich.“ Ob sie damit nur die Stadt oder auch mich meinte, wollte ich eigentlich noch nachfragen, aber irgendwie kamen wir dann doch wieder schnell auf Verfassungsrecht und die österreichische Neutralität zu sprechen. Tja, Chance vertan.

Jedenfalls zieht es mich nach einer Stadt, die so reich an Reizen und wahrscheinlich sowieso nicht zu toppen ist, zur Abwechslung in eines kleines Bergdorf. Dieses Dorf liegt in Andalusien, heißt Venta Micena und hatte beim letzten Zensus 42 Einwohner. Wobei mich einiges daran zweifeln lässt, ob die alle noch leben, denn wenn ich im Internet nach Fotos von Venta Micena suche, finde ich nur drei.

Das ist das Dorf,

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das ist die Landschaft,

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und das ist das Schicksal der Bewohner.

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Nachdem ich in Wien vor Besucherwünschen fast erdrückt wurde, bin ich mir sicher, dass in Andalusien niemand vorbeikommen will. Und wenn, dann werde ich schon Stunden vorher die von Eurem Pferd aufgewirbelten Staubwolken am anderen Ende des Tals erblicken, und mir bleibt noch genug Zeit, um auf die Jagd nach einem Steak zu gehen.

Die Leser, die sich schöne Fotos aus Andalusien oder gar eine Postkarte wünschen, müssen sich aber auch nicht grämen. Da Venta Micena keinen Flughafen hat, bin ich vor und nach der Abgeschiedenheit auch ein paar Tage in Málaga und in Granada.

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Übermorgen geht es los. Hoffen wir mal, dass dieser Herbst in Andalusien meinen Sommer verlängern wird.

(Click here for the English version of this announcement.)

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Die beste Zeit zum Wandern

… ist der Herbst, stellte ich letztes Wochenende fest, während ich mich auf dem Weg von Amberg nach Nürnberg in einem Schlaraffenland wähnte und, ohne den Weg verlassen zu müssen, Äpfel, Birnen und Pflaumen pflückte.

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Selbstmord ist nicht unbedingt etwas Schlechtes

Heute, am 10. September, ist der „Welttag der Suizidprävention“.  Naja, wenigstens mal ein Tag, von dem man sicher sein kann, dass er nicht von der Glückwunschkartenindustrie ersonnen wurde. Dennoch bleibt die Frage, die ich mir stellte, als ich das erste Mal von diesem Tag hörte: Suizidpräventionstag? Warum? Oder, vielleicht passender zum Thema, warum zum Henker? Warum sollte man Selbstmorde verhindern?

Ich werde nicht fordern, dass es einen „Welttag des Suizids“ gibt oder dass der Freitod aktiv gefördert und dazu ermutigt werden soll. Aber ich glaube, dass der Suizid und die Menschen, die sich zu diesem Schritt (von der Hochhauskante) entschließen, nicht mehr mit dem Stigma des Versagens und der Verzweiflung bedacht werden sollten.

Die Reaktion, die mich am meisten aufbringt, wenn Leute vom Selbstmord eines Menschen erfahren haben, ist die vorwurfsvolle und oft selbstbemitleidende Frage „Wie konnte er uns das nur antun?“ Erstens, das Herz eines jeden Menschen ist voller Geheimnisse, so dass man sich jedes Urteils enthalten sollte, solange die betroffene Person ihre Motive nicht offenbart. Zweitens, niemand hat eine Pflicht, am Leben zu bleiben. Da uns niemand gefragt hat, ob wir geboren werden wollen, haben wir nicht einmal eine Verpflichtung gegenüber unseren Eltern, geschweige denn gegenüber Freunden, Kollegen oder der Gesellschaft.

Die einzigen Menschen, die mit etwas Fug und Recht behaupten können, dass jemand, der darüber nachdenkt, sein Leben zu beenden, ihnen gegenüber eine Verpflichtung hat, sind dessen Kinder. Denn schließlich war man für deren Geburt ursächlich und meist auch verantwortlich. Ich würde auch argumentieren, dass solch eine Pflicht nicht einmal gegenüber dem Partner besteht. Denn schließlich kann jede Partnerschaft dadurch beendet werden, dass man den anderen verlässt. Und was ist ein Selbstmord anderes als ein unzweideutiges Adieu?

Ein Suizid wird viel zu schnell mit Versagen assoziiert und als Akt des Aufgebens interpretiert. Dabei kann man sich viele Beweggründe vorstellen: Das Gefühl, ein erfülltes Leben gehabt zu haben, dessen Erlebnisse nicht mehr zu steigern sind. Neugier auf den Vorgang an sich und auf ein mögliches Leben nach dem Tod (aus diesem Grund sollten religiöse Menschen eigentlich ganz scharf auf Selbstmord sein). Übertriebene Abenteuerlust. Oder um ein Fanal zu setzen.

Wie will man Selbstmord mit Versagen assoziieren, ohne erklären zu können, was den Sinn des Lebens ausmacht? Solange es keine überzeugende, allgemeingültige Theorie über den Sinn des Lebens gibt, ist das Verlassen dieses Lebens keine schlechtere Wahl als das Verbleiben.

Ein Suizid sieht weniger negativ oder furchteinflößend aus, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass wir alle sterben werden. Ohne Ausnahme. Manche von uns werden im Schlaf sterben, wovon ich nicht sicher bin, ob es so friedlich ist, wie es gewöhnlich dargestellt wird. Andere unter uns werden eine schreckliche Krankheit erleiden. Oder sie werden von einem Lastwagen überfahren und verbluten. Andere werden ertrinken. Oder auf eine Landmine treten, in einem Feuer verglühen oder verhungern.

Entschuldigung für die Dramatik, aber vielleicht erkennt man angesichts dieser Aufzählung, dass es ein ziemlich vernünftiger Wunsch sein kann, Zeit, Ort und Art seines Todes selbst zu wählen.

Wenn das gesellschaftliche Stigma des Suizids beseitigt oder zumindest reduziert würde, könnten die Interessenten es möglicherweise auf eine friedlichere und kontrolliertere Weise durchführen. Meine Hoffnung ist, dass dann weniger Menschen vor Züge springen oder ihre Küche in die Luft sprengen.

Das führt uns zum rechtlichen Status des Suizids. Die ganze Angelegenheit wäre sauberer und weniger disruptiv (vor allem für den Bahnverkehr), wenn es legal wäre, Menschen bei der Umsetzung ihres Wunsches, das eigene Leben nach eigenem Ermessen zu beenden, zu unterstützen. Insbesondere finde ich es unfair und unethisch, dass kranken Menschen in vielen Staaten jegliche derartige Unterstützung versagt bleibt, während jeder gesunde Mensch eine Waffe (in den USA) oder ein Motorrad (im Rest der Welt) als Tatwerkzeug kaufen kann. Alte, gebrechliche und kranke Mencschen werden dadurch gegenüber jungen und gesunden Menschen erheblich benachteiligt.

Selbstmord ist eine Entscheidung, von der man sicher sein kann, dass man sie nachher nicht bereuen wird. Und es gibt nicht viele Dinge im Leben, von denen man das behaupten kann.

Wenn ich von jemandes Suizid höre, ist meine erste Reaktion die der Bewunderung. Ich bewundere den Mut (denn so logisch es auch sein mag, leicht ist es nicht) und die Entschlossenheit, die ultimative Entscheidung im Leben selbst vorzunehmen. Wir diskutieren über alle möglichen persönliche Freiheiten; warum sollten wir diese ultimative Freiheit ausschließen, deren Ausübung die Rechte keines anderen Menschen verletzt?

Suicide, 1881 (oil on canvas)

(Diesen Artikel hatte ich schon 2010 auf meinem englischsprachigen Blog veröffentlicht, wo er viele Diskussionen ausgelöst hat und noch immer auslöst. Die Lektüre der mehr als 270 Kommentare dürfte von Interesse sein. Dabei sind ‚pro‘ und ‚contra‘ etwa gleich vertreten. Besonders aufwühlend sind die Kommentare von Lesern, die ihren eigenen Freitod ankündigen. – Dieser Artikel erschien auch im Freitag.)

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„Trauermarsch“

Ein Trauermarsch war eigentlich ein Musikstück, von dem jeder Komponist eines im Repertoire hatte, weil man mit den Symphonien zwar berühmt, aber nicht reich wurde. Das galt vor allem für die Zeit vor Erfindung des Urheberrechts. Deshalb mussten die Musikgenies auch Songs schreiben, die sich für Geburtstage, Hochzeiten und Beerdigungen eigneten.

Gerade in Deutschland denken viele beim Wort „Marsch“ aber nicht an Musik oder an das Land hinter dem Deich, sondern an Gleichschritt, Fahnen und Fackeln.

In letzter Zeit hat sich das Wort als missbräuchliche Bezeichnung eingeschlichen, die leider von großen Teilen der Medien übernommen wird.

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Wenn ich mir die Teilnehmer, ihr Auftreten und ihre Parolen so ansehe und anhöre, muss ich feststellen: Um Trauer, gar Anteilnahme, geht es bei diesen Aufmärschen und Demonstrationen keineswegs. Eher um Hass.

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Chemnitz Hitlergruss

Andererseits erklärt das, wieso es TrauermARSCH heißt.

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Gestern in Köthen waren die „Bürger, deren Sorgen und Nöte man ernst nehmen muss“ oder mit denen Innenminister Seehofer am liebsten zusammen auf die Straße ginge, so traurig, dass sie „Nationalsozialismus jetzt, jetzt, jetzt!“ und ähnliche Parolen grölten.

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Ländliche Idylle

Vergangenes Wochenende war ich ein bisschen Wandern, entlang des Anton-Leidinger-Wegs von Amberg nach Nürnberg.

Die Strecke ist ganz schön, auch wenn etwa 50 km für einen Tag fast zu viel waren.

Aber die Sonne schien gerade richtig. Regen drohte keiner. An den Bäumen hing Obst in Hülle und Fülle. Die Wanderung führte durch pilzreiche Kiefern- und schattige Buchenwälder, über ertragreiche und notfalls subventionierte Felder, über kleinere und größere Hügel (wie den nur mit Mühe zu erklimmenden Moritzberg), durch Dörfer mit blumigen Gärten, Häusern mit viel Holz, fröhlich grüßenden Menschen und mit einer Reichskriegsflagge (fotografiert in Poppberg in der Gemeinde Birgland, Landkreis Amberg-Sulzbach).

Reichskriegsflagge

Tja, hier wohnen anscheinend die Reichsbürger, denen ich schon einmal einen Artikel und einen Podcast-Auftritt gewidmet habe.

Dieses Fähnchen fällt nicht unter das Verbot von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§ 86a StGB), aber wenn jemand die Kriegsflagge des Deutschen Kaiserreichs hisst, wird man es in den seltensten Fällen mit Verfassungspatrioten zu tun haben. Eher schon mit Rechtsextremen und Neonazis, denn auch die frühen Nazis verwendeten die Reichskriegsflagge gerne als Symbol (Foto von 1923).

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Wenn die Reichsbürger aus dem Birgland auf Pilgerreise gehen, können sie übrigens ebenfalls dem Weg bis auf den Moritzberg folgen. Der Name des dortigen Turms wird ihnen zusagen.

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Wie man gegen Aufmärsche von Neonazis vorgehen könnte

… wenn man nur wollte:

Die „Spezialeinheit“ der luxemburgischen Polizei benötigt dafür nicht einmal Wasserwerfer, Panzer, Tränengas, Pfefferspray, Gummigeschosse, ja nicht einmal Helme oder Skimasken.

Vielleicht macht es einen Unterschied, ob Neonazis in einem Land demonstrieren, das 1940 von der Wehrmacht besetzt wurde, oder in einem deutschen Bundesland, in dem sich viele mit den Ideen der Rechtsextremen identifizieren.

Vielleicht liegt es aber auch an der Motivation der Staatsorgane:

Der Einsatzleiter in Luxemburg windet sich, als er um eine Erklärung gebeten wird für das Versagen seiner deutschen Kollegen in Magdeburg, Rostock, Hoyerswerda oder bei den Rudolf-Heß-Märschen in Rudolstadt und Fulda. „Es liegt wohl kaum daran, daß die Deutschen weniger Beamte haben“, bringt er schließlich heraus: „Vielleicht hat es ja etwas mit der Motivation zu tun.“

(Quelle)

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Mal wieder ein Drohanruf

Ich weiß schon, warum ich keine Stadtfeste mag. Wenn man Pech hat, wird man dort nämlich schwuppdiwupp erstochen. So passiert in Chemnitz.

Weil Chemnitz in Sachsen ist, reagieren die Menschen aber nicht mit normaler Trauer, Blumen und Kerzen, sondern mit Randalen und Gewalt. Am liebsten und fast schon traditionsgemäß gegen „Ausländer“ bzw. Menschen, die der Mob dafür hält. Das zweite Video ist auch deshalb verstörend, weil ein Prügelwilliger nicht mitprügeln darf, weil ihn seine Freundin ständig mit dem Befehl „nein, Hase, Du bleibst hier“ zurückhält. Andererseits findet die Freundin des Neonazi-Hasen die Hetzjagd auf Dunkelhäutige dann doch wieder so toll, dass sie das Video ins Internet stellt.

Und woran denkt man, wenn man solche Bilder sieht? Genau. Wer alt genug ist, denkt natürlich an die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen. Ich wollte nachsehen, wann diese genau waren, und siehe da, was für ein Zufall: Sie jährten sich genau am vergangenen Wochenende.

Das veranlasste mich zu einem gleichermaßen ernsten und auf zynische Art doch irgendwie lustigen Tweet. Wie es eben so meine unverkennbare Art ist:

Das kann man geschmacklos finden, das kann man provokant finden, das kann man unangebracht finden. Man kann es aber auch als Denkanstoss ansehen. Oder man kann es ignorieren.

Ein Mann war jedoch so aufgebracht, dass er sich die Mühe machte, meine Telefonnummer herauszufinden und mich wenige Minuten nach Veröffentlichung des Tweets um kurz vor 22 Uhr anrief.

Ich: Andreas Moser, guten Abend.

Er: Haben Sie gerade über Chemnitz und Rostock-Lichtenhagen getwittert?

Ich: Ja.

Er: Sie sind AndreasMoser007 auf Twitter?

Ich: Genau, der bin ich.

Er: Wir sind vom deutschen Verfassungsschutz, und wir fordern Sie auf, diesen Tweet umgehend zu löschen.

Ich [kann ein Lachen nicht unterdrücken]: Wieso das denn?

Er: Sie müssen diesen Tweet löschen, sofort.

Ich [verdutzt]: Ja, aber warum denn?

Er: Sie wissen gar nicht, was hier los ist. Wir haben alle Hände voll zu tun. [Ruft ins Abseits:] Ja, ich komme gleich. [Wieder zu mir:] Löschen Sie den Tweet sofort, OK?

Ich: Ich wüsste eigentlich nicht, wieso.

Er: Ich habe jetzt keine Zeit, das zu erklären. Hier ist gerade so viel am Laufen. [Wieder ins Abseits:] Ja, ich komme schon! [Zu mir:] Ich habe jetzt keine Zeit mehr.

Und dann legte er auf.

Macht Euch keine Sorgen: Das mit dem Verfassungsschutz habe ich natürlich keine Sekunde geglaubt. Und nicht nur, weil er mit einer schweizerischen Mobiltelefonnummer (+41-791-924-438) anrief.

Aber jemanden am Sonntagabend um 22 Uhr anzurufen und ziemlich fordernd das Löschen eines Tweets zu verlangen, ist schon frech. Wenn jemand sich diese Mühe macht und damit wohl auch zeigen will, dass er wisse, wer ich bin und wie ich zu erreichen bin, dann liegt darin schon eine gewisse Bedrohung.

Also tat ich das, was ich bei Drohanrufen immer mache. Ich veröffentliche sie sofort, damit man für den Fall, dass ich erschossen werde, wenigstens einen Hinweis hat.

Wie Ihr seht, setzte ich diesen Tweet um 22:03 Uhr, also nur 10 Minuten nach dem ursprünglichen ab. So schnell reagierten der „Verfassungsschutz“ und ich.

Diesmal klingelte das Telefon sofort. Wirklich innerhalb von Sekunden. Und nun war der V-Mann in Panikstimmung.

Sagen Sie mal, sind Sie wahnsinnig? Löschen Sie sofort den letzen Tweet! Sind Sie denn verrückt, meine Nummer zu veröffentlichen? Sie müssen das sofort löschen! Das ist eine Geschäftsnummer. Sie sind ja vollkommen übergeschnappt! Was denken Sie denn, was Sie da machen? Löschen Sie das sofort!

Ich kam kaum zu einer Antwort, und es blieb eine sehr einseitige Konversation, allerdings mit steigender Lautstärke und Aggressivität als der Anrufer merkte, dass er mich bis dahin noch nicht so beeindruckt hatte.

Sind Sie lebensmüde? Sie löschen jetzt unverzüglich den Tweet oder ich werde Sie suchen. Ich werde Sie suchen bis an Ihr Lebensende, und wenn ich Sie finde, werden Sie um Ihr Leben betteln. Sie sind ab jetzt nicht mehr sicher, hören Sie? Nirgendwo. Ich werde Sie finden! Löschen Sie den Tweet!

Hier musste ich dann doch einwerfen, dass es wirklich nicht schwer sei, mich zu finden, weil ich mich ja nicht einmal verstecke. Aber der Typ war so in Rage, dass er nicht zu amüsieren war. Wie ein typischer Reichs- oder Wutbürger schrie er immer wieder die gleichen Sätze in einem fordernen Befehlston. Ach, wenn er nur geahnt hätte, dass er mit einer Entschuldigung oder mit Humor viel mehr erreichen hätte können.

Nur einen weiteren Versuch hatte er noch auf Lager:

Wir wollten Ihnen Insider-Informationen zuspielen, ein ganz großer Coup. Aber Sie sind so blöd, gleich alles zu veröffentlichen, nur für ein paar Likes auf Twitter.

Tja, deshalb habe ich keinen Pulitzer-Preis im Regal stehen. Als ich fragte, worum es denn ginge, begann die Tirade von Neuem, aber mittlerweile hatten wir (einseitig) vom „Sie“ zum „Du“ gewechselt, wie wenn eine Flasche Bier anstatt einer Todesdrohung zwischen uns auf dem Tisch stünde.

Vergiss es. Jetzt ist alles zu spät. Jetzt kann ich nicht ruhen, bis ich dich finde, und dann wirst du alles bereuen. Du bist nicht mehr sicher, nirgendwo. Lösch den verdammten Tweet, das ist deine letzte Chance. Du weisst ja gar nicht, was du angerichtet hast, du Dummkopf. Du musst alles löschen!

Und so weiter, und so weiter, bis er auflegte.

Auch das publizierte ich sofort. Sicher ist sicher. Denn nun war es unmissverständlich eine Drohung gewesen, übrigens eine Straftat, genauso wie die versuchte Nötigung.

Ein dritter Anruf kam bisher nicht.

Wahrscheinlich war der Wutbürger beschäftigt damit, mich zu finden. Da ich zur Zeit in Österreich wohne, wird er sich allerdings schwertun, denn hier wimmelt es nur so von Andreas Mosers. Aber an alle Menschen, mit denen ich in den letzten Jahren Kontakt hatte, ergeht sicherheitshalber die Bitte: Vorsicht bei unangemeldeten Besuchen. Nie mehr ohne Waffe aus dem Haus gehen. Am besten umziehen. Ich selbst werde mich wohl in eine Hütte in den Bergen verziehen.

Ein Kollege aus der Schweiz kam übrigens auf die geniale Idee, die Telefonnummer auf WhatsApp zu suchen. Dort hat der Anrufer ein Profilfoto. Ich überlege derzeit noch, ob ich das ebenfalls veröffentlichen soll. Vielleicht erkennt ihn jemand. Aber den Kameraden in Chemnitz kann ich schon mal sagen: Falls jemand von Euren Kumpels ein WhatsApp-Profilfoto mit einer rosa Plüschente im Swimmingpool hat, dann arbeitet er in Wirklichkeit für den Verfassungsschutz.


UPDATE 1: Am nächsten Morgen erhielt ich von besagter Nummer eine SMS mit folgendem Wortlaut:

Morgen Herr Winkeladvocat. Haben sie mit ihrer dramatisierenden Version erfolgreich ihre Opferrolle gefröhnt um ein paar Follower zu gewinnen? Auf einmal bekommen sie Aufmerksamkeit, da ist ihnen jedes Mittel recht um ihrer Selbstdarstellung eine Bühne zu bieten. Dramatisieren sie nicht, alles halb so wild. Verleumdung und Rufschädigung ist übrigens auch nicht ohne. Also leben sie ihren Geltungsdrang auf konstruktive Weise aus. Dankeschön

Dazu will ich nur sagen, dass ich nicht um nächtliche Drohanrufe gebeten hatte. Und wenn der Anrufer vorher mehr Zeit auf die Lektüre meines Blogs verwendet hätte, wäre ihm das mit der Selbstdarstellung aufgefallen. Deshalb schreibe ich ja einen Blog.


UPDATE 2: Ein Grund zur Veröffentlichung des Anrufs war, dass ich erahren wollte, ob es gestern Abend ähnliche Anrufe auch bei anderen Personen gegeben hat. Und tatsächlich war ich nicht das einzige Opfer:


UPDATE 3: Und dann war plötzlich im Blick, der größten Boulevardzeitung der Schweiz, ein Artikel.

Blick über Drohanruf.JPG

So schnell kann es gehen.


UPDATE 4: Am nächsten Abend, fast genau 24 Stunden nach dem ersten Anruf, klingelte wieder das Telefon. Die gleiche Nummer. Eigentlich wollte ich gerade aus dem Haus gehen, um eine Zigarre zu rauchen und im Anblick des Vollmondes meinen Gedanken nachhängen, aber die Neugier obsiegte.

Dieses Gespräch kann ich nicht wörtlich wiedergeben, denn es dauerte etwa 20 Minuten. Der Herr, der mich am Abend zuvor zensieren wollte, entschuldigte sich nun. Er habe gestern ganz eindeutig überreagiert und es war eine „Kurzschlussreaktion“.

Ganz ehrlich, ich habe seine Motivation nicht verstanden, obwohl wir uns diesmal ganz respektvoll und ruhig unterhielten. Er versicherte, dass er überhaupt nichts mit den Rechten am Hut habe, und dass es ihm um Deeskalation gegangen war.

Als ich fragte, wieso ihn mein Tweet so erregt habe, dass er deshalb meine Telefonnummer heraussuche, antwortete er, dass er meine Telefonnummer schon vor langer Zeit gespeichert hatte, weil er mich mal zu einem meiner Artikel über den Klimawandel anrufen wollte. Das fand ich, gelinde gesagt, wenig glaubwürdig, auch weil ich von seinem obigen Anruf bei Frau Deme wusste. Obwohl, vielleicht hat sie auf ihrem Blog ja auch mal etwas zum Klimawandel geschrieben? Und gerade gestern hatte der aufmerksame Leser mal Zeit, all seine Lieblingsbloggern anzurufen?

Dann erzählte er, dass er den ganzen Tag Anrufe erhalte, die meisten anonym. (Er selbst wollte übrigens weiterhin anonym bleiben, obwohl er mir eingie Details aus seinem Leben und über seine Familie erzählte.) Die große Mehrheit der Anrufer sei kritisch und beschimpfe ihn, aber einige unterstützen ihn auch. Beängstigend fand ich, dass sich auch jemand (vorgeblich) von der Identitären Bewegung in Österreich gemeldet und angeboten hat, mich in Wien zuerst ausfindig und dann platt zu machen.

Unmittelbar nach den Drohanrufen hatte ich wirklich Angst. Deshalb hatte ich sie auch öffentlich gemacht. Aber jetzt, einen Tag später und nach dem großen Neonazoaufmarsch in Chemnitz, habe ich mehr Angst um Deutschland als um mich. Diese kleine Geschichte hier lenkt dabei von den wirklich wichtigen Fragen ab, und ich würde es deshalb nun auf sich beruhen lassen. Der Drohanrufer hatte einen stressigen Tag, wird vielleicht noch ein paar Anrufe mehr erhalten, aber ich habe in dem heutigen längeren Gespräch den Eindruck gewonnen, dass er Ähnliches nicht mehr unternehmen wird. Und wenn ich mal in Zürich bin, werde ich mich persönlich mit ihm unterhalten.


UPDATE 5: Sicherheitshalber muss ich jetzt dennoch Wien verlassen, und werde in ein kleines Dorf in den spanischen Bergen ziehen, wo ich die einzige Zufahrtstraße von weitem überblicke und mit einer Flinte auf meine Feinde warten kann.

Das ist schon traurig, denn Wien war für mich die bisher schönste und lebenswerteste Stadt in Europa. Aber selbst die lebenswerteste Stadt ergibt nur einen Sinn, wenn man am Leben bleibt (obwohl der Zentralfriedhof auch beeindruckend ist).

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