Filmkritik: „Nomadland“

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Im Land der Freiheit haben die Menschen auch die Freiheit, auf Knall und Fall in die Armut und Obdachlosigkeit abzurutschen. Eine schlimme Scheidung, eine geschlossene Fabrik, eine hohe Arztrechnung, und schwupp, ist man freier als man je sein wollte.

„Nomadland“, ein hochgelobter Film, gibt vor, das Leben jener Menschen zu beleuchten, die in Wohnmobilen und Vans leben. Sie fahren vom Amazon-Lager zum Hamburgerbraten, vom Weihnachtsbaumverkauf zur Zuckerrübenernte und verdienen nie genug, um ein Haus zu mieten, geschweige denn eines zu kaufen.

Das ist ein wichtiges Thema, das einen guten Film verdient hat. Leider macht „Nomadland“, trotz aller Lobeshymnen, einen lausigen Job. So schlecht, dass der Film, wenn er einer dieser Mindestlohnarbeiter wäre, schon am zweiten Arbeitstag gefeuert worden wäre.

Der tägliche Überlebenskampf der Nomaden – die Kälte, der Hunger, die Benzinkosten, mangelnde Sicherheit, und immer wieder vertrieben zu werden, wenn man nur schlafen will – wird nur ganz kurz berührt. Der Film verbringt viel mehr Zeit mit Sonnenaufgängen, Sonnenuntergängen und langen Fahrten auf kurvigen Straßen durch Nevada, wie wenn das alles eine herrlich romantische Reise wäre.

Einmal fällt ein Satz über die Immobilienpreise, aber nichts über die inhärente Ungerechtigkeit des unbegrenzten Privatbesitzes von begrenztem Land. Und dann sagt einer der alten Vagabunden auch schon wieder etwas Esoterisches über Freiheit und Freundschaft und dergleichen. So kitschig wie „Eat Pray Love“, nur eben gefilmt unter Armen. Es ist letztlich Armutspornographie, die sich die Reichen anschauen können, um sich zu denken: „Naja, diese Leute wollen ja so leben.“

Und auch wenn Ihr von einem Film über ein drängendes soziales Problem nicht das gleiche erwartet wie ich, so werden Euch zwei Stunden entsetzlicher Langeweile erschlagen.

Der Film basiert auf dem Buch „Nomaden der Arbeit“ von Jessica Bruder. Nachdem ich ein paar Interviews mit ihr gehört habe, glaube ich, das Buch ist um Längen besser als der Film.

Was war Eure Meinung? Und welche Filme/Bücher empfehlt Ihr über Obdachlosigkeit und Armut? Für mich ist „Früchte des Zorns“ noch immer eines der besten. Ganz interessant scheint auch „Der Sandler“ von Markus Ostermair, aber das habe ich noch nicht gelesen.

Links:

  • Weitere Filmbesprechungen.
  • Und ein bisschen mehr über Armut.
  • Übrigens, bevor jetzt wieder Leute sagen, wie schlimm in den USA alles ist und dass es so etwas in Deutschland nicht gibt: Auch bei uns leben ganze Industriezweige von der Ausbeutung von Arbeits- und Armutsnomaden.
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Vor hundert Jahren waren wir schon einmal weiter – Juli 1921: Kolonialverbrechen

Wenn man über Kolonialismus spricht, und erst recht, wenn man daraus Folgen ziehen will, wie z.B. Raubkunst zurückgeben, Reparationen bezahlen oder – Gott bewahre! – gar eine Straße umbenennen, dann kommen immer irgendwelche Leute um die Ecke der Hindenburgstraße und behaupten dummdreist, dass es früher halt so war (was sehr unterkomplex ist), dass man die Geschichte nicht „auslöschen“ könne (was niemand will) und dass ohne Denkmäler und Straßennamen die Geschichte vergessen werden würde (was nicht stimmt).

Interessanteweise kommt diese Argumentation meist von Leuten, die sonst gerne einen „Schlussstrich“ unter die deutsche Vergangenheit ziehen wollen. Sehr inkonsequent. Und durchschaubar.

Dazu ist vieles zu sagen. Aber heute nur ganz kurz:

Erstens:

Und, hat die Entfernung von Hakenkreuzen und die Umbennenung von Adolf-Hitler-Plätzen dazu geführt, dass niemand etwas über den Nationalsozialismus lernt? Kaum. Man lernt Geschichte halt doch eher in der Schule, durch Fernseh-Dokus und auf diesem Blog. Ich sitze bekanntlich viel in Parks, und mir ist noch nie aufgefallen, dass jemand unbedarft spazierengeht, beim Bismarck-Denkmal stutzend stehen bleibt und plötzlich über die Kongo-Konferenz nachdenkt.

Zweitens:

Wo waren diese Leute eigentlich 1990, als in Deutschland Tausende Straßen, Plätze, Schulen und sogar Städte umbenannt wurden? Wann haben sie sich für Karl-Marx-Stadt eingesetzt?

Hm. Anscheinend geht es nur um eine ganz bestimmte Version von Geschichte.

Drittens:

Die Behauptung, dass „es früher halt so war“ und dass man die Vergangenheit nicht mit heutigen Maßstäben messen dürfe, negiert – aus Unwissenheit oder Bösartigkeit – dass sich schon zur Zeit des Kolonialismus nicht wenige Menschen bewusst waren, dass Sklaverei und Völkermord schlecht sind.

Zum einen natürlich die Opfer.

„Ach so“, sagen die Früher-war-es-halt-so-Leute dann betroffen, weil sie merken, dass sie aus ihrer eurozentrischen Sicht an die außereuropäische Perspektive noch gar nicht gedacht haben.

Aber auch unter Europäern gab es zu allen Zeiten welche, die Kolonialismus und Sklaverei ablehnten. Sie waren halt leider nicht an der Macht. Aber dass es die Stimmen nicht gegeben hätte, die Argumente nicht bekannt gewesen wären, das kann man wirklich nicht behaupten.

Man könnte da zurückgehen bis zum Disput von Valladolid von 1550, aber im Rahmen dieser Reihe „Vor hundert Jahren …“ will ich einen Artikel aus der Berliner Volkszeitung vom 10. Juli 1921 zitieren.

Ach so, hier spricht nicht jeder Fraktur. Na, dann transkribiere ich das mal:

„Im Namen der Kultur“

Der Vernichtungskrieg in Afrika

Es gibt keine Kulturwidrigkeit, die nicht unter der Flagge der „Kultur“ begangen worden wäre. Keine Epoche, keine geistige Bewegung hat über den ganzen Erdball soviel Scheußlichkeiten verbrochen, als der koloniale Expansionsdrang der europäischen Nationen, die ihre oft schlimmen Vertreter in die Welt sandten, um Christentum in der Form von Badehosen und Zivilisation in der Gestalt von Gewehren, Schnaps, Seuchen und Sittenverderbnis zu verbreiten.

Huch, so viel „political correctness“, wie man das heute abschätzig nennen würde. Dabei sind kontemporäre Feuilletonisten gar nicht mehr so scharfzüngig wie vor 100 Jahren. Auch das übrigens ein Grund, um in den damaligen Zeitungen zu blättern. Und Badehosen sind fast so schlimm wie kurze Hosen.

Der Kern der Sache aber war das „Geschäft“. Auf diese Weise gingen die Buschmänner Südafrikas zugrunde. Erst wurden sie aus dem Lande ihrer Väter vertrieben, das Wild, von dem sie sich bescheiden nährten, indem sie nur soviel töteten, als sie unbedingt brauchten, wurde in Massen gemordet, und wenn die verhungernden Eingeborenen dann ein Stück Vieh stahlen, begann ein fürchterlicher Vernichtungskrieg gegen sie. […]

Auch im Hererofeldzug ist viel gesündigt worden. Die menschlich denkenden unter den Offizieren, wie der hochbegabte und leider zu früh verstorbene Adolf Fischer sahen es ein und erhoben ihre Stimme. Umsonst! „Es war keiner unter uns,“ schreibt er, „der nicht sah, dass hier zuviel geschehen war. Wer zu den Gehetzten des Sandfeldes gehört hat, wird den Glauben verloren haben, dass auf Erden Recht noch gilt. Noch heute, 1914, verfolgt man sie, nimmt ihre Kinder fort, lässt sie fern der Mutter aufziehen. […]“

Oh. Es scheint so, dass es doch nicht bis 2021, also genau hundert Jahre nach diesem Artikel, dauern hätte müssen, um herauszufinden, dass das deutsche Vorgehen gegen die Herero und Nama ein Völkermord war.


Zu der Denkmaldebatte habe ich bisher noch nicht ausführlich geschrieben, weil schon so viel geschrieben wurde. Wenn ich mal etwas dazu beitragen werde, dann aus der Perspektive desjenigen, der tatsächlich stundenlang unter, neben und manchmal auf Denkmälern sitzt. Dabei fällt einem nämlich so Einiges auf. Zum Beispiel die Söder-Denkmale überall in Bayern:

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Auf diesen Zeitungsartikel aufmerksam wurde ich durch diese Folge des Podcasts „Auf den Tag genau“, der jeden Tag eine Zeitungsmeldung von vor 100 Jahren sendet. Oft mit erstaunlich aktuellen Bezügen.
  • Weil ich die Kongo-Konferenz erwähnt habe: Dieses Buch ist absolut empfehlenswert.

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„Kolumbus‘ Erbe“ von Charles C. Mann

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Zu jedem guten Abenteuer gehört, dass man sich auch mal verläuft oder verfährt. Wie Kolumbus. Wenn ich Glück habe, entdecke ich eine unerwartete Burg oder einen geheimen U-Boot-Hafen. Aber ein ganzer Kontinent ist mir noch nicht untergekommen.

Das ist vielleicht auch besser so, denke ich mir nach der Lektüre von Charles Manns Buch „Kolumbus‘ Erbe“, der beschreibt, wie die „Entdeckung“ Amerikas durch Europäer den Handel, die Ökologie und das Leben auf der Erde revolutionierte. Das klingt nach einem enormen Projekt, was es auch ist. Es mag auch nach ziemlich trockenem Stoff klingen, was es überhaupt nicht ist. Dies ist eines der besten Sachbücher, die ich je gelesen habe.

Aus diesem voluminösen, aber dennoch leicht lesbaren Buch habe ich so viel gelernt, was ich hätte wissen sollen, so viel, von dem ich nicht wusste, dass ich es überhaupt hätte wissen können, und ich habe gelernt, über einige historische, ökologische und ökonomische Zusammenhänge anders nachzudenken. Die Globalisierung ist wirklich nichts Neues, ebenso wenig die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen.

Fast jede Seite enthält faszinierende Informationen, Analysen, Geschichten und Charaktere; die meisten davon waren für mich vollkommen neu. Zum Beispiel

  • dass schon vor 400 Jahren billige chinesische Exporte europäische Hersteller aus dem Geschäft drängten,
  • dass die höchstgelegene Stadt der Welt (Potosí) einst auch die reichste und brutalste Stadt zugleich war,
  • dass Chinas Bevölkerung erst so schnell wachsen konnte, nachdem sie Mais und Kartoffeln aus Amerika importiert hatten, weil diese Pflanzen auf Böden wachsen konnten, auf denen Reis nicht gedieh,
  • dass der Kindermord an Mädchen in China bereits in der Qing-Dynastie ein Problem war, also vor der Ein-Kind-Politik,
  • wie die britischen Siedler in Nordamerika die Kleine Eiszeit herbeigeführt haben könnten, ein frühes Beispiel für vom Menschen verursachten Klimawandel,
  • dass Charles Goodyear im Gefängnis saß, während er an dem Verfahren zur Vulkanisierung von Gummi arbeitete,
  • dass Zehntausende afrikanischer Sklaven in Amerika entkamen und ihre eigenen Gemeinschaften, ja sogar Königreiche gründeten,
  • dass pazifische Inseln mit einer Schicht von bis zu 50 Meter Vogelkot den Dünger für Europa lieferten, und dass dieser Guano von chinesischen Sklaven geerntet wurde.

Ich könnte weiter und weiter und weiter erzählen. Viele schillernde Charaktere erwecken die Geschichten zum Leben, aber trotz der abenteuerlichen Biographien ist dies keine Abenteuergeschichte. Es ist eine brutale Geschichte von Tod, Zerstörung, Krankheit, Versklavung und Ausbeutung.

Nur eines habe ich vermisst: Während die Entdeckung, der Anbau und der Handel von Tabak in interessanten Details behandelt wird, wird die andere große amerikanische Erfindung, die unser Leben besser macht, fast nicht erwähnt: Schokolade.

Kennt Ihr ähnliche Bücher? Nur her mit Euren Empfehlungen!

Links:

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Grenzkontrolle in Österreich

Wenn man beim Trampen über die Alpen italienische Zigarren schmuggelt, jagt einem das imposante österreichische Zollhäuschen bei Nauders schon einen kurzen Schrecken ein.

Aber es war Sonntagmorgen und die Soldaten waren anscheinend alle in der Kirche. Oder sie wollten bei dem Regenwetter nicht aus ihrer Burg heraustreten.

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Vor hundert Jahren wurde Belgien zum kompliziertesten Land Europas – Juli 1921: Sprachgrenze zwischen Wallonie und Flandern

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Die Unfähigkeit, nach einer Wahl zügig eine neue Regierung zu bilden, assoziiert man gewöhnlich mit „failed states“ wie Irak, Afghanistan, Libyen oder den USA. Den Rekord für die längste Regierungsbildung hält jedoch Belgien mit 652 Tagen, womit 2020 der bisherige Rekord von 541 Tagen, ebenfalls aufgestellt in Belgien, gebrochen wurde.

Machen die Belgier das absichtlich, weil sie sonst in nichts Weltmeister sind?

Nein, Belgien ist wirklich so kompliziert. Nach den Wahlen von 2019 waren 12 Parteien im Parlament vertreten. Es sind derer so viele, weil die politischen Richtungen immer doppelt vertreten sind. Es gibt zwei christdemokratische Parteien, zwei sozialdemokratische Parteien, zwei grüne Parteien, zwei liberale Parteien und etliche regionale bzw. nationalistische Parteien.

„Warum schließen sich die politisch gleichgesinnten Parteien nicht einfach zusammen?“, fragt Ihr. Tja, das Problem ist, dass sie nicht miteinander reden können. Denn es gibt eine französischsprachige christdemokratische/sozialdemokratische/u.s.w. Partei sowie eine niederländischsprachige christdemokratische/sozialdemokratische/u.s.w. Partei. Das Verhältnis dieser Parteien zueinander gleicht dem zwischen „Judäischer Volksfront“ und der „Volksfront von Judäa“. Die einzige Partei, die in ganz Belgien antritt, ist die mit zwölf Sitzen im Parlament vertretene marxistische Arbeiterpartei.

„Wieso können die nicht miteinander reden? Belgien ist doch ein zweisprachiges Land“, fragt Ihr jetzt, und das nimmt man für das Land im Herzen Europas, das die Hauptstadt der Europäischen Union beheimatet, gemeinhin an. Aber Belgien ist kein wirklich zweisprachiges Land in dem Sinne, dass jeder zwei Sprachen spricht. Vielmehr ist Belgien unterteilt in vier Regionen mit unterschiedlicher Sprachpolitik.

Als ich mit dem Zug nach Antwerpen fuhr, lernte ich schon am ersten Tag alle vier Zonen kennen. In Eupen, der Hauptstadt des oft übersehenen deutschsprachigen Ostbelgiens, bedient der Herr am Schalter wahlweise auf Deutsch oder Französisch. Die Fahrkarte wird auf Deutsch ausgedruckt.

Im Zug erfolgt die Durchsage des Streckenplanes auf Deutsch. Aber schon am nächsten Halt, in Welkenraedt, hört man die Durchsage nur auf Niederländisch. In Liège wird man auf Französisch informiert, und in Brüssel zweisprachig. Es ist der gleiche Schaffner, der die Durchsagen macht. Er könnte überall alle drei Sprachen sprechen. Aber er hält sich streng ans Gesetz.

Und zwar an ein Gesetz vom 31. Juli 1921, das mittlerweile natürlich immer wieder modifiziert und verkompliziert wurde, aber das zum ersten Mal eine territoriale Sprachgrenze in Belgien festlegte. (Eine Grenze, die verblüffend mit der spätantiken Grenze zwischen germanischen und romanischen Sprachen übereinstimmt.)

Im Wesentlichen ist es so: Im Norden, in Flandern, muss man Niederländisch sprechen. Im Süden, in der Wallonie, muss man Französisch sprechen. Brüssel, die Hauptstadt, die einsam wie einst West-Berlin in Flandern liegt, ist zweisprachig. Und im Osten der französischsprachigen Wallonie gibt es noch die sogenannte Deutschsprachige Gemeinschaft, die zwar keine eigene Region, aber eine eigene Sprachgruppe ist, und deshalb trotz Zugehörigkeit zur französischsprachigen Wallonie deutschsprachig ist.

Nach dem Sprachengesetz von 1921 fand in den Gemeinden entlang der Sprachgrenze noch alle zehn Jahre eine Sprachzählung statt, nach deren Ergebnis die Gemeinde dann eventuell die Seiten wechseln konnte. Und schwupp, fand von einem Jahr zum nächsten der Schulunterricht auf Französisch anstatt auf Niederländisch oder umgekehrt statt. Viele Belgier zogen lieber um, anstatt sich das anzutun.

Weil das nicht kompliziert genug war, wurden für die auf der obigen Karte nummerierten Gemeinden Sonderregelungen geschaffen, jedoch für jede Gemeinde eine andere, und andere Sonderregelungen, je nachdem ob es sich um eine lokale, kommunale, örtliche, regionale, provinzielle, sozialversicherungsrechtliche, polizeiliche, gerichtliche, halbstaatliche oder föderale Angelegenheit handelt. Insgesamt gibt es mehrere tausend Ausnahmen.

Aber je komplizierter das Gesetz, umso verbissener wird auf seine Einhaltung geachtet. So müssen Behörden in Flandern auf Niederländisch kommunizieren. Wenn jedoch ein Belgier, der in der Wallonie seinen Wohnsitz hat, in Flandern zu Besuch ist oder dort z.B. von der Polizei aufgehalten wird, dann darf (nicht muss) der flämische Beamte, wenn er Französisch kann, mit dem Bürger auch auf Französisch sprechen (aber nicht schreiben). Wenn jedoch ein nur Französisch sprechender Belgier, der in Flandern wohnt (so etwas kann ja durchaus vorkommen) dem gleichen Polizisten in die Arme läuft, dann darf der französischsprachige flämische Polizist mit dem ebenfalls französischsprachige Einwohner Flanderns nicht auf Französisch kommunizieren. Außer nach Dienstschluss und privat, aber dann nur in einer Kneipe, die eine Lizenz zur Mehrsprachigkeit hat. Und nicht an flämischen Feiertagen, außer dieser Feiertag koinzidiert mit einem föderalen, also landesweiten Feiertag.

Belgische Polizisten halten gerne Ausländer an, weil sie mit denen in jeder Sprache und notfalls auf Englisch sprechen dürfen. Außer natürlich, der Ausländer hat einen Wohnsitz in Belgien, denn dann gelten wiederum die belgischen Sprachgesetze. Wie streng die Proporzregeln auch gegenüber Besuchern durchgesetzt werden, konnte ich beim Housesitting in Belgien erleben.

Ehrlich, der Sprachenstreit in Jugoslawien ist ein Witz im Vergleich zu Belgien.

Kein Witz ist leider, dass jede der beiden Bevölkerungsgruppen einen Gutteil ihrer Identität aus dem Gegensatz zur anderen bezieht. Weil die meisten Belgier die Sprache des anderen Landesteils nicht sprechen, nehmen sie diesen nur über Medien in ihrer eigenen Sprache wahr.

Ein besonders trauriges Kapitel ist die Universität Löwen/Leuven/Louvain, eine der ältesten und renommiertesten europäischen Universitäten. Gegründet 1425, später eine der Hauptstädte des Humanismus, endete diese Geschichte 1968.

Die Universität war, wie die Politik, faktisch schon zweigeteilt. Man konnte nicht nur Linguistik, sondern auch Geographie, Mathematik und absurderweise sogar Anglistik auf Französisch und auf Niederländisch studieren. Es waren praktisch zwei Universitäten unter einem geschichtsträchtigen Dach.

Doch nach einer erneuten Sprachgrenzziehung 1962 befand sich die Universität eindeutig in Flandern, und die flämischen Studenten protestierten dagegen, dass in Löwen/Leuven/Louvain überhaupt auf Französisch studiert werden konnte. Da eine Universität eigentlich immer auch eine Ausbildung in anderen Sprachen anbietet, finde ich diese Beschwerde der flämischen Studenten geradezu absurd, vor allem weil sie selbst ja nicht Französisch sprechen mussten. Aber so wirken Nationalismus und Regionalismus, da setzt das Hirn aus, und plötzlich hassen Studenten ihre Kommilitonen.

Die Vermittlungsversuche der Regierung blieben vergeblich, der Premierminister trat zurück, und der neue Premierminister schaffte sich das Problem vom Hals: Die Universität wurde geteilt, und die französischsprachigen Fakultäten und Studenten mussten die Stadt verlassen.

1971 wurde in der Wallonie eine neue Stadt gebaut, Louvain-la-Neuve, also Neu-Löwen, die hauptsächlich nur aus dieser Universität und den Studentenwohnheimen besteht. Es ist, wie alle in den 1960ern und 1970ern aus dem Boden gestampften Städte, ein trostloser Ort – bis auf das Hergé-Museum.

Die 1970er Jahre verbrachten die beiden Universitäten mit der Aufteilung der Bibliothek. Bücher mit ungerader Signaturnummer verblieben in Löwen/Leuven/Louvain, jene mit gerader Signaturnummer wurden nach Louvain-la-Neuve verbracht. Beziehungsweise bis zur Grenze zwischen Flandern und Wallonie, wo sie dann vom flämischen Spediteur an den wallonischen Spediteur übergeben wurden. Die Entfernung zwischen den beiden Universitäten beträgt 30 km.

Es war nicht das erste Mal, dass die Universitätsbibliothek in Löwen/Leuven/Louvain zum Opfer der Weltgeschichte wurde. Im August 1914 wurde sie von deutschen Truppen in Brand gesetzt. Etwa 300.000 Bücher verbrannten.

Und damit sind wir bei den Hauptschuldigen für das belgische Sprachenschlammassel. Es sind nämlich weder Wallonen, Flamen, Franzosen, Niederländer oder die Römer, sondern, mit der ihnen zugeschrieben Zuverlässigkeit, die Deutschen.

Denn die Spaltung Belgiens war das Werk der Deutschen im Ersten Weltkrieg. Sie nahmen nach der raschen Besetzung Belgiens die administrative Teilung vor, in einen flämischen Teil mit Brüssel als Hauptstadt, und in einen wallonischen Teil mit Namur als Hauptstadt. Die Deutschen waren es, die separate niederländisch- und französischsprachige Ministerien bildeten. Und die Deutschen waren es, die aus der Universität in Gent die französische Sprache verbannten.

Die deutsche Flamenpolitik war die Geburtsstunde des anti-belgischen flämischen Nationalismus, obwohl sich nur eine kleine Minderheit der Flamen zur Kooperation mit den Besatzern ködern ließ. Aber zum ersten Mal gab es innerhalb der flämischen Bewegung eine Strömung, die Belgien grundsätzlich ablehnte und einen eigenen Staat wollte.

Nach dem Ersten Weltkrieg standen die Flamen als Landesverräter dar, was auch überzogen war, weil nur ein paar tausend Leute mit den Deutschen paktiert hatten. Die große Mehrheit der Flamen, die die deutsche Besatzung ebenso wie die Wallonen abgelehnt hatte, fühlte sich völlig zu Unrecht als Vaterlandsverräter gebrandmarkt.

Und wenn Euch das noch nicht als Beleg für die deutsche Schuld an allem, was in Belgien schief läuft, reicht: Im Zweiten Weltkrieg überfiel Deutschland erneut Belgien, die Bibliothek in Löwen/Leuven/Louvain brannte abermals ab, und Deutschland säte noch mehr Zwietracht zwischen Flamen und Wallonen, indem erstere unter Arierverdacht besser als letztere behandelt wurden. So wurden z.B. flämische Kriegsgefangene freigelassen bzw. zur Waffen-SS abgeworben, während die Wallonen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verbracht wurden.

Wiederum kollaborierten nur wenige Flamen mit den deutschen Besatzern, aber natürlich hat die unterschiedliche Behandlung das Verhältnis der beiden Sprachgruppen nicht verbessert. Nur die deutschsprachigen Belgier kamen komischerweise ziemlich ungeschoren aus den beiden Weltkriegen heraus. Aber vielleicht zanken sich Wallonen und Flamen auch viel zu sehr, als dass ihnen die Existenz der wenigen Deutschen im Osten überhaupt auffällt.


P.S.: Ich suche nicht absichtlich nach Themen mit Deutschland-Bezug. Für Juli 1921 habe ich bewusst nicht die Leipziger Prozesse (wegen der deutschen Kriegsverbrechen in Belgien im Ersten Weltkrieg) oder die Übernahme des Vorsitzes der NSDAP durch Adolf Hitler als Thema gewählt. Erklärtes Ziel dieser Reihe ist es schließlich auch, den Blick auf fernere Länder zu richten.

Aber wenn man tief genug recherchiert, findet man eben fast überall deutsche Finger im weltweiten Spiel. Selbst das Alternativthema der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas vor 100 Jahren hätte auf die deutsche Kolonie Kiautschou in China zu sprechen kommen müssen, denn deren Nichtrückgabe an China nach dem Versailler Vertrag war der Auslöser für die Gründung der Kommunistischen Partei im Juli 1921. Irgendwie ist es also doch die Schuld von Deutschland, dass China jetzt eine Diktatur ist. :/

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Der Sprachenstreit in Ex-Jugoslawien ist dagegen richtig amüsant.
  • Fans von Tim & Struppi empfehle ich diese Dokumentation. Und einen Besuch im Hergé-Museum.
  • Wenn Ihr mehr über die Geschichte Belgiens lesen wollt, empfehle ich das Buch von Christoph Driessen. Das ist ein Beispiel dafür, wie ein gutes Geschichtsbuch auszusehen hat.
  • Weitere Artikel über Belgien, wobei da noch einiges aussteht, insbesondere mein Bericht aus Neutral-Moresnet, einem Staat, der – so lange liegen meine Notizen jetzt schon herum – mittlerweile nicht mehr existiert.
  • Um zwei Staaten, die nicht mehr existieren und von denen ich wette, dass Ihr noch nie von ihnen gehört habt, wird es im August 1921 gehen. Seid gespannt, teilt die Artikel dieser Reihe im Interweb und in der Kantine, und bedankt Euch bei den Unterstützerinnen und Unterstützern dieses Blogs, die diese Arbeit möglich machen!
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„Ich bleibe hier“ von Marco Balzano

Das Bild kennt jeder: Ein Kirchturm, der aus dem See ragt.

Fast niemand fährt am Reschensee vorbei, ohne anzuhalten und ein Foto zu machen. Schon weniger werden innehalten, um zu fragen, wie das passiert ist. Aber wer auch nur kurz nachdenkt, wird darauf kommen, dass um die Kirche mal ein Dorf gelegen haben muss, das von den Wassermassen verschluckt wurde.

Weil die Leserinnen und Leser dieses Blogs nicht nur an über die Ufer getretenen Wasserläufen, sondern auch an ausufernden historischen Erklärungen interessiert sind, war ich letztes Wochenende im Vinschgau, um die Geschichte des versunkenen Dorfes Graun zu eruieren.

Wer nicht auf meinen Artikel warten kann oder lieber Bücher liest, dem sei „Ich bleibe hier“ von Marco Balzano empfohlen.

Im Dorf Graun lebt die Lehrerin Trina, die wegen ihrer Deutschsprachigkeit mit der ab 1922 von Mussolini betriebenen Italianisierungspolitik ihre Arbeit verliert. Dann verliert sie ihre Tochter an die sogenannte Option, die zwischen Hitler und Mussolini ausgehandelte Möglichkeit der deutschsprachigen Südtiroler, die ja erst seit 1918 zu Italienern wurden, nach Deutschland umzusiedeln. Und dann verliert sie noch ihren Sohn an die Wehrmacht.

Trina und ihr Mann bleiben in Graun, das nun Curon heißt, und leiden unter der italienischen Staatsmacht, der Unterdrückung der deutschen Sprache, Gerüchten von Zwangsumsiedlung nach Sizilien oder Afrika und vor allem unter dem Hohn und Spott der Optanten, die den Versprechen Nazi-Deutschlands von großen Ländereien auf der Krim folgen. (Spoiler: Daraus wurde nichts.)

Und über dem Ganzen hängt ständig drohend das Staudammprojekt.

Erzählt aus der Sicht Trinas werden die Familiengeschichte und die Dorfgeschichte geschickt mit der Geschichte Italiens verwoben. Verfasst in leisen Tönen und gewählten Worten entfalten sich gleich mehrere Dramen. Ein eindringlicher, aber kein aufdringlicher Roman.

Eine ergreifendes Buch, nicht nur für Südtirol-Urlauber. Aber jene werden nach der Lektüre vielleicht das ein oder andere Mal innehalten, wenn sie die zweisprachigen Ortsschilder sehen oder um den Reschensee spazieren.

Mittlerweile findet man an manchen Orten Aufkleber mit dem zweisprachigen Text:

8000 ‚Namen‘ von Dörfern, Bergen, Flüssen u.s.w. wurden im Südtirol im Prozess der Italianisierung des Landes von der faschistischen Diktatur gefälscht, um Südtirol gewaltsam zu italianisieren. Wir Italiener des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr aggressiv, sondern moderat und europäisch. Wir distanzieren uns vom Nationalismus und Imperialismus unserer Vorfahren. Bei den Südtirolern entschuldigen wir uns für das Kulturverbrechen Italiens durch die Fälschung tausender Namen in ihrem Land.

Dass deutsche Touristen sich für deutsche Kriegsverbrechen in Italien entschuldigen, ist hingegen nicht bekannt.

Links:

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„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Menschen, die behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, übersehen zum einen Art. 4 des Grundgesetzes, zeigen aber auch wenig Kenntnis von der deutschen Geschichte.

Letzteres lässt sich mit der Lektüre des amüsanten und interessanten historischen Romans „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein beheben. Ein Buch, das nicht nur kurzweilig geschrieben und reich an Aktualität ist, sondern das zeigt, dass die besten Geschichten oft die wahren sind. (Wie auf diesem Blog.)

Dabei kann man es fast nicht glauben: Der deutsch-jüdische Offizier Edgar Stern heckt einen Plan zur Sprengung des Suez-Kanals aus, um das britische Weltreich entscheidend zu schwächen. Aus dem Plan wird nichts, obwohl er später reaktiviert wird. Stattdessen bekommt er einen Geheimauftrag im Rahmen der deutschen Dschihad-Strategie.

Denn, was viele nicht wissen: Der Dschihad ist ein Meister aus Deutschland.

Im Ersten Weltkrieg versuchte das Deutsche Reich, einen Weltaufstand aller Muslime anzuzetteln, damit diese sich gegen ihre französischen, britischen und russischen Kolonialherren erheben und den Mittelmächten zum Sieg verhelfen würden. Die „Nachrichtenstelle für den Orient“, so etwas wie der Vorläufer des BND, unterstützte dazu örtliche Aufstände, so wie die USA einst die Mudschaheddin in Afghanistan unterstützten.

Deutsche Wissenschaftler durchforsteten den Koran, um Passagen zu finden, die sich als Aufruf zum Dschihad interpretieren lassen konnten. Dann versuchten sie, den osmanischen Sultan zum Ausrufen eben dieses heiligen Krieges zu bewegen, was mit viel Geld zwar gelang, allerdings recht wirkungslos verpuffte. Denn sie hatten, ganz wie heutige Islamkritiker, übersehen, dass ein afghanischer Paschtune sich ebensowenig durch ein Wort eines Herrn Sultan aus Konstantinopel zum Kampf bewegen lässt wie ein Mormone in Utah durch ein Kommuniqué aus dem Vatikan. Die meisten Muslime hatten, wie alle Menschen, null Bock auf Krieg.

Die Erzählung von Jakob Hein setzt mit dem Problem ein, dass der Sultan irgendwie begründen muss, warum die Muslime dieser Welt für die nicht gerade muslimischen Nationen Deutschland, Österreich und Ungarn kämpfen und sterben sollten. Deshalb wurde Kaiser Wilhelm II. von der deutschen Propaganda als Quasi-Sultan dargestellt, der halt nur leider keine Muslime in seinem Reich habe. Konkret wurde das an den muslimischen Kriegsgefangenen unter den britischen und französischen Truppen vorexerziert.

In Wünsdorf in Brandenburg wurde für sie ein sogenanntes Halbmondlager erbaut, mit Moschee und allem drum und dran.

Die deutschen Behörden gaben für ihre „muhammedanischen Kriegsgefangenen“ eine Zeitung heraus, die – wenig subtil – „El-Dschihad“ hieß.

Leutnant Stern wurde nun damit beauftragt, 14 muslimische Kriegsgefangene nach Konstantinopel zu bringen, um sie dort unter großem Pomp und Tamtam freizulassen, womit bewiesen werden sollte, dass Kaiser Wilhelm II. ein herzensguter Mensch war. (Weil die Gefangenen nicht aus der Türkei, sondern aus Afrika waren, handelte es sich wohl eher um eine illegale Abschiebung, aber egal.)

Da die Mission geheim bleiben sollte und die Zugfahrt durch das neutrale Rumänien führte, verfielen die deutschen Orientgenies auf die Idee, die Truppe als Zirkus mit Leutnant Stern als Zirkusdirektor zu tarnen.

Das alles erzählt Hein aus der Perspektive verschiedener Figuren, was aber nie unübersichtlich wird, sondern sich zu einem amüsanten Gesamtbild fügt. Ein lehrreiches Lesevergnügen!

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Vogelsang, die Nazi-Burg in der Eifel

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Eigentlich will ich nur zur Abwechslung trampen. Ein bisschen weiter weg, weil ich die grünen Hügel um Bad Münstereifel schon ausreichend zu Fuß erkundet habe. Egal wohin. Weil man aber in einer zielorientierten Gesellschaft, in der ein Plan mehr zählt als Plan- und Ziellosigkeit, schief angesehen und am Straßenrand stehen gelassen wird, habe ich mir auf der Karte ein mittelweites Ziel ausgesucht: den Urftsee.

Das ist ein durch die Urfttalsperre künstlich geschaffener See, was zu einem entspannenden Spaziergang unter gleichzeitiger Bewunderung des von 1900 bis 1905 erschaffenen Staudamms einlädt. Ein Wunderwerk der Technik, das noch heute von vielen Elektrizitätsempfängern tagtäglich geschätzt wird, ob beim Bügeln, Fernsehen oder Mikrowellen.

Weniger geschätzt wird anscheinend die Mitfahrbank in Bad Münstereifel, die – dem belgischen Vorbild entsprechend – blau angemalt ist und Autofahrer zum Anhalten für wartende Passagiere verleiten soll.

Fünfzehn Minuten stehe ich jedoch, bis der erste Autofahrer diese ökologisch sinnvolle Einrichtung nicht ignoriert, sondern mich immerhin nach Pesch mitnimmt. In der Nähe liegt im Wald eine wunderschöne römische Tempelanlage, aber dazu mehr in einem anderen Artikel, denn, so viel hat die Überschrift bereits verraten, dieser Artikel wird schon von ausreichend Geschichte überfrachtet werden.

Heute bleibe ich jedoch an der Straße stehen und komme mit dem nächsten Fahrer in wenigen Minuten nach Zingsheim, wo ich mich an den Kreisverkehr nach Norden, Richtung Kall, Schleiden oder Gemünd stelle. Die genaue Route ist mir egal, solange nur die Richtung stimmt.

Dem dritten Fahrer, der zur Begutachtung von Wasserschäden in die Eifel gekommen ist, ist die genaue Route ebenfalls egal, denn er hat seinen ersten Termin um 10 Uhr und bis dahin noch genug Zeit. Und das, obwohl er nach dem Unwetter vom vergangenen Wochenende voll ausgebucht ist. 181 Anrufe über Wasserschäden hat er bekommen, normal seien so etwa 20 am Tag. Aber selbst ohne Unwetter gehe ihm die Arbeit nicht aus, sagt er vergnügt, weil die Leute so schnell und billig bauen. Das räche sich dann eben nach 10 oder 20 Jahren.

Eigentlich muss er nach Hellenthal, aber er ist so nett, mich den ganzen Weg nach Gemünd zu fahren. „Dann kann ich gleich noch meine Schwester auf einen Kaffee besuchen, die wohnt da irgendwo“, gibt er sich ganz entspannt. Als ich sage, dass Gemünd ein prima Ausgangspunkt für meine Wanderung sei, weil ich dort noch etwas zu essen kaufen könne, fährt er mich bis vor eine Bäckerei.

„Wenn Sie noch mehr Wasserschäden brauchen, kann ich die Urfttalsperre für Sie sabotieren“, biete ich zum Abschied an. „Das wäre was!“ sagt er begeistert, und so stehe ich in der Pflicht, die Operation Chastise zu wiederholen.

In Gemünd entdecke ich, dass da ein kleiner Fluss namens Urft durchfließt. Der muss logischerweise zum Urftsee fließen, sonst dürfte er sich kaum so nennen. Also beschließe ich, das Wässerchen entlang zu wandern. Flüsse sind prima zur Orientierung, wenn man zu einem See oder zum Meer will. Da kann man sich eigentlich gar nicht verlaufen. (Außer die Anfänger, die Roten Nil und Weißen Nil verwechseln. Aber da schickt der New York Herald dann früher oder später einen reisenden Reporter, der einen sucht. Zumindest früher, als Redaktionen noch Mut, Geduld und Geld für Spesen hatten. Ach, was hätte alles aus mir werden können, wenn ich in der guten alten Zeit geboren worden wäre…)

„10 km zur Urfttalsperre“ bestätigt ein Wegweiser meinen durch weltweites Herumstreunen gestählten Orientierungssinn. Und ein weitgehend schattiger Weg unter grünem Blätterdach bestätigt meine Entscheidung für den Fußweg.

Aber was ist das, was da am linken Ufer aus den Bäumen lugt?

Ein paar Kilometer weiter kommt auch schon die nächste Brücke, ich quere den mittlerweile ziemlich breiten Fluss, und wundere mich, wie steil, mühsam und lange der Weg zu dem mysteriösen Turm im Wald ist. Immer wieder muss ich pausieren, meine gesamten Colavorräte trinken, alle Bäckereierzeugnisse verspeisen.

„Ach, du Scheiße“, entfährt es mir dann aber nicht vor Erschöpfung, sondern weil mitten im Wald ein Fackelträger steht. Am hellichten Tag. Aber aus dunklen Zeiten, wie man am Design und spätestens an der Inschrift erkennt: „Ihr seid die Fackelträger der Nation. Ihr tragt das Licht des Geistes voran im Kampfe für Adolf Hitler.“

Davon fühle ich mich nun gar nicht angesprochen. Ich eile davon, will nur mehr heraus aus dem teutonischen Wald. Aber als dieser sich lichtet, wartet die nächste Überraschung: Ein Sportplatz, offensichtlich schon lange nicht mehr genutzt, der am Fuße einer monströsen Anlage liegt.

Irgendwie, aber vielleicht bin ich da übersensibel, erweckt das alles einen leicht faschistischen Eindruck. Ich werde Stunden benötigen, um alles zu erkunden. Aber weil ich weiß, dass Geduld nicht Eure Stärke ist, gewähre ich Euch schon jetzt den Gesamtüberblick, den ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht habe.

Das, verehrte Leserinnen und Leser, ist die Ordensburg Vogelsang, ein Monumentalbauwerk, das Machtanspruch und Megalomanie gleichermaßen verkörpert. Mit 100 Hektar Fläche nach Nürnberg die zweitgrößte architektonische Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus. Beeindrückend, würde ich sagen, wenn ich Vogelsang mit einem Wort(spiel) zusammenfassen müsste.

„Sogenannte Ordensburg“, korrigiert Jürgen Spekl, der Referent, der nach acht Monaten Coronapause zum ersten Mal wieder eine Gruppe über das Gelände führt. „Das war keine Burg, und die jungen Männer waren keine Ordensbrüder. Es ist ein Wort aus der Sprachküche des Nationalsozialismus, und wir sollten es nicht unreflektiert übernehmen.“ Er wird noch bei vielen Wörtern ein „sogenannt“ davorsetzen: Ordensjunker, Burgkommandant, Burgschänke, Elite, Herrenmenschen.

Man merkt, dass ihm der Kontakt mit Besuchern gefehlt hat. Engagiert und eloquent führt er über das Gelände und leitet vom konkreten Ort immer wieder geschickt auf verschiedene Aspekte des Nationalsozialismus über – von der Bezugnahme auf den Deutschritterorden über die Arbeitsbeschaffungspropaganda durch absichtlichen Verzicht auf Baumaschinen, bis zu den religiösen Anleihen und die ganze „Theatralik, Mummenschanz und Hokuspokus“.

Es beginnt damit, dass der Führerstaat gar nicht so monolithisch war, wie er sich gerne präsentierte. Eine Selbstdarstellung, die nach 1945 nicht nur aus Gründen der Einfachheit gerne übernommen wurde. Aber innerhalb der nationalsozialistischen Organisationen entbrannte ein Kompetenzgerangel, wie man es sich im bundesdeutschen Föderalismus nicht schlimmer vorstellen könnte. Unter Aufsicht des Reichserziehungsministeriums entstanden ab 1933 die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola), die mit Kriegsbeginn zunehmend unter den Einfluss der SS gerieten. Daneben hatte die Hitlerjugend eigene HJ-Gebietsführerschulen. Auch die SS wollte den nationalsozialistischen Nachwuchs ausbilden und baute SS-Führerschulen auf, die später in SS-Junkerschulen umbenannt wurden. Bereits seit 1931 hatte die SA die Reichsführerschule in München und später die Nationalsozialistische Oberschule am Starnberger See betrieben.

Daneben wollte aber auch Robert Ley, seit 1932 Reichsorganisationsleiter der NSDAP, also so etwas wie ein Generalsekretär der Partei, die Kontrolle über die Nachwuchsausbildung gewinnen. Seine Idee waren die sogenannten Ordensburgen und später die Adolf-Hitler-Schulen. Ley wurde ab 1933 zusätzlich Führer der Deutschen Arbeitsfront, die das Vermögen der zerschlagenen bzw. verbotenen Gewerkschaften übernommen hatte. Mit Geld kommen große Pläne und, wie Ihr von den Neureichen in der Verwandtschaft wisst, oft ein schlechter architektonischer Geschmack.

Dem abiturlosen Führer war der Kompetenzkonflikt um die Ausbildung der jungen Männer übrigens egal, solange sie für ihn auf Minen traten oder anderweitig in den Tod gingen. Deshalb setzte sich keines der Konzepte gegenüber den anderen durch, sondern alle konkurrierten miteinander.

Die Ordensburgen waren keine staatlichen oder militärischen, sondern Parteischulen, falls das in einem Einparteienstaat einen großen Unterschied macht. Es gab ihrer drei, und in der dreijährigen Ausbildung sollte je ein Jahr in einer der Ordensburgen absolviert werden. Weiter als drei musste niemand zählen können, und das war vielleicht besser so. Der erste Jahrgang diente der Aufnahme der „alten Kämpfer“, also, wie Herr Spekl sagt, „der Männer, die sich in der Weimarer Republik durch die Säle und Straßen geprügelt hatten“. Und unter denen auch nur diejenigen, die es anderswo zu nichts gebracht hatten, also nicht in der Verwaltung, beim Militär oder einer anderen NS-Organisation untergekommen waren.

Unter den ca. 2200 jungen Männern, die von 1936 bis 1939 in Vogelsang ausgebildet wurden, waren die meisten einfache Arbeiter, Handwerker und Arbeitslose. Manche waren wahrscheinlich funktionale Analphabeten. „Verkrachte Existenzen“ nennt sie der Referent. Die Voraussetzungen waren: größer als 1,60 m, keine Brillenträger, keine Erbkrankheiten in der Familie, Ahnenpass bis zum 1. Januar 1800 und Parteimitglied vor 1933. Am Ende stand die persönliche Begutachtung durch Robert Ley, der von sich behauptete, mit einem Blick feststellen zu können, ob jemand ‚ein ganzer Kerl‘ war. „So wie heute Dieter Bohlen bei Deutschland sucht den Superstar.“ Schul- oder Berufszeugnisse wurden ausdrücklich nicht verlangt.

Und dann kamen die Jungs auf so eine Burg, auch wenn es eine Fake-Burg war, und wurden behandelt wie die Elite. Wie einer der ehemaligen „Junker“ bei einem späteren Besuch einmal sagte: „Hier hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein eigenes Bett.“ Da war es nicht so schlimm, den Schlafsaal mit 19 Kameraden teilen zu müssen.

Von den drei Ausbildungsjahren hatte ein jedes sein eigenes Motto. In der Ordensburg Krössinsee ging es hauptsächlich um Sport.

Der zweite Ausbildungsabschnitt in Vogelsang diente der ideologischen Bildung, wobei hier auch noch verdächtig viele Sportstätten, Rennbahnen und Schwimmbäder herumstehen. Zu viel Theorie konnte der sogenannten Elite anscheinend nicht zugemutet werden. Der dritte Ausbildungsabschnitt in Sonthofen stand unter dem Motto „Opferbereitschaft“.

Krössinsee und Sonthofen werden noch heute als Kasernen der polnischen Streitkräfte bzw. der Bundeswehr genutzt, womit Vogelsang die einzige frei zugängliche ehemalige NS-Ordensburg ist. Aber auch das erst seit 2006; bis dahin war es eine belgische Kaserne.

So überdimensioniert die Anlage Vogelsang auch erscheint und den Besucher durch ihre Wucht und Monstrosität fast erschlägt: Was man hier sieht, ist nur 30% dessen, was eigentlich geplant war. Es fehlen das 2000-Betten-Hotel, das größte Sportstadion Europas (das würde die UEFA freuen), ein Reitstadion, ein Flugplatz sowie eine 100 m hohe Bibliothek, genannt Haus des Wissens, ausgelegt mit schwarzem Marmor, so dass Besucher das Gefühl haben würden, über die Flure zu schweben.

Architekt war Clemens Klotz, der mit dem Spruch „nicht kleckern, sondern klotzen“ bleibenden Eingang in die deutsche Sprache gefunden hat. (Er war auch der Architekt beim Seebad Prora.) Nach 1945 baute er noch ein paar Wohn- und Geschäftshäuser, bekam aber nie mehr so viel Beton in die Hände wie bei seinen Großprojekten.

Willy Meller hingegen, der Bildhauer, der neben weiterer Nazi-Kunst den Fackelträger entwarf, konnte sich wie so viele Deutsche schnell anpassen. Für das Palais Schaumburg funktionierte er seine Reichsadler zum Bundesadler um. Außerdem baute er plötzlich Mahnmale für die Opfer des Zweiten Weltkriegs sowie für den Widerstand gegen die NS-Diktatur. Wie Max Czollek schreibt: Wenn es in der Bundesrepublik Deutschland ein Beispiel für gelungene Integration gibt, dann ist es die Integration der ehemaligen Nazis in die Nachkriegsgesellschaft.

Der Fackelträger ist, weil das Gelände frei zugänglich ist, noch immer ein Anziehungspunkt für Neonazis, die regelmäßig Geschenke, Grablichter und anderes Gruselzeug hinterlassen.

Diese späten Bewunderer der Ordensburgen wissen wahrscheinlich gar nicht, dass dies eine Geschichte vom Scheitern hochfliegender Pläne ist. Nicht nur blieben Abschluss, Ziel und Funktion der Ausbildung immer schwammig und unbestimmt. Nachdem Vogelsang 1936 die ersten Männer aufnahm, wurden die Tore 1939 schon wieder geschlossen. Kein einziger Schulungsteilnehmer durchlief wie geplant das gesamte Programm. Die Männer wurden im Krieg benötigt, wo sogenannte Ordensjunker an etwa 300.000 Mordtaten beteiligt waren, das Baumaterial am Westwall.

Zur Verantwortung gezogen wurden nur wenige von ihnen. In der Ausstellung und in der Führung werden exemplarisch einige „Karrieren“ dargestellt. Das Verdrängenwollen durch Gesellschaft und Justiz in Nachkriegsdeutschland und -österreich ist offensichtlich. Robert Ley, der mit einem Blick feststellen konnte, wer ein harter, deutscher Mann ist, erhängte sich am Spülkasten der Toilette in Nürnberg.

Herr Spekl entschuldigt sich, dass er die Führung um 30 Minuten überzogen hat, dabei hat sich keiner der Teilnehmer darüber beschwert. Ich könnte noch stundenlang zuhören und streune nach Auflösung der Gruppe allein über das Gelände. Ich vergesse die Zeit, denn als ich nach Hause trampen will, merke ich, dass hier heute niemand mehr vorbeikommt. Auch an der Tankstelle scheint schon lange Büroschluss zu sein.

Schade. Mit einem der alten Schlitten wäre ich gerne mitgefahren, egal wohin. Zum Glück erwische ich noch den letzten Bus.

Zurück in Bad Münstereifel, erschöpft, ratlos, den Kopf voller Informationen, Gedanken und Fragen, will ich nur mehr eine Currywurst. Während ich auf deren Zubereitung warte, schweifen meine Augen auf die umliegenden Geschäfte – und können nicht fassen, was sie sehen: Ein Modegeschäft, benannt nach Robert Ley. Unbekümmert tragen die Kundinnen Einkaufstüten mit dem Namen des hochrangigen Nazis aus dem Laden.

Praktische Hinweise:

  • Der Komplex Vogelsang ist so groß (und größenwahnsinnig), dass Ihr für den Besuch mindestens einen halben Tag einplanen solltet.
  • Die Wanderung von Gemünd dauert ca. zwei Stunden und ist bis auf den sehr steilen Anstieg am Ende ganz gemütlich.
  • Wer nicht wandern will, kann trampen, autofahren oder den Bus Nr. 82 von Gemünd oder Nr. 63 von Aachen über Simmerath nehmen.
  • Wie Ihr wahrscheinlich bemerkt habt, kann ich die etwa 90-minütige Geländeführung absolut empfehlen. Vorher oder danach kann man sich auf dem Gelände aber auch frei bewegen. Dazu muss man nicht einmal Eintritt bezahlen.

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Vor hundert Jahren bewahrte der Alkohol den Weltfrieden – Juni 1921: Åland

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Wo einst Hannibal mit seinem Elefanten Gassi ging, verlaufen heute die Autobahnen nach Italien.

Wo die Römer nicht mehr expandieren wollten und eine Mauer zu den Nachbarn hochzogen, streiten sich heute Schotten und Engländer oder Flamen und Wallonen genau entlang dieser willkürlichen Linien.

Der Westfälische Friede, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete, legte – unter anderem – die noch heute gültige Grenzziehung zwischen Aldi Nord und Aldi Süd fest.

Der Zweite Weltkrieg führte zur Teilung Deutschlands und Europas. Teilungen, die trotz ihrer Überwindung noch immer nachwirken.

Geschichte ist für mich dort am interessantesten, wo sie ins Hier und Jetzt wirkt. Und deshalb werfe ich in dieser kleinen Reihe „Vor hundert Jahren …“ gerne den Blick auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Denn, so wichtig die oben erwähnten Ereignisse alle waren: Die Landkarte Europas und des Nahen Ostens, wie wir sie heute kennen, wurde maßgeblich nach dem Ersten Weltkrieg gezeichnet. Ein paar Staaten, die in jener Zeit entstanden: Irland, Estland, Lettland, Litauen, Jugoslawien, Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, Syrien, Irak, Jordanien und – entscheidend für diese Episode – Finnland.

Das ist alles zu viel für einen kleinen Blog, also konzentrieren wir uns – wie so oft -auf einen Nebenschauplatz: Über Jahrhunderte hatten Wikinger, Schweden, Finnen, Dänen, Russen, Franzosen und Deutsche um die Åland-Inseln gestritten. Die liegen zwischen Schweden und Finnland, und wenn Ihr noch nie davon gehört habt, ist das in Ordnung. Den Blick auf die übersehenen Kapitel der Weltgeschichte zu werfen, ist schließlich das Ziel dieser Reihe.

Warum man um ein paar kleine Inselchen mit Kiefern und Elchen Kriege führen muss, weiß ich nicht. Schließlich war der Tourismus damals noch nicht erfunden, die 6757 felsigen Inseln mithin nutzlos.

Die Ausgangslage im Ersten Weltkrieg war, dass die Åland-Inseln – wie ganz Finnland – zu Russland gehörten. Am 6. Dezember 1917 waren die Finnen dermaßen enttäuscht, nichts in ihren Nikolausstiefeln vorzufinden, dass sie die Unabhängigkeit erklärten. (Dabei handelte es sich um ein Missverständnis aufgrund des in Russland verwendeten julianischen Kalenders, der zwei Wochen nachgeht.)

Aber Finnland ist Finnland und kann nicht einfach friedlich unabhängig werden. Nein, es brauchte 1918 einen komplizierten Bürgerkrieg, über den Ihr nachlesen könnt, wenn Ihr ähnliches Kopfweh bekommen wollt wie vom Verzehr eines Hektoliters Finnland-Wodka in einer finnischen Sauna, in der Euch der finnische Bademeister mit finnischem Birkenreisig verprügelt, während er finnischen Heavy Metal grölt.

Das Tohuwabohu – übrigens ein finnisches Wort, wie Ihr unschwer erkennen könnt – schwappte auf die Åland-Inseln über, und mit ihm die verschiedenen Bürgerkriegsparteien. Aber die größte Gefahr kam aus Schweden, das nach der positiven Erfahrung im Dreißigjährigen Krieg keinesfalls wollte, dass der Erste Weltkrieg nach nur vier mickrigen Jahren schon wieder vorbei war. Am 20. Februar 1918 besetzten schwedische Kriegsschiffe die Åland-Inseln, angeblich zum Schutz der dortigen Bevölkerung, die angeblich Schwedisch sprach. Da nie jemand die Inseln besuchte, konnte das nicht unabhängig überprüft werden.

Finnland bzw. eine der Bürgerkriegsparteien hatte sich gefragt „Wer ist noch schärfer auf Krieg als die Schweden?“ und bat die Deutschen um Hilfe. Deutschland, das 1918 mit dem Weltkrieg auch nicht so ganz ausgelastet war, sagte sofort zu. Schon am 5. März 1918 landeten deutsche Truppen auf Åland und vertrieben die Schweden.

Aber – so ist das, wenn man die Deutschen einlädt – die Inseln waren den Germanen zu klein und zu wenig. Sie besetzten lieber gleich ganz Finnland und wollten Prinz Friedrich Karl von Hessen-Kassel-Rumpenheim als finnischen König installieren. Der schaffte es allerdings bis Ende 1918 nicht, den finnischen Amtseid auswendig zu lernen (es ist auch eine schwere Sprache, zugegeben) und verzichtete am 14. Dezember 1918 schließlich entnervt auf den Thron. So wurden die Finnen eine Republik und leben glücklich bis heute und in alle Zeiten.

Nach der Revolution in Deutschland im November 1918 zogen die deutschen Truppen aus Finnland und von den Åland-Inseln ab.

Ihr ahnt schon, was jetzt kam. Genau: die Schweden. Sie gaben einfach nicht auf. Schweden unterstützte Separatisten auf Åland, überschwemmte Finnland mit beim ersten Rausch zusammenbrechenden Sperrholzmöbeln und versuchte 1919, bei der Friedenskonferenz von Versailles die Åland-Inseln zugesprochen zu bekommen. Ohne Erfolg. Schweden rüstete auf und war bereit, zum Äußersten zu gehen.

Der atomare Inselkrieg wurde in letzter Minute verhindert durch eine erst im Jahr zuvor gegründete und segensreiche Institution: den Völkerbund, so etwas wie der Vorläufer der UNO. Der entschied am 24. Juni 1921 – und damit sind wir endlich beim hundertjährigen Jubiläum -, dass die Åland-Inseln bei Finnland verbleiben, aber wegen der ganz überwiegend schwedischsprachigen Bevölkerung einen Autonomie- und Sonderstatus erhalten sollen. Seither ist Åland zwar irgendwie Teil Finnlands, aber mit Schwedisch als einziger Amtssprache, mit eigenem Parlament und eigenen Briefmarken, ohne finnische Militärpräsenz, mit eingeschränkten Rechten für nicht aus Åland stammende finnische Staatsbürger (z.B. beim Grunderwerb oder der Unternehmensgründung) und Steuerfreiheit für Alkohol.

Der letzte Punkt war der eigentliche Grund, warum Finnland die einschneidenden Bedingungen des Völkerbundes akzeptierte. Zwar hat Finnland praktisch die Kontrolle über die Inseln aufgegeben, aber dafür können auch Finnen auf der Fahrt mit der Fähre nach Åland steuerfrei trinken. Bei 6757 Inseln kann man den ganzen Urlaub so verbringen.

Womit bewiesen ist: Alkohol ist gut für die Diplomatie. – Kein Wunder, dass gerade die Antialkoholiker wie Saudi-Arabien und Iran immer wieder Ärger auf der Weltbühne bereiten.


Die Åland-Folge sollte eigentlich eine Episode der Reihe „Vor hundert Jahren …“ sein, die ich mit einer Reise verknüpfe. Aber nach aktueller Planung werde ich erst im Herbst in Stockholm weilen. Ab Oktober hätte ich dann Zeit, diese autonomen Inseln zu erkunden. Also, falls jemand von dort mitliest, gebt Bescheid! Gerne würde ich meinen Bericht über die Åland-Inseln auf fundiertere Füße stellen. Und dazu nimmt Euer reisender Reporter sogar die beschwerlichsten Reisen auf sich.

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Sekundärtugenden

Bei einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen in Österreich las ich an einer der Häftlingsbaracken diesen Spruch:

Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland.

Das ist an so einem Ort – die Heinrich Himmler zugeschriebene Parole ist auch in Dachau, Sachsenhausen und Neuengamme zu finden – an Zynismus kaum zu übertreffen.

Daran muss ich immer denken, wenn mir die kleinbürgerlich-spießige Verherrlichung von Sekundärtugenden wie Ordnung, Fleiß oder Sauberkeit sauer aufstößt. Allenthalben begegnet man ihnen, den Menschen, die öfter ihr Auto waschen als ein Buch lesen. Die peinlich darauf bedacht sind, dass ihre Wohnung picobello sauber ist, aber sich nicht stören, wenn in jener Wohnung rassistischer Unsinn gefaselt wird. Die Diktaturen loben, weil dort die Straßen so sauber sind. Und all die oberflächlich-dämlichen Lebensregeln, denen man bei Instagraph, LinkedIn und Jordan Peterson begegnet.

Den Leuten, die auf Letzteres stehen, könnte man wahrscheinlich sogar obigen Spruch unterjubeln, ohne dass sie es merken.

Nein danke, ich bleibe lieber ungehorsam, faul, trinke von Zeit zu Zeit, und lasse Schreibtisch, Wohnung und mein Leben unaufgeräumt. Und das Vaterland, das kann mir sowieso gestohlen bleiben.

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