Belgien geht in die Verlängerung

Wer das Wetter in Belgien kennt, versteht, warum alle Belgier in den Ferien verreisen wollen. Das schafft Nachfrage nach Haushütern und Katzensittern.

Deshalb habe ich unmittelbar nach dem Housesitting in Antwerpen einen Nachfolgeauftrag erhalten, der mich bis Anfang September nach Brüssel, in unser aller europäische Hauptstadt geführt hat.

Am letzten Tag in Brüssel klingelte es an der Tür. Wider Erwarten waren es weder die Zeugen Jehovas, noch die belgische Spionageabwehr (die zum Glück auch schon im Urlaub war), sondern ein Herr, der sich als Vertreter des „Belgisch-Königlich-Föderalen Kommission für die Wahrung der gleichmäßigen Berücksichtigung aller Regionen und Gemeinschaften Belgiens“ vorstellte. Er hatte eine Visitenkarte, die man ausklappen musste, um alles – natürlich dreisprachig – lesen zu können.

„Guten Tag, bonjour, goedendag,“ begann er, was ich für die deutschen Leser im Folgenden abkürzen werde, „uns ist zu Augen und Ohren gekommen, dass ein weltbekannter Blogger in Belgien weilt, um auf belgische Katzen aufzupassen.“

„Ja“, gab ich zu, denn Bestreiten wäre zwecklos gewesen.

„Sie waren in Antwerpen?“

„Ja.“

„Und jetzt in Brüssel?“

„Offensichtlich“, denn dort befanden wir uns.

„Haben Sie schon den deutschsprachigen Teil Belgiens kennengelernt?“ fragte er streng.

„Ja,“ erklärte ich freudig, „ich war einige Tage in Kelmis. Und in Eupen.“

„Und, denken Sie nicht, dass da noch etwas fehlt?“ Man sah, dass er gerne Lehrer geworden wäre, um Schüler zu piesacken, die Pelleas und Melisande nicht auswendig aufsagen konnten.

„Da fehlt noch etliches. Natürlich möchte ich auch mal nach Mechelen, Gent, Löwen, Brügge und so weiter. Es gibt noch so viele faszinierende Orte in Belgien.“

Der Herr konnt sich nicht mehr ruhig halten: „Was würden Sie davon halten, wenn jemand über Deutschland schreiben würde, obwohl er nur in Bayern war?“

„Ich bin aus Bayern“, klärte ich ihn auf.

„Oder nur in Sachsen?“

Jetzt verstand ich.

Aber sicherheitshalber erklärte er es dem dämlichen Ausländer: „Belgien besteht aus drei Gemeinschaften und drei Regionen: die Flämische Gemeinschaft, die Französische Gemeinschaft, die Deutsche Gemeinschaft, die Flämische Region, die Wallonische Region und die Region Brüssel-Hauptstadt. Soweit ich das sehe, waren Sie bisher in der Hauptstadt, in der Flämischen Gemeinschaft, der Flämischen Region, der Deutschen Gemeinschaft, auch der Wallonischen Region, zu der die Deutsche Gemeinschaft nämlich gehört,“ – ich konnte ihm nicht mehr folgen – „aber noch nicht in der Französischen Gemeinschaft.“ Es klang wie der Vorwurf an einen Vater von sechs Kindern, dass er sich um eines davon noch nie gekümmert hätte.

„Aber hier in Brüssel spricht man doch auch Französisch“, warf ich ein.

„Brüssel-Hauptstadt hat einen Sonderstatus! Es ist das einzige zweisprachige Gebiet Belgiens. Jedenfalls, als Kommissar für die Sicherstellung der gleichmäßigen internationalen Berichterstattung über die Regionen und Gemeinschaften Belgiens ist es meine Aufgabe, Ihnen höflich aber deutlich nahezulegen, dass Sie sich nach flämischen und hauptstädtischen Katzen auch um wallonische Katzen zu kümmern haben.“

„Ja, das mache ich gerne“, sagte ich, erleichtert, dass meine unbeabsichtigte Diskriminierung fast der Hälfte des Landes auf so angenehme Weise aus der Welt zu schaffen war. „Könnten Sie mir helfen, einen entsprechenden Auftrag zu finden? Ab morgen bin ich frei.“

„Für die Einheit Belgiens machen wir alles!“ Der Kommissar, von dem sich herausstellte, dass er wegen der verzögerten Regierungsbildung derzeit nur kommissarischer Katzenkommissar ist, war fortan sehr freundlich und hilfsbereit. Nach der Erfahrung in zwei Großstädten bat ich, zur Abwechslung und Erholung im Grünen arbeiten zu dürfen.

Noch am gleichen Abend bekam ich die Mitteilung, dass ich mich am nächsten Tag in Chastre, einem kleinen Ort in der Wallonie, einzufinden habe, wo ich bis Ende September auf zwei junge Katzen mit den jegliche Sprachenpolitik transzendierenden Namen Rock & Roll aufpassen werde.

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Die Katzen verstecken sich irgendwo im Garten und spielen Gitarre.

Das mache ich gerne.

Aber ich bin froh, dass der Kongo nicht mehr belgisch ist.

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Wanzenplage

Das Schöne am Housesitting ist nicht nur, dass ich relativ kostenlos längere Zeit an Orten verbringen kann, die ich mir selbst nicht leisten könnte, und dass ich so ein bisschen Ruhe in mein ansonsten ständig weltreisen müssendes Leben bringe, sondern auch, dass bis vor kurzem vollkommen fremde Menschen mir ihr Haus und ihre Katze anvertrauen.

Dachte ich.

Bis ich ein Gerät entdeckte, das sich feige hinter einem Feigenbaum versteckte.

Feigenbaum

So eine Tarnung täuscht jedoch keinen Meisterspion.

Sofort war mir klar, womit ich es hier zu tun hatte: einem dieser Abhörgeräte, das sich Leute, die vom Thermomix und vom Rasenmähroboter schon gelangweilt sind, zum vergangenen Weihnachten selbst gekauft hatten. Denn, so denkt der Bünzlibürger, besser etwas Unnötiges kaufen, als das Geld zu spenden oder gar – welch schreckliche Vorstellung – weniger zu arbeiten.

Natürlich wusste ich mir zu helfen. Genauso wie ich es bei einem unerwünschten menschlichen Sowjetspion gemacht hätte, stülpte ich dem Elektronikteil einen Sack über den Kopf, gab ihm noch einen Tritt auf die Nüsse und steckte es dann in die Tiefkühltruhe. Da kann sich Alexa oder Siri gerne mit den gefrorenen Garnelen unterhalten.

In dem Roman Die Zwölf Stühle fragt Ostap Bender immer wieder rhetorisch „Wollen Sie vielleicht noch den Schlüssel zu der Wohnung, wo das Geld liegt?“, wenn er mit unverschämten Forderungen konfrontiert wird. Mir scheint, dass viele Menschen sehr gerne sehr viel mehr von sich preisgeben, wenn auch nicht zwischenmenschlich, so doch gegenüber milliardenschwerden, steuerhinterziehenden, datensammelnden und gesetzesbrechenden Unternehmen. Und wofür? Damit sie sich vor den Nachbarn oder den Schwiegereltern einmal zum Affen machen können, wenn sie vorführen, dass der Befehl „Alexa, öffne die Garage“ das Garagentor öffnet. Früher hätte man stolz einen Haussklaven präsentiert. Nur dass der nicht jedes Wort, jedes Niesen und jedes Stöhnen aufgezeichnet, gespeichert und ausgewertet hätte.

Am Tag vor der Abreise werde ich das Spionagegerät wieder auftauen und, die Stimme der Eigentümer imitierend, bei Amazon 12.000 Rollen Toilettenpapier bestellen.

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Große Träume

Ich traf mich auf ein Date mit einem Mädchen, was natürlich ein Fehler war.

Während wir in ihrem VW Golf durch Wien fuhren, an grünen Ampeln hielten und bei roten durchfuhren, stellte sie mir eine ziemlich persönliche Frage: „Was sind die nächsten Ziele in deinem Leben?“

„Diesen Abend ohne Unfall zu überleben“, dachte ich, aber entschied mich zu einer ernsthaften Antwort.

„Oh, es gibt so vieles, was ich noch tun möchte: die längstmögliche Zugreise um die halbe Welt, für ein paar Jahre nach Bolivien ziehen, Geschichte studieren, zu Fuß den Titicaca-See umrunden, Bücher schreiben, Russisch lernen, die Alpen überqueren, promovieren, ein halbes Jahr ohne Internet leben, nach Kirgistan reisen, der Fremdenlegion beitreten, …“

Ihre Augen wurden müde, bemerkte ich, und da sie am Steuer saß, brach ich den Satz vorzeitig ab. „Und du?“ fragte ich mit einem ermutigenden Lächeln.

„Ich suche nach einer Arbeit, wo ich mehr Geld verdiene, so dass ich eine größere Wohnung mieten kann. Und ich würde gerne einen VW Polo kaufen. Den neuen.“ Und, wie wenn das ihre Entscheidung begründen würde: „In weiß!“


Manchmal werde ich gefragt, was denn mit der Gesellschaft passierte, wenn jeder so wie ich leben würde und keiner regelmäßigen Arbeit nachginge, ja so wenig wie möglich arbeitete.

Darüber muss sich niemand sorgen. Denn nach meiner Erfahrung ist die große Mehrheit der Menschen ganz erpicht darauf, ihre Zeit und ihre Energie, in anderen Worten ihr Leben, zu verkaufen, um mehr zu verdienen, mehr auszugeben und mehr zu kaufen und damit Unternehmer, Arbeitgeber und Vermieter immer reicher werden zu lassen.

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Für ein perfekts Leben braucht man wahrscheinlich noch so ein hässliches Haus.

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“Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte”

12740Der Sammelband, herausgegeben von Christian Heilbronn, Doron Rabinovici und Natan Sznaider und erschienen bei Suhrkamp 2019, ist die Neuauflage eines Sammelbandes von 2004. Etliche der Autoren haben ihre damaligen Beiträge um 2018 geschriebene Postskripta ergänzt, wobei diese ausnahmslos ein Anwachsen des Antisemitismus seit 2004 feststellen. Dazu sind neuere Aufsätze gekommen, so dass auch aktuelle Themen behandelt werden. Die 18 Beiträge nehmen nur selten ausdrücklich aufeinander Bezug, können also auch separat gelesen werden.

Obwohl es natürlich rote Fäden gibt, die sich durch mehrere Beiträge ziehen, werde ich im folgenden jeden einzelnen Artikel kurz vorstellen und gegebenenfalls bewerten.

Omer Bartov (S. 28-62) schlägt unter Verweis auf Hitlers “Zweites Buch” den Bogen von der damaligen Brandmarkung des “Internationalismus” als einer jüdische Verschwörung zur Erringung der Weltherrschaft (S. 33) zur heutigen obsessiven Fixierung auf den angeblichen weltweiten Einfluss von Juden auf Kultur, Politik und Wirtschaft (S. 39). Außerdem werde nicht nur der Staat Israel, sondern alle Israelis als Übeltäter angesehen, und alle Juden als potentielle Israelis (S. 39). Das gehe bis zur Behauptung, Israel beginge ähnliche Verbrechen wie die Nazis (S. 40), womit sich der Antisemitismus selbst als Antinazismus präsentieren kann (S. 44).

Tony Judt (S. 63-72) hingegen betont den Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus. Den Grund dafür, dass letzterer in Feindschaft auch gegen nicht-israelische Juden umschlage, sieht er in dem Anspruch Israels, für alle Juden zu sprechen (S. 69). Israel habe somit selbst erheblich zum Wiederaufleben des Antisemitismus beigetragen; ein Ergebnis womit viele israelische Politiker keineswegs unglücklich seien, führe es doch zu vermehrter Einwanderung europäischer Juden (S. 69).

Natürlich gibt es einen dementsprechenden Zusammenhang, schließlich kocht der Antisemitismus immer besonders hoch, wenn gerade wieder Krieg in Gaza ist, aber das den “Hauptgrund” (S. 70) für Antisemitismus zu nennen, halte ich für gewagt. Bei allen anderen Nationen gelingt es uns ja auch mühelos, das Verhalten eines Staates nicht einzelnen Bürgern desselben, geschweige denn Nicht-Bürgern, anzulasten. Brasilianer werden gewöhnlich nicht aufgefordert, sich für die Abholzung des Regenwaldes zu rechtfertigen. Nur Juden aus aller Welt müssen sich für Israel rechtfertigen, auch wenn sie nie dort gelebt haben.

Zum Ende greift Judt dann sogar noch in die Mottenkiste antisemitischer Weltverschwörungsklischees: Nichtjuden seien durch moralische Erpressung durch Zionisten angreifbar, die amerikanische Außenpolitik sei verpfändet an Israel, und Europäer können Israel nicht ohne schlechtes Gewissen verurteilen (S. 71). Damit verliert der Beitrag an Überzeugungskraft.

Noch enttäuschender ist der Beitrag von Judith Butler (S. 73-91), den sie hauptsächlich der Boykottbewegung BDS (für “Boycott, Divestment and Sanctions”) widmet. Laut ihr tritt die BDS-Bewegung dem Antisemitismus entgegen (S. 76), und die Motivation, sich der Bewegung anzuschließen, entstünde nicht aus einem Hass auf das jüdische Volk (S. 80). Der Antisemitismusvorwurf sei mittlerweile vollkommen entwertet, weil er sich hauptsächlich gegen jene richten würde, die Israel kritisch gegenüberstehen (S. 74, 87).

Letztere Behauptung finde ich falsch, und die Darstellung der BDS-Bewegung halte ich für naiv. Man muss sich nur die Redner und Parolen auf BDS-Veranstaltungen ansehen und anhören oder auf den entsprechenden Internetseiten stöbern, um zu erkennen, dass sich unter dem Banner der Israelkritik eine ganze Menge Antisemiten austoben. Außerdem sind die Boykottaufrufe nicht beschränkt auf Unternehmen, sondern erstrecken sich auf israelische Künstler und Akademiker, von denen viele der israelischen Politik kritisch gegenüberstehen.

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Gerd Koenen (S. 92-127) bietet einen historischen Überblick seit dem 19. Jahrhundert. Interessant fand ich den Hinweis auf den sowjetischen Antizionismus, der während des Kalten Kriegs in nationale Befreiungsbewegungen und sozialistische Staatsparteien der Dritten Welt, aber auch in die Linke des Westens nach 1968 exportiert wurde (S. 102-104). Letzteres koinzidierte mit der Entidealisierung Israels nach dem Sechstagekrieg von 1967, mit dem sich das Israelbild der bundesdeutschen Linken vom sozialistischen Kibbuz-Staat zum Kolonialstaat wandelte (S. 108). 

Koenen betont die Kontinuität des Antisemitismus, weil die Tabuisierung des Antisemitismus in Westdeutschland ohne wirkliche geistige oder moralische Läuterung geschah, und ein Fundus diffuser Ressentiments verblieb, der jederzeit reaktivierbar sei (S. 123). In einer meiner Meinung nach realistischeren Einschätzung der BDS-Bewegung erwähnt er diese als Beispiel dafür (S. 125). Andererseits verweist er auch darauf, dass manche Israel-Solidarisierer in die anti-islamische und rechte Ecke abrutschen (zB Henryk Broder, S. 125).

Sina Arnold (S. 128-158) hat empirische Forschung zur Einstellung von Geflüchteten aus mehrheitlich muslimischen Ländern durchgeführt. Bei solchen Jugendlichen findet sie relativ häufiger antisemitische Einstellungen, wobei es große Unterschiede je nach Bildung, Eltern und Herkunftsland gibt (S. 131). So identifizieren sich zB Araber stärker mit Palästinensern und positionieren sich damit gegen Israel als nicht-arabische Muslime (Kurden, Iraner, Afghanen; S. 142-143). Die Auszüge aus den Interviews offenbaren die gesamte Bandbreite vom Hass auf Juden bis zur Anerkennung von Juden als ganz normalen Menschen ohne spezifisch jüdische Charaktereigenschaften. 

Arnold sieht die Gefahr, dass unter Verweis auf den “importierten Antisemitismus” einerseits eine heterogene Gruppe pauschalisiert wird und andererseits die Vorurteile in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verharmlost werden (S. 138), obwohl 2017 ganze 94% der antisemitischen Straftaten in Deutschland von politisch rechts motivierten Tätern begangen wurden (S. 137). Interessant fand ich in dem insgesamt sehr differenzierenden Aufsatz den Hinweis auf die ähnliche Dynamik bei Homophobie und Sexismus (S. 139).

Michel Wieviorka (S. 159-181) stellt die Situation in Frankreich dar und betont, dass Antisemitismus nichts damit zu tun hat, was Juden tun oder wie sie leben (S. 161). Wie in anderen Ländern auch, werden die Juden mit Israel assoziiert, so dass es Wellen des Antisemitismus gibt, zB beim Libanonfeldzug 1982 und während der Zweiten Intifada 2000-2005 (S. 165, 169-170). Dies beträfe allerdings nur antisemitische Handlungen; antisemitische Vorurteile von Geld- und Machtkonzentration seien zeitlich konstant und umso häufiger anzufinden, je weiter rechts eine Person stünde (S. 174-175).

Unter Verweis auf den Propagandasender Zeesen und Amin el-Husseini zeigt Matthias Küntzel (S. 182-218) den starken deutschen Einfluss auf den arabischen Antisemitismus. Dem Judenbild des Islam wären der rassistisch motivierte Antisemitismus oder die Weltverschwörungslegende fremd gewesen (S. 188), aber ab 1937 entdeckte das Deutsche Reich die Araber als Verbündete (S. 186) und begann mit Propaganda und finanzieller Unterstützung für die Muslimbruderschaft. Nach 1945 folgte dort jedoch keine Entnazifizierung (S. 196), so dass der einmal gesäte Antisemitismus zusammen mit dem Wunsch zur Liquidierung Israels zu einem gefährlichen Mix wurde, dessen Komponenten sich gegenseitig bedingen. Küntzel kritisiert die deutsche Außenpolitik, die im Nahen Osten noch immer von den Sympathien zehrt, die aus der Zeit vor 1945 stammen (S. 203), was viele deutsche Nahost-Reisende anhand persönlicher Anekdoten bestätigen können.

Wenn heutzutage der “importierte Antisemitismus” arabischer Einwanderer thematisiert wird, muss man also genau genommen von einem Re-Import sprechen.

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Auf einen anderen Teil des Nahen Ostens, in den Iran, blickt Katajun Amirpur (S. 219-251). In diesem sehr differenzierten und sprach- und kulturwissenschaftlich bereicherten Aufsatz stellt sie Persien und den Iran einerseits als Heimat und Zufluchtsort Zehntausender Juden vor, weist aber auch auf teilweise tief verankerten historischen Antisemitismus hin (S. 221). Besonders interessant fand ich hier die Hinweise auf Schriftsteller wie Hafis (S. 224) und Rumi (S. 225), die im Iran noch immer gelesen werden. Auch wenn in anderen Ländern die Literatur aus dem 12. Jahrhundert keine so große Rolle mehr spielt, so wäre die Darstellung von Juden in der Literatur anderer Sprachen durchaus auch von Interesse.

Das besondere am Iran ist der Rassismus vieler Iraner, die sich selbst als Arier sehen (S. 227), gegen die Araber. Die antisemitische Komponente des Hasses auf Araber wandte sich in der Folge auch gegen Juden (S. 228). Andererseits wollte Reza Schah trotz seiner Sympathien für Nazi-Deutschland die persischen Juden vom Antisemitismus der Nazis ausgenommen wissen, weil sie mit den europäischen Juden gar nichts zu tun hätten (S. 227). Bis 1979 bestanden hervorragende Verbindungen zwischen dem Iran und Israel, auch dank der gemeinsamen Feindschaft zu den arabischen Staaten (S. 228).

Wichtig finde ich den Hinweis von Amirpur auf andere religiöse Minderheiten, die im Iran ebenfalls diskriminiert werden (S. 232), am schlimmsten die Bahai (S. 240-241). Diese vergleichende Perspektive fehlt in den anderen Aufsätzen, obwohl zB der Aufsatz über Ungarn von einem Vergleich mit den Einstellungen gegenüber den Roma profitiert hätte.

Ian Buruma (S. 252-275) nimmt sich der Vorstellung an, israelische Interessen stünden im Mittelpunkt des Weltgeschehens und insbesondere der amerikanischen Außenpolitik. Er weist auf die natürliche Affinität westlicher Staaten zu Israel als demokratischem, marktwirtschaftlich und europäisch geprägten Staat hin. Dies habe nichts mit dem Judentum zu tun. In den USA sei insbesondere die Gruppe der “christlichen Zionisten” zahlenmäßig wesentlich stärker und habe viel mehr Einfluss bei republikanischen Politikern (S. 256).

Außerdem waren die USA nicht immer an der Seite Israels, am deutlichsten erkennbar in der Suez-Krise von 1956 (S. 258). Es war schließlich der Kalte Krieg, der nach 1967 den Weg für enge Beziehungen zwischen den USA und Israel ebnete (S. 262).

András Kovács (S. 276-309) untersucht den postkommunistischen Antisemitismus am Beispiel Ungarn. Antisemitische Ansichten zu äußern sei zwar während des Kommunismus verboten gewesen, dennoch wirkten auch nach 1945 antijüdische Ressentiments weiter, vor allem gegen Juden, die Entschädigungsforderungen stellten (S. 279-280). Die kommunistischen Parteien konnten sich keiner offen antisemitischen Sprache bedienen, so dass Codeworte wie “Zionisten”, “Kosmopoliten” oder “Bourgeoisie” verwendet wurden (S. 281), die Vorurteile und Stereotypen blieben aber die gleichen. Kovács argumentiert insofern gegen die “Deep-Freeze”-Theorie, derzufolge Rassismus und Antisemitismus während des Kommunismus verboten wurden, aber in der Verdrängung weiterlebten (S. 304).

Mit Polen beschäftigen sich die Aufsätze von Rafał Pankowski (S. 310-340) und Jan Gross (S. 341-348). Aufhänger ist das sog. Erinnerungsgesetz vom Januar 2018, nach dem es strafbar war, dem polnischen Staat oder der polnischen Nation eine Mitverantwortung an den NS-Verbrechen zuzuschreiben (S. 311). Das Gesetz wurde mittlerweile entschärft.

Pankowski führt aus, dass der begleitende Diskurs wesentlich problematischer war als das Gesetz selbst (S. 315), denn zeitgleich und seitdem wurden übelste antisemitische Aussagen von Politikern nicht mehr nur der extremen Rechten und von Journalisten geäußert (S. 315 ff.). Nicht nur wurde behauptet, dass die Juden den Holocaust monopolisieren und damit die nicht-jüdischen polnischen Opfer kleinreden würden (S. 320-321), sondern die polnischen Juden wurden auch als Kollaborateure und Denunzianten beschimpft (S. 323) und ihnen letztendlich die Schuld am Antisemitismus (S. 325) und sogar an den Verbrechen des Holocaust (S. 324) gegeben.

Gross, der Autor des Buches “Nachbarn: der Mord an den Juden von Jedwabne”, ergänzt die Darstellung um seine persönlichen Erfahrungen der Diffamierung. Zudem weist er darauf hin, dass das Erinnerungsgesetz im Zusammenhang mit der Zerschlagung der unabhängigen Judikative und der Übernahme der öffentlich-rechtlichen Medien durch die PiS-Regierung zu sehen ist (S. 347). Die Regierung wolle in allen Bereichen jegliche abweichende Meinung ausschalten.

Brian Klug (S. 349-365) und Anshel Pfeffer (S. 366-384) widmen sich den Antisemitismus-Vorwürfen gegen Jeremy Corbyn, dem Vorsitzenden der britischen Labour-Partei. Klug ist eher apologetisch, Pfeffer ziemlich anklagend, keiner von ihnen vollkommen sachlich.

Monika Schwarz-Friesel (S. 385-417) führte von 2007 bis 2018 eine Langzeitstudie über antisemitische Äußerungen im Internet durch. Israel steht dabei im besonderen Fokus der Kommentare, aber auch die alten Vorurteile und Verschwörungstheorien gegen Juden finden ihren Platz bzw. werden miteinander vermengt (S. 386-387). Israel nehme den Platz des “ewigen, bösen Juden” ein, der für alles Übel auf der Welt verantwortlich sei, so unlogisch und widersprüchlich die Anschuldigungen auch seien (S. 389). Im Internet fallen dabei alle Masken und Hemmungen, unter dem Schutz der Anonymität gibt es keine Selbstkontrolle mehr (S. 393). Die antisemitischen Äußerungen haben im Beobachtungszeitraum deutlich zugenommen (S. 396) und finden sich nicht nur auf den zu erwartenden Seiten über den Nahostkonflikt, sondern auch in den Kommentaren unter Reiseberichten nach Israel, Seiten über Flora und Fauna in Israel und Videos vom Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv. Antisemitismus ist im Internet omnipräsent (S. 394) und die Antisemiten sind hochgradig emotional, oft obsessiv, hasserfüllt und vollkommen fakten- und auch logikresistent (S. 403).

Ingrid Brodnig (S. 418-430) ergänzt diesen deprimierenden Befund, sucht aber auch nach Lösungen (ab S. 426). Sie sieht die digitalen Plattformen in der Pflicht, plädiert für persönliche Ansprache, und zwar am besten offline, weil dann die Diskussionen zivilisierter verlaufen, und schlägt vor, Humor als Reaktion insbesondere auf besonders krude Thesen nicht zu vernachlässigen.

Moshe Zimmermann (S. 431-458) erklärt wie Küntzel, dass Antisemitismus in der arabischen Welt nicht die gleiche Tradition wie im christlichen Europa hatte (S. 438). Erst mit der zionistischen Auswanderung wuchs der Konflikt zwischen Juden und Arabern. Die arabische Welt suchte nach Argumenten gegen die Zionisten und fand diese teilweise im europäischen Antisemitismus (S. 439). Anders als Küntzel setzt Zimmermann das entscheidende Datum jedoch später, nämlich nach dem Sechstagekrieg von 1967 (S. 440).

Auch nach Dan Diner (S. 459-487) steht der Nahostkonflikt im Zentrum des neuen Antisemitismus. Die von ihm vorgeschlagene Lösung, den Antisemitismus zu bekämpfen, als ob es den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht gäbe (S. 483), halte ich deshalb nicht für realistisch.

Fazit:

Das Fragezeichen aus dem Titel kann man nach der Lektüre streichen. Daran, dass es den neuen Antisemitismus gibt, bestehen keine Zweifel, wobei dieser durchaus in einer Kontinuität zum traditionellen Antisemitismus steht. Gar nicht mehr so neu ist die inhaltliche Ausrichtung auf Israel, was allerdings oft eine Codierung darstellt und sich in Wirklichkeit gegen alle Juden richtet. Neu ist aber, dass antisemitische Vorurteile wieder von Regierungen und regierungsnahen Medien benutzt werden, zB in Ungarn, Polen und ganz aktuell Estland.

Warum in einem 2019 erschienenen deutschsprachigen Buch zum Thema Antisemitismus der AfD und der FPÖ keine eigenen Aufsätze gewidmet werden, bleibt mir aber schleierhaft.

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Nur eine Tasse Tee

Eigentlich ist es unerklärlich, dass Aachen mal so wichtig war. Karl der Große, Heiliges Römisches Reich, Krönungsort der Kaiser, und das alles in einer Stadt ohne Fluss. Ich bin nur ein paar Tage hier und kann deshalb nicht feststellen, ob sich das Nichtvorhandensein eines Wasserlaufs negativ auf die Romantikfähigkeit der Aachener auswirkt, kann mir aber durchaus vorstellen, dass die fehlende Möglichkeit, an etwas auf und ab zu schlendern, das gänzlich und offensichtlich unabhängig und unbeeindruckt von Sorgen, Plänen, Träumen und anderem menschlichen Schabernack geradewegs in die Nordsee oder das Schwarze Meer fließt, aufs Gemüt schlägt.

Die stolzen Einwohner Aachens behaupten, zumindest einen Bach zu haben. Als ich in die Straße kam, wo dieser angeblich fließt, habe ich ihn erst nicht erkannt, dann musste ich lachen. Ein Rinnsaal wie ein Abwasserkanal fließt zwischen Straße und Trottoir nach irgendwo, jedenfalls in kein Meer. Kein Wunder, dass sich die Römer den Germanen überlegen fühlten, als sie das sahen.

An diesem Möchtegernvenedig liegt das Café Einstein, das gerade recht kam, um meine vom deutsch-belgisch-niederländisch grenzüberschreitenden Wandern müden Füße auszuruhen. Außerdem verspricht der Name eine Ansammlung von Genies und Intellektuellen. Wenigstens ist es keines dieser nervigen Lokale, die Besucher mit schiefen, dafür aber umso lauteren Tönen beschallen. Es ist eher eins, wo verkappte Genies an wackeligen Tischen bei einem Bier über alles von Alemannia Aachen bis zur Rolle der Tuberkulose in der sowjetischen Literatur diskutieren.

An einem der anderen Tische vor dem Café saß, ebenfalls allein, eine Dame und orderte eine Tasse Tee. Das war ein durchaus nachvollziehbarer Wunsch, denn an diesem letzten Juliabend hatte es deutlich abgekühlt, und die ansonsten ubiquitäre Wetterjammerei blieb nur deshalb aus, weil die Menschen in den Wochen zuvor zu spüren bekommen hatten, dass die globale Erwärmung nicht nur für Inselbewohner vor der Küste Bangladeschs tödlich sein würde, was, wenn man ehrlich ist, den meisten hierzulande ziemlich egal ist, sondern dass sie sich jetzt erdreistet, auch für die Bewohner Mitteleuropas unangenehm zu werden.

Vielleicht war der Dame auch kühl, weil sie nur ein Kleid trug, ein sehr elegantes, gar nicht aufdringliches, aber dafür umso attraktiveres. Wie eine Schauspielerin sah sie aus, aber sie war keine, zumindest keine bekannte, denn wenn ich sie schon einmal gesehen hätte, so hätte ich mir ihren Namen gemerkt, um mir alles von ihr anzusehen, selbst wenn sie in Vampirfilmen oder Arztserien mitgespielt hätte, auch wenn ich das, ohne sie zu kennen, für unterhalb ihrer Würde befunden hätte.

Sie war ganz in schwarz gekleidet, möglicherweise war sie also gerade Witwe geworden, obwohl sie nicht im typischen Witwenalter, sondern eher in der Blüte des Lebens stand. Wahrscheinlich war ihr Mann gerade erschossen worden, und sie musste den Abend kurzfristig außer Haus verbringen, während die Blutfecken in der Wohnung überpinselt wurden. Aber das würde ich nie erfahren, denn dass ich sie mit meinen Wanderschuhen und einem ungebügelten Hemd nicht ansprechen konnte, war klar.

Erst nachträglich bei der Niederschrift des vor Tagen erlebten, mir aber seither nicht aus dem Kopf gegangenen, fällt mir auf, dass sie nicht, wie es Unsitte geworden ist, etwas möglichst kompliziertes, eingebildet individuelles, vorgeblich weltmännisches wie „Kirschblütentee mit Ingwersalz, aber bitte in einer Keramiktasse und nur dreieinhalb Minuten ziehen lassen“ bestellte, sondern einfach nur „eine Tasse Tee“. Dennoch wurde der Wunsch von der Kellnerin schroff abschlägig beschieden.

„Ich habe die Kaffeemaschine schon gereinigt.“

Warum man das Stunden vor dem Absperren des Lokals macht, verstehen wohl nur Menschen in einem hauptsächlich biertrinkenden Land. Den Zusammenhang zwischen der dem übertriebenen Putzfimmel zum Opfer gefallenen Kaffeemaschine und einer Tasse Tee versteht jedoch überhaupt niemand.

Auch die wahrlich nicht komplizierte Kundin hakte nach, ganz unaufdringlich, wie um – sicher trotz besseren Wissens – zu implizieren, dass sie sich vielleicht missverständlich ausgedrückt hatte.

„Oh, ich wollte keinen Kaffee. Nur einen Tee.“

Jetzt erklärte die Serviererin, die anscheinend lieber nichts servierte, warum das auf keinen Fall möglich sei.

„Das Wasser für den Tee läuft durch die gleiche Maschine, verstehen Sie? Das geht heute nicht mehr.“ Sie war schon unwirsch geworden, vielleicht weil sie, wenn sie schon beim Thema Wasser war, darüber nachgedacht hatte, wie schön es wäre, am Rhein oder an der Wolga zu wohnen.

„Das ist Deutschland“, dachte ich. Ein Land, in dem in der Gastwirtschaft tätige Personen, die dafür wahrscheinlich eine dreijährige Ausbildung durchlaufen, Prüfungen bestanden und Diplome erworben haben, gar nicht mehr realisieren, dass man für Tee einfach nur einen Topf Wasser auf den Herd stellen muss, anstatt irgendwelche Knöpfe an komplizierten und überteuerten Maschinen zu drücken. Oder die nicht verstehen, dass selbst eine gereinigte Maschine durch das Kochen von Wasser nicht verunreinigt, sondern allenfalls noch mehr gereinigt wird. Und warum schafft sich eine Kneipe keinen Wasserkocher für ein paar Euro an? Jeder Student hat so etwas auf der Bude.

Die Dame, die nichts Heißes mehr bekam, tat mir leid. Sie ließ sich nichts anmerken, worin sich wiederum ihre Weltläufigkeit zeigte, denn dass jemand dieser Erscheinung und Wirkung nicht von hier, sondern wahrscheinlich aus Paris, aus Mailand oder aus dem Märchen kam, dessen war ich mir sicher. Aber als sich unsere Blicke streiften, nur einmal, aber auf so folgenreiche Weise, entfuhr ihr ein kurzes Lächeln, wohl wegen der Absurdität der Situation, das mich so elektrisierte, dass ich keinen Tee zum Aufwärmen und keinen Kaffee zum Wachbleiben mehr brauchte. Sie war wirklich außerordentlich bezaubernd, aber trug ihre Schönheit mit einer Nonchalance, wie wenn sie einfach jeden Morgen so perfekt aufwachte. Und diese dunklen Augen, die – aber halt, Ihr wolltet eigentlich mehr über den Tee erfahren.

Tee ist doch wirklich das einfachste der Welt: heißes Wasser und ein Beutel rein. Ich habe ihn schon im Gebirge gekocht, auf dem Feuer. Eine der ersten Fähigkeiten, die man im Gefängnis lernt, ist es, sich aus Draht einen Tauchsieder zu basteln, mit dem man Strom für den Tee abzapft. In Eisenbahnwaggons steht ein Samowar, der allzeit heißes Wasser spendet. Selbst in Workuta gab es Tee.

Seither muss ich jedes Mal, wenn ich mir eine Tasse Tee zubereite, an die unbekannte Frau denken. Und bald kommt der Herbst.

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Nächste Reise: Antwerpen

Und schon wieder hat sich eine Katze gemeldet, die von mir gehütet werden will. Diesmal in Antwerpen in Belgien.

Das mache ich natürlich gerne, denn in Antwerpen war ich noch nie, und eigentlich kenne ich von Belgien nur die EU-Institutionen. Jetzt werde ich vom 2. bis zum 17. August die Gelegenheit haben, eine der traditionsreichen flämischen Handelsstädte kennenzulernen.

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Die Katze, genannt Loes, hat alles so perfekt geplant, dass ich sowohl für die lange Museumsnacht als auch für den „Sommer von Antwerpen“ in der Stadt sein werde.

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Und als Geschichtsstudent will ich natürlich auch die nahegelegenen Gedenkstätten im Fort Breendonk und in der Kaserne Dossin besuchen.

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Da zeichnet sich schon jetzt ab, dass die zwei Wochen kaum reichen werden. Danach muss ich auf einen Auftrag in einem abgeschiedenen Dorf hoffen, so dass ich ohne weitere Ablenkungen zur Niederschrift des Erlebten kommen werde.

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Mein säkularer Sabbat

Den Lesern dieses Blogs wird nicht entgangen sein, dass ich radikaler Atheist bin. Aber eine religiöse Idee gibt es, die ich gerne übernehme, wenn auch in weltlicher Version.

Es ist die Idee des Sabbat, des siebten Tages der Woche, den man in Ruhe zu verbringen hat anstatt sich abzuschuften. Ich verwende den jüdischen Begriff dafür, weil es wohl der bekannteste ist, aber viele andere Religionen haben ähnliche Regeln/Empfehlungen im Siebentagesrhythmus, vom buddhistischen Uposatha bis zu den sich sogar danach benennenden Adventisten des Siebenten Tags.

Die Bibel sagt, dass man kein Schaf scheren und kein Feld pflügen soll, aber da dies im Leben der meisten zeitgenössischen Gläubigen keine Bedeutung entfaltet, ist der Spielraum für Auslegungen eröffnet. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass Theologie in vieler Hinsicht wie Jura ist, nur ohne die demokratische Legitimation? In der heutigen Zeit scheint sich der Streit darauf zu fokussieren, ob man am Sabbat ein Auto fahren oder Elektrizität benutzen darf.

Ich jedoch bin weder an die Bibel noch an Interpretationen davon gebunden. Es gibt keine Götter, die ich besänftigen muss. Ich habe die Idee nur zugunsten meiner eigenen geistigen Gesundheit übernommen.

Was mache ich also an meinem Sabbat?

Erstens: keine Arbeit. Die meisten werden jetzt antworten, „ach, das mache ich doch schon. Ich habe Samstag und Sonntag frei.“ Aber das ist nicht, was ich meine. Schließlich arbeite ich selbst nicht einmal regelmäßig und definitv weniger als fünf Tage pro Woche. Ich meine: nicht einmal an die Arbeit denken! Und das ist ein großer Unterschied.

In der Praxis bedeutet das: An meinem Sabbat lese ich keine E-Mails, ich schalte das Telefon aus, ich lese keine arbeitsbezogenen Unterlagen, ich werde nicht versuchen, neue Kunden oder Aufräge an Land zu ziehen, ich werde nicht einmal an die Arbeit denken.

Das zweite Elemten, und es hilft enorm beim Erreichen des ersten Ziels, ist es, den Tag in der Natur zu verbringen. Es muss gar nicht weit weg sein, auch nichts Besonders. Normalerweise gehe ich einfach zur Tür hinaus und wandere durch die Wälder und über die Felder bis es dunkel wird. Wenn ich dächte, dass ich nicht so weit gehen möchte, würde ich mich an einen See setzen und dort ein Buch lesen (aber bitte nichts über Selbstoptimierung oder Marketing oder etwas anderes, mit dem Ihr Euch besser verkaufen wollt).

Zur Zeit lebe ich in einem kleinen Dorf in Deutschland, da ist das natürlich leichter möglich als in Istanbul, das gebe ich schon zu. Aber immer wenn ich in Städten gelebt habe, habe ich einfach den Bus bis an den Stadtrand genommen und bin von dort losgelaufen. Manchmal nehme ich auch den Zug in eine etwa 30 km entfernte Stadt und gehe zu Fuß zurück nach Hause. Die Entfernung ist dabei wirklich egal, denn es ist kein Sportfest und kein Wettbewerb. Vielmehr geht es darum, das Gehirn von all dem Krempel freizubekommen. Und Ihr werdet überrascht sein, wie beruhigend so ein Tag in der Natur ist.

hobo

Der dritte Punkt ist vielleicht sogar der wichtigste: kein Internet. Ich wache an solchen Tagen auf, packe meinen Rucksack und gehe aus dem Haus, ohne dass ich meine E-Mails, Facebook oder Twitter gelesen hätte. Wenn Euch diese Vorstellung ein Problem bereitet, dann seid Ihr süchtig. Die meisten von uns sind es. Aber wenn Ihr dann draußen seid, die verschiedenen Grüntöne genießt, dem Singen der Vögel lauscht, an den frischen Blumen riecht, oder Euch mit einem Bauern auf dem Feld unterhaltet, dann werdet Ihr die Freiheit verspüren, die sich erst einstellt, wenn man nicht mit Milliarden von Menschen gleichzeitig verbunden ist. Denkt dran, bis vor etwa zwanzig Jahren haben wir alle immer ohne Internet gelebt. Und es hat super funktioniert.

Auch wenn Ihr Euch nichts aus Natur macht, könnt Ihr den dritten Punkt befolgen. Dann geht Ihr eben in ein Museum. Oder in die Bibliothek. Oder zum Angeln. Oder Ihr umrundet mit dem Fahrrad einmal die Insel. Theoretisch kann man das natürlich auch zuhause durchziehen und den ganzen Tag Gitarre spielen oder russische Romane lesen. Aber daheim gibt es zu viele Ablenkungen, finde ich. Da steht ein Fernseher, da ist der Computer, da liegt das Telefon. Und im Nu hat einem die gedankenlose Zeitverschwendung schon wieder einen Tag geraubt.

Die drei wichtigsten Lektionen eines internetfreien Tages sind Folgende: (1) Ich brauche Twitter oder Facebook nicht wirklich, ja nicht einmal die Nachrichten. Wenn ich an solchen Tagen nach Hause komme, merke ich erst, wie viel man eigentlich von einem Tag hat, wenn man nicht ständig online ist. (2) Genausowenig braucht man mich oder meine Meinung. Die Welt läuft auch ohne meinen Beitrag weiter, genauso gut oder genauso schlecht. Ich bin wirklich vollkommen unwichtig. (3) Ohne ständige Ablenkungen und Unterbrechungen kann ich tiefgründige Gedanken anstellen, über größere Zusammenhänge nachdenken, einfach mal anders denken. Ich habe den Eindruck, dass ich dann qualitativer denke, da nicht jeder Gedankengang alle paar Minuten von einem neuen Tweet oder dem Fiepen des Telefons unterbrochen wird.

Hut von hinten Sierra Maria

Euch ist wahrscheinlich schon aufgefallen, dass ich solchen Aktivitäten am liebsten allein nachgehe, aber das muss nicht sein. Ehrlich gesagt, wenn ich mir viele Paare und Familien so ansehe und bemerke, wie wenig sie untereinander und mit ihren Kindern kommunizieren im Vergleich zu der Zeit und Aufmerksamkeit, die sie elektronischen Geräten widmen, dann wäre es vielleicht ganz gesund, einen Tag draußen zu verbringen, nur Ihr beide, ohne dass Ihr Euch Gedanken um die Likes auf Instagraph macht und Euch stattdessen am Anblick eines Eichhörnchens erfreut. Wenn Euch diese Vorstellung mehr beunruhigt als begeistert, ist es sowieso an der Zeit, die Beziehung zu beenden.

Trotz all meiner Skepsis gegenüber der Technik mache ich eine Ausnahme, wenn ich in einer Landschaft spazierengehe, die ich schon kenne und wo mich wenig überraschen wird. Ich nehme einen MP3-Spieler mit, mit nur einem Kopfhörer, denn ein Ohr sollte immer der Natur gehören. Der wichtige Unterschied zu einem Telefon oder dem Internet ist, dass ich vorab entscheide, was ich mir anhöre. Ich werde nicht von Link zu Link geleitet, sondern ich wähle bewusst aus. Ich höre dann Podcasts über die Antarktis-Expedition von Ernest Shackleton oder über Pierre Bourdieu, anstatt  meine Zeit mit den Fotos anderer Menschen von ihren Hunden, ihren Kindern, ihrem Frühstück oder von sich selbst im Bikini zu verschwenden. Auch versuche ich, aktuelle Politik zu vermeiden, weil vieles davon in sechs Monaten nicht mehr relevant sein wird.

Für all das habe ich keinen festen Tag in der Woche. Manchmal fällt es auf das Wochenende, manchmal nehme ich mir den freien Tag unter der Woche, je nachdem, wo ich gerade bin, was ich zu tun habe und natürlich abhängig vom Wetter. Aber es ist der eine Tag der Woche, auf den ich mich immer freue. Es ist ein Genuss, unproduktiv zu sein. Schließlich sind wir Menschen, keine Maschinen.

Wo ich jetzt darüber nachdenke, sollte ich diese Routine eigentlich auf eine Woche pro Monat ausweiten.

Pause

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