Auf den Spuren des Königs (Tag 3) Ammersee

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Auf langen Wanderungen breche ich gerne früh auf. Die Luft ist noch kühl, es herrscht weniger todbringender Autoverkehr, und es bleibt mehr Muße für Pausen unterwegs.

Aber Reinhard schläft lange, und ich will mich nicht aus dem Staub machen, ohne mich zu verabschieden. Ein paar Stunden nach mir wacht er auf, geht zum Bäcker, macht ein Frühstück, und die Diskussion vom Vorabend geht weiter, so dass ich erst um 10:45 die Stiefel schnüre. Meine Ziele heute waren eigentlich Dießen, Raisting, Wessobrunn und Paterzell. Das ist nicht mehr zu schaffen.

Andererseits habe ich sowieso keine Übernachtungen mehr fixiert, kann also so langsam pilgern wie ich möchte und abends einfach umfallen, wo es mir der Heilige Geist gerade befiehlt.

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Außerdem kann ich ein wenig schummeln. In Fischen habe ich kaum meinen Rucksack von den Schultern genommen und den Daumen rausgestreckt, um die 4 km nach Dießen abzukürzen, schon hält das erste Auto. Zwar nicht wegen mir, sondern weil der Tochter des Fahrers der Schnuller rausgefallen ist. Aber als er sieht, wie dankbar ich bin, dass er gehalten hat, bittet er mich, neben dem Baby auf dem Rücksitz Platz zu nehmen.

„Wo soll ich Sie absetzen?“ fragt der Papa.

Ich brauche erst einmal Zeit zum Schreiben, um die Erlebnisse des Vortages zu Papier zu bringen, bevor sich neue in mein Gedächtnis drängen und sich womöglich noch vermengen, verblassen oder gar verloren gehen.

„Gibt es einen schönen Park in Dießen?“ frage ich deshalb.

„Einen Park? Nein. Dießen ist ein kleines Nest.“

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Na gut, dann eben zum Hafen am Ammersee, da kann man auch entspannt schreiben.

Hier weht ein blauer Punkt auf weißem Grund, die „One World Flag“, ein weltumspannendes Projekt, dessen Flaggen in Dießen genäht werden. Das passt zu meinem Blog, der auch auf allen Kontinenten gelesen wird.

Außer mir sitzt hier ein älteres Ehepaar, das die Schwäne mit Hundefutter anlockt, während ihr kleiner Hund traurig herumstreunt und sich fragt, wieso er nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt. Wenn die Schwäne nicht schnell genug Futter bekommen, fauchen sie ganz fuchtig. Nur die Beobachtung durch die Passanten hält sie davon ab, ihre eigenen flauschigen Jungen zu verspeisen. Um diese barbarischen Bestien für tolle Tiere zu halten, muss man schon so durchgeknallt sein wie Ludwig II.

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Ein kleiner Spaziergang offenbart, dass Dießen durchaus kein langweiliges Nest, sondern ein stilvolles Städtchen mit einer Unmenge an Kunst und Kultur ist.

Die Gärten, ja selbst die Hinterhöfe, wirken wie Freiluftmuseen. Ein Holzkasten zum Deponieren von Haikus steht bereit. Sogar das ehemalige Bahn-Stellwerk wurde zur Kunstgalerie umgewidmet. Viele Bewohner sind anscheinend gerade im Sommerurlaub und haben holzgeschnitzte Stellvertreter im Garten platziert, die derweil auf die Katzen aufpassen. (Viele Leute wissen nicht, dass ich diese systemrelevante Dienstleistung ganz professionell, aber auch ganz unbezahlt anbiete, und insbesondere in einem schönen Städtchen wie Dießen jederzeit zur Verfügung stehe.)

Schon seit Jahrhunderten ist Dießen bekannt für Kunst und Handwerk. Früher waren es die Hafner, Glaser, Zinngießer, Kunstschmiede und Töpfer. Aber auch Komponisten wie Carl Orff oder Maler wie Carl Spitzweg lebten und arbeiteten hier. Hier ist mehr Kunst als in manchen Weltstädten.

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Dießen hat erkennbar eine ganz andere Bevölkerung als Starnberg. Normaler. Angenehmer. Sozialer auch, denn statt Versace-Läden gibt es hier Second-Hand-Basare des Roten Kreuzes und anderer gemeinnütziger Einrichtungen. Hier wird gespendet. Bei den Millionären in Starnberg wird betrogen und steuerhinterzogen.

Der Ammersee wurde oft abwertend „Bauernsee“ genannt, im Gegensatz zu dem als „Fürstensee“ titulierten Starnberger See. Ich kann zwar selbst kaum eine Kartoffel von einem Kürbis unterscheiden, aber ich fühle mich bei den Bauern wohler.

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Auch der Circus William, der für ein paar Tage in der Stadt gastiert, bittet um Spenden: „Tierfutter für 40 Kamele“ steht an Zäunen und Laternenpfosten, jeweils mit einer Spendenbox.

Die Dönermeister wetzen schon die Messer für den Fall, dass eines der Kamele verendet.

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Die britische Telefonzelle, die zu einem Bücherschrank umfunktioniert wurde, ist wahrscheinlich eine Spende der Partnerstadt Windermere. Das hübsche Städtchen am Ammersee und der schnuckelige Ort im Lake District, das ist endlich mal eine Städtepartnerschaft, die Sinn ergibt. Nicht so verzweifelt wie Rostock, das sich an Rijeka ranschmeißt. Oder Saarbrücken, das glaubt, in der gleichen Liga wie Tiflis zu spielen.

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Dießen erkennt man schon von weitem an dem auf einem Hügel thronenden Marienmünster. Die Kirche ist bekannt als eine der prächtigsten in Bayern, also fühle ich gegenüber den bildungshungrigen Lesern die Verpflichtung, mich bergauf zu schieben.

Na gut, prächtig ist sie wirklich, aber stilvoll ist etwas anderes.

Die deutsch-nationalen Sprüche über den Listen der im Ersten Weltkrieg Gefallenen verstören mich zudem.

„Denn es ist uns besser, daß wir fallen im Kampfe, als daß wir sehen unseres Volkes Unglück.“

Nein, das ist nicht besser, denn es ist eine falsche Alternative. Vielleicht hat die Kirche es noch nicht gemerkt, aber das mit dem Kämpfen und Sterben war das Unglück. Und übrigens: Andere Völker haben auch ein Recht auf Glück, einschließlich der Verschonung vor dem Einmarsch deutscher Truppen, die in Belgien und anderswo wirklich nichts zu suchen hatten.

„Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung!“

Nein danke, ich erkenne da überhaupt nichts Nacheifernswertes.

Überall wird derzeit über Statuen von Sklavenhändlern, Kolonialherren, Konföderiertengenerälen und Kaiser Wilhelm II. diskutiert, aber in den Kirchen hängt so ein Stuss, dass einem schlecht wird. Da könnte man mit dem Aufräumen anfangen.

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Dann finde ich doch einen Park. Und was für einen! Der Schacky-Park ist mehr als hundert Jahre alt, und so sieht er aus. Treppenstufen sind abgebrochen und versinken im Boden. Pflanzenarme umranken Säulen. Die Springbrunnen sind versiegt.

Wunderbar! Viel besser als so piekfeine Pfriemelparks. Für mich ist das hier ein Paradies. Gut, dass der königliche Kämmerer Freiherr von Schacky ausreichend Taler für die Privatschatulle abgezweigt hat, um diese 18 Hektar zu erwerben, zu bebauen und anschließend romantisch verwildern, verwuchern und verfallen zu lassen.

Der Park am Stadtrand scheint tatsächlich vollkommen vergessen zu sein. Ich sehe keine anderen Spaziergänger, geschweige denn andere Vagabunden. Und damit ist der Schlafplatz für heute gefunden. Wenn ich erzähle, dass ich in Parks schlafe, stellen sich die Leute grausam kalte Nächte vor. Aber in manchen Parks fühlt man sich wie in einem Schloss. Einem Schloss nur für mich allein.

Aber was, wenn es regnet, fragen die besorgten Leser und Leserinnen, die sich noch an die gestrige Nacht (Kapitel 32) erinnern.

Da wird sich schon etwas finden, antworte ich sorglos und erkunde weiter den Park, bis sich tatsächlich etwas findet. Ein Monopteros!

Und sogar mit Vorhängen an allen Seiten, die man im Falle eines Sturmes oder sonstiger störender Ereignisse herunterlassen kann.

Diese Stadt ist so sozial, hier ist wirklich an alles gedacht, sogar für mittellose Durchreisende. Dankeschön!

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Auch an mittel- und elternlose Kinder ist gedacht. Gleich hinter dem Schacky-Park wurde 1958 das erste SOS-Kinderdorf in Deutschland eröffnet. Hier können die Waisenkinder leben, die es geschafft haben, sich aus den kindesmissbrauchenden Klosterschulen (siehe Kapitel 27) zu befreien.

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Ich verstaue meinen Rucksack in einem Gebüsch, wahrscheinlich eine vollkommen übertriebene Vorsichtsmaßnahme, gehe mir einen Kameldöner holen und lustwandele durch den Park, mich an die Geschichte der Schmuckeremiten erinnernd. Früher, als zu solchen Parks noch Schlösser gehörten, hielten es manche Schlossherren für schmuck (daher der Name), sich im Park einen Eremiten, also einen Einsiedler zu halten. Der sollte dann in einer (meist künstlichen) Höhle oder einer Hütte wohnen, durfte sich nicht rasieren und sorgte für Exotik und Gesprächsstoff bei Gartenpartys (also das, wozu man sich heutzutage Hunde oder Kinder hält).

Tja, früher, da gab es noch Arbeit für Menschen wie mich.

Aber jetzt, alles wegrationalisiert. Traurig.

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In meine Träumereien von alten Zeiten platzen ein Telefonanruf und die modernen Zeiten. Ein bisher nur aus dem Internet Bekannter, Michael aus Amberg, hat auf meinem Blog von der Wanderung gelesen und macht gerade Urlaub am Ammersee.

„Willst du mal vorbeikommen?“

„Gerne!“

Er wohnt allerdings in Breitbrunn und damit auf der anderen Seite des Ammersees, in vollkommen entgegengesetzter Richtung von der geplanten Wanderung.

„Dann nimm doch den Dampfer“, schlägt er vor. Der geht um 16 Uhr in Dießen und fährt im eineinhalbstündigen Zickzack über Riederau, Herrsching und Utting nach Breitbrunn. Das hört sich verlockender an, als um den ganzen See herumzuwandern. Und außerdem, so kann ich alle Entscheidungen rechtfertigen: Die Leserschaft will doch auch eine romantische Schiffsfahrt erleben und nicht nur meinen langweiligen Trippelschritten auf irgendwelchen Waldwegen folgen. Nicht wahr?

Allerdings geht an dem Tag kein Schiff mehr zurück. Also muss ich Michael, der sich wahrscheinlich nur auf ein Bier treffen wollte, frech um ein Nachtquartier fragen.

„Da wird uns schon etwas einfallen“, beruhigt er mich.

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Als ich außer Atem wenige Minuten vor der pünktlichen Abfahrt am Hafen eintreffe, bin ich sehr froh über diese Entscheidung. Denn sie erlaubt mir, Euch die Fahrt auf einem Schaufelraddampfer zu präsentieren.

Ein bildschönes Schiff, angetrieben von zwei hölzernen Rädern wie auf den Mississippi-Dampfern. Auch innen viel Holz. Die Wasserhähne im Bad sind vergoldet.

Nach 70 Jahren Pause ist es das erste Schaufelradschiff, das vom Stapel lief, verkündet der Kaleu stolz. Schade, was die Beschränkungen des Versailler Vertrags so alles an maritimer Innovation zum Maschinenstopp gebracht haben. Allerdings, gibt er zu, sieht das Schiff nur aus wie ein Dampfschiff. In Wirklichkeit werden die Schaufelräder von zwei Dieselmotoren mit je 520 PS angetrieben. Wenn man die Kapazität von 500 Passagieren bedenkt, ist das aber immer noch ein besseres Verhältnis von Aufwand und Ertrag als all die übermotorisierten fetten Fahrzeuge an Land.

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Über den Lautsprecher ertönen Informationen, wie man sie auf Schiffsausflügen eben bekommt und wie sie die täglichen Pendler schon nerven müssen: Drittgrößter See in Bayern. Bis zu 81 Meter tief. Irgendwas breit, irgendwas lang, 47 Quadratkilometer groß. Es gibt also Staaten, die sind kleiner als der Ammersee (Sint Maarten, Tuvalu, Nauru, Monaco und natürlich der Vatikan, aber das erzählt der Unterhaltungsoffizier nicht, vielleicht weil dieses Jahr keine Gäste aus Übersee an Bord sind.)

Weil weder ich noch Ihr etwas über die Würmeiszeit oder über endemische Kilche hören wollt, hole ich mir einen imaginierten Bierkrug aus dem geschlossenen Bordrestaurant und mache mich bereit, endlich die historischen Fragen zu beantworten, die Euch schon seit der ersten Etappe unter den Nägeln brennen und die mit jeder zusätzlichen Etappe wie Blasen unter den Füßen mehr drängen und drücken.

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Vom Schiff aus erblicke ich das Kloster Andechs, dem ich erst gestern einen Besuch abgestattet habe, und erinnere mich an das dort (Kapitel 24-26) gegebene Gelübde, etwas aus der guten alten Zeit der Säkularisation zu berichten.

Säkularisation bezeichnet die staatliche Einziehung kirchlichen Eigentums, meist von Grundbesitz und Klöstern, aber auch von Kunstschätzen oder Bibliotheken. Das ging bis zur Annexion und Einverleibung ganzer kirchlicher Fürstentümer.

Einzelne Bestrebungen dazu gab es schon vorher, aber ab 1802 machte Bayern richtig Tabula rasa. Fast alle Klöster, Hochstifte, Reichsabteien und Fürststifte wurden aufgelöst, ihr Eigentum wurde verstaatlicht. (Das war die Erfindung des Kommunismus, noch weit vor Marx und Lenin!) Nur einige Klöster wurden als sogenannte Aussterbeklöster belassen. Dort durften die bisherigen Mönche noch ergebnislos beten, aber das Kloster war vom Transfermarkt ausgeschlossen und konnte keine neuen Mitspieler aufnehmen.

Das Projekt wurde generalstabsmäßig durchgezogen. Zuerst waren die Klöster der Bettelorden dran, für die sich natürlich niemand einsetze. („Selbst schuld, dass sie arm sind“, denken Reiche oft über Arme.) In die reichen Prälatenorden entsandte Bayern Kommissare, die auflisteten, was alles an Gold, Weihrauch und Myrrhe da war. 1803 kam es zu dem zumindest dem Namen nach bekannten Reichsdeputationshauptschluss, in dem das Heilige Römische Reich den Gliedstaaten freie Hand gegenüber den Klöstern ließ. Bayern schlug sofort zu und enteignete gnadenlos wie das Landgewinnungskomitee zum Bau der Baikal-Amur-Magistrale. Ein Beweis, dass Beten nicht hilft.

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Nur leider hatte diese Säkularisation zwei Mängel:

Zum einen wurden nur die selbständigen Klöster und Fürstbischöfe enteignet, nicht aber die katholischen oder protestantischen Kirchen als solche. Die gewöhnlichen Pfarrkirchen und Kathedralen blieben also bestehen. Eine verpasste Chance.

Zweitens haben sich die Kirchen mittlerweile fette Entschädigungszahlungen für die einstigen Enteignungen gesichert. Ich könnte jetzt viel verwirren mit dem Konkordat zwischen dem Königreich Bayern und dem Heiligen Stuhl von 1817, warum Bayern die Bischöfe besoldet, dem Konkordat des Freistaats Bayern von 1924, der Einführung der Kirchensteuer, dem Konkordat des Deutschen Reichs von 1933, den Konkordatslehrstühlen, sowie der Frage, warum auch heute noch die Religionsverfassungsartikel der Weimarer Reichsverfassung gelten.

Artikel 138 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 verlangte, dass die Länder die Entschädigungszahlungen durch einmalige Zahlung ablösen, wofür das Deutsche Reich aber die Rahmengesetzgebung verabschieden sollte. Das geschah nie. Als 1949 das Grundgesetz die Möglichkeit zum Neuanfang gegeben hätte, war die Sache schon so unübersehbar kompliziert geworden, dass man in Artikel 140 des Grundgesetzes einfach die teilweise Weitergeltung der Weimarer Reichsverfassung anordnete und hoffte, dass es niemandem auffallen würde. Es scheint tatsächlich nie jemandem aufgefallen zu sein, denn auch in der Geschichte der Bundesrepublik kam es nie zu der geforderten Ablösung.

Und so zahlen deutsche Steuerzahler seit mehr als 100 Jahren Staatsleistungen an die katholischen und protestantischen Kirchen wegen der Säkularisation von vor 200 Jahren. Wohlgemerkt aus dem allgemeinen Steueraufkommen; das hat nichts mit der Kirchensteuer zu tun. Hier zahlen auch die Atheisten mit. Aber gut, in diesem Jahr sind es nur 656 Millionen Euro, und die Kirche revanchiert sich dafür, indem sie staatliche Behörden nicht mit Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs belastet, sondern die kriminellen Angelegenheiten kostengünstig intern klärt.

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Als das Schiff in Herrsching zum Zwischenstopp anlegt, sticht das Kurparkschlösschen ins Auge, das einem italienischen Adelspalast nachempfunden ist.

Heute beherbergt es die Volkshochschule, in der die Schlauen noch schlauer werden, und einen Trauungssaal, in dem sich die nicht so Schlauen ihr Leben versauen.

Ich könnte noch viel Schlaues erzählen, aber ich bin schlau genug, zu erkennen, wann die Aufnahmebreitschaft der schlauen Leserschaft erschöpft ist. Gucken wir also lieber auf den See, auf die Berge und in die Sonne, genießen das sanfte Tuckern auf diesem Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst, und freuen uns über die Einladung nach Breitbrunn.

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Michael lässt es sich nicht nehmen, mich schon am Bootssteg in Empfang zu nehmen, wo er mir eröffnet: „Meine Frau war gar nicht begeistert von der Idee, einen wildfremden Vagabunden einzuladen.“

Oje, das Paar ist selbst auf Urlaub, und jetzt funke ich mit meiner Landstreicherei dazwischen. Aber als die Frau des Hauses mich wenig später sieht, weicht ihre Furcht sogleich dem mütterlichen Instinkt, und sie bereitet Bratkartoffeln mit Spiegelei zu. Den ganzen Abend werde ich so viel Käse, Wurst und Brot gereicht bekommen, dass ich noch Tage davon zehren kann.

Ebenso zehren kann ich von der Unterhaltung mit Michael. Er hat ein vollgepacktes Leben, begutachtet Entwicklungshilfeprojekte in aller Welt, war als Kameramann bei der Fremdenlegion in Französisch Guyana, unterrichtet Fotografie auf Sri Lanka, hilft bei der Eingliederung von Geflüchteten in Amberg und fährt Essen für die Tafel aus. Alles mit der Effizienz eines Managers.

Die Stunden auf der Terrasse verrinnen, während wir uns in Erzählungen aus New York, Lagos und Wien verlieren. Michaels Frau hat sich schon zurückgezogen. Sie ruft ihn noch ein paarmal an, vorgeblich, um zu fragen, ob wir kulinarischen oder alkoholischen Nachschub benötigen, in Wirklichkeit wahrscheinlich, um zu sagen, dass wir endlich ruhig sein sollen, weil wir das ganze Haus wachhalten.

Apropos Haus: Auf dem Grundstück sind gleich zwei davon, so dass ich trotz meines ungeplanten Auftauchens eines für mich allein bekomme. Und zwar das ältere und schönere. Rustikal-stilvoll ist es eingerichtet, mit Holzboden, Eichenschränken und einer Terrasse mit Blick auf den See. Im Kühlschrank stehen Veuve Moreaux Champagner und Bombay Gin.

Und vor ein paar Stunden dachte ich noch, ich würde die Nacht im Park verbringen.

Eines der Bücher, die ich auf der Reise wieder lese, ist „Die Zeit der Gaben“ von Patrick Leigh Fermor, der auf seiner Wanderung durch Europa manchmal auf Fürstensitze und Schlösser eingeladen wurde. Zumindest heute ist mir das gleiche Glück hold.

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Morgen wird es nicht so locker.

Stattdessen erwarten Euch: Der härteste Tag der Wanderung, ein spukiger Friedhof und die Wahrheit über 5G.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 2) Kloster Andechs

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Yasmin und Basti leben vegan-gesund und haben anscheinend nur gesundheitsbewussten Besuch. Denn als ich zum Frühstück frage, ob sie eine Cola haben, freuen sie sich: „Oh, endlich kommt die Flasche Cola weg, die wir noch im Keller haben.“ Sie ist seit Mai 2018 abgelaufen, vor mehr als zwei Jahren. Wahrscheinlich war sie noch von der Abiturfeier übrig.

Den Rest der Flasche packen sie mit Bananen und Äpfeln zu einem Päckchen zusammen, das mich unterwegs stärken soll, und so verabschiede ich mich ausgeruht, gut gerüstet und frohen Mutes von den neuen Freunden.

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In Maising, dem nächsten Ort, wohnen Yasmins Eltern. Sie haben ihr schon erzählt, dass seit dem Coronavirus wesentlich mehr Wanderer unterwegs sind. „Anfangs trauten sie sich gar nicht mehr aus dem Haus. Sie dachten, all die Fremden brächten die Viren.“

Vielleicht sollte ich mit Mundschutz durchs Dorf gehen. Aber der Regenschutz ist dann doch wichtiger, wenn auch immer nur für ein paar Minuten zwischendurch.

Maising ist so ein unbedeutendes Dorf, dass es eine Tafel aufgestellt hat, die unter Verweis auf die erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1182, also zur Zeit der Kreuzzüge und des Gempei-Krieges, eine Bedeutung zu konstruieren versucht, die dem Dorf bei aller wohlmeindenen Gutmütigkeit einfach nicht zukommen will.

Immerhin erfahre ich anhand dieser Tafel, dass die General-Fellgiebel-Kaserne jetzt die Schule Informationstechnik der Bundeswehr beherbergt, was den sorglosen Umgang des Militärs mit den Spaziergängern in Kapitel 11 erklärt. Die größte Gefahr ist dort wahrscheinlich, dass man von computerspielenden Soldaten für ein Pokemon gehalten und kurzzeitig festgenommen wird.

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Hinter einer Reiterin auf einem Pferd trabt ein Hund hinterher, erschöpft, hechelnd, humpelnd. Und treu. Denn er könnte ja eigentlich zuhause bleiben. Er weiß doch, dass die Frau nach einer Stunde wieder zurückkommt.

Oder sind Hunde doch nicht so schlau wie Katzen?

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„Sind Sie Pilger?“

„Ein säkularer Pilger.“

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„Nimma lang“, Bayerisch für „nicht mehr lange“, verspricht ein Schild, dauere der Weg zum Kloster Andechs.

Aber heftig bergauf geht es. Ich komme so langsam voran auf den verbleibenden 5,8 km, dass ich wieder direkt in die Mittagshitze laufe. Wenn ich an das Kloster denke, habe ich keine Kirchen oder Mönche, sondern nur einen schattigen Biergarten im Kopf.

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Aber zuerst kommt ein Kapitel aus der beliebten Reihe „Der Schein trügt“. Seht Euch diese Fotos an:

JVA Rothenfeld (2)

Das ist doch idyllisch, oder?

Es ist ein Gefängnis.

In den Gebäuden der ehemals klösterlichen Erziehungsanstalt wohnen jetzt Hühner, Ziegen und Gefangene hinter den Gittern der JVA Rothenfeld.

Sehr unüberwindlich wirken die Zäune allerdings nicht. Wärter sind gar keine zu sehen. Das ist hier wohl nicht gerade der Hochsicherheitstrakt des bayerischen Justizvollzugs. Vielleicht für die Millionäre aus dem nahen Starnberg, die mit Betrug, Steuerhinterziehung und Untreue reich geworden sind, vermute ich.

Ein Fotografierverbot hindert mich an Nahaufnahmen. Obwohl, wenn man so ein Gefängnis sieht, will man fast Straftaten begehen, um dann in der Landsitzatmosphäre Bücher zu schreiben.

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Am Rande des Prisonsperimeters finde ich auch gleich den perfekten Schlafplatz: Eine Bank unter einem vor Sonne und Regen schützenden Blätterdach.

Leider ist es noch zu früh zum Schlafen. Aber Ausruhen vor dem Anstieg auf den Berg Andechs muss sein. In der kurzen Zeit der Pause erlebe ich tatsächlich alles von Sonne bis Regen. So wechselhaft wird sich das Wetter noch den ganzen Tag austoben.

Ein Paar kommt vorbei und leint seinen Hund freundlicherweise an, damit er mich weder frisst noch abschleckt.

Ich nütze die Gelegenheit, um zu fragen: „Wissen Sie, welche Sorte von Gefangenen in dem Gefängnis da drüben einsitzt?“

Sie wissen es: „Solche wie der Hoeneß.“

Na, da lag ich mit meiner Vermutung nicht weit daneben. Uli Hoeneß, der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende des FC Bayern München, hatte 28,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen. Ein anderer prominenter Häftling war Uwe Woitzig, ein Bankier, der wegen Betrugs in Höhe von mehreren hundert Millionen verurteilt wurde und über die Zeit in der Haft ein Buch schrieb.

In die JVA Rothenfeld kommen die Strafgefangenen gewöhnlich am Ende der Haftzeit, wenn sie schon Freigänger sind. Das bedeutet, dass sie tagsüber einer Arbeit nachgehen, zum Beispiel bei Fußballclubs, Banken oder anderen kriminellen Vereinigungen, und abends zum Schlafen ins Gefängnis zurückkehren. Für den Gerechtigkeitssinn wollen wir hoffen, dass diese Möglichkeit nicht nur Millionären offensteht. (Das kommt auf meine Liste von Dingen, die ich persönlich ausprobieren muss, um Euch zu berichten.)

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Der Weg nach Andechs ist am Ende einfach zu finden. Erstens thront das Kloster weit sichtbar auf einem Hügel, der wohl den Durst produzieren soll, der dann mit dem berühmten Klosterbier gestillt werden kann.

Zweitens wird der Weg durch einen Kreuzweg theologisch begleitet.

Der Kreuzweg ist fast so logisch durchnummeriert wie dieser Blog. Bei Station VII sinkt Jesus danieder. Erst der Hund, jetzt der Heiland, lauter erschöpfte Geschöpfe.

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Neben der Biermanufaktur betreibt das Kloster Andechs zwei teure Gaststätten, einen Laden, ein Drogengeschäft („Klosterapotheke“). Tja, wenn nicht so viele Leute aus der Kirche austräten, müssten sich die Mönche nicht so merkantilistisch betätigen.

Allerdings waren sie auch früher schon ziemlich materialistisch unterwegs. Im 9. Jahrhundert brachte der raffgierige Rasso Reliquien, also Raubkunst, aus dem Heiligen Land auf den Berg Andechs: ein Stück vom Kreuz Jesu, einen Teil der Dornenkrone und die Heiligen Drei Hostien. Spätestens seit 1128 sind Wallfahrten belegt, übrigens nicht freiwillig, sondern auf Befehl der Grafen von Andechs.

Damals gab es nämlich das Kloster noch nicht, sondern die Burg der Grafen von Andechs, die nicht nur über die Felder der Umgebung, sondern als Herzöge von Meranien, Dalmatien, Istrien und Kroatien bis zur Adria herrschten. Weil dort die Winter wärmer waren, wurden die uns schon aus Kapitel 3 bekannten Wittelsbacher neidisch, zerstörten 1246 die Burg und schnappten sich die Besitzungen.

Wenn nicht jemand die Alpen dazwischen gestellt hätte, könnte man vom Klostergarten noch immer bis nach Rijeka, zur diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt, gucken.

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Erst 1455 wurde Andechs zum Benediktinerkloster, allerdings schon bald sehr geschäftstüchtig, mit Brauerei, Biergarten und 100.000 Bratwurstpilgern pro Jahr.

Dreißigjähriger Krieg und Säkularisation dämpften den Zustrom und den Profit ein wenig. Und noch immer sieht der Klosterkomplex überdimensioniert aus. Ein Teil der Gebäude steht leer, traurig darüber, dass sich Menschen keinen Mumpitz von Heiligen Dornenkränzen mehr erzählen lassen. Der Biergarten, von dem ich schon stundenlang geträumt hatte, ist geschlossen. Auf dem Veranstaltungskalender für das Jahr 2020 kleben kleine Zettel: „Verschoben!“ und „Abgesagt!“

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Ach ja, manche Leute kommen wegen der Kirche hierher. Ich selbst bin eher ein Säkularisations- als ein Kirchenfreund, aber ich habe gehört, dass es Christen unter der Leserschaft gibt. Deshalb ein paar Fotos von und aus dem Haus mit dem Heiligen Turm.

Weil ich mich da nicht auskenne, erzähle ich nichts über Fresken und Rokoko und Hochaltäre. (Ein erleichtertes Aufatmen bei den Leserinnen und Lesern. – Aber ich habe nicht vergessen, dass ich zu passender Gelegenheit mal über die Säkularisation erzählen muss!)

Mich interessieren die Pilgertafeln, die frühere Wanderer mitgebracht haben. Diese Ecke in der Kirche ist sozusagen ein visuelles Gästebuch. Und, wie das bei Gästen so ist, keiner kommt ohne Hintergedanken. Sie wollen von Krankheiten geheilt werden. Sie wollen eine fette Ernte einfahren. Sie wollen die Lottozahlen im Voraus wissen.

Aber die Gäste werden geiziger und/oder ungeduldiger. Niemand bemalt mehr Holztäfelchen. Von den Pilgern des 20. Jahrhunderts hängen ein paar billige Holzkreuze hinter der Kirche.

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Im Eingangsbereich der Kirche fällt mir noch etwas auf.

In der ganzen Welt tobt zur Zeit die Diskussion, wie man mit nicht mehr zeitgemäßen Denkmälern umgehen soll. Statuen werden gestürzt, Straßennahmen geändert, und Menschen behaupten, zu verhungern, wenn sie statt eines Zigeunerschnitzels ein Paprikaschnitzel bestellen müssen.

Und wer mogelt sich wieder durch? Die Kirchen. Wie immer. Wie bei der Raubkunst aus Kapitel 23 halten die Kirchen einfach still und hoffen, dass gesellschaftliche Diskussionen an ihnen vorüberziehen. Sollen sich die Museen doch entschuldigen oder restituieren, die Kirche hält die Krallen auf dem geklauten Krempel. (Gut, wenn alle ihre Stücke vom angeblichen Kreuz Jesu zurück nach Jerusalem brächten, würde man auch schnell merken, dass die ganzen Holzsplitter hundert Kreuze ergeben, und die Scharlatanerie wäre entlarvt.)

Hier steht auf einem Kriegerdenkmal tatsächlich noch etwas von „Heldentod“ und „in Treue fest bis in den Tod“, anscheinend ein christlicher Märtyrerkult. Wenn so etwas in einer Moschee stünde, wäre schon lange der Verfassungsschutz da.

Klar, so war das halt nach dem Ersten Weltkrieg, aber muss man das deshalb ewig unkommentiert stehen lassen? Interessant finde ich auch, dass von „den lieben Kameraden, die als tapfere Bayern des Deutschen Namens Ehre und Bestand schützten“ die Rede ist. Ich weiß gar nicht, wie ich es mir bisher entgehen habe lassen können, von Bayerns Rolle in den deutschen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts zu sprechen.

Aber zuerst wird es noch verstörender in dieser Kirche der Geschichtsrevisionisten. Springen wir zum Zweiten Weltkrieg:

Aha. Der christliche Gott war also 1943 auf Seiten der Wehrmacht und half bei den Angriffskriegen, Massakern und Deportationen in Konzentrationslager. Oder was sonst soll „sichtbare Hilfe in Feindesland“ bedeuten? Und wenn es das Land „des Feindes“ ist, wieso bleibt man dann nicht einfach zuhause? Die Mönche können angeblich Bier brauen, aber Denken ist nicht ihre Stärke.

Lesen wir, was das Kloster selbst dazu schreibt:

„Die wirtschaftlich schwierigen 20er Jahre, Drittes Reich und Nachkriegszeit lasteten auf Abt Bonifaz Wöhrmüller (1919-1951).“

Ach ja, die armen deutschen Christen, so viel gelitten haben sie im 20. Jahrhundert!

„Die Wirtschaftsbetriebe waren neu zu strukturieren, Wallfahrt und Seelsorge forderten Kräfte und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ging die Zahl der Mönche und Mitarbeiter zurück.“

Ja, ja, die Wirtschaft! Nur ja nicht Nachdenken oder Reflektieren über Partizipation am Holocaust, über Mitschuld am Antisemitismus, über Arisierungsgewinne. Jammern über weniger Mönche, aber die Augen zugedrückt haben zum Konzentrationslager in Dachau mit seinen 169 Außenlagern, darunter welchen in dieser lieblichen Landschaft des Landkreises Starnberg.

Aber die Mönche hatten damals einfach Wichtigeres zu tun, das muss man verstehen:

„Trotz des Zweiten Weltkrieges wurden 1941/42 Stuck und Fresken der Wallfahrtskirche restauriert.“

Da wünscht man sich doch eine erneute Säkularisation!

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Während ich im Klostergarten eine Zigarre rauche und lese, die zwei Hauptgründe für mein langsames Vorankommen, sehe ich anscheinend wie ein wirklich armer Pilgerlandstreicher aus, denn eine Familie „vergisst“ demonstrativ aber unaufdringlich zwei Bananen auf der gegenüberliegenden Bank. Das rettet mich vor den wucherischen Wirtshäusern. Außerdem verspüre ich wenig Neigung, die Benediktiner zu alimentieren, damit die davon Schweigegelder an Opfer sexuellen Missbrauchs bezahlen.

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Beim Abstieg vom Kloster ins Kiental treffe ich zum ersten Mal auf eine echte Pilgerin. Sie geht zwar nicht ganz bis nach Spanien, aber so erfahre ich, dass der Münchner Jakobsweg sich weitgehend mit dem von mir beschrittenen König-Ludwig-Weg deckt, nur die profanen Schlösser am Ende auslässt und stattdessen nach Lindau abbiegt. Das ist ein ganzes Stück weiter als meine bescheidene Geburtstagswanderung, aber dafür ist sie schlauer, weil sie nur einen kleinen Rucksack hat und jetzt um 3 Uhr nachmittags ihre Tagesetappe schon beendet hat.

Wenn ich für die kommenden Tage keine Couchsurfing-Gastgeber mehr finde, werde ich frei von Zwängen und Absprachen, wirklich frei wie ein Vagabund sein und meinen Schritt wahrscheinlich auch verlangsamen. Es gibt hier so viele Orte, wo ich einfach stundenlang sitzen oder zufrieden einschlafen könnte. Das Kiental mit den hohen das Sonnenlicht abschirmenden aber gleichzeitig im saftigen Grün erglitzern lassenden Buchen und dem ewig rauschenden Bach in der bis zu 70 m tiefen Schlucht gehört dazu.

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Herrsching ist womöglich ganz hübsch, bezieht seinen ganzen Stolz aber aus einem S-Bahn-Anschluss nach München (praktisch für Leute, die die Wanderung wegen politisch-weltanschaulicher Differenzen jetzt abbrechen möchten) sowie aus der exakten Lage auf dem 48. nördlichen Breitengrad, womit sich die Stadt selbst in einer Reihe mit Ulan Bator, Le Mans und Donezk sieht.

Ach ja, einen See gibt es hier auch. Aber das ist der Ammersee und dazu morgen mehr.

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Als ich am Ortsrand von Herrsching vor Schloss Mühlfeld stehe und mich wundere, was das ist, verdunkelt sich der Himmel rasend schnell. (Später lese ich, dass es die Mönche von Andechs als Sommer-, Bade- und Partyschloss nutzten. Der Unterschied zwischen Adel und Klerus war gar nicht so groß.)

Anstatt die restlichen 6 km zu gehen, halte ich also den Daumen raus. Innerhalb von weniger als einer Minute hält ein Auto. Der junge Mann muss zwar eigentlich nicht nach Aidenried, aber er freut sich so, mal wieder einen Tramper zu sehen, dass er darauf besteht, mich dorthin zu fahren. Er ist früher selbst regelmäßig per Anhalter nach Innsbruck gefahren, weil er da eine Freundin hatte, und die Begegnung mit wildfremden Leuten hat ihm riesigen Spaß gemacht.

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Reinhard, mein Couchsurfing-Gastgeber, ist noch nicht zu Hause, also deponiere ich den Rucksack im Garten und gehe auf Erkundungstour durch das kleine Dorf. Falls er gar nicht mehr auftauchen sollte, muss ich mir schließlich einen alternativen Schlafplatz suchen.

Vor einem Bauernhaus steht eine luxuriöse Schlafschaukel, die wäre sicher gemütlich. Aber zu nahe am Haus.

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Oh, da drüben steht eine Kapelle unter einem großen Baum.

Und sogar eine große Bank ist da. Perfekt.

Wenn nur nicht just in diesem Moment alle Wolken sich öffnen würden. Eine Weile hält mich das Blätterdach trocken, doch nach wenigen Minuten ist es an hundert Stellen leck geschlagen.

In einem Garten unterhalb der Kapelle räumt eine Frau Schuhe und Wäsche in Sicherheit vor der Sintflut. Sie erblickt mich, ich winke, und sie ruft, dass ich doch runter auf die Terrasse kommen soll. Das ist aber nett! Sie bringt mir sogar noch ein Handtuch.

So sitze ich schon länger auf der Terrasse und hoffe, dass die Markise dem Unwetter standhält, als zwei kleine Mädchen um die Ecke kommen und mich erblicken.

„Hallo“, begrüße ich sie in ihrem eigenen Garten.

„Brauchen Sie etwas?“ fragt eine von ihnen ganz hilfsbereit.

„Oh, dankeschön,“ wiegele ich ab, „Eure Mutter hat mir schon so viel geholfen, indem sie mir erlaubt hat, hier den Regen zu überstehen.“

„Ach, unsere Mama weiß schon, dass Sie da sind?“

Es gibt also Familien, die ihre Kinder so erziehen, dass diese beim Anblick eines fremden Mannes in ihrem Garten nicht erschrecken, sondern Hilfe anbieten. Und so hat diese Familie aus Aidenried mich an diesem Tag nicht nur vor Durchnässung, Unterkühlung und dem Tod gerettet, sondern meinen Glauben an die Menschheit auf ein neues Niveau gehoben.

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Als die tiefhängenden und tiefschwarzen Wolken eine Verschnaufpause einlegen, laufe ich schnell zum Haus von Reinhard, das halb Baustelle, halb Museum ist.

Er hat noch zwei andere Gäste zu Besuch, so dass mir das Sofa im Wohnzimmer bleibt. Aber von hier aus habe ich einen wunderbaren Blick über den Ammersee, direkt auf den Sonnenuntergang, wenn es nicht noch grau und wolkig wäre. Hunderte von Büchern säumen das Zimmer. Hier könnte ich auftanken, wenn ich die mitgeschleppte Literatur schon verschlungen hätte.

Mit 78 Jahren ist Reinhard der älteste Couchsurfing-Gastgeber, bei dem ich je übernachtet habe. Er war Urologe und hat im Ruhestand sein schon in der Jugend entdecktes Talent zum Beruf gemacht. Er ging zur Ausbildung nach Indien und in die Marmorsteinbrüche von Da Nang in Vietnam, lernte neue Techniken, und seither bearbeitet der alte Mann, der in seiner Drahtigkeit an Clint Eastwood erinnert, Marmor, Granit und Quarzit zu Shivas, Sphinxen und Schwänen, letzteres eine nie abgeholte Bestellung von König Ludwig II. für Hohenschwangau oder Neuschwanstein.

Ältere Gastgeber sind toll, weil sie schon viel erlebt haben. Als ich vom Iran erzähle, springt er auf und holt ein Amulett aus dem Esszimmer: „Das ist für Imam Ali, das habe ich aus Isfahan mitgebracht.“ Noch zur Zeit des Königreichs Persien war er mit dem VW-Bus im Iran. Begeistert erlebt er wieder die frühe Reise, von den in Istanbul aufgegabelten Schwedinnen, die nach Indien wollten, und die er mitnahm, bis zu dem Überfallversuch im Hostel, wo sich die Diebe unter den Betten versteckt hatten und nachts hervorsprangen. Am Ende amüsierten sich Räuber und Überfallene zusammen über den unbewaffneten und harmlos verlaufenen Versuch der Vermögensverschiebung.

Als wir auf Vulkane zu sprechen kommen, springt er wieder auf und holt einen kanonenkugelgroßen Brocken vom Balkon: „Ein Lava-Auswurf vom Ätna. Ich bin mit dem Auto bis zum Kraterrand gefahren, um Lava für geologisch-bildhauerische Experimente abzuschöpfen.“ Dazu hatte er sich von einem Schmied extra eine Kelle mit einem mehrere Meter langen Stiel anfertigen lassen, die ihm dann von den Carabinieri mit vorgehaltener Waffe entwendet wurde, weil der Lavahandel in Sizilien anscheinend in festen und korrupten Händen liegt.

Wir sind nicht immer einer Meinung, weder politisch, noch was das Frauenbild angeht, bei dem der hauptsächlich an Formen und am Formen interessierte Bildhauer durchscheint, aber wir unterhalten uns bis spät in die Nacht.

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Vor der Wanderung wurde aus der fürsorglichen Fangemeinde Vorsicht vor Bären, Kälte, Hunger und Blasen angemahnt. Aber das gefährlichste passiert an jenem Abend, als ich ziemlich zügig in eine zu sauber geputzte Glastür laufe.

Zum Glück ist ein Arzt im Haus. „Nicht-dislozierte Nasenbeinkontusion“ diagnostiziert Reinhard und gibt mir auf, die kommenden Wochen nicht auf dem Bauch oder auf der Seite zu schlafen. Nach ein paar Tagen verging der Schmerz dann tatsächlich und ich trage die Nase noch immer unverwundet wie ein Boxer, dessen Stärke die Defensive ist.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 1) Starnberger See

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KLW-UebersichtIn Starnberg steige ich aus dem Zug, bereit trotz dröhnender Sonne und 30 Grad Mittagshitze, die etwa 5 km nach Berg, zum Anfang des König-Ludwig-Weges zu wandern. Jedes Jahr ziehe ich mich zu meinem Geburtstag zurück, am liebsten in die Ferne, gerne in die Natur, jedenfalls in die Unerreichbarkeit von geheuchelten Glückwunschtelegrammen. Im Juli 2020 wütet ein Virus, das weite Reisen wenn nicht unmöglich, so doch unpraktisch macht.

Also habe ich mich entschieden, mal ein Stück von Bayern zu erkunden, was ja immerhin meine Heimat wäre, wenn ich mit dem Begriff etwas anfangen könnte. Auf den Spuren König Ludwigs II. werde ich ungefähr 110 km vom Starnberger See, südlich von München, bis nach Füssen, direkt an den Alpen, zu wandern. Wie immer schlecht bis gar nicht geplant, aber offen für alles, was da kommen mag.

Wenn Ihr Zeit habt, kommt doch mit!

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In Starnberg liegt, direkt wenn man aus dem Bahnhof heraustritt, schon die erste Planänderung in Form eines Schiffes im Hafen. In wenigen Minuten wird es nach Berg tuckern, ich muss mich also schnell entscheiden. Na gut, sogar Patrick Leigh Fermor fuhr das erste Stück seiner Europawanderung mit dem Schiff.

Starnberg Bahnhof mit Schiff

Starnberg Schiff (1)

Starnberg Schiff (2)

Außerdem ist das hier keiner jener Wanderblogs, auf denen Kilo- und Höhenmeter gezählt, Durchschnittsgeschwindigkeiten errechnet und Rekorde aufgestellt werden. Hier geht es eher um das, was links und rechts am Wegesrand liegt. Und ob man zu Fuß, mit dem Fahrrad, im Zug, auf dem Schiff, per Anhalter oder im Heißluftballon hinkommt, ist dabei egal.

Im Süden erspähe ich schon die fernen Berge, die mein Ziel sind. Eine verlockende Vorstellung, einfach bis dorthin auf dem Schiff sitzen zu bleiben.

Starnberger See Berge am Horizont

„Ertönt das bei jedem Halt?“ fragt eine Frau erschrocken, als das Schiffshorn beim Ablegen laut tutet. Sie hat, wie die meisten Passagiere, ein Ticket für die volle Rundfahrt gebucht. Ich aber muss in Berg schon wieder von Bord, weil Ihr alles über die bayerischen Könige und insbesondere über Ludwig II. erfahren wollt. In Berg steht nämlich eines der Schlösser, das im Leben und vor allem beim mythenverhangenen Tod Ludwigs II. eine Rolle spielte.

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Besuchen kann ich das Schloss nicht, denn es gehört noch immer der Königsfamilie der Wittelsbacher, die darin wohnt. Niemand öffnet das Tor für mich.

Schloss Berg

Die Revolution von 1918 verlief in Bayern eher halbherzig, weshalb hier Leute, die glauben, etwas Besonderes zu sein, noch immer Schlösser besetzen, die schon längst im Volkseigentum sein sollten. Ähnlich auf Reichsebene: Weil man damals nicht richtig enteignet hat, haben wir jetzt noch Rechtsstreite mit den gierigen Hohenzollern an der Backe.

Was die Wittelsbacher, die Bayern seit 1180 undemokratisch regierten, für Leute waren, kann man anhand ihrer Nutzung von Schloss Berg erahnen. Sie haben die Bayern in Bergwerken schuften lassen, um sich eine Flotte von 35 rudersklavengetriebenen Galeeren und Gondeln für bis zu 2000 Gäste zu kaufen, mit denen sie auf dem Starnberger See dekadente Feste feierten.

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Wenn ihnen die Sauf- und Seegelage mit Feuerwerk und Feuerwasser zu langweilig geworden waren, dann gingen sie auf Jagd. Und zwar so, dass sie die Rehe und Hirschen ins Wasser trieben und dort abknallten. Keine besonders sympathischen Leute also.

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Ins Wasser getrieben (und abgeknallt?) haben sie auch Ludwig II., der seine letzten traurigen Tage auf Schloss Berg verbrachte.

Ein Kreuz im See markiert die Stelle, wo die Leiche des Königs am 13. Juni 1886 gefunden wurde. Unzureichend bekleidete Mädchen in einem kleinen Boot gedenken gerade seiner Majestät und zerstören die Gravität des Ortes und meines Fotos.

Kreuz für König Ludwig II Starnberger See (1)

Kreuz für König Ludwig II Starnberger See (2)

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13. Juni MDCCCLXXXVI, so steht das Sterbedatum auf einer Säule vor der angeblich byzantinisch-romanischen Votivkapelle, und die Ausflügler versuchen es zu entziffern.

Votivkapelle für Ludwig II Berg am Starnberger See (1)

„1776“, sagt einer.

„Aber der König hat doch achtzehnhundertirgendwas gelebt,“ wirft eine Frau ein, „schließlich hatte er schon ein Telefon auf seinem Schloss.“ Dieses moderne Gerät zückt dann auch jemand aus seiner Tasche, kalkuliert ein bisschen herum und verkündet 1886, das richtige Jahr. Hocherfreut ziehen sie weiter.

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Ich hingegen erlebe schon den ersten Schock der Wanderung: Von den Stufen der Votivkapelle gleitet eine Schlange herab, und zwar eine tiefschwarze, riesengroße. So eine, die einen erwürgen kann.

Und damit ist eine Sache klar: Ich werde keinesfalls irgendwo auf dem Boden schlafen, sondern immer eine Bank oder einen Jägersitz suchen.

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Geographisch konsequent müsste ich jetzt vom Ende Ludwigs II. erzählen, aber da wir ihn noch gar nicht kennengelernt haben, finde ich das verfrüht. Auch verzogene Könige sollen ein bisschen am Leben bleiben.

Geographisch konsequent muss ich nach Norden, weshalb ich mir den Umweg nach Süden nicht erlauben kann und den Bismarckturm verpasse. Dass der preußische Reichskanzler einen enormen Turm in Bayern spendiert bekam, ist schon überraschend. Dass dieses Monument nur ein paar Kilometer von dem Ort errichtet wurde, an dem König Ludwig II. so schmählich das Leben ausgelöscht wurde, ist unverfroren. Denn, was viele nicht wissen, aber im Laufe dieses Artikels zu ihrem großen Entsetzen erfahren werden, Bismarck war nicht unschuldig am Tod des bayerischen Königs. Ja, man kann mit Fug und Recht sagen, dass Bismarck den Märchenkönig fast so auf dem Gewissen hat, wie wenn er ihn eigenhändig ertränkt hätte.

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Die Strände in Starnberg sind proppenvoll. Das sind wahrscheinlich die Millionen Münchner, die jetzt nicht in den Urlaub fliegen können. Es herrscht ein Verkehr wie am Stachus. Und auf den Wanderwegen muss man sich vor den Radfahrern in Acht nehmen. Insbesondere wenn man stehenbleibt, um mit anderen Spaziergängern zu parlieren, werden die so in ihrem Ausdauertraining Unterbrochenen manchmal missmutig.

Man könnte sich ins Museum Starnberger See retten, was ich sowieso vorhatte, weil hier eine Kommilitonin aus dem Geschichtsstudium arbeitet. Aber, und das wird der rote Faden auf dieser Wanderung sein, ich bin zu langsam unterwegs und komme erst nach 17 Uhr in Starnberg an. Am nächsten Morgen muss ich leider früh aufbrechen und werde das Museum deshalb verpassen, was mich aber nicht daran hindert, es Euch als Nichtschwimmeroption für den Starnberg-Besuch zu empfehlen.

9

Starnberg ist ein Millionärsort. Hier wohnen Drogenschmuggler, Immobilienspekulanten und der sich in der Tradition der bayerischen Monarchen wohlfühlende König von Thailand. Wahrscheinlich hat der auch die Königskobra mitgebracht, die mich vorhin so erschreckt hat.

Apropos Herrscher, die nicht im eigenen Land leben, weil sie wissen, dass sie gar nicht so beliebt sind: Wusstet Ihr, dass Ludwig II., der wie kein anderer Monarch das Bild Bayerns geprägt hat, eigentlich auswandern wollte und nur in Bayern blieb, weil er kein Visum bekam? Aber dazu mehr in späteren Teilen dieser Saga, damit Ihr gespannt bei der Stange bleibt.

Vor den Häusern stehen Porsches und Segelyachten. Die Jungs unterhalten sich darüber, ob sie sich lieber den Maserati Quattroporte oder eine Villa auf Formentera zum Geburtstag schenken lassen sollen. (Ich habe mir zum Geburtstag diese einwöchige Wanderung geschenkt.) Die Mädchen diskutieren, ob ein Zahnarzt oder ein plastischer Chirurg der bessere Bräutigam sei.

Auch die Lebenserwartung ist in Starnberg höher als im Rest des Landes. Im Durchschnitt sind es 4 bis 5 Jahre zusätzlicher Lebenszeit, denn Armut ist eines der großen Krankheitsrisiken, auch in unserem reichen Land. Wer genau hinguckt, wird über die kommenden Tage ein paar Gründe erahnen können, warum dem so ist.

Aber heute habe ich Glück. Zum Übernachten in Starnberg hat mich ein Paar eingeladen, von dem ich noch gar nichts weiß. Mich beschleicht die dunkle Vorahnung, dass es sich bei ihnen um so Millionärsschnösel handelt, wo der Diener das Abendessen serviert und die Koi mit Kaviar gefüttert werden.

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Als ich am See sitze, fragt mich ein älteres Paar nach dem Weg zum Hafen. Ich bin zwar neu hier, aber so gut kenne ich mich schon aus.

Starnberg Blick auf Berge

„Oh, das ist einfach: Sie gehen immer an der Uferpromenade entlang, und nach spätestens 300 Metern sehen Sie links Holzstege, wo die Schiffe anlegen. Wenn Sie Glück haben, ist gerade eines da.“

„Dankeschön.“

„Der erste Halt des Schiffes ist in Berg, das ist der Ort, wo Ludwig II. gestorben ist. Dort müssen Sie allerdings vom Hafen noch etwas nach Süden laufen, erst durch den Ort und dann durch einen schönen Park, eher einen Wald, bis Sie auf eine Kapelle stoßen oder auf das Kreuz im See. Das markiert den Ort, wo Ludwig II. am 13. Juni 1886 gestorben ist.“

„Oh“, sagt die Frau.

„Ist er ertrunken?“ fragt der Mann.

„Das ist die Frage“, gebe ich zu. „Es ist schon ein wenig suspekt. Denn der König war zum Zeitpunkt seines Todes nicht allein. Sein psychiatrischer Gutachter Dr. Gudden war bei ihm. Und beide sind tot aufgefunden worden.“

„Oh“, sagt die Frau.

„Wer geht denn mit seinem Psychiater schwimmen?“ fragt der skeptische Mann.

„Nicht schwimmen. Die beiden gingen spazieren. Ich weiß, das hört sich alles dubios an, aber es wird noch verwirrender, wenn ich Ihnen sage, dass Ludwig II. gar nicht freiwillig am Starnberger See war. Er wurde aus Neuschwanstein entführt, und zwar auf Befehl der Bayerischen Regierung, die ihn zuvor entmündigt hatte. § 11 der Bayerischen Verfassung von 1818 gab dem Ministerrat zwar das Recht zur Entmündigung, so ähnlich wie der 25. Verfassungszusatz der US-Regierung das Recht gäbe, nur dass die bayerische Regierung mehr Eier in der Hose hatte als irgendjemand in der Trump-Regierung. Aber es bleiben viele offene Fragen, weil die meisten Akten vernichtet wurden oder in einem Geheimarchiv verborgen sind.“

„Oh“, sagt die Frau.

Der Mann guckt nervös auf seine Uhr.

Da ertönt das Tuten des Schiffshornes.

„Oh“, sage ich.

Nicht nur, weil das Paar wegen meiner ausschweifenden Erklärungen das letzte Schiff für heute verpasst hat, sondern weil ich aus Versehen einen Teil der Geschichte vorweggenommen habe, die ich eigentlich später erzählen wollte. Aber die Frage, ob es Mord oder Selbstmord war, werden wir erst über die nächsten Tage klären.

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Maisingerschlucht ist ein etwas großspuriger Name für das von einem kleinen Bach durchzogene Tal. Aber schön ist es.

Maisingerschlucht (4)

Maisingerschlucht (1)

Maisingerschlucht (5)

Anscheinend ist beiderseits der Schlucht etwas Militärisches, aber andererseits nichts wirklich wichtiges Militärisches, falls es so etwas überhaupt gibt. Denn die Schilder schmettern dem Wanderer kein strenges „Betreten verboten“ entgegen, sondern schlagen vor, dass man halt ein bisschen aufpassen solle, wenn man in die Schusslinie läuft.

Maisingerschlucht (2)

Die Regeln, die die autoritären Kinder von der Anti-Montessori-Schule aufgehängt haben, sind demgegenüber strenger.

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„Sind Sie Pilger?“

„Ein atheistischer Pilger.“

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Gleich außerhalb von Söcking haben die zurückziehenden Gletscher eine Anhöhe mit einem einzelnen Baum zurückgelassen. Ein wunderbarer Aussichtspunkt mit Blick auf die Alpen. Ein junges Paar sitzt auf der einzigen Bank. Das Mädchen liest ihrem Freund aus einem Buch vor.

Ich will sie nicht stören und setze mich weit abseits in die Wiese (so hoch werden die Schlangen schon nicht klettern), so dass ich leider nicht erfahre, welches Werk das junge Glück verbindet. Schade, denn dem Autor würde diese Anerkennung wahrscheinlich mehr bedeuten als schnöde Verkaufszahlen oder ein geschönter Platz auf der Bestsellerliste.

Söcking (1)

Vor mir die Alpen, hinter mir die ebenso hohen Kumulonimbuswolken. Der Ort ist schön, aber zum Schlafen wohl zu exponiert.

Söcking (2)

Söcking (3)

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So ziehe ich weiter zu meinem Nachtquartier bei Yasmin und Basti, die eine absolut positive Überraschung sind. Es gibt selbstgemachte Pizza, Bier aus der Flasche und eine Menge Geschichten. Lustigerweise hat sich Yasmin auch schon den ganzen Tag Sorgen gemacht, wer da abends eintreffen wird: „Jedes Mal, wenn vor dem Büro ein ungewaschener Hippie in Marihuana-Nebelwolke vorbeiging, dachte ich: Oje, hoffentlich ist das nicht dieser Andreas!“

Die beiden geben mir sofort das Gefühl, zuhause zu sein. Sie sind so Leute, die für jeden Tramper anhalten, die sich über diese spontanen Begegnungen freuen, die demnächst Couchsurfing im Iran machen wollen und die wochenlang mit einem kleinen Rucksack auskommen. Mit meinem viel zu großen mit Büchern vollgepackten Rucksack fühle ich mich richtig uncool.

Draußen zucken die Blitze, und ich bin froh, für diese Nacht eine Unterkunft gefunden zu haben. Die exponierte Stelle unter dem einzelnen Baum würde jetzt zwar ein meteorologisch-elektrostatisches Spektakel bieten, mich aber auch mindestens komplett durchnässen, vielleicht sogar entzünden.

Für die morgige Nacht am Ammersee hat sich über Couchsurfing ebenfalls schon ein Gastgeber gefunden, aber die Nächte danach sind bisher noch beherbergungslos. Das wird eventuell ungemütlich. Ich könnte mir angesichts des tosenden Sturms Sorgen darüber machen, bin aber so erschöpft, dass ich sofort nach dem Zubettgehen einschlafe.

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Fliegerangriff auf die Orthographie

An der alten Bahnstrecke zwischen Ursensollen und Lauterhofen steht ein Kreuz, das laut Inschrift „Zum Gedenken an die Opfer des Fliegerangriff’s auf den Personenzug (Amberg – Ursensollen – Lauterhofen) am 20. 02. 1945 um 12:15 Uhr“ dient.

Leider kann ich der Opfer nie still gedenken, weil mich der Angriff des unangebrachten Genitiv-Apostrophs so in Rage bringt, dass ich mir einen erneuten Fliegerangriff wünsche, der den Fehler ausmerzt. Mit der Entnazifizierung hätten die Alliierten auch die Grammatifizierung nach Deutschland bringen müssen.

Neben dem Kreuz steht eine Tafel mit einer Zeitungsseite der Amberger Zeitung vom 19. Februar 2005, aus deren Zeilen ganz deutlich der in jener Zeit verstärkt auftretende Wunsch trieft, dass die Deutschen auch mal Opfer sein dürfen. „Schrecken und Tod“ kamen „ganz nahe in unsere Heimat.“ „Eine Woche nach dem verheerenden Feuersturm auf Dresden …“ Der „Angriff auf die Lokalbahn“ sei „von langer Hand geplant“ gewesen. „Der Tod kam um die Mittagszeit.“ Tja, das ist schon ungeheuerlich, dass die Deutschen, die ganz Europa in Schutt und Asche legten, Millionen ermordeten und Millionen versklavten, nun beim Mittagessen gestört wurden.

Dazu sollte man erklären, dass im Februar 1945 ein Weltkrieg am Laufen war und in Bayern noch heftig gekämpft wurde. Das nur 50 km entfernte Nürnberg wurde erst zwei Monate später nach einer fünf Tage dauernden Schlacht eingenommen. Das war also nicht die richtige Zeit für einen Ausflug mit der Eisenbahn. Außerdem sind Züge, so sie nicht erkennbar mit einem roten Kreuz markiert sind, ein vollkommen legitimes Angriffsziel. (Zur Einordnung für die entsetzten Angehörigen: Selbst die Versenkung der Wilhelm Gustloff im Januar 1945 war kein Kriegsverbrechen.)

Der Bericht in der Lokalzeitung insinuiert mit dem in Lokalzeitungen üblichen Lokalpatriotismus, dass die US-amerikanischen Bomber und Kampfflugzeuge extra wegen der Bummelbahn nach Ursensollen geflogen wären. Eine kurze Recherche ergibt, dass am 20. Februar 1945 zur Mittagszeit insgesamt 1191 schwere Bomber der US-Luftwaffe Angriffe auf Nürnberg und Umgebung flogen. Hauptziele der Angriffe in diesen Tagen waren Bahnanlagen. Dass dabei die Kleinbahn durch den Wald nicht übersehen wurde, ist in meinen Augen kein Gund für lokale Larmoyanz, sondern für Bewunderung ob der Gründlichkeit und Präzision.

Und weil in anekdotischen Erzählungen immer wieder die Geschichten aufkommen, dass alliierte Tiefflieger sogar auf Pferdefuhrwerke oder gar Radfahrer geschossen hätten: Auch das war vollkommen legitim und verständlich. Die Wehrmacht war 1944/45 so ausgezehrt, dass der Krieg auf dem Heimatboden hauptsächlich zu Fuß oder mit beschlagnahmten Fuhrwerken stattfand. Insbesondere der Volkssturm hatte selten bessere Vehikel als Fahrräder zur Verfügung. Wer kaum als Kombattanten erkennbare Kinder auf Fahrrädern in den Krieg schickt, darf sich nicht wundern, wenn der Gegner Nichuniformierte auf Fahrrädern beschießt.

Dazu gibt es ein hervorragendes Interview mit John Zimmermann über die Kriegsführung 1944/45, in dem er immer wieder auf Ursache und Wirkung hinweist und die deutsche Mythen- und Legendenbildung in der Nachkriegszeit zu diesem Thema dekonstruiert.

Der Personenverkehr auf dieser Bahnstrecke fiel übrigens nicht dem allierten Beschuss, sondern 1962 der Rationalisierung zum Opfer. Deshalb stehe ich jetzt, wenn ich Richtung Kastl oder Neumarkt muss, nicht mehr am Bahnhof mit den Einschusslöchern, sondern mit erhobenem Daumen neben der Bundesstraße 299.

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„Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno

Der Skandal um Claas Relotius ist bekannt, und der Spiegel hat einen umfangreichen Abschlussbericht veröffentlicht. Was muss man dazu noch ein Buch lesen?

Muss man nicht, aber mich hat interessiert, was Juan Moreno, der Journalist, der den Skandal aufgedeckt hat, dazu sagt. „Tausend Zeilen Lüge“ ist ein sehr detaillierter, aber auch ziemlich spannender Bericht, der Schritt für Schritt aufzeigt, wie der freie Mitarbeiter dem preisgekrönten Star-Journalisten auf die Schliche kam – und wie er immer wieder gegen Mauern rannte, weil ihm niemand glaubte.

Wenn sich das Buch teilweise zu minutiös liest und ganze E-Mail-Wechsel abgedruckt anstatt zusammengefasst werden, dann spricht daraus eben immer noch die Verzweiflung von jemandem, der weiß, dass sein Kollege lügt, dass der Spiegel vor einer großen Blamage steht (Moreno wollte die Veröffentlichung der Reportage, an der die beiden gearbeitet haben, noch verhindern), und sehen muss, dass alle anderen Beteiligten in der Redaktion mit Karacho auf die Katastrophe zusteuern.

Moreno hätte jeden Grund, sauer zu sein auf den Spiegel. Insofern ist sein Buch von bewundernswerter Ausgewogenheit. Zum Beispiel die Dokumentation, die Abteilung, die beim Spiegel die Artikel auf sachliche Fehler überprüft. Die Dokumentation hat im Fall Relotius versagt, ganz klar. Aber Moreno weist darauf hin, dass sich der Spiegel als eines der ganz wenigen Medienhäuser überhaupt eine Dokumentationsabteilung leistet. Grundsätzlich ist die Überprüfung von Fakten in deutschsprachigen Medien viel weniger verbreitet als in Großbritannien oder den USA. Es gibt dazu ein wunderbares Buch, das US-amerikanisches „fact-checking“ anhand nur eines Artikels zeigt, der sieben Mal zwischen Reporter und Dokumentar hin- und hergeht.

Aber dazu braucht man eben Zeit. Moreno spricht den Zeitdruck an, weil die fragliche (und fragwürdige) Geschichte über den Flüchtlingstrek aus Guatemala und Honduras erscheinen sollte, bevor er die Grenze mit den USA erreichen würde. Aber meiner Meinung nach stellt er diesen Punkt nicht genug heraus. Andererseits erscheinen auch ständig Bücher mit sachlichen Fehlern, wo eine Menge Zeit zum Nachprüfen oder Nachfragen gewesen wäre, und gewinnen trotz erheblicher Mängel Preise.

Und Moreno stellt klar, dass Claas Relotius ein ganz besonderer Einzelfall ist, der keinesfalls für den Journalismus und nicht einmal für den Spiegel steht. Relotius ist ein notorischer Lügner, der sich aus jeder Lüge mit weiteren Lügen herausredet. Es scheint normal für ihn zu sein, auch wenn es ihm gar keinen Vorteil bringt. Das krasseste Beispiel: Als der Spiegel Relotius zum ersten Mal eine Festanstellung anbot, lehnte Relotius mit der Begründung ab, er müsse seine kranke Schwester pflegen. Nur: Relotius hatte nie eine Schwester. Wenn ihm der Spiegel Reisen in die Südsee bezahlt, lässt er die Tickets verfallen und bleibt lieber zuhause, von wo aus er angebliche Reportagen aus Kiribati schreibt.

Für „Lügenpresse“-Vorwürfe liefert dieses Buch also keine Nahrung.

Und jetzt wird es persönlich: Mich hat der Skandal beim Spiegel auch deshalb erschüttert, weil ich schon mit vielen Medien zu tun hatte. Von allen Zeitungen und Magazinen, Radiostationen und Fernsehsendern, die mich bisher interviewt haben, war der Spiegel mit Abstand das professionellste Medium. Der Reporter des Spiegel, Sven Röbel, hatte sich gut vorbereitet, nahm sich einen ganzen Tag Zeit für das Gespräch, fragte kritisch nach, überprüfte, wollte Unterlagen sehen. In den Tagen nach dem Gespräch meldete er sich mit Rückfragen. Vor Redaktionsschluss rief er mich an und gab mir den geplanten Text, soweit er mich betraf, Satz für Satz durc. So konnten wir noch zwei missverständliche Kleinigkeiten ausbessern. Das war alles höchst professionell.

Ach so, hier ist die Geschichte, um die es damals ging.

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  • Mehr zum Thema Journalismus.
  • „Tausend Zeilen Lüge“ bei Amazon bestellen.
  • Mehr Bücher, einschließlich meiner bescheidenen Wunschliste (für den nächsten Aufenthalt im Gefängnis).
  • Und mehr aus dem Iran, falls der Bericht Euer Interesse geweckt hat. Da fällt mir ein, dass noch irgendwo das Manuskript rumliegt, das ich damals unmittelbar nach der Rückkehr aus dem Iran angefertigt habe…
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Leicht zu verwechseln (41) Sturm auf den Reichstag

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„Was seid Ihr nur für lächerliche Anfänger“, denkt sich Marschall Schukow.

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Stein-, Schotter- und Trümmergärten

Wenn man in Deutschland durch Dörfer und Kleinstädte geht, sieht man immer öfter Gärten, die nicht mehr aussehen wie Gärten, sondern wie KZ-Gedenkstätten. Ganz grau und trist. Viel Stein und Beton. Wie wenn jede Pflanze und jedes Tier ausgemerzt werden müssen, ganz im Einklang mit dem beliebten germanischen Gartenratgeber „Mein Kampf gegen das Unkraut“. Absoluter Vernichtungswille, wie er die deutsche Nation von Zeit zu Zeit kollektiv befällt.

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Das ist hässlich. Potthässlich. Grauenhaft.

Schottergarten vor einem Einfamilienhaus. Schottergärten sind in Baden-Württemberg eigentlich bereits verboten jetzt sol

Solche Gärten, die den Namen nicht mehr verdienen, sind lebensfeindlich. Hier singen keine Vögel. Hier summen keine Bienen. Und wer in so einem Garten der Grauens eine Katze hält, darf sich nicht wundern, wenn diese alsbald abskondiert oder sich suizidiert. Aufgehängt am Alibi-Bonsaibäumchen.

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Deprimierend ist dieser hortikulturelle Horror obendrein. Wer will denn so etwas sehen, wenn er aus dem Fenster sieht? Das können doch nur absolute Spießer sein, wahrscheinlich solche, bei denen die Wohnung zu jeder Zeit frischgeputzt und aufgeräumt aussieht. Da wohnen wahrscheinlich die Leute, die die Polizei rufen, wenn in der Nachbarschaft jemand grillt.

Aber eins muss ich zugestehen: Steingärten haben Tradition. Sie gehen zurück auf das Frühjahr 1945, als in Deutschland die Vorgärten so aussahen:

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Und diese historische Referenz kann kein Zufall sein. Denn die Steinmauern oder Gabionen, die man ohne dieses Hintergrundwissen leicht als das hässlichste Element dieser hässlichen Projekte abtäte, sind in Wirklichkeit Gedenkstätten für die Trümmerfrauen.

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Das Problem dabei ist jedoch, liebe Freunde des Steinbruchs, dass die Geschichte von den Trümmerfrauen weitgehend ein Mythos ist. Die Trümmerräumung war eine hoch stigmatisierte Arbeit, die während der NS-Zeit Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge verrichten mussten. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg überlebte die negative Konnotation dieser Arbeit, so dass die Alliierten deutsche Kriegsgefangene und NSDAP-Mitglieder zum Schuttwegräumen zwangen. Wenn Oma stolz erzählte, dass sie ganz allein Köln oder Nürnberg aufgebaut hat, dann war sie also wahrscheinlich ein Nazi.

Nur 1945/46 und nur ganz regional begrenzt, vor allem in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone, wurden teilweise Frauen zum Wegräumen des tausendjährigen Schutts verpflichtet. Meist nutze man dafür, was ja auch irgendwie Sinn ergibt, Maschinen.

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Die Geschichte, dass die Frauen nach 1945 praktisch allein und freiwillig ganz Deutschland aufgeräumt und aufgebaut hätten, ist arg übertrieben. Sie entstammt dem Wunschdenken, die Zeit des Nationalsozialismus und der Niederlage möglichst schnell mit einer positiven Erzählung zu übertünchen. Die Konfrontation mit den Fakten zeigt, dass nicht alles stimmt, was Oma und Opa erzählt haben. Andererseits sind auch die nachfolgenden Generation nicht ganz unschuldig, glauben sie doch gerne das, was die Familie in besserem Licht dastehen lässt.

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„Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitsch

Manchmal hat das Kommittee für den Literaturnobelpreis etwas komische Ideen. So ging 2016 der Preis an einen Sänger, der gar keine Bücher geschrieben hat. 2018 wurde die Preisverleihung ganz vergessen. Aber 2015, das war ein völlig berechtigter Preis für Swetlana Alexijewitsch.

Dabei könnte man auf den ersten Blick denken, dass die Schritstellerin aus Weißrussland/Belarus selbst kaum schreibt. Denn ihre Bücher sind Collagen aus Erzählungen anderer Leute, ziemlich langen Erzählungen, immer über das ganze Leben, oft auch noch das der Eltern oder der Kinder. Aber Alexijewitsch hört zu, vor allem Menschen, denen sonst niemand zuhört, für die sich niemand interessiert, die vergessen und abgeschrieben wurden. Wie eine der alten Damen fragt: „Ich weiß gar nicht, wieso Sie zu mir kommen. Was soll ich ihnen schon erzählen?“ Und dann erzählt sie vom Zweiten Weltkrieg, von Stalin, von der Verbannung nach Sibirien, vom Kommunismus, von der Perestroika, von Hoffnungen und Enttäuschungen.

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Die Leistung von Alexijewitsch besteht darin, diese Menschen ausfindig zu machen, zum Sprechen zu bringen, auch über persönlichste Dinge, und auch den richtigen Mix aus Alt und Jung, Parteikadern und Dissidenten, Politischen und Unpolitischen, Männern und Frauen herzustellen. Ich habe mir als erstes Buch Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus vorgenommen, in dem das Ende der Sowjetunion und die Zeit der Perestroika erzählt werden.

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich beginne, die Zeit zu verstehen. Denn so unterschiedlich die Erfahrungen und Perspektiven der Hunderten von Stimmen sind, so kristallisiert sich doch ein weitgehender Konsens heraus. Allerdings ein Konsens, der auf Außenstehende verstörend wirkt.

Fast keiner der Gesprächspartner verklärt die Sowjetunion, aber alle sind nostalgisch.

Interessant, auch für die deutsche Ostalgie/Unrechtsstaat-Diskussion, finde ich, dass auch diejenigen mit nostalgischen Gefühlen überhaupt nicht leugnen, dass die Sowjetunion die Bevölkerung unterdrückte. Aber dennoch (S. 111):

Vielleicht war das ja ein Gefängnis, aber mir war in diesem Gefängnis wärmer.

Oder, ganz explizit auf den KGB bezogen (S. 58), betont einer, dass es zumindest allen gleich (schlecht) ging:

Alle hatten vor etwas Angst, auch diejenigen, vor denen man Angst hatte.

Fast alle Gesprächspartner haben gelitten in der Sowjetunion, manche waren selbst im Gefängnis oder im Arbeitslager, viele hatten Verwandte oder Eltern im Arbeitslager. Immer wieder fällt dann der Satz: „Aber wir haben Hitler besiegt.“ Aus dem Westen fällt es leicht, zu spotten über die Paraden am 9. Mai. Aber aus den Gesprächen mit den alten Menschen wird deutlich, wie sinnstiftend der Große Vaterländische Krieg und der Sieg über Nazi-Deutschland war. Von dieser kollektiven Anstrengung konnte die Sowjetunion anscheinend noch 45 Jahre lang zehren, obwohl die Gesprächspartner nicht verschweigen, wie grausam die sowjetischen Kriegsgefangenen nach der Rückkehr behandelt wurden (S. 52 f.) oder wie Zivilisten noch 40 Jahre lang dafür bestraft wurden, auf einstmals deutsch besetztem Gebiet gelebt zu haben (S. 100).

Manche verstehen ihre nicht rundherum ablehnende Haltung selbst nicht (S. 113/114):

Sie werden fragen … Sie müssen fragen, wie das alles zusammenpasst: unser Glück und dass nachts Leute abgeholt wurden. Manche verschwanden, manche weinten hinter der Tür. Daran kann ich mich irgendwie nicht erinnern. Ich erinnere mich nicht!

Oder eine Frau über ihre Eltern (S. 116):

Im Gefängnis hatten sie ihm die Zähne ausgeschlagen, ihm fast den Schädel zertrümmert. Und trotzdem blieb er sich treu, ist Kommunist geblieben … Erklären Sie mir das … Meinen Sie, sie waren Dummköpfe? Naiv? Nein, das waren kluge, gebildete Menschen. Meine Mutter las Shakespeare und Goethe im Original, und mein Vater hat an der Timirjasew-Akademie studiert.

Überhaupt, die Bildung, die Bücher, die Literatur, deren Bedeutung zieht sich wie ein roter Faden durch die Sowjetleben. Das macht sogar den Gulag akzeptabel (S. 56):

Im Lager hat Vater viele gebildete Menschen kennengelernt. Nirgendwo sonst hat er so interessante Menschen getroffen.

Hauptsache, nicht kleinbürgerlich-spießig (S. 169):

Mir vorzustellen, dass meine Mutter mit einem Stickrahmen dasitzt oder unsere Wohnung irgendwie schmückt – mit Vasen, Porzellanfigürchen – nicht doch! Das war sinnlose Zeitverschwendung. Kleinbürgerlich! Die Hauptsache war das Geistige … Bücher … Einen Anzug konnte man zwanzig Jahre lang tragen, und zwei Mäntel reichten fürs ganze Leben, aber ohne Puschkin oder ohne eine vollständige Gorki-Ausgabe konnte man nicht leben.

Mir ist das auf Reisen in Osteuropa überall begegnet. Man kommt in eine Plattenbauwohnung oder in ein windschiefes Holzhaus, wo man das Wasser aus dem Brunnen pumpen muss. Aber jeder hat eine tadellose Bibliothek. Und die Bücher wurden auch gelesen.

Die Bücher ersetzten uns das Leben. Das war unsere Welt. (S. 182)

Wenn jemand ein neues Buch beschafft hatte, konnte er damit zu jeder Tages- und Nachtzeit zu seinen Freunden kommen, auch nachts um zwei oder drei, er war ein willkommener Gast. (S. 70)

Sogar die tadschikischen Bauarbeiter, die jetzt im Moskau in der Kanalisation leben, schwärmen der Autorin von Omar Khayam vor (S. 468). Ich fühle mich deshalb in Osteuropa oft wohler als in Westeuropa, weil ich lieber über Bulgakow als über Bausparverträge spreche, lieber über Ilja Ilf als über Instagraph.

Die Größe der Sowjetunion war nicht nur eine historische, sondern auch eine geographische (S. 107):

Es war alles ein Land – fahr, wohin du willst! Damals gab es keine Grenzen … keine Visa und Zollstationen.

Das erinnerte mich an einen Besuch in Transnistrien, wo mich ein älterer Mann freundlicherweise zur Migrationsbehörde begleitete, um mein Visum zu beantragen und auch gleich mitzunehmen. Ich fragte ihn (ganz naiv), ob er seit dem Fall des Eisernen Vorhangs mehr reise. „Ach, das geht ja nicht mehr“, seufzte er. „Früher, ja, da konnte ich nach Estland, nach Litauen, nach Armenien, ans Kaspische Meer, an die Ostsee, nach Kirgistan, nach Samarkand. Aber jetzt brauche ich ein Visum für jedes dieser Länder, überall sind neue Grenzen.“

Die Interviewpartner sind erstaunlich offen, reden wie ein Wasserfall. Man kann sich richtig vorstellen, wie Swetlana Alexijewitsch auf dem Sofa in der Plattenbauwohnung sitzt, stundenlang zuhört und immer wieder Kekse und Tee serviert bekommt.

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Fast jeder war für die Perestroika, wollte mehr Freiheit, einen anderen Sozialismus, aber alle sind enttäuscht von dem, was sie bekommen haben, nämlich eine Marktwirtschaft, in der die Banditen regieren.

Kaum jemand von uns ist geblieben, wie er war. Die anständigen Leute sind irgendwie verschwunden. Überall Ellenbogen und Zähne. (S. 35)

Das Ende der relativen Gleichheit stößt vielen sauer auf (S. 60):

Der „kleine“, der „einfache“ Mensch ist heute ein Nichts, eine Null.

Und auch der Materialismus, für den immer wieder die Wurst als Symbol herhalten muss.

Jetzt sind auch bei uns die Läden voll. Im Überfluss. Aber Berge von Wurst haben nichts mit Glück zu tun. (S. 57)

Gesiegt hat ihre Majestät die Wurst! (S. 192)

Viele wollen noch heute die Sowjetunion zurück, aber mit jeder Menge Wurst. (S. 542)

Das Gespräch mit einem Kreml-Insider ist auch ganz spannend, zum Beispiel als er davon berichtete, dass er kompromittierendes Material über Gorbatschow sammelte. Das Schlimmste, was zu finden war: Bei einem Besuch in London hatte Gorbatschow es versäumt, das Grab von Karl Marx zu besuchen (S. 149).

Dadurch, dass einzelne Gespräche wiedergegeben werden, stehen die Kapitel für sich, und man kann die Lektüre über einen längeren Zeitraum strecken. Das ist vielleicht auch besser, denn jede Lebensgeschichte für sich ist ein Drama, nach dem man eine längere Pause benötigt. Insbesondere nach 1990 scheint es in jeder Familie Suizidgedanken gegeben zu haben. Immer wieder springen Menschen aus dem Fenster. Einer zündet sich im Garten an. Andere drehen den Gasherd auf. Und viele Gesprächsfetzen hat die Autorin auf der Beerdigung eines Frontsoldaten aufgeschnappt, der sich vor den Zug geworfen hatte.

Oft sind es Kleinigkeiten, die im Gedächtnis bleiben, die aber das Ausmaß des Schreckens beschreiben. Aus der Erzählung einer Frau, die im Arbeitslager geboren wurde (S. 292):

Ich erinnere mich daran, wie die Jungen mich einmal gerufen haben, sie hätten eine Katze zum Spielen, und ich nicht wusste, was eine Katze ist. Die Katze hatte jemand von draußen mitgebracht, im Lager gab es keine Katzen, sie überlebten dort nicht, weil es nie Essensreste gab, wir sammelten alles auf. […] Wir aßen Gräser und Wurzeln und leckten Steine ab. Wir wollten die Katze gern füttern, aber wir hatten nichts […]

Im zweiten Teil, der die Zeit nach der Auflösung der Sowjetunion in den verschiedenen neuen Staaten behandelt, wird es nochmal richtig deprimierend. Berichte aus Tschetschenien, vom Kriegsbeginn zwischen Georgien und Abchasien, und eine armenisch-aserbaidschanische Liebesgeschichte während des Krieges zwischen Armenien und Aserbaidschan lassen einen ratlos zurück. Im letzten Kapitel schreibt die weißrussische Autorin über die Niederschlagung der (früheren) Proteste in Belarus, aber zumindest da gibt es zur Zeit einen Hoffnungsschimmer. Falls die Revolution in Minsk gelingt, wird sie ihr Heil hoffentlich nicht im Kapitalismus und in der Wurst suchen.

Ich habe diese Buch gelesen, umd etwas über die Sowjetunion und über Russland zu lernen. Aber eigentlich ist es ein Buch über die Menschen an sich. – Eine absolute Empfehlung!

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Per Anhalter gegen die Skeptiker

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„Niemand wird dich mitnehmen, schon wegen des Coronavirus.“

„Ich glaube nicht, dass das klappt.“

„Heutzutage fährt niemand mehr per Anhalter.“

„Ist das überhaupt erlaubt?“

So die skeptischen Stimmen, als ich verkündete, von Ammerthal nach Wien, also eine Strecke von über 500 km, zu trampen.

Ammerthal ist ein kleines Dorf in Bayern, abseits aller Verkehrsströme. Diejenigen, die hier ihre Häuschen bauen und sich gerade das ausgiebige Wochenendfrühstück zubereiten, freuen sich über die Ruhe, die damit einhergeht. Diejenigen, die gerne in die weite Welt wollen, leiden darunter. Wie soll man je nach Timbuktu, Tiflis oder Tiraspol kommen, wenn die Straßen hier nach Götzendorf oder Weiherzant führen?

Karte Trampen Ammerthal-Wien

Und heute ist noch weniger los, weil Samstag ist. Samstagmorgen um 8 Uhr. Nicht irgendein Samstag, sondern Maria Himmelfahrt. In der Süddeutschen Zeitung habe ich am Morgen noch ein sehr schwurbeliges Interview mit einem Pfarrer gelesen, der Maria Himmelfahrt als „Sieg der Individualisierung über jeden Versuch der Entindividualisierung“ erklären wollte.

Die Leute, die an der Straße nach Ursensollen, wo eine Bundesstraße die Verbindung zur Außenwelt verspricht, nicht anhalten, haben das mit der Individualisierung wohl zu ernst genommen. Oder ganz falsch verstanden. Mehr als eine halbe Stunde stehe ich in dem Dorf, in das mich das böse Schicksal verschlagen hat, und niemand hält an. Manche Fahrer winken. Manche tun, wie wenn sie so blind sind, dass man ihnen eigentlich die Fahrerlaubnis entziehen sollte.

„Was machst du, wenn niemand anhält?“ wird man als Tramper manchmal gefragt. Die Standardantwort: „Wenn man lange genug wartet, hält immer jemand.“ Auch aus Ammerthal würde ich irgendwann wegkommen, da bin ich mir sicher. Aber die Bundesstraße ist nur 6 km entfernt, also mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Natürlich halte ich unterwegs immer wieder den Daumen raus, aber hohe christliche Feiertage scheinen die Hilfsbereitschaft der überwiegend katholischen Landbevölkerung nicht zu fördern.

Sogar im Regen lassen sie mich stehen beziehungsweise gehen. Als ich durch ein Dorf namens Kotzheim laufe, fühle ich mich genauso. Das ist kein guter Start in den Reisetag.

Andreas Moser hitchhiking B299

Auch an der B299 fahren die Autos Richtung Kastl oder Neumarkt an mir vorbei. Nur die polnischen Fahrer bremsen ab und deuten entschuldigend auf die mit Kindern und Reisetaschen gefüllten Rücksitze. Ich winke dankend zurück. Niemand hat die Pflicht, für mich anzuhalten, das ist mir schon klar. Aber etwas Kommunikation von Mensch zu Mensch, das tut einfach besser als all die Fahrer, die stur geradeaus blicken, wie wenn sie mich nicht sehen. Das sind so Menschen, die wahrscheinlich auch an Obdachlosen vorbeigehen oder Katzen überfahren.

Eine junge Frau fährt vorbei, ohne anzuhalten. Dafür habe ich sogar volles Verständnis. Ich kenne zwar auch Frauen, die alleine trampen, aber man sollte die zusätzlichen Gefahren nicht kleinreden. Das gilt insbesondere in Amberg und Umgebung, wo die Ermordung der Tramperin Sophia Lösche im Jahr 2018 noch besonders im Gedächtnis ist.

Aber da passiert etwas Ungewöhnliches: Die junge Frau, die eben vorbeigefahren ist, hat umgekehrt. „Entschuldigung, aber ich war so überrascht, dass ich nicht sofort angehalten habe.“ Ich halte vielen Fahrern zugute, dass sie einfach nicht schnell genug reagieren. Ein weiterer Grund für Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Seit das Trampen nicht mehr so verbreitet ist, denkt man als Autofahrer natürlich auch nicht daran, dass plötzlich Menschen mit Rucksack neben der Straße stehen. „Sie sind der erste Anhalter, den ich jemals gesehen habe“, sagt auch die junge Frau verwundert.

Sie ist Redakteurin beim örtlichen Fernsehsender Oberpfalz TV und fährt bis nach Neumarkt, wo ich hoffe, auf die A3 zu gelangen. Sie schwärmt regelrecht von der Corona-Zeit, weil die Journalisten endlich mal eigene Themen setzen können, anstatt Terminen und Einladungen und Veranstaltungen hinterherzuhetzen. Mehr Reportagen, mehr Hintergründe, weniger Vereinssitzungen. „Aber jetzt, wo sich alles wieder lockert, merke ich, dass wir schon wieder in den alten Trott zurückfallen. Leider.“ Das geht vielen so, scheint mir, sowohl beruflich als auch privat. Ich wünsche mir deshalb fast eine richtig lange und heftigere Pandemie, damit es die Chance auf ein richtiges Umdenken gibt. Weg vom Konsum, weg von der Geschwindigkeit, hin zum bewussten Leben.

In Neumarkt fährt sie mich noch extra zum Autohof in Berg, der direkt an der Autobahnauffahrt liegt. Ein Umweg für sie, aber eine große Hilfe für mich. Nach dem deprimierenden Morgen bin ich nun frohen Mutes für den weiteren Tag. Eine erfolgreiche, freundliche Fahrt hebt das ganze Gemüt. Sogar der Regen hat aufgehört. Und wenn auf Oberpfalz-TV mal eine Reportage übers Trampen kommt, dann wisst Ihr, wer den Anstoß dazu gegeben hat.

Ich packe das zuhause höchst professionell und artistisch vorbereitete Schild aus und stelle mich an die Ausfahrt des Rasthofes. Hier ist richtig viel los, zumindest im Vergleich zu den Feldwegen, die mein Dorf allenfalls notdürftig mit der Zivilisation verbinden.

Fahrer aus Rumänien und der Türkei halten an, nur um mir zu sagen, dass sie leider in die falsche Richtung fahren. Eine Familie aus Polen hält an, um mir zu sagen, dass leider das Auto voll sei. Es ist tatsächlich proppenvoll. Eine attraktive Frau aus Großbritannien hält und ist sichtlich enttäuscht, dass ich nach Südosten anstatt nach Nordwesten will. (Nächster Plan nach der Corona-Krise: Trampen ohne festes Ziel.)

Bald hält ein junges Paar. Die Beifahrerin kurbelt das Fenster herunter: „Du willst nach Österreich? Wir auch. Steig ein!“

Na, so ein Zufall! Zuerst geht eineinhalb Stunden gar nichts, und dann kommt gleich jemand, die ebenfalls Urlaub in unserem sympathischen Nachbarland machen und mich den ganzen Weg mitnehmen können. Jule und Chrissi fahren für ein paar Tage an einen Ort, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, von dem ich aber sowieso nicht weiß, wo er liegt. Ich kenne mich in österreichischer Geographie schlechter aus als in australischer. Keine Ahnung, wo Innerschmirn oder Sellrain liegen.

„Und wo musst du hin?“

„Nach Linz.“ Also eigentlich nach Wien, aber aus Linz hatte sich ein niederländisches Paar gemeldet, das meinen Blog liest und mich eingeladen hat, bei ihnen ein paar Tage Pause zu machen. Es gibt wirklich gute, selbstlose Menschen auf dieser Welt.

„Wo ist das?“

„So zwischen Passau und Wien. Ich denke, da werden wir schon vorbeikommen. Wenn wir erst in Österreich sind, können wir ja mal auf der Karte nachsehen.“

Jule nimmt die Geographie zum Glück nicht so auf die leichte Schulter und sieht gleich nach. Zum Entsetzen aller, die Österreich bisher als kompakten Kleinstaat abgetan haben, ist Österreich auch nach dem Vertrag von Saint Germain noch immer ziemlich groß und unübersichtlich. Linz ist überhaupt nicht in der Richtung vom Brenner, die die beiden einschlagen müssen. Stattdessen trennen sich die für uns jeweils sinnvollen Autobahnen schon in Regensburg, so dass sie mich in Parsberg am Autohof rauslassen.

Jule und Chrissi

Hui, das war knapp. Fast wäre ich so falsch gefahren wie jemand, der nach Bayreuth möchte und in Beirut landet.

In Parsberg ist etwas weniger Verkehr, aber die Stimmung lockerer. Die Leute wachen langsam auf. Ein Motorradfahrer hält an und fragt, ob ich einen Helm dabei habe. Leider nicht. Eine LKW-Fahrerin macht ein Foto von mir fürs Trucker-Instagraph. Die Polizei fährt vorbei, ohne mich zu verhaften. (So wie Männlichsein die Gefahr verringert, beim Trampen ermordet oder vergewaltigt zu werden, so reduziert weiße Hautfarbe die Gefahr, von der Polizei erschossen zu werden. Es schadet nicht, sich seiner unverdienten Privilegien bewusst zu werden.)

Zwei indische Frauen mit einem Auto voller Kinder halten und bieten an, mich bis nach Regensburg mitzunehmen. Weil ich dann in der Stadt stehe und stattdessen auf eine Fahrt mindestens bis nach Passau hoffe, lehne ich dankend ab.

Schon als sie wegfahren, bereue ich es. Das war der Fehler des Tages.

Auf eine Fahrt in einem indischen Auto zu verzichten, nur weil man auf ein zügigeres Fortkommen hofft, das darf nicht passieren. Vor allem nicht, wenn man über die Reise schreibt. Ich könnte mich grün und blau ärgern, Euch diesen Kulturkontakt vorenthalten zu haben.

Und ich ärgere mich noch länger, weil ab diesem Zeitpunkt, wie um mich zu bestrafen, gar niemand mehr hält. Wird sich Parsberg als ein ähnliches Provinznest wie Ammerthal herausstellen, aus dem ich nicht mehr herauskomme? Ich bin schon seit drei Stunden unterwegs und gerade erst im Nachbarlandkreis.

Erst nach 20 Minuten hält ein junger Mann, der trotz meiner gegenteiligen Aufforderung beim Sie bleibt. Er fährt schon vor Regensburg von der Autobahn, kann mich aber an einem Parkplatz an der Autobahn rauslassen. Mangels Tankstelle ist hier nicht so viel los, aber dafür kann man Leute ansprechen, wenn sie Dehnübungen machen oder von der Toilette kommen.

Aber wie Ihr schon wisst, bin ich schüchtern, so dass ich mich erst einmal stumm mit meinem Schild neben den Parkplatz stelle. Ich inspiziere die Autokennzeichen, eines ist aus Passau. Das liegt genau auf dem Weg und würde mich bis an die Grenze bringen. Die Fahrerin erblickt mich, steigt aus und ruft mir zu:

„Wo wollen’s denn hin?“

„Passau wäre super.“

„Na, dann steigen’s halt ein.“

So einfach geht das.

Die ältere Frau ist auf dem Rückweg aus Metz in Lothringen, wo ihr französischer Mann wohnt. Manchmal lebt das Paar dort, manchmal in Passau, manchmal gönnen sie sich etwas Ruhe voneinander, und einmal im Jahr fahren sie in den Urlaub nach Italien, seit 20 Jahren in das gleiche Hotel. „Nicht immer zusammen zu wohnen macht die Ehe erträglich“ gibt sie mir und damit den Leserinnen und Lesern einen wichtigen Rat fürs Leben mit.

Um 12 Uhr fahren wir durch Regensburg, etwa 70 km von dem Ort entfernt, von dem ich um 8 Uhr aufgebrochen bin. „Da sind Sie aber nicht weit gekommen heute“, stellt die Frau gnadenlos fest. Aber jetzt geht es gut voran, immer entlang der Donau, die für die Frau aus Passau eine zwiespältige Sache ist. Dort laufen Donau, Inn und Ilz zusammen, was regelmäßig zu Hochwasser und Überschwemmungen führt.

„2013 war am schlimmsten“, erzählt sie fast stolz. „Das Erdgeschoss war komplett überflutet, und im ersten Stock stand das Wasser 1,80 Meter hoch. Die Bücher waren verklebt wie Beton, absolut unbrauchbar. Nur die Schallplatten konnte ich wieder trocknen, die funktionieren noch immer.“

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Im Autoradio läuft gerade „Life is live“. Sie dreht lauter und klopft mit den Händen auf dem Lenkrad den Takt mit.

„Wer hatte denn die Idee, an so einem Ort eine Stadt zu bauen?“ wundere ich mich, aber sie weiß es auch nicht. Mir scheint das ein ähnlich trotziges Projekt wie Manaus am Amazonas. Am Rückspiegel baumelt ein Holzkreuz aus Altötting, vielleicht ruht darauf alle unbegründete Hoffnung.

Sie lässt mich raus am Rastplatz Donautal, der gerade nicht überflutet ist. Hier muss ich mein Schild ändern, das unkonkrete „Ö“ in „LINZ“ konkretisieren. Gerade nehme ich diese Arbeit in Angriff, da kommt ein Mann in zerschlissener Kleidung und mit großer Einkaufstüte mit wenigen leeren Flaschen darin. Er fragt mich, ob ich ihm nicht einen Euro geben können.

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„Sehen Sie, ich bin ganz zerschlissen“, sagt er, wie wenn ich das übersehen hätte können. Er arbeite den ganzen Tag auf dem Parkplatz, aber heute habe er erst sechs Flaschen gesammelt. (Oder er hat seine bisher gefundenen Schätze schon in seinem Auto deponiert.)

Ich öffne das Portemonnaie, wo nur 2-Euro-Münzen drin sind, was mir etwas viel erscheint.

„Das passt schon. Zwei Euro sind üblich hier“, sagt er gewitzt und so selbstsicher, wie wenn irgendwo eine Satzung mit seinen Gebühren aushinge.

„Ich habe selbst nicht allzu viel“, sage ich. „Sonst wäre ich doch nicht per Anhalter unterwegs.“

„Sie haben sicher mehr als ich“, entgegnet er, zurecht etwas angesäuert über den gar nicht zerlumpten Schreiberling, der auf mittellos macht, um Material für eine Geschichte zu sammeln, während er Flaschen zum Überleben sammelt.

„Da haben Sie wahrscheinlich Recht“, gestehe ich und überlege noch, ob ich ihm die absolut angebrachte Zurechtweisung mit zwei Euro vergüten soll.

Aber er denkt schon weiter: „Wo wollen Sie denn hin?“

„Nach Linz.“

„Da, der junge Mann in dem roten Auto, der fährt nach Linz. Der nimmt Sie sicher mit.“

Ich gehe zu dem jungen Mann in dem roten Auto, einem alten Opel Corsa oder so.

„Fährst du nach Linz?“

„Ja.“

„Könntest du mich mitnehmen?“

„Ja klar.“

Ich will mich noch bei dem hilfsbereiten Flaschensammler bedanken, aber er ist schon weitergegangen und spricht mit neuen Kunden.

„Wieso sucht der sich keine Arbeit?“ werden viele denken, wenn sie einen Mann im löchrigen gelben T-Shirt sehen, der tief in Mülleimer greift. Aber seine Recycling-, Gesprächs- und Vermittlungsdienstleistungen sind wertvoller als die sogenannte Arbeit von Marketing Key Account Executive Assistants oder Handyhüllenhändlern.

Der junge Mann, der aus Bonn nach irgendwo in Österreich zu seiner Freundin fährt, braucht sich hingegen seit der Explosion im Hafen von Beirut keine Sorgen mehr machen, dass jemand den Wert seiner Arbeit geringschätzt. Er ist Chemiker und forscht und promoviert zu Detektionsmethoden für gefährliche Stoffe in Schiffscontainern.

Es ist schön, auf einen Naturwissenschaftler zu treffen, der ebenso skeptisch wie ich gegenüber technischen Lösungen für die Probleme der Menschheit ist, von Energie bis zum Klimawandel.

Zweimal rammen fette SUVs fast das kleine rote Auto, wie wenn deren Fahrer ahnen, dass wir uns über die Naivität derjenigen echauffiert haben, die glauben, dass ein Elektro- oder gar ein heuchlerischer Hybridantrieb etwas an der Energieineffizienz ändert, ein 2-Tonnen-Gefährt zum Bewegen einer 80-kg-Person zu verwenden.

Leute mit kleinem Auto ohne Klimaanlage, wo bei Regen die Fenster von innen beschlagen, weil es irgendwo undicht ist, nehmen übrigens öfter Tramper mit als Leute in SUVs, die alles außerhalb ihrer Blechkiste als feindliche Welt betrachten und mit ihren Tanks am liebsten über die Schützengräben in Westflandern wälzen würden.

Ich bin fast traurig, als wir am Rasthof in Ansfelden südlich von Linz ankommen, weil es so eine interessante Unterhaltung war, von Recycling bis zu Rechtsextremismus, von Vielfliegerei bis zum Völkermord. Darüber habe ich ganz vergessen, nach dem Namen des jungen Mannes zu fragen, der unsere Seehäfen sicherer und unsere Straßen sympathischer macht. Aber seine Buchempfehlung habe ich mir gemerkt: „Die Menschheit schafft sich ab“ von Harald Lesch, sicherlich besser als das ähnlich lautende Buch von Thilo Sarrazin.

In Ansfelden warte ich nur 5 Minuten, bis mich zwei Schüler die restlichen 10 km in die Innenstadt von Linz mitnehmen. Sie fahren zur Wohnung der urlaubenden Oma, um die Pflanzen zu gießen. Schade, dass nicht mehr Leute wissen, dass es dafür Profis wie mich gibt, so dass sich die Enkel stattdessen auf die Matura vorbereiten könnten.

Louise und Luuk, die beiden Niederländer, die mich nach Linz eingeladen haben, hatten auch angeboten, mich von unterwegs abzuholen. Auch sie waren ein wenig skeptisch, was das Autostoppen anbelangt, wie es in Österreich heißt. Gar nicht skeptisch hingegen sind sie bezüglich Gastfreundschaft. Obwohl sie von mir nur ein paar Artikel kannten, laden sie mich in ihr Haus ein, verbringen das Wochenende mit mir, gewähren mir ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad, und kochen auch noch von früh bis spät.

Dabei hätten sie eigentlich genug zu tun, denn sie sind (auch) Autoren und Übersetzer. Luuk hat unter anderem die Graphic Novel „Jeden Tag Sterben“ über den Ersten Weltkrieg gezeichnet und geschrieben, beziehungsweise aus Originaldokumenten von Soldaten exzerpiert. Louise hat sie ins Deutsche übersetzt. Sie schreiben und editieren die Seiten www.HoeVrouwenDenken.nl und www.HoeMannenDenken.nl. Außerdem hängt noch das ganze Haus voll selbstgefertigter Kunst.

„Ist das nicht komisch, wenn man einfach bei fremden Menschen auftaucht?“ werde ich manchmal gefragt. Theoretisch könnte es das sein, aber auch diesmal stellt sich nach wenigen Minuten das unerklärliche Gefühl ein, wie wenn man sich schon ewig kennt. Manche Gastgeber haben ein Talent dafür. Und so sitzen wir lange Abende im Garten, reden, rauchen, und ich trinke mir mit Chili-Schnaps heftige Kopfschmerzen an. Außerdem nehme ich einige Kilo zu, weil Louise nicht nur gut und viel kocht, sondern mir auch noch die Reste für unterwegs einpackt.

Nur mit Hinweis auf den anstehenden Besuch in Mauthausen, wo ich wahrscheinlich nicht so viel Appetit haben werde, kann ich verhindern, Lasagne, fünf Tafeln Schokolade, belegte Brote und einige frisch gebratene Souvlakispieße, komplett mit Pommes und Salat, eingepackt zu bekommen.

Aber sie bestehen darauf, mich nach Mauthausen zu fahren, worum ich ehrlich gesagt ganz dankbar bin, denn aus der Großstadt (wozu wir Linz gnädig zählen wollen) rauszutrampen ist immer das Schwierigste.

Obwohl sich dieser Blog sonst nicht scheut, vollkommen Unzusammenhängendes in einen konstruierten Zusammenhang zu bringen, ist hier eine Grenze erreicht, die nicht überschritten werden sollen. Der Besuch der KZ-Gedenkstätte in Mauthausen bleibt deshalb einem separaten, ernsten Artikel vorbehalten. (Wenn es Euch interessiert, vermerkt es doch bitte im Kommentarbereich, so dass ich weiß, ob hier überhaupt Interesse an schweren Themen besteht.) Hier muss genügen, dass Louises und Luuks Einschätzung, dass man in der Gedenkstätte locker einen halben Tag verbringen könne, absolut richtig lag. Den ganzen Vormittag war es passend grau und trüb, und wie immer an solchen Orten gleichzeitig schockierend und erhellend. Egal, wie viel man zu wissen glaubt, man lernt doch immer noch eine Menge dazu.

Erst als ich mich nachmittags wieder auf den Fußweg runter in die Kleinstadt Mauthausen mache, kommt die Sonne hervor, und zwar so kräftig, wie wenn sie den verpassten Vormittag mit aller Kraft nachholen möchte. Die mich überholenden Fahrradfahrer sehen mein WIEN-Schild am Rucksack und rufen „Viel Glück!“

Wien

Gleich an Mauthausen fließt die Donau vorbei. Da das Autostoppen fast keine Herausforderung mehr darstellt, kommt mir die Idee, stattdessen eine nautische Mitfahrgelegenheit zu ergattern. Tatsächlich biegt gerade ein Kahn um die Kurve. Leider fährt er in die falsche Richtung, stromaufwärts. Danach ist Flaute auf dem Fluss.

Na gut, dann bleibe ich eben doch wieder neben der Straße stehen. Das Thermometer vor der Apotheke zeigt 36º an. Die Eisdiele, bei der das Thermometer mehr Sinn ergäbe, ist geschlossen. Ich schmelze so schnell wie die Polkappen, nur dass man unter mir keine Bodenschätze finden wird.

Nach etwa 5 Minuten hält ein älterer Herr mit Brille und weißem Kurzarmhemd, Typ pensionierter Lehrer, und sagt: „Ach, junger Mann, hier stehen Sie noch ewig.“ Er mag Recht haben, denn Mauthausen ist nördlich der Donau, aber die A1 nach Wien verläuft südlich der Donau. „Da bringe ich Sie doch besser zur Autobahnauffahrt.“

Wir unterhalten uns darüber, wo ich herkomme und wohin ich will. Der Herr kennt Amberg, war schon ein paarmal dort und lobt die große Kirche auf dem Marktplatz. Er musste übrigens gar nicht zur Autobahn und fährt die 40 km Umweg nur wegen mir.

„Aber jetzt sind Sie doch mal ehrlich“, fordert er mich auf: „Sie hören sich so an, wie wenn Sie studiert haben.“ Anscheinend ist er schockiert, dass auch Akademiker trampen, und ich gestehe, dass ich Jus und Philosophie studiert habe und derzeit Geschichte studiere.

„Jus, Philosophie und Geschichte!“ entfährt es ihm anerkennend. „Da könnten Sie ja eigentlich Minister werden.“

„Ich warte auch schon die ganze Zeit auf den Anruf“, gebe ich vor, wobei das Telefon in Wirklichkeit ausgeschaltet im Rucksack liegt, weil ich nicht so scharf auf Büro- und Gremienarbeit bin.

„Wenn Sie Geschichte studieren, dann wird Sie interessieren, wo wir gerade vorbeifahren. Hier haben die Römer einen großen taktischen Fehler begangen. In Albing war ein römisches Legionslager und ein großes Kastell, so ab 170 nach Christus. An der Donau verlief ja der Limes, die Grenze des Römischen Reiches. Und nördlich davon lauerten die Germanen, eigentlich die Markomannen. Aber in der Donau liegt an dieser Stelle eine Insel, auf die die Markomannen heimlich vordrangen, und von dort das römische Lager angreifen konnten. Ein großer Fehler! Die Römer hätten eben auch diese Insel sichern müssen.“

Seine Sympathien sind auf Seiten der italienischen Invasoren, soviel wird klar.

„Die Römer haben sich dann letztendlich zurückgezogen und errichteten mit Lauriacum einen neuen Standort. Neben Carnuntum war das die bedeutendste Römersiedlung im jetzigen Österreich. Daraus entstand dann schließlich die Stadt Enns.“

Limes Österreich

„Auf diesem Weg wurden Österreich und Bayern christianisiert“, fährt er fort, ohne mir Zeit für mehr als ein anerkennendes „oh“ zu gestatten. „Das Christentum kam von Rom nach Norden, dann über Lauriacum nach Passau, was einst die größte Diözese im Heiligen Römischen Reich war. Sogar Oberösterreich gehörte damals zu Passau.“

Auf meine Frage, ob er ebenfalls Geschichte studiert hat, erklärt er: „Nicht richtig studiert, aber früher war ich viel mit meinem Bruder unterwegs. In ganz Europa“, und fügt träumend an: „Ach, es gibt so viele schöne und interessante Orte!“ Und während der Reisen hat er sich immer in die örtliche Geschichte eingelesen.

Das beschreibt meinen Modus Operandi ganz gut, nur dass ich nicht über solch ein gutes Gedächtnis wie der Privatgelehrte verfüge und die Details schnell wieder vergesse. Da ich während der Fahrten keine Notizen mache, ist auch die hiesige Vorlesung nur bruchstück- und vielleicht sogar fehlerhaft wiedergegeben.

„Da vorne sehen Sie eine schöne romanische Kirche. Das ist Rems.“ Er spricht es aus wie das französische Reims.

Er fährt mich direkt zur Auffahrt auf die A1, die nach Wien führt. In Österreich ist die Straßenplanung noch am Menschen, nicht nur am Auto orientiert, und ein breiter Seitenstreifen bietet Platz für Tramper und anhaltende Fahrer.

Auffahrt A1

Ich warte nur etwa 5 Minuten, bis ein Ehepaar aus der Slowakei anhält. Marko ist Maschinenbauingenieur, hat in der Slowakei und in Deutschland studiert und war gerade zu einem Vorstellungsgespräch in Österreich. Für ihn war es gar keine Frage, dass er für mich anhielt: „Als ich in Magdeburg studierte, bin ich immer per Anhalter aus der Slowakei und zurück gefahren. Normalerweise habe ich zwei Tage für die Strecke gebraucht.“ Und mit der Präzision eines Ingenieurs: „An einem Tag schafft man zwischen 350 und 600 km.“

Seine Frau ist Anwältin. „Aber die letzten 6 Jahre habe ich nicht gearbeitet, weil wir in China lebten.“ Wie ich zu meinem Leidwesen selbst erlebt habe, verliert ein Jura-Abschluss mit Grenzübertritt schlagartig an Nützlichkeit.

Der Ingenieur ist ganz begeistert von China, von der Organisation, von der Infrastruktur. Auch die Ein-Kind-Politik findet der zweifache Vater aus ökonomischen und ökologischen Gründen richtig.

Die Anwältin hingegen bemängelt den Mangel an Freiheit und bedauert, dass sie in China nicht offen über Politik oder Menschenrechte sprechen konnte.

Er: „Aber schau mal, wie effizient China auf das Coronavirus reagiert hat.“

Sie: „Und sie kontrollieren effizient jegliche Berichterstattung darüber.“

Er: „Unsere Politiker reden immer über Menschenrechte und so, aber die sollen erst einmal Straßen und Krankenhäuser und Flughäfen wie in China bauen.“ (Mir persönlich ist unterwegs allerdings nicht aufgefallen, dass es zu wenig Straßen gäbe.)

Sie: „Man kann doch auch bauen, ohne die Uiguren einzusperren.“

Er: „Das stört in China aber niemanden.“

„Ja, so sind die Chinesen“, sagt die Frau traurig und im Bemühen, einen Konsens herzustellen. „Das Wichtigste für sie ist, dass es der Familie gut geht und dass sie genug verdienen. Für Politik interessieren sie sich überhaupt nicht.“

„Das ist aber nichts spezifisch Chinesisches“, mische ich mich ein. „Ich war gerade in Mauthausen, und genauso haben die Deutschen und Österreicher vor 80 Jahren auch gedacht. Und ich fürchte, die meisten würden es wieder tun.“

Vielleicht sind doch die Menschen das Problem, nicht die Chinesen oder die Deutschen.

Damit habe ich die Stimmung im Artikel und im Auto auf den Gefrierpunkt gebracht, und weil ich keine Schokolade zum Verteilen dabei habe, schlage ich einen radikalen Themenwechsel ein: „Marko, konntest du schon Deutsch, bevor du zum Studium nach Magdeburg gegangen bist?“

„Nein“, lacht er und erzählt die Geschichte seines Fremdsprachenerwerbs.

„Ich konnte weder Englisch noch Deutsch. Wir waren auf dem Gymnasium, als die Tschechoslowakei aufgelöst wurde und der Sozialismus endete. Bis dahin hatten wir Russisch als Fremdsprache gelernt. Nach den Sommerferien waren die Russischlehrer plötzlich Englischlehrer. Sie hatten sich irgendwo ein Buch besorgt, vielleicht auch Tonbänder, und sollten uns nun etwas beibringen, was sie selbst nicht konnten. Sie waren uns im Buch immer nur ein oder zwei Lektionen voraus.“

„Ich habe in der Schule null Englisch gelernt, wusste aber, dass ich es brauchen würde. Also bin ich nach dem Abitur mit einem Klassenkameraden in die USA geflogen, wo wir bei McDonalds gearbeitet haben. So wollten wir Englisch lernen.“

Ach ja, die wilden 1990er Jahre!

„Wir arbeiteten am Grill, Hunderte von Hamburgern am Tag, vielleicht Tausende. Und dann wurde mein Freund vom Grill an die Kasse befördert. Oh, ich war so neidisch, weil er sich nun mit den Kunden unterhalten konnte und sein Englisch viel schneller verbessern konnte.“

„Aber weißt du, was passiert ist? Es hat ihm gar nichts gebracht, weil man an der Kasse immer nur die gleichen fünf Sätze sagt: ‚Wie geht’s Ihnen?‘ ‚Zum hier Essen oder zum Mitnehmen?‘ und so weiter. Da lernt man gar nichts. Aber ich war am Grill und hatte keinen slowakischen Kollegen mehr, also musste ich mit allen auf Englisch sprechen, mit den Negern, mit den Brasilianern, mit den Mexikanern. Und deshalb ist mein Englisch jetzt so gut.“ Selbstbewusstsein hat er, auch wenn er Begriffe verwendet, die ein wenig aus der Mode gekommen sind.

„Und dein Deutsch?“ frage ich, denn das spricht er tatsächlich sehr gut.

„Mit Deutsch war es genauso. Die Europäische Union schrieb Stipendien aus, und ich wurde nach Magdeburg zugeteilt. Also machte ich in den Sommerferien einen Deutschkurs, aber verzweifelte an der Grammatik. Wirklich, ich habe null kapiert. Ich dachte mir, ach, in Deutschland kommt man sicher auch mit Englisch durch, das ist ja ein westliches Land. Aber Magdeburg war erst seit kurzem Westen. Die konnten noch kein Englisch, und ich hatte nie richtig Russisch gelernt. Ich ging also in alle Deutschkurse, die es gab: an der Fachhochschule, an der Otto-von-Guericke-Universität, an der Volkshochschule, ich hörte mir alles dreimal an, und weil ich die Sprache überall las und hörte, hat es schon langsam geklappt.“ Da ist er jetzt aber bescheiden, denn anscheinend war sein Deutsch innerhalb eines halben Jahres gut genug für eine Stelle am Fraunhofer-Institut.

Als mich die lustigen Slowaken in Wien am Bahnhof Perchtoldsdorf absetzen, kann ich selbst kaum glauben, aber: Es hat geklappt!

All die Zweifler und Skeptiker, die sagten, dass man während der Pandemie nicht trampen kann, dass so etwas sowieso nicht funktioniert, dass es das gar nicht mehr gäbe oder dass es verboten sei, die müssen sich etwas anderes zum Zweifeln oder Skeptizieren aussuchen. Oder einfach mal selbst probieren.

Louise aus Linz sagte, als ich vom Trampen erzählte: „Das hört sich nach einer guten Therapie für ängstliche Menschen an. Wer immer nur Schreckensmeldungen liest und glaubt, dass die ganze Menschheit schlecht und böse sei, und dass an jeder Ecke das Verbrechen lauert, der muss eigentlich nur mal einen Tag mit dir unterwegs sein.“ Eine gute Idee!

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Bomben, Explosionen und mein Besuch in Beirut

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Die Explosion im Hafen von Beirut letzte Woche weckte nicht nur die Leute, die gerade ihren Mittagsschlaf machten, sondern auch Erinnerungen an meinen Besuch in jener Stadt. Es war eine kurze Visite, kaum ausreichend für einen ersten Eindruck, und sie liegt viele Jahre zurück. Damals machte ich weder Fotos noch Notizen. Es war in der dunklen, alten Zeit bevor ich das Schreiben entdeckte, und noch als Rechtsanwalt schuftete und schwitzte. Aber lasst mich versuchen, ein paar Fragmente aus der Erinnerung zu reaktivieren.

Es war im Jahr 2005, und Beirut, oder eigentlich der ganze Libanon, war gerade von einer anderen massiven Explosion erschüttert worden, die Rafik Hariri, den Premierminister getötet hatte. Zu jener Zeit explodierte im Libanon alle paar Wochen etwas, und damit war es das perfekte Reiseziel für mich. Ich bin einfach nicht der Typ für einen langweiligen Strandurlaub.

Raketenangriff

Das war in Israel, aber vielleicht kam die Rakete aus dem Libanon.

Ich habe noch den Lonely-Planet-Reiseführer für Libanon und Syrien, 2. Auflage von 2004, und ich blättere ihn jetzt durch. Ich hätte den Ort meiner Unterkunft im Stadtplan markieren sollen. Da ich das nicht habe, nehme ich an, dass ich damals ziemlich optimistisch bezüglich meiner Orientierungsfähigkeit war. Weil ich das System der Busse nicht auf Anhieb verstand, ging ich überall hin zu Fuß. Außerdem ist zielloses Herumschlendern die beste Art, eine Stadt zu erkunden.

Nur bei der Ankunft hatte ich ein Taxi vom Flughafen genommen. Es war schon dunkel, und entweder es gingen an dem Abend keine Busse mehr oder einer der Taxifahrer war zu schnell und geschickt darin, mich von der Straße wegzufangen. Ich erinnere mich an eine Menge Schlaglöcher, so groß, dass sie kaum von normaler Abnutzung entstanden sein konnten, und an Panzer am Straßenrand.

Es gibt so ein bestimmtes Reisegefühl, das ich liebe: Zum ersten Mal in einem Land ankommen, ohne jemanden zu kennen, ohne die Sprache zu sprechen, nicht zu wissen, wo ich unterkommen werde, und keine Ahnung, was als nächstes passiert. Und aufsteigender Rauch, Panzer in den Straßen, Gewehrsalven, die den Nachthimmel erleuchten. Es herrscht eine gewisse Anspannung, klar, vielleicht ist man auch ein bisschen besorgt, aber Aufregung und Neugier gewinnen mit großem Vorsprung. Wahrscheinlich musste ich die ganze Fahrt über grinsen.

„Wohin soll ich Sie fahren, Sir?“

„Ich suche nach einer günstigen Unterkunft, vielleicht so um die 20 $ pro Nacht.“ Das war die Grenze zwischen billig und nicht billig im Lonely-Planet-Reiseführer, zumindest damals. Und weil alles neu für mich sein würde, war es mir eigentlich egal, in welchem Viertel ich unterkommen würde.

Ich erinnere mich, dass wir die ganze Zeit geradeaus fuhren, was zeigte, dass es sich um einen fairen Taxifahrer handelte, und dann bog er rechts ab, und wir waren schon da. Er brachte mich in den zweiten oder dritten Stock eines Wohnblocks, läutete an der Tür und erklärte mein Anliegen.

„Für wie viele Nächte?“ fragte ein älterer Herr.

„Drei Nächte“, sagte ich spontan. Ich hatte insgesamt nur eine Woche, und den Rückflug hatte ich aus Damaskus gebucht, so dass ich noch nach Syrien musste. Ich empfehle grundsätzlich, Flüge so zu buchen, weil man dann eine grobe Route hat. Aber alles dazwischen würde ich frei lassen und einfach mit dem füllen, was so auf dem Weg liegt.

Es muss schon nach 23 Uhr gewesen sein, denn der Eigentümer der Herberge brachte mich sofort zu Bett, für das er nur 6 $ pro Nacht veranschlagte. Ich teilte das Zimmer mit 5 anderen Männern. Nun stört mich die nahöstliche Geräuschkulisse aus Sirenen, Muezzin und Scharfschützen nicht, aber wenn jemand schnarcht, dann bekomme ich kein Auge zu. Die Männer sahen alle aus wie Bauarbeiter, und sie schnarchten wie Bären. Ich schlief wirklich schlecht, falls überhaupt, außer in den letzten Morgenstunden, weil die Zimmergenossen ganz früh gehen mussten, um ein Gebäude zu reparieren, das explodiert war. Als ich endlich aufstand, merkte ich, dass ich in einer ganz gewöhnlichen Wohnung war, die zu einem Hostel umfunktioniert worden war. Das war AirBnB vor dem Computerzeitalter. Es geht also auch ohne den ganzen Technikschnickschnack.

Am nächsten Tag begann ich mit dem ziellosen Herumstreunen. Ich kam an den Platz, wo Rafik Hariri ermordet worden war und sah, was für eine enorme Bombe das gewesen sein musste.

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Überall in der Stadt hatten die Gebäude noch Narben vom libanesischen Bürgerkrieg, über den ich als Kind so viel in der Tagesschau gesehen hatte, ohne jemals etwas davon zu verstehen. Außer dass es gefährlich und kompliziert war, was wahrscheinlich meine Faszination für Beirut begründet hatte.

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Wenn man an der Corniche, der Strandpromenade, entlang ging, fühlte man sich wie in einer normalen Mittelmeerstadt. Die Leute schlenderten auf und ab, die Wellen überschlugen sich, Männer verkauften geröstete Nüsse, Kinder schrien vor Vergnügen, Jugendliche sahen so attraktiv wie möglich aus. „Paris des Ostens“ war die Stadt vor dem Bürgerkrieg genannt worden. Wenn ich mir die Gebäude ansah, konnte ich nichts davon erblicken. Aber wenn ich die Leute ansah, dann erkannte ich es.

Ich hatte keine Zeit gehabt, um mich auf die Reise vorzubereiten. Am Flughafen in Istanbul war ich am Flugsteig nach Beirut der einzige Weiße unter lauter Orientalen, wie man vor Edward Said gesagt hätte. Einer von ihnen fragte mich ganz besorgt: „Sind Sie sicher, dass Sie nach Beirut wollen?“ Nun ja, einen Ersatzplan hatte ich nicht. Eine junge Frau, sehr attraktiv, die für die UNO in Wien arbeitete und wegen Weihnachten nach Hause flog, gab mir eine Menge Tipps und Ratschläge, wohin ich gehen solle. Ich schrieb alles auf, aber sie empfahl nur Bars, Diskotheken und andere Party- und Paarungsplätze. Als sie aufstand, sagte einer der Männer: „Ich glaube, die junge Dame hat den Zweck Ihrer Reise nach Beirut missverstanden“, und lächelte vielsagend verschwörerisch. Ich warf die Notizen später weg, obwohl ihr Name und ihre Telefonnummer darauf standen. Aber was soll’s, ich hatte ja sowieso kein Telefon.

Die fehlende Vorbereitung führte wahrscheinlich dazu, dass ich eine Menge schöner Orte verpasste. Aber einen, den ich nicht übersehen konnte, war der Campus der Amerikanischen Universität in Beirut. Mit einem eigenen Strandabschnitt sah es wie an einer Universität in Kalifornien auf. Vielleicht sollte ich mir diese Universität für ein Auslandssemester aussuchen. Ich meine die in Beirut, nicht in Kalifornien. In den USA sind mir die Leute zu verrückt, und alle tragen Waffen.

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Ich erinnere mich auch, wie ich die Grüne Linie entlang spaziert bin, die während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 zeitweise als Demarkationslinie gedient hatte. Jetzt war es einfach nur eine gewöhnliche Straße. Nichts daran war gefährlich, obwohl die Leute sagten, dass im südlichen Abschnitt die Hisbollah wohne. Ich hatte denjenigen meiner Pässe ohne Stempel aus Israel dabei, also machte ich mir keine Sorgen. Woran ich merken würde, wo die Hisbollah-Zone beginne, fragte ich. „Mehr Typen mit Waffen“, sagte jemand. „Du wirst es daran erkennen, dass dort die Müllabfuhr funktioniert“, scherzte ein anderer, und ich verstand, warum Menschen eine Partei wählen, die anderswo als Terrororganisation eingestuft wird.

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Jetzt ist es nicht mehr so grün. Frieden ist schlecht für die Natur.

Immer wenn ich einen Laden betrat, wünschten mir die Menschen „Frohe Weihnachten“, und ich hatte echt Probleme, das mit der Abwesenheit jeglichen Schnees, mit den warmen Temperaturen und mit den arabischen Schriftzeichen in Einklang zu bringen. Viele Leute, die noch nicht im Nahen Osten waren, stellen sich die Region als monoreligiös muslimisch vor, aber so ist es nicht. Es gab eine Reihe von Kirchen, die die Tore weit offen hatten, so dass ich im Vorbeigehen die Chöre und Gesänge hörte. Und vor jeder Kirche stand mindestens ein Panzer mit Soldaten.

Weil ich damals noch nicht schrieb, machte ich vieles anders als ich es jetzt tun würde. Anstatt in die Kirche zu gehen, ging ich ins Kino und guckte „Lord of War“, einen Film über einen Waffenhändler. Kein besonders guter Film, aber ich fand ihn irgendwie passend für den Ort.

Wenn ich mit Leuten ins Gespräch kam, fragten sie mich natürlich, woher ich kam und was ich beruflich machte. Als ich, ganz der Wahrheit verpflichtet, sagte, dass ich ein Rechtsanwalt aus Deutschland sei, weiteten sich die Augen, die Menschen wurden noch höflicher und einmal sagte eine Frau in einem Falafel-Laden darauf: „Für Sie kostet es nichts. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!“

Erst am zweiten oder dritten Tag, als ich die örtliche Zeitung Daily Star las, verstand ich, warum ich mit so unangebrachter Ehrfurcht behandelt wurde. Ihr erinnert Euch an den libanesischen Premierminister, der ein paar Monate vorher ermordet worden war? Die Untersuchung der libanesischen Behörden verlief im Sand, und deshalb ernannte die UNO einen Sonderermittler. Dieses Amt übernahm Detlev Mehlis, ein deutscher Staatsanwalt, und seine Untersuchung war zu dem Zeitpunkt noch im Gange. Er wurde im Libanon hochgeschätzt, und die Menschen setzen große Hoffnung in die internationale Untersuchung. Und wenn sie in Beirut einem deutschen Juristen begegneten, nahmen sie anscheinend automatisch an, dass dieser zu seinem Team gehörte.

Aber die Menschen waren überhaupt sehr freundlich. Als ich am Abend in die Wohnung zurückkam, fragte mich der Sohn des Eigentümers, ob alles in Ordnung sei. Ich sagte, halb im Scherz, dass ich besser tagsüber schlafen und nachts spazieren gehen sollte, um den schnarchenden Männern in meinem Zimmer zu entgehen.

„Oh, das tut mir leid!“ entschuldigte er sich für etwas, wofür er nichts konnte. „Lass mich mit meinem Vater sprechen, vielleicht finden wir ein separates Zimmer für dich.“

Das waren gute Nachrichten, und ich sagte ihm, dass ich dafür natürlich mehr zahlen würde.

Er sprach kurz mit seinem Vater und informierte mich: „Wir hätten für die nächsten zwei Nächte ein privates Zimmer für dich. Das kostet allerdings 20 $ pro Nacht, wäre das akzeptabel?“

Es war äußerst akzeptabel.

Und als er mir das Zimmer zeigte, merkte ich, dass es das Schlafzimmer des Vaters war, der für zwei Nächte auf die Couch im Wohnzimmer umzog, nur damit ich mich richtig ausruhen konnte. Ich fühlte mich nicht gut darüber, einen Greis aus seinem Bett verdrängt zu haben, und wollte schon anbieten, dass stattdessen ich im Wohnzimmer schlafen könne. Aber auch da lagen schon mehrere Leute, und vielleicht hätte ich wieder keinen Schlaf bekommen.

Die Wohnung war in der Nähe des Busbahnhofes Charles Helou, nur 300 Meter von dem Hafen, der letzte Woche vollständig zerstört wurde. Natürlich frage ich mich jetzt, was aus den Leuten geworden ist, bei denen ich damals wohnte. Wenn sie überlebt haben, räumen sie wahrscheinlich gerade auf, so wie es die ganze Bevölkerung macht und damit das staatliche Vakuum füllt.

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Wenn Ihr an den Libanon denkt, vergesst übrigens nie, dass dieses von Kriegen, Bürgerkriegen, Währungsverfall, Inflation und Lebensmittelknappheit geplagte Land pro Kopf die größte Zahl an syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat. Wenn dieses kleine Land mit so vielen Problemen einen Flüchtenden für vier seiner Einwohner aufnehmen kann, dann können auch wir Europäer ein bisschen großzügiger sein.

Aber 2005 sah das niemand kommen. Ganz im Gegentum, am letzten Tag ging ich zum Busbahnhof Charles Helou und fragte nach einem Bus, der mich nach Syrien bringen würde. „Zahl auf keinen Fall mehr als 10 $“, hatte mich mein Gastgeber angewiesen, besorgt, dass mich jemand übervorteilen würde. Aber der Busbahnhof war gespenstisch leer und windig.

„Die Busse fahren nicht mehr, weil in den Bergen zwischen dem Libanon und Syrien ein Schneesturm tobt.“ Das war schlecht, denn in drei Tagen musste ich den Flug aus Damaskus erwischen. Aber die abenteuerliche Geschichte, ob und wie ich es nach Syrien geschafft habe, hebe ich für ein anderes Mal auf…

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