„Kongo“ von David van Reybrouck

Ich habe kaum Ahnung von Afrika, war noch nie wirklich dort und habe auch keine diesbezüglichen Pläne (weil mir das tropische Klima mehr zusetzt als zusagt). Warum habe ich also die letzten Wochen ein 660-Seiten-Buch über die Geschichte des Kongo gelesen?

Weil mich Kongo – Eine Geschichte des belgischen Autors David van Reybrouck schon nach der Einleitung gefesselt hat wie ein Roman. In jedem Kapitel hat sich eine neue Welt aufgetan, aber auch ungeahnte Zusammenhänge eröffnet.

46445David van Reybrouck geht chronologisch vor, im Wesentlichen beginnend 1870, aber das Buch ist keines jener Geschichtsbücher, die Zahlen, Namen, Orte von Schlachten und Wahlergebnisse aneinanderreihen und die einen ratlos zurücklassen. Stattdessen verwebt er historische Fakten mit persönlich Erlebtem oder geführten Gesprächen und bettet alles in einen größeren Kontext ein.

Immer wieder war der Autor selbst im Kongo, hat auf Reisen nicht nur Politiker, Popstars und Akademiker getroffen, sondern auch mit ehemaligen Regimegegnern, vergewaltigten Frauen, Kindersoldaten und Zeitungsverkäufern gesprochen. Er flog durchs ganze Land, ging in die Slums, in die Villen, wagte sich in die Rebellengebiete und hörte Rentnern zu, die noch von der Kolonialzeit erzählen können.

So umfassend wie die Recherche, so umfassend ist der Anspruch. Nicht nur um große Ereignisse wie Krieg, Unabhängigkeit, Putsch geht es. Die Wirtschaft spielt natürlich eine Rolle, zuerst der Kautschuk, dann Kupfer, jetzt Coltan. Der Kongo produzierte immer, was die Welt benötigte. Aber auch die Kulturgeschichte, von Musik zum Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman, von der Zairisierung unter Mobutu bis zu den unterschiedlichen Kirchen, Sekten und Predigern nimmt einen breiten Raum ein.

Das alles wird in globale Zusammenhänge eingebettet, natürlich angefangen mit Sklavenhandel und Kolonisierung. Aber auch im Ersten und im Zweiten Weltkrieg spielte Belgisch-Kongo eine entscheidende Rolle, nicht nur als Lieferant des Urans für die amerikanischen Atombomben. Im Ersten Weltkrieg wehrte der Kongo deutsche Eroberungsversuche ab. Im Zweiten Weltkrieg befreiten kongolesische Truppen Äthiopien und durchquerten die Sahara bis nach Ägypten, wo sie die Briten verstärken sollten. Unmittelbar mit der Unabhängigkeit 1960 fiel der Kongo dann in den Strudel des Kalten Kriegs. Und Mobutu bemerkte erst, dass seine Zeit um war, als er im Fernsehen die Exekution seines rumänischen Freundes Ceaușescu sah. Ohne die Geschichte von Ruanda und Burundi ist die jüngere Vergangenheit des Kongo nicht zu verstehen. Und am Ende fliegt van Reybrouck nach China, um dort arbeitende und lebende Kongolesen zu besuchen. Von der Kongo-Konferenz in Berlin zur Globalisierung in Guangzhou wird hier ein ganz großer Bogen geschlagen, und man versteht mehr nicht nur über ein Land, sondern über die Welt.

Dazwischen stößt man immer wieder auf Kuriositäten, die die traurige Geschichte des Landes, das mehrfach umbenannt aber immer ausgeplündert wurde, auflockern. Ich führe hier nur zwei auf, die überraschende Bezüge zu Deutschland bieten. So hatte das Deutsche Kaiserreich ein Schiff in den Tanganjika-See gebracht, das im Ersten Weltkrieg den Kongo angriff und 100 Jahre später noch als Fähre Dienst tut.

Oder wusstet Ihr, dass seit 1977 ein deutsches Unternehmen etwa 5% des kongolesischen Staatsgebiets gepachtet hatte, um von dort Weltraumraketen ins All zu schießen? Unterstützt vom Bundesforschungsministerium konnte die OTRAG walten wie ein Kolonialherr: Zoll- und Steuerfreiheit, juristische Immunität, und das Unternehmen durfte sogar Einheimische umsiedeln, wenn sie im Weg waren.

Aber der dritte Teststart schlug fehl – vor den Augen des Diktators.

Alles in allem bietet das Buch die brillante Darstellung eines widersprüchlichen Landes, das weder auf die gebotene Komplexität verzichtet, noch den Kongo als reinen Katastrophenschauplatz abtut. Spannend, lehrreich und gut geschrieben, eine absolute Empfehlung! Und die Fortbildung lässt sich von zuhause aus genießen, ganz ohne tropische Regenfälle, giftige Schlangen und Flugscham.

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Tag der offenen Landstraße

Sonntag, 8. September. Tag des offenen Denkmals. Heute sind sie geöffnet, die Burgen und Bunker, Klöster und Kathedralen, die dem Volk sonst verschlossen sind. Das muss man nutzen, denke ich. Im Veranstaltungsprogramm streiche ich einige Punkte an.

„Das kannst du streichen“, sagt die Freundin.

Ist doch nur einmal im Jahr, denke ich. Aber ich will keinen Disput. Vor allem, weil sie einen besseren Vorschlag macht: „Fahren wir per Anhalter nach Liège!“

Wir befinden uns in Aachen, das sollte ich erwähnen. Keine üble Stadt, aber das beste daran ist die Lage. Kaum ist man draußen aus der Stadt, schon ist man drüben in Belgien.

Wir haben nur einen Tag Zeit. Ich fahre nicht gerne für einen Tag in große Städte. Ist ja kein uninteressantes Kaff, dieses Liège, da kann man schon ein bisschen was sehen. Dann lieber gar nicht. Oder eben erst, wenn ich mal vier oder fünf Tage Zeit habe.

Wir einigen uns, ganz ohne Disput. Bis zur Grenze fahren wir mit dem Auto. Die Freundin hat nämlich eins. Sie will nur wissen, wie mein Vagabundenleben aussieht. Wir beide wollen wissen, ob es funktioniert, wer uns mitnimmt, wie lange wir warten müssen. Ein wissenschaftliches Experiment gewissermaßen.

In Belgien beginnen wir mit dem Autostopp. Wir haben dort nämlich mal eine blaue Bank gesehen, eine Mitfahrbank. Da stellt man sich hin – oder sitzt, wenn man müde ist -, hält den Daumen raus oder nicht, und schwupp, hält ein Auto. In der Theorie. Heute machen wir den Praxistest.

Andreas Mitfahrbank sitzend

Wer’s wissen will: Die Bank steht vor einem Café. Das Café steht direkt an der Grenze. Kubus oder Kukurusa heißt es. Jedenfalls an der Eupener Straße. Wenn Eupen-Malmedy nicht zu Deutschland will, dann kommen wir eben nach Eupen.

Wir gucken freundlich. Wir lächeln, obwohl wir hinter den Windschutzscheiben nichts erkennen können. Manche Fahrer winken. Anhalten wäre besser. Na gut, manche Autos sind schon voll. Ist viel los für Sonntagmorgen. Gut, dass die Grenze offen ist. Danke, Merkel!

Etwa zehn Minuten, bis das erste Auto hält. Deutsches Kennzeichen, niederländischer Fahrer, der nach Belgien zum Einkaufen fährt. Und zum Autowaschen. „Hier bekommen Sie eine Autowäsche für 10 €. Handwäsche! Das ist in Deutschland gar nicht mehr erlaubt.“

„Gute Musik“, sagt die Freundin, um das Thema zu wechseln.

„Aber bald kommt Gesang“, warnt der Fahrer.

„Hoffentlich nicht so heftig wie bei Wagner“, werfe ich ein. Das ist riskant. Wenn es Wagner wäre, dann wäre die Stimmung im Wagen kaputt. Wer Anhalter mitnimmt, will nicht, dass die ihm das Radioprogramm diktieren.

„Oh nein, das wäre zu viel am frühen Morgen“, entwarnt der fliegende Holländer. „Aber Sie kommen von dort unten, oder?“ Er meint Bayreuth.

„Ja, aus Bayern“, gebe ich zu. Ein Niederländer, eine Georgierin und ein Deutscher sprechen Deutsch, aber der Deutsche hat den stärksten Akzent. Deprimierend.

Rechts fliegt ein Golfplatz vorbei. Der Fahrer und die Freundin unterhalten sich darüber, wen sie im Golfclub kennen. Das ist nicht meine Welt. Ich fühle mich ausgeschlossen.

Eigentlich könnte ich ein Nickerchen machen. Aber wir sind schon da. Nicht in Eupen, aber Eynatten, auf halbem Weg. „Die Familie wartet auf das Frühstück, tut mir leid. Sonst hätte ich sie gerne nach Eupen gefahren.“ Auch in Eynatten fährt der nette Herr noch weiter als er muss. Er will uns auf die richtige Straße nach Eupen setzen.

Er hat gar nicht gefragt, warum wir an der Straße stehen. Wer Autowäsche und Golfplätze empfiehlt, glaubt wohl eher nicht, dass wir ein armes autoloses Anhalterpaar sind.

Jetzt stehen wir also in Eynatten. Ohne blaue Bank. Oder wir finden sie nicht. Wieder Lächeln, Daumen, Winken. „Versuch du mal“, ermuntere ich die Freundin, „vielleicht hält dann jemand.“ Sie ist ziemlich attraktiv.

Achtmal, zehnmal, zwölfmal hält sie den hübschen Daumen raus. Aber niemand hält. „Ach Scheiße, ich kann das nicht“, gibt sie entnervt auf. „Mach du mal!“

Wir wechseln die Position. Ich stecke den Daumen raus. Gleich das erste Auto hält.

Der Fahrer ist noch am Telefon. Er winkt, dass wir einsteigen sollen.

Über das Fahrtziel sprechen wir gar nicht. „Wohin sonst als nach Eupen wollen sie wohl wollen?“ denkt er sich. „Er wird schon nach Eupen fahren“, denke ich mir. „Andreas wird schon wissen, was er tut“, denkt sich die Freundin. Sie kennt mich noch nicht lange.

Der Chauffeur ist ein gemütlicher Typ. Seine rechte Hand ruht in der Hosentasche. Auch während der Fahrt. Ganz locker. Am Spiegel baumelt ein orthodoxes Holzkreuz. Sein T-Shirt ist voller Farbspritzer.

„Sind Sie Maler?“, frage ich.

„Wir sind gerade umgezogen. Neues Haus mit sechs Zimmern. Das muss ich alles streichen.“ Er klingt stolz, aber erschöpft. Jetzt habe er genug Platz für Besuche von Verwandten, „aber meine Frau mag das nicht so gerne.“ Vielleicht will sie die zusätzlichen Zimmer mit neuen Babies füllen.

Das Gespräch kommt darauf, wo wir herkommen. Die Freundin ist aus Georgien, das habe ich schon erwähnt, glaube ich. Der Fahrer ist aus Armenien. So ein kaukasischer Zufall auf der belgischen Landstraße. Die beiden sprechen ein bisschen Russisch. Nur um zu testen, wie verrostet es ist.

Armenier und Aserbaidschanerin im gleichen Auto wäre schlimmer. Oder Abchase und Georgierin. Aber auch hier bemerke ich eine gewisse Spannung. Georgier haben einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Armeniern. Denn Armenier haben den besseren Cognac. Außerdem schlauere Schachspieler. Und jetzt sogar eine friedliche Revolution.

„Andreas war schon einmal in Armenien“, sagt die Freundin. Anscheinend liest sie meinen Blog. Das machen nicht alle Freunde. Leider.

„Aber nur in Jerewan und in Dilijan“, schränke ich ein. Vielleicht kommt er von dort. Nein. Er ist aus Karabach. Da war ich noch nicht.

Wohin wir in Eupen wollen, fragt uns der Karabacher. Wir wissen es nicht genau. Er empfiehlt einen Spaziergang an der Wesertalsperre. Er würde uns gerne dorthin fahren, aber er muss seine Frau vom Trödelmarkt abholen.

Trödelmarkt? Da kommen wir gerne mit. Schließlich soll es ein spontaner Tag werden, so der unspontane Plan.

Allein hätten wir den Markt nie erkannt. In einem Parkhaus versteckt er sich. Und was es da alles gibt! Schallplatten, Videokameras, Bücher, Geschirr natürlich. Und Kriegsklimbim. Eiserne Kreuze, Hakenkreuze, vielleicht noch etwas von den Kreuzrittern. Daneben ein T-Shirt, auf dem sich Micky Maus und Minnie Maus küssen.

Der Armenier findet seine Frau, trottet ihr hinterher. Er will endlich Mittagessen, dann mit dem Hund zur Talsperre. Aber die Frau muss sechs Zimmer einrichten. Er stellt uns vor. Die Armenierin ist nicht so begeistert, dass ihr Mann eine junge Georgierin aufgegabelt hat. Nur missionieren will sie: „Kennen Sie schon die orthodoxe Kirche in Eupen?“ Die Freundin ist aber Atheistin. Alte sowjetische Schule. Am liebsten würde sie alle Kirchen sprengen.

Wir verabschieden uns.

„Hast Du gesehen, dass er keine rechte Hand hatte?“ fragt die Freundin, als wir weg sind. Sie hat Anatomie studiert, kennt sich also aus. Mir wäre es gar nicht aufgefallen. Ich blicke eher auf die inneren Werte. Die Hand, die ich in der Hosentasche vermutete, liegt in Wirklichkeit wohl auf einem Schlachtfeld in Berg-Karabach. Armer armloser Armenier.

Eupen könnte schon interessant sein. Aber heute ist es kühl und grau. Grau ist auch das Museum für Zeitgenössische Kunst, zumindest von außen. Ein Betonklotz wie Gymnasien und Studentenwohnheime aus den 1970er Jahren. Zwischen Solarstudio und Supermarkt.

Ein streunender Hund führt uns zum schönsten Haus in Eupen. Unklar, ob noch jemand drin wohnt.

altes Haus Treppealtes Haus

Irgendein Festival campiert in der Stadt. Der Park ist voller Zelte. Ein Mädchen putzt sich am Fluss die Zähne. Viele Leute mit Rucksäcken und Isomatten. Ein belgisches Woodstock. Aber niemanden von ihnen trampt. So cool sind nur wir.

„Fahren wir nach Limburg, dort ist es schön“, schlägt die Freundin vor. Ich dachte, Limburg sei in den Niederlanden. Oder in Deutschland. Aber die Freundin weiß es besser.

Wieder auf der Landstraße. Ein kleines Auto hält. Der Fahrer raucht. Eigentlich raucht das ganze Auto. Wir sind keine Tabakgegner, eher im Gegentum, also steigen wir ein. Der Fahrer bietet mir eine Zigarette an. Ich biete ihm eine Zigarre an. Wir lehnen beide ab. So geht das Ritual.

Der Fahrer sieht osmanisch-babylonisch aus, spricht aber Französisch. Wir haben also die germanisch-romanische Sprachgrenze überschritten. Auch er erzählt stolz vom Hauskauf. Die Wirtschaft boomt anscheinend.

Ohne zu fragen, wohin wir wollen, bringt er uns bis zum Marktplatz. Denn genau da ist sein neues Haus. Ob wir eine Wohnung mieten wollen? Nein, danke. Oder den Laden im Erdgeschoss? Eher nicht. Er ist enttäuscht.

Ich würde lieber einen der Jeeps mieten, die seit dem Zweiten Weltkrieg herumstehen.

Andreas Moser Jeep.jpg

Aber die Jeeps fahren an die Front. Zur Ardennendefensive. Falsche Richtung. Wir wollen auf die Burg. Also müssen wir als Infanterie weiter. Vorher noch Energie tanken an der Frittenbude. Gutes Essen kann so einfach sein.

Dieses Limburg ist wirklich beeindruckend, da hatte die Freundin schon Recht. Auf einem Berg gelegen, ganz von einer Stadtmauer umgeben. Mittelalterlich. Unebene Pflastersteine. Pflanzenumrankte Häuser. Die Kirche thront über einem Abhang. Keine neuen, hässlichen Bauten. Wie geschaffen für Ritterfilme.

Aus einem der Häuser ertönt ein Chor. Etwas schief, so wie die Häuserfront. Aber er lockt uns ins Hexenhaus. Einmal über der Schwelle, und ich merke, es ist mehr Herrenhaus als Hexenhaus. Spiegel und Gemälde an den Wänden. Weicher Teppich. Kronleuchter an den Decken. Ein Piano. Und gedeckte Tafeln mit Limburger Käse.

Ambassade

Ambassade mit Käse

Vom Käse bekommen wir nichts. Nur zwei Gläser Wein. Und einen Vortrag. Von einer niederländischen Frau, die die Geschichte Limburgs, des Hauses, ihre Funktion und vieles weitere erklärt. So schnell, dass ich nicht alles verstehe. Aber die drei Limburgs sind anscheinend verknüpft, waren alle mal Teil des Herzogtums Limburgs. Auf dieser Burg war der Hauptsitz. Auch der Bischof von Lüttich wohnte hier. Jetzt ist es ein Kulturhaus für belgisch-niederländisch-deutsche Begegnung. Im Geiste des Herzogtums Limburg, aber hoffentlich ohne Erbfolgekrieg.

Uns schwirrt der Kopf, von den Erläuterungen und vom Wein. Im Garten finden wir eine ruhige Ecke unter Rosen und Efeu. Die Freundin kippt den Inhalt ihres Glases in die Hecke. „Einen besseren Wein hätten sie schon anbieten können.“ Georgier sind etwas snobistisch beim Wein, von dem sie glauben, ihn erfunden zu haben.

Die Frau im Herzogshaus hatte von einem Wanderweg erzählt, dem „Chemin des Ducs de Limbourg“. 140 km durch die hübsche Herbstlandschaft. Ich finde das verlockend. Die Freundin hält es für eine Scheißidee.

Dafür überzeuge ich sie zu einem Abstecher in die Kirche. Ein Riesenteil, wie in Paris oder so! Aber leer, wie wenn die Wikinger gerade durchgezogen wären. Die Farbe blättert ab, im Boden sind Löcher, der Schimmel sitzt an den Wänden. Da hilft kein Gebet mehr.

Kirche 1Kirche 2Kirche 3

Dieser Tag des offenen Denkmals kann ganz interessant sein, da hatte ich schon Recht.

Aber irgendwann müssen wir aus dem Mittelalter wieder in die Moderne. Vom Marktplatz mit Hufschmieden auf die Landstraße mit Truckern. Jetzt kommt das Dumme am Trampen: Man muss eigentlich immer an den Ortsausgang gehen. Denn im Stadtzentrum nimmt einen niemand mit. Es sind nur ein oder zwei Kilometer, ein Klacks. Aber für die Freundin gleicht es dem Kreuzzug nach Canossa. „Ich muss aufs Klo.“ „Mir ist kalt.“ „Ich bin kaputt.“ „Ich vermisse mein knuffiges Kraftfahrzeug.“

Am Ortsausgang von Limburg ist eine Bushaltestelle. Das eröffnet die Möglichkeit zum Kompromiss. Vielleicht ist die Freundschaft noch zu retten. Wir warten auf den Bus – er kommt in einer Stunde – und versuchen gleichzeitig, ein Auto zu stoppen. Jetzt lächle und grinse nur noch ich. Niemand bleibt stehen.

Ich bin auf alles vorbereitet. Wie ein Schweizermesser. Im Rucksack steckt ein Karton und ein dicker Filzstift. Die Freundin ist künstlerischer als ich. Also muss Sie malen: „EUPEN – AACHEN“, in fetten Lettern. Jeder, der Limburg nach Osten verlässt, muss in diese Richtung. Es gibt also keinen Grund, nicht für uns anzuhalten.

In Diskussionen repräsentiert die Freundin sonst eher eine milde Form des Kapitalismus und ich den Sozialismus. Aber in der Kälte wird sie radikal: „Diese bourgeoisen Bünzlibürger in ihren Bonzenkarren würden uns erfrieren lassen. Leute, Ihr habt doch alle Platz! Bricht Euch denn ein Zacken aus der Spießerkrone, wenn Ihr eine Minute Eure Sonntagsfahrt unterbrecht?“ Das Sein bestimmt eben doch das Bewusstsein. So weit hatte Marx Recht.

Auf der Gegenfahrbahn hält ein kleines rotes Auto. Ein junges Paar kurbelt die Fenster herunter. Das Mädchen ruft herüber: „Hey, wir haben Euch gesehen und sind umgekehrt. Ihr könnt mit uns nach Eupen fahren.“ Wow. Ein fremdes Paar, auf einem romantischen Ausflug, kehrt extra um, fährt zurück, nur um uns zu helfen. Es gibt doch gute Menschen. Aber zuerst müssen sie die Rückbank leeren. Dutzende von Bier-, Wein-, Schnaps- und Whiskeyflaschen wandern in den Kofferraum. Ebenso Picknickdecken, Kissen und Rucksäcke. „Wir haben keinen Platz“, hätten andere Fahrer gesagt. Nicht diese beiden.

„Das ist doch selbstverständlich“, sagt das Mädchen. Sie war gerade in Australien. Per Anhalter hat sie die Ostküste erkundet. Freundlich und hilfsbereit waren die Menschen dort. Immer wurde sie mitgenommen.

Auch während der Fahrt trinken die beiden ein Bier. „Merde, Polizei“, ruft der Junge polyglott aus, als in Eupen ein Polizeiauto vor uns auf die Straße fährt. Das wäre echt ärgerlich, wenn sie jetzt angehalten werden. Denn extra für uns fahren sie weiter als sie müssen, um uns an der Straße nach Aachen abzusetzen.

Es ist wieder warm und sonnig geworden. Die Leute sind wieder glücklich und hilfsbereit. Bald hält eine freundliche Frau. „Wohin in Aachen müsst Ihr?“ fragt sie. „Zum Kukuk„, sagt die Freundin, die sich Ortsnamen besser merken kann als ich. „Dann steht Ihr aber an der falschen Straße“, erklärt die Frau, die nicht nur Fremden eine Fahrt offeriert, sondern auch ihre Navigationsanfängerfehler korrigiert. Vielleicht ist sie Lehrerin. „Hier geht es zur Autobahn nach Aachen, Ihr braucht die Landstraße.“

So gehen wir zurück in die Innenstadt von Eupen. Das australische Alkoholikerpaar hätte sich den Umweg sparen können. Merke: Immer genau sagen, wo man hin will. Die meisten Fahrer kennen sich aus und setzen einen an einem günstigen Punkt ab. Für Autofahrer ist oft nur ein kleiner Umweg, was dem Tramper mühevolle Stunden in sengender Sonne erspart.

Dank des „AACHEN“-Schildes können wir jetzt auch in der Mitte des Ortes stehen bleiben, denn lesen kann jeder Autofahrer. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten hält eine junge Frau. Statt Alkoholflaschen muss sie Aktenordner vom Rücksitz räumen. „Ich bin schon einmal an Euch vorbeigefahren, aber dann umgekehrt und zurückgekommen“, erklärt auch sie.

Sie erläutert den Plan: „Ich fahre nur bis zur Grenze, zum Kukuk. Aber dort treffe ich Freunde, die fahren später nach Aachen zurück. Die können Euch den Rest des Weges mitnehmen.“ Wahnsinn, wie nett die Leute sind! Aber beim Kukuk wartet das Auto der Freundin, so dass unser Abenteuertag dort ein jähes Ende finden muss. „Schade“, denke ich mir. „Endlich“, denkt sich die Freundin.

Wenn man als Anhalter Nichtanhaltern vom Trampen erzählt, hört man komische Fragen. Nach Gefahren. Nach Massenmördern. (Wer massenmorden will, schießt doch viel lieber ein Flugzeug nach Mallorca ab.) Und manchmal kommt der Vorwurf, man sei parasitär. Aber so ist es nicht. Es ist nicht nur Nehmen, es ist Geben und Nehmen. Die Passagiere erzählen Geschichten, unterhalten, geben Reisetipps, lösen Rechtsfragen oder hören einfach nur zu. Der Fahrer bleibt wach, und zuhause hat er etwas zu erzählen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Tramper geben dem Fahrer das Gefühl, etwas Gutes, vielleicht sogar etwas Abenteuerliches getan zu haben. Die junge Frau erzählt ganz offen: „Ich wollte schon immer mal Anhalter mitnehmen, habe aber noch nie jemanden gesehen. Ihr seid die ersten.“ Eine lupenreine Win-Win-Situation.

Was uns an diesem Tag auffällt: Mit Ausnahme der Frage, wohin wir wollen, hat uns niemand ausgefragt. Kein Fahrer hat gefragt, wieso wir nicht den Bus oder den Zug nehmen. Kein Fahrer hat gefragt, ob wir etwa arm wären. Kein Fahrer hat gefragt, was wir arbeiten, ob die Promotion schon fertig ist, ob wir Kinder haben, woher wir uns kennen, all das Zeug, das man sonst ständig gefragt wird. So eine Fahrt mit Fremden ist viel angenehmer als die meisten Familienfeiern.

Die Abendsonne taucht die ostbelgischen Hügel, Kühe und Farmhäuser in wohlig-warmes Licht. Das Grün ist saftig, das Himmelsblau kräftig, die Schafe fett und glücklich. Bei Hauset weist die Fahrerin auf das Schlemmerstübchen, „die beste Frittenbude in der DG“, der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, hin. Wieso dann keine der beiden Damen anhalten will, bleibt mir unverständlich. Aber das Ziel für die nächste Anhalterfahrt ist schon gesteckt. Recherche mit praktischem Nutzen für meine Leser ist das oberste Gebot für diesen Blog!

Und schwupps sind wir am Kukuk, an der belgisch-deutschen Grenze. Ende eines erfüllten Tages. Meine Bilanz: „Das hat ja super geklappt! Ich werde es öfter versuchen, auch mal für längere Fahrten.“ Die Bilanz der Freundin: „Nie wieder! Aber“, so gesteht sie immerhin zu, „ich werde ab jetzt immer anhalten, wenn ich jemanden am Straßenrand sehe.“

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Belgien geht in die Verlängerung

Wer das Wetter in Belgien kennt, versteht, warum alle Belgier in den Ferien verreisen wollen. Das schafft Nachfrage nach Haushütern und Katzensittern.

Deshalb habe ich unmittelbar nach dem Housesitting in Antwerpen einen Nachfolgeauftrag erhalten, der mich bis Anfang September nach Brüssel, in unser aller europäische Hauptstadt geführt hat.

Am letzten Tag in Brüssel klingelte es an der Tür. Wider Erwarten waren es weder die Zeugen Jehovas, noch die belgische Spionageabwehr (die zum Glück auch schon im Urlaub war), sondern ein Herr, der sich als Vertreter des „Belgisch-Königlich-Föderalen Kommission für die Wahrung der gleichmäßigen Berücksichtigung aller Regionen und Gemeinschaften Belgiens“ vorstellte. Er hatte eine Visitenkarte, die man ausklappen musste, um alles – natürlich dreisprachig – lesen zu können.

„Guten Tag, bonjour, goedendag,“ begann er, was ich für die deutschen Leser im Folgenden abkürzen werde, „uns ist zu Augen und Ohren gekommen, dass ein weltbekannter Blogger in Belgien weilt, um auf belgische Katzen aufzupassen.“

„Ja“, gab ich zu, denn Bestreiten wäre zwecklos gewesen.

„Sie waren in Antwerpen?“

„Ja.“

„Und jetzt in Brüssel?“

„Offensichtlich“, denn dort befanden wir uns.

„Haben Sie schon den deutschsprachigen Teil Belgiens kennengelernt?“ fragte er streng.

„Ja,“ erklärte ich freudig, „ich war einige Tage in Kelmis. Und in Eupen.“

„Und, denken Sie nicht, dass da noch etwas fehlt?“ Man sah, dass er gerne Lehrer geworden wäre, um Schüler zu piesacken, die Pelleas und Melisande nicht auswendig aufsagen konnten.

„Da fehlt noch etliches. Natürlich möchte ich auch mal nach Mechelen, Gent, Löwen, Brügge und so weiter. Es gibt noch so viele faszinierende Orte in Belgien.“

Der Herr konnt sich nicht mehr ruhig halten: „Was würden Sie davon halten, wenn jemand über Deutschland schreiben würde, obwohl er nur in Bayern war?“

„Ich bin aus Bayern“, klärte ich ihn auf.

„Oder nur in Sachsen?“

Jetzt verstand ich.

Aber sicherheitshalber erklärte er es dem dämlichen Ausländer: „Belgien besteht aus drei Gemeinschaften und drei Regionen: die Flämische Gemeinschaft, die Französische Gemeinschaft, die Deutsche Gemeinschaft, die Flämische Region, die Wallonische Region und die Region Brüssel-Hauptstadt. Soweit ich das sehe, waren Sie bisher in der Hauptstadt, in der Flämischen Gemeinschaft, der Flämischen Region, der Deutschen Gemeinschaft, auch der Wallonischen Region, zu der die Deutsche Gemeinschaft nämlich gehört,“ – ich konnte ihm nicht mehr folgen – „aber noch nicht in der Französischen Gemeinschaft.“ Es klang wie der Vorwurf an einen Vater von sechs Kindern, dass er sich um eines davon noch nie gekümmert hätte.

„Aber hier in Brüssel spricht man doch auch Französisch“, warf ich ein.

„Brüssel-Hauptstadt hat einen Sonderstatus! Es ist das einzige zweisprachige Gebiet Belgiens. Jedenfalls, als Kommissar für die Sicherstellung der gleichmäßigen internationalen Berichterstattung über die Regionen und Gemeinschaften Belgiens ist es meine Aufgabe, Ihnen höflich aber deutlich nahezulegen, dass Sie sich nach flämischen und hauptstädtischen Katzen auch um wallonische Katzen zu kümmern haben.“

„Ja, das mache ich gerne“, sagte ich, erleichtert, dass meine unbeabsichtigte Diskriminierung fast der Hälfte des Landes auf so angenehme Weise aus der Welt zu schaffen war. „Könnten Sie mir helfen, einen entsprechenden Auftrag zu finden? Ab morgen bin ich frei.“

„Für die Einheit Belgiens machen wir alles!“ Der Kommissar, von dem sich herausstellte, dass er wegen der verzögerten Regierungsbildung derzeit nur kommissarischer Katzenkommissar ist, war fortan sehr freundlich und hilfsbereit. Nach der Erfahrung in zwei Großstädten bat ich, zur Abwechslung und Erholung im Grünen arbeiten zu dürfen.

Noch am gleichen Abend bekam ich die Mitteilung, dass ich mich am nächsten Tag in Chastre, einem kleinen Ort in der Wallonie, einzufinden habe, wo ich bis Ende September auf zwei junge Katzen mit den jegliche Sprachenpolitik transzendierenden Namen Rock & Roll aufpassen werde.

Garten Chastre.JPG

Die Katzen verstecken sich irgendwo im Garten und spielen Gitarre.

Das mache ich gerne.

Aber ich bin froh, dass der Kongo nicht mehr belgisch ist.

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Wanzenplage

Das Schöne am Housesitting ist nicht nur, dass ich relativ kostenlos längere Zeit an Orten verbringen kann, die ich mir selbst nicht leisten könnte, und dass ich so ein bisschen Ruhe in mein ansonsten ständig weltreisen müssendes Leben bringe, sondern auch, dass bis vor kurzem vollkommen fremde Menschen mir ihr Haus und ihre Katze anvertrauen.

Dachte ich.

Bis ich ein Gerät entdeckte, das sich feige hinter einem Feigenbaum versteckte.

Feigenbaum

So eine Tarnung täuscht jedoch keinen Meisterspion.

Sofort war mir klar, womit ich es hier zu tun hatte: einem dieser Abhörgeräte, das sich Leute, die vom Thermomix und vom Rasenmähroboter schon gelangweilt sind, zum vergangenen Weihnachten selbst gekauft hatten. Denn, so denkt der Bünzlibürger, besser etwas Unnötiges kaufen, als das Geld zu spenden oder gar – welch schreckliche Vorstellung – weniger zu arbeiten.

Natürlich wusste ich mir zu helfen. Genauso wie ich es bei einem unerwünschten menschlichen Sowjetspion gemacht hätte, stülpte ich dem Elektronikteil einen Sack über den Kopf, gab ihm noch einen Tritt auf die Nüsse und steckte es dann in die Tiefkühltruhe. Da kann sich Alexa oder Siri gerne mit den gefrorenen Garnelen unterhalten.

In dem Roman Die Zwölf Stühle fragt Ostap Bender immer wieder rhetorisch „Wollen Sie vielleicht noch den Schlüssel zu der Wohnung, wo das Geld liegt?“, wenn er mit unverschämten Forderungen konfrontiert wird. Mir scheint, dass viele Menschen sehr gerne sehr viel mehr von sich preisgeben, wenn auch nicht zwischenmenschlich, so doch gegenüber milliardenschwerden, steuerhinterziehenden, datensammelnden und gesetzesbrechenden Unternehmen. Und wofür? Damit sie sich vor den Nachbarn oder den Schwiegereltern einmal zum Affen machen können, wenn sie vorführen, dass der Befehl „Alexa, öffne die Garage“ das Garagentor öffnet. Früher hätte man stolz einen Haussklaven präsentiert. Nur dass der nicht jedes Wort, jedes Niesen und jedes Stöhnen aufgezeichnet, gespeichert und ausgewertet hätte.

Am Tag vor der Abreise werde ich das Spionagegerät wieder auftauen und, die Stimme der Eigentümer imitierend, bei Amazon 12.000 Rollen Toilettenpapier bestellen.

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Große Träume

Ich traf mich auf ein Date mit einem Mädchen, was natürlich ein Fehler war.

Während wir in ihrem VW Golf durch Wien fuhren, an grünen Ampeln hielten und bei roten durchfuhren, stellte sie mir eine ziemlich persönliche Frage: „Was sind die nächsten Ziele in deinem Leben?“

„Diesen Abend ohne Unfall zu überleben“, dachte ich, aber entschied mich zu einer ernsthaften Antwort.

„Oh, es gibt so vieles, was ich noch tun möchte: die längstmögliche Zugreise um die halbe Welt, für ein paar Jahre nach Bolivien ziehen, Geschichte studieren, zu Fuß den Titicaca-See umrunden, Bücher schreiben, Russisch lernen, die Alpen überqueren, promovieren, ein halbes Jahr ohne Internet leben, nach Kirgistan reisen, der Fremdenlegion beitreten, …“

Ihre Augen wurden müde, bemerkte ich, und da sie am Steuer saß, brach ich den Satz vorzeitig ab. „Und du?“ fragte ich mit einem ermutigenden Lächeln.

„Ich suche nach einer Arbeit, wo ich mehr Geld verdiene, so dass ich eine größere Wohnung mieten kann. Und ich würde gerne einen VW Polo kaufen. Den neuen.“ Und, wie wenn das ihre Entscheidung begründen würde: „In weiß!“


Manchmal werde ich gefragt, was denn mit der Gesellschaft passierte, wenn jeder so wie ich leben würde und keiner regelmäßigen Arbeit nachginge, ja so wenig wie möglich arbeitete.

Darüber muss sich niemand sorgen. Denn nach meiner Erfahrung ist die große Mehrheit der Menschen ganz erpicht darauf, ihre Zeit und ihre Energie, in anderen Worten ihr Leben, zu verkaufen, um mehr zu verdienen, mehr auszugeben und mehr zu kaufen und damit Unternehmer, Arbeitgeber und Vermieter immer reicher werden zu lassen.

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Für ein perfekts Leben braucht man wahrscheinlich noch so ein hässliches Haus.

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“Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte”

12740Der Sammelband, herausgegeben von Christian Heilbronn, Doron Rabinovici und Natan Sznaider und erschienen bei Suhrkamp 2019, ist die Neuauflage eines Sammelbandes von 2004. Etliche der Autoren haben ihre damaligen Beiträge um 2018 geschriebene Postskripta ergänzt, wobei diese ausnahmslos ein Anwachsen des Antisemitismus seit 2004 feststellen. Dazu sind neuere Aufsätze gekommen, so dass auch aktuelle Themen behandelt werden. Die 18 Beiträge nehmen nur selten ausdrücklich aufeinander Bezug, können also auch separat gelesen werden.

Obwohl es natürlich rote Fäden gibt, die sich durch mehrere Beiträge ziehen, werde ich im folgenden jeden einzelnen Artikel kurz vorstellen und gegebenenfalls bewerten.

Omer Bartov (S. 28-62) schlägt unter Verweis auf Hitlers “Zweites Buch” den Bogen von der damaligen Brandmarkung des “Internationalismus” als einer jüdische Verschwörung zur Erringung der Weltherrschaft (S. 33) zur heutigen obsessiven Fixierung auf den angeblichen weltweiten Einfluss von Juden auf Kultur, Politik und Wirtschaft (S. 39). Außerdem werde nicht nur der Staat Israel, sondern alle Israelis als Übeltäter angesehen, und alle Juden als potentielle Israelis (S. 39). Das gehe bis zur Behauptung, Israel beginge ähnliche Verbrechen wie die Nazis (S. 40), womit sich der Antisemitismus selbst als Antinazismus präsentieren kann (S. 44).

Tony Judt (S. 63-72) hingegen betont den Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus. Den Grund dafür, dass letzterer in Feindschaft auch gegen nicht-israelische Juden umschlage, sieht er in dem Anspruch Israels, für alle Juden zu sprechen (S. 69). Israel habe somit selbst erheblich zum Wiederaufleben des Antisemitismus beigetragen; ein Ergebnis womit viele israelische Politiker keineswegs unglücklich seien, führe es doch zu vermehrter Einwanderung europäischer Juden (S. 69).

Natürlich gibt es einen dementsprechenden Zusammenhang, schließlich kocht der Antisemitismus immer besonders hoch, wenn gerade wieder Krieg in Gaza ist, aber das den “Hauptgrund” (S. 70) für Antisemitismus zu nennen, halte ich für gewagt. Bei allen anderen Nationen gelingt es uns ja auch mühelos, das Verhalten eines Staates nicht einzelnen Bürgern desselben, geschweige denn Nicht-Bürgern, anzulasten. Brasilianer werden gewöhnlich nicht aufgefordert, sich für die Abholzung des Regenwaldes zu rechtfertigen. Nur Juden aus aller Welt müssen sich für Israel rechtfertigen, auch wenn sie nie dort gelebt haben.

Zum Ende greift Judt dann sogar noch in die Mottenkiste antisemitischer Weltverschwörungsklischees: Nichtjuden seien durch moralische Erpressung durch Zionisten angreifbar, die amerikanische Außenpolitik sei verpfändet an Israel, und Europäer können Israel nicht ohne schlechtes Gewissen verurteilen (S. 71). Damit verliert der Beitrag an Überzeugungskraft.

Noch enttäuschender ist der Beitrag von Judith Butler (S. 73-91), den sie hauptsächlich der Boykottbewegung BDS (für “Boycott, Divestment and Sanctions”) widmet. Laut ihr tritt die BDS-Bewegung dem Antisemitismus entgegen (S. 76), und die Motivation, sich der Bewegung anzuschließen, entstünde nicht aus einem Hass auf das jüdische Volk (S. 80). Der Antisemitismusvorwurf sei mittlerweile vollkommen entwertet, weil er sich hauptsächlich gegen jene richten würde, die Israel kritisch gegenüberstehen (S. 74, 87).

Letztere Behauptung finde ich falsch, und die Darstellung der BDS-Bewegung halte ich für naiv. Man muss sich nur die Redner und Parolen auf BDS-Veranstaltungen ansehen und anhören oder auf den entsprechenden Internetseiten stöbern, um zu erkennen, dass sich unter dem Banner der Israelkritik eine ganze Menge Antisemiten austoben. Außerdem sind die Boykottaufrufe nicht beschränkt auf Unternehmen, sondern erstrecken sich auf israelische Künstler und Akademiker, von denen viele der israelischen Politik kritisch gegenüberstehen.

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Gerd Koenen (S. 92-127) bietet einen historischen Überblick seit dem 19. Jahrhundert. Interessant fand ich den Hinweis auf den sowjetischen Antizionismus, der während des Kalten Kriegs in nationale Befreiungsbewegungen und sozialistische Staatsparteien der Dritten Welt, aber auch in die Linke des Westens nach 1968 exportiert wurde (S. 102-104). Letzteres koinzidierte mit der Entidealisierung Israels nach dem Sechstagekrieg von 1967, mit dem sich das Israelbild der bundesdeutschen Linken vom sozialistischen Kibbuz-Staat zum Kolonialstaat wandelte (S. 108). 

Koenen betont die Kontinuität des Antisemitismus, weil die Tabuisierung des Antisemitismus in Westdeutschland ohne wirkliche geistige oder moralische Läuterung geschah, und ein Fundus diffuser Ressentiments verblieb, der jederzeit reaktivierbar sei (S. 123). In einer meiner Meinung nach realistischeren Einschätzung der BDS-Bewegung erwähnt er diese als Beispiel dafür (S. 125). Andererseits verweist er auch darauf, dass manche Israel-Solidarisierer in die anti-islamische und rechte Ecke abrutschen (zB Henryk Broder, S. 125).

Sina Arnold (S. 128-158) hat empirische Forschung zur Einstellung von Geflüchteten aus mehrheitlich muslimischen Ländern durchgeführt. Bei solchen Jugendlichen findet sie relativ häufiger antisemitische Einstellungen, wobei es große Unterschiede je nach Bildung, Eltern und Herkunftsland gibt (S. 131). So identifizieren sich zB Araber stärker mit Palästinensern und positionieren sich damit gegen Israel als nicht-arabische Muslime (Kurden, Iraner, Afghanen; S. 142-143). Die Auszüge aus den Interviews offenbaren die gesamte Bandbreite vom Hass auf Juden bis zur Anerkennung von Juden als ganz normalen Menschen ohne spezifisch jüdische Charaktereigenschaften. 

Arnold sieht die Gefahr, dass unter Verweis auf den “importierten Antisemitismus” einerseits eine heterogene Gruppe pauschalisiert wird und andererseits die Vorurteile in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verharmlost werden (S. 138), obwohl 2017 ganze 94% der antisemitischen Straftaten in Deutschland von politisch rechts motivierten Tätern begangen wurden (S. 137). Interessant fand ich in dem insgesamt sehr differenzierenden Aufsatz den Hinweis auf die ähnliche Dynamik bei Homophobie und Sexismus (S. 139).

Michel Wieviorka (S. 159-181) stellt die Situation in Frankreich dar und betont, dass Antisemitismus nichts damit zu tun hat, was Juden tun oder wie sie leben (S. 161). Wie in anderen Ländern auch, werden die Juden mit Israel assoziiert, so dass es Wellen des Antisemitismus gibt, zB beim Libanonfeldzug 1982 und während der Zweiten Intifada 2000-2005 (S. 165, 169-170). Dies beträfe allerdings nur antisemitische Handlungen; antisemitische Vorurteile von Geld- und Machtkonzentration seien zeitlich konstant und umso häufiger anzufinden, je weiter rechts eine Person stünde (S. 174-175).

Unter Verweis auf den Propagandasender Zeesen und Amin el-Husseini zeigt Matthias Küntzel (S. 182-218) den starken deutschen Einfluss auf den arabischen Antisemitismus. Dem Judenbild des Islam wären der rassistisch motivierte Antisemitismus oder die Weltverschwörungslegende fremd gewesen (S. 188), aber ab 1937 entdeckte das Deutsche Reich die Araber als Verbündete (S. 186) und begann mit Propaganda und finanzieller Unterstützung für die Muslimbruderschaft. Nach 1945 folgte dort jedoch keine Entnazifizierung (S. 196), so dass der einmal gesäte Antisemitismus zusammen mit dem Wunsch zur Liquidierung Israels zu einem gefährlichen Mix wurde, dessen Komponenten sich gegenseitig bedingen. Küntzel kritisiert die deutsche Außenpolitik, die im Nahen Osten noch immer von den Sympathien zehrt, die aus der Zeit vor 1945 stammen (S. 203), was viele deutsche Nahost-Reisende anhand persönlicher Anekdoten bestätigen können.

Wenn heutzutage der “importierte Antisemitismus” arabischer Einwanderer thematisiert wird, muss man also genau genommen von einem Re-Import sprechen.

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Auf einen anderen Teil des Nahen Ostens, in den Iran, blickt Katajun Amirpur (S. 219-251). In diesem sehr differenzierten und sprach- und kulturwissenschaftlich bereicherten Aufsatz stellt sie Persien und den Iran einerseits als Heimat und Zufluchtsort Zehntausender Juden vor, weist aber auch auf teilweise tief verankerten historischen Antisemitismus hin (S. 221). Besonders interessant fand ich hier die Hinweise auf Schriftsteller wie Hafis (S. 224) und Rumi (S. 225), die im Iran noch immer gelesen werden. Auch wenn in anderen Ländern die Literatur aus dem 12. Jahrhundert keine so große Rolle mehr spielt, so wäre die Darstellung von Juden in der Literatur anderer Sprachen durchaus auch von Interesse.

Das besondere am Iran ist der Rassismus vieler Iraner, die sich selbst als Arier sehen (S. 227), gegen die Araber. Die antisemitische Komponente des Hasses auf Araber wandte sich in der Folge auch gegen Juden (S. 228). Andererseits wollte Reza Schah trotz seiner Sympathien für Nazi-Deutschland die persischen Juden vom Antisemitismus der Nazis ausgenommen wissen, weil sie mit den europäischen Juden gar nichts zu tun hätten (S. 227). Bis 1979 bestanden hervorragende Verbindungen zwischen dem Iran und Israel, auch dank der gemeinsamen Feindschaft zu den arabischen Staaten (S. 228).

Wichtig finde ich den Hinweis von Amirpur auf andere religiöse Minderheiten, die im Iran ebenfalls diskriminiert werden (S. 232), am schlimmsten die Bahai (S. 240-241). Diese vergleichende Perspektive fehlt in den anderen Aufsätzen, obwohl zB der Aufsatz über Ungarn von einem Vergleich mit den Einstellungen gegenüber den Roma profitiert hätte.

Ian Buruma (S. 252-275) nimmt sich der Vorstellung an, israelische Interessen stünden im Mittelpunkt des Weltgeschehens und insbesondere der amerikanischen Außenpolitik. Er weist auf die natürliche Affinität westlicher Staaten zu Israel als demokratischem, marktwirtschaftlich und europäisch geprägten Staat hin. Dies habe nichts mit dem Judentum zu tun. In den USA sei insbesondere die Gruppe der “christlichen Zionisten” zahlenmäßig wesentlich stärker und habe viel mehr Einfluss bei republikanischen Politikern (S. 256).

Außerdem waren die USA nicht immer an der Seite Israels, am deutlichsten erkennbar in der Suez-Krise von 1956 (S. 258). Es war schließlich der Kalte Krieg, der nach 1967 den Weg für enge Beziehungen zwischen den USA und Israel ebnete (S. 262).

András Kovács (S. 276-309) untersucht den postkommunistischen Antisemitismus am Beispiel Ungarn. Antisemitische Ansichten zu äußern sei zwar während des Kommunismus verboten gewesen, dennoch wirkten auch nach 1945 antijüdische Ressentiments weiter, vor allem gegen Juden, die Entschädigungsforderungen stellten (S. 279-280). Die kommunistischen Parteien konnten sich keiner offen antisemitischen Sprache bedienen, so dass Codeworte wie “Zionisten”, “Kosmopoliten” oder “Bourgeoisie” verwendet wurden (S. 281), die Vorurteile und Stereotypen blieben aber die gleichen. Kovács argumentiert insofern gegen die “Deep-Freeze”-Theorie, derzufolge Rassismus und Antisemitismus während des Kommunismus verboten wurden, aber in der Verdrängung weiterlebten (S. 304).

Mit Polen beschäftigen sich die Aufsätze von Rafał Pankowski (S. 310-340) und Jan Gross (S. 341-348). Aufhänger ist das sog. Erinnerungsgesetz vom Januar 2018, nach dem es strafbar war, dem polnischen Staat oder der polnischen Nation eine Mitverantwortung an den NS-Verbrechen zuzuschreiben (S. 311). Das Gesetz wurde mittlerweile entschärft.

Pankowski führt aus, dass der begleitende Diskurs wesentlich problematischer war als das Gesetz selbst (S. 315), denn zeitgleich und seitdem wurden übelste antisemitische Aussagen von Politikern nicht mehr nur der extremen Rechten und von Journalisten geäußert (S. 315 ff.). Nicht nur wurde behauptet, dass die Juden den Holocaust monopolisieren und damit die nicht-jüdischen polnischen Opfer kleinreden würden (S. 320-321), sondern die polnischen Juden wurden auch als Kollaborateure und Denunzianten beschimpft (S. 323) und ihnen letztendlich die Schuld am Antisemitismus (S. 325) und sogar an den Verbrechen des Holocaust (S. 324) gegeben.

Gross, der Autor des Buches “Nachbarn: der Mord an den Juden von Jedwabne”, ergänzt die Darstellung um seine persönlichen Erfahrungen der Diffamierung. Zudem weist er darauf hin, dass das Erinnerungsgesetz im Zusammenhang mit der Zerschlagung der unabhängigen Judikative und der Übernahme der öffentlich-rechtlichen Medien durch die PiS-Regierung zu sehen ist (S. 347). Die Regierung wolle in allen Bereichen jegliche abweichende Meinung ausschalten.

Brian Klug (S. 349-365) und Anshel Pfeffer (S. 366-384) widmen sich den Antisemitismus-Vorwürfen gegen Jeremy Corbyn, dem Vorsitzenden der britischen Labour-Partei. Klug ist eher apologetisch, Pfeffer ziemlich anklagend, keiner von ihnen vollkommen sachlich.

Monika Schwarz-Friesel (S. 385-417) führte von 2007 bis 2018 eine Langzeitstudie über antisemitische Äußerungen im Internet durch. Israel steht dabei im besonderen Fokus der Kommentare, aber auch die alten Vorurteile und Verschwörungstheorien gegen Juden finden ihren Platz bzw. werden miteinander vermengt (S. 386-387). Israel nehme den Platz des “ewigen, bösen Juden” ein, der für alles Übel auf der Welt verantwortlich sei, so unlogisch und widersprüchlich die Anschuldigungen auch seien (S. 389). Im Internet fallen dabei alle Masken und Hemmungen, unter dem Schutz der Anonymität gibt es keine Selbstkontrolle mehr (S. 393). Die antisemitischen Äußerungen haben im Beobachtungszeitraum deutlich zugenommen (S. 396) und finden sich nicht nur auf den zu erwartenden Seiten über den Nahostkonflikt, sondern auch in den Kommentaren unter Reiseberichten nach Israel, Seiten über Flora und Fauna in Israel und Videos vom Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv. Antisemitismus ist im Internet omnipräsent (S. 394) und die Antisemiten sind hochgradig emotional, oft obsessiv, hasserfüllt und vollkommen fakten- und auch logikresistent (S. 403).

Ingrid Brodnig (S. 418-430) ergänzt diesen deprimierenden Befund, sucht aber auch nach Lösungen (ab S. 426). Sie sieht die digitalen Plattformen in der Pflicht, plädiert für persönliche Ansprache, und zwar am besten offline, weil dann die Diskussionen zivilisierter verlaufen, und schlägt vor, Humor als Reaktion insbesondere auf besonders krude Thesen nicht zu vernachlässigen.

Moshe Zimmermann (S. 431-458) erklärt wie Küntzel, dass Antisemitismus in der arabischen Welt nicht die gleiche Tradition wie im christlichen Europa hatte (S. 438). Erst mit der zionistischen Auswanderung wuchs der Konflikt zwischen Juden und Arabern. Die arabische Welt suchte nach Argumenten gegen die Zionisten und fand diese teilweise im europäischen Antisemitismus (S. 439). Anders als Küntzel setzt Zimmermann das entscheidende Datum jedoch später, nämlich nach dem Sechstagekrieg von 1967 (S. 440).

Auch nach Dan Diner (S. 459-487) steht der Nahostkonflikt im Zentrum des neuen Antisemitismus. Die von ihm vorgeschlagene Lösung, den Antisemitismus zu bekämpfen, als ob es den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht gäbe (S. 483), halte ich deshalb nicht für realistisch.

Fazit:

Das Fragezeichen aus dem Titel kann man nach der Lektüre streichen. Daran, dass es den neuen Antisemitismus gibt, bestehen keine Zweifel, wobei dieser durchaus in einer Kontinuität zum traditionellen Antisemitismus steht. Gar nicht mehr so neu ist die inhaltliche Ausrichtung auf Israel, was allerdings oft eine Codierung darstellt und sich in Wirklichkeit gegen alle Juden richtet. Neu ist aber, dass antisemitische Vorurteile wieder von Regierungen und regierungsnahen Medien benutzt werden, zB in Ungarn, Polen und ganz aktuell Estland.

Warum in einem 2019 erschienenen deutschsprachigen Buch zum Thema Antisemitismus der AfD und der FPÖ keine eigenen Aufsätze gewidmet werden, bleibt mir aber schleierhaft.

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Nur eine Tasse Tee

Eigentlich ist es unerklärlich, dass Aachen mal so wichtig war. Karl der Große, Heiliges Römisches Reich, Krönungsort der Kaiser, und das alles in einer Stadt ohne Fluss. Ich bin nur ein paar Tage hier und kann deshalb nicht feststellen, ob sich das Nichtvorhandensein eines Wasserlaufs negativ auf die Romantikfähigkeit der Aachener auswirkt, kann mir aber durchaus vorstellen, dass die fehlende Möglichkeit, an etwas auf und ab zu schlendern, das gänzlich und offensichtlich unabhängig und unbeeindruckt von Sorgen, Plänen, Träumen und anderem menschlichen Schabernack geradewegs in die Nordsee oder das Schwarze Meer fließt, aufs Gemüt schlägt.

Die stolzen Einwohner Aachens behaupten, zumindest einen Bach zu haben. Als ich in die Straße kam, wo dieser angeblich fließt, habe ich ihn erst nicht erkannt, dann musste ich lachen. Ein Rinnsaal wie ein Abwasserkanal fließt zwischen Straße und Trottoir nach irgendwo, jedenfalls in kein Meer. Kein Wunder, dass sich die Römer den Germanen überlegen fühlten, als sie das sahen.

An diesem Möchtegernvenedig liegt das Café Einstein, das gerade recht kam, um meine vom deutsch-belgisch-niederländisch grenzüberschreitenden Wandern müden Füße auszuruhen. Außerdem verspricht der Name eine Ansammlung von Genies und Intellektuellen. Wenigstens ist es keines dieser nervigen Lokale, die Besucher mit schiefen, dafür aber umso lauteren Tönen beschallen. Es ist eher eins, wo verkappte Genies an wackeligen Tischen bei einem Bier über alles von Alemannia Aachen bis zur Rolle der Tuberkulose in der sowjetischen Literatur diskutieren.

An einem der anderen Tische vor dem Café saß, ebenfalls allein, eine Dame und orderte eine Tasse Tee. Das war ein durchaus nachvollziehbarer Wunsch, denn an diesem letzten Juliabend hatte es deutlich abgekühlt, und die ansonsten ubiquitäre Wetterjammerei blieb nur deshalb aus, weil die Menschen in den Wochen zuvor zu spüren bekommen hatten, dass die globale Erwärmung nicht nur für Inselbewohner vor der Küste Bangladeschs tödlich sein würde, was, wenn man ehrlich ist, den meisten hierzulande ziemlich egal ist, sondern dass sie sich jetzt erdreistet, auch für die Bewohner Mitteleuropas unangenehm zu werden.

Vielleicht war der Dame auch kühl, weil sie nur ein Kleid trug, ein sehr elegantes, gar nicht aufdringliches, aber dafür umso attraktiveres. Wie eine Schauspielerin sah sie aus, aber sie war keine, zumindest keine bekannte, denn wenn ich sie schon einmal gesehen hätte, so hätte ich mir ihren Namen gemerkt, um mir alles von ihr anzusehen, selbst wenn sie in Vampirfilmen oder Arztserien mitgespielt hätte, auch wenn ich das, ohne sie zu kennen, für unterhalb ihrer Würde befunden hätte.

Sie war ganz in schwarz gekleidet, möglicherweise war sie also gerade Witwe geworden, obwohl sie nicht im typischen Witwenalter, sondern eher in der Blüte des Lebens stand. Wahrscheinlich war ihr Mann gerade erschossen worden, und sie musste den Abend kurzfristig außer Haus verbringen, während die Blutfecken in der Wohnung überpinselt wurden. Aber das würde ich nie erfahren, denn dass ich sie mit meinen Wanderschuhen und einem ungebügelten Hemd nicht ansprechen konnte, war klar.

Erst nachträglich bei der Niederschrift des vor Tagen erlebten, mir aber seither nicht aus dem Kopf gegangenen, fällt mir auf, dass sie nicht, wie es Unsitte geworden ist, etwas möglichst kompliziertes, eingebildet individuelles, vorgeblich weltmännisches wie „Kirschblütentee mit Ingwersalz, aber bitte in einer Keramiktasse und nur dreieinhalb Minuten ziehen lassen“ bestellte, sondern einfach nur „eine Tasse Tee“. Dennoch wurde der Wunsch von der Kellnerin schroff abschlägig beschieden.

„Ich habe die Kaffeemaschine schon gereinigt.“

Warum man das Stunden vor dem Absperren des Lokals macht, verstehen wohl nur Menschen in einem hauptsächlich biertrinkenden Land. Den Zusammenhang zwischen der dem übertriebenen Putzfimmel zum Opfer gefallenen Kaffeemaschine und einer Tasse Tee versteht jedoch überhaupt niemand.

Auch die wahrlich nicht komplizierte Kundin hakte nach, ganz unaufdringlich, wie um – sicher trotz besseren Wissens – zu implizieren, dass sie sich vielleicht missverständlich ausgedrückt hatte.

„Oh, ich wollte keinen Kaffee. Nur einen Tee.“

Jetzt erklärte die Serviererin, die anscheinend lieber nichts servierte, warum das auf keinen Fall möglich sei.

„Das Wasser für den Tee läuft durch die gleiche Maschine, verstehen Sie? Das geht heute nicht mehr.“ Sie war schon unwirsch geworden, vielleicht weil sie, wenn sie schon beim Thema Wasser war, darüber nachgedacht hatte, wie schön es wäre, am Rhein oder an der Wolga zu wohnen.

„Das ist Deutschland“, dachte ich. Ein Land, in dem in der Gastwirtschaft tätige Personen, die dafür wahrscheinlich eine dreijährige Ausbildung durchlaufen, Prüfungen bestanden und Diplome erworben haben, gar nicht mehr realisieren, dass man für Tee einfach nur einen Topf Wasser auf den Herd stellen muss, anstatt irgendwelche Knöpfe an komplizierten und überteuerten Maschinen zu drücken. Oder die nicht verstehen, dass selbst eine gereinigte Maschine durch das Kochen von Wasser nicht verunreinigt, sondern allenfalls noch mehr gereinigt wird. Und warum schafft sich eine Kneipe keinen Wasserkocher für ein paar Euro an? Jeder Student hat so etwas auf der Bude.

Die Dame, die nichts Heißes mehr bekam, tat mir leid. Sie ließ sich nichts anmerken, worin sich wiederum ihre Weltläufigkeit zeigte, denn dass jemand dieser Erscheinung und Wirkung nicht von hier, sondern wahrscheinlich aus Paris, aus Mailand oder aus dem Märchen kam, dessen war ich mir sicher. Aber als sich unsere Blicke streiften, nur einmal, aber auf so folgenreiche Weise, entfuhr ihr ein kurzes Lächeln, wohl wegen der Absurdität der Situation, das mich so elektrisierte, dass ich keinen Tee zum Aufwärmen und keinen Kaffee zum Wachbleiben mehr brauchte. Sie war wirklich außerordentlich bezaubernd, aber trug ihre Schönheit mit einer Nonchalance, wie wenn sie einfach jeden Morgen so perfekt aufwachte. Und diese dunklen Augen, die – aber halt, Ihr wolltet eigentlich mehr über den Tee erfahren.

Tee ist doch wirklich das einfachste der Welt: heißes Wasser und ein Beutel rein. Ich habe ihn schon im Gebirge gekocht, auf dem Feuer. Eine der ersten Fähigkeiten, die man im Gefängnis lernt, ist es, sich aus Draht einen Tauchsieder zu basteln, mit dem man Strom für den Tee abzapft. In Eisenbahnwaggons steht ein Samowar, der allzeit heißes Wasser spendet. Selbst in Workuta gab es Tee.

Seither muss ich jedes Mal, wenn ich mir eine Tasse Tee zubereite, an die unbekannte Frau denken. Und bald kommt der Herbst.

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