Mein Drogenhändler aus Kuba

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Ich mache Bibliothekspause am Maxplatz in Amberg. Egal, wieviel man studieren will, so eine Pause muss manchmal sein. Also sitze ich im Schatten jahrhundertealter Bäume, lese die Süddeutsche Zeitung und rauche eine Zigarre.

Es dauert nur eine Viertelstunde, bis mich ein dünner, dunkler Mann mit Goldzähnen auf Englisch anspricht. Er sei aus Kuba und Musiker, stellt er sich vor.

Als er seinen kleinen Rucksack öffnet, fürchte ich schon, dass er mir eine CD anbieten wird, was ich, weil ich Musik aus Gewissensgründen verweigere, ablehnen werden muss.

Aber nein, er zieht eine große Holzkiste hervor, öffnet sie und präsentiert Cohiba-Zigarren. Die großen. Churchill-Größe.

Die habe ich zuletzt in Bolivien geraucht, wo das Stück nur ein paar Euros kostete. Um nicht zu viel zu rauchen, erwarb ich jeweils nur eine, weshalb der Ladenbesitzer, den Ihr aus dieser alkoholfreien Geschichte kennt, jedes Mal zum Kühlschrank gehen und die Kiste auspacken musste. Es war so ein Tante-Emma-Laden, aber immer, wenn die Kiste leer war, sagte der Verkäufer: „Kein Grund zur Verzweiflung, Señor. Morgen, spätestens übermorgen kommt das Flugzeug aus Kuba“, wie wenn es nur für diesen kleinen Laden in der Avenida America angeflogen käme. Andererseits: Das würde die vielen im Urwald versteckten Rollfelder besser erklären als die bösen Gerüchte vom Drogenschmuggel.

Während ich abgeschweift bin wie ein Flugzeug, das weit unter dem Radar der Zielstrebigkeit über die sanften Wellen des milden Karibikwassers gleitet, hat der Kubaner neben mir Platz genommen.

„Die Lage in Kuba ist miserabel“, sagt er. Deshalb verkaufe er jetzt Zigarren, um seiner Frau Geld fürs Essen mitbringen zu können. „Wenn es überhaupt Essen gibt“, schränkt er ein. „Es gibt nicht einmal jeden Tag Huhn!“ Wer schon in Lateinamerika war, weiß, was das für ein Desaster ist. Ohne mindestens zweimal Huhn pro Tag läuft eigentlich nichts. Ehrlich, nach eineinhalb Jahren in Südamerika konnte ich kein Huhn mit Reis mehr sehen.

Unvorsichtigerweise habe ich ins Spanische gewechselt, obwohl ich eigentlich wissen sollte, dass ich Kubaner (und Argentinier) nicht verstehe. An die Pluralkongruenz bei unpersönlichen Verben, die morphosyntaktischen Abweichungen, die Substitution der liquiden Palatale könnte man sich ja noch gewöhnen. Aber das rasche Sprechtempo kombiniert mit nicht ausgesprochenen Konsonanten bringt mich an meine Grenzen.

In Kuba wurde die Umgangssprache nach der Revolution von 1958 zur Standardsprache. Weil ehemals unterprivilegierte Schichten in sprachprägende Schichten wie Lehrer, Politiker und Radiomoderatoren aufstiegen, wurde diese Entwicklung von der marxistischen Sprachwissenschaft als Element der Demokratisierung begrüßt. Außerdem verließen viele Intellektuelle die Insel, was einen etwas schlampigen Sprachsumpf zurückließ.

Aber das kenne ich ja aus Amberg.

Jedenfalls verstehe ich gerade so, dass er mit sechs Kollegen eine Band bildet, er selbst am Schlagzeug spielt, und dass sie für drei Monate durch Europa touren. Keine Straßenmusikanten, sondern richtig professionell. Morgen geht es in die Schweiz, danach nach Luxemburg, dann Berlin und wieder zurück nach Amberg. Hier wohnen sie in der Brauerei Bruckmüller.

„Das ist aber praktisch“, sage ich vielsagend.

„Oh nein, wir sind nicht solche Musiker“, wehrt er ab und versichert, noch keine einzige Flasche deutschen Bieres angefasst zu haben. Er spricht „deutsches Bier“ wie etwas aus, von dem die ganze Welt weiß, dass es Teufelszeug sei.

Da ich noch immer eine Toscano-Garibaldi-Zigarre für 70 Cent im Mund habe, kann ich einerseits nicht leugnen, dass ich rauche, andererseits glaubhaft versichern, dass ich nicht den vorgeschlagenen Preis von 10 € für eine oder 15 € für zwei Cohibas bezahlen kann.

„Ich bin Student“, erkläre ich mit traurigem Blick.

„Aber sonst kostet eine Cohiba 20 €“, sagt er.

Das weiß ich. Mancherorts sogar 30 €. Aber ich finde das übertrieben. Das ist so, wie wenn Leute 20.000 € mehr für ein Auto zahlen, weil vorne ein Stern drauf ist, den sie für 25 € am Schrottplatz bekämen. Oder wie Leute zehnmal so viel für ein First-Class-Ticket bezahlen, um genauso schnell wie ich in der Economy-Class anzukommen. Und ganz unter uns: Die Toscano-Zigarren schmecken besser.

Na gut, sagt er, dann solle ich ihm halt 10 € oder 12 € oder was ich will für zwei Cohibas geben. Am Tabakmarkt herrscht anscheinend das Gegenteil von Inflation.

Als ich aus der für diese Zwecke gut geeigneten Zeitung eine Seite reiße, um die Zigarren einzupacken (Argument Nr. 28 gegen elektronisches Lesen), legt er mir vier Cohibas drauf und schlägt 20 € vor.

Darauf gehe ich ein, und wir verabschieden uns mit Handschlag. Leider habe ich seinen Namen nicht verstanden. Aber Mitte Juni wird er wieder am Maxplatz sein, hat er versprochen.

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Zweimal durch Deutschland – dank einem Dutzend hilfsbereiter Fremder (Teil 1/3)

Wenn Ihr Zweifel an der Menschheit, an der Gesellschaft, an allem habt, stellt Euch einfach an die Straße.

Nein, nicht um Euch überfahren zu lassen. Sondern um zu erfahren – im wörtlichen Sinn -, wieviele hilfsbereite und gute Menschen es gibt.

Vor ein paar Wochen musste ich von Ammerthal in Bayern nach Hagen in Nordrhein-Westfalen. Und anschließend wieder zurück. Nur für ein paar Tage, zu einem Seminar an der Fernuniversität. Ich studiere dort Geschichte.

Das Thema des Seminars: Randgruppen und Außenseiter im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Mein spezieller Fokus und Beitrag zu diesem Thema liegt auf den Vagabunden und Landstreichern. Auch wegen einer gewissen Selbstidentifikation mit diesem Beruf.

In so einem Studium liest und schreibt man viel. Das ist eine einsame Tätigkeit, was mir gar nicht ungelegen kommt. Aber auch die Methode der sozialanthropologischen Feldforschung will nicht außer Acht gelassen werden. Für eine lange Landstreicherwanderung quer durch die Republik fehlt leider die Zeit, also weiche ich auf das Landstreichen der Moderne aus: das Reisen per Anhalter.

Ich möchte sehen, ob man ohne einen Taler, Gulden, Heller oder Pfennig zweimal 500 km durch Deutschland kommt. Oder weiter. Denn die genaue Streckenführung werde ich dem Zufall überlassen.

An meinem kleinen Dorf in Bayern führt die Autobahn A6 vorbei. Nach Osten kommt man hier nach Pilsen, nach Prag und in die weite Welt. Aber heute muss ich nach Westen.

Es ist Ende April, schönstes Wetter, warm. Das alles stimmt mich so optimistisch, dass ich erst langsam aufbreche. Um 9:30 Uhr gelange ich durch den Wald und den Hintereingang auf die Autobahnraststätte Oberpfälzer Alb Nord.

Hier muss jeder halten, der von Prag nach Paris, von Košice nach Kaiserslautern oder aus der Tatra zum Titisee will. Denke ich mir.

In Wirklichkeit ist tote Hose.

Eigentlich logisch, fällt mir ein. Warum sollte jemand in Deutschland für 2 € pro Liter tanken, wenn er vorher in Tschechien für 1,76 € pro Liter tanken kann?

Von den wenigen Autos, die halten, tankt tatsächlich kaum eines. Nicht der Durst nach Benzin, sondern die Lust auf Nikotin zwingt die Fahrer zur Pause. Womit die These belegt ist, dass man einer Sucht immer nur dadurch entkommt, dass man sich eine andere Sucht zulegt. Deswegen sind diese ganzen Marathon– und Gesundheitsfuzzis auch keine besseren Menschen, sondern nur anders krank.

Ein Fahrer qualmt anscheinend eine ganze Packung auf einmal, denn aus allen Ritzen seines Autos steigen Rauchschwaden. In weniger entspannten Ländern wäre schon lange ein Bombenentschärfungskommando angerückt.

„Bună dimineața, domnule“, spreche ich einen Fahrer an, der zum Rauchen immerhin ausgestiegen ist.

Alle Menschen beurteilen andere Menschen beim ersten Treffen nach Äußerlichkeiten. Manche sehen auf die Kleidung, andere aufs Gesicht, die Hände, die Schuhe, die Zähne oder die Schulterklappen auf der Uniform. Als Tramper guckt man zuerst aufs Nummernschild. Erstens, weil man daraus erahnen kann, wohin jemand fährt. Zweitens, um die Fahrer in ihrer Landessprache anzusprechen.

Der Rumäne fährt bis nach Frankfurt. Das wäre schon die halbe Strecke, ein perfekter Start in den Tag. Er würde mich auch mitnehmen. Allerdings teilen wir keine gemeinsame Sprache, denn meine Begrüßung auf Rumänisch war eine Vorspiegelung nicht vorhandener Sprachkenntnisse. Ich habe zwar ein Jahr in Rumänien gelebt, aber weil dort jeder fließend Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch spricht, fehlte leider der Druck, Rumänisch zu sprechen. Weil ich noch den ganzen Tag vor mir habe und optimistisch bin, will ich nicht die nächsten Stunden schweigend und radebrechend verbringen. Schließlich trampe ich auch, um Leute kennenzulernen. Also lehne ich dankend ab.

Und bereue das bald.

Denn an diesem Morgen kommt nur alle 10 Minuten ein Auto an die Tankstelle. Ich täusche weitere Sprachkenntnisse vor: „Goededag“, „bonjour“, „Добрий день“. Ein polnischer Kleintransporter kommt zum Stehen, als ich durchs offene Fenster ein „dzien dobry“ werfe, wie einen Anker, mit dem ich mir die Mitfahrt erschleichen will. Der Fahrer hält.

Er sieht aus wie Janosch. Weiße Haare. Ein an den Seiten herunterhängender Schnurrbart. Eine Zigarette im Mund, so lässig, wie wenn sie einem anbietet, man solle sie doch Fluppe oder Tschick nennen. Und so ein offenes, herzliches Lachen, dass ich gleich merke: Von diesem Mann könnte man etwas fürs Leben lernen.

Zuerst müsste ich aber Polnisch lernen.

Denn, so sehr es menschlich zwischen uns funkt, so sehr steht die sprachliche Oder-Neiße-Grenze jeglicher Unterhaltung im Weg. Mit erhobenen Armen bedauernd zieht er von dannen, mit einem Winken bedauernd lasse ich ihn ziehen.

Einige Ukrainer machen Pause, aber ihre Autos sind überladen mit Haustieren, Kindern, Klamotten, einer Gitarre. Was man halt so mitnimmt auf der Flucht. Da ist wirklich kein Platz für mich und meinen Rucksack.

Ein weiterer Fahrer hält: UL, das Kennzeichen für Ulm, ein bei Trampern verhasstes Stückchen Erde. Aber ich warte schon 45 Minuten, da kann ich nicht mehr wählerisch sein.

„Guten Morgen, fahren Sie Richtung Ulm?“ frage ich mit so viel Hoffnung in der Stimme, wie wenn Ulm das Paradies auf Erden wäre.

„Ja“, sagt er.

„Das ist ja super. Dann könnten Sie mich auf der A6 mitnehmen und rauslassen, bevor Sie auf die A7 abbiegen.“ Geographiekenntnisse sind enorm hilfreich. So kann der Fahrer nicht einfach behaupten „da fahre ich nicht hin“. Und die meisten Leute wissen es sowieso nicht besser, weil sie sich blind auf Navigationsgeräte verlassen. Wenn diese Geräte ausfallen, ich glaube, die Hälfte der Menschen fände nicht mehr nach Hause. Das wäre eigentlich eine lustige Idee für einen Terroranschlag.

Aber heute bleibt alles friedlich, die GPS-Satelliten ziehen ihre Bahnen am Firmament, und der nette Mann aus Ulm nimmt mich mit. Endlich geht es los!

Er ist gar nicht aus Ulm, stellt sich heraus, sondern aus Krakau. Das ist eine Stadt, die ich im Gegensatz zu Ulm aufrichtig und aus vollstem Herzen loben kann. Wenn Polnisch nicht so schwer wäre, würde ich wahrscheinlich schon dort wohnen. Oder in Nowa Huta. Das ist riskant, zu erwähnen, denn über diese sozialistische Planstadt vor den Toren Krakaus sind die Meinungen gespalten. Und zwar genau fünfzig-fünfzig, wie zu allen Themen in Polen.

Der Fahrer geht nicht darauf ein, sondern erzählt, dass er heute Morgen in Krakau losgefahren ist. Er war zu Ostern bei der Familie. 1000 km. Aber er muss nach Ulm, weil er dort ein Bauunternehmen hat. „Ein ganz kleines“, wie er beschwichtigend anführt. „Früher hatte ich viel mehr Angestellte. Aber es nervt, wenn du einen Auftrag bekommst, und dann melden sich so viele krank, dass du ihn kaum ausführen kannst.“ Also hat er nur die zuverlässigsten Mitarbeiter behalten. Lebensqualität geht vor Bruttosozialprodukt, das wusste schon Robert Kennedy.

Mit weniger Bruttosozialprodukt gäbe es auch weniger Staus, vermute ich. Es geht sehr langsam voran. „Normalerweise wäre ich um die Zeit schon in Ulm“, sagt der Bauunternehmer, der dringend wieder ins Büro oder auf die Baustelle möchte. Ich würde ihm gerne den Zug empfehlen, der ist zuverlässig und pünktlich. Und man kann sogar schlafen während der Fahrt nach/von Krakau. Aber ich glaube, er ist kein Eisenbahnmensch. Und ich bin hier nicht der Verkehrswendeerklärer, sondern dankbarer Gast.

Apropos: Genau auf dieser A6 hat mich mal ein echter Verkehrsexperte mitgenommen. Ismail Ertug, Abgeordneter im Europaparlament für die SPD. Cooler Typ! Und er hat mir während der Fahrt so viel erklärt von Lenkzeiten, Entsenderichtlinie, Kabotagefahrten, dass ich gar nicht alles aufnehmen konnte. Das war eine dieser Fahrten, die viel zu schnell vorbei ging.

Nicht ganz so schnell, aber irgendwann doch, kommen wir an den Rasthof Frankenhöhe, wo sich unsere Wege trennen. Zeit für ein Frühstück. Diesmal habe ich vorgesorgt und Essen von zuhause mitgebracht, damit ich den Wucherraststätten nicht ihre Wegelagererpreise bezahlen muss. Das hochgesteckte Ziel ist nämlich, für genau null Euro zweimal quer durch Deutschland zu kommen.

Der nächste Fahrer ist ein junger Mann mit einem riesengroßen, in Stoff eingepackten Etwas auf der Rücksitzbank.

„Ist das ein Gleitschirm?“ frage ich, als ich meinen Rucksack vorsichtig darauf lege.

„Das ist ein Zelt.“ Und auf mein Staunen ob der Größe erklärt er, dass es ein Zelt ist, das man bei geöffneter Heckklappe hinten ans Auto anbaut, dann wird irgendwie Luft reingepumpt, und es bildet sich ein Wohnzelt, in dem man aufrecht stehen kann, aber natürlich auch sitzen und liegen darf. Wie so ein Beduinenzelt stelle ich mir das vor, nur mit schlechterem Essen.

Der junge Mann arbeitet bei einem Unternehmen, das diese Zelte und allerhand anderes Campingzubehör verkauft. Ich würde Euch die Firma jetzt echt gerne ans Herz legen, aber ich habe mir den Namen nicht gemerkt. Ich schreibe während des Trampens nie mit, weil ich finde, das hemmt den Redefluss. Und es ist ein ziemlicher Redefluss mit all den Campingkühlboxen und Revenue Streams.

Hängengeblieben sind drei Dinge: Erstens, wie sehr kühle Osterferien (wie dieses Jahr) auf den Umsatz drücken. Was du in den Ferien verlierst, holst du nie mehr rein. Das ist wie ein Buchverlag, der im Dezember nicht liefern kann. Zweitens, dass Covid-19 für die Branche super war, weil die Leute nicht mehr um die Welt fliegen konnten und plötzlich biwaken mussten. Drittens: Wer ein Wohnmobil kaufen will, sollte lieber zwei Jahre warten, bis all diejenigen, die sich während der Pandemie vorschnell eins gekauft haben, das Monstrum wieder loswerden wollen. Bei den gebrauchten wird es ein Überangebot geben, prophezeit er.

Und zwischen all den Leuten, die jetzt 70.000 € oder in zwei Jahren 50.000 € zahlen, stehe ich nach dieser Fahrt am Rastplatz Hohenlohe Nord, weil ich mir das Zugticket für 42 € nicht leisten kann. Die Vermögensschere in unserer Gesellschaft ist größer als im feudalistischen Mittelalter. Mann, was freue ich mich auf das 9-Euro-Ticket!

An der Raststätte von und zu Hohenlohe stehe ich ziemlich lange rum, halte den Daumen raus, lächle, spreche Menschen an. Ohne jeglichen Erfolg. Auf der anderen Seite der Autobahn thront Waldenburg, eine Stadt wie eine Burg, verlockend auf einem uneinnehmbaren Hügel. Schade, dass ich heute unter Zeitdruck reise. Ansonsten würde ich den Anblick als Zeichen dafür werten, alle Pläne über den Haufen zu werfen, den Abgasen zu entkommen, und Waldenburg zu erklimmen.

Geknickt laufe ich über den Parkplatz, um einen anderen Standort auszuprobieren, als mir ein vor seinem Auto stehender Mann zuruft: „Hey, Kollege, wohin willst du?“

Ich blicke schnell auf das Nummernschild und begrüße ihn mit „labą dieną, ačiū labaĩ!“

Er stutzt und betrachtet mich verdächtig. Nur 3,2 Millionen Menschen auf der Welt sprechen Litauisch. Statistisch gesehen kann ich also höchstens ein Cousin zweiten Grades sein; er müsste mich kennen. Also wechsle ich schnell auf Deutsch: „Ich muss auf der A6 bis Sinsheim, und dann nördlich auf die A5 Richtung Darmstadt/Frankfurt.“

„Bis Sinsheim kann ich dich mitnehmen. Ich fahre nach Frankreich zur Arbeit.“

„Oh, wo in Frankreich?“

„Reno.“

Noch nie gehört. Meint er Reims? Rennes? Rouen? Rambouillet? Egal, ich kenne mich in Frankreich ja sowieso nicht aus. Ich war nur einmal in Marseille (Fremdenlegion), in Straßburg (Politik) und in Paris (Liebe).

Dafür ist er der erste Fahrer, der sich mit kräftigem Händedruck und mit Namen vorstellt. Oswald heißt er, und er ist tatsächlich aus Litauen. Ich schwärme von meiner Zeit in Vilnius, dem nahen Vingis-Park, den Ausflügen nach Trakai, den langen Sommerabenden, den grünen Landschaften. Als ich die Straße erwähne, in der ich gewohnt habe, Savanorių prospektas, kennt Oswald sie sogar.

Es gibt Orte auf der Welt, wo ich nur ein Jahr, manchmal auch weniger, gewohnt habe, und wo ich mich mehr zuhause fühle als in der Kleinstadt, die sich als Geburtsort in meinen Pass gemogelt hat.

Mir fällt auf, wie sehr ich Litauen vermisse. Vielleicht sollte ich einfach dorthin trampen. Kaunas ist dieses Jahr sogar Europäische Kulturhauptstadt. Ebenso wie Esch in Luxemburg und Novi Sad in Serbien. Das bildet zufällig ein schönes Dreieck. Europäisches Kulturhauptstadttrampen.

Ich frage Oswald, ob er mal in Deutschland gelebt hat, weil wir uns fließend auf Deutsch unterhalten.

„Nein, nie. Aber ich erinnere mich noch ein bisschen an die vier Jahre Deutschunterricht in der Schule.“ Die Schulen in der Sowjetunion waren sehr gut.

Als Oswald mehr von seiner Arbeit erzählt, klärt sich endlich auf, wo Reno ist. Es ist keine Stadt, sondern die Firma: Renault!

Früher war er LKW-Fahrer, jetzt ist er Ausbilder. Weil wir an einem laut Radio 25 km langen LKW-Stau vorbeituckern, kann er mir die Anschauungsobjekte seiner Kunst zeigen. Er ist Spezialist für das Beladen von Autotransportern. Früher, mit den Golfs, Corsas und Pandas sei das kein Problem gewesen. Aber jetzt, wo die Autos immer größer, breiter, länger werden, ist es ganz schön knifflig, den Autotransporter immer noch mit 8 PKWs beziehungsweise SUVs zu beladen. Man muss manche vorwärts, manche rückwärts einparken. Man muss überlegen, ob man oben oder unten beginnt. Und wenn am Ende 12 cm fehlen, muss der ganze LKW wieder entladen werden, um von vorne anzufangen.

Von Zeit zu Zeit rufen ihn Kollegen an und klagen über die Freisprechanlage ihr Leid: „Ich habe hier 3 Kangoos, 3 Kadjars und 2 Koleos. Wie soll das gehen?“ Dann denkt Oswald weniger als eine Minute nach und gibt die Lösung durch. Er muss sie zweimal diktieren, weil die Kollegen mit dem Schreiben nicht mitkommen. Wahrscheinlich war er als Kind Tetris-Meister. Oder hat sogar diesen verdammten Rubik-Würfel gelöst. (Ich hatte meinen ein paar Monate und habe ihn kein einziges Mal gelöst. Dann habe ich ihn weggeworfen, verschenkt oder in der Schule gegen eine Schachtel Zigaretten getauscht.)

Ich blicke noch einmal auf der Karte nach, um zu sehen, wo ich aussteigen muss. Nicht, dass ich aus Versehen bis nach Renault mitfahre.

„Die letzte Tankstelle vor der A5 ist bei Sinsheim, aber danach käme noch ein Parkplatz.“

Oswald schaut auf sein Navigationsgerät und entscheidet: „Dieser Parkplatz ist ein schlechter Ort.“

Parkplätze ohne Tankstelle und ohne McDonald’s sind tatsächlich eine zweischneidige Sache. Natürlich ist da weniger los, aber dafür kann man die wenigen Leute in Ruhe ansprechen. Manchmal ist aber auch gar nichts los. Das kann man vorher nicht wissen.

„Naja, ich glaube, ich würde schon von dort wegkommen“, sage ich optimistisch. Die Sonne scheint, also machen mehr Menschen Pause, vertreten sich die Beine, sind in guter Laune.

„Nein,“ sagt Oswald sehr bestimmt. „Das ist ein ganz schlechter Ort.“

Um es sogleich zu erklären: „Vor zwei Jahren machte einer meiner Fahrer auf diesem Parkplatz eine Pause. Nur kurz pinkeln, Luft schnappen, vielleicht mit Kollegen plaudern. Auf der Autobahn löste sich bei einem LKW der Reifen, flog auf den Parkplatz und traf meinen Fahrer am Kopf. Tot.“

„Oh.“

„Junger Mann, guter Fahrer, ein schöner Tag wie heute. Und dann einfach tot.“

Oswald musste damals den LKW vom Parkplatz Bucheneck abholen. Und die Familie des Kollegen, der ebenfalls aus Litauen stammte, anrufen. Es geht ihm immer noch nahe, und wir sind eine Weile still.

Bis wir nach Sinsheim kommen, wo mir Oswald das Technik-Museum empfiehlt. Er war schon mehrfach dort, macht immer wieder gerne Pause hier. „Und ein schönes Freibad gibt es in Sinsheim. Nur 4,50 Euro, und du kannst den ganzen Tag schwimmen.“ Ich persönlich kann leider gar nicht schwimmen, aber das hat hier niemanden zu interessieren.

Außerdem würde ich sowieso lieber ins Flugzeug-, Auto-, Panzer- und Raumschiff-Museum gehen. Ich stelle mir das vor wie das Sammelsurium von Karel Tarantík, den ich mal bei Pilsen besucht habe. (Siehe Kapitel 41 in diesem Artikel.)

AirPark Garten

In Sinsheim läuft das Trampen zäh. Das ist meist so, wenn man von einer (A6) auf die andere (A5) Autobahn abbiegen muss. Die Leute fahren lieber geradeaus, nach Saarbrücken, nach Frankreich, in die Bretagne und in die Pyrenäen. Und eigentlich haben sie ja Recht.

Zum Glück habe ich an die Sonnencreme gedacht, wenn schon das Verkehrsministerium nicht an Unterstände für Anhalter denkt. Eine Verkehrswende, die das Trampen nicht berücksichtigt, bleibt unsozial. Auf kommunaler Ebene gibt es manchmal Initiativen wie die Mitfahrbänke, um das spontane Car-Sharing populärer zu machen. (Fotos aus Ostbelgien, Dießen am Ammersee, Bad Münstereifel und Egloffstein.)

Aber diese (umwelt-)freundliche Art der Fortbewegung müsste auch deutschland- und europaweit einen viel größeren Stellenwert bekommen. Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich dem Verkehrsminister einen Brief. Einen offenen am besten, die haben zur Zeit Konjunktur.

„Grüezi“, spreche ich eine Frau aus der Schweiz an, aber vermute schon richtig, dass sie auf dem Weg nach ebendorthin ist. Ich trampe bzw. autostöpple zwar gerne in der Schweiz, aber heute ist das leider die falsche Richtung.

Die Schweizerin ist trotzdem nett und hilfsbereit. Sie erklärt mir nämlich, warum an dieser Raststätte nichts los ist: „Hier hält kaum noch jemand, weil das Restaurant seit zwei Jahren geschlossen ist.“ Ich drehe mich um, und tatsächlich hängt da ein Banner und verkündet traurig: „Dauerhaft geschlossen.“ Na super.

Die Bundeswehr nimmt mich auch nicht mit. Seit die Soldaten kostenlos Zug fahren dürfen, fühlen sie sich irgendwie als etwas Besseres. Und dann noch 100 Extra-Milliarden, da muss man ja abheben. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Schade auch, weil eine Fahrt mit dem Militär noch in meinem Tramper-Bingo fehlt. Ebenso wie Polizei und Krankenwagen. Dafür hat mich in Brasilien die Feuerwehr in einem Helikopter mitgenommen.

Ein kleines Auto mit ukrainischem Kennzeichen fährt auf den Parkplatz. Ein Mann, schätzungsweise Mitte 30, Typ Musiklehrer oder Künstler, steigt aus und geht den Parkplatz dehnend, streckend und kniebeugend auf und ab.

Ich will ihn nicht bei der Gymnastik stören, aber als er zurück zu seinem Auto geht, sieht er mich an, lächelt ein sehr warmes Lächeln und fragt:“ Where do you need to go?“

Wieder mal erkläre ich, wohin ich muss. Wieder mal decken sich die Reisepläne nicht. Aber diesmal ist es keine Entschuldigung, sondern aufrichtiges Bedauern. „Schade, ich hätte dir gerne geholfen.“

Eigentlich sollte ich andere Fahrer ansprechen, um von diesem öden Autobahnfleck wegzukommen, aber jetzt bin ich doch neugierig.

„Woher aus der Ukraine kommst du?“

„Sumy, aber da sitzen jetzt die russischen Besatzer.“ Früher hätte er erklären müssen, wo der Ort liegt, jetzt hat jeder von ihm gehört. „Ich bin nach Chernihiv geflohen, aber das haben die Russen als nächstes beschossen. Also bin ich zum zweiten Mal geflohen, nach Lemberg.“

Dort ging er ein paar Wochen vom Arzt zum Militär, vom Militär zum Arzt, und wieder zurück, um aus medizinischen Gründen vom Wehrdienst befreit zu werden. „Und ganz ehrlich,“ sagt er, „ich will niemanden töten. Ich verstehe, dass wir uns verteidigen müssen. Viele meiner Freunde sind beim Militär, ich bin ihnen dankbar. Aber ich selbst kann es nicht.“ Die Fragen, die uns als Teenagern beim Wehrkreiskommando theoretisch gestellt wurden, jetzt bringen sie doppelt so alte Männer um den Schlaf.

Gestern hat er die Befreiung bekommen, ist ins Auto gestiegen und fährt jetzt nach Frankreich, wo er bei Freunden unterkommen kann. Seine dritte Flucht in zwei Monaten. Dass jemand, der sich gerade auf der Flucht vor einem Angriffskrieg befindet, von sich aus offeriert, mich mitzunehmen, daran hätte ich niemals gedacht, es auf die Tramper-Bingokarte mit aufzunehmen.

Die Schweizerin hatte mir gesagt, ich solle lieber zum Autohof gehen, dort wo das Burger-King-Symbol auf einem hohen Pfahl thront, um weithin Appetit anzuregen. Zwischen Tankstelle und Autohof gibt es keine Verbindung, also muss ich nach Sinsheim reinlaufen. Als ich den Rucksack schultere und mich geschlagen, enttäuscht und deprimiert auf den Weg mache, strecke ich ein letztes Mal lustlos den Daumen raus. Ein junger Mann in einem dicken Mercedes hält an.

Er muss nach Heidelberg. Das liegt an der A5, und ich bin gerettet.

Heidelberg, dieser Sehnsuchtsort deutscher Romantik. Ich war nur einmal dort, unter eher unromantischen Umständen. Schulausflug in der 10. Klasse. Wahrscheinlich waren wir auf der Burg. Ansonsten kann ich mich an nichts erinnern, außer an meinen ersten und ketzten Rausch nach drei oder vier Flaschen Bier. Danach habe ich mehr als 10 Jahre lang keinen Alkohol mehr getrunken.

„Schade, an wievielen Orten ich schon war, bevor ich mich für Kultur, Geschichte und solche Sachen interessierte“, räsoniere ich. Nicht nur mein 16-jähriges Ich meine ich damit. Auch später, als Rechtsanwalt, fuhr ich quer durch die Republik, aber sah selten mehr als Bahnhof, Gericht und manchmal ein Hotel.

„Ja, das ist oft so, dass man erst später im Leben merkt, was man verpasst hat“, sagt der etwa 23-jährige Fahrer.

Raststätte Hardtwald Ost. Ich stelle mich direkt vor den Eingang des Restaurants, damit die Leute bei Kaffee und Kuchen darüber nachdenken können, wie schön es wäre, mal wieder einen Anhalter mitzunehmen. Bei einem Mann mit Krawatte, Typ Kommunalverwaltungsbeamter, bleibt dieser Effekt trotz eines gerade erworbenen Speiseeises leider aus.

„Entschuldigen Sie, fahren Sie weiter auf der A5 Richtung Frankfurt?“

„Ja.“

„Das ist ja super. Dann könnten Sie mich ein Stück mitnehmen.“

„Ich will Sie aber nicht mitnehmen“, sagt er, genauso spöttisch-arrogant, wie es sich liest.

„Schade“, sage ich und bleibe freundlich. „Warum denn nicht?“ Ich weiß, dass ich keinen Anspruch darauf habe, dass mich jemand mitnimmt. Und mir ist klar, dass ich ihn nicht umstimmen werde. Ich frage aus aufrichtigem, echten Interesse. Feldforschung.

„Das geht wegen der Versicherung nicht“, sagt er, und das ist die blödeste, aber auch eine typisch deutsche Ausrede. Hier machen sich Leute im Falles eines Unfalls wirklich mehr Sorgen um ihren Versicherungsvertrag als darum, ob jemand Arme oder Beine verliert. Dem LKW-Fahrer, dem der geplatzte Reifen den Kopf abgesäbelt hat, half auch keine Versicherung. Und den ganzen Ukrainern, die ich auf der Flucht gesehen habe, hilft keine Hausrats- oder Lebensversicherung. Krieg ist in den meisten AGBs ja sowieso von der Haftung ausgenommen.

Zugunsten des Landstreichens habe ich mich eigentlich aus der juristischen Beratung zurückgezogen, aber wenn ängstliche Spießbürger mit Fehlvorstellungen durchs Leben oder das, was sie dafür halten, schlurfen, dann kläre ich sie gerne auf: „Die Haftpflichtversicherung deckt auch die Schäden des Beifahrers ab.“

„Aber nicht, wenn ich schuld bin“, erwidert er apodiktisch, ohne zu merken, dass seine persönliche Schuld eher im nicht justiziablen Bereich liegt.

„Doch. Gerade dafür ist Ihre Haftpflichtversicherung ja da. Wenn jemand anders schuld ist, muss Ihre Versicherung erst gar nicht zahlen. Ihre Haftpflichtversicherung greift sogar, wenn Sie mich fahren lassen, denn in Deutschland ist das Auto versichert, nicht der Fahrer. Deshalb müssen Sie den Versicherungsschutz bei der Zulassungsstelle, nicht bei der Führerscheinstelle nachweisen.“

Er blickt mich fassungslos an, weil ein Rucksackhippie einem Krawattenträger zu widersprechen wagt. Als er wortlos zu seinem Auto geht, rufe ich ihm etwas nach, was ich sonst lieber für mich behalte: „Ich bin Jurist“, damit er sich hoffentlich merkt, dass autolose und arme Menschen nicht alle blöd sind.

Jetzt schleckt er bei geschlossenen Türen und geschlossenen Fenstern in seinem kleinen Auto verbittert den Rest der Eiswaffel. Hoffentlich hat er bald einen Unfall, damit er das mit den Versicherungen auch richtig kapiert. Am besten einen ganz komplizierten, mit Klagen, Widerklagen und Drittwiderklagen, mit unterschiedlichen Haftungs-, Verschuldens und Mitverschuldensquoten.

Der nächste Mann, der aus der Autobahnrast- und -gaststätte kommt, hat anscheinend eine bessere Versicherung, mehr Zutrauen in seine Fahrkünste oder einfach einen Funken Menschlichkeit. Er fährt ein kleines, rotes Auto mit – und das habe ich tatsächlich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen – einem Kassettenspieler. Das sollte man ins Tramper-Bingo mit aufnehmen.

Musik läuft keine, dafür sind wir schnell beim Fußball. Der Fahrer macht sich älter als er ist und schwärmt von den Zeiten, als der Meidericher SV und Preußen Münster noch in der Bundesliga waren, und Bentheim-Tecklenburg noch zur Grafschaft Limburg gehörte. Mir schwirrt der Kopf vor lauter Markgräfinnen und Herzogtümern, und der Nordwesten Deutschlands bleibt für mich ein riesiges, geschichtsloses, undurchsichtiges Autobahnknäuel.

Ich habe mir nicht einmal gemerkt, ob er nach Duisburg oder nach Dortmund fährt. Jedenfalls könnte er mich weit Richtung Hagen mitnehmen. Perfekt!

Allerdings war ich von Anfang an skeptisch, ob ich die ganze Strecke an einem Tag schaffen werde. Also hatte ich auf Facebook und auf Twitter gefragt, ob jemand auf halber Strecke wohnt und ein Sofa frei hätte.

Nach nur wenigen Minuten hatte sich Dieter aus Mörfelden-Walldorf gemeldet, und ich nahm das freundliche Angebot dankbar an. Der Ort liegt südlich des Flughafens Frankfurt, direkt an der A5. Perfekt zum Trampen. Vor allem, um am nächsten Morgen wieder wegzukommen. Wenn man mitten in einer Großstadt übernachtet, ist das nämlich gar nicht so praktisch. Je außerhalb, umso besser für unsereins.

Also muss mich der Kassettenfußballmittelalterexperte schon am Rastplatz Bergstraße Ost rauslassen, bevor er auf die A67 abbiegt.

„Kaufen Sie in Hagen die Westfalenpost und die Westfälische Rundschau„, gibt er mir noch auf den Weg. Sein Sohn arbeitet bei der Funke-Mediengruppe. Ich gestehe hiermit, dass ich das nicht gemacht habe, weil ich für das Seminar schon genug zum Lesen dabei hatte.

„Entschuldigung, könnten Sie mich vielleicht ein Stück mitnehmen?“ Zum dreissigsten oder vierzigsten, aber auch zum letzten Mal an diesem Tag stelle ich diese Frage. „Ich muss nur bis zum Parkplatz Kaiserstein, das sind etwa 30 km Richtung Norden.“

„Gerne, aber Sie müssen neben dem Hund sitzen“, lädt mich ein Ehepaar ein. Oh, oh, ich habe eigentlich Angst vor Hunden.

Aber es ist ein kleiner, lieber, zu dem ich mich sogleich hinunterbeuge und ihn begrüße.

„Es ist eine sie“, klärt mich die Frau auf: „Zsa-Zsa von Malta.“ Sie haben sie von dort aus dem Tierheim.

Und so komme ich an diesem Tag sogar noch dazu, mein Maltesisch auszupacken, wozu man sonst beim Trampen wenig Gelegenheit hat, weil die Malteser mit ihren Autos selten den Weg nach Europa finden. Wie die Mafia-Insel den Weg in die EU gefunden hat, das ist mir noch schleierhafter, allerdings ein anderes Thema. Nachdem ich den Hund mit „bonġu“ begrüße, weicht er jedenfalls nicht mehr von meiner Seite.

Zuerst lässt er sich streicheln, dann kommt er auf meinen Schoß und schmiegt sich ganz eng an mich. Das muss einer dieser Ich-kann-gute-Menschen-von-schlechten-Menschen-unterscheiden-Hunde sein. Viele Tiere können das besser als Menschen, weil sie sich nicht von Aussehen, Geld, Besitz oder Status täuschen lassen.

„Wo kommen Sie her?“ fragt das sympathische Ehepaar.

„Aus Amberg, das ist an der A6, etwas östlich von Nürnberg.“

„Das kennen wir. Da haben wir in der Nähe eine Filiale, in Schwandorf.“

„Was für ein Unternehmen haben Sie denn?“ frage ich.

„Wir betreiben Lagerhäuser“, sagt der Mann.

„Für Privatkunden oder eher im industriellen Maßstab?“ Beim Trampen frage ich viel, weil ich ansonsten über mich erzählen muss. Und das kenne ich ja schon.

„Wir haben 80 Lagerhäuser in ganz Deutschland, aber nur einen Kunden“, sagt der Mann geheimnisvoll.

„Deutsche Post? Amazon? DHL?“ rate ich, bis der Lagerhausbetreiber das Rätsel auflöst: „Die Bundesrepublik Deutschland.“

„Lagern Sie die ganzen alten Waffen und Panzer, die vor sich hinrosten?“ frage ich.

„Oh nein,“ sagt er, „ich bin Pazifist.“ Und erklärt mir, dass es eine nationale Lebensmittelreserve gibt, in der Nahrungsmittel gelagert werden, um die Bevölkerung im Kriegsfall einige Monate ernähren zu können. Gebraucht wurden das bisher noch nie. Natürlich werden die Bestände immer wieder erneuert. Vor dem Ablaufdatum werden sie an Aldi und Lidl verramscht.

Meine Augen leuchten, und mir kommt eine Idee: „Haben Sie auch Schokolade?“

„Nein, nur Grundnahrungsmittel.“ Schade.

Das Ganze unterstehe dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Bei der Kabinettsbildung hatte ich noch Mitleid mit Cem Özdemir, einem der eloquentesten und talentiertesten Politiker in Deutschland, weil er „nur“ das Agrarressort bekam. Jetzt erst merke ich, wie wichtig das werden kann.

Ich dachte immer, ich sei ein informierter Staatsbürger. Von der nationalen Erdölreserve wusste ich. Aber von der Nahrungsreserve höre ich zum ersten Mal. Wahrscheinlich ist sie hochgeheim. Und die Geheimdienste setzen alle auf Satelliten und Hacker und bekommen nichts mit. Die sollten einfach Leute wie mich einstellen und durch die Welt trampen lassen. In einer Soldatenspelunke in Smolensk hätte ich wahrscheinlich rechtzeitig von der russischen Invasion der Ukraine erfahren. Und Rafid Ahmed Alwan hätte mir vielleicht sogar stolz erzählt, dass er die Geschichte mit den irakischen Chemiewaffen nur erfunden hat.

Es ist später Nachmittag geworden durch die vielen Staus und langen Wartezeiten, aber kurz nach 18 Uhr habe ich das Zwischenziel erreicht: den Parkplatz Kaiserstein. Fast 9 Stunden für 340 km. Effizient ist das nicht. Aber im Zug hätte ich wahrscheinlich nicht so viele Leute kennengelernt. Anders als in Kanada gucken in Deutschland die meisten Zugfahrer ja sowieso nur in ihre Laptops oder haben klobige Kopfhörer auf. Mir ist es schon passiert, dass mich Leute komisch angesehen haben, weil ich sie gegrüßt habe, als sie sich neben mich setzten.

Um zu Fuß nach Mörfelden-Walldorf zu kommen, gehe ich einfach durch den Wald, wo erstaunlich viel Feierabendleben ist. Hier treffen sich also die LKW-Fahrer, trinken Dosenbier, rauchen, grillen. „Was will der denn hier?“ scheinen sie zu fragen, als ich durch ihr für geheim gehaltenes Wildwestlager laufe. Aber ich bin ja gleich wieder weg. „Schönen Abend noch! Buna seara! Dobry wieczór!“

Eigentlich wollte ich noch zu der Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter, aber es ist zu spät geworden. Dieter wartet schon seit Stunden sorgenvoll auf mich. Wahrscheinlich hat er sich den ganzen Tag gedacht: „So eine Schnapsidee, jemanden einzuladen, den ich nur von seinem Blog kenne.“ Ach ja, die Zwangsarbeiter waren aus dem KZ-Außenlager Walldorf und wurden zum Ausbau des Frankfurter Flughafens eingesetzt. Wer von hier in den Urlaub startet, rollt über Leichen. Ein weiterer Grund, nicht zu fliegen. Andererseits: Welches Unternehmen in Deutschland hatte keine Zwangsarbeiter? Sogar meine Familie hatte einen. Dimitri hieß er.

Und schon stehe ich wieder einmal vor der Wohnung von Menschen, die ich noch nie gesehen habe, und drücke leicht nervös den Klingelknopf.

Links:

  • Demnächst in Teil 2: Wie sind Dieter und seine Familie? Welcher langersehnte Tramper-Traum erfüllt sich endlich? Warum wird mitten in Deutschland eine Brücke gesprengt? (Nein, Opa, das ist nicht, um den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten.) Warum muss ich unterwegs drei Stunden lang Spanisch sprechen? Werde ich es rechtzeitig zur Universität schaffen?
  • Übernächst in Teil 3: Warum bin ich nach drei Fahrern und zwei Stunden wieder da, wo ich losgefahren bin? Gibt es noch Gesellen auf der Walz? Warum kommen die nettesten Menschen aus dem Kosovo? Wo in Deutschland gibt es die besten Schnitzel?
  • Alle Tramper-Geschichten auf diesem Blog.
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Die Hohenzollern müssen vor Gericht

Bei der Zusammensetzung der neuen Bundesregierung hatte ich es schon vermutet:

Jetzt ist es tatsächlich so gekommen: Die Bundesregierung und die betroffenen Bundesländer Berlin und Brandenburg beenden – endlich – die Geheimverhandlungen mit der Familie des letzten (und schlechtesten) deutschen Kaisers. Wegen dieser Verhandlungen hatte das von den Hohenzollern angestrengte Gerichtsverfahren über die letzten Jahre geruht.

Wenn Prinz Raffzahn, Prinzessin Nimmersatt und der restliche Hohenzollern-Clan jetzt noch weitere Millionen aus dem wieder mal inflationsgebeutelten deutschen Volk herauspressen wollen, so müssen sie das Gerichtsverfahren weiter betreiben. Pikanterweise vor dem Verwaltungsgericht in Potsdam, das just in der Friedrich-Ebert-Straße 32 residiert. Damit den Königsprätendenten ganz klar wird, dass wir jetzt eine Republik haben.

Zum Hintergrund: Warum nerven die Hohenzollern noch immer? Und waren sie nun Nazis oder nicht?

So ein Gerichtsverfahren könnte lustig werden, weil es dann um die Frage gehen wird, ob die Hohenzollern Nazis waren. Oder ob sie sich nur – wie die geschichtsklitternden Adelsanwälte behaupten – ganz zufällig so kleideten, ganz zufällig mit Nazi-Größen rumhingen und ganz zufällig auf Wahlkampfveranstaltungen der NSDAP sprachen.

Wenn ich die Hohenzollern wäre, würde ich mir das sehr gut überlegen. Gerichtsverfahren vor den Verwaltungsgerichten sind nämlich öffentlich (§ 55 VwGO in Verbindung mit § 169 I 1 GVG). Und Ihr könnt Euch ja denken, welcher monarchiekritische Blogger da ganz fleißig mitschreiben und alle Details ausposaunen wird.

Aber die Hohenzollern sind von einer erstaunlich hartnäckigen Klage- und Prozessierwut besessen. Schon mehr als 100 Klagen und Abmahnungen haben sie rausgehauen, um Journalisten und Historiker einzuschüchtern.

Eigentlich ziemlich kleinlich und peinlich für eine Kaiserdynastie, so ein Papierkrieg wie bei einem Streit im Kleingartenverein. Andererseits: Jedes spießbürgerliche Volk bekommt die Herrscherfamilie, die es verdient.

Unsere Habsburgernachbarn waren da etwas cooler und haben immerhin zweimal versucht, sich zurück an die Macht zu putschen. Und wenn es mit der Monarchie mal nicht mehr lief, so wie 1867 in Mexiko, dann haben sie sich wenigstens erschießen lassen.

Das wäre eigentlich ein guter Kompromiss für die Verhandlungen zwischen Staat und Hohenzollern gewesen.

Links:

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Vor hundert Jahren legten Deutschland und Russland den Grundstein für den Zweiten Weltkrieg – April 1922: Rapallo

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Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass man den Begriff „Entdecken“ oder „Entdecker“ nur verwendet, wenn ein Weißer zum ersten Mal ein Gebiet betritt, das von nicht-weißen Menschen schon lange bewohnt wurde? Und diese falsche Entdeckerehre wird selbst jenem Seefahrer zuteil, der betrunken über die Weltmeere torkelte und sich dabei vollkommen verfuhr.

Die Rede ist natürlich von Christoph Kolumbus, der, weil er auf seinen Reisen auch Marketingexperten an Bord hatte, es irgendwie schaffte, alle früheren Entdeckungen Amerikas aus dem Weltgedächtnis zu tilgen. Die Wanderung der Asiaten über die Beringstraße, die Wikinger, die Polynesier, die Phönizier, König Abu Bakr II. aus Mali, Prinz Madoc aus Wales, die von der EU geförderte portugiesischdänischdeutsche Gemeinschaftsexpedition von 1473, sowie der Tunnel von Ägypten nach Mexiko. Warum sonst sollte es dort ebenfalls Pyramiden geben? Alles vergessen, verdrängt, verschwiegen.

Diese Vorrede ist ein kleines Zugeständnis an die Leserinnen und Leser, die sich weniger für das 20. Jahrhundert, sondern für die noch weiter im Geschichts- und Mythensumpf zurückliegenden Menschheitsepochen interessieren, die auf diesem Blog sträflich vernachlässigt werden. Aber man soll darüber schreiben, wo man sich auskennt, und das ist bei mir – wenn überhaupt – die Neuzeit. So dient der Exkurs über Christoph Kolumbus hier nur der Erwähnung, dass dieser aus Genua stammte.

Zu Zeiten Kolumbus‘ war Genua eine Republik. (Genau, deshalb machte er auch Amerika zur Republik. Gut kombiniert!) Später wurde die Hafenstadt französisch und schließlich – durch die heldenhaften Taten des im Gegensatz zu Kolumbus tatsächlich uneingeschränkt bewunderungswürdigen Giuseppe Garibaldi – italienisch.

Dort, im italienischen Genua, trafen sich im April 1922, mithin vor genau hundert Jahren, die Mächte dieser Welt, um die Nachkriegsordnung festzuzurren. Insbesondere ging es den 34 anwesenden Staaten um Wirtschafts- und Finanzfragen. Dominiert wurde die Konferenz von zwei drängenden Problemen.

Erstens: Russland. Während alle anderen Staaten unter liberalen bis kapitalistischen Wirtschaftssystemen litten, hatte sich das russische Volk im Oktober 1917 bekanntlich eine neue Wirtschaftsverfassung gegeben, nach der alles allen gehörte. Dieser Sozialismus oder Kommunismus war damals noch ziemlich neu und stieß weltweit auf Interesse, aber die Kapitalisten hatten den internationalen Staatenlenkern eingeredet, dass es Teufelszeug sei.

Übrigens, falls hier jemand eine schlaue Anmerkung anbringen wollte: Es ist schon korrekt, von Russland und noch nicht von der Sowjetunion zu sprechen, weil letztere erst im Dezember 1922 gegründet wurde. Dazu wird es zu gegebener Zeit wahrscheinlich eine gesonderte Folge geben. Denn ansonsten muss ich zum Dezember 1922 über die Gründung des Irischen Freistaats oder den Nobelpreis für Albert Einstein schreiben, was beides viel zu komplizierte Themen sind, als dass ich mich auch nur annähernd einarbeiten könnte.

Zweitens: Deutschland. Insbesondere ging es damals um die Nachverhandlungen der Reparationszahlungen, die Deutschland als rechtlich allein für den Ersten Weltkrieg verantwortlicher Staat (Art. 231 des Versailler Vertrages) begleichen sollte. Deutschland macht zwar sonst gerne auf dicke Hose, aber zu jener Zeit jammerte Deutschland, dass man die Reparationen auf keinen Fall zahlen könne, dass man vollkommen pleite sei, und dass das doch alles so ungerecht sei, heul, schnief, schluchz.

Diese beiden Staaten waren also gewissermaßen die Geächteten der internationalen Ordnung. Für die russische Delegation hatte sich in Genua nicht einmal ein Hotel bereitgefunden, weshalb die Bolschewisten im 30 km entfernten Rapallo unterkommen mussten. Und zwar im Hotel Imperiale, das für diese Folge persönlich in Augenschein zu nehmen zwar angebracht gewesen wäre, aber mein Fünfjahresplanbudget gesprengt hätte.

Wenn Ihr selbst in der Schule, an der Universität oder auf der Arbeit schon einmal den Pariastatus genossen habt, dann wisst Ihr ja selbst, wie das so läuft: Wenn zwei Leute ausgegrenzt werden, dann tun sie sich irgendwann zusammen. Und sei es nur aus Langeweile.

Nach ein paar Tagen Konferenz fiel den russischen und deutschen Delegationen allabendlich die Hoteldecke auf den Kopf, während sich die anderen Staaten zum Tanzen, im Kino oder zum Glücksspiel trafen. Jeden Abend allein Pizza zu essen, das kann ziemlich öde werden, auch wenn Essen für Russen damals durchaus ein ungewohntes Vergnügen war. Also luden die Russen die Deutschen nach Rapallo ein und fragten, mangels diplomatischer Erfahrung etwas ungelenk: „Sagt mal, wenn niemand anders mit uns spielen will, wollen wir nicht Freunde sein?“

Die Deutschen beratschlagten ein bisschen, aber schließlich setzte sich der Konsens durch: Besser einen dubiosen Freund als gar keinen Freund. (Das ist immer so ein Problem mit Leuten, die nicht allein sein und einfach den ganzen Abend mit einem Buch genießen können. Von solchen Menschen geht alles Unheil dieser Welt aus.)

Deutschland und Russland verband aber auch eine gemeinsame Abneigung. Und zwar gegen Polen. Dieser lustige Staat hatte die Angewohnheit, mal zu verschwinden, dann wieder aufzutauchen, mal geteilt, dann wieder vereint zu werden, mal nach Osten und dann nach Westen verschoben zu werden. Selten war es die Schuld der Polen selbst. Sie hatten, wie so viele osteuropäische Staaten und Völker, einfach das Pech, zwischen den Großmächten Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich zu liegen und von diesen als Aufmarschgebiet für ihre Kriegsspiele missbraucht zu werden.

Hier eine bewegte Übersicht zur bewegten polnischen Geschichte:

Alles klar?

Ich hoffe nur, dass Ihr nicht den Polnisch-Ukrainischen Krieg, der von 1918 bis 1919 zwischen Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Rumänien einerseits und der West-Ukraine, der Ukrainischen Volksrepublik, der Hutsul-Republik und der Komancza-Republik andererseits um Galizien, die Karpatenukraine, Wolhynien und die Bukowina ausgetragen wurde, sowie den Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921 übersehen habt. Aufmerksame Leserinnen und Leser fragen jetzt, wie es einen sowjetischen Krieg gegeben haben kann, wo Ihr doch oben erfahren habt, dass die Sowjetunion erst im Dezember 1922 gegründet werden sollte. Tja, es gab aber bereits Sowjetrussland und die Sowjetukraine, die in diesem Krieg gemeinsam gegen Polen, Lettland und die Ukrainische Volksrepublik kämpften (und verloren).

Merkt Euch diesbezüglich einfach nur zwei Dinge: Erstens, und das ist einer der Dauerbrenner in dieser Geschichtsreihe, der Erste Weltkrieg war 1918 noch lange nicht zu Ende. Zweitens, die Ukraine war auch vor hundert Jahren kein Teil Russlands. (Ich weiß, das ist alles schrecklich kompliziert. Aber das heißt nicht, dass derjenige Recht hat, der behauptet, dass alles ganz einfach sei. Ganz im Gegentum, solche Typen wollen Euch höchstwahrscheinlich verarschen.)

Aber jetzt zurück ins schöne Rapallo.

Nach viel Wodka, Wein und Grappa zog der russische Außenminister Georgi Tschitscherin einen Vertrag aus der Tasche, legte ihn seinem deutschen Kollegen Walther Rathenau vor, und sagte: „Unterschreib da mal.“

Rathenau war eigentlich ein bisschen skeptisch, aber der erste Artikel des kurzen Vertrags sah einen beiderseitigen Verzicht auf alle Reparationen und andere Schadensersatzansprüche vor. Rathenau war bei der FDP, deshalb konnte man ihn mit Ausgabenbegrenzungen immer locken. Alles andere würde der Markt regeln. Also unterschrieb er.

Ansonsten sah der Vertrag die Aufnahme von diplomatischen, konsularischen und vor allem wirtschaftlichen Beziehungen vor. Wirtschaft war das Hauptmotiv deutscher Außenpolitik, und die deutschen Exporteure standen schon Schlange. (Irgendwie hatten sie bereits vor Unterzeichnung von dem Vertragsentwurf erfahren.)

Ganz wichtig für die deutsch-russische Freundschaft war Erdöl. Deutschland lieferte das Know-How zum Betrieb der Ölquellen im Kaukasus und verpflichtete sich im Gegenzug, in Deutschland Autobahnen, Tankstellen und Autos zu bauen, auf dass Deutschland vom russischen Erdöl und später Erdgas abhängig werden sollte. Der Bau von Pipelines wurde als Freundschafts- und Friedensprojekt verkauft und mit entsprechenden Kampagnen begleitet. Deutsche Jugendliche entflohen mit Freude der Enge ihrer kleinbürgerlichen Elternhäuser, um in der sowjetischen Taiga mit Jack-London-Klondike-Romantik Wälder zu roden und Rohre zu verlegen.

Letzten Herbst war ich in Sachsen unterwegs, wie so oft per Anhalter. In Bautzen nahm mich ein älterer Mann mit, der eigentlich nach Dresden musste, aber für mich einen Riesenumweg nach Bernsdorf fuhr. Er erzählte aus seinem Ingenieursleben, in dem er wirklich viel von der Welt gesehen hatte. Aber der Höhepunkt für ihn blieb der Einsatz auf der Druschba-Trasse.

Wenn eine ganze Generation von DDR-Bürgern und -Bürgerinnen an der Pipeline der Freundschaft mitgeschschraubt, -geschweißt und -geschwitzt hat, erklärt das schon eine gewisse emotionale Verbundenheit, die den Menschen in Westdeutschland abgeht. Bei uns in der BRD dachte man eher strategisch: „Wenn wir mehr Benzin brauchen, müssen die USA halt wieder irgendein Land ‚befreien‘.“

Die Rohre für das Ostblockprojekt kamen übrigens aus Westdeutschland, Italien und Japan. Wirtschaftlich lief die Kooperation auch während des Kalten Kriegs super. Am Vertrag von Rapallo wurde nicht gerüttelt.

Als viel verheerender sollte sich die militärische Komponente der deutsch-russischen und bald deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit erweisen. Diese ist im Vertrag von Rapallo nicht ausdrücklich erwähnt, hatte aber bereits im Jahr zuvor, 1921, begonnen und wurde nach dem Schulterschluss an der ligurischen Küste intensiviert.

Auch hier lohnt ein Blick auf die Ausgangslage:

Die russische Armee war veraltet. Man setzte noch auf Pferde, wie Ihr aus der Folge über den Kavalleristen erinnert, der das Königreich Mongolei gründete. Russland hatte 1905 den Krieg gegen Japan verloren. Dass eine europäische Großmacht gegen einen asiatischen Inselstaat verlor, war bis dahin undenkbar gewesen. Russland hatte 1920 den Krieg gegen Polen verloren (siehe oben), ein Land, das nach über hundertjähriger Abwesenheit von der Weltbühne gerade erst wieder gegründet worden war. Das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte sank einfach so. Alles sehr peinlich.

Russland musste also, wenn es demnächst alle Nachbarländer von Finnland bis zur Ukraine angreifen wollte, dringend sein Militär modernisieren.

Deutschland hatte das technische Wissen, die Rüstungsindustrie und an allen Stellen Menschen ohne moralische Skrupel. Also eigentlich perfekte Bedingungen zur Aufrüstung.

Allerdings gab es da den Versailler Vertrag. Dieser hatte zum Ziel, Deutschland militärisch klein zu halten (Art. 159-213). So durfte Deutschland beispielsweise nicht mehr als 100.000 Soldaten und nicht mehr als 36 Kriegsschiffe haben. Deutschland durfte über keine Panzer, keine U-Boote und keine Luftwaffe verfügen. Die Wehrpflicht war verboten, ebenso wie die Entwicklung chemischer Kampfstoffe.

Das deutsche Militär sollte praktisch auf den Stand des russischen Militärs zurechtgestutzt werden.

Was machte die Reichswehr?

Wer ganz aufmerksam den Artikel zum Januar 1921 gelesen hat, weiß es schon: Das deutsche Militär scherte sich einen Dreck um den Versailler Vertrag und baute eine Luftwaffe und eine Panzerstreitmacht auf. Nicht offen, sondern heimlich.

Und wo konnte Deutschland seine Luftwaffe und seine Panzer am besten verstecken?

Da kommt Ihr nie drauf: Die geheime Kampffliegerschule und Erprobungsstätte der Reichswehr lag in Lipezk. Die geheime Panzerschule Kama lag bei Kazan. Der geheime Kampfmittel-Versuchsplatz Tomka lag bei Wolsk. In Fili, Charkiw, Samara, Jaroslawl und Rybinsk wurden gemeinsame Flugzeugwerke errichtet. Mitten in der Sowjetunion, weit entfernt von den Augen der Weltöffentlichkeit und der noch nicht erfundenen Satelliten, rüstete Deutschland entgegen aller vertraglichen Zusagen auf, bildete Piloten und Panzerfahrer aus, entwickelte neue Militärtechnik und erprobte Angriffstaktiken.

Deutschland finanzierte all diese Einrichtungen, durfte eigene Piloten, Panzerfahrer u.s.w. dort ausbilden, musste aber auch sowjetische Soldaten und Offiziere an den Lehrgängen teilnehmen lassen. Ungeachtet möglicher politischer Rhetorik gegen den jeweils anderen Staat ging die militärische Kooperation munter weiter. Praktisch wie bei Ronald Reagan.

Erst unter Hitler beendete Deutschland im September 1933 die Kooperation. Nicht so sehr aus ideologischen Differenzen, sondern weil die Nazis die Verletzung des Versailler Vertrages gar nicht mehr verbergen wollten. Die Revision, ja der Bruch dieses Friedensvertrages war schließlich Regierungsprogramm.

Die Sowjetunion behielt allerdings die Giftgasentwicklungsstelle bei Wolsk/Schichany bei. Im dortigen Zentralen Wissenschaftlich-Technischen Institut der Chemischen Truppen wurde das Nervengift Nowitschok entwickelt, das wir mittlerweile aus dem russischen Staatsterrorismus, unter anderem gegen Alexei Nawalny, kennen. Deswegen war Deutschland nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum Tomka-Vertrag auch verpflichtet, die lebensrettende Behandlung zu übernehmen.

Apropos geheimes Zusatzprotokoll: Das Deutsche Reich und die Sowjetunion schlossen in der Folgezeit weitere Verträge, von denen der folgenreichste der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war. Nach den jeweiligen Außenministern ist er auch als Molotow-Ribbentrop-Pakt bekannt. Unterzeichnet wurde er am 24. August 1939, was ganz praktisch war, denn eine Woche später würde Deutschland Polen überfallen und schon wieder einen Weltkrieg auslösen. (Kann das beim Dritten Weltkrieg bitte jemand anders machen, damit nicht wieder Deutschland als Buhmann dasteht?)

„Nichtangriffspakt“ war eine etwas irreführende Bezeichnung für diesen Vertrag. Zwar versicherten Deutschland und die Sowjetunion, sich nicht gegenseitig anzugreifen, aber ein geheimes Zusatzprotokoll sah allerhand Angriffe auf allerhand andere Staaten vor: auf Polen, auf Litauen, auf Estland, auf Lettland, auf Finnland und auf Moldawien. Auch die militärische Kooperation wurde wieder aufgenommen. So stellte die Sowjetunion dem Deutschen Reich von 1939 bis 1940 einen geheimen U-Boot-Stützpunkt bei Murmansk zur Verfügung. Sowjetische Eisbrecher bahnten deutschen Zerstörern den Weg. Der Zweite Weltkrieg war Teamwork.

Verträge zu Lasten Dritter sind immer eine unangenehme Sache, das kennt man ja vom Münchner Abkommen 1938. Außerdem sind sie rechtlich unwirksam, aber wenn man eine Grenze mit Deutschland oder der Sowjetunion hatte – oder heute eine Grenze mit Russland hat -, hilft einem das Völkerrecht nicht viel. Da helfen nur Waffenlieferungen, wie auch die Sowjetunion feststellen musste, als sie 1941 ganz überraschend von Nazi-Deutschland angegriffen wurde.

„Aber wir haben doch einen Nichtangriffspakt“, wunderte sich Stalin darüber, dass die deutschen Flugzeuge und Panzer, die einst in der Sowjetunion gebaut wurden, jetzt sowjetische Städte bombardierten und beschossen.

Stalin war überhaupt ein bisschen doof. Denn ab 1941 hätte man all die sowjetischen Offiziere und Soldaten, die zusammen mit den Deutschen studiert, manövriert und geübt hatten, hervorragend für die Rote Armee brauchen können. Wer den Feind kennt, kann seine Technik und Taktik besser einschätzen. Nur leider hatte Stalin 1936/37 all diese Offiziere hinrichten lassen, weil er niemandem traute, der einmal mit einem Deutschen im gleichen Raum gesessen hatte. (Ich glaube, er hat auch alle Leute hinrichten lassen, die ihn im Internet als doof bezeichneten. So ein Weichei war das.) Dass er später selbst den Pakt mit den Deutschen schloss, naja, wie gesagt, Stalin war nicht der Hellste. Man wundert sich wirklich, wie solche Leute alle vier Jahre wiedergewählt werden.

Das geheime Zusatzprotokoll war so geheim, dass Michail Gorbatschow erst im Dezember 1991 dessen Existenz zugab. Überhaupt war die sowjetische und ist die postsowjetische Geschichtspolitik ein bisschen geschichtsklitternd. So tun z.B. Denkmale nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Nachfolgestaaten der UdSSR so, wie wenn der Zweite Weltkrieg erst 1941 begann.

1941-1945 groß
1941-1945 Cenotaph
1941-1945 (1)
1941-1945

(Die Fotos stammen aus Uman, aus Kiew und aus Odessa in der Ukraine sowie aus Sochumi in Abchasien.)

Deshalb glauben dort viele Menschen, dass der Zweite Weltkrieg bzw. die Große Vaterländische Militärische Spezialoperation erst im Juni 1941 mit dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion begann. Die gleichen Menschen glauben auch gerne, dass die Sowjetunion keinerlei amerikanische Panzer und Flugzeuge und sonstige Unterstützung erhielt, sondern den Krieg allein gewann. Dafür glauben in Amerika wiederum viele Menschen, dass die Soldaten, die im Juni 1944 in der Normandie landeten, ganz persönlich Berlin befreit haben. Und niemand denkt je an die brasilianische Division. Dass die Welt rund ist und deshalb gleichzeitig an mehr als einer Front gekämpft werden kann, scheint für viele zu komplex zu sein.

Die Wahrheit ist, dass auch die Sowjetunion seit September 1939 im Krieg war. Sie überfiel zuerst Polen und besetzte den Osten des Landes. Zwei Monate später griff sie Finnland an, 1940 schnappte sie sich Estland, Lettland, Litauen und Teile Rumäniens.

Wenn Wladimir Putin den Hitler-Stalin-Pakt verteidigt, dann wisst Ihr jetzt, was er meint. Auch in Osteuropa, in all den Staaten, die so oft unter ihrer Lage zwischen Deutschland und Russland gelitten haben, weiß man das.

Nur im Westen, insbesondere in Deutschland, wo man so stolz darauf ist, „die Lehren aus der Geschichte“ zu ziehen, wollte niemandem auffallen, wie Rapallo-Molotow-Ribbentrop-mäßig sich die osteuropäischen Staaten vor den Kopf gestoßen fühlten, als Russland und Deutschland eine neue Pipeline in Betrieb nahmen, die alle anderen umging und ausschloss.

Gerade in Deutschland, wo man schnell „die besondere historische Verantwortung“ erwähnt, will nur wenigen auffallen, dass Deutschland keine besondere historische Verantwortung gegenüber dem russischen Staat, insbesondere nicht dem heutigen Mafiastaat, sondern gegenüber allen osteuropäischen Völkern hat, die unter der deutschen Besatzung gelitten haben. Ebenso gegenüber jenen, die in der Roten Armee gegen den Nazi-Faschismus gekämpft und unsere Konzentrationslager befreit haben. Neben Russen, Tataren, Kirgisen, Kasachen, Georgiern, Abchasen, Inguscheten, Osseten, Belarussen und so weiter waren das eben auch Ukrainer. Millionen von Ukrainern. Weswegen in jedem kleinen Dorf in der Ukraine ein Ehrenmal für die Sowjetsoldaten steht, immer gepflegt und mit frischen Blumen davor.

Die Lehre aus dem blutigen deutsch-russischen Jahrhundert? Die Großmächte müssen aufhören, andere Staaten wie Verfügungsmasse zu behandeln. Aber auch wir Menschen in Mittel- und Westeuropa müssen anders denken über Osteuropa.

Die Ukraine ist keine Kuh, aus der man sich Filets herausschneidet. Polen ist kein Pufferstaat. Das Baltikum ist kein Randgebiet. Der Balkan ist kein Pulverfass. Ebensowenig der Kaukasus. Rumänien ist kein Reservoir für billige Arbeitskräfte. Belarus ist kein Transitland. Alle Staaten, von Montenegro bis Moldawien, von Abchasien bis Albanien, sind wahnsinnig interessante Länder, die alle ein Recht auf eine eigene, selbstbestimmte, souveräne Existenz haben. Inklusive eigener Entscheidung, ob sie bei der EU, der NATO oder der FIFA mitspielen wollen.

corniche sukhumi.JPG

Und seid ruhig mal ein bisschen kreativer bei der Urlaubsplanung! Peleș ist schöner als Neuschwanstein. Sochumi ist wie Nizza, nur dass Ihr es für Euch allein habt. Die Fjorde in Montenegro sind fast so beeindruckend wie die in Norwegen, aber man ist nach zwei Bier nicht gleich pleite. Ganz zu schweigen von Odessa.

Apropos pleite: Ich freue mich über jegliche Unterstützung für diesen kleinen Blog. Und über Gastautoren! Gibt es für Mai 1922 jemanden, der/die sich auskennt mit dem Völkerbund-Protektorat für Albanien? Oder dem Bürgerkrieg in Paraguay? Oder Oberschlesien? Obwohl, besser nicht, bei letzterem Thema kommen immer so Großdeutsch-Ewiggestrige aus der Gruft.

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Vor hundert Jahren kamen Völkermörder nicht ungestraft davon – April 1922: Operation Nemesis

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Vor ein paar Tagen, am 24. April, war der Gedenktag für die Opfer des Völkermordes an den Armeniern. Das habt Ihr wahrscheinlich nicht mitbekommen, denn wo nicht gerade eine armenische Diaspora ansässig ist, geht das meist unter. Und die armenische Diaspora sitzt eigentlich nur dort, wo Wein und Cognac in Strömen fließen, also Paris, Kalifornien und Südaustralien.

Außerdem ist die Welt derzeit abgelenkt von einem Krieg, bei dem man darüber streiten kann/muss, ob er nicht auch genozidale Züge trägt. Das ist eine schwierige juristische Frage, in die die Herren Lauterpacht und Lemkin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwas Klarheit gebracht haben. Beide begannen ihre Karriere an der Universität in Lwiw/Lemberg, das jetzt von russischen Raketen beschossen wird.

Aber, Ihr ahnt es schon, wenn Ihr die aktuelle Folge der Reihe „Vor hundert Jahren …“ druckfrisch in den Händen haltet: Vor hundert Jahren war dieses Thema durchaus aktuell.

Genau genommen am 17. April 1922, als Aram Yerganian und Arschawir Schiragjan, die als Armenier verständlicherweise ein bisschen sauer wegen des Völkermordes waren, in Berlin zwei hochrangige Verantwortliche für eben jenen Völkermord erschossen.

Cemal Azmi war dafür von einem türkischen Gericht zum Tode verurteilt worden. Bahattin Şakir war in Malta wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt worden. Aber beide flohen nach Berlin, wo sie sich ziemlich sicher fühlten. „Kein Sorge, Bahattin“, sagte Cemal Azmi, „Deutschland will immer mit allen Seiten Geschäfte machen. Das mit den Menschenrechten ist bei denen nur Bla-Bla.“

Damit hatte er nicht nur Recht, sondern auch die Leitlinien der deutschen Außenpolitik für die folgenden 100 Jahre skizziert. Aber gut, mit Prinzipientreue wird man nicht Exportweltmeister.

Ein noch zweifelhafteres Vergnügen, als sich von Wladimir Putin belügen zu lassen, ist es, mich persönlich kennenzulernen. Ich lüge zwar nicht, aber zu vielen Themen sage ich nur: „Da habe ich mal einen Artikel darüber geschrieben.“ Schließlich war einer der Hauptgründe für diesen Blog, dass ich die gleichen Geschichten nicht dutzend- oder gar hundertfach erzählen muss. Manche finden das unpersönlich. Ich finde es praktisch.

Je mehr man geschrieben hat, umso öfter kann man darauf verweisen. Und so bleibt es nicht aus, dass auch innerhalb dieser Geschichtsreihe rohstoffsparend recycelt wird. Ich empfehle deshalb zum Völkermord an den Armenien, zur Operation Nemesis und zu den juristischen Konsequenzen ganz effizient meinen Artikel über den März 1921.

Viel Vergnügen beim (erneuten) Lesen!

Der damalige Prozess gegen Soghomon Telirian in Berlin war es übrigens, der Raphael Lemkin in Lemberg dazu brachte, sich mit dem Thema des Völkermordes zu befassen und von der linguistischen auf die juristische Fakultät zu wechseln. So ist, wie so oft, alles mit allem verbunden.

Und keine Sorge, selbstverständlich wird es für April 1922 noch eine vollwertige Folge geben.

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Vor hundert Jahren war es mit dem Habsburger-Reich endgültig vorbei – April 1922: Kaiser Karl I.

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Im April 1922 ist so viel passiert, dass ich einige der Ereignisse, so weltbewegend sie auch gewesen sein mögen, nur kursorisch abhandeln kann.

So auch den Tod seiner geliebten Majestät, des Kaisers Karl I. von Österreich-Ungarn-und-so-weiter, auf der hochgeschätzten Insel Madeira. Diesbezüglich kann ich praktischerweise auf eine vorherige Folge über den Kaiser verweisen, die seinen Tod schon vorwegnahm.

Nein, das ist nicht der Kaiser. Das ist der Mann, der den Kaiser hätte retten können, wenn jener kein Impfskeptiker gewesen wäre. Aber auch das wird in der Folge vom Oktober 1921 ausführlich erklärt.

Viel Spaß beim Lesen!

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Vor hundert Jahren sollte Homosexualität entkriminalisiert werden – April 1922: § 175 StGB

Wenn es formelle Kleinigkeiten gibt, die mich auf die Palme bringen, dann sind das drei Dinge:

  1. Wenn Leute „Russland“ sagen, obwohl sie die Sowjetunion meinen.
  2. Wenn Artikel des Grundgesetzes als Paragraphen zitiert werden. (Querulantenalarm!)
  3. Wenn Paragraphen ohne Gesetzesangabe genannt werden.

Außerdem regt es mich auf, wenn Menschen „wichtig“ und „dringend“ verwechseln. Aber das ist ja eine mehr als rein formelle Denkunschärfe.

Um Punkt 1 wird sich hoffentlich eine weitere Episode dieser beliebten historischen Reihe drehen, denn vor genau hundert Jahren, im April 1922, wurde zwischen dem Deutschen Reich und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik der Vertrag von Rapallo geschlossen. Dieser Vertrag legte die Grundlage für den Zweiten Weltkrieg sowie für die Nord-Stream-Pipelines und damit für so allerhand Übel, das uns auch 100 Jahre später wieder beschäftigt.

Aber heute echauffiere ich mich über Punkt 3.

Klar kann ich mir als Jurist zusammenreimen, was gemeint sein könnte. Aber wenn Ihr Euch auf einen Paragraphen bezieht, dann nennt doch bitte das Gesetz dazu! Es gibt nämlich – auch auf die Gefahr, dass ich damit Insiderwissen enthülle – mehr als ein Gesetz. Und irgendeiner Unbedarfter blättert dann im BGB, in der ZPO, im EStG und wundert sich, warum Ihr vollkommen unschuldige Regelungen abschaffen wollt, wenn es Euch doch in Wirklichkeit um das Strafgesetzbuch (StGB) geht.

Diese Reihe steht ja eigentlich unter dem inoffiziellen Motto „Früher war alles besser“, aber als ich die Berliner Volkszeitung vom 9. April 1922 aufschlug, traf mich der Schlag. Auch hier waltete ein Redakteur, der sich partout nicht vorstellen konnte, dass es mehr als einen Paragraphen 175 in deutschen Gesetzbüchern gab. (Den giftigen Leserbrief unterließ ich nur deshalb, weil die Zeitung ihr Erscheinen 1944 einstellte.)

Gemeint war natürlich § 175 StGB, der „widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren“ mit Gefängnisstrafe bedrohte. Und jetzt wisst Ihr, worauf sich diejenigen beziehen, die gleichgeschlechtliche Ehen mit dem Argument untersagen möchten, „dass dann als nächstes jemand seinen Hund oder seine Katze heiratet.“

Aber zum Glück ließ ich mich davon nicht abhalten und merkte mal wieder, dass der Journalismus vor hundert Jahren doch besser war. Aber lest oder hört selbst:

Alles geht vorüber. Auch die Verschleppung unserer Strafrechtsreform. Es wird nicht lange mehr dauern, und der Reichstag wird vor der Feuerprobe seines Kulturwillens stehen. Denn eine große Reihe von Änderungen geltender Normen wird das Bekenntnis zur Kultur und den vollen Mut der Verantwortung fordern. Keine aber soviel wie der Sturz des § 175, der eine traurige Berühmtheit erlangt hat, die ihn längst zum Gespött aller ehrlichen Freiheits- und Sittlichkeitskämpfer gemacht hat.

Große Worte, aber ich finde es durchaus angebracht, die Abgeordneten von Zeit zu Zeit darauf hinzuweisen, dass es nicht um den Koalitionsfrieden oder die Geschlossenheit der Fraktion geht, sondern dass die „Feuerprobe des Kulturwillens“ ansteht. Mit so einem Appell hätte vielleicht sogar die Impfpflicht eine Chance gehabt.

Trotzdem gibt es kaum eine infolge ihrer Abartung so unglückliche Minderheit wie die jener Menschen, deren Fühlen von Natur aus nun einmal ein gleichgeschlechtliches ist und die zur Schmach des sie tief erniedrigenden Hohns aller denkfaulen Mucker noch die Schande einer staatlich sanktionierten Verfolgung zu tragen haben.

Das mit der „Abartung“ ist nicht so durchdacht. Aber den Begriff „denkfaule Mucker“ würde ich gerne öfter in der Zeitung lesen.

Juristisch ist § 175 nicht haltbar, wenn man sich nicht auf den Dogmenstandpunkt mittelalterlicher Inquisitionsrichter stellt.

Dennoch, obwohl die Reform die Unterstützung von Abgeordneten sowohl der Regierung als auch der Opposition, sowie des Justizministers Gustav Radbruch (SPD) hatte, bekam sie keine Mehrheit im Reichstag. (Eine Nebenbemerkung, um zu zeigen, wie sich in 100 Jahren die Zusammensetzung der Parlamente geändert hat: Radbruch war damals der einzige Jurist in der SPD-Fraktion.)

Ganz im Gegenteil: Die Verurteilungen aufgrund des § 175 StGB sollten bald nach oben schnellen. Zum einen ab 1924 wegen des Prozesses gegen den 24-fachen Mörder Fritz Haarmann, wodurch über Homosexualität meist in Verbindung mit Gewalt gesprochen wurde, und dann natürlich in der Zeit des Nationalsozialismus. Hier wurden Homosexuelle oder als solche Verdächtigte bekanntlich nicht nur eingesperrt, sondern auch ermordet.

Am 8. Mai 1945 wurde Deutschland zwar plötzlich frei und demokratisch, aber noch lange nicht modern und tolerant. Selbst von den aus den Konzentrationslagern Befreiten wurden einige wegen § 175 StGB verurteilte Männer wieder verhaftet, weil die Justiz merkte, dass sie noch nicht ihre ganze Strafe abgesessen hatten. Wegen dieser Akribie der deutschen Nachkriegsjustiz blieb dann leider, leider keine Zeit mehr, nach den Herren Eichmann, Barbie, Mengele, Schwammberger, Heim, Stangl und Hunderten anderer NS-Verbrecher zu fahnden. Aber die Bekämpfung von Homosexualität, Schwarzhandel und Schwarzfahren – letzteres übrigens erst seit 1935 strafbar (§ 265a StGB) – schien eben wichtiger und dringender.

Erschreckend an der obigen Grafik ist, dass die Zahlen der Verurteilungen – und das sind nur die Zahlen für Westdeutschland – in den ersten zwei Jahrzehnten der Bundesrepublik weit über denen der Weimarer Republik, ja sogar des Kaiserreichs lagen. Während in der DDR der § 175 StGB ab 1958 faktisch nicht mehr angewendet wurde (die DDR gab sich erst 1968 ein neues Strafrecht und verwendete bis dahin wie die BRD bis heute das gute alte kaiserliche Strafrecht), wurden in der BRD Zehntausende von Männern nach § 175 StGB verurteilt. Hunderttausende Leben wurden zerstört, manche Männer in den Suizid oder zur Emigration getrieben.

Ab 1969 wurde auch im Westen das Totalverbot homosexueller Handlungen aufgehoben. Strafbar war nur mehr Sex mit Untereinundzwanzigjährigen, was allerdings noch immer eine Ungleichbehandung zu Heterosex darstellte. Übrigens: Auf meinem englischsprachigen Blog gebe ich manchmal Ratschläge auf juristische Fragen, und der Beitrag über das Mindestalter für Sex ist einer der meistgeklickten. Aber ist ja schön, wenn die Leute vorher einen Juristen fragen.

Okay, das war jetzt die tiefe, miefige Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre. Aber in den coolen Hippie-70ern sollte doch hoffentlich alles lockerer werden, oder?

Weit gefehlt.

Sogar 1990, im Rausch von Vereinigung, Freiheit und Frieden, war es für die BRD so wichtig, Homo- und Heterosexuelle unterschiedlich zu behandeln, und für die DDR so wichtig, dies nicht zu tun, dass daran fast der Einigungsvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten gescheitert wäre.

„Aber vereinigt Euch nicht zu heftig, hört Ihr?“

Gerettet wurde die deutsche Vereinigung in letzter Minute durch einen Kompromiss: Obwohl die DDR durch Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes grundsätzlich alle BRD-Gesetze und damit auch das StGB übernehmen würde, wurde § 175 StGB davon explizit ausgenommen (siehe Anlage I zum Einigungsvertrag, Kapitel III Sachgebiet C Abschnitt III Nr. 1). Wenn also ein homosexuelles Paar nach 1990 zum Weitwandern auf dem Grünen Band ging, mussten sie genau darauf achten, auf welcher Seite der ehemaligen Grenze sie ihr Zelt aufstellten.

Aus dem gleichen Grund zogen nach 1990 viele westdeutsche junge Männer nach Ostdeutschland zum Studieren. Erst als der „brain drain“ im Westen zu stark wurde, schaffte 1994 der mittlerweile gesamtdeutsche Bundestag den § 175 StGB ab.

Und die Opfer der früheren Verfolgung?

Die mussten warten. Das ist in Deutschland immer so. Egal ob Völkermord, Zwangsarbeit, Enteignung, Zwangssterilisierung, Misshandlung oder menschenrechtswidrige Strafverfolgung: Zuerst muss etwas Zeit ins Land ziehen, damit möglichst viele Opfer sterben. Sonst wird das mit der Entschädigung zu teuer. Und dann wäre der Finanzminister traurig. Das wiederum ist durch Art. 112 GG verboten.

Verurteilungen durch NS-Gerichte wegen homosexueller Handlungen (und wegen Fahnenflucht) konnten daher erst 2002 für nichtig erklärt werden. Die Rehabilitierung der nach 1945 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen Verurteilten wurde dann immerhin 2017 auf den Weg gebracht. (Und bitte auch hier immer das richtige Gesetz zitieren, schon wegen seiner tollen Abkürzung: StrRehaHomG) Verurteilte können eine Entschädigung von 3000 € für das Urteil und 1500 € pro Jahr Haft bekommen. Sehr großzügig.

Aber aufgepasst! Weil der Finanzminister fürchtete, dass die etwa 5000 Überlebenden viel zu teuer kommen könnten, wurde in § 6 Absatz 1 Satz 1 StrRehaHomG eine Frist zur Geltendmachung der Ansprüche versteckt. Und diese läuft demnächst, am 22. Juli 2022 aus! – Schon deshalb wäre es nett, wenn Ihr diesen Artikel schnell und viel teilt. Nicht dass noch jemand verschlumst, seinen Entschädigungsanspruch geltend zu machen.

Ich selbst bin auch so ein Verschlumser. Vor etlichen Jahren fiel mein Flug aus Montenegro nach Deutschland aus, weil es auf dem Flughafen in Podgorica keine Schneeräumfahrzeuge gab. Die Fluglinie organisierte dann eine Übernachtung im Hotel und ein tolles Abendessen, bei dem ich die Mitpassagiere viel besser kennenlernte, als ich es auf dem Flug je getan hätte. Es war, wie wenn jeder plötzlich einen zusätzlichen Tag geschenkt bekommen hatte. Man konnte ja nichts tun. Die Stimmung war gut, und ich lernte einen Iraner kennen, der in Montenegro einen Campingplatz mit Yoga und so betreibt. Dann setzte sich ein Albaner zu uns, der sagte, wir sollten uns keine Sorgen machen, wie wir in Memmingen vom Flughafen zum Bahnhof kämen. Sein Neffe würde uns alle abholen. Mit Pasha, dem Iraner, teilte ich mir ein Zugticket, weil wir beide Richtung Regensburg fuhren. Als ich sagte, dass ich das Ticket dann noch bräuchte, weil ich nach Amberg weiter müsse, sagte er: „So ein Zufall! Ich muss auch nach Amberg, meine Freundin wohnt dort.“ Jedenfalls, um auf den hier relevanten Punkt zu kommen, hätte ich für den um einen Tag verschobenen Flug ja eigentlich einen Entschädigungsanspruch nach der EU-Fluggastrechteverordnung (Verordnung Nr. 261/2004) geltend machen können. Das wären immerhin ein paar hundert Euro, also viel Geld für einen armen Schlucker wie mich. (Wenn ich geschäftstüchtig wäre, hätte ich an dem Abend im Hotel erwähnt, dass ich Jurist bin und Vollmachten von allen 300 Passagieren zu Verhandlungen mit WizzAir oder RyanAir eingesammelt. Aber ich habe echt Besseres zu tun. Auch wenn ich nicht genau sagen kann, was.) Die Frist sind großzügige drei Jahre, aber irgendwie kam ich nie dazu. Und außerdem fand ich die zusätzliche Nacht in Montenegro ja ganz cool. Obwohl das damals war, wo die montenegrinischen Grenzschützer gewaltig Stress machten und mich wegen meines aufgelösten Passes nicht ausreisen lassen wollten. Und ich hatte besonders Muffensausen, weil ich ein paar Wochen vorher mit meinem Bruder durch ein Loch im Zaun auf einen Stützpunkt der montenegrinischen Marine eingedrungen und dort ein bisschen auf den Schiffen herumgeturnt war. Die Soldaten, die uns entdeckten und festnahmen, hatten natürlich unsere Namen notiert, und ich fürchtete, dass das bei der akribischen Grenzkontrolle auffallen würde. Aber mit Verweis auf eine in wenigen Tagen anstehende Prüfung an der Universität wurde ich dann schließlich ziehen gelassen. Überhaupt bringt der Studentenstatus viele Vorteile beim Fliegen.

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Ich hoffe nur, dass ich mal wieder nach Montenegro darf, denn das ist echt eines der schönsten Länder Europas. Aber mittlerweile fliege ich nicht mehr, wenn es irgendwie anders geht. Aus ökologischen Gründen, aber auch wegen der Reisequalität. Und nach Montenegro geht ein wunderschöner Zug. Außerdem kann man ja trampen.

Jetzt bin ich aber abgeschweift. Irgendwann wird es dagegen eine EU-Richtlinie geben, die den Leserinnen und Lesern Entschädigungsansprüche zugesteht, wenn der Autor nicht beim angekündigten Thema bleibt. Das wird dann mein Ruin.

Zurück zum Thema: Ich habe diesen Zeitungsartikel aus 1922 auch deshalb veröffentlicht, um – wie bei den deutschen Kolonialverbrechen – gegen die vorschnelle Reaktionen bei vergangenem Unrecht anzugehen, die das immer entschuldigen mit: „Naja, so was das halt früher. Andere Zeiten, andere Moralvorstellungen.“

Nein. Natürlich gab es schon immer unterschiedliche Moralvorstellungen. Welche sich davon zu welchem Zeitpunkt durchsetzt, ist eine politische Frage, eine Machtfrage. In Frankreich war die Strafbarkeit der Homosexualität bereits 1791 abgeschafft worden. Bayern folgte 1813, aber diese Freiheit endete mit dem Eintritt ins Deutsche Reich. (Mehr zu dieser tragischen Geschichte in meiner 9-teiligen König-Ludwig-Saga, und insbesondere zur relativen Fortschrittlichkeit Bayerns – nicht zuletzt am Beispiel einer frühen Impfpflicht – in Kapitel 86.)

Vielleicht meint der Autor das, wenn er mit einer Warnung schließt:

Es gilt aber auch vor allem für jenen Teil der Invertierten, die unpolitisch genug sind, ihren Kampf als Mittelpunkt aller Weltaktionen darstellen zu wollen. Das ist der typische Irrtum aller Minderheiten, ohne dessen innerliche und äußerliche Beseitigung sie nur wenig erreichen werden.


Das könnt Ihr jetzt diskutieren, während ich an der Folge zum Vertrag von Rapallo arbeite. Nachdem es letzten Monat eine Filmbesprechung gab, wünschte sich ein Leser diesen Monat „Dr Mabuse“. Ein anderer wünschte sich die Morde von Hinterkaifeck. Leider niemand wünschte sich die Konferenz der drei Internationalen, die Einigung zwischen zwei portugiesischen Königsprätendenten oder die Gründung der Jakutischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik. Ach ja, Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn starb auch im April 1922, aber den hatten wir ja schon vor ein paar Monaten im Programm. – Wenn sich übrigens ein paar mehr Unterstützerinnen und Unterstützer zusammenfinden, könnte ich pro Monat mehr als einen oder zwei Artikel fabrizieren. Themen gibt es ja genug, wie Ihr seht.

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Und mehr Strafrecht.
  • Auf den Zeitungsartikel aufmerksam wurde ich durch diese Folge des Podcasts „Auf den Tag genau“, der jeden Tag eine Zeitungsmeldung von vor 100 Jahren sendet. Oft mit erstaunlich aktuellen Bezügen.
  • Die digitalisierten Zeitungen gibt es hier. Aber Vorsicht, große Versumpfungsgefahr! Denn die Zeitungen waren früher wirklich besser.
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Trampen als Wissenschaft

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Menschen, die am Straßenrand stehen und den Daumen raushalten, um mitgenommen zu werden, haben so ein Image von planlosen Hippies, die es irgendwie verpeilt haben, den Zug zu erwischen. Oder von Jungs, die gerade aus dem Knast entlassen wurden und keinen Cent in der Tasche haben, um sich ein Busticket nach irgendwo zu leisten.

In Wirklichkeit sind viele Tramper Soziologen, Geographen, Psychologen, Schauspielerinnen, Linguisten, Ärztinnen oder Raumfahrtingenieure. Und Juristen, so wie ich selbst, wie man unschwer an meiner typischen Reisekluft erkennen kann.

Manche Tramper gehen diese Art des Reisens sogar richtig wissenschaftlich und mathematisch an. Sie notieren Wartezeiten, zurückgelegte Entfernungen, durchschnittliche Geschwindigkeiten und eine Menge anderer Parameter. Diese Informationen laden sie dann in einer Datenbank hoch, auf dass sich alle anderen daran bedienen können. Kostenlos natürlich.

Ábel Sulyok, ein Tramper aus Ungarn und Atomphysiker, hat aus den so gesammelten Daten über Wartezeiten in Europa eine interessante Landkarte erstellt. Diese zeigt die durchschnittlichen Wartezeiten von weniger als 30 Minuten (grün) bis zu mehr als 90 Minuten (dunkelrot). Die durchschnittliche Wartezeit ist einer der wichtigsten Faktoren, um zu beurteilen, ob sich ein Land oder eine Region gut zum Trampen eignet.

Natürlich tragen nicht alle Tramper Daten zu diesem Projekt bei. (Ich mache das auch nicht, muss ich zugeben. Zum einen reise ich oft ohne Uhr oder Mobiltelefon. Zum andere interessiere ich mich mehr für Geschichten als für Zahlen.) Dennoch, die Leute, die viel mehr Erfahrung als ich mit dem Trampen haben, sagen, dass die Karte die Wirklichkeit ganz gut widerspiegelt.

Ich finde diese Karte besonders hilfreich, wenn Ihr mal per Anhalter verreisen wollt, Euch aber eigentlich egal ist, wohin es geht. Für den Einstieg eignen sich wohl Irland, Belgien, die Niederlande, Dänemark, AlbanienMontenegroRumänien, Moldawien, Belarus, Litauen, Lettland und Estland ziemlich gut.

Ich habe selbst ganz gute Erfahrungen in Osteuropa, im Baltikum und auf dem Balkan gemacht. Auch in Belgien und in den Niederlanden funktionierte das Trampen ganz ordentlich. Mit Luxemburg habe ich noch keine Erfahrung, aber dort sind ja sowieso alle Züge, Busse und Straßenbahnen kostenlos.

Was ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Auf Inseln kommt man per Anhalter leichter voran als auf dem Festland. Je kleiner die Insel, umso besser. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber auf kleinen Inseln sind die Leute irgendwie entspannter, offener und freundlicher. Und es fahren mehr Pick-Up-Trucks, so dass man mit etwas Glück an eine Panorama-Inselrundfahrt mit kühlender Brise kommt.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass der Unterschied zwischen verschiedenen Staaten weniger ausmacht als der zwischen den Regionen. Ländliche und vor allem bergige Gegenden sind fast immer besser zum Trampen als vielbefahrene Straßen, ganz zu schweigen von weitflächig zersiedelten und mit hunderten von Straßen durchzogenen Landschaften, wo niemand ahnen kann, wohin der verwirrte Tramper will. Ganz große Panik habe ich vor dem Ruhrgebiet, um das ich bisher immer einen großen Bogen gemacht habe.

In den Bergen hingegen sind die meisten Fahrer als Kinder und Jugendliche selbst getrampt. Und sie wissen, dass der Bus eher selten vorbeikommt. Nationalparks sind auch toll, weil die Besucher dort in entspannter Stimmung und alles andere als gehetzt oder gestresst sind.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz habe ich überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Keine Ahnung, warum der Süden Österreichs auf der Karte in so negativen Farben gemalt wird. Generell ist es natürlich einfacher, in Ländern zu trampen, in denen man die Sprache spricht. Dann ist man nicht zum passiven Rumstehen verdammt, sondern kann die Fahrer aktiv ansprechen, vor allem an Tankstellen und auf Rastplätzen. Wenn dazu noch die Nummernschilder angeben, aus welchem Kanton, Bundesland oder Landkreis der Fahrer kommt, kann man seine Initiativbewerbung maßschneidern. „Ich sehe, Sie fahren nach Passau? Das wäre absolut perfekt, denn ich muss nach Österreich, und dann könnten Sie mich an der letzten Raststätte vor der Grenze absetzen“ ist erfolgversprechender als die offene Frage „Fahren Sie vielleicht nach Bayern?“

Weltweit beliebt unter Trampern sind die deutschen Autobahnen, weil die Leute hier rasen wie verrückt, so dass man richtig Strecke machen kann. Und in Deutschland – beziehungsweise in den beiden Deutschlands, um exakt zu sein – gab es früher eine richtig gute Autostoppkultur, so dass man immer wieder an Fahrer gerät, die sich romantisch an die gute alte Zeit erinnern. Es ist schon öfter passiert, dass mich Fahrer und Fahrerinnen im fortgeschrittenen Alter aufgelesen haben, die ganz normal und unabenteuerlich aussahen, aber dann plötzlich erzählten, dass sie als Jugendliche einst nach Afghanistan getrampt sind.

Zu den Ländern mit längeren Wartezeiten habe ich ein paar Theorien. In Schweden sind die Leute generell nicht auf Kontakt mit anderen Menschen erpicht. (Wahrscheinlich erhöhen sich dort die Chancen, wenn man auf sein Schild schreibt „Keine Angst, ich will nicht reden.“) Im hohen Norden Skandinaviens gibt es einfach weniger Autos. Eine Wartezeit von 70 Minuten hört sich erst einmal schlecht an, aber vielleicht bedeutet das trotzdem, dass 100% der Autos anhalten. In Großbritannien ist oft einfach kein Platz am Straßenrand.

Keine Ahnung, warum Kroatien so negativ aus den ansonsten freundlichen Balkanländern hervorsticht.

Und Südeuropa erstaunt mich wirklich. Mit Ausnahme der Inseln, natürlich. Auf dem Festland bin ich dort noch nicht getrampt (außer in Südtirol, aber das zählt ja nicht richtig zu Südeuropa), aber ich habe schon von vielen erfahrenen Trampern gehört, dass Spanien und Italien der absolute Alptraum sind. Angeblich braucht man länger, um Spanien per Anhalter von den Pyrenäen bis nach Gibraltar zu durchqueren, als für eine Durchquerung Russlands von Europa bis nach Kamtschatka.

Weil ich ein bisschen Spanisch spreche, reizt es mich wirklich, das mal selbst zu probieren. Bleibt nur zu hoffen, dass ich dann nicht unter der sengenden Sonne irgendwo in der Wüste Andalusiens verende.

Aber eigentlich wollte ich diese Landkarte nur veröffentlichen, um nach Euren Erfahrungen zu fragen. Wo seid Ihr beim Trampen gut vorangekommen? Wo seid Ihr steckengeblieben? Was sind Eure Tricks? Was waren Eure schönsten Erfahrungen?

Bei mir geht es nächste Woche von Amberg nach Hagen. Ein freundlicher Leser dieses Blogs hat mir auf halber Strecke, in Mörfelden-Walldorf, eine Übernachtung angeboten. Nicht so spektakulär wie Afghanistan, aber mal sehen, was unterwegs alles passiert.

Links:

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Einladung nach Mössingen (29. September 2022)

Blogs schreibt man eigentlich nur in der Hoffnung, von einem Fernsehsender oder einem Verlag entdeckt zu werden. Das hat bei mir bisher noch nicht geklappt, weil man dafür anscheinend diese sogenannte Eigeninitiative entwickeln muss, was mir viel zu aufdringlich und zuwider ist.

Aber vor kurzem klingelte früh am Morgen, als ich gerade die Tauber entlang wanderte, das Telefon, und ich wurde eingeladen, einen Vortrag zu halten. Und zwar in Mössingen.

Das ist im Landkreis Tübingen und weltbekannt. Denn hier fand der deutschlandweit einzige Versuch statt, die Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 durch einen Generalstreik zu vereiteln. Weil sich der Rest der Arbeiter-, geschweige denn der Angestellten- oder gar Beamtenschaft nicht anschloss, blieb der Generalstreik örtlich begrenzt und ist seither als Mössinger Generalstreik in der Geschichte untergegangen.

Die Mehrheit verschweigt eben gerne, dass eine Minderheit sich zum Widerstand getraut hat, denn so kann man viel leichter bei der „Ja, was hätte man den tun sollen?“-Linie bleiben. Die Mitläufer jammern dann gerne, dass sie beim geringsten Aufmucken selbst ins Konzentrationslager gekommen wären, obwohl sie an anderer Stelle steif und fest behaupten, dass man von der Existenz der Konzentrationslager gar nichts wissen konnte. So läuft das mit der Vergangenheitsbewältigung.

Außerdem wurde der Mössinger Generalstreik totgeschwiegen, weil er von der Kommunistischen Partei initiiert worden war. Und die Kommunisten waren ja verboten, zuerst von den Nazis, dann von Senator McCarthy, und später vom Bundesverfassungsgericht.

Das alles wusste ich natürlich nicht.

Aber als die Dame aus Mössingen mir die Geschichte erzählte, dachte ich: „Das ist interessant. Da fahre ich mal hin.“ Außerdem ist in der Nähe Schloss Grafeneck, worüber ich gerade einen bewegenden Podcast gehört hatte.

Und dann ist dort in der Ecke auch noch die Hohenzollern-Burg, wo unsere hochwohlgeborenen Könige und Kaiser herkommen.

Und da sind wir auch schon beim Thema. Denn die Damen und Herren von LiSt (Linke im Steinlachtal) und VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) hatten meinen Artikel zu den Hohenzollern gelesen, sich herzlich amüsiert, und wünschten sich diese Art der niveauvollen Unterhaltung auch vor Ort.

Hier die Ankündigung:

Der Kampf gegen Reaktion und Faschimus gestern und heute

Anfang der zwanziger Jahre hängten die linken Mössinger Gemeinderäte die Fürstenbilder im Rathaus ab. „Wir haben Republik!“, sagten sie. Später mischten sie beim Volksbegehren zur Fürstenenteignung mit. Heute stellen die Hohenzollern in Geheimverhandlungen unverschämte
Entschädigungsansprüche, die der sogenannte Prinz Georg Friedrich von Preußen erhebt. Ja, spinnen die?

Am Donnerstag, den 29. September 2022, um 19. 30 Uhr
in der Pausa-Tonnenhalle am Löwenstein-Platz

LiSt erzählt aus der Lokalgeschichte mit Blick auf die Burg Hohenzollern. Andreas Moser, freier Journalist, widmet sich den heutigen Hohenzollern und ihrem Streben nach Penunzen.

Ich habe zwar noch keine Ahnung, was ich da erzählen werde, aber ich gebe die Einladung einfach mal weiter. Je mehr Leute kommen und Fragen stellen, umso besser. Ich antworte nämlich viel lieber spontan auf Fragen, als dass ich mich Monate mit einem Vortragskonzept rumbalge (das ich dann eh auf den letzten Drücker im Zug komplett umschreibe).

Links:

  • Der Artikel über die Hohenzollern, der mich in diese Bredouille gebracht hat.
  • Um die Zeit bis zum September zu überbrücken, gibt es auf diesem Blog tonnenweise Geschichte.
  • Die Organisatoren LiSt und VVN-BdA.
  • Eigentlich halte ich Vorträge ja lieber auf Englisch.
  • Der Eintritt ist gratis (so ist das bei den Linken), aber ich freue mich natürlich über Spenden.
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Ukrainische Tränen

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Vor zwei Jahren hatte ich sie noch in Odessa besucht, meine Freunde Yaniv und Nastya. Wegen Corona sah ich sie dann lange nicht, aber dieses Frühjahr sollte es so weit sein. Im April oder Mai, ab wann es eben warm genug sein würde, in die Ukraine zu trampen.

Aber dann kam alles anders.

Gestern [ich schrieb diese Geschichte am 12. März] sind sie in Nürnberg angekommen. Nastya hat hier Verwandte, hier können sie erst einmal unterkommen.

“Es ist ja nur für ein paar Wochen”, sagen sie.

Ich denke an den Ersten Weltkrieg, die Jugoslawien-Kriege, den Krieg in Syrien, den Dreißigjährigen Krieg und sage nichts.

Um 10:30 Uhr hatten wir uns vor der Frauenkirche verabredet. Sie kommen etwas später, weil sie sich mit der U-Bahn vertan haben. In Odessa gibt es keine U-Bahn, weil die Stadt untertunnelt ist von Katakomben, in denen sich die Menschen vor den angreifenden deutschen und rumänischen Truppen versteckten. 80 Jahre später sind meine Freunde in genau die Richtung geflohen, aus der beim letzten Krieg der Feind kam: nach Rumänien und dann über eine zehntägige Odyssee der Irrungen und Wirrungen nach Deutschland.

“Wir hatten sowieso vor, dieses Jahr mehr zu reisen”, versuchen sie zu scherzen, als wir uns umarmen. Aber man sieht ihnen an, dass sie müde und erschöpft sind.

Um 11 Uhr beginnt vor der Frauenkirche anscheinend eine Stadtführung durch Nürnberg. Weil wir im Weg stehen und weil Yaniv und Nastya sowieso die Stadt kennenlernen müssen, schließen wir uns an.

Auf der Fleischbrücke zeigt die Fremdenführerin ein Foto der 1945 zerstörten Altstadt.

Yaniv und Nastya denken bei solchen Bildern nicht an Nürnberg, nicht an den Zweiten Weltkrieg. Ich sehe die Angst in ihren Augen. Nicht nur die Angst um ihre Stadt und um ihre Katze, die sie zurücklassen mussten, sondern vor allem um Freunde und Angehörige, die in der Ukraine geblieben sind. Nastyas Eltern zum Beispiel. Die Mutter näht Tarnnetze für die ukrainische Armee. Der Vater geht jeden Tag zum Strand und füllt Sandsäcke, mit denen Gebäude, aber auch Denkmäler der Stadt geschützt werden sollen.

Und ihr Großvater erlebt zum zweiten Mal in seinem Leben die Belagerung von Odessa. Damals schloss er sich als 14-Jähriger den Partisanen an und stahl die Batterien aus den Fahrzeugen der rumänischen und deutschen Besatzer. Wie er sich dieses Mal nützlich machen wird, weiß er noch nicht. Aber er hebt jetzt die leeren Bierflaschen auf, falls er sie noch für Molotow-Cocktails benötigt. Nastya verkneift sich die Tränen, als sie von ihm erzählt.

Die Stadtführung ist mittlerweile beim Kunstbunker angelangt, unterhalb der Kaiserburg: “Hier wurden während des Zweiten Weltkriegs die wichtigsten Kunstschätze eingelagert, um sie vor den Bomben zu schützen. Aber auch die Menschen fanden in den Kellern Zuflucht, die einst gegraben worden waren, um Bier zu kühlen.”

Yaniv und Nastya denken an ihre Freunde überall in der Ukraine, die jede Nacht im Bunker oder in den U-Bahn-Schächten ausharren. Sie beklagen sich übrigens nie, sondern sprechen immer von den Menschen in Kharkiv oder Mariupol, die es viel schlimmer erwischt. Und Yaniv sagt einmal: “Es könnte schlimmer sein. Wir könnten in Afghanistan oder Syrien leben.”

Später gehen wir zum Planetarium am Plärrer, direkt neben dem Haus der Städtischen Werke, das in jedem DDR-Film mitspielen könnte. Hier soll es kostenlose SIM-Karten für Ukrainer geben, hat Nastya am Bahnhof gehört. Etwa 50 Menschen stehen schon an, die meisten erschöpft, mit leeren Blicken, keine Tränen zum Weinen mehr.

Die Menschen fragen sich gegenseitig, wo sie herkommen und nicken dann verständnisvoll. Die Ukraine ist ein großes Land, fast doppelt so groß wie Deutschland, und Yaniv und Nastya hören von vielen Städten jetzt zum ersten Mal. Ansonsten wird nicht viel gesprochen. Keiner will die anderen mit seinem persönlichen Leid belasten.

Es ist ein warmer Tag, also schlage ich einen Spaziergang durch den Volkspark am Dutzendteich vor. Nastya fragt, ob man die Enten füttern dürfe, denn dann würde sie etwas Brot kaufen. Aber sie hat gehört, dass in Deutschland vieles verboten sei. Aus dem selben Grund folgen mir meine Freunde nicht, als ich den Weg verlasse und eine Abkürzung durch die Wiese gehe. Sie gehen lieber den langen Umweg, wollen nichts falsch machen.

Als wir beim Fritten-Kalle im Park jeweils eine Currywurst essen, fragt Yaniv, auf die Kongresshalle zeigend: “Was ist das für ein Kolosseum dort?”

Ich erkläre, dass wir hier auf dem Gelände stehen, auf dem die Nazis ihre Parteitage abgehalten haben. Hier waren die Aufmärsche. Hier wurden die Propagandafilme gedreht. Hier wurde ein Volk auf den Krieg eingeschworen.

Yaniv sagt: “Dass ich als Jude hier stehen und ganz laut und frei sagen kann, dass Hitler ein Arschloch war, das reicht mir eigentlich schon als Genugtuung.”

Seine Großeltern und Urgroßeltern, die einst vor den Nazis aus Odessa fliehen mussten, hätten es nie für möglich gehalten, dass ihr (Ur-)Enkel einst nach Deutschland fliehen wird, noch dazu ausgerechnet nach Nürnberg, und dass er ein paar Meter neben der Aufmarsch- und Exerzierstraße mit einem Deutschen plaudern und ihm, weil der so in seine historischen Ausführungen vertieft ist, die Pommes vom Pappteller klauen wird.

Ach verdammt, diese Currysauce ist so scharf, das treibt einem richtig das Wasser in die Augen.

Gegen Abend schauen wir noch beim Willkommenszentrum für ukrainische Flüchtlinge am Hans-Sachs-Platz vorbei. Etwa dreißig Menschen stehen zur Registrierung an, sie sind gerade erst vom Bahnhof gekommen. Ein oder zwei Taschen haben sie dabei für ihr neues Leben. Weniger als die meisten von uns für den Urlaub packen.

Es gibt Informationen für Menschen, die Medikamente oder einen Arzt brauchen. Es gibt Essensgutscheine. Man kann sich impfen lassen. Die ukrainische Diaspora scheint unermesslich zu sein, denn überall helfen zwei-, drei-, viersprachige Menschen.

Wieder draußen vor dem Willkommenszentrum erkläre ich meinen Freunden die rechtlichen Feinheiten ihres Aufenthaltsstatus. Als Jurist kämpft man ständig gegen Fehlinformationen von Nichtjuristen, die sich blitzschnell im Internet verbreiten. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Friedens- und Kriegszeiten, das ist eine immerwährende Geißel der Menschheit. Nein, Ihr werdet nicht nach drei Monaten abgeschoben. Nein, Eure Verwandten müssen keine höheren Steuern bezahlen, wenn Sie Euch aufnehmen. Nein, Ihr müsst nicht an dem Ort bleiben, wo Ihr Euch als erstes registriert.

Eine Frau mit Kind kommt näher, hört schüchtern zu. Sie will uns nicht unterbrechen. Aber ich merke, dass sie etwas auf dem Herzen hat, also wende ich mich ihr zu.

“Entschuldigen Sie, dass ich störe,” sagt sie mit sanfter Stimme, “aber ich hätte eine Wohnung für eine Frau aus der Ukraine mit Kind. Kostenlos natürlich. Für ein Jahr. Kennen Sie vielleicht jemanden?”

Sie hat keinerlei Bezug zur Ukraine, kennt niemanden von dort, aber will unbedingt helfen. Wir kennen persönlich auch niemanden, die aktuell eine Wohnung in Nürnberg benötigt, aber wir besprechen die verschiedenen Möglichkeiten der Vernetzung mit Hilfsbedürftigen. Als die Frau, ihr Kind noch immer an der Hand, beiläufig erwähnt, dass sie bereits den ganzen Tag vor dem Willkommenszentrum steht, um ihr Angebot zu unterbreiten, kann sich Nastya nicht mehr zurückhalten.

Jetzt bricht sie in Tränen aus, nicht wegen des Horrors, nicht wegen des Krieges, nicht wegen der Bomben, nicht wegen der Flucht, sondern wegen der unerwarteten Hilfsbereitschaft völlig Fremder. “Ich kann gar nicht glauben, was es für gute Menschen gibt”, murmelt sie immer wieder, und entschuldigt sich dafür, dass sie in der Öffentlichkeit weint. Sie weiß ja nicht, ob das in Deutschland überhaupt erlaubt ist.

Links:

  • Mehr Berichte aus der Ukraine.
  • Mehr über Flüchtlinge.
  • Die offizielle deutsche Willkommens-Website mit Informationen für Geflüchtete aus der Ukraine.
  • Um die Angelegenheit ein bisschen zu verkomplizieren, ist Deutschland jedoch ein föderaler Staat, so dass jedes Bundesland, jeder Bezirk, jede Stadt und jeder Verkehrsverbund seine eigenen zusätzlichen Regeln hat. Ehrlich, das ist noch undurchschaubarer als in diesen dubiosen „Volksrepubliken“ im Donbass. – Aber trotzdem: Holt Euch bitte keinen juristischen Rat von der Großmutter in Kamjanez-Podilskyj, die in einem Internet-Forum etwas von jemandem in Krasnokutsk gelesen hat, dessen Nichte mal einen Anwaltsfilm gesehen hat.
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