Mein säkularer Sabbat

Den Lesern dieses Blogs wird nicht entgangen sein, dass ich radikaler Atheist bin. Aber eine religiöse Idee gibt es, die ich gerne übernehme, wenn auch in weltlicher Version.

Es ist die Idee des Sabbat, des siebten Tages der Woche, den man in Ruhe zu verbringen hat anstatt sich abzuschuften. Ich verwende den jüdischen Begriff dafür, weil es wohl der bekannteste ist, aber viele andere Religionen haben ähnliche Regeln/Empfehlungen im Siebentagesrhythmus, vom buddhistischen Uposatha bis zu den sich sogar danach benennenden Adventisten des Siebenten Tags.

Die Bibel sagt, dass man kein Schaf scheren und kein Feld pflügen soll, aber da dies im Leben der meisten zeitgenössischen Gläubigen keine Bedeutung entfaltet, ist der Spielraum für Auslegungen eröffnet. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass Theologie in vieler Hinsicht wie Jura ist, nur ohne die demokratische Legitimation? In der heutigen Zeit scheint sich der Streit darauf zu fokussieren, ob man am Sabbat ein Auto fahren oder Elektrizität benutzen darf.

Ich jedoch bin weder an die Bibel noch an Interpretationen davon gebunden. Es gibt keine Götter, die ich besänftigen muss. Ich habe die Idee nur zugunsten meiner eigenen geistigen Gesundheit übernommen.

Was mache ich also an meinem Sabbat?

Erstens: keine Arbeit. Die meisten werden jetzt antworten, „ach, das mache ich doch schon. Ich habe Samstag und Sonntag frei.“ Aber das ist nicht, was ich meine. Schließlich arbeite ich selbst nicht einmal regelmäßig und definitv weniger als fünf Tage pro Woche. Ich meine: nicht einmal an die Arbeit denken! Und das ist ein großer Unterschied.

In der Praxis bedeutet das: An meinem Sabbat lese ich keine E-Mails, ich schalte das Telefon aus, ich lese keine arbeitsbezogenen Unterlagen, ich werde nicht versuchen, neue Kunden oder Aufräge an Land zu ziehen, ich werde nicht einmal an die Arbeit denken.

Das zweite Elemten, und es hilft enorm beim Erreichen des ersten Ziels, ist es, den Tag in der Natur zu verbringen. Es muss gar nicht weit weg sein, auch nichts Besonders. Normalerweise gehe ich einfach zur Tür hinaus und wandere durch die Wälder und über die Felder bis es dunkel wird. Wenn ich dächte, dass ich nicht so weit gehen möchte, würde ich mich an einen See setzen und dort ein Buch lesen (aber bitte nichts über Selbstoptimierung oder Marketing oder etwas anderes, mit dem Ihr Euch besser verkaufen wollt).

Zur Zeit lebe ich in einem kleinen Dorf in Deutschland, da ist das natürlich leichter möglich als in Istanbul, das gebe ich schon zu. Aber immer wenn ich in Städten gelebt habe, habe ich einfach den Bus bis an den Stadtrand genommen und bin von dort losgelaufen. Manchmal nehme ich auch den Zug in eine etwa 30 km entfernte Stadt und gehe zu Fuß zurück nach Hause. Die Entfernung ist dabei wirklich egal, denn es ist kein Sportfest und kein Wettbewerb. Vielmehr geht es darum, das Gehirn von all dem Krempel freizubekommen. Und Ihr werdet überrascht sein, wie beruhigend so ein Tag in der Natur ist.

hobo

Der dritte Punkt ist vielleicht sogar der wichtigste: kein Internet. Ich wache an solchen Tagen auf, packe meinen Rucksack und gehe aus dem Haus, ohne dass ich meine E-Mails, Facebook oder Twitter gelesen hätte. Wenn Euch diese Vorstellung ein Problem bereitet, dann seid Ihr süchtig. Die meisten von uns sind es. Aber wenn Ihr dann draußen seid, die verschiedenen Grüntöne genießt, dem Singen der Vögel lauscht, an den frischen Blumen riecht, oder Euch mit einem Bauern auf dem Feld unterhaltet, dann werdet Ihr die Freiheit verspüren, die sich erst einstellt, wenn man nicht mit Milliarden von Menschen gleichzeitig verbunden ist. Denkt dran, bis vor etwa zwanzig Jahren haben wir alle immer ohne Internet gelebt. Und es hat super funktioniert.

Auch wenn Ihr Euch nichts aus Natur macht, könnt Ihr den dritten Punkt befolgen. Dann geht Ihr eben in ein Museum. Oder in die Bibliothek. Oder zum Angeln. Oder Ihr umrundet mit dem Fahrrad einmal die Insel. Theoretisch kann man das natürlich auch zuhause durchziehen und den ganzen Tag Gitarre spielen oder russische Romane lesen. Aber daheim gibt es zu viele Ablenkungen, finde ich. Da steht ein Fernseher, da ist der Computer, da liegt das Telefon. Und im Nu hat einem die gedankenlose Zeitverschwendung schon wieder einen Tag geraubt.

Die drei wichtigsten Lektionen eines internetfreien Tages sind Folgende: (1) Ich brauche Twitter oder Facebook nicht wirklich, ja nicht einmal die Nachrichten. Wenn ich an solchen Tagen nach Hause komme, merke ich erst, wie viel man eigentlich von einem Tag hat, wenn man nicht ständig online ist. (2) Genausowenig braucht man mich oder meine Meinung. Die Welt läuft auch ohne meinen Beitrag weiter, genauso gut oder genauso schlecht. Ich bin wirklich vollkommen unwichtig. (3) Ohne ständige Ablenkungen und Unterbrechungen kann ich tiefgründige Gedanken anstellen, über größere Zusammenhänge nachdenken, einfach mal anders denken. Ich habe den Eindruck, dass ich dann qualitativer denke, da nicht jeder Gedankengang alle paar Minuten von einem neuen Tweet oder dem Fiepen des Telefons unterbrochen wird.

Hut von hinten Sierra Maria

Euch ist wahrscheinlich schon aufgefallen, dass ich solchen Aktivitäten am liebsten allein nachgehe, aber das muss nicht sein. Ehrlich gesagt, wenn ich mir viele Paare und Familien so ansehe und bemerke, wie wenig sie untereinander und mit ihren Kindern kommunizieren im Vergleich zu der Zeit und Aufmerksamkeit, die sie elektronischen Geräten widmen, dann wäre es vielleicht ganz gesund, einen Tag draußen zu verbringen, nur Ihr beide, ohne dass Ihr Euch Gedanken um die Likes auf Instagram macht und Euch stattdessen am Anblick eines Eichhörnchens erfreut. Wenn Euch diese Vorstellung mehr beunruhigt als begeistert, ist es sowieso an der Zeit, die Beziehung zu beenden.

Trotz all meiner Skepsis gegenüber der Technik mache ich eine Ausnahme, wenn ich in einer Landschaft spazierengehe, die ich schon kenne und wo mich wenig überraschen wird. Ich nehme einen MP3-Spieler mit, mit nur einem Kopfhörer, denn ein Ohr sollte immer der Natur gehören. Der wichtige Unterschied zu einem Telefon oder dem Internet ist, dass ich vorab entscheide, was ich mir anhöre. Ich werde nicht von Link zu Link geleitet, sondern ich wähle bewusst aus. Ich höre dann Podcasts über die Antarktis-Expedition von Ernest Shackleton oder über Pierre Bourdieu, anstatt  meine Zeit mit den Fotos anderer Menschen von ihren Hunden, ihren Kindern, ihrem Frühstück oder von sich selbst im Bikini zu verschwenden. Auch versuche ich, aktuelle Politik zu vermeiden, weil vieles davon in sechs Monaten nicht mehr relevant sein wird.

Für all das habe ich keinen festen Tag in der Woche. Manchmal fällt es auf das Wochenende, manchmal nehme ich mir den freien Tag unter der Woche, je nachdem, wo ich gerade bin, was ich zu tun habe und natürlich abhängig vom Wetter. Aber es ist der eine Tag der Woche, auf den ich mich immer freue. Es ist ein Genuss, unproduktiv zu sein. Schließlich sind wir Menschen, keine Maschinen.

Wo ich jetzt darüber nachdenke, sollte ich diese Routine eigentlich auf eine Woche pro Monat ausweiten.

Pause

Links:

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter Judentum, Leben, Philosophie, Religion, Technik | Verschlagwortet mit , , | 3 Kommentare

Ein historischer Besuch in Nordkorea

Jetzt war Donald Trump also endlich in Nordkorea und hat sich darüber gefreut wie das Kind, das als einziges in den Vergnügungspark durfte, während alle anderen auf die Eröffung in ein paar Monaten warten müssen. Ich weiß nicht, was er damit erreichen wollte, aber ich kenne die Geschichte gut genug, um mir Sorgen zu machen.

Als ich in Rumänien wohnte, sagten manche über ihren langjährigen Diktator, der 1989 gestürzt wurde: „Weisst du, am Anfang war Ceaușescu gar nicht so schlimm. Als er 1965 an die Macht kam, distanzierte er Rumänien von der Sowjetunion. Und viele Dinge wurden liberalisiert. Nicht dramatisch, aber es war schon ein wenig Tauwetter.“

Auch außenpolitisch führte Nicolae Ceaușescu Rumänien auf einen anderen Weg als die meisten osteuropäischen Staaten, vielleicht noch am ehesten vergleichbar mit Jugoslawien unter Tito. Obwohl es Mitglied im Warschauer Pakt war, nahm Rumänien nicht an der Niederschlagung des Prager Frühlings teil. Ceaușescu verurteilte die Intervention sogar öffentlich. Er unterhielt politische und wirtschaftliche Beziehungen mit dem Westen und empfing beispielsweise Charles de Gaulle und Richard Nixon in Rumänien.

„Aber alles änderte sich 1971.“

„Warum?“ frage ich, weil ich mich an kein weltbewegendes Ereignis aus jenem Jahr erinnern kann.

„Ceaușescu wurde nach Nordkorea eingeladen. Und dort sah er den Personenkult für Kim Il-Sung, die totale Kontrolle aller Aspekte der Gesellschaft, die Verbindung von nationalistischer und kommunistischer Ideologie und die Idee von der Autarkie einer Volkswirtschaft. Als er zurückkam, wollte er aus Rumänien ein europäisches Nordkorea machen.“

Ich bin immer skeptisch gegenüber einfachen oder monokausalen Erklärungen für historische Entwicklungen. Aber wenn man sich das Video vom Empfang in Nordkorea ansieht, kann man schon verstehen, wie das Herrn Ceaușescu zu Kopfe stieg.

Und tatsächlich, nur wenige Wochen nach der Nordkorea-Reise veröffentlichte Ceaușescu die sogenannten Juli-Thesen, womit Freiheiten für die Presse, für Schriftsteller und andere Intellektuelle zurückgenommen wurden. Das Tauwetter war abrupt zu Ende.

Wenn Ihr Freunde habt, die vor einer Nordkorea-Reise stehen, seid also vorsichtig! Man weiß nie, was das mit ihnen anstellen wird. (Und man sollte mit aller Macht verhindern, dass Donald Trump zu einem richtigen Staatsbesuch nach Nordkorea kommt.)

med_1411041807_1397322177_00032

Während die Auswirkungen des Staatsbesuchs von 1971 auf Rumänien weit bekannt sind oder zumindest behauptet werden, scheinen die Auswirkungen auf Nordkorea noch keine Beachtung gefunden zu haben. In dem Versuch, den rumänischen Führer zu beeindrucken, werkelte der nordkoreanische Staat fast ein Jahr an den Vorbereitungen der Festivitäten. Das verschlang nicht nur Unsummen an Geld, es band auch einen erheblichen Teil der Arbeitskraft, weil all die Menschen in der Parade nicht mehr auf die Felder oder in die Fabriken gingen, sondern von früh bis spät tanzen und singen übten. Von der Belastung erholte sich die nordkoreanische Wirtschaft nie mehr.

Heutzutage erinnert sich niemand mehr daran, aber bis 1971 lag Nordkorea auf dem gleichen wirtschaftlichen Niveau wie Südkorea.

In den dem folgenreichen Staatsbesuch folgenden 20 Jahren erkennt Ihr, dass das nordkoreanische Bruttosozialprodukt als flache Linie verläuft. Das kann natürlich nicht wahr sein. In Wirklichkeit stürzte es, nachdem alles für Kostüme und Sonnenschirme ausgegeben worden war, ins Bodenlose. Aber niemand wollte das zugeben, also meldete der nordkoreanische Chefökonom jedes Jahr einfach die Zahlen des Vorjahres. Im Ergebnis hat Ceaușescu also nicht nur ein Land ruiniert, sondern zwei. Gut, dass er erschossen wurde.

Aber wenigstens bleibt uns von dem Staatsbesuch eine eingängige Melodie.

Links:

Veröffentlicht unter Geschichte, Musik, Politik, Rumänien, Wirtschaft | Verschlagwortet mit , | 10 Kommentare

Ein kleiner Spaziergang durch Nepal

Jeder schwärmt von Nepal. Aber aus Umweltschutzgründen will ich so wenig wie möglich fliegen, und mit dem Zug kommt man bisher nur nach Tibet.

Was also tun gegen die Nepal-Sehnsucht?

Man könnte in ein nepalesisches Restaurant gehen, aber das macht fett wie Buddha. Man könnte in guter nepalesischer Tradition ein Massaker an der Königsfamilie anrichten, aber unsere Könige haben sich schon vor 100 Jahren feige zurückgezogen. Die dritte, friedliche und cholesterinfreie Option findet sich zur Überraschung der Nepalogen in Bayern: der Nepal-Himalaya-Park in Wiesent bei Regensburg.

Schon auf dem Parkplatz prallen die Kulturen aufeinander. Die asiatischen Angestellten lieben Organisation und Regeln. Das Funktionieren der Gemeinschaft geht den Wünschen des Einzelnen vor. Mit Warnwesten und -lampen dirigieren sie die deutschen Besucherautos zentimetergenau in die zugewiesenen Parkbuchten. Den eher aufs Eigenwohl bedachten Deutschen behagt das gar nicht: „Ich will aber im Schatten parken!“ Dabei wiegt der Schatten auf der Seele doch viel schwerer, wie jeder Yogi weiß.

Sobald man durch das Tor in den Garten tritt, überkommt dann doch alle die himmlische Friedfertigkeit.

ÜberblickStatue1

So stelle ich mir Parks in Japan oder China vor. Und genauso wie es dort vor Tai-Chi-Rentnern wimmelt, ist im Nepal-Garten der Altersschnitt ziemlich hoch. Rentnerrabatt auf die 10 € Eintrittspreis gibt es dennoch nicht. Ich empfehle übrigens, den zusätzlichen Euro für den Lageplan auszugeben, weil man sonst einige Teile des neun Hektar großen Geländes leicht übersehen kann.

An den Wegrändern stehen Buddhas, Schiwas, Kanakamunis und Adibuddhas. Befürworter der Restitution von Beutekunst haben hier einen schweren Gang vor sich.

Statue2Statue3

Sogar die Kiefern haben sich angepasst und treten im Bonsai-Look auf.

Bonsai

An den Gebetsrollen gehen die nepalerfahrenen Besucher mit dem Spruch „om mani padme hum“ vorbei.

Nur Tiere aus Nepal fehlen. Ein Yak und ein Yeti, das wäre die Sensation. Aber gerade als ich das denke, hüpfe ich von Stein zu Stein über einen Teich und erblicke Koi, die so fett sind wie Isonade.

Viel gefährlicher als das japanische Meeresungeheuer ist der japanische Garten mit Kies. Denn mittlerweile hat sich diese Kies- und Schotterunsitte weit in die grauen und grauenhaften deutschen Spießergärten vorgefressen, nur dass das Grün hierzulande oft ganz weggelassen wird.

japanischer Garten.JPG

Das Herzstück des Parks ist der Pavillon.

Tempel hoch

Wie zum Asura kommt so etwas nach Bayern?

Ihr erinnert Euch an die Expo, die 2000 in Hannover stattfand? Sie sollte an das gute alte Konzept der Weltausstellungen anknüpfen und stand nur deshalb nicht in einer Reihe mit Paris 1889 oder Brüssel 1958, weil im Zeitraum zwischen Planung und Eröffnung das Internet erfunden worden war und die Menschen plötzlich nicht mehr aus dem Haus gehen mussten, um sich Neuheiten aus aller Welt anzusehen.

Zu dieser Weltausstellung hatte Nepal den famosen Pavillon aufgebaut. Nach Expoende fragte man sich, was man sich eigentlich auch vorher hätte fragen können: „Was nun mit der Bude?“ Aus Fairness gegenüber Nepal muss man sagen, dass auch die anderen 154 vertretenen Länder keine Pläne dafür hatten. Der britische Pavillon steht noch immer leer, weil keine Einigkeit über die weitere Nutzung besteht. Der chinesische Pavillon beherbergt mittlerweile eine Autolackiererei Der spanische Pavillon brannte aus Frust vollkommen ab. Der litauische Pavillon hat auch schon zwei Brandversuche hinter sich.

Etwas besser traf es die Pavillons aus Kolumbien (jetzt ein Restaurant im Allerpark) und aus Mexiko (jetzt eine Hochschulbibliothek in Braunschweig). Aber das große Glückslos der Nachnutzungslotterie zog der Nepal-Pavillon. Dem Ehepaar Margit und Heriberth Wirth hatte die Hütte aus Nepal beim Besuch der Expo so gut gefallen, dass sie sogleich fragten: „Gibt’s den auch zum Mitnehmen?“

Der Tempel selbst war begeistert, denn er wollte keinesfalls nach Nepal zurück, wo die Wettervorhersage starke Erdbeben ankündigt hatte. Ebenfalls froh über den Umzug nach Bayern waren 28 nepalesische Handwerker, die den Pavillon zerlegen, sherpamäßig transportieren und wieder aufbauen mussten. Denn ihre Alternative wäre noch schlimmer als ein Erdbeben gewesen, sie wären nach Katar zur Sklavenarbeit für den Fußball gegangen.

Nepalese

Kenner werden es erblickt haben: Der Pavillon vereint buddhistische und hinduistische Elemente. Die runde Form des Stupa ist buddhistisch, der quadratische Teil ist hinduistisch. Nepals dritte Religionsgruppe, die Kommunisten, sind durch Hämmer und Sicheln in den Händen der filigran aus Salholz geschnitzten Figuren repräsentiert.

Pavillon

Aus den Lautsprechern kommt ein Summen, das meditativ machen soll. Liegestühle zum Einschlafen stehen bereit wie auf einem Kreuzfahrtschiff (ob das original nepalesisch-tempelisch ist?). Von den Liegen blickt man auf Holzschnitzereien von Totenköpfen und Schlangen und sechsarmigen Monstern, was im Falle des Einnickens abstruse Alpträume verspricht.

Wasser

Die Schnitzarbeiten sind aber sowas vom Feinsten, dass ich mich allein in deren Details eine Stunde verlieren könnte.

Schnitzereien mit TotenkopfSchnitzereien Schlangen

In der Schatzkammer des Pavillons liegt so viel Gold wie in Fort Knox. Von wegen buddhistisch-hinduistische Bescheidenheit! Das geht hier nicht weniger prunkvoll zu als in barocken Kirchen.

Gold1Gold2

Der große Garten mit den Brücken, von denen jede anders gestaltet ist, wäre wirklich paradiesisch, wenn man denn Zigarren rauchen dürfte. Aber hier sind nur Räucherstäbchen gestattet.

Garten2Garten3BogenbrückeGarten1

Die Gespräche vieler Besucher entlarven sie als fanatische Rhododendron-Liebhaber. Anscheinend haben sie dessen Blüte knapp verpasst und tauschen frenetisch Tipps aus, wo in Europa man die Pflanze vielleicht noch erspähen könnte. Ich verstehe nicht, was so besonders sein soll an diesem Rhododendron. Dafür blüht doch ansonsten allerlei.

Blumen1Blumen2

Was der Typ von der Osterinsel hier macht, wird mir allerdings nicht klar. Eine Verbindung zwischen Asien und der Insel im Südpazifik herstellen zu wollen, ist ein klares Sakrileg gegen die Heyerdahl-These. Und außerdem sieht es nach einem Sammelsurium von Restposten aus dem Baumarkt aus.

Osterinsel

Je weiter der Nachmittag vorrückt (der Park ist nur von 13 bis 17 Uhr geöffnet, und das nur sams-, sonn- und montags), umso mehr muss ich mein Urteil über das Alter des Publikums revidieren. Mittlerweile sind auch die mittelalten Menschen aufgewacht. Vielen Besuchern ist die Affinität zu Asien schon an den Tätowierungen anzusehen. Chinesische Schriftzeichen, Yin & Yang, Yakuza, alles ist dabei, die Tradition der europäischen Asien-Begeisterung seit dem 17./18. Jahrhundert fortführend. Dabei wird natürlich vieles vereinfacht, verfälscht und glorifiziert, aber das ist in Asien bei der Begeisterung für Mitteleuropa nicht anders. Dort werden ganze österreichische Dörfer nachgebaut, das ist noch krasser.

Und für noch jemanden ist dieser Kulturtransfer wertvoll. Das bayerische Regionalfernsehen kann hier seine Samurai-Filme drehen.

Fernsehen

Ich schreibe schon am Drehbuch für „Kill Bier 3“ und „Die sieben Schnitzel“. Der leere Magen hat anscheinend die Kontrolle über die Kreativität übernommen.

Schreiben

Links:

Veröffentlicht unter Deutschland, Fotografie, Reisen, Religion | Verschlagwortet mit , | 7 Kommentare

Unsortierte Gedanken (24)

  1. Diese verdammte Epigenetik macht alles zunichte, was ich am Gregor-Mendel-Gymnasium gelernt habe.
  2. Ihr erinnert Euch an den Artikel über meine Geburtstagswanderung von Wien nach Bratislava? Der Kollege Tim Burford hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich, als ich nach Carnuntum kam, auf den Spuren von Patrick Leigh Fermor, einem wandernden und schriftstellerischen Vorbild, wandelte. Als ich jetzt meinen eigenen Artikel wieder las, merkte ich, dass ich davon nichts gewusst hatte, dass ich aber – was für ein Zufall – genau in dem Abschnitt über Carnuntum auf seine Wanderung und sein Buch verwies.
  3. Falls Ihr Herrn Fermor noch nicht kennt, bestellt Euch sogleich Die Zeit der Gaben. Bessere Reiseliteratur kenne ich nicht.
  4. Um das zehnjährige Jubiläum der Finanzkrise zu feiern, bin ich dieses Jahr total pleite.
  5. Meine Schwester fragte mich, wieso ich ständig im Fernsehen sei. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, also schickte sie mir dieses Foto. Anscheinend gibt es da einen Typen, der mich in Aussehen, Stil und Auftreten zu kopieren versucht. Vorsicht, nur ich bin der Echte! 

  6. Ein guter Gradmesser für Lebensqualität ist, wie schnell man einschläft wenn man zu Bett geht.
  7. Diese Dokumentation hat wunderschöne Landschaftsaufnahmen aus Sibirien.
  8. Das erklärt das Ausscheiden bei der WM. nati homoöpathie
  9. Nachdem Bayern schon Auslandsvertretungen und eine eigene Grenzpolizei hat, wäre es nicht an der Zeit, einen Bayerischen Auslandsgeheimdienst einzurichten?
  10. Ein viel zu selten verwendeter Ausruf:
    Potzblitz!
  11. Auf einer Postkarte aus Kasachstan klebte diese Briefmarke, und seither frage ich mich, was an dem Auto so Besonderes ist, dass es dergestalt verewigt werden muss.  iyrai3g
  12. Wenn Briefmarken das feiern, was einem Land wichtig erscheint, dann präsentiert sich Deutschland so, wie wenn wir gerade eine Hungersnot überlebt haben. efim880671_z_1_151104789_briefmarke_deutsche_brotkultur_2-60-eur_800x600
  13. Die Tabaksteuer in der kanadischen Provinz Alberta (129% auf Zigarren) führt zu einem gesünderen Lebenswandel.
  14. Eine interessante Sendung über die Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg, die auch die Frage erörtert, warum dieses Kriegsverbrechen in der kollektiven Erinnerung kaum vorkommt.
  15. „Ich weiß nicht, von wem der Satz stammt, dass geteiltes Leid halbes Leid sei, aber wenn der Quatschkopf noch leben sollte, dann wünsche ich ihm zweihundert Mark monatlich und eine achtköpfige Familie. Da soll er sein Leid so lange durch acht dividieren, bis er schwarz wird.“ (Erich Kästner: Fabian)
  16. Wisconsin war einer der Hauptzielstaaten der deutschen Auswanderung in die USA. Ob das der Grund ist, warum Schüler dort auf Klassenfotos mit dem Hitlergruß posieren? nazi-salute
  17. Apropos Nazis: Dieses Radiofeature über Coburg als erste von der NSDAP regierte Stadt Deutschlands fand ich interessant.
  18. Ein weiterer Erfolg für Impfgegner: Auch das Gelbfieber kommt wieder zurück.
  19. Beim Deutschlandfunk gibt es eine sechsteilige Podcast-Reihe über die Produktion von Mikrochips in der DDR. Das ist nicht nur für Ingenieure interessant, vor allem weil es in die Wendezeit von 1988/89 hineingeht.
  20. Danke an den unbekannten Spender, der mir Die Ostdeutschen von Wolfgang Engler geschickt hat! 41vzby-5tjl._sx301_bo1204203200_
  21. Eine Lobeshymne auf tschechische Speisewagen.
  22. Als ich nach Calgary kam, hingen schon meine Postkarten aus Wien und aus Andalusien am Kühlschrank. cards fridge Calgary.JPG
  23. Eine weitere Postkarte aus Velez Blanco fand den Weg nach Rumänien. Velez Blanco mit rumänischem Buch.JPG
  24. Und in Peru freut sich jemand über eine Postkarte aus Bayern. BayWald in Peru.jpg
  25. Tony Mendez ist verstorben. Traurig, aber ein guter Anlass, sich mal wieder Argo anzusehen.
  26. In Hawaii wird diskutiert, das Mindestalter fürs Rauchen auf 100 Jahre anzuheben. Das ist ganz schön hart, dachte ich mir, bis ich bemerkte, dass Zigarren davon ausgenommen wären.
  27. Oft sind mir Argumente zu filiopietistisch, aber leider fällt mir das Wort dann gerade nicht ein.
  28. Ihr erinnert Euch vielleicht an meinen Artikel über die Bahnreise durch Montenegro. Jetzt kann man auf dieser atemberaubend schönen Strecke sogar im Führerstand mitfahren.
  29. Das Debakel um den Flughafen Berlin wurde zu einem Podcast verarbeitet.
  30. Verwendet jemand von Euch Patreon? Ich würde das gerne mal versuchen, um die nervige Werbung auf dem Blog deaktivieren zu können. Und wenn genug dabei rumkommt, könnte ich mehr Zeit aufs Schreiben verwenden, so dass es mehr und bessere Artikel für Euch gibt.
  31. Ein interessantes Interview über Robinson Crusoe anlässlich seines 300. Geburtstages.
  32. Gute Nachrichten für Freunde der rumänischen Literatur: Den diesjährigen Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse erhielt Eva Ruth Wemme für ihre Übersetzung von Gabriela Adameşteanus Verlorener Morgen.
  33. In diesem Interview erklärt die Preisträgerin, dass sie sich für das Rumänisch-Studium entschlossen habe, weil die Sprache „sehr komisch“ klinge. Das ist mal ein guter Grund!
  34. Manche glauben immer noch nicht, dass Lamas in Südamerika ganz normale Haustiere sind. Hier der Beweis:

Veröffentlicht unter Österreich, Bücher, Geschichte, Rumänien, Russland, Sport, Technik, Tschechien, Wirtschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Canmore, das bessere Banff

In jedem Land gibt es einen Ort, von dem einem jeder, wirklich jeder, empfiehlt, ja geradezu aufdrängt: „Du musst da hin!“ In mir weckt das instinktiv Widerstand, denn müssen will ich gar nichts. Und viele dieser Orte sind absolut überbewertet. Da fahren dann Touristen stundenlang durchs Land, um Schloss Neuschwanstein oder die Burg Bran zu sehen, obwohl es im Rest Deutschlands und Rumäniens hunderte anderer Burgen gäbe, die mindestens ebenso interessant sind. An denen fahren sie vorbei wie eine hypnotisierte Herde.

In Kanada nimmt die Kleinstadt Banff in Alberta diese dubiose Rolle ein. Wenn ich frage, was es dort so Besonderes gäbe, antworten die Kanadier: „Berge, ganz viele Berge. Und einen See!“ Geographisch nicht ganz ungebildet frage ich dann, ob man im zweitgrößten Land der Welt, durch das sich die Rocky Mountains ziehen, nicht auch anderswo Berge anträfe. Ganz verwundert folgt die Reaktion: „Aber jeder fährt nach Banff.“ Und genau das ist der Grund, warum ich es nicht mache.

Dabei bin ich nicht mal besonders kreativ. Ich fahre einfach nach Canmore. Das ist, von Calgary kommend, etwa 25 km vor Banff. Aber weil es um diesen Ort keinen Hype gibt, kann man die gleichen Berge zu einem Drittel des Preises genießen.

1

first view in CanmoreBerge Wald Licht.JPG

Ich bin gerade erst angekommen, atme die frische Luft und labe mich am Ausblick auf die Berge (beides umso erfrischender nach drei Monaten in der Großstadt), als mich ein Herr anspricht: „Canmore, it’s a heap of problems„, einen Haufen Probleme habe man hier. Mir erscheint alles so perfekt, dass ich nachfragen muss, auf welche Probleme er anspielt.

„Sehen Sie nicht den schrecklichen Verkehr?“

Naja.

traffic in Canmore 2.JPG

Er erklärt, dass der Bahnübergang manchmal für fünf Minuten gesperrt sei und sich dann die Autos stauen. Zudem sei das Krankenhaus auf der anderen Seite der Bahnlinie, das sei doch unverantwortlich. Kleinstadtprobleme eben.

„Man müsste eine Überführung bauen, aber die Bergleute hier wollen alles so lassen, wie es schon immer war. Ich habe nichts gegen die Bergleute, Gott bewahre! Schließlich haben sie die Stadt aufgebaut.“ Und so höre ich zum ersten Mal vom bergbaulichen Ursprung von Canmore, von dem ich bisher ganz naiv angenommen hatte, dass es nur wegen der schönen Aussicht erbaut wurde.

2

Der auffälligste Unterschied zur Großstadt ist nicht nur die Aussicht, sondern auch dass sich fremde Menschen einfach anlächeln, zuwinken, grüßen. Ich glaube, hier könnte man schneller Anschluss finden als in Calgary, wo jeder nur arbeitet und einkauft.

Ebenfalls anlächeln tut mich ein Buchladen in der Hauptstraße, Café Books, aber ich schleppe sowieso schon viel zu viele Bücher mit mir herum. Sicherheitshalber wage ich nicht einmal einen Blick über die Schwelle, sonst lasse ich mir hier noch die letzten Dollars aus der Hosentasche ziehen.

Cafe Books front Canmore

3

Die Damen an der Rezeption des gemütlichen Motels Mountain View Inn lassen mich kaum selbst die Stadt erkunden und geben mir jedes Mal, wenn sie mich sehen, noch mehr Landkarten, Busfahrpläne und Café-Empfehlungen.

Natürlich wollen sie auch jeden Morgen wissen, wohin mich die heutige Wanderung führen wird. „Vergessen Sie das Bärenspray nicht!“ ermahnt mich die ältere der Damen, als ich mich mal wieder auf den Weg mache.

„Oh, wo bekomme ich dieses Bärenspray?“ frage ich etwas ungläubig, an das Haifischspray aus einer Batman-Verfilmung denkend.

„Wir geben Ihnen eine Dose mit“, bietet sie an, greift unter die Theke und rüstet mich mit der Bewaffnung aus. Gut, dass ich kein Pazifist bin.

bear spray.JPG

Wahrscheinlich ist die Waffe, die den Touristen in die Hand gedrückt wird, nur ein Marketinggag, um die harmlosen Spaziergänge gefährlicher erscheinen zu lassen. So wie die Schwimmwesten bei der Schlauchbootfahrt auf dem Baggersee.

4

Andererseits sind die Bären vielleicht doch echt und kommen sogar bis in die Stadt, denn die Mülleimer sind so bärensicher gebaut, dass sie nicht nur bombensicher sind, sondern ich ratlos davorstehe und mich wundere, wo zum Henker der Einwurf für den Müll ist.

bear protection rubbish.JPG

Ich persönlich fände es zwar schlauer, die Mülleimer offen zu lassen, weil sich die Bären dann an Pizzas sattfressen könnten und keine Menschen verschlingen müssten. So macht man es in Rumänien, und dort leben Menschen und Bären in friedlicher Koexistenz, aber das ist eben der Unterschied zwischen einer sozialistisch-solidarischen und einer kapitalistisch-egoistischen Gesellschaft.

5

Es ist Ende März, aber der Frühling tobt schon. Der Schnee an den Südhängen schmilzt. Die Bären wachen gerade auf, und nach sechs Monaten Schlaf und Diät haben sie, nun ja, einen Bärenhunger.

In der Globe & Mail steht im Horoskop für Krebse: „You’ve got that feeling that you must do something to prove yourself.“ Das lese ich als Aufforderung zur Bärenjagd.

6

Auf der Herfahrt im Bus unterhielt ich mich mit einem Mädchen, die nur für einen Tag nach Banff fuhr. Ihr bleiben dann ein paar Stunden. Wenn man auf Facebook oder Tinder die ganzen Fotos von Kanadierinnen vor Bergseen oder Gipfeln sieht, denkt man immer „wow, was für ein naturverliebtes Volk“, dabei sind es bei den meisten nur diese Tagesausflüge, oft mit dem Auto, wo man nur kurz am Rastplatz aussteigt, um die angeblichen Naturfotos zu machen.

„Ich habe gehört, dass es in Banff die schönste Wanderung in Kanada gibt“, erklärt sie noch. Deshalb sei sie extra nach Alberta geflogen. Es ist schon komisch, dass in einem Land so groß wie Kanada 95% der Bevölkerung glauben, dass man nur in Banff oder Jasper wandern darf. Schon 10 km weiter südlich oder östlich halten sie es für eine blöde Idee. Outdoor-Spirit ist das nicht.

Auch eine Freundin aus Calgary hatte mich nach Banff verführen wollen, aber sie hatte nur einen Tag Zeit.“Für das Mittagessen gibt es drei Optionen“, begann meine Führerin zu planen, „es gibt ein Burger-Restaurant, wo jeder hingeht, wenn er nach Banff fährt. Dann gibt es …“ Ich wagte, sie zu unterbrechen, und darauf hinzuweisen, dass ich wegen Bergen und Seen, Bären und Natur nach Banff fahren würde. Vor allem wenn ich nur einen Tag hätte, würde ich keinesfalls zwei Stunden des im Frühjahr noch knapp bemessenen Tageslichts in einem Restaurant vergeuden wollen. „Da kaufe ich lieber ein Snickers an der Tankstelle und habe mehr Zeit zum Wandern“, erklärte ich, aber sie verstand mich nicht.

Also fuhr ich allein. Nach Canmore anstatt Banff. Und für eine ganze Woche, anstatt einen Tagesausflug.

7

Meine erste Wanderung führt entlang am Bow River, dessen Bekanntschaft ich schon gemacht hatte.

Bow River (2)Bow River (3)Bow River (4)Bow River (5)Bow River duck

In dieser Landschaft verlaufe ich mich fast absichtlich. Einige Seitenarme des Flusses sind noch zugefroren und bieten so Zugang zu Inseln oder zum gegenüberliegenden Ufer, auch wenn es manchmal besorgniserregend knackt, wenn ich darüber laufe. An anderen Stellen überquere ich den Fluss auf umgestürzten Baumstämmen.

Bow River EisBow River Baumstamm

Ich sauge die Berge auf wie frische Luft nach Jahren in einem Asbestbunker, nicht nur wegen der willkommenen Abwechslung zu den vergangenen drei Monaten in der Großstadt, sondern auch weil ich in einer Woche im Zug durch das Flachland der Prärie sitzen werde.

8

Und so wandere und wandere ich, einfach immer dem Fluss folgend. Je weiter ich mich von der Stadt entferne, umso weniger Jogger und Radfahrer laufen und fahren mir vor die Füße.

Irgendwann werde ich wohl doch mal wieder umkehren müssen, denn es ist schon nach 16 Uhr. Und da komme ich doch glatt an eine Straße mit einer Bushaltestelle. Einer vorbildlichen Bushaltestelle sogar! Mit Karte der Routen, Fahrplan, Preisen, allem was man sich als ÖPNV-Fan wünscht.

bus stop Canmore

In 20 Minuten kommt der nächste Bus, für einen Samstagnachmittag in den Bergen keine schlechte Frequenz. Bis dahin werde ich versuchen, per Anhalter in die Stadt zurückzukommen. Nach 25 Fehlversuchen hält ein roter BMW, der Fahrer begrüßt mich mit den Worten „normalerweise nehme ich nie Anhalter mit“, und ich bedanke mich für die Ausnahme. Schnell stellt sich heraus, dass seine Mutter aus Berlin und sein Vater aus Vorarlberg ist, allerdings kamen sie vor ewigen Zeiten, wie er betont. Ich versuche zu erkennen, ob die Flucht seiner Eltern aus deutsch-österreichischen Landen zu einer negativen Meinung über Menschen von ebendort führt, kann aber nichts an seinen Augen ablesen. Wie jeder Mensch in Canmore trägt der Fahrer nämlich ständig eine Sonnenbrille. Vielleicht ist diese Stadt ein Nest von Spionen?

Er gibt mir noch einen Wandertipp und den Hinweis, dass es bei der Legion, dem Heim für Kriegsveteranen, das billigste Bier gibt. Und schon ist die Fahrt zu Ende. Schade, dass an einigen Orten in Kanada Trampen illegal ist, an anderen nicht. Das verwirrt die Fahrer, und sie halten nirgendwo. Dabei ist es so eine schöne Art, Land und Leute kennenzulernen.

9

Aus meinem großzügigen Eckzimmer im Mountain View Inn blicke ich sowohl beim Aufwachen als auch beim Einschlafen direkt auf die verlockendste Berggruppe im Tal, die Three Sisters. Das Motel trägt seinen Namen also zurecht.

Three Sisters dayThree Sisters night

Diese kleinen Matterhörner sind aber allesamt zu unzugänglich, steil und gefährlich für mich Hobbywanderer, vor allem jetzt, wo noch Schnee liegt. Bei den drei Schwestern gilt also: nur Ansehen, nicht Anfassen.

10

Am nächsten Morgen treffe ich im Bus zum „Nordic Center“ einen Jungen aus Whitehorse, einer Klein- aber Hauptstadt im Yukon. „Wir haben nur 30.000 Einwohner, aber“, fügt er stolz hinzu, „einen Direktflug nach Frankfurt.“ Auch er war schon mal in Deutschland, zu einer Konferenz über Holzbauweise und um sich ein paar Betriebe anzusehen. Ein Industriespion also, aber jetzt arbeitet er als Holzbauingenieur und ist für einige Monate in Canmore.

Den freien Sonntag nutzt er, um dort langlaufzuskien, wo 1988 die olympischen Langläufe ausgetragen wurden. Um hier noch länger Schnee zu haben (es ist Anfang April), werden an schattigen Berghängen riesige Schneehaufen aufgeschüttet und mit Sägemehl bedeckt, damit sie langsamer schmelzen. Diese Vorräte sind so groß, dass sogar im Herbst noch Schnee vom vorigen Winter übrig ist und die Langlaufsaison im September eröffnet werden kann.

ski cross-country Canmore

Damit dies im kommenden Winter möglich sein wird, werden auch dieses Jahr fleissig Holzspäne produziert. Der Holzhausbau ist eigentlich nur ein Nebenprodukt.

11

Von der Loipe will ich zu den beiden Grassi-Seen wandern, aber der Weg führt durch ein Naturschutzgebiet, im dem gerade Wild aufgeforstet wird. Eigentlich breche ich gerne Regeln, aber den Rehen zuliebe halte ich mich natürlich daran.

Am Skizentrum steht zum Glück eine Landkarte, anhand derer und der Landschaft ich versuche, mir einzuprägen, in welcher Richtung die Seen liegen. Ich erspähe eine Lücke zwischen Ha Ling Peak und Mount Rundle. Da muss ich durch.

Lücke.JPG

Die gerade Linie zu dem vermuteten Lageplatz der Seen sieht ein wenig steil aus, aber links und rechts davon ist es noch steiler. Außerdem ist auf der Karte ein Bach eingezeichnet, also kann es so steil nicht sein.

Gestern war dieser verfrühte Sommertag, so dass das Eis auf einem tiefer gelegenen See wahrscheinlich nicht mehr dick genug ist, um darüberzulaufen. (Mit zunehmendem Alter und Gewicht wird man diesbezüglich vorsichtiger.)

See Eis

Ich muss das kleine Eismeer also umrunden, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Die Frage, warum ich, wenn ich schon einen See vor der Nase habe, unbedingt zu den höher gelegenen Grassi-Seen will, kommt mir in dem Moment gar nicht in den Sinn.

12

Der zu erklimmende Hang ist ein Nordhang und demnach noch voller Schnee und, viel gefährlicher bei einem Winkel steiler als 45 Grad, voller Eis. Ich hangele mich mehr von Baum zu Baum als dass meine Stiefel Tritt finden.

Das Bächlein verläuft doch nicht so ebenerdig und friedlich, wie ich mir das vorgestellt habe, sondern stürzt sich tosend die Wand hinunter, die ich zu erklimmen versuche.

Wasserfall1Wasserfall2

 

Oben auf den Berg prallt die Sonne, so dass hier Tonnen von Schmelzwasser herunterrasseln. Das dürfte, je höher die Sonne steigt und je wärmer sie scheint, noch mehr werden. Hoffentlich verbreitert sich der Wasserfall nicht, denn nach rechts kann ich nicht ausweichen, dort ist eine pure Eiswand, hart wie Stein und glatt wie die olympische Rodelbahn.

Eiswand mit Aussicht

Jetzt verstehe ich, wieso Louise von der Touristeninformation etwas von Steigeisen und Eispickeln gesagt hat. Die habe ich mir natürlich gespart.

Meter um Meter kämpfe ich mich höher. Meine Hände sind von Felsbrocken aufgeschürft. Mein Atem keucht, mehr vor Angst als vor Anstrengung, auch weil Schneeschmelzzeit Bärenaufwachzeit ist. Hier könnte ich nirgendwo weglaufen.

13

Plötzlich ist die Sonne weg. Wolken ziehen auf, zuerst es wird neblig, dann richtig düster und spukig. Oder ist das schon die Nacht? Das kann eigentlich nicht sein, denn gerade was es noch Vormittag. Eine Uhr habe ich – entsprechend der Abenteuerregel Nr. 19 – natürlich auch nicht dabei.

Nebel1Nebel2Nebel Gipfel.JPG

Jetzt wird also der Wasserfall linker Hand bald zugefrieren, und ich werde gefangen sein wie in der Eishölle der Antarktis, nur vertikal.

Der Wind pfeift, die Bäume knarzen, der Himmel sieht so finster drein, wie wenn er meinen kleinen Wanderplan als großen Affront betrachtet. Der Hang wird immer steiler, die Schwerkraft immer mehr zum Feind.

14

Und dann ist Ende Gelände. Leider.

Wie knapp vor dem Ziel oder ob überhaupt auf dem richtigen Weg kann ich von meiner Position aus nicht beurteilen. Ich sehe nur, dass es nicht mehr weitergeht. Die Wand über mir ist jetzt endgültig zu steil und zu vereist. Enttäuscht erkenne ich, dass nur mehr die Umkehr mein Leben rettet.

Ende Gelände 1Ende Gelände 2

Zurück zur Erde geht es wenig elegant. Gut, dass mich außer einem Eichhörnchen niemand sieht. Allerdings werde ich etwaige Spenden für diesen Artikel für eine neue Hose brauchen. Wenigstens bin ich ziemlich schnell unten, und die Verletzungen beschränken sich auf weitere Abschürfungen und ein paar blaue Flecken.

Ohne das verdammte Eis hätte ich es geschafft. Glaube ich. Im Sommer kann ich Euch den Weg also bedenkenlos ans Herz legen. Einfach dem Wasserfall folgen!

15

Die weitere Wanderung führt mich dann doch noch zu einem See, dem Quarry Lake, der aus einer erschöpften Tagebaumine entstand.

Quarry lake 1Quarry lake 2

Erschöpft bin auch ich, also lasse ich mich nieder und feiere mein heutiges Überleben durch Genuss einiger lebensverkürzender Marlboro-Zigaretten, die in Kanada nicht Marlboro heißen dürfen.

Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal, Ihr wollt jetzt mehr über den Bergbau hören. 1887 begann in Canmore der Abbau von Kohle. Hauptabnehmer waren die Dampfloks, weshalb die transkontinentake Eisenbahnlinie durch diese wunderbare Landschaft gebaut wurde und auch heute noch mindestens stündlich einer der beeindruckend langen Güterzüge vorbeidonnert.

Eisenbahn1Eisenbahn2

Leider gerieten Dampfloks aus der Mode (wahrscheinlich wegen Greenpeace oder anderer Ökofuzzis), und an einem Freitag, den 13. Juli 1979, schloss die Mine. Daher kommt der Aberglaube, dass auf den Monatsdreizehnten fallende Freitage Unglück brächten. Das ist aber ein Irrglaube, in Wirklichkeit bringt der Aberglaube selbst Unglück.

coal-mining-final-e1532637077254

Der leitende Ingenieur der Mine, Gerry Stephenson, war ein begeisterter Angler und hatte eine bessere Idee, als das hässliche Loch einfach zuzuschütten. Endlich würde er auch zuhause in Canmore angeln können. So kam es zu dem See.

In der Stadt erinnert das Gebäude der Bergarbeitergewerkschaft an diese nicht allzu lang zurückliegende Geschichte, aber Bergarbeiter, die mir von vergessenen Goldminen erzählen könnten, treffe ich leider nicht an.

Miners Union Canmore.JPG

Die sitzen wahrscheinlich alle im Veteranenheim mit dem billigen Bier.

16

Während ich an diesem See sitze, frage ich mich endlich, wieso ich nicht gleich gemütlich hierher spaziert bin und mich mit einem Buch ans Ufer gesetzt habe anstatt im Hochgebirge auf Seenjagd zu gehen. Ich verstehe nicht, wieso ich immer wieder so etwas mache. Ehrgeizig bin ich eigentlich wirklich nicht. Auch höher, schneller, weiter war noch nie mein Antrieb.

Größer, mehr, teurer ist jedoch der Antrieb eines Ehepaares, dessen Streit ich anhören muss, weil sie ihn so laut austragen. Es geht darum, wie groß das neue Haus sein soll, wie nahe es am See liegen soll und wie breit die Auffahrt sein soll. Manche Materialisten können nicht einmal in der Natur innehalten.

17

Apropos Häuser: Diese blaue Lagune sieht zwar schön aus, stinkt aber ganz erbärmlich, weil aus einem Rohr die Abwässer der sich immer weiter in die Natur fressenden Bebauung in das Ökosystem geleitet werden.

blaue Lagune.JPG

18

Am Abend schneit es dann, sogar bis ins Tal. Wenn ich noch länger am Berg geblieben wäre, tja, das wäre nicht gut ausgegangen. Morgen werde ich es locker angehen lassen.

Schnee1Schnee2

19

Als ich ins Motel zurückkomme, ist gerade Stromausfall. „Wegen irgendeiner Explosion“, wie die Damen von der Rezeption erklären und mich einladen, mich zu ihnen bei Kerzenschein in den Teeraum zu gesellen, weil in meinem Zimmer ja sowieso kein Licht und kein Internet funktioniere. (Viele Menschen heutzutage glauben, dass man Internet zum Überleben benötigen würde.)

Als sie mich fragen, was ich für morgen geplant habe, muss ich mir spontan etwas einfallen lassen: „Ich werde wohl zu Fuß nach Banff gehen.“ Das sind etwa 25 Kilometer.

Sie erzählen mir, dass sie mal einen Gast hatten, der die ganze Strecke hin und zurück gerannt ist. Na gut, dann ist mein Plan also vergleichsweise normal.

20

Vom Motelfenster sehe ich nicht nur verlockend die unbezwingbaren Three Sisters, sondern immer wieder Kaninchen herumhoppeln. Jeden Tag werden sie mir begegnen, überall in der Stadt.

KaninchenKaninchen (2)

21

Am nächsten Morgen mache ich mich also früh auf den Fußweg nach Banff, um den Ort zu sehen, an den jeder außer mir hin will (was macht man nicht alles für die wissbegierigen Leser) und um die 6 $ für den Bus zu sparen.

Auf der Karte habe ich gesehen, dass der Wanderweg Trans Canada Trail von Canmore nach Banff führt. Leider führt dieser Weg die Wanderer aber auch in die Irre. Dieser Weitwanderweg, der Kanada von Küste zu Küste durchquert, führt nämlich weitgehend über Straßen oder direkt an Straßen entlang. Ich will nicht zu hart urteilen, aber dieser Wanderweg ist der schlechteste und überflüssigste Weitwanderweg der Welt. Er ist eine einzige Täuschung, ein Ärgernis, eine verdammte Luftnummer.

So sieht im Land der endlosen Natur der Wanderweg in einem Nationalpark aus:

Autobahn1Autobahn2Autobahn3Autobahn4

Und einmal auf diesem Weg, kommt man nicht mehr aus. Rechts ist die Autobahn, links ist über Kilometer ein hoher Zaun, so dass man wirklich wie in einem Gehege läuft. Nur dass den Tieren im Zoo mehr Abstand zur Straße zugebilligt wird. An den wenigen Stellen, an denen der Zaun durchlässig ist, kommt man auf eine Bahnlinie oder müsste bald einen Fluss durchwaten.

Skelett BahnlinieFluss zw Canmore und Banff.JPG

22

Wer also nach Kanada will, um zu wandern, kehrt besser gleich wieder um und fährt nach Großbritannien oder Österreich, wo Wanderwege wirklich für Wanderer gemacht sind.

Falls Ihr dennoch auf einer Zufußdurchquerung Kanadas besteht, sucht Euch eine Stromtrasse. Die sind breit genug, da kann eine ganze Armee wandern. Und Saft fürs Handy gibt es auch.

Stromschneise2Stromtrasse.JPG

23

Nur einmal gibt es einen kleinen Aussichtspunkt, wo man ein bisschen im Gras herumlaufen darf, nachdem man durch eine Gittertür tritt, die vor Bären warnt.

Die Aussicht ist schon großartig, zugegeben, aber der einzige Grund für diesen Ort ist, dass hier ein Autobahnrastplatz ist. Kanada ist eigentlich ein Land für Autos, nicht für Menschen.

Ich genieße trotzdem die Pause, die nach dem Marschieren auf Beton dringend notwendig ist. Vor dem Mittagessen packe ich sicherheitshalber das Kampfspray aus und lese die Instruktionen auf einer verwirrend ausführlichen Bärenwarntafel.

bear warning Banff.JPG

Zuerst werden die Unterschiede zwischen Schwarz- und Grizzlybären erklärt. Dabei soll ich auf die Form der Schulter und des Gesichts sowie auf die Klauen achten. Beim Schwarzbären sind diese bis 4 cm lang, ab 5 cm beginnt der Grizzlybär. Wahrlich ein hilfreicher Hinweis im Fall einer Attacke! Was ist mit einem Baby-Grizzly? Eigentlich ist alles egal, denn die zoologische Lehrtafel verkündet auch: „Beide Arten können auf Bäume klettern und schwimmen.“

Sodann werde ich angewiesen, was ich zu tun hätte, wenn ich dem Bären aus dem Weg gehen wollte: in der Gruppe unterwegs sein, laut sein und kein Essen auspacken. Da ich den/die Bären anlocken will, mache ich also alles gegenteilig richtig.

Aber was, wenn der Bär sich meldet? Dann soll ich unterscheiden, in welcher Gemütslage sich das Tier befindet. Wenn es Geräusche macht, knurrt, das Maul aufreißt und zum Angriff ansetzt, dann ist es – zu meiner großen Verwirrung – ein defensiver Bär. Das alles seien Anzeichen eines Scheinangriffs, ohne dass erklärt wird, wieso der Bär auf so eine Schnapsidee kommen sollte. In diesem Fall soll ich langsam zurückgehen und notfalls dem Bären das Giftgas ins Gesicht sprühen (wenn die Windrichtung stimmt, die ich in dieser Situation dann noch zu bestimmen habe, denn ansonsten haut das Gift mich anstatt das Raubtier um). Falls der Bär mich doch berührt, soll ich mich auf den Boden fallen lassen und tot stellen. Diese Haltung ist einzuhalten, bis sich der Bär entfernt hat. Wenn dieser Kontakt den Bären jedoch aggressiv gemacht hat (ja, das kann auch passieren), dann lautet der Ratschlag: „Kämpfen Sie mit dem Bären mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.“

Wenn der Bär jedoch ruhig ist, mich beobachtet und mir folgt, dann ist es ein aggressiver Bär beziehungsweise, wie es auf kanadisch-diplomatisch heißt, ein nicht-defensiver Bär (das muss diese „political correctness“ sein). In diesem Fall soll ich mich so groß wie möglich machen (wie? vielleicht auf und ab hüpfen?), Lärm verursachen, einen sicheren Ort aufsuchen (Superidee!) und dann den Bären mit allem bekämpfen, was ich finden kann: Bärenspray, Steine, Stöcke. Aber: „Den Spray erst einsetzen, wenn der Bär in etwa 5 Metern Entfernung ist.“ Von Panik steht nichts in den Leitlinien.

Ich habe zwar Jura studiert, aber das sind mir viel zu viele Wenns und Abers, schlimmer als eine EU-Verordnung. Und welcher Depp legt sich bitteschön auf den Boden, wenn ein Bär naht? Insbesondere wenn man, wie es empfohlen wird, in der Gruppe unterwegs ist. Da laufe ich doch, was das Zeug hält. Einen neuen Wanderpartner oder eine neue Freundin findet man immer wieder, vor allem als weltbekannter Blogger.

Rucksack Rastplatz.JPG

24

Der Rastplatz wäre auch der einzige Ort, an dem man vielleicht eine Mitfahrgelegenheit erhaschen könnte, allerdings nur in die für den Tagesplan falsche Richtung. Auf die andere Seite der Straße gelangt man nämlich überhaupt nicht, und außerdem gibt es keinen Seitenstreifen für Anhalter und anhalte- und anhaltermitnehmwillige Automobilisten.

Dieser Wanderweg ist so grausam, ich fange schon an, davon zu träumen, von einem Bären gefressen zu werden. Aber nur ein süßes Eichhörnchen lauert auf mich.

squirrel

25

„Gibt es denn wirklich gar keinen anderen Weg?“ fragt Ihr Euch beim Blick auf die Natur zurecht. Aber so einfach ist es nicht. Im Winter könnte ich auf dem zugefroreren Fluss gehen, aber zu viel des Eises ist schon geschmolzen.

Die andere Alternative von Canmore nach Banff führt über das Gebirgsmassiv des Mount Rundle mit seinen sechs Gipfeln. Links dieses Gebirgszuges liegt Canmore, rechts Banff, man muss also alle Gipfel der Länge nach abklappern. Das wäre für einen Tag ein wenig arg.

Mount Rundle sunny.JPG

Außerdem ist es heute etwas neblig da oben.

Mt Rundle fog.JPG

26

Dem Schmerz in meinen Beinen nach zu urteilen, müsste ich schon in Banff sein. Aber zuerst gelange ich an einen kleinen Friedhof im Wald. Beziehungsweise einem gar nicht so kleinen Friedhof, der allerdings wenig ausgelastet ist. Nur eine Handvoll Toter bewundert den Ausblick auf die Berge.

cemetry with mountain view Banff.JPGcemetery2

Ein Wolf oder ein Kojote streunt herum und hofft, die Einwohnerzahl dieser Institution zu erhöhen. Er scheint mich als Kandidaten für das baldige Ableben einzuschätzen, denn neugierig bleibt er mir auf den Fersen.

Kojote1Kojote2Kojote3

27

Nach ein paar weiteren Kilometern auf einem Radweg, ebenfalls direkt neben der Straße, taucht endlich Banff auf, diese meistgepriesene Stadt Kanadas. Der Tourismus scheint zu boomen, denn ich sehe eigentlich nur Hotels links und rechts von der Straße, manche so riesig, wie wenn sie mit den Bergen im Hintergrund konkurrieren wollen.

Nach 25 km Fußmarsch habe ich mir eine kleine Cola verdient, denke ich mir. Aber die Läden verkaufen nur Fjällräven, North Face und Harley Davidson (wo es gerade 50% Rabatt auf Motorräder gibt). Canmore lebt zwar auch vom Tourismus, aber dort gibt es wenigstens normale Pizza- und Dönerläden – und die Buchhandlung. In Banff nehmen diesen Platz die Juweliere ein. Es ist eine Show-off-Stadt, passend zu all den Leuten, die hier für einen Tag herfahren, einen überteuerten Burger essen, auf dem Rückweg auf einem Parkplatz ein Selfie vor Bergkulisse machen und sich dann wie Abenteurer fühlen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal ausdrücklich erwähnen muss: Wenn Ihr an einem Ort Diamantendiademe von Cartier kaufen könnt, dann seid Ihr nicht in der Wildnis!

28

Und noch ein Unterschied fällt mir auf: In Canmore lächeln mich, den Fremden, viele Menschen an und grüßen mich. In Banff macht das niemand. Hier sehen die Leute nur verächtlich auf mich herab, weil meine Hose ein Loch hat und ich beim Rasten neben dem See meine Schuhe ausziehe.

Banff1Banff2

Weil meine Artikel aber nur durch die Begegnungen mit anderen Menschen interessant werden, spreche ich eine der Spaziergängerinnen an. Sie ist ganz neu in Banff und hat deshalb noch nicht internalisiert, dass man Landstreicher zu ignorieren hat.

Emma ist aus dem Karriere- und Stresszyklus, in ihrem Fall bei der BBC, ausgestiegen, weil sie „nicht immer das machen wollte, was die Masse macht“. So endete sie in Banff, dem Tourismusziel Nr. 1 in Kanada mit jährlich mehr als 4 Millionen Besuchern, und schult zur Skilehrerin um. Das machen hier all die „Aussteiger“ aus Neuseeland, Australien und Irland. Erstaunlich, nein, erschreckend viele von diesen Superindividualisten machen genau das Gleiche wie ihre Kollegen.

Als ich das anmerke, beschuldigt mich Emma, „negative Schwingungen“ auszusenden, und geht weiter, wahrscheinlich zum Yoga oder zu irgendwas, das ganz „spirituell“ oder „mindful“ ist.

29

Mein Tipp für Rocky-Mountains-Reisende: Canmore ist das bessere Banff. Die Berge sind ja sowieso überall die gleichen. Das Wetter ist an beiden Orten gleichermaßen unstet. Und zwischen beiden Orten fährt ein Bus für 6 $, spart Euch also diesen Fußweg.

30

Am nächsten Tag gehe ich lieber wieder in der Gegend von Canmore Wandern. Am Cougar Creek wird vor Pumas gewarnt. Mist, dagegen habe ich gar kein Spray. Um die ganzen Regeln schere ich mich nicht mehr. Wahrscheinlich sind Pumas noch komplizierter als die schon überregulierten Bären.

warning cougars.JPG

Ich schlage den Weg zum Mount Lady MacDonald ein, denn das hört sich nach einem Gipfelimbiss an. Der Weg ist ziemlich steil aber nicht schwer. Es ist ein schöner Waldweg mit tollen Ausblicken.

view from Mount Lady MacDonald 1view from Mount Lady MacDonald 2

Hier sind mehr Wanderer als sonst unterwegs. Immer wieder sitzen am Wegrand junge Leute, die eine Verschnaufpause einlegen. Andere laufen mir schon vom Gipfel entgegen, das sind die Frühaufsteher. Zwei ältere Männer stehen auf dem Weg und weisen mich auf einen fetten Vogel hin, der nicht sehr scheu zu sein scheint. Auf ihrem Telefon haben sie Auerhennenrufe, um den Auerhahn anzulocken, aber der Vogel lässt sich nicht foppen, auch nicht von der Aussicht aufs Vögeln und Poppen.

Auerhahn.JPG

Wir kommen ins Gespräch, und mal wieder stellt sich heraus, dass jeder hier Deutsch spricht. Lászlós Eltern waren Ungarn aus Gebieten, die mittlerweile zu Rumänien bzw. zu Serbien gehören, und er selbst wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs in Niederbayern geboren. Aber als Ungarn sprachen seine Eltern „natürlich“ Deutsch (Antal Szerb und sein Verweis auf Deutsch als Weltsprache fallen mir ein), das sie verwendeten, um sich unter Ausschluss des Jungen zu unterhalten. Dieser brachte sich mit Karl-May-Büchern selbst Deutsch bei. Noch jetzt, 60 Jahre später, kann er die Titel auf Deutsch aufzählen: Im Land der Skipetaren, Durchs Wilde Kurdistan, Der Schut. Der andere Herr, Chris aus England, der auch schon seit Jahrzehnten in Kanada lebt, lernt Deutsch, weil er gerne Wagner-Opern hört.

Wir merken, dass wir uns gut verstehen, und die beiden Herren wandern sowieso jede Woche zusammen, so dass sie um die Abwechslung froh sind. Also formen wir eine kleine Wandergruppe. Die beiden sind über 70 Jahre alt, haben aber ein deutlich höheres Tempo als ich drauf. Wenn ich mal so alt bin, möchte ich auch so fit sein.

Laszlo and Chris.JPG

Dafür sind die Gespräche so interessant, dass mir die Mühe und die Sauerstoffknappheit gar nicht mehr auffallen. Die beiden sind sehr gebildet, weit gereist. László hat im Iran, in Brasilien und in Peru gelebt, und wir unterhalten uns über die Welt, über die Europäische Union, über Rumänien, über die AfD, über Universitäten, über die anstehenden Wahlen in Alberta, über das Baltikum, über Cuenca in Ecuador, und schwuppdiwupp sind wir beim alten Teehaus angelangt, von dem nur mehr eine Holzplattform steht. Statt McDonald’s genießen wir Obst, Müsliriegel und den Ausblick.

view from Mount Lady MacDonald 3.JPG

Der eigentliche Gipfel läge noch ein paar hundert Meter höher, auf fast 3000 m, aber es sieht ziemlich steil aus, und oben wartet ein sehr dünner Grat. Aus Rücksicht auf die beiden älteren Herren muss ich Euch das leider vorenthalten.

Ok, ganz ehrlich, das wäre sowieso nichts für mich gewesen.

31

Der Rückweg geht natürlich leichter als der Aufstieg, aber verfliegt auch wegen der angeregten Unterhaltung wie im Flug. Diesmal diskutieren wir über Autos, Ökosteuern, den Vertrag von Trianon, das duale Ausbildungssystem, den kanadischen Föderalismus, die britische Industriepolitik, den Verkehr in Teheran, Landminen in Bosnien und ICE-Züge.

Erst als ich zurück in die Stadt komme, merke ich, dass ich vor lauter Quatschen kaum Fotos von der Wanderung gemacht habe. Aber egal, Ihr habt wahrscheinlich sowieso schon genug von Bergen und Bäumen.

Diese Begegnung bestätigt mal wieder meine These, dass man Reisen am besten allein unternimmt. Wenn ich als Paar oder gar in einer Gruppe unterwegs gewesen wäre, hätte ich mich kaum stundenlang mit Fremden unterhalten und hätte nichts Neues gelernt.

32

Ein nachahmenswerter Service sind diese Fahrradreparatur- und Luftaufpumpstationen.

Fahrradreparaturset.JPG

33

Eine der Rezeptionistinnen im Motel klärt mich auch endlich über die süßen Hoppeltiere auf: „Jemand hatte eine Kaninchenfarm, die pleite ging. Er brachte es nicht übers Herz, die Kaninchen zu verkaufen“ (wahrscheinlich ist er deshalb pleite gegangen, denke ich mir) „und hat sie alle frei gelassen.“

Kaninchen (3).JPG

34

Nachdem ich schon alle Himmelsrichtungen von Canmore aus zu Fuß erkundet habe, brauche ich jetzt doch ein Auto, um ins Hochgebirge zu kommen. Mieten steht finanziell außer Frage. Stehlen wäre nicht nur juristisch problematisch. Ich weiß auch nicht, wie man eine Autotür ohne Schlüssel aufbekommt, geschweige denn, wie man den Motor startet.

Also muss ich einen Trick anwenden: Ich lade einen Bekannten ein, mich in Canmore zu besuchen und so für einen Tag seinen Kindern zu entkommen. Es klappt. Der den regelmäßigen Lesern dieses Blogs bereits bekannte Fotograf Edward Allen kommt tatsächlich für einen Tag nach Canmore, und wir fahren in die Berge südlich der Stadt, vorbei an den Grassi-Seen, die ich vor einigen Tagen kletternd nicht erreichen konnte.

Aber heute interessieren diese kleinen Tümpel nicht mehr. Wir wollen höher hinaus, zu größeren Seen, zu weiteren Ausblicken und in dünnere Luft.

Photo by Edward John AllenPhoto by Edward John AllenHochgebirge1Hochgebirge2Hochgebirge3

Mit dem eisigen Wind und der absoluten Stille fühlen wir uns beide an den Himalaya erinnert, in dem noch keiner von uns gewesen ist.

35

Um einen der Seen hat eine Pistenraupe eine Spur gezogen, der wir dankbar folgen. In dieser Abgeschiedenheit hätte ich eigentlich Angst vor Bären, aber Edward spricht so unentwegt und laut, dass es selbst Bigfoot in die Flucht schlagen würde.

Und so komme ich endlich mal wieder an Abenteurerfotos von mir.

Photo by Edward John AllenPhoto by Edward John Allen

36

Zum Essen gehen wir dann doch in das Café Books, um die örtliche Literaturszene zu unterstützen. Die ganze Woche hatte ich es bewusst gemieden, um nicht in Versuchung zu geraten, und jetzt sehe ich, dass es tatsächlich eine Fundgrube ist. Zum Glück bin ich pleite.

Das Café liegt in einem separaten Gebäude für Gebrauchtliteratur, vielleicht damit die neuwertigen Bücher nicht den Curry-Geruch annehmen.

Cafe BooksCafe Books survival books

37

Am Abreisetag leiste ich mir ein Taxi für die paar Kilometer zur Tourismusinformation, von wo aus der Bus zurück nach Calgary geht. Der Taxifahrer wartet mit mir zusammen auf den Bus, „weil so früh am Morgen sowieso nichts los ist“, und wir unterhalten uns eine Viertelstunde, während derer er mir einen Becher Kaffee kauft, der einen erheblichen Teil des Fahrtpreises verschlingt.

Ich mag so kleine Orte.

Andreas in Alberta April 2019 19.jpg

Praktische Hinweise:

  • Gewohnt habe ich im Mountain View Inn, das war gemütlich, geräumig und preiswert. Bei Booking bekommt Ihr über diesen Link 15 € Rabatt, übrigens auch für alle anderen Unterkünfte weltweit.
  • Die günstigste Möglichkeit von Calgary nach Canmore/Banff ist im Sommer der Bus von On-It (10 $), im Winter der Banff Express (30 $).
  • In Canmore und Banff gibt es einen ganz guten Busverkehr von Roam Transit, der auch teilweise in die Berge führt, von wo aus man loswandern kann. Ein Auto braucht man also nicht.
  • Eine Linie fährt regelmäßig und bis etwa 22 Uhr zwischen Canmore und Banff (für 6 $). Wegen der teuren Unterkünfte in Banff lohnt sich selbst dann eine Übernachtung in Canmore, wenn Ihr mehr Zeit in Banff verbringen wollt.
  • Falls Ihr, so etwas soll vorkommen, auf Eurer Reise den Adapter für europäische Geräte in nordamerikanischen Steckdosen irgendwo liegen- bzw. wohl eher steckenlasst, so bekommt Ihr in Canmore im Laden „The Source“ gegenüber von „Canadian Tire“ fachgerecht und hilfsbereit Nachschub.
  • Falls Euch auf der Reise die Bücher ausgehen, findet Ihr im Café Books Nachschub.

Links:

Veröffentlicht unter Fotografie, Kanada, Reisen | Verschlagwortet mit , , , , , | 5 Kommentare

Planänderung: Marienbad

Nicht ganz in letzter Minute, aber zwei Tage vor Abreise wurde mein Housesitting-Auftrag in England storniert. Die Eigentümer bleiben jetzt doch selbst zuhause. Das ist schade, denn ich hatte mich wirklich auf die Cotswolds gefreut.

Also saß ich hier in Bayern auf einem gepackten Rucksack und musste mir eine Alternative einfallen lassen. Natürlich hätte ich zuhause bleiben und studieren können, aber ich war schon in Reisestimmung. Also suchte ich nach einem schönen und mit der Eisenbahn zu erreichenden Ort. Pilsen und Prag kenne ich schon, also war die Wahl eigentlich einfach: Marienbad in Tschechien.

ak-ansichtskarte-marienbad-tschechien-boehmen-kaiserstrasse-kat-marianske-lazne

Manchmal wundere ich mich, wieso wir so oft in die Ferne schweifen, wo es doch auch in unserer Nähe schöne und interessante Orte gibt.

Links:

Veröffentlicht unter Reisen, Tschechien | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

Die Welt bei uns zuhause

Einmal pro Woche versuche ich, einen internet-, telefon-, arbeits- und stressfreien Tag einzulegen, indem ich von früh bis spät in der Natur spazierengehe, mit einem Buch am Bach sitze und den Wolken beim Ziehen zusehe. Ein säkularer Sabbat, sozusagen. Diese entspannenden Tage bestätigen mich darin, der Leistungs-, Wettbewerbs-, Arbeits- und Konsumgesellschaft weitestgehend tschüss gesagt zu haben. Das Essen pflücke ich von den Bäumen, zum Trinken gibt es Quellen, nur die Zigarre muss man selbst mitbringen.

Auf einer Wanderung von Königstein nach Ammerthal ist mir nun aufgefallen, dass man sich sogar die Fernreisen sparen kann, wenn man mit etwas Fantasie durch die Landschaft läuft.

Man entdeckt Kirchenburgen, die fast so beeindruckend sind wie die in Rumänien.

Breitenstein_DSC7959.jpeg

Wie in Wyoming wimmelt es vor wilden Mustangs.

Pferde.JPG

Sogar Indianer gibt es.

Indianer.JPG

Wer nach Brasilien fliegen wollte, um sich den Dschungel anzusehen, kann sich das sparen. Auch in Bayern wird abgeholzt wie im Amazonas.

Abholzung.JPG

Und irgendjemand oder irgendwas pustet so viele Abgase in die Luft wie ganz China.

Wolkenberge.JPG

Mit etwas Glück stößt Ihr auf Ruinen, die sich vor denen in Machu Picchu oder Tyndaris nicht verstecken müssen.

Sieben Quellen.JPG

Die Felsen sind so imposant wie in den Dolomiten.

Locher Felsen_DSC7941.jpeg

Und wer kaukasische Wehrtürme sehen will, muss nicht bis nach Swanetien oder Inguschetien wandern, was besonders praktisch ist, weil die meisten sowieso nicht wissen, wo das ist. Das allerdings ist schon wieder eine Eigenschaft, derer sich auch der Landkreis Amberg-Sulzbach rühmen kann.

Wehrturm.JPG

Links:

Veröffentlicht unter Deutschland, Fotografie, Leben | Verschlagwortet mit , | 3 Kommentare