Brexit und die Europawahl

Langsam könnte man fast zu dem Verdacht gelangen, dass aus diesem Brexit nichts mehr wird.

Denn drei Jahre, nachdem sich eine knappe Mehrheit der Briten in einem Referendum vorgeblich gegen die Beteiligung anderer Europäer am politischen Entscheidungsprozess ausgesprochen hat (und damit auch gegen den Einfluss der Briten auf europäische Entscheidungsprozesse, aber ich habe den Eindruck, dass niemand so weit gedacht hatte), kann ich als europäischer Nichtbrite noch immer in Großbritannien wählen:

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Obwohl die Brexit-Befürworter die Europäische Union oft als „undemokratisch“ brandmarken, kann ich jetzt einen britischen Abgeordneten für das Europäische Parlament wählen. Man kann sogar behaupten, dass diese Wahl demokratischer ist als die zum britischen Unterhaus, geschweige denn die zum englischen Parlament, weil bei der Europawahl das Verhältniswahlrecht angewendet wird. Oh, wartet mal, es gibt ja gar kein englisches Parlament. Denn komischerweise haben nur Wales, Schottland und Nordirland Parlamente. Obwohl, das nordirische Abgeordnetenhaus ist jetzt auch schon seit zwei Jahren suspendiert und Nordirland wird wieder direkt aus Westminster regiert, etwa so wie Indien bis 1947.

Und wenn wir schon beim Thema Demokratie sind: Die EU hat weder einen ungewählten Monarchen, noch ein Oberhaus, in dem neben anderen Überbleibseln aus vergangenen Jahrhunderten 26 Bischöfe sitzen, die von der Kirche ernannt werden. (Aber nur englische Bischöfe, keine walisischen, schottischen oder nordirischen! Allerdings dürfen die Bischöfe aus allen vier Nationen an der Europawahl teilnehmen.)

Mein Vorschlag für einen Kompromiss aus der Brexit-Sackgasse ist folgender: Das Vereinigte Königreich verbleibt in der Europäischen Union, aber die EU übernimmt Teile des politischen Systems dieser leicht schrulligen Insel. Es wirkt zwar manchmal ein bisschen dysfunktional, aber auf jeden Fall wäre es lustig.

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„Splendid Isolation“

Dieses Haus in Newquay ist ein gutes Symbol dafür, wie sich Großbritannien in Europa sieht.

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Wahrscheinlich glaubt das Haus sogar, es sei autark, während es natürlich vom Handel und der Kooperation mit dem Festland abhängt.

Im 19. Jahrhundert wurde für die britische Insellage und die daraus resultierende Außenpolitik, die sich aus Europa weitgehend heraushielt, der Begriff „splendid isolation“ (wunderbare Isolation) geprägt.

Manchmal trägt die selbstauferlegte Isolation aber eher sonder- anstatt wunderbare Blüten, vor allem in der Brexit-Debatte. Im Cornish Guardian fragte letzte Woche ein Leserbrief, „wieso die Menschen in Cornwall so pessimistisch wegen des Brexit sind, wo wir doch auf so einem wunderbaren Flecken Erde leben?” Der Leser argumentierte, dass dies in Verbindug mit „angenehmen Klima“ und der Tatsache, dass „wir vom Meer umgeben sind“, Scharen von Besuchern anziehen und endlose Reichtümer bringen wird.

Das zeigt die ausschließlich nach innen gewandte Naivität, die Teile dieses Landes befallen hat. Niemand, schon gar nicht ich selbst, der ich die letzten zwei Wochen die Küsten Cornwalls abgewandert bin, würde bestreiten wollen, dass es hier wunderschön ist. Aber die Kombination von schöner Landschaft, angenehmen Klima und viel Wasser ist nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal in einer Europäischen Union, die so Länder wie Italien, Spanien, Griechenland, Frankreich, Portugal und Kroatien umfasst. Sogar Slowenien, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Rumänien, Bulgarien, Deutschland und die Niederlande haben Küsten mit ziemlich viel Wasser, und auch dort scheint manchmal die Sonne. Wenn Urlauber unbedingt Englisch sprechen wollen, fliegen sie nach Malta oder nach Irland. Wieso die Anzahl der Besucher aus der EU gerade in das eine Land, in dem nach dem Brexit ihre Krankenversicherung nicht mehr gelten wird und das kostenfreie Roaming nicht mehr funktionieren wird, dramatisch steigen soll, erschließt sich mir nicht auf Anhieb.

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Hochzeitsreise im Zug

Der junge Mann ging allein in den Speisewagen, denn seine Frau folgte der strengen Regel, nach 8 Uhr abends nichts mehr zu essen, und war, nachdem der Zug auf der langen Reise schon mehrere Zeitzonen durchfahren hatte, unsicher, welche davon nun für ihren Verdauungstrakt galt.

Da er nicht mehr gewohnt war, allein auszugehen, wählte der junge Mann einen Tisch, an dem bereits ein alter Mann saß, natürlich nicht ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben. Die Erlaubnis wurde mit Freude erteilt, denn der alte Mann war es leid, allein zu speisen. Vielleicht war die Sehnsucht nach menschlicher Gesellschaft der wirkliche Grund für seine Entscheidung zum Abendessen gewesen, nicht die Lust auf Bier und Braten.

Wie immer in Zügen begann die Unterhaltung mit Fragen und Antworten über Herkunfts- und Zielorte. Der junge Mann tat stolz kund, dass die Reise Teil seiner Flitterwochen war. Der alte Mann schien einfach nur zum Spaß zu reisen, um ein paar Orte zu besuchen, an denen er vor Jahrzehnten gewesen war, und andere, die neu für ihn sein würden.

Der Vorteil des Alters brachte es mit sich, dass der alte Mann mehr – und bessere – Geschichten zu erzählen hatte. Er erinnerte sich an die Tage des Goldrauschs, und die Augen des jungen Mannes glänzten. Er sprach vom Krieg, und der junge Mann lauschte sehnsüchtig. Der alte Mann war eine Weile zur See gefahren, in der guten alten Zeit, bevor alles in Container gepackt wurde und als man in jedem Hafen von Salvador bis Cartagena, von Brindisi bis Haifa noch ein paar Tage an Land gehen konnte. „Oh, dorthin wollte ich schon immer mal“, entfuhr es dem jungen Mann wieder und wieder.

„Wohin führt Sie Ihre Hochzeitsreise denn als nächstes?“, fragte der alte Mann.

„Nun“, erklärte der junge Mann, „nach dieser Zugreise müssen wir gleich nach Hause fliegen. Sehen Sie, wir haben gerade eine Eigentumswohnung gekauft und wir müssen jetzt beide arbeiten, um das Darlehen abzubezahlen.“ Niemand von ihnen wollte dieses Thema vertiefen, und der alte Mann half mit Geschichten von Piraten und Walfischen und Versorgungsfahrten in die Antarktis aus.

Schließlich war es Zeit für den jungen Mann, aufzustehen und sich zu verabschieden: „Ich sollte mich um meine Frau kümmern. Sie mag es nicht, wenn ich zu lange weg bin.“

„Es war mir ein Vergnügen“, antwortete der alte Mann. „Nachdem wir uns ein klein wenig kennengelernt haben, möchte ich Sie nur bitten, eine Sache im Kopf zu behalten. Manchmal glauben wir, dass wir eine Verpflichtung gegenüber jemandem haben, weil wir etwas versprochen haben. Aber wir haben auch eine Pflicht zur Wahrheit und zur Aufrichtigkeit. Wir müssen nicht nur anderen gegenüber treu sein, sondern auch gegenüber unseren eigenen Träumen. Wenn wir eine Bindung aufrecht erhalten, obwohl wir wirklich etwas anderes wollen, verschwenden wir nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch das der anderen Person.“ Und, nach einer kurzen Pause: „Aber Sie müssen jetzt gehen.“

Der junge Mann erschrak, denn er wusste, dass der alte Mann Recht hatte.

Auf dem kurzen Weg vom Speise- zum Schlafwagen versuchte der junge Mann, Gründe zu finden, die gegen das sprachen, was ihm durch den Kopf ging. Es fiel ihm nichts ein. Zu behaupten, dass ihn das wirklich gestört hätte, wäre falsch.

„Oh, Du siehst glücklich aus! Was ist los?“, begrüßte die Frischvermählte den jungen Mann.

„Ich freue mich einfach, Dich zu sehen“, log er, denn sie hatten noch drei Tage zusammen zu verbringen.

Licht in Kurve

Links:

  • Mehr Kurzgeschichten.
  • Mehr über Zugreisen.
  • Wenn Ihr in einer ähnlichen Situation seid – und wer ist das nicht? -, bietet meine TEDx-Rede vielleicht den notwendigen Motivationsschub.
  • Diese Geschichte geht zurück auf die Unterhaltung mit einem alten Mann aus Russland, den ich auf einer Zugfahrt in Kanada kennenlernte.
  • Read this story in English.
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Von Edmonton nach Winnipeg in einem Zug voll alter Männer

Im ersten Teil dieser Trans-Kanada-Eisenbahn-Trilogie, den zuerst zu lesen ich aus Gründen der stringenten Befolgung des Fahrplans empfehle, hatte ich über die historische Bedeutung der Bahn für die Entwicklung Kanadas geschrieben. Die aktuelle Bedeutung für den Personenverkehr erkennt man an der Lage des Bahnhofs in Edmonton. Er liegt weit außerhalb der Innenstadt, und nicht einmal ein öffentlicher Bus geht dorthin. Edmonton, daran sei erinnert, ist immerhin die Hauptstadt der Provinz Alberta.

Weil ich meine Büchertruhe nicht zu Fuß zum Bahnhof schleppen kann, muss ich also einen Taxifahrer bemühen, der zufällig von Winnipeg nach Edmonton gezogen ist. Er fasst den Unterschied zwischen dem Ziel und dem Ausgangspunkt meiner Reise prägnant zusammen: „Winnipeg is better for social life. Edmonton is better to find work.“ Gut, dann fahre ich in die korrekte Richtung, immer weg von der Arbeit.

Vor dem noch geschlossenen Bahnhof warten schon ein paar andere Passagiere. Wie ich hatten sie einen großen Bahnhof mit wunderbaren Restaurants erhofft, in dem sie die letzten stationären Stunden verbringen würden. Wie ich stehen sie jetzt frierend vor der Tür. Ein französisch-australisches Ehepaar nimmt den Zug ebenfalls nur aus Spaß an der Freude. Ein Kanadier gibt mir herzlich die Hand, stellt sich als Trevor vor und schüttet mir dann sein Herz aus. Seine Mutter ist mit 75 Jahren gestorben (Lungenentzündung und Infektion) und er fährt nach Ontario zum Begräbnis. Er hat sie, seinen Stiefvater, seine Geschwister und seine Kinder vor acht Jahren zurückgelassen und war wegen eines Jobs nach Edmonton gezogen, irgendwas mit LKW-Ersatzteilen. In Kanada arbeiten die Menschen so viel, dass sie sich in der Zeit nicht besuchen können. „Die letzten fünfeinhalb Jahre habe ich gar keinen Urlaub genommen“, erklärt er stolz. Dafür sieht er erschöpft und ausgelaugt aus. So geht der Kapitalismus mit den Menschen um.

Jetzt hat Trevor die Arbeit aufgegeben und will in Ontario neu anfangen, näher bei der Familie sein. Manchmal muss erst jemand sterben, bis das passiert.

Der älteste unter den frühzeitig Eingetroffenen sieht noch mitgenommener aus. Ein runzeliger, unrasierter Mann mit Cowboystiefeln, Lederjacke, Wollmütze und nur mehr wenigen Zähnen, schätzungsweise 80 Jahre alt. Er weist auf die Frachtzüge, die am Bahnhof stehen und sagt mit starkem russischem Akzent: „Früher bin ich einfach auf solche Züge aufgesprungen und quer durchs Land gefahren.“ Welches Land er meint, sagt er nicht, aber ich habe den starken Verdacht, dass es eines war, das nicht mehr existiert.

Dann öffnet sich die Tür und ein Angesteller von Via Rail, der sich mit seinem Arbeitgeber so identifiziert, dass er Ausmaße einer Lokomotive angenommen hat, ruft: „Welcome to the home of the late train!“ Die Ankündigung, dass der Zug derzeit eine Verspätung von etwa zwei Stunden hat, nehmen alle ohne Murren hin. Dafür gibt es kostenlos Kaffee, Kekse mit Marmeladenfüllung und sogar ein Eis.

Im Zug erkennt man die Experten unter den Bahnreisenden, also mich, daran, dass sie sofort von Wander- auf Hausschuhe wechseln. Die Anfänger erkennt man daran, dass sie entsetzt sind über das fehlende Internet. Ich würde hoffen, dass sie von den kommenden internetfreien Tagen positiv überrascht werden, aber bei manchen sitzt die Abhängigkeit schon zu tief. Wie bei den Rauchern, die den Schaffner anflehen, er möge sie bei jedem Halt aufwecken, auch wenn es nachts um 2 Uhr sein sollte.

Die Sonne geht noch unter, bevor wir den Bahnhof richtig verlassen, deshalb gibt es hier kein schönes Bild davon. Mit drei Stunden Verspätung tuckern wir schließlich los. Ich bin gerade noch rechtzeitig in den Zug gekommen, um im Speisewagen ein vegetarisches Curry zu bekommen und dann zu Bett zu gehen. Vom Abendessen an meinen Platz zurückkehrend, sehe ich, dass wir noch immer in Edmonton sind. Wir haben uns in der Zwischenzeit nur etwa 3 km bewegt. Das wird eine saftige Verspätung! Mir macht es nicht so viel, aber Trevor wird womöglich die Beerdigung verpassen. Zur Trauer in seinem Gesicht mischt sich zunehmend Nervosität. Als Medizin hat er ein paar Flaschen Bier mitgebracht.

Es sind wieder diese verdammt langen Frachtzüge, von denen anscheinend Tausende unterwegs sind, die uns aufhalten. In letzter Zeit sind zudem etliche davon entgleist. Es kann also noch länger dauern.

Entgleisen werden wir ebenso, bin ich mir wenig später sicher, als der Zug Fahrt aufnimmt, aber angsteinflößend schwankt und ruckelt und quietscht. Selbst auf meinen beiden Atlantiküberquerungen hat es nicht so geschaukelt. Das ist umso beunruhigender, als die Strecke eigentlich ganz eben und gerade ist.

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An Schlaf ist nicht zu denken. Der Lokführer scheint auf Teufel komm raus die Verspätung gutmachen zu wollen und vergisst darüber, dass er Menschenleben durch die Nacht statt Stückgut über die Steppe schippert.

Bei der letzten Zugfahrt wollte ich am Ende gar nicht aussteigen. Dieses Mal ist die Nacht so unruhig und unerquicklich, dass mich vor der bereits gebuchten anschließenden Zugfahrt von Winnipeg nach Toronto graut, die 35 Stunden dauern wird. Plus Verspätungen. So bin ich um 6 Uhr, als wir in Saskatoon 20 Minuten Pause machen, schon wach und steige mit den Rauchern aus.

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Die frische Luft hilft hoffentlich beim Wachwerden. Und dann, hervorragend choreographiert, geht die Sonne auf, gerade als wir aus Saskatoon rollen.

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Die Verspätung beträgt jetzt übrigens nur mehr zwei Stunden, informiert der Schaffner. Der Zug ist nachts also wirklich gerast wie der Henker von Louis Riel.

Langsam machen sich die Reisenden untereinander bekannt, man hat schließlich, je nach Fahrtziel, noch einige gemeinsame Tage vor sich. Die Kanadier erzählen wieder von Läden, Geschäften, Gebäuden und wem was gehört. Die ganz abenteuerlichen berichten von einer Fahrt in die USA, um einen Walmart-Supermarkt anzusehen.

Nur der alte Russe scheint ein bisschen intellektuelle Tendenzen zu haben. Er winkt mich zu sich (wiederum haben alle Passagiere mindestens zwei Sitze für sich, was sehr entspannend ist) und öffnet eine alte und altmodische Aktentasche aus Sowjetleder. „Ich habe etwas für dich zum Lesen.“ Vorsorglich entgegne ich, dass ich genügend Bücher dabei habe, aber er unterbricht mich: „Oh nein, so etwas hast du noch nicht gelesen.“ Ich befürchte etwas Religiöses, denn wer sonst drängt einem so penetrant Lesestoff auf?

Aus einem Umschlag zieht er einen Stapel mit etwa 80 maschinenbedruckten Seiten. „Ich schreibe Drehbücher. Ich möchte, dass du es liest und mir deine Meinung sagst. Deine ehrliche Meinung.“ Er bräuchte nur 4 Millionen Dollar für die Realisierung, das sei nicht viel für einen Film.

Das Drehbuch ist schon durch viele Hände gegangen, das sieht man. Der Titelseite entnehme ich den Namen des Autors (Benjamin Schatz) und das Jahr der Niederschrift (1982). „Ich habe noch sechs weitere Drehbücher“, droht er, aber dieses scheint das beste zu sein, sonst würde er es nicht immer mit sich herumtragen.

Ich fange an zu lesen, es geht um Cowboys und Pferdewetten, gar nicht so schlecht. Die Dialoge sind gut und flüssig. Als ich auf die Stelle stoße, an der ein alter Kanadier sich daran erinnert, wie er als junger Mann auf einem Frachtzug mitfuhr und in Winnipeg absprang, weil es so aussah, wie wenn es dort Arbeit gäbe, kann ich nicht entscheiden, ob das Skript auf dem Leben des Autors beruht oder ob er sich das Ausgedachte für seine Lebensgeschichte zu eigen macht.

Die Geschichte wird ernster, der Kontrast zwischen Land und Stadt wird zum Thema. Mir gefällt die Karikatur der kanadischen Besessenheit mit Arbeit, Geld und Immobilien. Als ich mein Verdikt abgebe, wird Benjamin fast wütend, dass ich nicht auf Anhieb alle Anspielungen und Verbindungen entdeckt habe. Ungeduldig erklärt er mir, wie der Film zu interpretieren sei.

Wahrscheinlich spricht daraus der Frust über seine Reise, denn, wie er mir sogleich erzählt, ist er mit dem Zug durchs ganze Land gefahren, nach Vancouver, nach Calgary und nach Edmonton, um sein Drehbuch von 1982 zu verkaufen. Die Reise war erfolglos, und wahrscheinlich nicht zum ersten Mal in seinem Leben.

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Zeit fürs Frühstück. Im Speisewagen weist mich der Kellner auf eine Bison-Farm hin. „Gutes Fleisch, sehr zart“, erklärt er beim Blick aus dem Fenster. Leider gibt es das nur in der ersten Klasse. Gestern dachte ich noch, dass einen Pantoffeln und ein Jogginganzug als Zugreiseexperten ausweisen. Heute merke ich, dass dazu ein Essbesteck aus Eisen gehört, um sich nicht mit zerbrechenden Plastikgäbelchen herumärgern zu müssen. Wahrscheinlich sind in der ersten Klasse auch die Messer besser, weswegen es dort – siehe Orient-Express – immer wieder zu Messerstechereien kommt.

Wenn ich so durch den Zug schlendere – eine der angenehmen Aktivitäten, der man im Flugzeug, Bus oder Auto kaum nachgehen kann, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu verärgern – setze ich mich manchmal für einen kurzen Schwatz neben Herrn Schatz. Zeit haben wir ja. Eine Zeitung habe ich auch, und damit nimmt das Unheil seinen Lauf.

Benjamin zeigt auf die Schlagzeile, die Änderungen im kanadischen Asylrecht verspricht oder androht, und kommt in Fahrt, schneller als der Zug, in dem wir sitzen: „Das ist das Thema meines nächsten Drehbuchs! Ich sage Euch schon seit 20 Jahren, dass Ihr zu viele Ausländer in Euer Land lässt“, ereifert er sich. Er glaubt, ich sei Kanadier. Ich frage ihn, wann er denn nach Kanada gekommen ist, aber er bemerkt die Ironie nicht. 1975 ist er ausgewandert oder geflohen.

Ich erkläre, dass ich Migration für etwas ganz Normales halte, dass alle Einwanderergruppen in Nordamerika zuerst als Gefahr gesehen wurden, sich dann aber schnell integriert haben, dass, wenn man von illegaler Einwanderung sprechen will, am ehesten an die europäischen Siedler in Nordamerika denken sollte, dass Menschen als Individuen zu betrachten sind, und dass es schon irgendwie komisch ist, dass ein Russe einem Deutschen in Kanada erklärt, dass Kanada zu viele Ausländer habe. Aber Benjamin ist gar nicht an meinen Einwänden interessiert, merke ich. Er spricht lieber ununterbrochen und antwortet sich selbst. Vielleicht kommt das vom Drehbuchschreiben. Selbst als ich ihn frage, wo er in der Sowjetunion gelebt hatte, und auf die knappe Antwort begeistert kundgebe, dass ich selbst schon in seiner Heimatstadt Chișinău gewesen bin, stoppt ihn das nicht in seinem Redefluss.

Die flache Landschaft ist vielleicht ein geeigneteres Symbol für das Land als die Rocky Mountains, die eine Verwegenheit und Wildheit vorspiegeln, für die in der kanadischen Kultur außer im mythischen Selbstbild kein Platz ist. Eine Durchsage im Zug informiert, dass die Bar nur zum Ausschank eines alkoholhaltigen Getränks pro Person und pro Stunde lizenziert ist. Außerdem kündigt der Schaffner an, dass er beim Geruch von Marihuana-Produkten, zu starken Parfüms und Stinkefüßen einschreiten müsse. Rauchen ist sowieso verboten und verpönt. Soviel zum Wilden Westen. Es sieht nur so aus.

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Ganz so flach wie in Ungarn oder in Holland ist das Land dann doch nicht. Hügelig kann man es aber auch nicht nennen, eher leicht wellig. Eben so, dass die Traktoren und Mähdrescher keine Hindernisse vorfinden.

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Landwirtschaft dominiert die Landschaft. Wir fahren vorbei an kleinen Orten wie Young in Saskatchewan mit putzigen Holzkirchen. Aber die wirklichen Kathedralen sind die Kornspeicher.

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Die Entfernungen zwischen den Orten sehen so aus, wie wenn man zu Fuß einige Tage unterwegs wäre, bis man auf das nächste Haus stößt. Wo in dieser ewigen Prärie wohl der Trans-Kanada-Wanderweg verläuft?

Aus dem Boden wird Kalisalz gewonnen, das dann als Düngemittel auf die umliegenden Felder gestreut wird. Oder, wie es ein alter Herr im Aussichtswaggon erklärt: „Kalium ist ein häufig vorkommendes Alkalimetall, das allerdings in der Natur nur als Kaliumverbindung vorkommt und destilliert werden muss.“ Er spricht weiter von Kaliumsilikaten, Makronährstoffen, Lignin und Turgor.

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Das alles erzählt er nicht mir, sondern einer ihm gegenüber sitzenden jungen Dame, von der mir dir ganze Fahrt über nicht klar wird, ob sie seine Enkeltochter ist oder nicht. Sie nennt ihn Joe, sie teilen sich das Mittagessen, sie holt ihm Bier aus der Bar, aber andererseits erzählt sie Dinge aus ihrem Leben, wie wenn er sie noch nicht kennt. Vielleicht interessiert es ihn aber auch nicht. Wie viele alte Männer in diesem Zug hört er sich lieber selbst sprechen. Mir schwant, dass ich auf dieser Reise meinem zukünftigen Selbst begegne.

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Ich hatte mir eigentlich ein Buch mit in den Aussichtswaggon genommen, aber Joe ist nicht nur ziemlich laut, sondern auch fasziniered. Der Kontrast zwischen Phänotyp und Rhetorik könnte nicht stärker sein. Er sieht aus wie ein Farmer, mindestens 80 Jahre alt, mit weißen Haaren. Er schlurft gebückt durch den Zug, muss sich ständig festhalten, um nicht umzufallen. Seine Hose wird durch die Hosenträger etwas zu hoch gezogen. Ob er noch Zähne hat, kann er geschickt verbergen. Er sieht aus wie Spencer Tracy in „Wer den Wind sät“.

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Und genauso eloquent spricht er, jetzt nicht mehr über Agrarökonomie, sondern über die Bourgeoisie vor der Französischen Revolution, das Orakel von Delphi, über Sparta, die Amazonen und den Isthmus von Panama. Langsam erzählt er, aber gewählt im Ausdruck und mit einer Überzeugung, wie wenn er all das Angelesene selbst erlebt hat.

Der nächste Ort, der einen Halt, wenn auch nur von zehn Minuten, rechtfertigt, ist Melville in Saskatchewan. Das örtliche Eishockey-Team heisst, ganz kanadisch-kapitalistisch, Melville Millionaires. Vielleicht fiel den Gründern aber nur keine bessere Alliteration ein.

Das alte Bahnhofsgebäude wird nicht mehr genutzt, soll aber restauriert werden. Wie so oft in Kanada muss das privat finanziert werden. Ein Poster kündigt für den 27. April 2019 einen Auftritt der Band Soul Deep an, bei dem zu diesem Zweck 60 $ Eintritt zu berappen sind. In einer Stadt voller Millionäre sollte das kein Problem sein.

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Es ist ein wunderbar sonniger Tag, aber auf dem Bahnsteig pfeift der Wind so stark, dass der Lokführer während des Halts den Fuß auf die Bremse drücken muss, damit der Zug nicht weggeblasen wird. Jetzt verstehe ich, warum es in der Mitte des Landes auf den Wetterkarten immer so bitterkalt ist.

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Was ich hingegen nicht verstehe, ist die Abwesenheit von Windkraft- und von Solaranlagen. Hier hat man Fläche, Sonne und Wind im Überfluss, dazu eine Bevölkerung, die gerne Geld verdient und sich nicht zu Demonstrationen aufrafft, wenn etwas gebaut wird. (In Kanada gibt es Proteste, wenn etwas nicht gebaut wird.)

Zurück im glasüberdachten Panoramawaggon monologisiert Joe noch immer, jetzt über die schwindende Bedeutung der OPEC, die notwendige Reform des Wahlrechts, Belize und Curaçao als mögliche Orte für den Ruhestand (wie alt will der denn werden?), Bitcoins und die Aufteilung der Zugpassagiere nach Klassen. Manchmal muss er so stark husten, dass man das Lebensende schon hören kann, aber ansonsten lässt er sich kaum unterbrechen.

Joe wäre eine gute Besetzung für die Hauptfigur im Drehbuch von Benjamin, dem ich bald wieder in die Arme und damit, wenn auch nichts ins Messer, so doch ins längere Gespräch laufe. Einerseits ist er gebildet, spricht über Schopenhauer, über Nietzsche, darüber, dass einem die Arbeit als Künstler Flügel verleihe, die einen unabhängig vom Urteil der Mitmenschen und der Gesellschaft machen. „Wenn du ein Intellektueller bist, dann weißt du das selbst. Das muss dir niemand bestätigen.“ Aber er bereut, dass es ihm einfach nicht liege, seine Werke zu verkaufen. Das kann ich nun wirklich nachfühlen.

Andererseits lebt er in der Vergangenheit, spricht wohlwollend von Lenin, befürchtet böse westliche Machenschaften hinter jeder Ecke: „Alles, was du über Russland hörst, ist Propaganda.“ Er lebt noch im Kalten Krieg. Den Volksaufstand in der DDR von 1953 nennt er beharrlich einen „Putsch“ und ist stolz darauf, dass er ihn mit seinem Panzer niedergeschlagen hat. Und er merkt gar nicht, wie dämlich es ist, dass ein jüdischer Sowjetflüchtling aus Moldawien in Kanada mit russischem Akzent auf Migranten schimpft.

Die alten Männer im Zug bieten mehr Unterhaltung als die von Via Rail engagierten Musiker, die auf dieser Fahrt allerdings auch ganz gut sind. Das Publikum auf der Strecke durch das Landesinnere ist etwas anders als auf der durch die Rocky Mountains. Weniger Touristen, dafür mehr Leute, die einfach Zeit haben. Oder vielleicht Angst vor dem Fliegen.

Landschaftlich ist es tatsächlich weniger reizvoll als die Fahrt durchs Gebirge, das war zu erwarten. Aber dafür ist die Fahrt entspannter, weil ich nicht ständig von links nach rechts springen muss, um Fotos von Bergen und Flüssen zu erhaschen.

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Der Schaffner läuft ganz begeistert durch den Zug und kündigt an, dass wir die Verspätung mehr als eingeholt haben und früher als erwartet in Winnipeg ankommen werden. „Das ist mir schon seit zwei Jahren nicht mehr untergekommen“, staunt er selbst.

Vor Winnipeg wird es dann wirklich flach, so dass der von Hosea gesäte Wind gänzlich ungestört und noch immer unerklärterweise ungeerntet über die Prärie streift. Die Sonne verschwimmt hinter diesigen Wolken, unspektakulär wie die ganze Fahrt. Aber dennoch packt mich Wehmut, als sich die Hauptstadt von Manitoba nähert. Der Zug ist zur Wohnung geworden, die Mitreisenden und die Schaffner zu Mitbewohnern. Komische Käuze zwar, aber interessante Charaktere, wie aus einem Roman von John Steinbeck. Insbesondere Joe erinnert mich an einen Landwirt aus dem „Tal des Himmels“, der sich eine Enzyklopädie und die griechischen Klassiker einverleibt.

Die Großzügigkeit im Umgang mit der Zeit führt selbst für die Weiterreisenden zu einem Aufenthalt in Winnipeg von drei Stunden. So können sie ausreichend rauchen, spazierengehen und vielleicht eine Dusche aufsuchen. Als ich mich von Benjamin verabschiede, sagt er, dass er gar keine Ahnung hat, wo er nun wohnen wird. Sein Haus hat er nämlich verkauft, um den Film zu finanzieren. „Aber“, fügt er selbstironisch hinzu, „da das nicht geklappt hat, habe ich jetzt einen Haufen Geld.“ Womit der Beweis erbracht ist, dass man vom Schreiben doch leben kann.

Praktische Hinweise:

  • Alle Informationen, Fahrpläne und Buchungsmöglichkeiten gibt es bei Via Rail.
  • Im Sommer fährt der Zug dreimal, im Winter zweimal pro Woche.
  • Wenn Ihr flexibel seid, versucht verschiedene Daten, denn die Preisunterschiede sind enorm. Im Sommer ist der Zug angeblich ziemlich ausgebucht, und ab 1. Juni werden die Preise verdoppelt, wie mich ein Schaffner vorgewarnt hat. Die gesamte Strecke von Vancouver nach Toronto gibt es in der Nebensaison ab 466 $ (= 300 €). Günstiger geht es kaum, außer mit Rabatt für Jugendliche oder Senioren. Vielleicht waren deshalb so viele alte Männer im Zug.
  • Ich konnte den Fahrschein nicht mit meiner europäischen Kreditkarte buchen und musste deshalb ins Reisebüro gehen. In der Nebensaison kann man aber aber anscheinend auch am Abfahrtstag noch problemlos Tickets am Bahnhof kaufen, einige der Mitfahrer haben dies getan.
  • Unbedingt mitnehmen: Ein Buch, eine Decke für die Nacht, Hausschuhe.
  • Internet gibt es nur an den großen Bahnhöfen. (Ich fand die Internetfreiheit übrigens super. Dadurch waren die Leute viel kommunikativer.) Steckdosen gibt es an jedem Platz.
  • Ein Tipp für absolute Sparfüchse: Der Wasserhahn im Bad ist hoch genug, um mitgebrachte Wasserflaschen aufzufüllen. So müsst Ihr an Bord nichts für Getränke ausgeben. Und wer noch mehr sparen will, findet sicher eine leere Plastikflasche im Mülleimer des Abfahrtsbahnhofes. – Wie ich immer sage, Reisen muss nicht teuer sein.
  • Das Essen im Zug ist relativ preiswert (hier die Speisekarte), aber wer wirklich sparen will, bringt natürlich alles mit. Kochendes Wasser gibt es kostenlos, so dass man sich Tee und Suppen zubereiten kann.
  • Plant ein paar Stunden Verspätung ein. Auf keinen Fall einen knappen Anschlussflug buchen.

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„Das Tal des Himmels“ von John Steinbeck

Wie wenn ich geahnt hätte, wie schön es in Venta Micena werden würde, nahm ich ein Buch über ein ähnlich schönes Tal für die Lektüre mit nach Andalusien: Das Tal des Himmels von John Steinbeck.

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In diesem frühen Werk, veröffentlicht 1932, zeigte Steinbeck schon viele der Fähigkeiten, die zu großen Werken wie Früchte des ZornsVon Mäusen und Menschen oder Tortilla Flat und schließlich zum Nobelpreis für Literatur führten. Es besteht aus zwölf Kurzgeschichten, die durch wiederkehrende Charaktere lose miteinander verbunden sind, aber die stärkste Verbindung stellt ein gemeinsamer Ort dar: ein Tal in Kalifornien, dessen Schönheit niemand bestreiten könnte und das die eigentliche Hauptperson des Buches ist.

Die Protagonisten sind überwiegend normale Menschen, Landwirte, Ladenbesitzer, Hausfrauen, Lehrer, die meisten von ihnen ganz nett, und auf jeden Fall einprägsam. Steinbeck benötigt nur einen Absatz oder ein paar Sätze über etwas, das sie tun, das sie sagen oder auch, was sie nicht sagen, um die Charaktere zum Leben zu erwecken.

186369Wie bei den meisten Büchern von Steinbeck gibt es nicht immer ein gutes Ende, aber es ist weit weniger herzzerreißend als manche seiner späteren Werke. Und auch wenn eine Geschichte traurig oder melancholisch endet, wird dies überschattet von der Bewunderung für die wunderbare Erzählweise. Als ich auf der Veranda saß, schloß ich das Buch nach einem jeden Kapitel, weil ich über die Menschen nachdenken wollte, deren Leben mir präsentiert worden waren. Bei allen von ihnen verspürte ich den Wunsch, sie persönlich kennenzulernen. Sogar die Menschen mit negativen Charakterzügen, wie der Bauer, der ständig mit seinem Reichtum angibt, führen nicht zur Ablehnung, eher verspürt man Mitleid.

Vielleicht sind die einzelnen Schicksale weniger wichtig, denn das Tal war immer noch da, im Buch und im echten Leben, und das Tal würde weiter für die Menschen sorgen.

Mein persönlicher Lieblingscharakter ist Junius Maltby.

Die Leute im Tal erzählten sich viele Geschichten über Junius. Manchmal verabscheuten sie ihn mit dem merkwürdigen Hass, den fleissige Leute für faule empfinden, und manchmal beneideten sie ihn wegen seiner Sorglosigkeit; oft aber hatten sie Mitleid mit ihm, weil er so planlos in den Tag hineinlebte. Niemandem im Tal fiel auf, dass er glücklich war.

Andreas Moser Western poster

Links:

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  • Mehr über Bücher, einschließlich meiner Wunschliste. Vielen Dank an Jacqueline Danson, die mir dieses Buch – und viele andere – geschickt hat!
  • Mehr über Venta Micena.
  • Read this review in English.

 

Veröffentlicht unter Andalusien, Bücher, Fotografie, Spanien, USA | 1 Kommentar

„Couchsurfing im Iran“ von Stephan Orth

Couchsurfing, das kostenlose Übernachten bei bis dahin Fremden, ist eine gute Möglichkeit, Land und Leute kennenzulernen. Das gilt umso mehr in Ländern, in denen man die Sprache nicht spricht und wo man ohne örtliche Hilfe etwas aufgeschmissen ist. (Eine meiner besten Couchsurfing-Erfahrungen war zum Beispiel in Abchasien.) Und der Iran ist sowieso ein fantastisches Reiseland.

Couchsurfing im IranStephan Orth, ein deutscher Journalist, dachte anscheinend ebenso und reiste einen Monat kreuz und quer durch den Iran, wobei er, wann immer es ging, bei Einheimischen übernachtete, von ihnen über das Leben im Iran erfuhr und sich die Ecken zeigen ließ, an die man als Tourist sonst nicht kommt, wie die Schlachtfelder aus dem Irak-Iran-Krieg.

Leider bleibt das Buch jedoch weitgehend an der Oberfläche. Natürlich macht er die gleiche Erkenntnis wie jeder Iran-Reisende, dass es einen öffentlichen und einen privaten Iran gibt. Sobald man über die Türschwelle tritt, fallen die Kopftücher, die westliche Musik wird aufgedreht, von irgendwoher kommt Alkohol geflossen, und die Diskussionen sind offen, und unzensiert. Allerdings hat Orth anscheinend hauptsächlich Menschen getroffen, die Freiheit im Konsum- oder anderweitigen Rausch suchen. Ein paar persische Poeten sind auch dabei, aber was mich doch sehr stutzig macht, ist dass in einem 2015 erschienen Buch niemand über die Grüne Revolution von 2009 spricht. Kein Wort im ganzen Buch. Das glaube ich einfach nicht. Vielleicht will der Autor seine Gastgeber schützen, aber dann hätte er die politischen Diskussionen den bekannten anonymen Taxifahrern in den Mund legen können.

Fast schon infantil wirken die vielen eingestreuten SMS-Nachrichten, die der eigentlich erwachsene Autor mit iranischen Teenagerinnen austauscht. Diese peinlichen Flirtgeschichten bereichern das Buch nicht gerade.

Die Enttäuschung über dieses Buch wiegt schwerer, weil ich vorher „Couchsurfing in Russland“ vom gleichen Autor gelesen hatte. Das war besser, fundierter, informativer. Man hat den Eindruck, dass er nach dem Erfolg mit dem Russland-Buch den Auftrag zur Iran-Reise erhalten hat und unbedingt ein Buch daraus machen musste, obwohl das Material es nicht hergab. Nicht jede Reise muss zu einem Buch werden.

Vielleicht war dem Autor das selbst bewusst, denn an einer Stelle beklagt er sich, dass man „beim Couchsurfing nur eine Gruppe von Menschen trifft, die gebildet ist, gut Englisch kann und sehr modern und internetbegeistert ist.“ Ein wirkliches Spiegelbild der iranischen Gesellschaft lernt man so nicht kennen. Und auch das Tempo der Reise ist einem literarischen Werk nicht zuträglich: „Es ist einer von vielen Tagen im Iran, an denen ich mir wünsche, nicht ständig auf dem Sprung zu sein, von Gastgeber zu Gastgeber zu reisen, sondern einmal länger bleiben zu können und mehr als nur einen flüchtigen Ausschnitt aus einem anderen Leben kennenzulernen.“

Stellenweise spricht Orth interessante und heikle Themen an, die mehr Ausführungen verdient hätten. Dass man als Deutscher als „arischer Bruder“ im Iran besonders willkommen geheißen wird, habe ich selbst erlebt. Sogar im Evin-Gefängnis wurde ich darauf angesprochen. (Daraus sollte mal ein Buch werden!) Auch die ständigen Hitler-Verehrungen im Iran und die neurotische Fixierung auf Israel als angeblichen Hort alles Bösen sind nervig, und es ist Orth anzurechnen, dass er diese Unsitten erwähnt, auf dass vielleicht ein paar Iraner ihre Haltung überdenken oder der nächste Reisende zumindest vorgewarnt ist.

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Glyphosat

Wenn man in Deutschland nur das Wort Glyphosat erwähnt, nehmen alle Reißaus -obwohl sie stattdessen lieber zum Rechtsanwalt rennen und Monsanto/Bayer den Arsch abklagen sollten.

In Kanada hingegen steht in jeder Garderobe ein Kanister Glyphosat für den Hausgebrauch.

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Das hält die Vorgärten schön spießig. Aber um die Eichhörnchen mache ich mir Sorgen.

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