Schöntal und Berlichingen

„Etwas großspuriger Name“, dachte ich, als ich gestern nach Schöntal fuhr. Aber als ich mit der Jagsttalbahn in dem kleinen Ort ankam, musste ich zugeben, dass die Selbstbezeichnung nicht ganz aus der Luft gegriffen war. Es ist tatsächlich ganz schnuckelig dort.

Aber so schön das Tal auch war, die Sonne trieb mich auf die links und rechts davon liegenden Hügel.

Gänzlich unerwartet fand ich dort einen überraschend großen jüdischen Friedhof. Ich meine wirklich groß, vor allem im Vergleich zu den kleinen Dörfern unten im Tal. Mehr als 1000 Grabsteine schlummern da im Wald, schätze ich.

Eine Gedenktafel informiert, dass in Berlichingen einst ein Rabbinat angesiedelt war und dass der Friedhof etwa 400 Jahre alt ist. Das letzte Grab, das ich finde, ist das von Henriette und Samuel Strauß, die im Mai und Juni 1938 verstarben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt bricht bei den meisten jüdischen Friedhöfen in Deutschland die Geschichte ab. Aus den bekannten Gründen.

Weniger bekannt ist vielleicht, dass hier einstmals der Limes, die Grenze des Römischen Reiches, verlief und Deutschland in einen zivilisierten und einen unzivilisierten Teil zerschnitt. Wobei Zivilisation nicht vor Barbarei schützt, wie man an dem oben angedeuteten Thema erkennen kann.

Das vorgenannte Berlichingen ist übrigens tatsächlich das der aus Literatur und Medizingeschichte bekannten Ritterfamilie.

Dort wurde es dann leider grau und regnerisch und ungemütlich, so dass ich die Wanderung abbrechen musste. Aber bald kommt der Frühling!

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Winter ist keine Ausrede, nicht zu wandern

In einer Woche mit nichts als kalten Tagen sollte gestern der am wenigsten kalte werden.

Also verließ ich das Haus für mein wöchentliches Wanderritual, früh genug, um die aufgehenden Sonne hinter dem Wald abzufangen.

Von Oberstenfeld erklomm ich den Hügel zur Burg Lichtenberg, verlief mich im Wald, fand den Feuersee und gelangte schließlich nach Marbach, das ich über seinen nicht mehr als solchen genutzten Galgenberg erreichte. Dort traf ich eine hübsche Katze, mit der ich mir zusammen den Sonnenuntergang ansah.

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Lissabon in Zeiten von Corona, Cholera und Kokain

To the English version.

„Alle Wege führen nach Rom“, sagte man in meiner Jugend, aber seither hat sich Lusitania die Freiheit erkämpft, und alle Wege auf die und von den Azoren führen durch Lissabon. So war ich auf der Hinreise im März sowie der Rückreise im Juni 2020 für ein paar Tage in der portugiesischen Hauptstadt. Im März wurde das Coronavirus gerade einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Im Juni kam ich in eine veränderte Stadt zurück. Zwei Jahre später interessiert das niemanden mehr, aber Ihr werdet sehen, dass ich es beim Niederschreiben meiner Erinnerungen nicht ganz ignorieren konnte.

Viel Spaß beim Stadtspaziergang!

Weil dieser ein bisschen länger geworden ist, habe ich nummerierte Kapitel eingeführt. So findet Ihr leicht den Wiedereinstieg in den Text, wenn Euch die Kinder, der Pizzalieferdienst oder der Chef bei der Lektüre unterbrechen. Oder wenn Ihr dazwischen ebenfalls Lust auf einen Spaziergang bekommt.

1

Die Menschen scheinen vorsichtiger geworden zu sein, denn schon Anfang März 2020 fand sich kein Couchsurfing-Gastgeber mehr bereit, sein Sofa für ein paar Tage bereitzustellen.

So endete ich in einem jener AirBnB-Zimmer, die gerade in schönen und bekannten Städten wie Lissabon die Stadtstruktur kaputt machen, weil nur mehr Touristen vorbeikommen und die Einheimischen vertrieben werden.

Untergekommen bin ich in Campolide, einem Arbeiterviertel, etwas heruntergekommen, aber nicht unsympathisch. Hier sollte die Gentrifizierung noch kein großes Problem sein.

Dachte ich. Doch am Hauseingang hängen sechs Schlüsselboxen, wo sich Touristen den Schlüssel zur Wohnung freikodieren können, ohne mit den sich dumm und dämlich verdienenden Eigentümern je in Kontakt zu treten. Nur die ukrainische Putzfrau, die ansonsten wie im Film „Parasite“ im Keller wohnt, kommt einmal am Tag nach oben, um Toilettenpapier nachzufüllen.

Und dann kann man nicht einmal richtig schlafen, weil zuerst die Flugzeuge dröhnen, dann ein anderer Gast im nächsten Zimmer schnarcht wie ein Leviathan.

2

Eigentlich wollte ich den sonnigen Morgen in einem Park verbringen und mich in die Geschichte Portugals einlesen, aber wie von todesgewisser Geisterhand geführt, stehe ich vor dem Cemitério dos Prazeres, dem Friedhof der Vergnügungen. Vor dem Eingang stehen Fitnessgeräte, davor sitzen rauchende Rentnerinnen, anscheinend auf einen freien Termin wartend. Wer das Sterben beschleunigen will, joggt schweißtreibend und herzinfarktfördernd durch den Friedhof.

Wer hingegen noch länger leben möchte, döst in der Sonne, wie diese zwei Katzen.

Im Friedhof erfahre ich, dass er tatsächlich – ein böses Omen – wegen einer Corona-Epidemie angelegt wurde, im Jahr 1833. Oder war es Cholera?

Der Friedhof ist wie eine kleine Stadt, mit Alleen, mit Rastplätzen, mit Ausblick auf die Golden-Gate-Brücke und mit sozialen Unterschieden wie im Leben. Manche Familien bauen sich Burgen und Paläste. (Ehrlich, wenn das mit der Burg kein Schachgroßmeister war, dann ist es kitschig.)

Andere Stadtviertel sind komplett vergessen.

Und die Gräber der Armen findet man erst, wenn man sich zwischen den megalomanischen Mausoleen durchquetscht. Dafür liegen bei den Armen frische Blumen. Die Kinder der Reichen haben keine Zeit. Sie sind zu beschäftigt, das Geld zu zählen, das sie mit Ferienwohnungen verdienen.

Auch der ständig nervende Fluglärm ist hier genauso schlimm wie in der Stadt selbst.

3

Weder die Fenster, noch die Särge sind für die Ewigkeit gemacht. Immer wieder höre ich, wie ein Sargdeckel aufklappt. Leichengeruch weht durch die Luft, hier und da stolpert man über Knochen.

Wenn ich nicht Corona habe, dann bekomme ich jetzt die Cholera.

4

Zwei Schreine lassen mich etwas ratlos zurück.

Erstens, kann jemand von Euch diese Schrift lesen?

Und zweitens, wie kann ein einzelner Mensch Dichter, Dramatiker, Pädagoge, Historiker, Abgeordneter, Direktor der Nationalbibliothek und Arzt sein, sich im Ersten Weltkrieg freiwillig an die Westfront melden, obwohl Portugal neutral war, 1927 die (erfolglose) Rebellion gegen die Militärdiktatur anführen, zweimal fliehen (zuerst aus Portugal und 1940 vor den Nazis aus Frankreich), mehrfach verhaftet werden und trotzdem 57 Bücher veröffentlichen?

Beeindruckend, was man alles schaffen kann, wenn man sich nicht ständig von diesem Internet ablenken lässt.

5

Vor dem Friedhof wartet die Trambahn Nr. 28. Wie ein Museumsstück sieht sie aus, mit Holztäfelung, Leder von im Stierkampf gefallenen Kühen, Bedienungshebeln aus Messing. Die Fenster in den Holzrahmen sind nach oben geschoben, der Wind weht durch das schnuckelige Gefährt.

6

Nur ein paar Stationen weiter steige ich an der Basílica da Estrela aus. Die alten Frauen gehen in die Kirche, ich gehe in die andere Richtung, auf der Suche nach den Tempeln meiner Religion. Im Estrela-Park steht die kleinste Bibliothek der Welt.

Ich bin ja durchaus ein weitgereister Spezialist für Im-Park-Rumlungern, aber eine Bibliothek, so ein Service ist mir noch nirgendwo untergekommen. Ab jetzt soll sich keine Stadt ohne derartige Infrastruktur mehr als lebenswert bezeichnen.

Eine Statue stellt anscheinend einen feministischen Helden dar, denn nur Frauen knien und sitzen betend davor.

Ein Künstlermarkt verkauft allerlei Tand von Töpferei über Holzstempel bis zu schwarz-weiß-Fotografien. Obwohl das alles niemand braucht, findet es mehr Anklang als die Zeugen Jehovas, die zuerst in zwei Paaren an zwei verschiedenen Orten stehen, sich aber bald so langweilen, dass sie sich an einem Ort im Schatten agglomerieren, Eis schlecken und auf das Ende der irdischen Welt warten. Dabei ist dieser Park doch schon das Paradies.

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„Sie schreiben?“ fragt ein älterer Herr im Vorübergehen, und ich kann es nicht leugnen. Zu warm ist der Füller, zu frisch die Tinte auf dem Papier. Wir können uns nicht tiefschürfend unterhalten, weil er zwar mich, ich aber nicht ihn verstehe. Das ist der Nachteil in Portugal, wo man so ein kaputtes Spanisch spricht, dass seit 1668 selbst Spanier nicht mehr behaupten wollen, dass es Spanisch sei. So versteht der Herr mein bolivianisches Hochspanisch anscheinend gut, aber ich muss raten, was er mir sagen will.

Irgendwas über einen Schriftsteller. Oder über mehrere. Sein Haus oder ihr Haus oder ihre Häuser liegt oder liegen angeblich um die Ecke, gleich hinter dem englischen Friedhof. Oder dem Friedhof der Engel, nicht einmal da bin ich mir sicher. Jedenfalls solle ich ihm folge, bedeutet er mir. Na gut, ich habe eh nichts besseres zu tun.

Der Herr redet sich in Rage, er scheint entsetzt über mein Unwissen. Dabei wirft er mit Namen um sich, wie wenn wir eine ganze Schriftstellerkolonie besuchen. Wir gehen eine kleine Straße steil bergauf, vorbei an einer Apotheke, und stehen vor einem großen Klotz.

Que pena„, sagt der Herr, und das verstehe auch ich.

Mehrere Banner verkünden, dass das Haus des größten Poeten Portugals und die sich darin befindende Bibliothek gerade renoviert werden.

„Na gut, dann komme ich halt nächstes Jahr wieder“, tröste ich meinen Führer, der sich jetzt verabschiedet, traurig darüber, dass der Meister nicht zuhause ist. Und darüber, uns nicht vorstellen zu können.

Aber am Haus steht der Name Fernando Pessoa, so dass ich abends recherchieren kann und tatsächlich auf eine interessante Persönlichkeit stoße. Auch die vielen Namen ergeben jetzt Sinn. Pessoa lebte bis 1935 in Lissabon, die letzten 15 Jahre davon in dem Haus, zu dem mich der Dichterfreund so freundlich geführt hat.

Pessoa war Schriftsteller, Lyriker, Dichter, Übersetzer und hatte anscheinend zu viel Kreativität für nur ein Menschenleben. Neben seinem eigenen Namen schrieb er nicht nur unter Pseudonymen; er schuf Heteronyme, also erfundene Personen, denen er jedoch jeweils einen eigenen Lebenslauf, eine eigene Handschrift, einen eigenen Stil und sogar Horoskope verpasste. Manche von diesen schrieben auf Portugiesisch, andere auf Englisch. Damit es den erfundenen Figuren nicht langweilig wurde, schrieben sie sich gegenseitig Briefe. Und um es noch komplizierter zu machen, erfanden einige der Heteronyme weitere Pseudonyme für manche ihrer Werke, die sie dann gegenseitig in Leserbriefen an Literaturzeitschriften kritisierten.

Insgesamt schrieb Pessoa unter 73 verschiedenen Namen. Als nach Pessoas Tod 1935 eine Truhe mit 24.000 Texten gefunden wurde und die Fachwelt zum ersten Mal eine Ahnung vom Ausmaß seines literarischen Universums erhielt, verhängte das Nobelpreiskomitee sicherheitshalber ein 60-jähriges Moratorium gegen portugiesische Schriftsteller. Man wollte nicht aus Versehen jemanden auszeichnen, der gar nicht echt war.

Vielleicht war der Tausendsassa Jaime Cortesão aus Kapitel 4 auch nur eine von Pessoas Erfindungen…

8

Für den nächsten Tag bin ich zum Mittagessen mit Romeu und Mafalda verabredet.

Die beiden sind für mich unzertrennbar mit Lissabon verknüpft, seit ich 2017 zum ersten Mal in die Stadt kam. Bis dahin kannte ich Romeu nur aus diesem Interweb, aber natürlich schlug ich ein Treffen vor.

„Ja klar, gerne“, schrieb er zurück. Und, wie junge Menschen heutzutage sind: „Melde dich einfach ein paar Tage vorher nochmal.“

Da musste ich die ständig, immer und überall vernetzte Jugend aufklären, dass das nicht ginge, denn ich würde mit dem Schiff aus Kolumbien kommen. Zwei Wochen auf hoher See, ohne Internet, ohne Telefon. Aber ich wüsste bereits, dass ich am 25. Mai mittags um 12 Uhr im Hafen von Lissabon ankäme. Und wenn nicht, dann würde es sicher in der Zeitung stehen. So wie damals bei der Titanic. Oder, passender für Portugal, bei der Lusitania.

Selbst über die transatlantische Entfernung merkte ich, dass Romeu dachte, ich wolle ihn veräppeln. So weit im Voraus einen Termin festmachen? Und dann zwei Wochen ohne jegliche Kommunikationsmöglichkeit? Im 21. Jahrhundert? Romeu und Mafalda, das sollte ich noch erwähnen, arbeiten für irgendein dubioses Internetunternehmen und können sich deshalb ein Leben ohne Interweb gar nicht vorstellen.

So kam ich, zuverlässig, wie man es nur mit dem guten alten Dampfschiff hinbekommt, Punkt 12 Uhr im Hafen von Lissabon an. Und siehe da, während die meisten Passagiere von Reisebussen oder Drogenspürhunden begrüßt wurden, empfingen mich meine zwei neuen Freunde, Romeu und Mafalda.

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Vorspulen in der März 2020. Ich bin wieder in Lissabon. Anruf bei alten Freunden. Verabredung zum Mittagessen in der Pizzeria „Bella Ciao“. Der Name weckt Erinnerungen an Bari.

„Ich habe reserviert, weil da mittags immer wahnsinnig viel los ist“, hatte Romeu gesagt. Aber als wir, pünktlich wie ein Ozeandampfer, um 12 Uhr ankommen, ist das Restaurant leer. Die Wirtin und der Koch sind den Tränen nahe.

„Was ist passiert?“ fragen wir.

„Seit einer Woche haben wir kaum mehr Gäste. Wegen dieses Virus in Italien geht niemand mehr in ein italienisches Restaurant“, erklärt die Wirtin den nicht bestehenden Zusammenhang.

„Dabei sind wir aus Brasilien“, ruft der Koch verzweifelt. „Ich war noch nie in Italien!“

Wir diskriminieren gegen niemanden und nehmen gerne Platz.

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Nach der brasilianischen Lasagne führen mich Romeu und Mafalda über so viele Treppen und Hinterhöfe und Dachterrassen, dass ich mich allein überhaupt nicht mehr zurecht fände. Ich weiß nur, dass wir relativ nah am Hafen, an der Burg und eigentlich ziemlich zentral unterwegs sind, und bin umso beeindruckter, wie ruhig und wohnlich manche Gassen wirken.

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Lissabon ist eine Stadt, die mitdenkt.

Kostenlose Wasserspender überall, damit niemand umkippt.

Grüne Parks zum Ausruhen, falls man doch umgekippt ist.

Tolle Museen zu erschwinglichen Preisen. (Für Studenten gibt es obendrein noch 50% Rabatt.)

Einen öffentlichen Nahverkehr, der einen nicht nur von A nach B transportiert, sondern an sich schon ein Augenschmaus und ein Erlebnis ist.

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Und vor den öffentlichen Toiletten gibt es Wartebereiche, wo sich die Angehörigen derjenigen Touristen, die auf Reisen keine Toilette auslassen können (das sind meist die Handysüchtigen, die unbeobachtet instagrammen und whats-up-chatten wollen), währenddessen in die portugiesische Geschichte vertiefen können.

Liebevoll illustriert, selbst wenn Lissabon mal wieder belagert wird.

Und auch dunkle Kapitel, wie Pogrome gegen sowieso schon zwangsgetaufte Juden, werden nicht ausgespart. (Dazu mehr in Kapitel 30.)

Diese humorvolle, selbstkritische und respektlose Darstellung von Geschichte ist mir viel sympathischer als so Nationalbombast wie beim Entdeckerdenkmal unten am Fluss. Aber das kennt Ihr ja aus meiner Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“. Da ging es bisher schon einmal um Portugal. Zumindest am Ende des für jene Serie typisch weitgezogenen Bogens der Geschichte.

Als ich zu jeder der Tafel an dem Wandgemälde inquisitive Fragen stelle, denken sich Romeu und Mafalda wahrscheinlich: „Oje, wieso kann der nicht wie andere Touristen einfach fragen, wo es das beste Eis gibt?“

Aber sie erklären geduldig die Streitpunkte zwischen Absolutisten, Konstitutionalisten, Cartisten und Setembristen, die 32 Putsche und 17 Revolutionen sowie den Einfluss historischer gewerkschaftlicher Organisationsgrade auf die kontemporäre sozioökonomische Entwicklung in verschiedenen Landesteilen.

Erst als niemand von uns dreien darauf kommt, warum trotz Neutralität im Ersten Weltkrieg portugiesische Soldaten an der Westfront in Flandern kämpften (was ich auf dem Grab in Kapitel 4 erfahren habe), sagt Romeu entschuldigend: „Wir sind ja eigentlich keine Historiker. Wir arbeiten bei Google und dürfen im Büro kostenlos deren Suchmaschine benutzen. Nur deshalb wissen wir ein bisschen Bescheid.“ Aber jetzt ist Home-Office (in Portugal verpflichtend), und die jungen Leute sind vom Schwarmwissen abgeschnitten.

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„Das macht doch nichts“, sage ich, “ ich wollte sowieso noch ins Aljube-Museum gehen.“

Dieses Museum in einem ehemaligen Gefängnis ist, wie sich herausstellt, fast um die Ecke, und so kommt Romeu noch mit. Denn, wie das oft so ist, man war in Yad Vashem in Jerusalem und im Metropolitan Museum of Art in New York, aber man kennt die Museen in seiner Heimatstadt nicht.

Mafalda nutzt die Gelegenheit, um sich abzuseilen.

„Bist du Feminist?“ fragt sie zum Abschied.

„Ich bin noch dabei, es zu werden“, antworte ich.

„Gut. Am Sonntag ist 8. März, Internationaler Frauentag. Wir treffen uns um 15 Uhr am Largo de Camões zur Demonstration.“

Ein ganzer Platz voll Frauen? Da sage ich schon aus ganz unfeministischen Motiven zu.

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Aber jetzt schnell ins Gefängnis. Ins Museum, meine ich. Denn um 18 Uhr macht es zu, uns bleiben nur zwei Stunden für mehrere Stockwerke. Plus Dachterrasse mit Café und Ausblick über die Altstadt.

Es gibt so Museen, da geht man einmal durch, bleibt pflichtschuldig vor ein paar Bildern stehen, denkt sich „hm“ und kommt nie wieder.

Das Aljube-Museum ist genau das Gegenteil.

Interessant, aufklärend, informativ. Wechsel zwischen großer Geschichte und persönlichen Schicksalen. Immer wieder denkt man sich „ah, jetzt kapiere ich das“ und hofft, dass man sich alles merken kann. Es ist ein Museum, wo die Eintrittskarte eigentlich für drei Tage gelten sollte, so dass man sich ausreichend Zeit und Pausen zum Nachfragen und Nachdenken nehmen könnte.

Ich blicke immer wieder nervös auf die Uhr, alle anderen Besucher ziehen an uns vorbei, aber Romeu weiß zu jedem Thema noch mehr zu sagen.

Die portugiesische Geschichte im 20. Jahrhundert ist richtig spannend.

Deutschland und Österreich bilden sich ja viel ein auf ihre wilden Zwanziger Jahre, aber Portugal steht dem in nichts nach. 1910 Revolution, Flucht des Königs, danach alle paar Monate ein Staatsstreich, Putsch oder eine neue Revolution. Tiefpunkt in der Lissaboner Blutnacht 1921. Ach ja, das mit dem Ersten Weltkrieg kam so, weil Deutschland Portugal den Krieg erklärt hatte. (Ist auch ziemlich doof, friedlichen, neutralen und sympathischen Ländern einfach so den Krieg zu erklären. Typisch Deutschland.)

Ab 1926 Militärdiktatur, dann ab 1933 Diktatur unter António de Oliveira Salazar. Aljube, das Haus, indem wir jetzt sind, war eines der Gefängnisse der Geheimpolizei PIDE, die unter anderem bei der Gestapo Nachhilfe nahm. So wie die Wachmannschaften der portugiesischen Konzentrationslager von der SS ausgebildet wurden. Allerdings, so brutal sie auch waren, darf man die portugiesischen Konzentrationslager nicht mit den deutschen gleichsetzen. Die Zahl der Toten lag in den Hunderten, nicht in den Millionen.

Vielleicht auch deshalb spielt die Aufarbeitung der Diktatur nicht die gleiche Rolle wie in Spanien oder in Deutschland (obwohl sie natürlich überall verspätet begann). „Vor ein paar Jahren gab es eine Show im Fernsehen“, erzählt Romeu, „bei der die größten Portugiesen gewählt werden sollten. Salazar gewann mit 41%. Viele Menschen sehen das einfach als ‚gute alte Zeit‘.“ Auf den zweiten Platz kam mit 19% ein Kommunistenführer, und erst auf den dritten Platz ein Diplomat, der Tausende von Flüchtlingen vor dem Dritten Reich gerettet hatte. Danach lauter Könige und Seefahrer.

Im Zweiten Weltkrieg blieb Portugal auch neutral und war tatsächlich ein wichtiges Flucht- bzw. Transitland für Menschen, die vor den Nazis flohen. Die Nazis wiederum hatten natürlich schon Pläne geschmiedet, nicht nur Portugal, sondern auch die Atlantikinseln Madeira und die Azoren zu erobern. Aber das wisst Ihr ja aus meiner bahnbrechenden Recherche von ebendort, in der ich auch die Verbindungen zu Atlantis und zum Heiligen Gral aufdecke.

„Der wirkliche Held“, sagt Romeu trocken, „war der Stuhl, von dem Salazar 1968 fiel und sich eine Hirnblutung zuzog.“ Weil man davon ausging, dass der 79-Jährige nicht mehr lange leben würde, wurde bereits ein Nachfolger gekoren. Als sich Salazars Zustand wieder besserte, traute sich niemand in seiner Umgebung, ihm mitzuteilen, dass es bereits einen neuen Premierminister gab. Man ließ ihn also weiter Kabinettssitzungen abhalten und Anordnungen unterzeichnen, bis er zwei Jahre später endlich starb.

So richtig schlau wird man irgendwie nicht aus Portugal.

18 Uhr, wir sind noch immer im 2. Stock, in den ehemaligen Zellen für die politischen Gefangenen. Ein Wärter erinnert uns freundlich, dass sie jetzt schließen müssen. Schade, denn im 3. Stock ginge es um die Kolonialkriege, die Nelkenrevolution von 1974 und wie alles mit Salazars Verbot von Coca-Cola (und das wiederum mit Fernando Pessoa, dem Schriftsteller aus Kapitel 7) zusammenhängt. Romeu fängt schon wieder an zu erklären, der Wärter ermahnt uns noch zweimal ganz vorsichtig, dass sie nur wegen uns noch nicht zusperren können. (In Deutschland wären wir schon lange angeraunzt, in den USA erschossen worden.)

Na gut, in dieses Museum muss ich sowieso ein zweites Mal gehen.

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Der Amoreiras-Park ist schön, der Schriftsteller Adolfo Simões Müller hat hier eine Statue bekommen, und eine junge Frau sitzt auf einer Bank und lernt für die Universität. Aber hier tummeln sich auch die ganzen Kinder, die wegen Virusgefahr schulfrei haben. Die Menschen in Portugal sind sehr nett und höflich, das habt Ihr hoffentlich schon gemerkt. Nur die Kinder sind ein bisschen ungezogen. Die laufen einfach rum und spielen Ball und so Unfug.

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Da erspähe ich ein rettendes kleines Museum, das für Arpad Szenes und Maria Helena Vieira da Silva. Sie waren Maler, ein Paar und haben sich hauptsächlich gegenseitig gemalt, wie man das von heutigen Paaren kennt, deren Paarsein oft in wenig mehr als im gegenseitigen Fotografieren besteht.

Wenn Arpad mal etwas anderes malen wollte, machte Maria eine Szene: „Was soll das?“ „Das gefällt mir überhaupt nicht.“ „Das kauft niemand.“ Und so weiter, so dass er aus Trotz immer düsterer und unleserlicher malte und damit unbeabsichtigt die moderne Kunst begründete.

Und wenn Arpad sich nicht malen lassen wollte, gestaltete Maria eine U-Bahn-Station.

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Nur gut, dass Fernando Pessoa aus Kapitel 7 keine U-Bahn-Stationen illustriert hat, sonst würden sie siebzehnmal am Tag den Namen wechseln. Mir reicht schon, dass ich immer wieder die Haltepunkte Areeiro und Arroios verwechsle. Mehrmals steige ich falsch aus und laufe den Kilometer zwischen beiden Stationen zu Fuß, vorbei an dem beleuchteten, massiven Springbrunnen am Boulevard Dom Afonso Henriques.

Das ist so ein Bauwerk, bei dem man gar nicht nachschlagen muss, von wann es ist, weil es die Diktatur aus allen Poren atmet. Der Park zu Fuß des Springbrunnens ist übrigens der einzige Ort in Lissabon, wo nachts ein bisschen dubiose Stimmung herrscht. (Und vielleicht noch der Gefängnishügel aus Kapitel 22-24, aber da geht eh kein normaler Mensch hin.)

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Mein nächster Stopp ist der Botanische Garten hinter dem Naturkundemuseum. „Eintritt nur mit Ticket“, steht an der Schranke, aber die nette Dame im Kassenhäuschen sagt, dass ich einfach so reingehen kann. Das sind die kleinen Freuden des Reisenden mit schmalem Budget.

Botanische Gärten sind mein Erholungstipp für jede Stadt. Eine Oase der Ruhe, eine grüne Lunge, ein kleiner Naturdschungel im Großstadtdschungel. Hier hört man weder Autos noch Flugzeuge, und auch die Menschen, die auf der Straße noch hektisch und gestresst waren, werden ganz ruhig und entspannt.

Als eine sehr abgemagerte und zerzauste Katze wehklagend vorbei eilt, bemerke ich meinen eigenen Hunger. Gegenüber vom Botanischen Garten ist das Bistro „Real Principe“, das im Schaufenster ganz leckere Süßsachen offeriert.

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Beim Bestellen vor der Schlaraffenvitrine mischt sich eine Kundin auf Englisch ein: „Sie müssen unbedingt Pastéis de Nata versuchen!“ Dankend greife ich den Vorschlag auf und setze mich und das volle Tablett einfach zu ihr an den Tisch.

Carolina hat ihren Job als Buchhalterin aufgegeben, weil es gleichzeitig zu stressig und zu langweilig war. Eine Kombination, die ich nur zu gut kenne und ein Grund, warum ich nicht mehr als Rechtsanwalt arbeite. Seither zieht sie um die Welt, ohne festen Job, ohne Haus und ohne Bausparvertrag. Das ist angenehm, weil man sich mal nicht erklären muss. Keine doofen Fragen wie „Was machst du, wenn du einmal alt bist?“ oder „Aber was ist mit der Rente?“

Lissabon findet sie „putzig, aber etwas klein“, was mich dann doch aus den Socken haut, weil die Stadt so groß ist, dass ich mich schon am ersten Tag entschieden habe, im Wesentlichen nur das Viertel zu erkunden, in dem ich zufällig gelandet bin. Aber Carolina kommt aus Buenos Aires bzw. New York, da ist sie natürlich anderes gewöhnt. (So wie die Chinesin, die Wien als Kleinstadt empfand.)

Im Überschwang habe ich mir so viel Kuchen aufs Tablett geladen, dass ich jetzt den ganzen Nachmittag damit beschäftigt bin. Dabei wollte ich um 15 Uhr eigentlich auf dem Camões-Platz sein, wo zum Weltfrauentag die Kundgebung stattfindet, die als Frauenstreik angekündigt ist. Das ergibt am Sonntag nur leider wenig Sinn, wenn am Montag die Frauen wieder an der Supermarktkasse, auf der Röntgenstation und in der Bibliothek sitzen, obwohl sie durchschnittlich weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Leider hat niemand mehr den Mut zu einem richtig langen Streik. Und die, die ihn hatten, verschwanden im Gefängnis oder in einem der Lager. Unter anderem auf den Azoren, wie ich im Aljube-Museum (Kapitel 14) gelernt habe. Mal sehen, ob ich dort noch den einen oder anderen alten Exilanten antreffen werde.

Dabei wäre gerade eine Pandemie, die für die nächsten zwei Jahre oder so alles lahmlegen wird, die perfekte Gelegenheit, um mal in Ruhe nachzudenken, welche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung man eigentlich will. Das Hamsterrad anhalten. Eine Pause einlegen. Weniger produzieren, weniger konsumieren, weniger hetzen, öfter mal im Botanischen Garten sitzen. Singen. Schreiben. Lesen. Oder meinetwegen malen.

20

Am frühen Morgen schläft die Stadt noch. Das ist die Gelegenheit, endlich der Frage nachzugehen, die einem beim Spaziergang durch Campolide ins Auge sticht: Wohin führt eigentlich das Aquädukt, das hier überall auf- und dann wieder untertaucht?

Durch intensives Studium von Landkarten, Topographie und der Geschichte der römischen Besiedlung von Olisipo glaube ich, den richtigen Punkt zum Einstieg in diese Wasserleitung gefunden zu haben.

21

Eine alte Frau trägt einen Wasserkanister und ein Riesenpaket Toilettenpapier die Rua Professor Sousa da Câmara hinauf. Die muss ich noch passieren lassen, dann hüpfe ich über eine Mauer, lasse mich einen Schacht hinab und lande im Wasser. In frischem, klaren Trinkwasser, wie es in jedem Park kostenlos aus den Brunnen sprudelt (siehe Kapitel 11).

Ewig lang ist der Tunnel und ziemlich horizontal, was mich verwundert, denn ich dachte eigentlich, am höchsten Punkt in den Aquaverteiler eingestiegen zu sein. Wo kann das hinführen?

Ich wate in die Richtung, aus der das Wasser fließt. Alle 50 Meter oder so kommt Licht in den oberirdischen Tunnel, aber die Fenster sind zwischen 3 und 4 Metern über mir, ich kann also nicht hinausblicken. Außerdem wäre der Ausgang nach oben vergittert.

Getreu dem Motto einer kommunistischen Untergrundzeitung, die ich im Aljube-Museum (Kapitel 14) gesehen habe, gibt es nur einen Weg: Avante! Vorwärts!

Ich bemerke, dass die dicken Mauern den Handy-Empfang und die GPS-Ortung verhindern, so dass ich weder weiß, wo ich bin, noch jemandem mitteilen könnte, dass ich nicht weiß, wo ich bin, aber zwar nicht verdursten, wohl aber irgendwann verhungern werde. Außerdem dürfte ich hier nicht einmal pinkeln, weil es direkt ins Trinkwasser geriete.

Aber da fehlt tatsächlich in einem der Türme das Gitter. Es sind genügend vorstehende Steine sowie Bruchstellen im Mauerwerk, dass ich, wenn auch mit Müh‘ und Not, nach oben klettern und mich in die Freiheit hieven kann.

Es ist, wie wahre Freiheit so ist, ein gleichzeitig atemberaubendes und beängstigendes Gefühl. Ich bin hoch über der Stadt! Auf einem Aquädukt, das seit 300 Jahren steht und sogar das große Erdbeben von 1755 überlebt hat. Ein Wahnsinnsaus- und -anblick. Jedes Stolpern, jeder Fehltritt, jeder Windstoß wäre jetzt tödlich. Ein Schild weist stolz darauf hin, dass ich von hier 65 Meter in die Tiefe fiele.

Aber weil die Leserschaft immer wieder Fotos fordert, muss ich waghalsig von der einen zur anderen Seite klettern. (Ehrlich, diese Fotografiererei bringt mich irgendwann ins Grab. Könnt Ihr Euch nicht damit abfinden, dass ich lieber nur schreibe? Als das Aquädukt gebaut wurde, hat auch noch niemand fotografiert, und alle waren glücklich.)

Faszination siegt über Furcht, und ich gehe jetzt außen, auf der Mauer, nach Westen, wo ich sehe, dass sich die tiefe Senke hebt und den Abstand zwischen Erdball und Ingenieurskunst verringert. Fast laufe ich, wie wenn ich die Gefahr dadurch verringern könnte, so wenig Zeit wie nötig in schwindelnden Höhen zu verbringen. Auf den letzten Metern, wo das Aquädukt mit einem bewaldeten Hügel zusammenwächst, lasse ich alle Vorsicht fallen und renne an das rettende Ufer.

22

Anscheinend schaffen nicht viele den Weg, denn der Berg ist seltsam unbevölkert. Über die Straßen rauscht manchmal ein Polizeiauto. Es gibt Aussichtspunkte mit Unterständen, Park- und Grillplätzen, aber alles sieht ein bisschen verfallen und verlassen aus. Die Rastplätze sehen aus, wie wenn man hier Gefangene exekutieren würde.

Mancherorts steht einsam ein Motorrad oder ein Auto, und wenn ich vorbeispaziere, werde ich misstrauisch und intensiv beäugt. Hier treffen sich wohl die Drogendealer. Und die Freundinnen, die ihre Freunde, sowie die Männer, die ihre Frauen betrügen.

Immer wieder stoße ich im Wald auf die Türme, die anzeigen, dass darunter das Aquädukt verläuft. Oder eines der Aquädukte, sollte ich richtigerweise sagen, denn die Gesamtlänge beläuft sich auf weitverzweigte 58 km. Gut, dass ich den Ausstieg gefunden habe; aus diesen Türmen wäre ich nie entkommen. Und nach ein paar Tagen im Aquäduktlabyrinth (ein tolles Wort für Scrabble!) dreht man wahrscheinlich durch.

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Es ist ein seltsam spukiger Ort, dieser Monsanto-Berg. Auf den Fotos sieht er wahrscheinlich ganz schön und grün aus, aber ich habe ein komisches Gefühl, das ich sonst in der Natur nicht habe. Die Vögel mögen zwitschern, die gelben Blumen mögen blühen, aber hier liegen Niedertracht und Grausamkeit in der Luft, kommt mir vor. Wahrscheinlich gibt es sogar Schlangen.

Von einem der verlassenen Betonbunker, dessen Besteigung nach dem Aquäduktabenteuer ein Kinderspiel ist, bietet sich ein spektakulärer Blick über Lissabon. Jetzt erst sehe ich das von mir überquerte Aquädukt in seiner ganzen Pracht. Wow. Das war vielleicht schon ein bisschen verrückt.

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Als ich mich dem Gipfel nähere, sehe ich ein paar Gebäude. Zuerst vermute ich einen Bauernhof, dann ein Kloster, aber schließlich erkenne ich es: Hier ist also das Gefängnis. Und daneben das Strafgericht. So abgeschieden, dass das Recht auf ein öffentliches Verfahren nur mehr auf dem Papier steht.

Jetzt weiß ich auch, woher die ganze Zeit die negative Aura geweht hat.

Schnell weg hier!

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Nachdem ich den über das Aquädukt zurückgelegten Weg aus der Vogelperspektive gesehen habe und zugeben muss, dass das ein bisschen waghalsig war, bin ich vernünftig genug, die Schwerkraft kein zweites Mal herauszufordern. Es muss ja auch einen anderen Weg zurück nach Lissabon geben, denke ich mir, und schlage die grobe Richtung ein. Und finde einen wahrlich paradiesischen Ort. Eine Wiese, so saftig, grün und friedlich. Von der Sonne bestrahlt, aber nicht brutal und erbarmungslos, sondern sanft und zärtlich. Und dazwischen Bäume. Schöne, seltene Bäume. Meine Lieblingsbäume.

Wo Korkeichen sind, machen Menschen Wein und Pinnwände. Da kann man sich getrost niederlassen.

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Erst am Abend fällt mir ein, dass ich ja noch auf die Azoren fliegen muss. Dort werde ich schließlich zum Housesitting erwartet. Tja, jetzt wird es doch ein bisschen hektisch. Irgendwie den Weg zurück in die Stadt finden, den ersten Bus nehmen, dessen Ziel einem bekannt vorkommt, den Rucksack packen und ab zum Flughafen.

Immer wieder wird vor Taschendieben gewarnt, aber im Bus Nr. 426 steigt an der Haltestelle nach dem Gefängnis (ein anderes als das auf dem Berg; ich meine das mitten in der Stadt, das aussieht wie eine Burg) eine Frau ein und sagt dem Busfahrer, dass sie heute ihre Handtasche im Bus liegen hat lassen.

„Ach ja, die habe ich hier“, sagt er und reicht ihr die Ledertasche.

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Am Flughafen tragen die ersten Passagiere schon Ganzkörperschutzanzüge gegen das Virus.

Und dann geht es auf die Azoren.

Romeu, Mafalda und Carolina hatten zu meinem Reiseziel jeweils nur zwei Aussagen zu machen: „Da gibt es das zarteste Fleisch, den besten Käse und die leckerste Milch“ und „Die sprechen dort so ein komisches Portugiesisch, dass sie im Fernsehen Untertitel verpasst bekommen“. Also wie in der Schweiz. Nur mitten im Atlantik.

Aber drei Monate sind für einen Meisterreporter genug, um zu beweisen, dass es auf den Azoren mehr gibt als nuschelnde Menschen und glückliche Kühe. Bald würde ich explodierende Vulkane, haarsträubende Überfälle, im Sturm sinkende Fähren und abgefackelte Klöster überleben, christliche Geheimgesellschaften infiltrieren und im Büro der Deutsch-Atlantischen Telegraphengesellschaft spionieren. (Letztere Geschichte ist so geheim, dass ich mich noch gar nicht getraut habe, sie zu veröffentlichen.)

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Vorspulen: drei Monate später.

Die Auszeit auf den Azoren war wunderbar, aber irgendwann gingen wieder Flüge, wenn auch mit Umwegen, und ich musste zurück aufs Festland. Wie schon festgestellt, führen alle Wege durch Lissabon, und so bleibe ich auch im Juni 2020 ein paar Tage in dieser hübschen Stadt hängen.

Aber es ist eine andere Stadt als sonst.

Auf der Praça do Comércio, dem Platz des Handels, hatte Mafalda im März erstaunt ausgerufen: „Ich habe hier noch nie so wenige Leute gesehen!“

Drei Monate später, im Juni, sieht der berühmteste Platz Lissabons so aus:

Vor drei Monaten erschienen noch Artikel über Overtourism. Jetzt ist die Stadt zwar nicht ganz menschenleer, aber auch nicht geschäftiger als eine unbedeutende Kreisstadt. So ruhig war Lissabon nicht mehr seit der Zerstörung durch die Wikinger im Jahr 844. (Weswegen es nicht so lustig ist, sich als Reisebüro „Wikinger-Reisen“ zu nennen und erneut in Lissabon einzufallen.)

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Im Bus Nr. 736 ermahnt der Fahrer einen Passagier lautstark, seine Schutzmaske richtig aufzusetzen. Er hört sich fuchtig an, dabei meint er es nur gut. Es steigt nämlich gerade ein Polizist ein.

Die Polizeibeamten in Portugal tragen übrigens ihren Vor- und Nachnamen auf der Uniform, was sie anders als ihre deutschen Kollegen nicht als Generalverdacht auffassen, sondern was zu einem höflicheren und zivilisierten Umgang (beiderseits) führt.

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Ich muss ein paar Tage in Lissabon bleiben, bevor ich nach Deutschland fliegen kann. (Der grenzüberschreitende Zugverkehr wurde eingestellt. Trampen während einer Pandemie kann zwar funktionieren, aber Lissabon-Amberg ist unter diesen Umständen doch ein bisschen weit.)

Dieses Mal muss ich sogar ohne Romeu und Mafalda auskommen. In Portugal nehmen die Menschen die Gesundheit ihrer Mitmenschen ernst. Sie bleiben zuhause. Hier gibt es nicht so Krawalle wie in anderen Ländern, nicht diesen kurzsichtigen Egoismus. Hier gibt es Schutzmasken für alle, kostenlos ins Haus geliefert. Impfungen für alle, hervorragend organisiert. Home-Office, aber mit Schutz vor Störungen außerhalb der Arbeitszeiten.

Portugal ist so, wie die Welt sich Deutschland vorstellt: gut organisiert, lösungsorientiert, sachlich. Nur dass es hier tatsächlich stimmt. Zudem noch sympathisch, herzlich, menschlich. Ohne Tamtam, ohne Großspurigkeit, ohne Angeberei. Eben ein Land, wo der Staatspräsident selbst in den Supermarkt geht und sich artig in die Schlange stellt.

Oder jeden Tag Schwimmen geht und manchmal Menschen vor dem Ertrinken rettet.

Eine Sache muss ich noch erwähnen, um zu zeigen wie Portugal tickt. Erinnert Ihr Euch an den anti-jüdischen Pogrom in Kapitel 12? Es war nicht der erste. 1492 und 1496 wurden fast alle Juden aus Portugal (und aus Spanien) vertrieben. So weit nichts Besonderes, leider, die Geschichte kennt keinen Mangel an Pogromen. – Aber Portugal gewährt seit 2015 den Nachfahren der im Mittelalter Vertriebenen als Restitution die portugiesische Staatsangehörigkeit. Ohne allzu viel Papierkram, weil über 500 Jahre ja schon einmal die eine oder andere Geburtsurkunde verloren gehen kann.

Und wenn man es nicht mehr aushält, in so einem sympathischen Land zu leben, und zu Drogen greift, dann bekommt man keine Haftstrafe, sondern Hilfe.

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Apropos Drogen:

Dem Drogenhändler an der Ecke Rua da Vitória / Rua dos Fanqueiros it so langweilig, dass er, obwohl er mich jetzt schon als Abstinenzler kennt, jedes Mal zum Kauf von Haschisch, Mariuhana oder Kokain überreden will.

„Ich gebe dir die erste Portion gratis“, bettelt er. „Du würdest mir damit echt helfen. Mein Geschäft ist vollkommen eingebrochen.“

Schon wieder eine Branche, die bei der Rettung von Kleinunternehmen übersehen wird. Und die wahrscheinlich nicht so einen Radau machen wird wie der Autokorso von Jahrmarktschaustellern, der am Abend protestierend durch die Stadt fährt.

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Überhaupt wäre gerade eine gute Zeit für Autokorsos, denn die Straßen sind wie leergefegt.

Ganz allein sitze ich den Parks, die sonst vor Touristen und denen, die an Touristen verdienen wollen, wimmeln.

Die Straßenbahnen drehen leer ihre Runden.

Der Aufzug bei Santa Justa fährt leer auf und ab.

Erinnert Ihr Euch an das Foto vom Flughafen in Kapitel 27, das mit dem Kapuzenmann?

Drei Monate später ist auch der Flughafen wie ausgestorben.

Und ganz allein begehe ich den 75. Jahrestag des Sieges über den Nazifaschismus. Weil Coca-Cola während der Diktatur verboten war (siehe Kapitel 14), darf man in Portugal sogar als Kommunist mit diesem erfrischenden Brausegetränk feiern.

Oje, das ist so ein Foto, das die Bild-Zeitung in 20 Jahren rauskramen und in einer vollkommen konstruierten Geschichte verwenden wird, um meine Karriere zu zerstören. Das sehe ich jetzt schon kommen. Deshalb lasse ich das mit der Karriere lieber gleich sein. Lohnt die Mühe nicht.

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„La Vita è Bella“ steht trotzig an einem geschlossenen Restaurant.

Das Zentrum für traditionelle chinesische Medizin ist verwaist und geschlossen. Wenn es ernst wird, gehen die Leute halt doch lieber zu richtigen Ärzten.

An der Hotel- und Touristikschule prangt noch das Motto „Ordnung und Arbeit“, aber jetzt ist die Zeit für einen geordneten Rückzug. Gar nicht so schlimm, finde ich.

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Am Ufer des Tejo schwappt eine Flasche an den Strand. Ich denke an die Flaschenpost, die ich von den Azoren losgeschickt habe. Wo die jetzt wohl sein mag? Gefunden wurde sie noch nicht. Zumindest hat sich niemand gemeldet. Ob ich das noch erleben werde? Wie viele Flaschenposten wohl gerade auf den Weltmeeren schwimmen? Und wie viele entdeckt werden?

„Hey, Andreas“, ruft plötzlich jemand und reißt mich aus den Gedanken über die Strömungen auf den Weltmeeren.

Habt Ihr auch so Freunde, die überall auf der Welt auftauchen, egal ob Ihr gerade in Wien, in Antwerpen oder eben in Lissabon seid? Bei mir ist das Johann, den ich kenne, seit er mich als Sprecher zu einer TEDx-Konferenz in Târgu Mureș eingeladen hat. Wir lebten damals beide zufällig in dieser sympathischen Stadt in Rumänien, sind aber wohl beide eher zu Weltreisen veranlagt.

Was er in Lissabon macht, lässt sich nicht so genau eruieren. Aber ein paar Monate später kommt ein Film raus, in dem jemand, der erstaunliche Ähnlichkeit mit Johann aufweist, die nordkoreanische Waffenindustrie infiltriert.

Manchmal ist es besser, nicht nachzufragen.

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Ach ja, viele Leute kommen nach Lissabon, um Kacheln zu fotografieren. Ich weiß nicht warum. Es sind halt Kacheln. Oder Fliesen. Ich weiß gar nicht, was der Unterschied ist. Wen das wirklich interessiert, der muss ins Kachelmuseum gehen. Ja, so etwas gibt’s. Manche Leute nehmen diese Azulejos echt ernst.

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Oje, jetzt wollt Ihr sicher wissen, wo das ist? Na gut, die letzten Fotos sind aus dem Garten des Palácio Fronteira. Und weil ich schon dachte, dass Euch der gefällt, habe ich noch ein paar Eindrücke von dort mitgebracht.

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Es ist später Nachmittag geworden im Garten des Palácio Fronteira.

Unter einem Baldachin aus Blauregen sitzt ein Mädchen und liest ein Buch. Es ist gleichzeitig ein schöner und beruhigender Anblick. Wie gut, dass Menschen die Muße haben, sich dem Alltagsstress zu entziehen. Wie weise, dass ihnen solitäre Lektüre wichtiger ist als oberflächliche Gesellschaftigkeit. Ach, wenn doch mehr Menschen erkennen würden, dass ein Buch die eigene Attraktivität viel mehr steigert als teure Handys oder Schuhe.

Verstohlen mache ich ein Foto.

Palacio Fronteira girl with book

Ich will sie nicht stören, aber das Fräulein hat mich inspiriert, und unter dem Glyziniendach versteckt sich die einzige Sitzgelegenheit im Park. Rücksichtsvoll setze ich mich ganz ans andere Ende der Bank, packe ebenfalls ein Buch aus und lese den romantischen Schluss von Remarques „Die Nacht von Lissabon“.

Wir wechseln kein Wort.

Wir wechseln keinen Blick.

Dabei würde mich interessieren, was sie liest.

Nur einmal höre ich, wie ihre Handykamera klickt. Wahrscheinlich hat sie ein Foto von mir gemacht, ebenfalls verstohlen, weil ihr sonst niemand glaubt, dass es noch mehr öffentliche Leseratten gibt. Ich tue so, wie wenn ich es nicht gemerkt habe, und lese unbewegt weiter.

So verbringen wir eine halbe Stunde in der nicht mehr allzu starken, aber noch ausreichend wärmenden Sonne. Jeden Strahl und jede Seite saugen wir auf. Bis die Dame, der das Schloss gehört, vorbeikommt und verkündet, dass sie den Park nun schließen werde, weil es gleich 17 Uhr sei.

Das Mädchen geht vor mir durch das Labyrinth aus Hecken und dreht sich noch einmal neugierig um, als sie durch das große Tor auf die Straße tritt. Wieder gebe ich vor, es nicht zu bemerken. Dann geht sie in die eine, ich in die andere Richtung.

Selten gehen Mann und Frau so glücklich und erfüllt auseinander. Vielleicht sollten wir all unsere Kontakte so abwickeln. Dann gäbe es auch keine Überbevölkerung.

Praktische Tipps:

  • Den Eingang zum Aquädukt findet Ihr in der Calçada da Quintinha, geöffnet von Dienstag bis Samstag, von 10 bis 17:30 Uhr. Eintritt 3 €. Das Aquädukt gehört zum Wassermuseum, das auch Führungen in unterirdischen Tunneln, in Wasserspeichern und in Pumpstationen anbietet.
  • Für das Museum im Aljube-Gefängnis solltet Ihr Euch wirklich ein paar Stunden Zeit nehmen. Es ist eine hervorragende Einführung in die Geschichte Portugals im 20. Jahrhundert. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag, von 10 bis 18 Uhr. Eintritt 3 €.
  • Erst später habe ich erfahren, dass es in Lissabon nicht nur den Botanischen Garten beim Naturkundemuseum (Kapitel 18), sondern auch einen in Ajuda, einen für Tropenpflanzen und wahrscheinlich noch so einige gibt.
  • Der beste Reiseführer zu Lissabon ist der von Johannes Beck aus dem Michael-Müller-Verlag.

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Nordkoreanische Motivationsmusik

Gerade war dieser eine Tag im Jahr, ab dem alles besser wird. Gesünder essen, früher aufstehen, fleißiger studieren, produktiver arbeiten und natürlich Sport, Sport, Sport.

Ganz wichtig bei all diesen Unterfangen ist die richtige Musik!

Wegen des Föderalismus in der Bundesrepublik Deutschland darf das Bundesbildungsministerium leider keine studentenmotivierenden Lieder veröffentlichen. Und die Kultusministerkonferenz kann sich auf kein einheitliches schüler- und studentenmotivierendes Lied einigen, weil Bayern unbedingt etwas mit Humptata-humptata haben will, was alle anderen Bundesländer verständlicherweise ablehnen.

Und so müssen sich hiesige Studenten und Studentinnen zur morgendlichen Motivation bei der nordkoreanischen Propaganda bedienen. (Untertitel aktivieren, falls Ihr kein Koreanisch versteht!)

Auch in der Arbeit flutscht alles viel besser, schneller und produktiver, wenn mehrmals am Tag spontan die Musik aus den Lautsprechern erschallt und die Werktätigen für ein paar Minuten vom Schreibtisch holt. Hier das Arbeitsertüchtigungsballett der Patriotischen Kleiderfabrik Wonsan.

Die Arbeiterinnen wissen genau, wie sie sich zu der schwungvollen Musik bewegen müssen, weil sie von klein auf vor dem Fernseher die nordkoreanische Frühsportroutine verfolgt haben, die das ganze Land fit und beweglich hält. (Oder habt Ihr schon einmal einen dicken Nordkoreaner gesehen? Na gut, den einen. Aber der hat ja auch viel zu tun und keine Zeit zum Fernsehgucken.)

Jetzt wissen wir, bei wem Jane Fonda die Idee mit den Aerobic-Videos geklaut hat.

Oder fällt es Euch grundsätzlich schwer, sich am Morgen zu motivieren und beschwingt in den Tag zu starten? Auch das ist kein Problem. Ihr ruft einfach bei der Zentralen Koordinationsstelle zur Bereitstellung von arbeitswegbegleitender Motivationsmusik an, gebt Uhrzeit und Route durch, und schon wird die Fahrt zum Büro oder in die Fabrik zum Freudenfest.

Aber Vorsicht, manchen Leuten steigt das zu Kopf.

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Letzter Sonnenuntergang 2021

Und so senkt sich die Sonne über ein Jahr, in dem ich fast nichts von dem erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte.

Andererseits hätte ich sowieso keine Zeit für alles gehabt.

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Silvesterwanderung

Zum Jahresende gibt es von mir keine Ansprache. Dafür – und ich weiß gar nicht, wofür sonst – haben wir ja den Bundespräsidenten. Von mir gibt es nur ein paar Fotos von der Wanderung, die ich heute in der Gegend in Baden-Württemberg unternommen habe, in der ich gerade ein Haus, zwei Hasen und zwei Wellensittiche hüte.

Heute – gar nicht wegen Silvester, sondern wegen des Wetters – war mein „sakulärer Sabbat“, den ich einmal pro Woche einlege. Ich bin froh, dass ich zu dieser Routine gefunden habe, einen Tag pro Woche in der Natur und ohne Internet, Telefon oder Arbeit zu verbringen. – Falls Ihr noch einen Neujahrsvorsatz sucht, probiert das doch mal aus!

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Vor hundert Jahren begann die Kanalbuddelei – Dezember 1921: Rhein-Main-Donau-Kanal

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Die Welt macht sich lustig, weil Deutschland über 20 Jahre zum Bau eines Flughafens gebraucht hat. Es gibt dazu einen guten Podcast, „How to fuck up an Airport“, allerdings nur auf Englisch, weil er in Deutschland verboten wurde.

Böse Zungen weisen darauf hin, dass selbst der Suezkanal und der Panamakanal innerhalb von zehn (1859-1869) bzw. acht (1906-1914) Jahren fertiggestellt wurden.

Aber der Vergleich ist unfair. Denn das waren nur 162 bzw. 82 km lange Gräben durch steiniges, unwegsames Gelände oder die Wüste, wo ein Teil des Aushubs von Hand erfolgt und mit Kamelen beiseite geschafft werden musste, wo man mit Malaria kämpfte, enorme Höhenunterschiede überwinden und eine eigene Eisenbahn für Arbeiter und Gerät errichten musste. Jeder muss erkennen, dass das ein Klacks ist im Vergleich zum hochkomplexen Betonieren eines flachen Feldes in Brandenburg.

Für einen passenderen Vergleich sehen wir uns heute ein Kanalbauprojekt an, bei dem Deutschland unter Beweis stellte, dass es so einen Wassergraben ebenfalls ruck-zuck fertigstellen kann.

Nein, ich meine nicht das Kattara-Projekt. Das wäre eher bumm-bumm als ruck-zuck gewesen. (Ist aber auch eine echt gute Geschichte. Lest da mal rein!)

Heute soll es um den Rhein-Main-Donau-Kanal gehen. Der war deshalb notwendig, weil Deutschland zwar gesegnet ist mit den mächtigsten Flüssen der Welt, dem Rhein und der Donau, von diesen der eine in die Nordsee und der andere ins Schwarze Meer fließt, sich diese beiden Flüsse aber leider auf natürlichem Wege nicht kreuzen.

Wenn man also von Köln nach Konstantinopel oder von Regensburg nach Rotterdam schippern wollte, musste man den weiten Umweg über den Ärmelkanal, die Biskaya, den Atlantik, die Straße von Gibraltar, das Mittelmeer und das Schwarze Meer auf sich nehmen. Weil dort hinter jeder Ecke Korsaren und U-Boote lauerten, war das eine gefährliche und lange Fahrt. Deshalb schwimmen da heute noch überall Container im Meer und rammen unschuldige Segelboote auf Weltrekordversuch.

Deutschland war bekanntlich das Land, das den Umweltschutz erfand, und spätestens mit dem Einzug der Grünen in den Reichstag war diese Containerverliererei untragbar geworden.

Auf der Karte oben seht Ihr, dass der Rhein über einen an sich unbedeutenden Nebenarm verfügt: den Main. Dessen Plörre ist so ungenießbar, dass man sie eigentlich nur zum Bewässern von zweitklassigen Weinbergen verwenden kann. Aber, angespornt durch die Nachrichten vom Panama- und vom Suezkanal, hatten die Damen und Herren Ingenieure bald die Idee, die 172 km zwischen Main (und damit Rhein) und Donau mit einem Kanal zu verbinden, was eine durchgehende Wasserstraße von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer schaffen würde.

Für die Freunde der Kanalkunst muss ich hier, schließlich ist dies nicht nur ein Geschichts- sondern auch ein Reiseblog, darauf hinweisen, dass es in Europa Hunderte von Kanälen gibt, die sich allesamt für wunderbar entspannte Wanderungen oder Radtouren eignen. Entlang eines Kanals ist nämlich die Orientierung einfach, so dass man weder auf Landkarte, noch auf sonstwas achten muss, sondern einfach das Plätschern und die Blicke auf die Dampfer genießen kann.

Kleine Kanäle wie in Tschechien, die schon vor 500 Jahren zur Ent- und Bewässerung, zum Betrieb von Mühlen sowie zum Holztransport entstanden (siehe Kapitel 31 meines Berichts aus Marienbad).

Kanal2

Schifffahrtskanäle, die seit der Industriellen Revolution ganz Großbritannien, Belgien, die Niederlande und Frankreich durchziehen.

Zwei Kanäle, die Frankreich durchschneiden, um Atlantik und Mittelmeer zu verbinden.

Der etwas bombastischere Kaiser-Wilhelm-Kanal, der Nord- und Ostsee verbindet (siehe dazu meinen Artikel zur Überquerung dieses Kanals mit dem Zug, den Ihr auf dem Bild rechts oben ins Bild dampfen seht).

Und natürlich die Kanäle durch den Spreewald, wo ich diesen Herbst war.

Ehrlich, Leute, sucht Euch einfach einen Kanal und wandert, schlendert, radelt und staunt! (Und staunt noch mehr, wenn der Weg durch ein Atomkraftwerk führt.) Aber jetzt wieder zurück zu den Untiefen der Kanalbaugeschichte.

Diese Reihe heißt „Vor hundert Jahren …“, also muss es heute um ein Ereignis aus dem Dezember 1921 gehen, wenn Ihr und ich richtig gerechnet habt. Aber weil Weihnachten ist und Eure aus China bestellten Geschenke auf Nimmerwiedersehen in einem dieser Container im Meer schwimmen, packe ich Euch die Vorgeschichte noch gratis dazu.

Und zur Vorgeschichte müssen wir sehr weit zurückgehen. Ins Mittelalter. Zu Karl dem Großen. Dieser Karl war damals noch König, ahnte aber schon, dass er früher oder später zum Kaiser von praktisch ganz Europa gekrönt werden würde (was im Jahr 800 tatsächlich geschah). Als Gründungsvater der Europäischen Union wollte er die Schifffahrt von der Nordsee zum Schwarzen Meer ermöglichen und bat den Hofgeographen, Kartenmaterial zu wälzen, um eine geeignete Stelle zu finden.

Weil die Schiffe damals kleiner als heute waren, konnten sie auch die dünnen Nebenarme der großen Flüsse befahren. In der Nähe von Treuchtlingen fließen die Rezat und die Altmühl nur wenige Kilometer aneinander vorbei. Die eine fließt in den Rhein, die andere in die Donau, also musste man sie nur noch verbinden.

Und so begann tatsächlich der Bau des etwa 3 km langen Karlsgrabens oder der „Fossa Carolina“. Im Jahr 793.

Man denkt sich jetzt: „Hui, ein Kanal vor 1228 Jahren??“, aber das war bei weitem nicht der erste. Ägypter, Perser, Chinesen und Römer hatten schon Kanäle gebaut. Den Weltrekord hatte natürlich wieder China aufgestellt, mit dem 1800 km langen Kaiserkanal.

Ich will das nur sagen, falls noch jemand glaubt, Europa oder gar Deutschland sei die Wiege der Ingenieurskunst. Ist es nicht. Denn der 3 km lange Karlsgraben wurde nie ganz fertiggestellt.

Vielleicht verlor Karl das Interesse und wandte sich anderen Projekten zu. Vielleicht hatte er im Kino „Die Höllenfahrt der Poseidon“ gesehen und war plötzlich gar kein Freund von Schiffsreisen mehr. Oder ihm fiel ein, dass Kolumbus, Magellan und Vespucci die Seefahrt erst 600 Jahre später erfinden würden, so dass wirklich keine Eile bestand. Oder irgendwas mit Klaus Wowereit und Pfusch am Bau. Vielleicht war auch einfach der Boden in Franken zu weich, so dass der Graben immer wieder schnell versandete.

Graben heißt heute noch der Ort in der Nähe des bald aufgegeben Projekts, und dort kann man tatsächlich ein Stück dieses historischen Weltenverbindungsversuchs bewundern. Wenn Ihr in der Nähe seid, macht doch einfach eine kleine Wanderung.

Und dann kam das Mittelalter. Lange, dunkel und langweilig. Keine Kanäle, keine Großprojekte, keine Kreativität. Nur im Kloster sitzen und Bibeln kopieren. (Ich weiß, dass das Mittelalter objektiv auch interessant sein kann. Aber dafür gibt es andere Blogs. Vermute ich. Falls sie nicht auf dem Scheiterhaufen geendet sind.)

Mit unserem Kanal passiert jedenfalls nichts. Schiffe fahren um die Welt, „entdecken“ Indien, Australien, Hongkong, Madagaskar und Amerika, aber niemand kümmert sich mehr um die Verbindung von Rhein und Donau.

Erst im 18. Jahrhundert erinnerten sich ein paar Ingenieure und Ökonomen an die Kanalbauidee. Aber diese Diskussionen versandeten wie der Karlsgraben. Geldmangel war jetzt das Problem, denn das düstere Mittelalter war vom düsteren Kapitalismus abgelöst worden.

Auch Napoleon, der Karl den Großen als europäischen Oberkaiser abgelöst hatte, mischte ein bisschen mit, wurde aber auch bald wieder abgelenkt. Ausarbeiten eines Zivilgesetzbuches, Kreuzzug nach Ägypten, Schlacht bei Stalingrad, Badeurlaub auf Elba, solche Sachen.

Erst als Bayern, einst von Napoleon zum Königreich erhoben, von diesem unabhängig wurde, kam etwas Schwung in die Sache. König Ludwig I. wusste, dass sein Enkel Ludwig II. dereinst nur prächtige Schlösser und Opernhäuser und so bauen lassen würde. Das sollte sich zwar langfristig als gut für den Tourismus herausstellen, aber das war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht absehbar, weil Tourismus damals verboten war.

Wenn Euch meine höchstpersönliche Wanderung nach Neuschwanstein samt Einführung in die bayerische Geschichte interessiert, so sei meine 9-teilige Serie dazu wärmstens empfohlen.

Anders als der spätere Märchenkönig dachte Ludwig I. eher praktisch. Anlässlich seiner Hochzeit gründete er 1810 das Oktoberfest. 1821 gründete er Griechenland, dem er 1832 noch seinen Sohn Otto als König schenkte. (Zum Dank erhielt Deutschland die Zusage, dass in jedem noch so kleinen Ort ein griechisches Restaurant eröffnen würde.) 1835 baute er die erste Eisenbahn in Deutschland. Da überrascht es nicht, dass er auch den alten Kanalplan vom alten Karl aus der Schublade holte.

Zwischen 1836 und 1846 wurde der Ludwig-Donau-Main-Kanal über eine Länge von 172 km errichtet. Diesmal wurde er tatsächlich fertiggestellt. Und sogar in Betrieb genommen. Zwischen Bamberg und Dietfurt tuckerten die Kauffahrteischiffe, um endlich eines der schönsten Wörter aus dem Grundgesetz (Artikel 27) zu verwenden, über diese Meisterleistung der Ingenieurskunst und lobten alle Beteiligten, vom König bis zum Kanalaushubarbeiter, vom Ingenieur bis zum Imbissbudenbetreiber.

Und heute loben die Fahrradfahrer den Ludwigskanal.

Eigentlich ein bisschen traurig: Da baut man ein Wunderwerk der Technik, mit 100 Schleusen zur Überwindung der Höhenunterschiede, zur Verbindung des ganzen Kontinents, zur Umwälzung des Welthandels, und jetzt fahren da Rentner mit ihren Elektrofahrrädern von einer Kneipe zur nächsten.

Das Problem für den Kanal war, dass zeitgleich die Eisenbahn gebaut wurde. Die war erstens schneller. Zweitens konnten die Schienen direkt auf die Fabrikgelände gelegt werden, so dass das Umladen im Hafen entfiel. (Die dadurch eingesparten Hafenarbeiter machten daraufhin Revolution, was zum Ende des Königreichs Bayern führte. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Auch auf den zeitgenössischen Fotos schob sich die Eisenbahn schon frech ins Bild.

Drittens wurde der Kanal war bald zu schmal. Das geht mittlerweile selbst den größten unter den Kanälen so. Der Suez- und der Panamakanal müssen immer wieder den Gürtel breiter schnallen, weil die Schiffe immer fetter werden. (Dank Euch, die Ihr immer mehr Schnickschnack und immer breitere Flachbildschirme aus China und Korea bestellt.)

Und selbst nach der Verbreiterung bleiben manchmal noch Schiffe stecken, weil der griechische Kapitän dachte, dass die ganze Flasche Ouzo nur für ihn allein bestimmt sei.

Wenn Ihr die hübschen Bilder vom putzigen Ludwigskanal seht, könnt Ihr leicht erahnen, dass da kein Schiff mit 14.000 Containern durchpasst. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die ganzen Schlachtschiffe und Flugzeugträger zu Transportschiffen um- bzw. abgerüstet wurden, war schon erkennbar, dass die Zeit der kleinen Kanäle bald vorbei sein würde. Und damit sind wir im Jahr 1921, wie es sich für diese Reihe „Vor hundert Jahren …“ geziemt.

Der Freistaat Bayern und das Deutsche Reich schlossen im Mai 1921 einen Staatsvertrag, in dem sie sich zum Bau eines neuen, größeren, schöneren und rundherum besseren Main-Donau-Kanals verpflichteten. Markus Söder, der damalige bayerische Minister für Dampfplauderei, versprach „einen Kanal, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat – und alles ohne Tempolimit!“ Dann passierte nichts, weil man vergessen hatte, die Finanzierung zu regeln.

Nun gibt es zur Kanalfinanzierung bekanntermaßen zwei Alternativen:

Man kann, wie beim Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal, eine Zigarettenmarke auflegen, mit der sich das Volk mit jedem Atemzug an der Finanzierung des Kanalbaus beteiligt. Daher kommt übrigens die Redewendung „gib mir noch eine für den Kanal“, mit der man in Russland Zigaretten schnorrt. (Ja, man lernt auch praktische Sachen auf so einem Geschichtsblog.)

Die Belomorkanal-Zigaretten gelten als die stärksten Zigaretten der Welt. Das kann auch daran liegen, dass – ein weiteres Wunderwerk der Ingenieurskunst – die Fabrik innerhalb weniger Stunden auf 7,62-mm-Munition für die Kalaschnikow umgestellt werden kann. Wenn dann wieder Zigaretten abgefüllt werden, kann es eben passieren, dass ein bisschen Schwarzpulver und Uranstaub in den Tabak geraten. Und damit wisst Ihr, warum die Lebenserwartung für Männer in Russland 10 Jahre geringer als in Deutschland ist.

Die zweite Alternative ist die Gründung einer Aktiengesellschaft. Und eben diese wurde als Rhein-Main-Donau-Aktiengesellschaft am 31. Dezember 1921, also vor genau einhundert Jahren, aus der Taufe gehoben. Und ab da wurde gebaut und gebuddelt, gebaggert und betoniert.

Irgendwann fiel den Deutschen auf, dass die Donau ihnen gar nicht ganz gehörte, also marschierten sie 1938 in Österreich ein. Es folgte – immer im Einklang mit dem Baufortschritt – die Eroberung Serbiens, Ungarns und schließlich Rumäniens, wo man endlich das Schwarze Meer, das Ziel aller Träume, erreicht hatte. Die Aktionäre des Suezkanals (Großbritannien und Frankreich) sowie des Panamakanals (USA) fanden das nicht so lustig und erklärten der Rhein-Main-Donau-Aktiengesellschaft, vertreten durch das Deutsche Reich, den Krieg.

Falls das alles neu für Euch ist, zeigt das nur, wie sträflich Wirtschaftsgeschichte im Schulunterricht vernachlässigt wird. Aber dank dieses Blogs habt Ihr die Chance, Eure Lehrer mit einem erfrischenden Referat zu überraschen. Und denkt dran: Mit einer Eins im Zeugnis darf man in Bayern kostenfrei Zug fahren.

Letztendlich fertiggestellt und eröffnet wurde der Rhein-Main-Donau-Kanal im Jahr 1992. Nur 1200 Jahre nach der Fossa Carolina. Und das dürfte wirklich Weltrekord sein.

Seither flutscht der Warenverkehr zwischen Nordsee und Schwarzem Meer. Oder vielmehr: Er könnte flutschen. Denn da gibt es noch ein kleines Problem. Der Donauhafen am Schwarzen Meer, das Tor zu Europa und zur Welt, ist das rumänische Constanța.

„Hübsche Stadt,“ denkt Ihr jetzt zurecht, „wo ist das Problem?“

Das Problem ist, dass Rumänien zwar in der Europäischen Union, aber noch nicht im Schengen-Raum ist. Obwohl das Europäische Parlament und die Europäische Kommission dem Beitritt schon lange zugestimmt haben.

„Wo ist das Problem?“ fragt Ihr erneut.

Tja, es gibt da einen kleinen EU-Mitgliedsstaat, der immer wieder sein Veto einlegt: die Niederlande.

„Warum das denn?“ fragt Ihr Euch. Es ist ganz einfach: In den Niederlanden liegt Rotterdam. Der größte Hafen Europas. Und solange die zusätzlichen Grenzkontrollen, die Wartezeiten und der Papierkram die Fahrt durch Rumänien umständlicher machen, fahren viele Reedereien lieber den Umweg über Mittelmeer, Atlantik und Ärmelkanal – nach Rotterdam. (Ein anderer Grund ist, dass die Schiffe bei der Fahrt auf dem Meer schmutzigeren Treibstoff verwenden und ihren Müll entsorgen können. Außerdem stören auf der Donau die Brücken.)

Ach ja, der Hauptstadtflughafen in Berlin funktioniert noch immer nicht richtig und hat für das Frühjahr 2022 die Insolvenz angekündigt. Deutschland und Großprojekte, eine Erfolgsgeschichte seit Karl dem Großen!

So, das war’s für 1921.

Schaltet auch nächstes Jahr wieder ein, wenn wir mindestens einmal im Monat genau hundert Jahre zurück reisen. 1922 ist so viel passiert, von der Entdeckung Tutanchamuns bis zur Unabhängigkeit Irlands, von der Grundsteinlegung Brasilias bis zum Kampf gegen den Alkohol in Skandinavien, vom kompletten Chaos in Litauen bis zur Gründung der Transkaukasischen Föderativen Sozialistischen Sowjetrepublik. Und ein bisschen Familiengeschichte.

Hunderte von Themen tummeln sich schon auf meiner Liste, aber Wünsche, Vorschläge und Gastartikel sind gerne willkommen. Ebenso wie Eure Spenden, die mir diese Arbeit erst ermöglichen. Vielen Dank an alle Unterstützerinnen und Unterstützer, und ein spannendes 1922/2022!

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Abkürzung durchs Atomkraftwerk

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Der Neckar ist ein hübsches Flüsschen.

Nicht so übertrieben wie der Nil. Nicht so begradigt wie der Rhein-Main-Donau-Kanal. Nicht so reißend wie der Sambesi. Aber auch nicht so langweilig wie die Vils.

Einfach ein Fluss mit vielen Schleifen und Schlaufen, mit steilen Weinbergen am Ufer, und hier und da ein kleiner Ort mit hübschen Fachwerkhäusern.

Am Vormittag ist schönes Wetter, und ich wandere am Westufer dieses Wasserlaufs flussaufwärts, irgendwo zwischen Heilbronn und Bietigheim-Bissingen-Besigheim. So genau weiß ich das nicht, denn das Schöne am Flusswandern ist ja, dass man sich nicht verlaufen kann, also auch nicht auf den Weg achten muss.

Gegen Nachmittag wird das Wetter grau und ungemütlich, so dass ich mich zum Umkehren entschließe. Weil ich nach dem West- auch das Ostufer kennenlernen will, wandere ich noch zur nächsten Brücke in Kirchheim, überquere den noch immer nicht tosenden Fluss und mache mich auf den Rückweg.

Eigentlich hatte ich es von der anderen Seite schon gesehen, aber irgendwie verdrängt: Da steht ein Kraftwerk. Ein Atomkraftwerk. Direkt am Fluss, denn diese Kraftwerke brauchen ständig frisches Wasser, um den Reaktor zu kühlen.

Eine Landkarte habe ich nicht dabei, denn wie gesagt: Wie soll man sich am Fluss schon verlaufen? Allerdings wird der Weg immer schmaler, immer unterholziger, immer versteckter, immer verwucherter. Beschilderung habe ich schon lange keine mehr gesehen, andere Wanderer auch nicht.

Aber da kommt mir ein Angler entgegen. (Angler fischen gerne im Abwasser von Kernkraftwerken, wie mir in der Ukraine jemand erzählte. Da sind nämlich die Fische größer.)

„Entschuldigen Sie, mein Herr“, inquiriere ich,“wenn ich diesem Weg folge, kann ich da am Kraftwerk vorbeilaufen?“ Ich denke daran, dass in zivilisierten Ländern selbst bei Militäranlagen ein Küstenstreifen für Wanderer freigehalten wird. (Siehe Kapitel 37 meines Artikels über Cornwall.) Oder dass in fortschrittlichen Bundesländern das Wandern am Fluss sogar Verfassungrang genießt. (Siehe Kapitel 131 dieses Artikels über eine Wanderung zu den bayerischen Königsschlössern.)

„Vorbeilaufen können Sie nicht“, sagt der ortskundige Angler. „Aber Sie können am Tor klingeln, dann kommt jemand und führt Sie über das Gelände.“

„Ah“, sage ich, erstaunt und baff. „Vielen Dank.“

Mir ist es eigentlich unangenehm, den Kraftwerksbetreiber aus seinem Büro herauszuklingeln. Überhaupt bin ich sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, andere Menschen zu inkommodieren. Ich bin so jemand, der lieber stirbt, als den Nachtdienstapotheker vom Kreuzworträtsel wegzuholen. Jemand, der an der Fußgängerampel mit dem Drücken wartet, bis alle Autos vorbei sind. Und 30 Minuten vor Ladenschluss gehe ich nicht mehr Einkaufen, weil ich weiß, dass die Angestellten langsam aufräumen wollen. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb in Japan oder in Persien wohler.

Außerdem kann es ja sein, dass sich der Angler einen Scherz erlaubt hat.

Zumindest letzteres klärt sich auf, als ich kurz darauf vor einer Betonmauer mit Stacheldrahtrollen und mit einem schweren Eisentor stehe. Ein kleines Schild lädt tatsächlich zur Störung der Mittagsruhe ein: „Benutzer des Uferwegs bitte läuten.“

Na gut. Der Umweg um das ganze Gelände wäre tatsächlich zu weit. Also läute ich.

„Ja, guten Tag?“ erklingt eine freundliche Stimme.

„Hallo, guten Tag, ich stehe hier am südlichen Eingang Ihres sympathischen Kraftwerks und würde gerne nach Norden, Richtung Lauffen, weiterwandern.“

„Haben Sie einen Impfausweis dabei?“

„Ja, klar.“ (Super, vielleicht kann man hier atomar geimpft werden. Das hält länger.)

„Und einen Personalausweis oder so?“

„Ja, den habe ich auch dabei.“ (Ich habe beim Wandern sogar Visitenkarten dabei, aber danach fragt der Herr leider nicht.)

„Und einen Hund?“

„Nein“, sage ich unschuldig, wie wenn man den Hund schon mal zuhause vergessen kann.

„Okay, dann schicke ich einen Kollegen vorbei. Aber es kann ein paar Minuten dauern, ist das in Ordnung?“

„Ja klar, absolut kein Grund zur Eile“, antworte ich. Nicht nur aus Höflichkeit und weil ich tatsächlich nie in Eile bin, sondern weil man in einem Kernkraftwerk nun wirklich nicht will, dass jemand hetzt und schludert.

Nach ein paar Minuten kommt ein Wachmann, und – weil ich keinen eigenen habe – bringt er sogar einen Hund mit. Das ist ein Service! Hunde wirken in Kernkraftwerken anscheinend als Frühindikatoren für Strahlung, so wie Kanarienvögel im Bergwerk.

Durch das Gittertor kontrolliert er meinen Impf- und meinen Personalausweis und gibt dann über Funk ein paar Codewörter durch, bei denen ich höflich weghöre und die das Tor ferngesteuert öffnen.

Und schwupp, bin ich das erste Mal in meinem Leben in einem Kernkraftwerk.

„Das liegt daran, dass hier am Neckar ein Jahrhunderte altes Wegerecht für einen Treidelpfad besteht“, erklärt der bewaffnete Wachmann auf meine Frage. „Als das Kernkraftwerk geplant wurde, war die Erhaltung des Wegerechts eine Bedingung für die Baugenehmigung.“ Als historisch interessierter Wandersmann finde ich es faszinierend, dass ich aufgrund eines Feldservituts aus der Zeit des Heiligen Römischen Reichs vorbei an Druckwasserreaktoren, Zellenkühlern, Hybridkühlturmen, Dampferzeugern und Blitzvernebelungsanlagen spazieren kann. Schon erstaunlich, wie eine mittelalterliche Grunddienstbarkeit die Jahrhunderte mit all ihren Kriegen und Revolutionen überstanden hat.

„Im Sommer ist natürlich mehr Betrieb“, erzählt der Wachmann. „Da kommen manchmal ganze Wandergruppen, auch Fahrradfahrer und sogar Reiter.“ Und fügt hinzu: „Das mit den Pferden ist schon ein bisschen übertrieben, die könnten ja wirklich außenrum reiten.“ Vielleicht vertragen sich auch Hund und Pferde nicht besonders. Tja, aber so ist es eben. Denn das Wegerecht wurde ausdrücklich auch für Pferde gewährt. Ist ja auch logisch, wenn es ein Treidelpfad war. Denn wie sonst soll man die Kähne von Rotterdam nach Reutlingen ziehen?

Und deshalb können jetzt ohne Dispens des Reichskammergerichts in Wetzlar, das 1806 voreilig aufgelöst wurde, Pferde nicht vom Durchqueren dieser ansonsten hochgesicherten Anlage ausgeschlossen werden.

Nach 440 Metern sind wir am nördlichen Ende des Atomkomplexes angekommen. Der Wachmann funkt wieder, das Tor öffnet sich, und er wünscht mir, dass ich noch vor Dunkelheit und Regen nach Lauffen gelange. Und das war sie, meine erste Begegnung mit der Atomkraft, durchaus freundlich, aber auch irgendwie kurios.

Wälzt doch mal das Grundbuch in Eurer Gemeinde! Vielleicht findet Ihr auch ein altes Wegerecht.

Links:

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Na gut, dann fahre ich halt nach Singapur.

To the English version of this well-thought-out plan.

Ihr erinnert Euch hoffentlich an den träumerischen Plan der längstmöglichen Zugreise? Von Portugal über Spanien und Frankreich durch Mitteleuropa nach Russland, dann abbiegen in die Mongolei, durch China und schließlich nach Vietnam bis nach Saigon, wo sich die älteren unter Euch noch an das erleichternde Gefühl erinnern, 1975 den letzten Helikopter aus der Stadt erhascht zu haben.

Halt, nein, das war Afghanistan 2021. Ach, man verwechselt so viel, wenn sich die Geschichte ständig wiederholt.

Jedenfalls, zurück zum Zugfahren, war bei der schienengebundenen Weltreise bisher Schluss in Vietnam, weil man von dort nicht mit dem Zug nach Kambodscha oder Laos kam.

An dieser Stelle sollte ich eine Karte einfügen, denn für europäische Augen sehen alle südostasiatischen Dschungel gleich aus. Also, erst einmal orientieren in diesem Orient:

(Ja, Opa, das war früher alles deutsch. Aber darum geht es jetzt nicht.)

Man kommt immer noch nicht mit dem Zug von Vietnam nach Kambodscha oder Laos.

Aber China, das als Land so etwas ist wie der Typ, der aus Langeweile ständig in den Baumarkt rennt, um neue Carports, Dachgauben, Gartenlauben, Dachkapfer und Lukarne zu bauen, überzieht nicht nur das eigene Land, sondern auch die – sehr großzügig definierte – Nachbarschaft mit Großprojekten, die den Heimwerker an seinem neuen, gemauerten und wetterfesten Gartengrill vor Neid in Flammen aufgehen lassen.

Vor ein paar Tagen wurde eine neue Bahnverbindung zwischen China und Laos eröffnet. Man kommt also jetzt von Kunming über die Grenzstadt Boten bis nach Vientiane, ganz im Süden von Laos. Alles mit dem schnuckeligen Schnellzug!

Auch hierzu gibt es eine Karte, mit großem Dank an den Mann auf Platz Nr. 61:

Wie Ihr seht, kann man dann von Vientiane mit dem Zug nach Thailand fahren, wo man die Reise für ein paar Jahre unterbrechen muss, weil man wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis kommt. Aber wenn man das überlebt, geht die Bummelbahn weiter nach Malaysia und schließlich nach Singapur, der kleinen, unabhängigen Spitze dieser langen Halbinsel.

In Singapur war ich übrigens schon einmal, auf einem Zwischenstopp nach Australien. Das war 1992. Damals waren Flugzeuge noch in der Gewerkschaft, weshalb sie auf langen Flügen Pause machen mussten. Die langweiligen Passagiere gingen in den Duty-Free-Shop und wunderten sich über diese neuen Telefone ohne Kabel. Die mutigen Passagiere, wie ich, verloren sich im Gewimmel von unterirdischen Märkten, auf denen Affen, Schildkröten und Fledermäuse mit allerlei zoonotischen Krankheiten verkauft wurden, schauten in Opiumhöhlen vorbei und fanden ganz ohne Smartphone rechtzeitig den Weg zum Flughafen zurück. Alles in ständiger Angst vor der berüchtigt strengen singapureanischen Polizei.

Diese strenge singapureanische Polizei wird mich dann wahrscheinlich festnehmen, wenn ich nach 20.000 Meilen im Zug einfach nur im Park sitzen und endlich eine Zigarre genießen will. Aber Leute sind schon wegen langweiligerer Geschichten auf dem elektrischen Stuhl ge- und verendet. (Eine Leserin informiert mich, dass man in Singapur nicht elektrifiziert, sondern gehängt wird. Danke.) Außerdem, in Singapur ist die Reise sowieso zu Ende, weil es keinen Zug nach Indonesien oder Australien gibt. Noch.

Mal ehrlich, ist das nicht fantastisch, wie weit man kommt, ohne von der umweltfreundlichen, gemütlichen und romantischen Bahn absteigen zu müssen?

Und selbst wenn Ihr im letzten Kaff wohnt, solange es einen Bahnhof hat, seid Ihr mit der Welt verbunden. Von Buxtehude nach Bangkok, von Königs Wusterhausen nach Kuala Lumpur, von Straubing nach Singapur, alles ist möglich!

Jetzt muss sich nur noch eine Zeitung finden, die das im Austausch gegen eine wöchentliche Reportage finanziert…

Links:

  • Mehr Geschichten aus der Eisenbahn.
  • Eine nützliche Seite zum Planen von Fernreisen mit der Eisenbahn ist Seat 61.
  • Wenn Ihr meine Eisenbahn-Geschichten kennt, könnt Ihr Euch vorstellen, was ich in etwa aus so einer Weltreise machen würde. Und wenn Ihr das für ein sinnvolles Projekt haltet, freue ich mich über Eure Unterstützung!

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Bunkerzweitnutzung

To the English version.

In Italien war ziemlich oft Krieg.

Illyrische Kriege. Eritreakrieg. Erster Weltkrieg. Unabhängigkeitskrieg. Samnitenkriege. Zweiter Weltkrieg. Italienisch-Türkischer Krieg. Erste Isonzoschlacht. Alexandrinischer Krieg. Zweite Isonzoschlacht. Italienisch-Libyscher Krieg. Dritte Isonzoschlacht. Kimbernkriege. Vierte Isonzoschlacht. Italienisch-Griechischer Krieg. Augusteische Alpenfeldzüge. Fünfte Isonzoschlacht. Afrikafeldzug. Sechste Isonzoschlacht. Sardinischer Krieg. Siebte Isonzoschlacht. Gotenkrieg. Achte Isonzoschlacht. Jugurthinischer Krieg. Neunte Isonzoschlacht. Abessinienkrieg. Zehnte Isonzoschlacht. Markomannenkriege. Elfte Isonzoschlacht. Pyrrhischer Krieg. Pyrrhische Isonzoschlacht.

Deshalb stehen in Italien überall Festungen, Schützengräben und Bunker.

Wenn Euch das bisher noch nicht aufgefallen ist, dann nur deshalb, weil in Italien auch sonst allerhand interessantes Zeug herumsteht. Oder weil Ihr nur an den Strand wollt, was eigentlich eine Italienverschwendung darstellt und wofür Ihr den Platz im Reisebus für historisch interessierte Urlaubswillige freimachen solltet. Oder weil Ihr noch nie in Italien wart, in welchem Fall ich empfehle, diesen Missstand zu beheben.

Die meisten dieser Bunker sitzen einfach nur rum und warten auf ihren nächsten Einsatz. Aber im Vinschgau bin ich auf ein paar Exemplare gestoßen, die einer zivilen Bunkerzweitnutzung zugeführt wurden. So wie dieser Bunker, der in eine Apfelplantage integriert wurde. Das sind aber auch ganz besondere Äpfel hier in Mals, die sind ständig vor Gericht wegen Pestizidstreitigkeiten und so. Vielleicht müssen sie deshalb vor dem Zugriff der Luftstreitkräfte des Landesgerichts geschützt werden.

Auf dem Weg von Mals nach Schluderns hatte ich mich zwischen Wäldern, Feldern und Apfelplantagen irgendwie verlaufen. Das machte aber nichts, denn erstens bin ich ein großer Verfechter des Verlaufens. Wer sich nie verläuft, hat ein fades Leben. Zweitens war ich zum ersten Mal im Vinschgau, so dass es überall neu und interessant für mich sein würde, egal wohin ich käme.

Und plötzlich stand ich oberhalb von Tartsch vor einem Bunker, so etwas habt Ihr noch nicht gesehen!

„Ein Künstler“, tippe ich detektivisch scharf, nicht nur wegen des Wohnwagens und der kreativen Dachterrasse mit Palisadenzaun und Spielplatz, sondern auch weil am späten Vormittag noch niemand auf mein Klingeln reagiert. Diese Künstler schlafen ja oft bis mittags. (Mit Ausnahme der Reiseblogger, die schon frühmorgens über Stock und Stein wandern, um Material zu sammeln.)

Auf der anderen Seite des Tals, über Tartsch, erblicke ich ein romanisches und romantisches Kirchlein, das ich zum nächsten Wanderziel auserkore und ausnahmsweise nicht verfehle.

Dort kommt, als ich vor der eigentlich verschlossenen Kirche sitze und eine am Morgen in Mals erstandene italienische Toscano-Zigarre rauche, zufällig ein Herr vorbei, der nicht nur den Schlüssel zur Kirche, sondern auch ein enzyklopädisches Wissen und viel Geduld mit mir Ungebildetem hat. Er zeigt mir, nachdem ich die Zigarre vor der Tür gelassen habe, die Fresken in der Kirche und erzählt über die Geschichte von St. Veit, über den Tartscher Bichl, über Romanik, Gotik und den Engadiner Krieg.

Das überspringe ich jedoch für den Moment und hebe es für den umfassenden Vinschgau-Artikel auf, der, so Gott will, in den kommenden Monaten erscheint. Der Kirchenmann kennt sich nämlich auch mit den Bunkern auf der gegenüberliegenden Seite des Tals aus.

„Die stammen aus dem Zweiten Weltkrieg“, korrigiert er meine Fehlannahme, dass es Überbleibsel aus dem Alpenkrieg im Ersten Weltkrieg wären.

„Aber im Zweiten Weltkrieg war doch hier gar keine Front?“

„Mussolini hat die gebaut, weil er der Allianz mit Hitler nicht traute. Man nennt diesen Alpenwall deshalb auch ‚linea no mi fido‘, also ‚Ich-trau-dir-nicht-Linie‘.“ Wenn ich wüsste, wo ich schauen muss, könnte ich hier oben in den Bergen noch viel mehr Bunker und Panzersperren finden. Eine größenwahnsinniger als die andere, wie es bei faschistischen Großprojekten so üblich ist.

Im Zweiten Weltkrieg waren die Bunker allerdings nicht so leicht zu erkennen wie jetzt, sondern waren – landschafstypisch – als Bauernhöfe oder Scheunen getarnt.

Der künstlerisch gestaltete Bunker gehörte tatsächlich einem Künstler, der jedoch vor drei Jahren beim Hantieren mit alter Munition ums Leben kam. Seither steht das Riesenatelier leer. Vielleicht könnte man daraus eine Herberge für vagabundierende Schriftsteller machen, winke ich mit einem der Zaunpfähle von der Dachterrasse.

In Mals übernachte ich gewissermaßen auch in einem Bunker. Die ehemalige Kaserne der Finanzpolizei hat gerade als Hostel eröffnet. Die Finanzpolizei in Italien ist eine Kombination aus Zoll und Polizei zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität, aber militärisch organisiert und ausgestattet, mit Fregatten, U-Booten, Flugzeugen, Helikoptern, Fallschirmspringern, Gebirgsjägern, Kampftauchern, Scharfschützen und sogar Juristen.

(Foto aus La Maddalena, einer Insel im Norden von Sardinien. Ach, von dort hätte ich eigentlich auch noch zu erzählen… Aber bleiben wir erst einmal in Norditalien.)

Nun, und deshalb hat die Finanzpolizei eben Kasernen für ihre Finanzpolizisten, für ihre Waffenlager und um die beschlagnahmten illegalen Reichtümer (und welcher Reichtum ist nicht illegal?) zu lagern. Die Wände des Gebäudes sind so massiv, dass sie dem Beschuss von Panzerfäusten standhalten, erklärt mir Sascha, der Herbergsvater, und weil er auch ansonsten noch allerhand erklärt und mich zum Abendessen einlädt, bleibe ich ein paar Tage, in denen ich mich wie zuhause fühle. Sascha erzählt so viel, das muss dem endgültigen Vinschgau-Artikel vorbehalten bleiben, denn heute geht es nur um die bauliche Nachnutzung von militärischen Gebäuden.

Die FinKa, wie die ehemalige Finanzkaserne jetzt wortspielerisch heißt, schafft es, ihre einstige Nutzung nicht zu verleugnen, aber dennoch urgemütlich zu sein und dabei den 08/15 Hostel-Flair zu vermeiden. Im Eingangsbereich stehen noch die alten Holzklappstühle, in den Fluren quietschen noch die Gittertüren. Der Polizistenspeisesaal ist jetzt ein Gästespeisesaal, der Polizistenrumlümmelraum ist jetzt der Gästeausruhraum, und so weiter. Eigentlich brauchen Touristen ja auch nichts anderes als Polizisten, was man sich in der Marktwirtschaft kaum zu schreiben traut, weil sonst bald eine der beiden Gruppen wegrationalisiert wird.

Tja, zu spät. Die Finanzkaserne in Mals wurde tatsächlich 2005 aufgelassen. Wegen des Schengener Abkommens waren in den Bergen keine Grenzkontrollen mehr notwendig. Und so können sogar Anfänger wie ich Zigarren nach Österreich schmuggeln. Die Finanzpolizei düst jetzt nämlich hauptsächlich in der Adria herum, um fettere Fische zu fangen.

Ach ja, die Schmuggelroute von Albanien nach Apulien bin ich auch schon mal gefahren, allerdings in vollkommen unschuldiger Absicht und harmlos auf dem Deck des Dampfers dösend.

ferry into sunset

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