Fütterungszeit

Westpark in Aachen. Vormittags um 11 Uhr. Anfang Dezember, aber noch mild und sonnig genug, um die Jacke zu öffnen, ein Buch herauszuholen und für eine 30-minütige Zigarre zu verweilen.

Im Teich wäscht sich ein Mann, so etwa 45 Jahre alt. Sein volles schwarzes Haar und Bart, mit dem er sofort in die orthodoxe Mönchsakademie aufgenommen würde, werden ebenfalls intensiv gewaschen und gepflegt. Er trägt dicke Kleidung, eigentlich etwas zu warm für den Tag.

Vielleicht ist er noch zerfroren von der Nacht. Denn wer sich im öffentlichen Park wäscht, hat höchstwahrscheinlich kein Haus, keine Wohnung, kein Zimmer, nicht einmal hilfsbereite Freunde.

Aber eine zweite Unterhose hat er. Die wäscht er jetzt ausgiebig in dem Gewässer, das ich bisher nie für besonders sauber gehalten habe. Wenn ich nah am Wasser sitze, laufen manchmal Ratten vorbei. Aber man kennt das ja aus den Dokumentationen über den Ganges oder den Senegal: Schmutziges Wasser ist besser als gar kein Wasser.

Wir sind hier jedoch in Deutschland, einem schon übertrieben reichen Land.

Deshalb kommt jetzt ein Vater mit Kind auf dem Rücken und Einkaufsbeutel in der Hand. Unter den großen und wachen Augen des in diesem Moment lebenslange Verhaltensweisen lernenden Kindes nimmt der Vater ein Kürbiskernbrot und zwei Schrippen aus der Tüte und reicht das Frühstück den Enten. Dem Menschen, der ein paar Meter weiter seine Kleidung wäscht, bietet er nichts an.

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Filmkritik: „Donbass“

donbassDie Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges, könnte man den Film Donbass zusammenfassen, der mich mehr verwirrt als informiert hat. Allerdings in durchaus beeindruckender, teils verstörender, teils amüsanter Weise.

In 13 Episoden stellt Sergei Loznitsa das Leben in der umkämpften Ostukraine vor. Oder seine Vorstellung vom dortigen Leben. Oder die Vorstellung der Separatisten. Oder die Vorstellung, von der die Ukraine will, dass wir sie von den Separatisten haben. Oder noch komplizierter. Immer wieder geht es um falsche Verdächtigungen, doppeltes Spiel und dreiste Lügen.

Wenn man nicht schon etwas über den Krieg in der Ukraine gelesen hat, wird man anhand des Films kaum etwas verstehen. Was einem aber eindringlich bewusst wird, ist dass es in einem europäischen Land seit 2014 wieder Krieg gibt. Dass man den Rest Europas daran überhaupt erinnern muss, ist Teil des Problems.

Der Film ist nichts für zarte Gemüter, denn einige Episoden sind arg grausam, wie das Lynching oder das Massaker im Schminksalon. Andere hingegen sind komisch, wie der Checkpoint, an dem Soldaten hoffen, von den Omas etwas Speck abstauben zu können. Oder die verzweifelt an ihren Telefonen hängenden Männer im Gefängnis.

Was den Film trägt, sind die durchweg guten Schauspieler, von denen man nie weiß, ob sie überhaupt Schauspieler, Komparsen oder einfach sie selbst sind und die Kamera gar nicht bemerken.

Ich war zwar noch nicht in der Ukraine – ein Mangel, der demnächst behoben wird -, aber viele der Charaktere in Donbass sind mir so oder so ähnlich in meinen Jahren in Osteuropa begegnet. Einschließlich der Russen, die einen mit „Hitler kaputt“ begrüßen, sobald sie merken, dass man aus Deutschland ist:

Habt Ihr für meinen bevorstehenden Aufenthalt in der Ukraine noch weitere Film-Empfehlungen?

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Unser Zwangsarbeiter

Vor kurzem weilte ich mal wieder bei meinem Vater in Bayern, wo es sehr formlos zugeht und man die Füße auf den Tisch legen und in der Wohnung rauchen darf. Wir waren beide in die Lektüre vertieft, mein Vater in die der Süddeutschen Zeitung, ich in die eines Buches über das Ende der Sowjetunion, als ich mir eine Zigarre aus der auf dem Wohnzimmertisch stehenden Schatulle angelte.

Es ist ein Holzkästchen, filigran verarbeitet, mit Intarsien aus Bernstein, wie ich immer annahm, das sich aber beim näheren Hinsehen als Stroh herausstellte. Die Schatzkiste ist schon ein bisschen abgegriffen, aber man erkennt, dass sich hier liebevolle Handarbeit mit auf generationenübergreifende Qualität angelegter Handwerkskunst gepaart haben.

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„Schöne Kiste“, sagte ich anerkennend, zum einen weil sie mir wirklich gefällt, zum anderen weil Eltern gerne hören, dass einige der Gebrauchsgegenstände, für deren Erwerb sie einst am Fließband standen oder in den Kohlenschacht einfuhren, von den nachfolgenden Generationen geschätzt werden anstatt unmittelbar nach dem Ableben des Ersterwerbers dem Wertstoffhof oder der Tante, die Nachlässe auf dem Flohmarkt verkauft, zugeführt werden.

„Die Kiste stammt von Dimitri“, sagte mein Vater kryptisch. Wir haben zwar Schreiner und andere Holzkünstler, aber keinen Dimitri in der Verwandt- oder Bekanntschaft. Meine Verwunderung bemerkt habend, fuhr er fort: „Das war ein sowjetischer Kriegsgefangener, der auf dem Bauernhof meiner Großeltern im Bayerischen Wald lebte.“

Das klingt so nach Urlaub auf dem Bauernhof, aber mich täuscht das nicht: „Also ein Zwangsarbeiter?“

„Ja, gewissermaßen“, gibt mein Vater zu, der, und das muss man bei Angehörigen dieser Generation ja mittlerweile lobend erwähnen, durchaus kein Geschichtsrevisionist ist.

Wir reden uns beide ein, dass die Familie nichts dafür konnte, weil die Kriegsgefangenen vielleicht als Zwangsarbeiter zugewiesen wurden, und dass es Dimitri, von dem sonst gar nichts bekannt ist, auf dem Bauernhof bei Kötzting sicher besser ging als in einem Bergwerk, einem Rüstungsbetrieb oder einem Konzentrationslager. Aber schockierend finde ich es schon. Wenn sogar eine kleine Bauernfamilie mit ein paar Kühen einen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs hatte, wieviele andere Familien und Betriebe im Deutschen Reich hatten dann welche? Ich glaube, die Keksprinzessin ist nicht allein mit ihrer Unwissenheit.

Und wie immer beim Thema Nationalsozialismus: Je mehr man darüber liest, umso schlimmer wird es. Erstens wurden nicht nur Kriegsgefangene zur Arbeit verpflichtet, sondern auch Millionen von osteuropäischen Zivilisten ins Deutsche Reich verschleppt.

Zweitens führte Deutschland den rassistisch motivierten Vernichtungskrieg gegen sowjetische Kriegsgefangene weiter. Diese wurden systematisch unterernährt und schlechter behandelt als westeuropäische oder nordamerikanische Gefangene. Etwa die Hälfte von ihnen kam in deutscher Gefangenschaft ums Leben.

Drittens wurden die überlebenden sowjetischen Kriegsgefangen nach ihrer Befreiung im Mai 1945 in der Sowjetunion stigmatisiert, als Verräter und Kollaborateure betrachtet und kamen oft erneut in Arbeitslager. Die Gefangenschaft war ein lebenslanger Makel und wurde sowohl öffentlich als auch in den Familien tabuisiert.

Und viertens verweigerten die Nachfolgestaaten des Deutschen Reichs bis in die 1990er Jahre jede Entschädigung für zivile Zwangsarbeiter. Erst im Jahr 2000 wurde die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ für diese Aufgabe gegründet. Da waren die meisten schon verstorben. Die Kriegsgefangenen wurden überhaupt nie entschädigt.

Was wohl aus Dimitri geworden ist?

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Zwei Kätzchen in Kiew

Nachdem ich den vergangenen Winter in Kanada verbracht habe, würde man es mir verzeihen, wenn ich dieses Jahr ein wärmeres Ziel ausgesucht hätte, wie Zypern oder Ceylon. Aber dann erhielt ich einen Anruf von zwei Kätzchen in der Ukraine, denen ich nicht widerstehen konnte.

Stella & Stuart

Stella und Stuart sind erst fünf Monate alt, ich übernehme also eine viel größere Verantwortung als bei der Pflege von erwachsenen Katzen. Sie befinden sich noch in den prägenden Monaten, und ich werde ihnen ein gutes Beispiel sein müssen: gesunde Ernährung, fleißig studieren, früh zu Bett gehen und ein rundherum anständiger Lebenswandel.

Ich freue mich besonders über diesen Auftrag, weil es nur selten Housesitting-Angebote aus Osteuropa gibt, obwohl ich gerne mehr Zeit dort verbringen würde. Und in der Ukraine war ich noch nie, es wird also alles neu und spannend für mich!

Vom 14. Dezember bis 5. Januar werde ich in Kiew sein, und danach habe ich hoffentlich noch Zeit, ein bisschen mehr von der Ukraine zu sehen. Weil ich mit dem Zug oder per Anhalter fahre, werde ich auf der Hinreise auch einen Halt in Lemberg einlegen.

Für diejenigen, die sich in Kiew auskennen, die Wohnung ist in der Nähe der Metro-Station Schytomyrska. Mir ist aufgefallen, dass das ziemlich in der Nähe von Babi Jar liegt, was schon ein grausamer Gedanke ist. Aber andererseits studiere ich Geschichte mit einem besonderen Interesse am 20. Jahrhundert und an Osteuropa, so dass ich mich langsam an das gewöhnen sollte, woran man sich nie gewöhnen kann.

Mit Katzen, Schreiben und Studium werde ich ziemlich beschäftigt sein, aber falls jemand aus Kiew mitliest, würde ich mich über einen Kontakt freuen. Schließlich will ich in den freien Stunden nicht nur planlos durch die Stadt laufen, sondern vor allem etwas über das Leben in der Ukraine erfahren, über Geschichte und Politik diskutieren, und am Ende mehr verstehen als am Anfang.

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Und falls jemand Bücher über die Ukraine hat – entweder die von meiner Wunschliste oder andere – und diese nicht mehr braucht, so wäre ich höchst dankbar darum. Noch bis 12. Dezember bin ich unter der gewohnten Adresse (Andreas Moser, Kolpingstrasse 12, D-92260 Ammerthal) empfängnisbereit. Oder Ihr könnt mich in der Ukraine (Andreas Moser, Ivana Kramskoho Street 9, Apartment 163, 02000 Kyiv, Ukraine) überraschen. Ich werde mich bemühen, mich bei Euch allen mit informativen und humorvollen Artikeln zu bedanken.

Und jetzt muss ich Kyrillisch lernen
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Morgens schaurig, nachmittags schön

Unter den verwunderten Augen derer, die in warme Büros, Schulen und Geschäfte fahren, steige ich am Signal de Botrange als einziger aus dem Bus. Weil die Uhr am vergangenen Wochenende durchgedreht hat, weiß die Sonne noch nicht so recht, ob sie aufstehen oder nochmals den Snooze-Button drücken soll. Hinter den Wolken wabert sie in einem Interimszustand.

694 Meter hören sich nicht nach viel an, aber ich bin am höchsten Punkt Belgiens. Und deshalb ist es nicht nur eiskalt, sondern auch extrem windig. Im Frühjahr hatte ich die dicke Jacke, Mütze und Handschuhe übermütig in Kanada zurückgelassen, weil ich dachte, dass es in Europa niemals so kalt werden würde. Dafür schlottere ich jetzt wie am Nordpol. Bald werden die Hände rot, die Finger frieren ein, und ich kann den Kugelschreiber kaum mehr halten, geschweige denn leserlich schreiben.

Auf einer Aussichtsplattform steht ein deutlich besser ausgestatteter und in Wolle einpackter Mann, der nach Vögeln Ausschau hält. Sogar seine Ferngläser sind besser gegen den Wind geschützt als ich.

Ornithologe Hohes Venn

„Heute ist kein guter Tag“, erklärt er. Ein schlechtes Omen. „Die letzten Tage hatten wir zu viel Westwind. Jetzt fliegen die Vögel über die Eifel. Aber am Donnerstag haben wir hier 12.000 Kraniche gesehen.“ Die Vögel sind nämlich schlauer, die ziehen jetzt in den Süden.

Als der Ornithologe hört, dass ich zum ersten Mal im Hohen Venn bin, geht er mit mir zur nächsten Holztafel mit Wanderkarte, auch auf die Gefahr hin, Tausende von Vögeln zu verpassen. Er empfiehlt eine Umrundung des Kerngebiets des Hohen Venn. „Sie sind ja gut zu Fuß“, schätzt er mich richtig ein und übersieht großzügig meinen unzureichenden Schutz gegen die beissende Kälte.

Eigentlich wollte ich ganz woanders hin, aber: „Auf diesem Weg bekommen Sie den besten Eindruck vom Venn.“ Der Begriff kommt vom niederländischen Wort für Moor, und das Hohe Venn ist naheliegenderweise ein Hochmoor. Diese sind bekanntlich noch gefährlicher als Tiefmoore, so wie der Sturz aus einem Hochhaus tödlicher ist als der Sturz in der Tiefgarage.

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Da der Vogelmann anscheinend öfter hier ist, erkundige ich mich nach der besten Zeit für Wanderungen. „Jetzt ist es eigentlich am schönsten“, antwortet er, während ich vor Kälte bibbernd auf nebelverhangene Wiesen blicke. „Im Frühjahr ist zu viel gesperrt. Im Sommer herrscht Brandgefahr. Jetzt im Spätherbst sieht das Venn so aus, wie es sein soll.“

Ich ändere meinen Tagesplan, denn wer weiß, wohin wieviele Vögel an welchem Tag fliegen, der kennt auch die besten Wanderwege.

Besonders farbenfroh ist die Landschaft nicht. Vielleicht ziehen die Vögel nur aus Langeweile nach Sizilien oder Marokko.

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Nur die Aasgeier können eigentlich hier bleiben. Immer wieder stoße ich auf Kreuze, die von Wanderern berichten, die erfroren sind, erschossen wurden oder deren Skelette im Sumpf stecken.

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Letzteres Kreuz gilt den Verlobten Maria Solheid und François Reiff, die im Januar 1871 alle Warnungen in den Wind schlugen und sich mit unzureichender Kleidung auf den Weg durch das Hohe Venn machten. Der Plan kommt mir bekannt vor. Die Leichen der beiden wurden erst im März 1871, nach der Schneeschmelze, gefunden.

Auf der Informationstafel am Kreuz der Verlobten steht: „Im Notfall rufen Sie die Nr 112 an. Um Ihre genaue Position anzugeben, teilen Sie die RVP-Nr 430007 mit.“ Alles sehr organisiert und durchdacht, aber das Handy hat keinen Empfang.

Ich in mir nicht sicher, ob ich die Verlobtenstory glaube, denn das Kreuz steht verdächtig nah am Grenzstein Nr. 151, auf dessen einer Seite ein großes B für Belgien und auf der anderen ein großes P für Preussen steht. Vielleicht waren es Schmuggler? Oder Spione?

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Die kaum bewohnte Landschaft bot sich schon immer für Grenzen an, zwischen den Fürstentümern von Lüttich und Stavelot-Malmedy, zwischen den Herzogtümern von Luxemburg, Limburg und Jülich, zwischen den Niederlanden und Preussen, dann zwischen Belgien und Preussen und schließlich zwischen Belgien und Deutschland.

Geschmuggelt wird dank der Europäischen Zollunion nicht mehr, aber im Moor versinken kann man noch immer.

Warnung

Ich passe also ein bisschen besser auf als sonst und gucke mehr auf den Boden als in den grauen Himmel. An besonders gefährlichen Stellen sind Holzstege verlegt, flankiert von selbst bereits versinkenden und verfallenden Wegen. Zwei Arbeiter bessern den aktuellen Weg aus und erklären mir, dass besonders beim großen Feuer im April 2011 viele Pfade zerstört wurden. Gut, dass ich gerade keine Zigarre im Mund habe, als ich ihnen begegne.

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Gearbeitet wird übrigens nicht nur an den Wegen. Die ganze Landschaft wurde umgestaltet, um sie (wieder) sumpfig zu machen. Zwischen 2007 und 2012 wurden etwa 3000 Hektar renaturiert. Fichten wurden abgeholzt. Die oberste Bodenschicht wurde abgetragen, damit wieder Heidekräuter wachsen. Alte Moore wurden wiedervernässt. Man fühlt sich ein bisschen wie auf einer Baustelle, nicht wie in der Natur. Aber was ist schon Natur? Vor 2000 Jahren war die Gegend mit Wald bedeckt, und erst ab dem Mittelalter führte die agropastorale Bewirtschaftung zu einer Heidelandschaft. Das so enstandene Moor wurde später entwässert, um Torf zu stechen. Renaturierung ist also meist das Herstellen eines willkürlich aus der Zeit gegriffenen Zustands, keinesfalls aber eines natürlichen Urzustandes.

Der Rundweg von mehreren Stunden verläuft ereignislos. Keine Moorleichen. Keine Irrlichter. Und dem Hund von Baskerville ist das Betreten sowieso verboten.

Hunde verboten

Wandern ist zwar nicht ganz verboten, aber durch die Holzplanken ist der Weg ziemlich vorgegeben. Für ansonsten Orientierungslose mag das hilfreich sein. Ich selbst, der ich gerne wild wandere, fühle mich dabei zu sehr geführt, geleitet, wie ein Zug auf Schienen.

Ohne wirklich eine andere Wahl zu haben, lande ich so an der Baraque Michel, wieder an der Hauptstraße durch das Hohe Venn. Das Haus stand allerdings schon lange vor der Straße. Damals war das Hohe Venn noch wirklich gefährlich. 1794 versank beinahe ein Michael Schmitz und gelobte für den Fall seines Überlebens, dass er sich um die Errettung von Mooropfern kümmern wolle. Er überlebte tatsächlich und baute eine einfache Behausung, die Baraque Michel genannt wurde. Seine Kinder setzten die Arbeit fort, und im Laufe der Zeit wurden mehr als hundert Menschen gerettet. Durch Spenden von Geretteten wurde das Haus immer größer, und mit dem Geld wich die Barmherzigkeit dem Kapitalismus. Verirrte Wanderer werden jetzt nicht mehr gerettet, sondern um 28 € für ein flambiertes Hirschkalbsteak mit Cognac- und Sahnesoße erleichtert.

An der Fischbach-Kapelle erkennt man noch, dass es neben dem Glockenturm auch einen Leuchtturm gab, beides zur Orientierung gedacht.

Kapelle Fischbach

Weniger optimistische oder leidensfähigere Zeitgenossen würden den Tag jetzt abschließen. Es ist kalt, es ist grau, es ist Mittagszeit, und von hier fährt der Bus zurück nach Eupen. Ich hingegen mache mich an den ursprünglichen Plan, die westliche Hälfte des Naturparks zu erkunden und vage nach Süden, gen Malmedy, zu wandern.

Und siehe da: Die Sonne tritt hervor. Es wird warm. Es wird grün und blau und rot und gelb. Die Bächlein blubbern glücklich. Die Zigarre erglimmt fröhlich. Die Hasen und Rehe tanzen auf den Wiesen. Der Autor springt von Stein zu Stein, um nicht zu versinken.

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Das alles hätte ich verpasst, wenn ich nach dem miesen Vormittag die Flinte ins Korn geworfen hätte. Wer will, kann daraus irgendeine Lehre ziehen.

Apropos Flinte: Für Donnerstag ist eine Jagd angekündigt.

Jagd

So funktioniert also die natürliche Auslese. Tiere, die lesen können und einen Terminkalender haben, fahren an diesem Tag in den Urlaub. Die anderen landen in der Baraque Michel auf dem Teller.

Irgendwo im Wald steht ein verwittertes Holzschild, das den Weg zur Burg Reinhardstein weist. Weil ich sowieso nicht mehr weiß, ob ich auf dem richtigen Pfad nach Malmedy bin, begeistere ich mich spontan für die Burg. Vorbei an einem zugewachsenen Bachlauf geht es immer nach oben, bis ich einen Abhang hinaufklettern muss, der so steil und gerodet ist, dass ein falscher Schritt das komplette Zurückpurzeln und den Sturz in den Bach bedeuten würde. Eine Burg kann ich nirgendwo erkennen.

Erschöpft setze ich mich auf einen Baumstumpf, zünde eine Zigarre an und sauge Sonnenschein und Tabakschmauch auf. Und da erblicke ich sie auf der anderen Seite der Schlucht: die Burg Reinhardstein, ursprünglich aus dem Jahr 1354. Ganz bombastisch thront sie über dem Tal, im herbstfarbenen Kleid.

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Gerne würde ich mir die Burg näher ansehen, die Neugier der Leser im Hinterkopf, aber je näher ich schleiche, umso mehr Schreie ertönen, einer schrecklicher als der andere. Und noch schlimmer: Es sind Kinderschreie! Wahrscheinlich die Haimonskinder, die sich noch immer vor den Häschern Karls des Grausamen verstecken.

Halloween Party Burg Reinhardstein

Durch den schon dunkel gewordenen Wald nehme ich reißaus, voller Panik. Dafür kenne ich jetzt die schönsten Orte im Hohen Venn. Das Geheimnis werde ich hüten wie das Venn die seinen.

Praktische Tipps:

  • Von Eupen fährt der TEC-Bus 394 durchs Hohe Venn. Aussteigen könnt Ihr z.B. bei der Baraque Michel oder am Signal de Botrange. Eine Fahrt kostet 3,50 €.
  • Auch per Anhalter kommt man in Ostbelgien gut voran.
  • Für Radfahrer ist der Vennbahn-Radweg interessant. Auf 125 km könnt Ihr von Aachen über Belgien nach Luxemburg radeln. Die Strecke führt entlang einer alten Bahntrasse und auch durchs Hohe Venn.
  • Auch der „Weg des Gedenkens“, ein Geschichtswanderweg, führt durchs Hohe Venn. Die 96 km sollte ich mir als Geschichtsstudent eigentlich mal gönnen.

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Spende für Winterkleidung

Dieser Vormittag war so saukalt, dass ich fast erfror. Und dann musste ich meine zarten Fingerchen auch noch aus der Tasche holen, um diesen Artikel für Euch zu schreiben. Wie Shackleton! Deshalb erbitte ich eine kleine Spende, um Handschuhe und eine Mütze erwerben zu können. Vielen Dank!

€1,00

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Goldener Herbst

Zur Zeit habe ich eine Menge für die Universität zu tun. Aber letzten Sonntag war es so warm, so sonnig und so bunt, dass ich, spontan wie ich bin, zu einem Wandersabbat aufbrach. Von Schnaittenbach nach Ammerthal, zwei unbedeutenden Dörfern in Bayern, wanderte ich etwa 30 km. Es geschah nichts Berichtenswertes. Nur ein paar Fotos habe ich mitgebracht, um Euch daran zu erinnern, raus in die Natur zu gehen, bevor es kalt und dunkel wird.

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Für die 30 km benötgte ich den ganzen Tag, vor allem weil ich mich immer wieder zu einer Rast verführen ließ.

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Bei diesem Haus am See war die Verlockung gar groß, die ganze Nacht zu bleiben. Es war leer, aber die Tür stand einladend offen. Nur die kitschigen Herzen haben mich abgeschreckt.

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Der deutsche Weltraumbahnhof im Kongo

Manchmal ist es schlau, in einem Entwicklungsprozess einzelne Schritte bewusst auszulassen, um auf der nächsten Stufe einzusteigen. So haben z.B. etliche Länder, die man früher Entwicklungsländer genannt hätte, gar nicht erst in den Ausbau eines Telefonfestnetzes investiert, sondern gleich den Mobilfunk flächendeckend ausgebaut. Ebenso haben die meisten Staaten Osteuropas besseres Internet als in Westeuropa, weil sie nach 1990 moderne Kabel verlegten, anstatt das Internet durch den Kupferdraht zu treiben.

Auch für Deutschland 2019 bietet sich dieser Gedanke an, denn offensichtlich wird es mit dem Flughafenbau in Berlin nichts mehr. Die deutsche Industrie will stattdessen einen Weltraumbahnhof.

Dabei ist das keine neue Idee. Es gab schon mal einen deutschen Weltraumbahnhof. Bereits vor 40 Jahren. Damals nutze man noch Globen anstatt Google Maps, so dass mehr Leute wussten, dass die Erde um die Taille heftiger schwingt und Raketen von dort weniger Energie brauchen, um die Erdumlaufbahn zu verlassen. Deshalb baute man den deutschen Weltraumbahnhof damals nicht in Peenemünde, sondern im Kongo.

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Wetten, das wusstet Ihr nicht?

Die Orbital Transport- und Raketen-Aktiengesellschaft (OTRAG) aus Stuttgart pachtete 1977 ein Gebiet von 100.000 km² im kongolesischen Urwald. Diktator Mobutu übertrug dem deutschen Unternehmen für 50 Millionen DM und das Versprechen, einen Überwachungssatelliten ins All zu schießen, die vollständige Verfügungsgewalt über fast 5% des kongolesischen Staatsgebiets.

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Heutige private Weltraumunternehmen können von den Kompetenzen ihres Vorläufers nur träumen: Die OTRAG konnte walten wie ein Kolonialherr, sie hatte Zoll- und Steuerfreiheit, juristische Immunität, und das Unternehmen durfte sogar Einheimische umsiedeln, wenn sie im Weg waren.

Vergangenes Jahr kam darüber der Film Fly Rocket Fly ins Kino:

Der dritte Teststart schlug jedoch fehl.

Und jetzt wissen wir, weshalb es sinnvoll ist, ein Gebiet etwa in der Größe der DDR für einen Raketenstart zu pachten. Am besten weitgehend unbewohnt. Wo in Deutschland Platz für einen Raketenbahnhof sein sollte, erschließt sich mir nicht. Und wie soll das funktionieren in einem Land, in dem Anwohner sogar gegen Windräder protestieren?

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