Satu Mare, die geheime Welthauptstadt des Brutalismus

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Zu jeder Stadt in Rumänien bekommt man ungebetene, aber gute gemeinte Ratschläge, wenn man dorthin fährt: „Du musst dir unbedingt die Festung ansehen“ in Alba Iulia. „Du musst in die Teleki-Bolyai-Bibliothek“ in Târgu Mureș. „Du musst das Ethnographische Museum besuchen“ in Sighet.

Immer sehr bildungs-, kultur- und geschichtslastig. Denn Rumänien hat die höchste Dichte an Intellektuellen, was Menschen von außerhalb oft zu der irrigen Annahme verleitet, es sei ein armes Land.

Zu Satu Mare empfiehlt mir niemand irgendwas.

Für weniger erfahrene Reisende wäre das ein Zeichen, weiterzuziehen. Nach Debrecen, nach Oradea, nach Timișoara oder nach Budapest.

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Für mich ist es ein gutes Zeichen. Hier kann man ziellos umherstreunen und sich überraschen lassen. Wie die Hunde und Katzen, die in der Mittagshitze die Kontrolle über die Stadt übernommen haben.

Ein weiterer Irrglaube über Rumänien ist, es läge in Osteuropa und sei deshalb immer kalt und verschneit. In Wirklichkeit ist Rumänien, wie der Name schon sagt, ein romanisches Land und liegt auf den Breitengraden der Mittelmeer- und Adriaküsten.

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Deshalb steht hier auf dem Platz vor der Kirche die kapitolinische Wölfin mit Romulus und Remus, um ungebildete Touristen daran zu erinnern, dass Rumänien der legitime Nachfolger des Römischen Reiches und überhaupt die Wiege der Zivilisation ist.

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Und deshalb gibt es hier im Sommer eine Siesta.

Wer schlau ist, geht dazu in den Park, setzt sich unter schattige Bäume oder genießt den Fahrtwind der Eisenbahn.

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Wer weniger schlau ist, zieht durch die Stadt und macht Fotos. Das hat immerhin den Vorteil, dass mir keiner der etwa 90.000 Einwohner ins Bild läuft. Und Ihr bekommt einen ersten Eindruck davon, wie hübsch die Stadt ist.

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Die einzige Institution, wo in Rumänien rund um die Uhr Betrieb ist, ist die Kirche. Da sind selbst mittags unter der Woche die Tickets ausverkauft, so dass die Leute bis auf die Straße stehen.

Damit das mit der christlichen Nächstenliebe nicht zu weit geht, weisen Schilder vor der Kirche darauf hin, dass man den Armen keinesfalls Geld geben dürfe.

„Ihr Geld hilft ihnen nicht. Sagen Sie NEIN zum Betteln“, ruft es einem christlich-verlogen entgegen.

So können die Pharisäer ohne schlechtes Gewissen in ihre Mercedes-Limousinen einsteigen, nachdem sie dem wohlgenährten Priester ein paar Scheine zugesteckt haben. (Rumänische Priester nehmen keine Münzen an, was sie theologisch damit begründen, dass Jesus von Judas gegen Münzgeld verraten wurde.)

Gerade vor einer Kirche ist die Stigmatisierung des Bettelns besonders zynisch, weil die Rumänisch-Orthodoxe Kirche die größte Bettlerin im ganzen Land ist. Und alles für Pomp und Luxus. Ich weiß nicht, ob die Zahl noch stimmt, aber als ich in Rumänien lebte, wurde jeden dritten Tag eine neue Kirche eröffnet. Und keine kleinen Kapellen, nein, das sind richtig fette Brummer, mit goldenen Kuppeln und so.

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Nett finde ich aber, dass trotz des wenigen Verkehrs vor jedem Zebrastreifen auf die tödliche Gefahr durch Handynutzung und Kopfhörertragen hingewiesen wird.

In Rumänien ist das besonders gefährlich, weil das Land bekanntlich das beste, schnellste und preiswerteste Internet in ganz Europa hat. Ich persönlich bin hingegen ein bisschen altmodisch und lasse mich, wenn es denn unbedingt sein muss, lieber beim Zeitungslesen überfahren.

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Außerdem erkennt man, wenn man genau hinsieht, dass die Stadt mindestens dreisprachig ist: Rumänisch, Ungarisch und Deutsch.

Sogar, wenn Menschen Bücher zur Weitergabe an die Allgemeinheit auf ihre Fensterbank legen, sind vor jedem Haus diese drei Sprachen vertreten.

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Den deutschen Namen Sathmar habt Ihr vielleicht schon mal gehört, denn danach sind die Satmarer Juden benannt. Das ist die größte Gruppe unter den chassidischen Juden. Ihr Begründer, Rabbi Yoel Teitelbaum, wirkte in Satu Mare und übersiedelte nach dem Holocaust mit den wenigen Überlebenden seiner Gemeinschaft nach New York. Das ist eine Stadt in Nordamerika, die auch ein bisschen auf multikulturell macht und die ihn deshalb an Satu Mare erinnerte.

Die Sekte, wie man sie vielleicht nennen muss, ist in den letzten Jahren durch die Geschichte von Deborah Feldman einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Über ihre Flucht aus New York nach Deutschland hat sie das Buch „Unorthodox“ geschrieben, das dann, wie es das grausame Schicksal eines jeden kommerziell erfolgreichen Buches ist, verfilmt wurde.

Mir persönlich sind die Satmarer zu konservativ und anti-zionistisch, aber man muss natürlich klarstellen, dass nicht alle Juden in Satu Mare zu dieser Strömung zählten. Und nicht alle chassidischen Juden sind gleich. Da gibt es jede Schattierung, von konservativ bis liberal, von mystisch bis cool. Das ist ein bisschen wie bei den charismatischen Christen. Theologisch hängt alles an der Frage, ob man die aggaditischen Aspekte in den Mischnatraktaten neologisch oder halachisch auslegt, aber in Wirklichkeit geht es um die Persönlichkeit des jeweiligen Predigers. Jedenfalls können alle gut tanzen.

Ich könnte jetzt irgendwas zu Religion und Drogen sagen, aber das hat der Kollege Marx schon abgehandelt. Deshalb lieber noch einen Blick auf die einzig verbleibende der früher drei Synagogen in Satu Mare, die jetzt etwas ungünstig zwischen modernen Gebäuden eingequetscht liegt.

Das letzte Foto deutet schon den ganz besonderen Charme von Satu Mare an, aber ein bisschen müsst Ihr Euch noch genügen, bis wir ab Kapitel 16 endlich auf den Brutalismus-Boulevard einbiegen.

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Besucher aus dem Rest der Welt mögen beeindruckt sein, wenn sie in eine Kleinstadt in Osteuropa kommen, eine Unmenge Geschichte und Kultur erblicken und die Menschen in mehreren Sprachen parlieren hören.

Aber eine historisch für diese Region enorm prägende Sprache fehlt leider: Jiddisch. Selbst wenn man weiß, dass um 1940 ein Viertel der Bevölkerung von Satu Mare jüdisch war, kann man doch nicht wirklich erahnen, um wieviel lebendiger, vielsprachiger, facettenreicher diese Landstriche Ostmitteleuropas vor dem Holocaust waren.

So oft sie sonst untereinander stritten, beim Völkermord waren sich Deutsche, Ungarn und Rumänen übrigens weitgehend einig. Die Gedenktafel am Bahnhof von Satu Mare weist zwar zweisprachig darauf hin, dass alles die Schuld der faschistischen Ungarn unter Admiral Horthy war, die damals Satu Mare kontrollierten. Aber die Rumänien waren nicht besser (Beispiele: Kapitel 20 und 21 meines Artikels über Iași oder Kapitel 27 und 47 meines Berichts aus Odessa).

Aber jetzt bin ich schon wieder bei den schweren Themen gelandet, deretwegen niemand mit mir verreist. Die Leute wollen einfach den Sommer genießen und ein Eis schlürfen.

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Als Kompromiss schlage ich vor, dass wir uns mal diesen Bücherwagen neben dem Park ansehen. Die mobile und bis unters Dach gut bestückte Buchhandlung wird betreut von einem Jungen und einem Mädchen.

Als ich nur aus Neugier einen Blick über das Sortiment gleiten lasse, spricht mich der junge Bücherwurm sogleich an und fragt, wonach ich suche. Ich muss ihn enttäuschen, weil ich noch drei ungelesene Bücher im Rucksack habe, obwohl sich die Reise schon dem Ende zuneigt. Aus ständiger Angst, dass mir der Lesestoff ausgeht, schleppe ich dann meist zu viele Romane durch Rumänien und zu viele Paperbacks über die Puszta.

Dass ich nichts kaufen will, stört den Buchhändler nicht im Geringsten. Als ich auf seine Frage zugebe, aus Deutschland zu sein und Geschichte zu studieren, schwärmt er vom Deutschritterorden, von den Landsknechten und von Otto von Bismarck. Wie diskutieren ein bisschen hin und her, zwischen Sozialdemokrat und Bismarckist, aber der Ton bleibt freundlich.

Als ich mich schließlich verabschiede, schüttelt er mir die Hand und bedankt sich, dass ich Satu Mare besucht habe. Das passiert einem auch nicht in vielen Städten.

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Das Tor zum Kunstmuseum steht offen, aber das Kassenhäuschen ist geschlossen. Es ist 12 Uhr, und dienstags soll von 10 bis 17 Uhr geöffnet sein. Ich spaziere in den Innenhof, wo ein Angestellter den Rasen wässert, und erkläre mein Anliegen.

„Ja, ja, natürlich haben wir geöffnet“, sagt er und dass er seine Chefin holen werde.

Die Museumsdirektorin sieht sehr nach Kunstmuseum aus. Langes Kleid, farblich passender Hut, und nachdem wir ein bisschen auf Englisch radebrechen, fragt sie, ob wir nicht ins Französische wechseln können, weil ihr das etwas leichter falle.

„Mais bien sûr, Madame„, antworte ich und fühle mich sogleich kosmopolitischer. Satu Mare ist wirklich eine Weltstadt!

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Und so wird das Museum nicht nur extra für mich aufgesperrt und beleuchtet, sondern die Direktorin höchstpersönlich erklärt mir die Werke von Aurel Popp, des bekanntesten örtlichen Malers. Die Gemälde sind sehr körperbetont, bei Mensch und Tier. Wie ein moderner Michelangelo.

Die Bezeichnung „Maler“ greift tatsächlich zu kurz. „Künstler“ sollte ich schreiben, denn Popp war auch Bildhauer, Zeichner, Grafiker und Organisator von Kulturveranstaltungen. Außerdem betrieb er eine Porzellanmanufaktur, in der jedes Stück als Unikat in Handarbeit hergestellt wurde und die deshalb nach fünf Jahren in Konkurs ging.

„Eigentlich hätte Popp am liebsten nur als Bildhauer gearbeitet,“ erklärt die Museumsleiterin, „aber Skulpturen verkauft man nur an öffentliche Einrichtungen oder an die Kirche. Bei beiden wollte sich Popp nicht einschleimen, also fokussierte er sich auf Gemälde. Die kann man auch an Privatleute verkaufen.“

Popp begann in der „Schule von Baia Mare“, die ich leider nicht sehen konnte, weil das dortige Museum montags und dienstags geschlossen ist, distanzierte sich aber bald und zog nach Baia Sprie. Viele Schüler folgten ihm, weshalb der dortige Kirchturm einer der meistgemalten in Rumänien ist.

Eine Besonderheit war die absichtliche Unfertigkeit der Bilder. Ein oder zwei Figuren verblieben als Skizzen und wurden nicht mehr farblich ausgefüllt.

Man kennt das ja selbst, wenn man an einem längeren Projekt sitzt, das einen ursprünglich begeistert hat. Aber irgendwann ist die Luft raus, man will eigentlich schon wieder etwas Neues machen. Die meisten von uns kämpfen sich irgendwie durch, nach dem blöden Motto „wer A sagt, muss auch B sagen“.

Nur Popp, das Genie, hat es richtig erkannt: Das Leben ist zu kurz. Man kann auch mittendrin den Pinsel fallenlassen und etwas Neues anfangen.

Leserinnen und Leser außerhalb Rumäniens und Ungarns haben wahrscheinlich noch nie von Aurel Popp gehört. Selbst seine Wikipedia-Seite gibt es nur in diesen beiden Sprachen. Und auf Esperanto, denn das spricht man in Satu Mare natürlich auch. Ist ja eine leichte Sprache, die man an ein paar Nachmittagen erlernt.

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Und erst recht kennt niemand die Gebrüder Tatz, Kálmán und László, Söhne eines Sathmarer Lokführers. Kálmán Tatz war angeblich der beste Schüler von Popp. Er wurde in den Ersten Weltkrieg einberufen und landete irgendwie als Kriegsgefangener in Sibirien. Von dort konnte er fliehen und schlug sich nach China durch, wo er – irgendwas muss man mit seiner Zeit ja anfangen – eine Porzellanfabrik übernahm.

Viele Jahre später kam Aurel Popp in Rumänien eine Porzellantasse unter die Augen, die zwar das weltbekannte Gütesiegel „Made in China“ trug, ihn aber verdächtig an die Hand eines seiner Schüler erinnerte.

Daraufhin machte sich der Bruder, László Tatz, auf den Weg nach Asien, um den lange für tot geglaubten Kálmán zu suchen. Die Brüder fanden sich tatsächlich, gaben aber kurioserweise keine Lebenszeichen von sich, sondern blieben zusammen in China, bis Kálmán 1932 starb. Dann zog László auf die Philippinen, wo er noch bis 1951 lebte. Er hatte den Auftrag bekommen, die hundert schönsten Frauen Asiens zu porträtieren. Manchmal tauchen einzelne Bilder aus der Serie bei Auktionen auf, aber niemand weiß, wie viele es gibt und wo sie herumtingeln.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das alles so richtig verstanden habe. Schließlich kann ich gar nicht so gut Französisch. Jedenfalls empfehle ich, wenn Ihr die fantastische Geschichte der Odyssee osteuropäischer Künstler nach Sibirien und Asien lesen wollt, den Roman „Die Fassade“ von Libuše Moníková.

Am Ende des Rundgangs bedankt sich die Kunstexpertin überschwänglich, dass ich ihr Museum besucht habe. Das passiert einem im Louvre nicht.

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Das Gebäude, das heute das Kunstmuseum von Satu Mare beherbergt, ist übrigens das gleiche, in dem 1711 der Friede von Sathmar geschlossen wurde. Die Gedenktafel dazu stammt natürlich auch von Aurel Popp.

Jetzt könnte ich ein bisschen etwas erklären von den Habsburgern und den Ungarn, von den Kuruzen-Aufständen und dem Venezianisch-Österreichischen Türkenkrieg. Aber ich erinnere mich an das Vorbild des großen Meisters, das auf diesem Blog viel zu selten beherzigt wird, und lasse hier eine bewusste Leerstelle.

Außerdem will ich Euch etwas anderes zeigen.

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Ich habe schon die ganze Zeit versucht, das Highlight von Satu Mare aus den Fotos herauszuhalten, um es für den Schluss aufzuheben. Das ist nicht ganz einfach, weil der Turm der Kreisverwaltungsbehörde mit seinen 97 Metern alles überragt. Bei der Fertigstellung 1984 war es immerhin der höchste Turm in ganz Rumänien.

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Die Romanik oder die Renaissance haben durchaus etwas für sich. Auch Jugendstil oder Neoklassizismus können gefallen. Aber für wahre Kenner und Connaisseurs gibt es nur einen Baustil, der das Herz höher schlagen, die Augen übergehen, den Geist jauchzen und die Seele jubilieren lässt.

Der Brutalismus benötigt nicht viel. Ein bisschen Beton und einen Eimer voll Wagemut. Die richtigen Hände zaubern daraus die Zukunft. Die Funktion diktiert die Form. Nicht so wie früher, als einen die Häuser regelrecht erschlagen haben. Und Farbe wird endgültig als überflüssiger Firlefanz enttarnt.

Noch nirgendwo habe ich so ein perfekt choreographiertes und erhaltenes Brutalismus-Ensemble vorgefunden wie in Satu Mare. Ein Stadtzentrum wie eine Raumfahrtbasis. Wohnblocks wie Raketenabschussrampen.

Man muss auf die Einzelheiten achten, die liebevollen Details, die klaren Linien, die Ecken und Kanten. Die feine Farbgestaltung, die feierlichen Fonts, die funkensprühende Fröhlichkeit. Das ist Perfektion. Architektur, die man regelrecht umarmen will. So würde Gott bauen, wenn es einen gäbe.

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Auch hier überall erkennbar der Hinweis auf das Erbe Roms: Der imposante Turm als Campanile. Der Platz als Forum Romanum, ein Ort zum Austausch und zur gepflegten Diskussion. Die Stadthalle als Kolosseum. Rund um den Platz die großzügigen Wohnungen der Bürger und Patrizier, genauso halbrund wie um die Piazza del Campo in Siena.

Man würde sich nicht wundern, wenn die Capulets oder die Montagues um die Ecke kämen. Oder wenn sich aus der Erde der Trevi-Brunnen erhöbe und eine Verdi-Oper erklänge.

Na gut, die Kontrolle über die Musikauswahl liegt anscheinend bei einem Beamten, der sich der ungarischen Hälfte der Bevölkerung zurechnet. Aber Brahms und Brutalismus, das passt alliterativ auch gut zusammen.

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Etwa ein Drittel der Bevölkerung von Satu Mare ist ungarischer Abstammung.

Damit diese ungarischen Rumänen nicht vergessen, dass sie in Rumänien leben, weht sicherheitshalber an jeder Ecke die blau-gelb-rote Trikolore.

Fragt man einen rumänisch-sprachigen Rumänen, woher der hohe Anteil an ethnischen Ungarn kommt, wird er sagen: „Naja, das sind halt Ungarn, die bei uns leben. Das ist okay, die sind auch nett.“

Fragt man einen ungarisch-sprachigen Rumänen, wird er in tränenerfüllte Tiraden ausbrechen und von historischer Ungerechtigkeit, tiefsitzender Schmach und einem stechenden Schmerz in seinem Herzen berichten. Sodann wird er schwören, niemals zu ruhen, bis nicht jeder Quadratzentimeter, auf dem jemals ein Ungar sein Pferd hat weiden lassen, wieder zum Königreich Ungarn gehören wird, und wenn es ihn seinen letzten Blutstropfen koste. Als nächstes wird er eine Liste der angeblich ungarischen Nobelpreisträger, Tennisspieler und vor allem Hollywood-Schauspieler herunterrattern, auf der insbesondere Tony Curtis und Columbo nicht fehlen dürfen. Dann wird er eine Landkarte aus seiner Jackentasche ziehen, auf der Großungarn abgebildet ist, und er wird einem weismachen wollen, dass eigentlich ganz Mitteleuropa von Triest bis Târgu Mureș, von Schlesien bis Serbien, von Pressburg bis Kronstadt, zu Ungarn gehöre.

Eigentlich war es kein „Königreich Ungarn“, sondern eine österreichische Provinz.

Die Geschichtsverfälschungsstunde findet erst ein Ende, wenn sein rumänisch-sprachiger Nachbar vorbeikommt, ihn mit dem siebenbürgischen „Servus“ begrüßt und sich beide spontan auf einen Besuch im Biergarten einigen.

Die Tragik des ungarischen Trianon-Traumas ist allerdings so ernst, dass sie einen eigenen Artikel verdient, der irgendwann auf diesem Blog erscheinen wird. Wer in der Zwischenzeit in das Thema einsteigen will, ist bei György Dalos und seinem Buch „Ungarn in der Nußschale“ bestens aufgehoben.

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Satu Mare, in der unmittelbaren Grenzregion zwischen Rumänien und Ungarn gelegen, kann ein Lied von dem ewigen Hin und Her der Historie singen. Allein im 20. Jahrhundert gehörte es zu Österreich-Ungarn (bis 1918), zur Ungarischen Volksrepublik (von 1918 bis 1919, und nicht zu verwechseln mit der gleichzeitig bestehenden Föderativen Ungarischen Sozialistischen Räterepublik), zum Königreich Rumänien (von 1919 bis 1940), zum königlosen Königreich Ungarn (von 1940 bis 1944), nach einem königlichen Staatsstreich wieder zum Königreich Rumänien (von 1944 bis 1948), zur Volksrepublik Rumänien (1948 bis 1965), zur Sozialistischen Republik Rumänien (von 1965 bis 1989) und schließlich seit 1990 zum aktuellen Rumänien, das sich zur Sicherheit gar keinen Beinamen mehr gibt, weil man den sowieso alle paar Jahre ändern muss.

Ich helfe zur Zeit einem Freund aus Rumänien (zufällig einem von den ungarisch-deutschen Rumänen, aber das würde jetzt zu weit führen), seine mysteriöse Familiengeschichte aufzuklären. Sein Urgroßvater war aus dem Dorf Foeieni / Fienen / Mezőfény (auf Rumänisch/Deutsch/Ungarisch), unweit von Satu Mare.

Dieser (also der Urgroßvater, nicht mein Bekannter) geriet irgendwie in die Wirren des Zweiten Weltkriegs, nach Deutschland und am Ende des Krieges in ein Flüchtlingslager. In den Arolsen Archives habe ich Unterlagen der International Refugee Organization gefunden, in denen mehrere Verhöre zwischen 1946 und 1949 aufgezeichnet sind. Am Anfang versucht er noch, dem amerikanischen Vernehmungsbeamten zu erklären, wie es sein kann, dass man als Untertan seiner kaiserlichen Majestät geboren wurde, Ungar ist, Deutsch spricht, in Rumänien lebt, aber in einem Landstrich, der dazwischen zu Ungarn gehörte. Später sagt er dann auf die Frage nach seiner Staatsangehörigkeit genervt: „Ich weiß doch selbst nicht mehr genau, welche Staatsangehörigkeit ich eigentlich habe.“

Die Geschichte endet dann ein bisschen tragisch, aber dazu irgendwann mehr. Wenn es Euch interessiert.

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Auf der Suche nach Postkarten gehe ich zur Tourismus-Information, wo die freundliche Frau eine Kiste aus dem Archiv holt. „Es tut mir leid, die sind etwas alt,“ sagt sie. Man sieht ihr die Verwunderung darüber an, dass überhaupt noch jemand nach diesen Relikten fragt.

Ihre Verwirrung wird zum Entsetzen, als ich Postkarten mit dem brutalistischen Verwaltungsgebäude auswähle.

Für sie ist es potthässlich, ein Zeichen der Unterdrückung, des Kommunismus.

Ich erkläre, dass der Brutalismus eine weltweite architektonische Bewegung war und dass in den 1960er und 1970er Jahren überall so gebaut wurde. In Westdeutschland war ich an einem brutalistischen Gymnasium und an einer brutalistischen Universität, und soweit ich mich erinnere, war keines von den beiden besonders kommunistisch.

Diejenigen, die bei der Nennung von Gott in Kapitel 17 schon den Blasphemieparagraphen herausholen wollten, werden – soweit es sich nicht um langjährige Leser handelt, die wissen, dass in diesem Blog jedes Wort stimmt und jede Aussage belegt ist – erstaunt sein, welche Brutalismustempel mit ihren Kirchensteuern erbaut wurden.

Die Beispiele sind aus Köln, Neviges, Wien und Rio de Janeiro. Also nichts mit Unterdrückung oder Kommunismus. Das hat alles der Papst entschieden. Und der ist architektonisch unfehlbar, zumindest seit dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870. (Der erst 1880 fertiggestellte Kölner Dom fällt ganz offensichtlich nicht unter die Unfehlbarkeit, weil er auf weit ältere Pläne zurückgeht.)

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Es hilft alles nichts, die Tourismusexpertin versucht mich abzubringen von meiner Brutalismusbegeisterung und verweist auf Kathedralen, Burgen, Schlösser, Theater, Bischofspaläste, mittelalterliche Fresken, ein Piaristengymnasium, sowie eine ganze Reihe von Klöstern und Holzkirchen.

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Nur der Feuerwehrturm ist leider geschlossen, bedauert sie.

Vor zwei Tagen habe dort jemand eine Zigarre brennen lassen, und jetzt muss der Turm renoviert werden.

Ups.

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Kein einziger der Menschen, mit denen ich in Satu Mare ins Gespräch komme, teilt meine Begeisterung für das neue Stadtzentrum. Dabei wäre gerade der Brutalismus ein weltweites Alleinstellungsmerkmal, ein Magnet für den Architektourismus.

Klar, der siebenbürgische Sezessionsstil ist auch schön, aber den gibt es halt in vielen Städten in Rumänien. Und er ist in Satu Mare ja ebenfalls vorhanden. Das ist doch gerade das Wunderbare an dieser Stadt, dass man die verschiedenen Epochen und Stile stimmig gegenübergestellt sieht.

Für mich ist klar: Das Stadtzentrum von Satu Mare muss UNESCO-Weltkulturerbe werden.

Sonst kommen am Ende noch die Bagger und reißen alles ab.

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Nachdem sie gemerkt hat, dass sich jemand für Altpapier interessiert, hat mir die Frau im Tourismusbüro neben einer aktuellen auch eine etwas ältere Broschüre mitgegeben. Sie stammt aus den 1990er Jahren, preist noch ganz stolz das erst kürzlich erbaute „political-administrative headquarter“ und gibt die Bevölkerung mit 132.000 an.

Jetzt wisst Ihr, warum ich in Kapitel 5 die aktuelle Einwohnerzahl von etwa 90.000 erwähnt habe.

Auch in Deutschland gibt es Städte, die so dramatisch geschrumpft sind. (Ich wohne in einer davon.) Aber der Unterschied ist, dass es in Rumänien das ganze Land betrifft. Seit 1990, also seit dem Ende der Ceaușescu-Diktatur, ist die Bevölkerung um ein Fünftel zurückgegangen.

Und damit steht Rumänien in Osteuropa nicht alleine da.

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Vor kurzem hatte ich einen Couchsurfer aus Rumänien zu Gast, der sehr explizit gegen Umweltschutz eingestellt war. So ein Typ, der absichtlich ein Schnitzel isst, um Veganer zu ärgern. Und der behauptete, der Bevölkerungsrückgang läge daran, dass die Grünen die Jagd auf Bären verboten hätten, und diese (die Bären, nicht die Grünen) jetzt unablässig unschuldige Kinder fressen würden.

Weil er gleich darauf behauptete, dass Rumänisch nicht von Latein, sondern umgekehrt Latein von Rumänisch abstamme, und dass der Vatikan diese Geschichte seit Jahrhunderten verfälsche und vertuschte, konnte ich die Bärendiskussion nicht vertiefen. Er musste dann auch bald ins Bett, weil er am nächsten Morgen mit seiner Enduro durch die bärenfreien Wälder im Erzgebirge donnern wollte.

Als Bärenexperte kann ich jedenfalls Entwarnung geben: Die 4 Millionen Menschen, um die die Bevölkerung Rumäniens seit 1990 geschrumpft ist, wurden nicht alle von Bären gefressen.

Gefressen werden sie vielmehr vom Kapitalismus, von deutschen Schlachthöfen und Spargelbauern, von spanischen Gemüseplantagen, von Speditionen, vom Hotelgewerbe und von der Bauindustrie. Es gibt bei uns ganze Branchen, von unwichtig (Paketdienste) bis zu lebensnotwendig (Medizin), die ohne Rumäninnen und Rumänen kollabieren würden.

In Rumänien selbst bleiben eigentlich nur noch die Rechtsanwälte, wahrscheinlich weil sie für jede praktische Arbeit unbrauchbar sind.

Mittlerweile ist der Arbeitskräftemangel in Rumänien so enorm, dass das Land jedes Jahr 100.000 Gastarbeiter anwirbt, hauptsächlich im Baugewerbe, in der Gastronomie, im Transportwesen und für Bäckereien. Dafür kommen jetzt Menschen aus Nepal, Sri Lanka und Bangladesch. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, aber das sind alles Länder, wo man von Tigern gefressen wird.

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Jetzt bin ich ein bisschen abgeschweift. Aber Ihr wollt ja etwas über das Land lernen.

Das mit den Bären wollte ich übrigens nicht total verharmlosen. Es sterben tatsächlich jedes Jahr drei oder vier Menschen, einige Dutzend werden verletzt.

Das sollte Euch aber wirklich nicht von einer Reise nach Rumänien abhalten. In den Städten bekommt Ihr sie sowieso nicht zu Gesicht, und auch in der Natur sind sie normalerweise friedlich. Ein paar praktische Tipps: Zu zweit oder in der Gruppe gehen, denn das Geräusch vertreibt die Bären. Oder das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Am besten keine offenen Lebensmittel mitnehmen und nicht draußen kochen.

In Rumänien bin ich bisher nur einmal einem Bären begegnet. Allerdings hatte ich es auch darauf angelegt und war ganz besonders leise und vorsichtig. Entweder der Bär hat mich nicht gehört/gerochen/gesehen, oder es war ihm einfach egal. Er ist einfach vorbeispaziert, obwohl ich noch extra die Kamera aus dem Rucksack geholt habe. (Ja, so cool bin ich.)

Ich persönlich habe jedenfalls wesentlich mehr Angst vor Hunden.

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Und dann steht leider schon wieder die Weiterreise an. Der Busbahnhof von Satu Mare wartet mit filigraner Fassadenkunst auf.

Aber Ihr kennt mich: Ich vertraue mein Leben lieber der Eisenbahn an.

Wie es sich für eine Stadt geziemt, die einst zur Habsburgermonarchie gehörte, gibt es einen täglichen Direktzug nach Wien. Denn wo käme man hin, wenn man nur 100 Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs schon anfangen würde, die Zugfahrpläne zu ändern? „Nur ned hudeln“, wie wir in Osteuropa sagen.

Praktische Tipps:

  • Satu Mare liegt kurz nach der ungarisch-rumänischen Grenze, ist also ein guter Ort, um auf der langen Fahrt nach Rumänien ein oder zwei Tage Pause einzulegen.
  • Zwischen Wien und Satu Mare gibt es sogar eine direkte Zugverbindung. Wenn Ihr den Fahrschein bei der ungarischen oder der rumänischen Eisenbahn kauft, ist die Fahrt noch billiger.
  • Ich bin per Anhalter von Sighet nach Satu Mare gefahren – über den Huta-Pass durch das Oaş-Gebirge -und wäre unterwegs am liebsten ein paar Mal ausgestiegen, weil die Landschaft so wunderschön war.

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Vor hundert Jahren wollte Frau K. unbedingt die Scheidung – Dezember 1923: Liebesfalle

Ich weiß, wir sind nach der Logik dieser kleinen Geschichtsreihe schon im Januar 1924 angelangt, und ich sollte mich den ersten Olympischen Winterspielen in Chamonix, dem Tod Lenins, der Krönung des letzten Königs von Sine oder wieder einmal dem Freistaat Fiume widmen.

Aber dieser eine kleine Nachzügler, den uns der Podcast „Auf den Tag genau“ mit einer Zeitungsmeldung vom 4. Dezember 1923 vorgestellt hat, muss noch erwähnt werden. (Nachzügler nur bei mir; alle Podcaster, die ich kenne, sind immer sehr pünktlich.) Aber ich schwöre vor dem – zufällig im Januar 1924 abgeschafften – Geschworenengericht, dass es der letzte Beitrag aus und über 1923 sein wird.

Denn dabei geht es um das Scheidungsrecht, mithin meine Kernkompetenz und – neben der Flucht – den einzig legalen Ausweg aus der, wie viele jetzt über die sogenannten Weihnachtsfeiertage festgestellt haben werden, zunehmend unerträglicher werdenden Ehehölle.

Auch wenn diese Reihe von Zeit zu Zeit in ein nostalgisches „Früher war alles besser“ verfällt, so muss ich hiervon das Familienrecht ausnehmen. Vor 100 Jahren musste man in Deutschland schwerwiegende Gründe vorbringen und beweisen, wenn man sich scheiden lassen wollte: Geisteskrankheit (allerdings erst nach drei Jahren), bösliches Verlassen (entsprechend dem Tatbestand des Desertierens aus der Armee), versuchte Tötung oder Ehebruch.

Bei dieser Aufzählung wird schnell klar, dass der Ehebruch noch die angenehmste Methode war. Weil aber in (West-)Deutschland bis 1977 bei der Scheidung der/die Schuldige ermittelt und mit Verlust aller finanziellen Ansprüche bestraft wurde, konnte man nicht einfach selbst einen Ehebruch begehen. Stattdessen musste man den Ehepartner dabei ertappen. Und notfalls nachhelfen, so wie im hier geschilderten Fall.

Die Liebesfalle: Ein fotografierter Ehebruch

Auf was für Schliche eine Frau kommt, die sich unter allen Umständen gern von ihrem Mann scheiden lassen möchte, bewies eine Schöffengerichtsverhandlung, die als Begleiterscheinung eines gleichzeitig laufenden Scheidungsprozesses die 23-jährige ehemalige Kontoristin Lisa K. nach Moabit führte.

In diesem Fall war sie allerdings nicht die Angeklagte, sondern nur ihre Freundin Walli Br. und deren Mann. Sie selbst, Tochter eines alten Sanitätsrates aus Schlesien, macht den Eindruck der üblichen Kurfürstendamm-Abenteurerin: Sehr nervös, blasses, durch eine gute Frisur raffiniert zur Geltung gebrachtes Gesicht eines lasterhaft schlecht aufgewachsenen Backfischs und eine Figur, die zu grazil ist, um Kinder zu gebären, und zu fieberdurchheizt, um eine Gesundungskur des Ausruhens vertragen zu können. Die Freundin und der Mann von jener eleganten blonden Zweideutigkeit, wie sie häufig die Champion-Paare der Tennis- und Tanzturniere haben.

Ihnen gegenüber der Kläger. Der schon alternde Kaufmann K., der 40 ist und dank der letzten zehnjährigen Börsenerregungen wie 55 aussieht und – wenigstens nach den Prozessakten – wie ein 60-Jähriger lebt. Die Ehe war für unsere Heldin Lisa zuerst ein wohltätiges Luxusbad, bald aber abgestandenes Spülwasser gewesen,

hübsche Metapher!

und, seit sich auf einem Hausball in der Ferne ein südamerikanischer Gesandtschaftssekretär zu Ernsthafterem geneigt gezeigt hatte, eine Unerträglichkeit.

Vorsitzender: „Sie haben, Herr K., den Eindruck, dass Ihre Frau diese ganze fatale Angelegenheit arrangiert hat?“

Herr K.: „Es ist mir gewiss peinlich, hier darüber zu sprechen. Vielleicht sind auch seitens des Ehepaares Br. erpresserische Motive im Spiel gewesen. Ich kann das nicht so genau beurteilen.“

Vorsitzender: „Dann versuchen Sie doch einmal, objektiv den Hergang am Abend des 25. September zu schildern.“

Der Kläger gibt nun eine Erzählung, die hier nur ihrer grotesken Boccaccio-Pointen beraubt wiedergegeben sein mag.

„Ich kannte Frau Walli Br. nicht. Die Ehe mit Lisa war schon seit einiger Zeit recht unglücklich, und ich war an jenem Nachmittag, wie immer, in mein Stammcafé, das Romanische gegangen. Mit einem Male nimmt mir gegenüber eine große, blonde Frau – ich muss eingestehen, mein Typ – Platz. Wir kommen ins Gespräch und, naja, sie ladet mich eben abends zum Tee ein. Da ich wenig Lust habe, nach Hause zu gehen, fühlte ich mich in der fremden Wohnung nur allzu wohl. Es war sehr warm, merkwürdigerweise trotz des milden Herbstes schon geheizt. Wir tranken eine ganze Masse Liköre und da weiß ich nicht, wie es kam, aber ich zog meinen Rock aus und saß in Hemdärmeln. Die Dame wurde sehr zutraulich. Mit einem Male höre ich, gerade als sie mir mit der Hand übers Haar fährt,“

„Mmh, mmh“ im Zuschauerraum.

„ein knackendes Geräusch, drehe mich um und sehe gerade noch, wie aus dem Spalt der Schiebetür zum nächsten Zimmer ein kleiner fotografischer Apparat herausgezogen wird. Ich auf zur Tür! In dem selben Augenblick wird diese von draußen zugeriegelt, und ich höre jemanden davonlaufen. Den Schlüssel zur anderen Tür hatte die feine Dame natürlich verlegt. Erst nach einer furchtbaren Szene kam ich heraus.“

Vorsitzender: „Wussten Sie nun sofort, warum diese ganze Sache inszeniert wurde?“

Der Kläger: „Nein. Ich dachte zwar gleich an eine Erpressung, aber da man mich ruhig ziehen ließ, glaubte ich, ich hätte mich am Ende gar geirrt. In der nächsten Woche freilich kommt mit einem Male meine Frau zu mir und zeigt mir einen Brief, in dem eine Fotografie liegt. Ob ich mich nun noch weiter der Scheidung widersetzen würde. Ich begriff die Sache noch immer nicht. Bis ich eines Tages durch Zufall bei Schilling meine damalige Abendbekanntschaft und meine Frau zusammen im Gespräch sitzen sah. Ich sage zufällig, denn man vermutete mich zu jener Zeit in einer Aufsichtsratssitzung.“

Die wegen Hausfriedensbruch angeklagte Walli Br. verteidigt sich wenig. Dergleichen ihr Mann. Sie hätten ihrer Freundin einen Dienst leisten wollen, und an dem Tatbestand der Untreue ändere ja doch die Tatsache des Moments der Verführung wenig.

Hier hat der Reporter etwas verwechselt, scheint mir. Keine Ahnung, wie er vom Ehebruch auf den Hausfriedensbruch kommt. Und Untreue, nun ja, dass Nichtjuristen den Begriff anders verwenden als wir Juristen, das sei – gerade bei solch einem komplizierten Delikt – zugestanden.

Aber das Gericht begibt sich nicht auf dies philosophische Gebiet, sondern verurteilt das saubere Ehepaar wegen Freiheitsberaubung zu einer empfindlichen Strafe, die nur wegen der bisherigen Unbescholtenheit eine Geldstrafe ist.

Frau Lisa K. aber hat nach diesem Urteil für das „schuldig“ in dem Ehescheidungsprozess die meisten Punkte endgültig in der Tasche. Die alte Moral vom Grubengraben, das oft so unzweckmäßig sei, hat sich wieder einmal bestätigt.

So lief das also vor hundert Jahren. Heutzutage, und man kann das gar nicht oft genug betonen, interessiert weder die Richter noch die Rechtsanwälte, warum Ihr Euch trennt und wer wann was gesagt oder getan hat. Scheidung geht mittlerweile ganz schmerzlos. Wie bei den Zahnärzten, wo man auch kaum mehr etwas spürt und sich wundert, warum man jahrelang Angst vor ihnen hatte.

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Vor hundert Jahren hatte ein Teenager die Schnauze voll – Dezember 1923: Kurt H.

Weihnachten und Neujahr. Das ist die Zeit, wo wieder viele Männer, Frauen und genervte Kinder sagen „ich gehe nur schnell eine rauchen“, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

Schon um sich dieser Möglichkeit nicht zu berauben, sollte, auch wer dem Tabak eigentlich nicht zugeneigt ist, zumindest so tun, wie wenn man manchmal diesem Laster frönt. Aus diesem Grund rauche ich Zigarren. Denn damit wird man nicht bereits nach 5 Minuten vermisst, sondern hat mindestens 30 Minuten Vorsprung vor der verfolgenden Meute, Mischpoche und Miliz.

Beim Schmieden von möglichst waghalsigen Fluchtplänen.

Manche werden ungläubig aufgeschreckt sein, als ich in der obigen Aufzählung die Kinder erwähnte. Aber der Podcast „Auf den Tag genau“ hat einen Zeitungsbericht vom 13. Dezember 1923 vertont, in dem ein Jugendlicher ausbüxte, weil er Stress mit seiner Mutter hatte.

Ich mache mir heute gar keine Arbeit, sondern gebe einfach den damaligen Artikel wieder, lediglich durchsetzt mit klitzekleinen Anmerkungen, Abschweifungen und Anekdoten meinerseits:

Ein 16-Jähriger als Abenteurer: Ohne Pass von Berlin nach Syrien

Der 16-jährige Kurt H. aus der Kiefholzstraße in Treptow war am 9. Oktober 1923 seiner Mutter, mit der er sich schlecht vertrug, ausgekniffen.

Das Wort „auskneifen“ verwendet man auch viel zu selten, finde ich. Beim Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache gibt es eine Wortverlaufskurve, die den dramatischen Verfall unserer vokabularen Variabilität illustriert.

Nur in den 1980er Jahren gab es eine kurze Renaissance. Wahrscheinlich weil damals die Sektengurus in ihren Limousinen durch die Lande tingelten und Jugendliche aus grauen Reihenhaussiedlungen in ihre farbenfrohen Ashrams nach Indien entführten.

Ich kann mich selbst noch gut erinnern. Wenn ich als kleiner Steppke das Haus verließ, hatte meine Mutter immer nur eine Sorge: „Steig auf keinen Fall ein, wenn dieser Bhagwan mit seinem Rolls Royce vorbeikommt.“

Aber ich glaube, der hatte sowieso mehr Interesse an Mädchen. Für Knaben lauerte die größere Gefahr in der Katholischen Kirche. Und Bhagwan änderte später seinen Namen in Osho und verkauft seither Millionen von belanglosen Büchern, deren Leserinnen keine Ahnung haben, welchem Idioten sie da huldigen.

Dass der Name des Ausgekniffenen zu Kurt H. verkürzt wird, zeigt, dass Datenschutz in Deutschland eine lange Tradition hat. Dass im gleichen Atemzug seine Adresse millionenfach gedruckt wird, zeigt, dass schon damals niemand den Datenschutz richtig verstanden hat.

Ich persönlich finde das mit den abgekürzten Namen gar nicht so lustig, weil erstaunlich viele Übel- und Missetäter als Andreas M. firmieren, und ich immer befürchte, mit einem davon verwechselt zu werden. Bei dem geplanten Putsch der Reichsbürger, die im Dezember 2022 aufflogen, war schon wieder einer dabei.

Ich hoffe nur, dass meine Meinung zu den Reichsbürgern hinreichend bekannt ist, um mögliche Verwechslungen auszuschließen. Außerdem heißt der Typ Andreas Meyer, um hier ganz keck auf den Datenschutz zu pfeifen.

Aber zurück zu Kurt H.:

Nachforschungen nach dem Vermissten hatten zunächst keinen Erfolg. Jetzt ist bei der Mutter von dem Ersten Maschinenoffizier des Lloyd-Triestino auf dem Dampfer Gastein ein mit dem Poststempel Konstantinopel versehener Brief eingetroffen, wonach sich der abenteuerlustige Bursche in Syrien befindet.

Na, das wird eine freudige Überraschung in der Kiefholzstraße gewesen sein!

Ich habe jedenfalls sofort eine geistig-emotionale Verwandtschaft zu Kurt H. verspürt. Denn im gleichen Alter kniff ich ebenfalls von zuhause aus, ebenfalls in den Nahen Osten. Die Sommerferien waren lang. Zuhause gab es nur Stress. Ich war weltpolitisch und historisch interessiert, also dachte ich mir: Ab in den Irak! Allerdings tobte dort gerade einer der vielen Golfkriege, und die Flüge waren wahnsinnig teuer.

Also flog ich stattdessen nach Israel.

Das war in der guten alten Zeit vor dem Interweb, als man nicht einfach googeln konnte, wenn man sich für ein Land interessierte. Man musste entweder in die Bibliothek oder selbst reisen. Eigentlich noch genauso wie 1923, zu den Zeiten von Kurt H.

Nach der Ankunft spazierte man erleichtert an die frische Luft (weil im Flugzeug noch gequalmt wurde wie blöd), fragte an einer Ecke nach dem nächsten Kibbuz, half im Kuhstall oder bei der Kürbiszucht und bekam eine Knarre in die Hand. Die musste ich kein einziges Mal abfeuern, denn es stand gerade der Oslo-Friedensprozess auf dem Programm. Wie gesagt, die gute alte Zeit.

Auch wenn ansonsten alles in der Welt seither bergab ging, immerhin kleide ich mich mittlerweile stilvoller. Ein schwacher Trost für die enttäuschten Friedenshoffnungen und die verlorene Reiseromantik der vor-elektronischen Zeit, ich weiß.

Deshalb schnell zurück zu Kurt H.:

Er wurde nach der Abfahrt von Alexandrien auf der Reise nach Palästina zwischen anderen Passagieren ohne Pass und Geldmittel entdeckt. In Palästina, das von den Engländern besetzt ist, herrscht sehr strenge Passkontrolle. Hier an Land zu kommen gelang dem kleinen Durchbrenner nicht. Er wurde deshalb nach Haifa mitgenommen, konnte aber auch hier nicht landen.

Das tut mir ganz besonders leid für ihn, denn Haifa ist tatsächlich eine tolle Stadt. Schon vom Hafen aus hätte Kurt H. das Weltzentrum der Bahai bestaunen und bewundern können. Aber halt, die Gärten waren damals noch gar nicht angelegt. Er hätte also beim Gartenbau unterkommen können. Und bei den Bahai muss man dabei nicht einmal eine Waffe tragen.

von oben mit Hafen 2

Oder er hätte seine deutschen Landsleute in der Templer-Kolonie besuchen können.

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Aber es sollte nicht sein:

Die Araber weigerten sich, ihn ohne Pass an Land zu bringen. So ging die Fahrt weiter, bis nach dem von den Franzosen besetzten Beirut, wo die Ausschiffung ohne Pass ebenfalls eine Unmöglichkeit ist.

Diese verdammten Pässe. Geißel der freiheitsliebenden Menschheit. 1923 waren sie noch eine relativ neue Erfindung. Mit dem Ersten Weltkrieg waren die Staaten misstrauisch geworden und verließen sich nicht mehr auf ein freundliches Gesicht und einen kräftigen Händedruck derjenigen, die im Hafen ankamen. Nein, jetzt wollten sie Namen der Eltern, Datum der Geburt und die Hausnummer in der Kiefholzstraße, wozu auch immer diese Informationen den Behörden in der Levante von Nutzen gewesen sein sollten.

Jetzt versuchte Kurt H. zur Nachtzeit schwimmend das Land zu erreichen. Er band die Kleider am Kopf fest, kam auch glücklich an Land, ging halbnackt durch die Straßen Beiruts, wurde von einer französischen Nachtpatrouille aufgegriffen und nach dem Dampfer Gastein zurückgebracht.

Ach, schade! Beirut hätte ich ihm ebenfalls gegönnt. Das war ja damals eine wahnsinnig kosmopolitische Stadt, wahrscheinlich internationaler als Berlin. Sunniten, Schiiten, Drusen, griechisch-orthodoxe Christen, Maroniten, preußische Diakonissen, Fotostudios von Weltrang, das deutsche Johanniterspital, ein botanischer Garten, ein Jesuitenkolleg, Hunderte von Zeitungen, die amerikanische Universität, die arabische Renaissance, das Paris des Orients.

Ich selbst war, das wird jetzt niemanden mehr überraschen, natürlich auch schon in Beirut. Aber Ihr wollt mehr von Kurt H. erfahren:

Beim Trocknen der Kleider im Maschinenraum wurden dann von dem Maschinenoffizier Papiere mit der Treptower Adresse des Burschen gefunden. Die Matrosen stimmten das alte deutsche Lied an: „Wenn es meine Mutter wüsste, wie’s mir in der Fremde geht.“

Am 27. Oktober wurde Tripolis in Syrien erreicht. Hier täuschte er einen Araber mit einem Lichtbildausweis und kam in der Barke des Arabers an Land, von wo er sich nach dem 120 km entfernten Haifa, um dort bei bekannten Mitpassagieren Arbeit zu finden, durchpirschen wollte.

Ich fand den jungen Mann ja bisher schon ganz vischelant, aber jetzt bin ich wirklich über alle Maßen begeistert. Da hat jemand die Karl-May-Lektüre absolut verinnerlicht. Und die richtige Einstellung zum Reisen: Einfach mal probieren, im schlimmsten Fall wird man wieder nach Hause geschickt. (Genau die sympathische Einstellung, mit der 50 Jahre später findige DDR-Bürger illegal durch die Sowjetunion reisten.)

Wie Kurt H. dem Schiffsoffizier erzählte, hatte er bei der Abfahrt von Berlin nur 4 Milliarden in deutschem Papiergeld bei sich. In Triest betrat er als Gepäckträger für andere Passagiere den Dampfer Helouan, der zur Abreise nach Alexandrien im Hafen lag, versteckte sich im Schiffsraum, um der Schiffskontrolle zu entgehen und kam dann in gleicher Weise auf den Dampfer Gastein.

Ich weiß nicht, ob es Zufall oder guter Geschmack war, aber mit der Helouan hatte sich unserer Ausreißer das Prachtschiff des Lloyd Triestino geangelt.

Auch wenn Kurt H. sich verstecken musste, so war das sicher komfortabler und weniger gefährlich, als wie heutzutage blinde Passagiere die Weltmeere überqueren. Ich hatte mal eine Bekannte, die bei einer mexikanischen Reederei arbeitete. Sie erzählte immer wieder, dass auf einem ihrer Schiffe ein blinder Passagier gefunden wurde. Meistens schon tot. Erfroren, dehydriert, verhungert oder von Containern zerquetscht. – Ich erwähne das nur, falls jemand glaubt, es sei schlimm, wenn die Regionalbahn nach Bischofswerda eine Viertelstunde verspätet ist.

Und bevor wegen der 4 Milliarden Mark jemand denkt, dass der kleine Kurt ein Krösus war: 1923 herrschte Hyperinflation. Das Deutsche Reich hatte zum einen den Ersten Weltkrieg auf Kredit finanziert, in der Hoffnung, zur Begleichung der Schulden die eroberten Nachbarländer ausbluten zu können. Der Plan ging bekanntlich nicht ganz auf, weshalb man 25 Jahre später einen erneuten Anlauf nehmen würde.

Dazu kam 1923 als akuter Inflationsauslöser der Ruhrkampf. Frankreich und Belgien hatten das Ruhrgebiet besetzt, weil Deutschland mit den Reparationsleistungen in Verzug war. Die deutsche Regierung forderte die Arbeiter im Ruhrgebiet zur Arbeitsniederlegung auf (wenn es gegen Frankreich geht, ist Streik plötzlich in Ordnung), versprach jedoch, die Löhne weiter zu bezahlen (wenn es gegen Frankreich geht, ist auch ein großzügiger Sozialstatt kein Problem). Und weil dafür hemmungslos Geld gedruckt wurde (wenn es gegen Frankreich geht, spielt die schwarze Null keine Rolle mehr), verlor selbiges an Wert.

Zur Einordnung der 4 Milliarden Mark, die Kurt H. auf seiner Orientreise mitführte: Ende 1923 kostete ein Laib Brot in Deutschland mehrere hundert Milliarden Mark. Eine Fahrt mit der Straßenbahn in Berlin kostete 150 Milliarden Mark. Der kleine Kurt war also nicht nur ein Abenteurer, sondern auch ein ökonomisches Genie, weil er ahnte, dass er anderswo mit den Milliardenscheinen noch Eindruck schinden könnte. (Vielleicht bekommt man dort sogar noch die alten Ostmark los.)

Das möge aber nicht zur Nachahmung anregen. Der kleine H. hat, wie der Schiffsoffizier schreibt, ausnahmsweise erstaunliches Glück gehabt.

Doch! Das ist absolut nachahmenswert.

Aber heutzutage drehen die Eltern ja gleich durch, wenn die Kinder für ein paar Stunden nicht erreichbar sind. Wenn ich Jugendlicher wäre, ich würde schon aus Protest gegen diese Dauerüberwachung für ein paar Wochen abhauen. Damit die Eltern lernen, dass man nicht jemandes Eigentum, sondern ein freies Individuum ist. – Wenn Ihr es während der Schulferien macht, ist es nicht einmal verboten. Aber hinterlasst den Eltern doch netterweise einen Brief, so dass Sie sich keine ernsthaften Sorgen machen müssen. Ach ja, und nehmt doch besser einen Personalausweis oder Reisepass mit, das erleichtert einiges.

Damit bleibt nur noch eine Frage offen: Was wohl aus Kurt H. geworden ist?


So, und jetzt seid Ihr hoffentlich gespannt, was ich im Rahmen dieser Geschichtsreihe zu 1924 alles ausgraben werde. Es wird wieder ein bunter Mix aus Weltgeschichte und Kleinigkeiten, von Landsberg nach Mexiko, über Schach und Sparschweine, biologisch-dynamisch sowie radioaktiv angereichert.

Vorschläge und Gastbeiträge sind herzlichst willkommen!

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Weiße Weihnachten im Plattenbau

Meine am Vortag noch geäußerte Skepsis wurde gestern Lügen gestraft, als es in Chemnitz so heftig schneite, dass die ganze Stadt mit einer dicken Puderzuckerschicht überzogen war. Und es wollte gar nicht mehr aufhören!

Ich habe Euch ja bereits gezeigt, wie fantastisch schön Chemnitz ist. Und natürlich sieht das alles mit Schnee noch einmal romantischer aus.

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Aber weil sich insbesondere die westliche Leserschaft nicht vorstellen kann, wie romantisch ein Plattenbau im Winter ist, habe ich mich auf einen kleinen Spaziergang durch meine Nachbarschaft im Yorck-Gebiet beschränkt. (Außerdem hatte ich keine Lust, stundenlang durch die Kälte zu stapfen.)

Ich finde, man bekommt hier so ein richtiges Sibirien-Gefühl. Mit Lust auf deftiges Essen, hochprozentigen Nachtisch und ziegelsteindicke, möglichst dramatische Romane in der wohlig-warmen, fernwärmegeheizten Wohnung.

Meine anfängliche Skepsis bewahrheitete sich dann leider doch. Schon heute ist fast der ganze Schnee wieder geschmolzen und die Stadt versinkt in den Fluten.

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Klimawandel zu Weihnachten

Da nützt all die Weihnachtsdekoration nichts: Weiße Weihnachten werden viele Kinder nur mehr aus dem Märchen und aus der Werbung kennen.

Fotografiert in Waterloo in Belgien.

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Frühling im Dezember

Montagmorgen. Gut geruht und voller Energie und Tatendrang wache ich um 6 Uhr auf. Die Aufgabenliste für den Tag ist lang. Eine Kindesunterhaltsberechnung unter Berücksichtigung der portugiesischen Kaufkraftparität. Themensuche für ein Seminar zur Forstwirtschaft im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Beantworten der vielen Zuschriften, die mich nach meinem Artikel über Chemnitz überwältigt haben. Ein komplizierter internationaler Versorgungsausgleich. Die grobe Jahresplanung für 1924 für meine kleine Geschichtsreihe. Die Pflegschaft für ein ukrainisches Kind, dessen Vater unerreichbar unter russischer Besatzung lebt.

Nur noch einen Blick in die Zeitung, bevor ich loslege, um die Welt ein bisschen gerechter zu machen.

Was lese ich da? Die Wettervorhersage kündigt Sonnenschein, milde Temperaturen und den schönsten Tag der Woche an.

Spontan packe ich einen kleinen Rucksack, laufe zum Bahnhof und springe – gelobt sei das Deutschlandticket – in den ersten Zug, der abfährt. Nach Olbernhau-Grünthal geht er, und ich habe keine Ahnung, wo das ist.

Einen Plan habe ich auch nicht, außer dass ich die Sonne lieber in der Natur als vom Schreibtisch aus genießen will. Flöha, Falkenau, Hetzdorf. Ein wunderbares Viadukt, das ich leider zu spät erblicke. Aber es ist vorgemerkt für die nächste Wanderung.

Hohenfichte, Leubsdorf, Grünhainichen-Borstendorf, Floßmühle. Orte der Industriekultur, die ebenfalls eine Erkundung wert wären. Alle romantisch gelegen an der Flöha.

Aber dann erblicke ich knapp rechtzeitig vor dem Halt in Lengefeld-Rauenstein eine Burg und springe aus dem Zug, so dass ich niemals wissen werde, was eigentlich in Olbernhau-Grünthal wartet. Aber so eine Burg ist für meine heutigen Zwecke ein guter Ausgangsort.

Weil die Burg am Westufer der Flöha liegt, steige ich die Anhöhe am Ostufer hinauf. Das mag kontraintuitiv klingen, aber so hat man einen viel besseren Blick.

Und dann passiert, was meist an solchen Tagen passiert: Ich erblicke eine Wanderkarte, einen Wegweiser oder einen sonstigen Hinweis, der mich zum nächsten Ziel führt. Einem Ziel, von dessen Existenz ich bei der Abfahrt am Morgen noch gar nicht wusste. Heute ist es die Talsperre Saidenbach. Ein Wanderweg führt einmal rundherum, und ich habe gerade nichts Besseres zu tun. (Beziehungsweise ich hätte eine Menge zu tun, wie ich eingangs geschildert habe, aber Natur kuriert mich blitzschnell und effektiv von jeglichem Pflicht- oder Verantwortungsgefühl.)

Es ist so wunderbar sonnig und warm, dass man schon vor Weihnachten denkt, der Frühling hätte begonnen. Und wegen des vielen Wassers fühlt man sich wie in Schweden, in Kanada oder in Müggelheim.

Man muss für diese Wanderung nicht einmal Getränke einpacken, denn die Talsperre dient schließlich der Gewinnung von Trinkwasser. Es sieht absolut klar aus, und schmeckt einwandfrei.

Nur ein Buch und Zigarren muss man selbst mitbringen, dann steht dem gelungenen Tag absolut nichts mehr im Weg.

Mindestens einmal in der Woche muss so ein Tag sein. Das sei insbesondere jetzt, wo Menschen nach kreativen Neujahrsvorsätzen suchen, ins Gedächtnis gerufen.

Praktische Tipps:

  • Wenn Ihr die Saidenbach-Talsperre umrunden wollt, ignoriert am besten den offiziellen Wanderweg, denn der führt oft sehr weit vom Ufer weg. Stattdessen den Pfad suchen, der immer in Ufernähe verläuft.
  • Bitte nicht in die Natur pinkeln! Das ist das Wasser, das bei mir zuhause aus der Leitung kommt.
  • Ich habe es nur vom Zug aus gesehen, aber ich glaube, das Flöhatal ist auch eine Wanderung wert.

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Guten Morgen aus Chemnitz

Keine Sorge, ich werde Euch nicht ständig mit Sonnenaufgängen, Sonnenuntergängen oder gar Weltuntergängen traktieren.

Aber heute Morgen war es ziemlich hübsch.

Das ist einer der Vorteile davon, wenn man in einem der oberen Stockwerke lebt. Neben der Leibesertüchtigung.

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So geht Hygge!

Nachdem einige Besucher kritisiert haben, mein Wohnzimmer sähe aus wie ein Büro, habe ich alle meine Dekorationskünste zusammengenommen und sogar Blumen aufgestellt.

Jetzt ist es aber richtig gemütlich, nicht wahr?

Und für diejenigen, die sich wegen des Stalingrad-Posters vor Schreck die Zehen abgefroren haben: Keine Sorge, das feiert nicht die Wehrmacht, sondern die Rote Armee und ihren Sieg über die deutsche Barbarei. – Wobei durchaus zugestanden sein soll, dass die moralische Wertung dadurch verkompliziert wird, dass die Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg mitschuldig war. Aber ich finde hier in Ostdeutschland leider keine Poster von der US-Armee.

Wahrscheinlich sollte ich doch mal ins Archäologie-Museum in Chemnitz schauen, wo zur Zeit eine Ausstellung über die Archäologie des Wohnens gezeigt wird. Und ich muss mich öfter auf Flohmärkten herumtreiben. Das Problem ist, manche Flohmärkten in Chemnitz erwecken den Eindruck, dass bei der Wehrmacht gerade Wohnungsauflösung war.

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Ein neues Zuhause in Chemnitz

To the English version.

Seit August wohne ich in Chemnitz, das den älteren unter uns noch als Karl-Marx-Stadt in Erinnerung ist. Sowohl außer- aber überraschenderweise auch innerhalb der Stadt führt diese Nachricht meist zu einem entgeisterten „Warum Chemnitz??“

Nachdem ich jetzt schon etwa hundertmal erklärt habe, weshalb ich mich gerade, ausgerechnet und bewusst in Chemnitz niedergelassen habe, kam mir endlich ein naheliegender Gedanke. Ich habe ja diesen kleinen Blog, der sowieso schon viel zu viel Persönliches von mir preisgibt. Und da kann ich die Gedankengänge, die zur Wahl von Chemnitz als Lebensmittelpunkt geführt haben, einfach aufzählen und fürderhin bequem, gemütlich und galant auf diesen Artikel verweisen, wenn ich zum hundertersten und fortfolgenden Male gefragt werde.

Zuerst sei daran erinnert, wie und wo ich die vergangenen Jahre gelebt habe:

Heute hier, morgen dort. Ein Leben aus dem Rucksack. Ohne materiellen und persönlichen Ballast. Nicht wissen, wo man in zwei Monaten sein wird, ist für mich der Inbegriff von Freiheit.

Aber so schön das Herumvagabundieren ist, es hat auch seine Schattenseiten.

Nein, ich meine nicht diesen angenehmen Schatten, den der märchenhafte deutsche Wald auf den müden Wandersmann wirft.

Am meisten gelitten unter dem unsteten Lebenswandel hat mein Geschichtsstudium. So lehrreich es ist, alle paar Monate woanders zu sein und sich in die dortige Geschichte zu vertiefen, so interessant die Museen in Bogotá und die Archive in Montenegro sind, so wenig kann ich eine Hausarbeit schreiben, wenn ich ständig auf dem Sprung bin und immer nur wenige Bücher mitnehmen kann. Angeblich gibt es schon Bibliotheken im Interweb, aber ich bin halt eher der altmodische Lerntyp.

In der Online-Bibliothek gibt es außerdem kein Bier.

Auch die Arbeit als Haus- und Katzensitter, die mich von Spanien bis Stockholm, von Kanada bis Kiew an viele interessante Orte gebracht und mir die Aufwendungen für Miete erspart hat, habe ich jetzt schon wieder fünf Jahre gemacht. Wie Ihr wisst, bin ich der Meinung, dass ein gesunder Lebenswandel unbedingt erfordert, alle 5 bis 7 Jahre etwas vollständig Neues anzufangen.

Und schließlich habe ich die letzten Jahre so viel Gastfreundschaft genossen, dass ich endlich etwas davon zurückgeben will. Ich bin beim Couchsurfing immer lieber Gastgeber als Gast gewesen und wollte gerne wieder eine Wohnung haben, wo Freunde und Fremde für ein paar Tage vorbeikommen und Geschichten (und Schnaps) aus aller Welt mitbringen.

hiking with Matt and Hunter
Die beiden Jungs aus Virginia brachten sogar Zigarren mit. Top!

Die Entscheidung, in welchem Land ich mich niederlasse, fiel zwangsweise leicht: Zwar wären Rumänien, Bolivien oder Abchasien für mich interessanter als Deutschland.

Aber leider habe ich nichts Praktisches wie Maler oder Schreiner oder LKW-Fahrer gelernt, von dem man überall auf der Welt leben könnte. Weil ich nicht so gute Noten hatte, musste ich auf die Rechtswissenschaftliche Fakultät, von der ich mit zwei lausigen Juristischen Staatsexamen entlassen wurde. Immer wenn ich damit zum Hafen in Piräus, in Odessa oder in Daressalam gegangen bin und auf einem Schiff anheuern wollte, wurde ich verspottet. „Der kann ja nicht einmal einen Topsegelschotstek„, lachten die Matrosen und zeigten keinerlei Interesse an einem Vortrag über die Geschichte des Seerechts.

Also musste ich wieder nach Deutschland ziehen, dem einzigen Land, in dem ich als Rechtsanwalt arbeiten kann. (Die wenigen deutschen Juristen, die im Ausland arbeiten, machen so dubiose Sachen wie Steuerhinterziehung auf karibischen Inseln. Das ist nichts für mich.)

Außerdem sind karibische Inseln langweilig. (Hier Sint Maarten / Saint Martin, aber die sehen alle gleich aus.)

Wenn schon Deutschland, dann aber bitte eine Region, die ich vorher noch überhaupt nicht kannte. Auch beim Weltreisen hat mir das immer am besten gefallen, wenn man wo neu ankommt, nichts und niemanden kennt, bei Null anfängt und sich neue Freundschaften und Kontakte aufbauen muss. Wenn ich zu lange an einem Ort bin und verstehe, wie alles läuft, dann fühle ich mich irgendwie unterfordert.

Nachdem ich schon oft kritisiert habe, wie wenig sich die Westdeutschen für Ostdeutschland interessieren, und weil ich finde, dass die Verwirklichung der deutschen Einheit in der Verantwortung eines jeden einzelnen Bürgers liegt, war eine Entscheidung klar: Als Wessi würde ich auf jeden Fall nach Ostdeutschland ziehen. Und zwar richtig Ostdeutschland, nicht Berlin oder Potsdam oder wo sonst die Westmillionäre sich einkaufen.

Weil ich flache Landschaften fade finde, schieden Mecklenburg-Vorpommern und eigentlich alles nördlich von Leipzig aus. Ich verstehe schon, dass ebene Felder praktisch sind für den Anbau von Mais, für Traktorenwettrennen und fürs Bruttosozialprodukt. Aber ich bin bin eher Landstreicher als Landwirt, und deshalb brauche ich Berge.

Außerdem wollte ich in eine mittelgroße Stadt. Nichts gegen Großstädte, aber wenn man hauptsächlich Studieren und Schreiben will, dann lockt in Leipzig oder Dresden zu viel Abwechslung. Zu klein darf es aber auch nicht sein. Annaberg-Buchholz und Bad Schandau sind schon putzig, aber da hat man nach ein paar Monaten das Gefühl, nichts Neues mehr entdecken zu können. Görlitz ist wunderbar, aber seit dem weitgehenden Verlust Schlesiens einfach zu sehr Randlage. Da lohnt sich das Deutschlandticket kaum, und für Polnisch fehlt mir das Talent. Außerdem sollte die Stadt mindestens eine Universität haben, und zwar eine richtige, nicht nur einzelne Fakultäten wie in Freiberg oder Tharandt.

Immer wieder kam mir Chemnitz in den Sinn, weil die Stadt schon seit ihrer Wahl zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 in meinem Hinterkopf waberte. 2025 ist, wenn ich richtig gerechnet habe, in zwei Jahren. Und weil ich für mindestens drei Jahre sesshaft bleiben will, passt das ganz wunderbar. So bekomme ich das ganze Programm mit, von den hektischen Vorbereitungen, den Milliardeninvestitionen, dem Besucheranstrom aus aller Welt und anschließend den erneuten Fall in die Bedeutungslosigkeit. Oder hoffentlich etwas Nachhaltigeres. Jedenfalls kann das spannend werden!

Ich bin in meinem Leben schon so oft umgezogen, und meist habe ich einfach übers Internet eine Wohnung gemietet, ohne dass ich die Stadt oder auch nur das Land vorher kannte. Das hat manchmal super funktioniert, manchmal weniger gut.

Diesmal wollte ich es richtig professionell angehen und dachte: „Ich fahre nach Chemnitz, laufe einen Tag ziellos durch die Stadt und sehe, wie ich mich fühle.“ Ich finde das viel aussagekräftiger, als wenn Leute Statistiken wälzen, welche Stadt angeblich lebenswert wäre, wo das Klima am besten und die Umweltverschmutzung am niedrigsten ist, wo man am meisten verdient und am wenigsten Miete zahlt. Obwohl letzteres tatsächlich für Chemnitz spricht, aber dazu später mehr.

Schon die Zugfahrt von Leipzig nach Chemnitz ist eine Wucht: Über waghalsige Viadukte nähert man sich der immer wilder und romantischer werdenden Landschaft. In den alten Zügen, mit dem gemütlichen Sechserabteil, wo man jedes Mal neue Bekanntschaften schließt und in denen man noch die Fenster öffnen und mit der Dampflok um die Wette rauchen kann.

Wenn man in Chemnitz ankommt, ist die erste Frage: „Wo ist denn jetzt die Stadt?“ Anders als beispielsweise in Köln, wo einen gleich beim Aussteigen aus dem Hauptbahnhof der blöde Dom erschlägt, tritt man hier unter ein freies Firmament.

Ich fühle mich von Anfang an wohl in Chemnitz, aber es dauert ein bisschen, bis ich verstehe, warum: In dieser Stadt ist man nirgendwo eingeengt. Es gibt keine verwinkelten Gassen, keine dunklen Ecken und keine tiefen Hochhausschluchten. Die Straßen sind so breit wie die Champs Élysées. Mindestens. Wohin man auch geht, überall fühlt es sich frei, offen, weit und luftig an.

Ich habe einen Standard-Test: Wenn ich mitten am Tag bei rot über die Hauptstraße gehen kann, ohne überfahren zu werden, dann gefällt mir die Stadt. (Wenn nein, dann nicht.)

Es mag auch andere Städte geben, in denen man dieses Gefühl von Freiheit im öffentlichen Raum genießt. Das wunderschöne Eisenhüttenstadt zum Beispiel. Aber dort wohnt ja niemand mehr. In Chemnitz hingegen leben 250.000 Menschen. In dieser Größenordnung solch eine großzügige Stadtplanung hinzubekommen, das ist absolute Weltklasse. Damit steht Chemnitz architektonisch in einer Reihe mit Minsk, Pjöngjang oder Brasília.

Manche Leute fühlen sich in solchen Weiten wie Mongolei, Atacama oder Chemnitz verloren. Mir gefällt es. Wer die Ruhe und Weite sucht, muss also nicht mehr die beschwerliche Reise zum Nordkap oder nach Alaska auf sich nehmen. Steigt einfach in den Bus nach Chemnitz und wähnt Euch in einer Stadt, die ganz allein für Euch erbaut wurde.

Und wenn Ihr bei der Ankunft denkt „wow, was für ein futuristischer Omnibusbahnhof“, dann seid Ihr schon in der richtigen Stimmung für einen Rundgang durch die Stadt der Moderne. Mit Architektur, wie man sie sonst nur aus Science-Fiction-Filmen und aus Jugoslawien kennt.

Der historischen Fairness halber muss erwähnt werden, dass Chemnitz nicht ganz freiwillig so modern geworden ist, wie es sich heute zeigt. Vielmehr bedurfte es der städteplanerischen Nachhilfe der alliierten Luftstreitkräfte, die Chemnitz 1945 die Chance auf einen Neubeginn verschafften.

Die damit beabsichtigte Entnazifizierung gelang langfristig leider nicht. Aber architektonisch ist Chemnitz aus diesen Ruinen auferstanden wie einst Karl Marx aus der Asche. Insbesondere entlang der Straße der Nationen, einer wahren Prachtstraße, um die uns Weltstädte wie New York, Paris oder Buenos Aires beneiden würden, wenn sie je davon gehört hätten, fühlt man sich in die 1950er und 1960er Jahre zurückversetzt. (Buenos Aires ist sowieso nicht gut auf Chemnitz zu sprechen, nachdem herauskam, dass der Tango eigentlich aus Chemnitz stammt.)

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Vielleicht ist das nicht „schön“ im klassisch-kitschigen Sinne, so wie Rothenburg oder Marienbad schön sind. Aber ich finde es phantastisch, dass ganze Straßenzüge jene Zeit konservieren, bis hin zu den Schriftzügen an den Cafés, Hotels und Buchhandlungen. Ein Spaziergang durch Chemnitz ist wie das Gefühl, wenn man in einem Antiquariat eine Kiste mit alten, vergilbten Postkarten findet, die einen an die Kindheit erinnern.

Ostmoderne heißt das hier, obwohl in jener euphorischen Zeit des Atomzeitalters im Westen ähnlich gebaut wurde. Nur wurde es dort nach 30 Jahren wieder abgerissen, weil der Kapitalismus laut Schumpeter immer alles zerstören muss.

Chemnitz war sogar schon modern, bevor es 1953 zu Karl-Marx-Stadt wurde. Ich weiß gar nicht, wieso Dessau und Weimar und Tel Aviv so mit dem Bauhaus angeben, und Chemnitz immer übersehen wird. Wenn Ihr die Architektur der Moderne, das Neue Bauen, das Bauhaus, die Neue Sachlichkeit aber auch den Gemeindebau, wie Ihr ihn aus Wien kennt, erleben wollt, dann werdet Ihr auf einem Spaziergang durch Chemnitz etliche Kleinode erblicken.

Beziehungsweise, und da muss ich gleich eine Besonderheit von Chemnitz ansprechen, während eines Spaziergangs werdet Ihr fast nichts sehen. Das ist vermutlich der Grund, warum viele Menschen, die nur für ein paar Stunden auf der Durchreise sind, enttäuscht weiterziehen. Denn Chemnitz ist riesig! 221 Quadratkilometer, genauso groß wie Bukarest, Amsterdam oder Düsseldorf. Größer als Stuttgart, Hannover, Stockholm, Helsinki, Nürnberg, Mailand, Kopenhagen oder Lissabon. Mehr als doppelt so groß wie Paris! Und das sind ja auch keine Städte, wo man mal zwei Stunden herumläuft und dann glaubt, alles gesehen zu haben.

Ich gehe jeden Tag spazieren, schon um die Luft dieser Industriestadt mit feinstem Zigarrenduft zu verfeinern. Und nach sechs Monaten in Chemnitz entdecke ich noch immer vollkommen neue Stadtviertel.

Außerdem ist Chemnitz wunderbar grün. Der Schlossteich oder der Stadtpark entlang des gleichnamigen Flusses laden zum Flanieren ein. Die Friedhöfe und der Park der Opfer des Faschismus laden zum Nachdenken über die Geschichte ein.

Im Zeisigwald findet man auf stundenlangen Wanderungen alte Vulkankegel, versteckte Seen und schattige Biergärten.

Im Küchwald mit Pioniereisenbahn, Freilichtbühne und Raumfahrtzentrum fühlt man sich wie in Akademgorodok. Oder zumindest wie im Vingis-Park in Vilnius.

Und die Vororte haben sowieso alle ihren eigenen Charakter. Rabenstein mit der Burg. Klaffenbach mit dem Wasserschloss. Einsiedel mit der Brauerei. Der Adelsberg mit dem markanten Aussichtsturm.

Überhaupt könnte ich über die ganze Region ins Schwärmen geraten, über die Burgen und Schlösser, die endlosen Wälder und das Zschopautal. Die Region wird in das Kulturhauptstadtjahr 2025 mit einbezogen, so dass man vor Ausflugs- und Wanderideen schier untergeht. Langweilig wird es hier nicht, und das Deutschlandticket wird voll genutzt.

Aber für heute will ich bei Chemnitz selbst bleiben.

Nichtsahnend, wo das eigentliche Zentrum liegt, bin ich beim ersten Besuch falsch abgebogen und auf dem Sonnenberg gelandet. Das ist ein wunderbares Gründerzeitviertel, und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Jedes Haus ein Schmuckstück, mit aufwendigen Giebeln, bunt und farbenfroh, mit Deckengemälden und Stuck in den Eingängen. Wie in Sankt Petersburg vor der Revolution, falls sich noch jemand erinnert.

Und das Beste, zumindest für Menschen wie mich, die eine Wohnung suchen: Noch in keiner anderen Stadt dieser Größe habe ich so viele „zu vermieten“-Zettel in den Fenstern gesehen. Der gesamte Wohnungsmarkt steht hier Kopf. Das ist wirklich angenehm im Vergleich zu Metropolen wie Berlin oder München, wo sich fast alle Gespräche nur mehr um Wuchermieten und Immobilienhaie drehen. In Chemnitz kann man währenddessen für unter 5 Euro pro Quadratmeter ganz entspannt leben.

So eine riesige Wohnung hätte ich mir sonst nirgendwo leisten können.

Das Mantra, dass man die Wohnungsnot nur durch Bauen, Bauen, Bauen lösen könne, gerät hier ins Wanken. Vielleicht haben wir ausreichend Wohnraum, aber ein Verteilungsproblem. Gerade bei Leuten, die von zuhause arbeiten, oder bei Studenten verstehe ich nicht, wieso man unbedingt in München oder Frankfurt wohnen will, wo ein Großteil der Lebenszeit drauf geht, um den Reichtum des Vermieters zu mehren. Schlaue Studenten gehen nach Chemnitz, Cottbus oder Halle, haben ein entspanntes Leben und immer genug Geld für Partys und Interrail in der Tasche. (Und ja, ich habe selbst in der Provinz studiert: Regensburg, Milton Keynes und Hagen.)

In Chemnitz gibt es zudem noch Tausende, ja Zehntausende an Wohnungen, Häusern und Palästen, in die man ohne Mietvertrag einziehen kann.

Gerade der Sonnenberg erinnert mich schon sehr an die Bronx. Abbruchhäuser. Crack-Häuser. Menschen, die im Sommer ihr Wohnzimmer auf die Straße verlegen. Die stets leicht alkoholisierten Männer vor dem Ghetto-Netto stehen zwar nicht um brennende Ölfässer herum, aber sie zünden Pappkartons an und verwenden einen umgedrehten Einkaufswagen als Grill. Und wer am Morgen als erster aus dem Haus geht, stolpert über Schnaps- und andere Leichen.

Wer es etwas gediegener haben möchte (und wer horrende Mieten von bis zu 6,50 Euro pro Quadratmeter bezahlen kann), der zieht auf den Kaßberg. Das ist eines der größten zusammenhängenden Gründerzeit- und Jugendstilviertel Europas. Sehr nobel.

Mir persönlich wäre das zu bourgeois. Da wohnt man wahrscheinlich neben lauter Rechtsanwälten und so Schnöseln. Die ersten drei Monate habe ich in der Wohnung eines Bekannten auf dem Sonnenberg gewohnt. Einerseits eine wirklich spannende Gegend, da hätte ich sicher eine Menge Mandanten gefunden. Aber weil ich lieber studiere und schreibe, als zu arbeiten, war es mir dann doch wichtiger, ein ruhiges Plätzchen zu finden.

Also bin ins Yorckgebiet gezogen. Das hat so einen schönen Osteuropa-Charme, mit Plattenbauten, Kleingartenkolonien und Garagensiedlungen, was nostalgische Reminiszenzen an meine Zeit in Vilnius, in Targu Mureș und in Kiew weckt.

Beim Anblick der prächtigen Häuser auf dem Kaßberg habt Ihr wahrscheinlich schon gedacht: Chemnitz muss mal richtig reich gewesen sein! In der Tat. Eisenbahnbau, Maschinenbau und Textilindustrie machten Chemnitz um 1900 zu der Stadt mit dem höchsten Gewerbesteueraufkommen im Deutschen Reich. „Sächsisches Manchester“ wurde die Stadt genannt, aber auch „Ruß-Chemnitz“.

Ernst Ludwig Kirchner: Chemnitzer Fabriken (1926)

Für Freunde der Industriegeschichte ist Chemnitz ein Paradies. Viele der Fabrikgebäude stehen leer und warten darauf, von „Lost Places“-Fotografen entdeckt zu werden. Andere werden kreativ nachgenutzt, zum Beispiel für das Staatsarchiv, das Stasi-Unterlagen-Archiv, die Universitätsbibliothek oder eine Kaffeerösterei.

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Wenn man den kurzen Weg von den alten Fabrikgebäuden zum Karl-Marx-Monument geht, kann man auf den Gedanken verfallen, Chemnitz sei das Produkt einer unüberlegten, aber dafür umso intensiveren und durchaus aufrichtigen Affäre zwischen Detroit und Pjöngjang. Und ich meine das als Kompliment, denn so eine einmalige Kombination muss man erst einmal hinbekommen.

Aber auch diejenigen, die eher traditionelle Stadtansichten schätzen, kommen in Chemnitz auf ihre Kosten:

Ich mag Städte, die in der zweiten Reihe stehen und die oft übersehen werden. Nicht umsonst waren Targu Mureș und Cochabamba neben Vilnius bisher die Städte, in denen ich mich am wohlsten gefühlt habe. Sehr sympathisch finde ich auch, wenn die Bewohner sich selbst und ihre Stadt nicht ganz so wichtig nehmen und nicht ständig herumposaunen, dass sie in der schönsten Stadt der Welt wohnen, egal ob berechtigt (Rom) oder unberechtigt (München).

In Chemnitz tendieren die Leute eher zum gegenteiligen Extrem.

Wenn ich die Stadt lobe und erzähle, wie gut es mir gefällt, folgt im besten Fall ein zweifelnder Gesichtsausdruck und die Frage, ob ich sie verarschen wolle. Im schlimmsten Fall kommt eine pauschale Aussage wie „Chemnitz ist eine Scheißstadt“, in einer Art vorgetragen, die keinen Widerspruch duldet.

Stets unermüdlich für die Freiheit des Wortes kämpfend, widerspreche ich trotzdem und zähle einige der Vorteile und lieblichen Seiten von Chemnitz auf. Daraufhin überlegt der Chemnitzer kurz und sagt so etwas wie „wir haben nicht einmal einen Strand“, „unser Fußballverein spielt nur Regionalliga“, „gestern kam der Bus nach Hilbersdorf fünf Minuten zu spät, das Land geht total vor die Hunde“ und – ganz beliebt – „ach, das mit der Kulturhauptstadt wird sowieso nichts“.

Man merkt dann schnell, dass es bei solchen Leuten überhaupt nicht um Chemnitz geht, sondern gegen alles und jeden, gegen die Energiewende und den Rundfunkbeitrag, gegen Ausländer und Schwiegereltern, gegen die Stadt und den Erdkreis. Solche Leute wären anderswo auch nicht glücklicher. Warum es gerade in Chemnitz mehr griesgrämige Grundstimmung als anderswo gibt, das kann ich noch nicht sagen. Jedenfalls fällt man hier echt auf, wenn man nur normal gut gelaunt ist und lächelnd durch die Stadt spaziert.

So wird es aus Chemnitz und aus dem Erzgebirge über die nächsten Jahre immer mal wieder etwas zu berichten geben. Und für diejenigen, die diesen Blog lieber wegen der Weltreisen lesen, macht Euch keine Sorgen! Ich habe noch Hunderte von Geschichten auf Lager, von Abchasien bis zu den Azoren, von Estland bis Ecuador, von Schweden bis Sizilien. Und genau aus dem Grund, diese Erinnerungen endlich zu Papier zu bringen, wollte ich mich schließlich für ein paar Jahre an einem Ort niederlassen.

Die Wohnung habe ich allein wegen dieses Blicks vom Schreibtisch gewählt.

Außerdem geht das Projekt „Reise zum Mittelpunkt Europas“ weiter. Zudem habe ich noch ein Projekt zu den Europäischen Kulturhauptstädten im Kopf. Wie immer zu viele Ideen, zu wenig Zeit. Bitte drückt mir die Daumen, dass sich die Menschen gut vertragen und ihre Probleme selbst lösen, so dass ich wenig Arbeit als Rechtsanwalt und viel Zeit zum Schreiben haben werde.

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Ein Besuch bei der Stasi

To the English version.

2,3 Millionen Karteikarten allein für den Bezirk Karl-Marx-Stadt.

Das ist eine der vielen Informationen, die ich vom Besuch beim Stasi-Unterlagen-Archiv in Chemnitz mitnehme. Noch schockierender als die Zahlen waren jedoch die Methoden der Stasi.

Überwachen, Abhören, Ausspionieren, Öffnen der Post (allein in Karl-Marx-Stadt 18.000 Briefe pro Tag), Verhaften, das kennt man ja alles. Dass und wie die Stasi Menschen umgebracht hat, ist schon weniger bekannt. Erschießen. Vergiften. Einwirken auf die Ärzte, damit diese die Medikamentendosierung so ändern, dass der Patient verstirbt. Und natürlich die ganzen Selbstmorde.

Die perfideste Methode war die „Zersetzung“. Die Historikerin Sandra Meier, die mit wirklich unermüdlicher Begeisterung auf all meine halbinformierten Wessi-Fragen eingeht, erklärt den Zusammenhang zur KSZE-Schlussakte von Helsinki aus dem Jahre 1975. Nachdem sich darin auch die Staaten des Ostblocks zur Einhaltung von Menschenrechten verpflichtet hatte, fuhr die DDR-Führung öffentlichkeitswirksame Verhaftungen und Strafverfahren zurück und wollte Oppositionelle, Friedensgruppen, Umweltaktivisten, Ausreisewillige oder einfach nur Unangepasste lieber heimlich, still und leise „ausschalten“.

Mit der Zersetzung wollte die Stasi regimekritische Gruppen auseinanderbringen, indem gezielt Gerüchte gegen einen oder mehrere der Mitglieder verbreitet wurden, um diese zu diskreditieren, um allgemein Unsicherheit oder Misstrauen zu streuen oder um die Gruppe zu teilen und dadurch zu schwächen.

Alternativ konnte man Zielpersonen auch übertrieben wohlwollend behandeln, z.B. durch Gewährung von Urlaubsreisen, durch Zuweisung einer begehrten Wohnung oder eines Autos, was bei den Kollegen den Eindruck erweckte, dass der Betroffene sicher für das Ministerium für Staatssicherheit arbeite. Der gleiche Effekt wurde erreicht, wenn man bei Vorladungen oder Verhaftungen ein oder zwei Mitglieder einer Gruppe nicht behelligte. Das weckte bei den anderen natürlich den Verdacht, dass diejenigen Stasi-Spitzel waren.

Die Stasi arbeitete auch mit gefälschten Liebesbriefen, die der Freund oder die Freundin des Zersetzungsopfers dann zufällig fand. Oder anonyme Geschenke. Das ging bis zu gefälschten Fotos von Seitensprüngen und gefälschten Scheidungsanträgen der Ehefrau, die dem Mann in der Untersuchungshaft vorgelegt wurden. Nicht nur politische Gruppen, auch Ehen und Familien sollten systematisch und vollständig zerstört werden. Mit gravierenden Langzeitfolgen.

Ich erinnere mich an einige der Fälle, die in Stasiland von Anna Funder beschrieben werden. Das Buch ging mir so nahe, ich konnte es nur häppchenweise lesen. Nach jedem Kapitel war ich erst einmal geplättet. Dennoch eine wichtige Lektüre, vielleicht gerade jetzt, wo Katja Hoyer mit Diesseits der Mauer: Eine neue Geschichte der DDR die Hitparade, oder wie immer das bei Büchern heißt, erstürmt.

Für das Interesse an den eigenen Stasi-Akten sind so literarische Großereignisse, aber vor allem Jahrestage und Filme entscheidend, erklärt Sandra Meier. Allerdings seien die Antragsteller oft enttäuscht, dass die Akteneinsicht nicht so flott wie in Das Leben der Anderen vonstatten geht. Nach drei Monaten erhält man eine Zwischenmeldung, ob überhaupt etwas vorhanden ist. Bis zu eineinhalb Jahren kann es dauern, bis man die Akten in den Händen hält.

Den Antrag auf Akteneinsicht kann man in der Zentrale in Berlin oder in einer der 13 Außenstellen einreichen. Zur Archivführung an diesem Abend sind nur zwei interessierte Bürger erschienen. Neben mir ist es ein 64-jähriger Mann, der einen Antrag auf Akteneinsicht stellen will.

„Warum erst jetzt?“ frage ich verwundert, schließlich besteht diese Möglichkeit schon seit 30 Jahren.

„Ach, ich hatte eigentlich nie ein dringendes Interesse,“ sagt er. Er wisse, dass er wegen Kontakten zu Verwandten in der BRD überwacht worden sei. Außerdem wurde er schikaniert, weil er als einer der wenigen nicht bei der FDJ war und nicht zur Jugendweihe ging. Er erweckt den Eindruck von jemandem, der absolut mit sich im Reinen ist. Er hat sich nicht verbogen, aber sieht sich nicht als Widerstandskämpfer. Er hat Repressionen verspürt, weiß aber, dass es andere viel härter getroffen hat. Dramatische Enthüllungen erwartet er nicht, „aber die Frau hat gesagt: Jetzt schau doch endlich mal in deine Akte.“

Letztes Jahr wurden noch immer 30.000 Anträge auf Akteneinsicht gestellt.

Auch wenn Ihr keine eigene Stasi-Akte vermutet: Das Stasi-Unterlagen-Archivist einen Besuch wert. Auch und gerade für Wessis, die noch wenig über die DDR wissen. Sowohl die Zentrale als auch die Außenstellen bieten ein umfassendes Bildungsangebot mit Veranstaltungen, Vorträgen und Bürgersprechstunden.

Die Außenstelle in Chemnitz lohnt den Besuch ganz besonders, weil sie – wie es sich für die „Stadt der Moderne“ gehört – in einen neu gestalteten und futuristisch anmutenden Bau eingezogen ist, der sich inmitten von alten Fabrikanlagen befindet.

Chemnitz hat viele schöne Ecken und Kanten, aber diesen Stadtteil entlang der Annaberger Straße mit seiner Industriekultur finde ich ganz besonders faszinierend. Auch wenn, obwohl ich das als Nichtindustrieller natürlich schlecht beurteilen kann, manche den Fabriken den Eindruck erwecken, wie wenn sie im Moment nicht ganz ausgelastet wären. Aber daran war nicht die Stasi schuld, sondern die Treuhand.

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