Video: Zeit für eine Pause

Nachdem ich den Cerro San Luis (4.267 m) im Nationalpark Cajas in Ecuador bestiegen, überwunden und wieder heil heruntergekommen war, musste ich diesen Fluss überqueren.

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Die Nationalparkangestellte im Besucherzentrum hatte mir, da es keine gedruckten Landkarten mehr gab, erklärt, ich solle einfach den Fluss entlang laufen, bis ich zu einer Brücke käme. Als ich die Brücke tatsächlich fand, war es der perfekte Ort für eine Pause. Natürlich in gewohnter Cowboy-Manier.

 

(To the English version.)

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Das sollte es in jedem Hotel geben.

Als ich im Mundo-Albuerge-Hostel (nicht empfehlenswert da zu laut) in Lima (dito), Peru (dito) ankam, wurde ich gefragt, ob ich ein Zimmer mit oder ohne Katze haben wolle. Hoffend dass “gatito” nicht irgendeine unanständige Bedeutung hat, derer ich nicht bewußt war, sagte ich „mit Katze, bitte“.

Und tatsächlich wartete in meinem Zimmer eine Katze auf dem Bett.

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Das ist eine Sache, die sich andere Hotels abschauen könnten.

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Schafe

In der Ebene seht Ihr die sogenannten Talschafe, während die Bergschafe auf halber Höhe am Hang grasen. Jetzt im Winter wandern sie langsam den Berg herab und schlagen ihr Lager in der Nähe der Talschafe auf, halten sich von letzteren jedoch distanziert.

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Direkt an der Landstraße leben die sich für zivilisierter haltenden Schafe. Sie werden öfter überfahren.

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Nur wenige Experten können diese verschiedenen Schafarten unterscheiden, so dass wir meist den Oberbegriff „Schafe“ für alle drei und weitere hier nicht aufgeführte Schafgruppen verwenden.

Irgendwie ist das also wie bei Menschen, die alle ziemlich ähnlich sind, sich selbst aber auf kleine Unterschiede fokussieren und sich in nationalen, regionalen oder religiösen Gruppen gegeneinander abgrenzen.

(Fotografiert auf der Fahrt von Cluj-Napoca nach Târgu Mureș in Rumänien.)

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So haltet Ihr Euch die Zeugen Jehovas vom Leib.

Fast könnte ich Verfolgungswahn bekommen, wenn ich mir ins Gedächtnis rufe, in wie vielen Ländern mich die Zeugen Jehovas schon zu Hause aufgesucht haben: in Deutschland, England, Malta, Litauen, Italien, Rumänien, Bolivien und Peru. In Sizilien und in Rumänien kamen sie in den ersten Tagen nach meinem Einzug, wie wenn sie ständig und weltweit alle Um-, Ein- und Auszüge überwachen, wie der Geheimdienst des Herrn Jesus. Oft kreuzten [bitte die heilig-geistreiche Anspielung auf Jesus‘ Tod nicht überlesen!] die Zeugen Jehovas schon vor den bestellten Installateuren für das Internet auf, was in mir eine Geschäftsidee reifen ließ, die ich dem Vorstandsvorsitzenden der Zeugen mal übermitteln muss.

Und dann kommen noch die älteren Damen dazu, die einen im Park ansprechen, die jüngeren Damen, die mit einer Bibliothek evolutionsmissverstehender Pamphlete in der Fußgängerzone stehen, und die Herren, die sich ganz zufällig im Zug neben einen setzen.

Aufgrund meiner etwa 67 Begegnungen mit den Jesuszeugen weiß ich mittlerweile auch, wie man sie sich vom Hals hält:

  • Darauf zu verweisen, dass man Atheist ist, und zwar schon seit 25 Jahren, und ja, dass man sich das gründlich überlegt habe, und dass – wenn ich ungeduldig werde, werde ich manchmal elitär – man ja immerhin Philosophie studiert habe und deshalb durchaus über die wichtigen Aspekte des Lebens auf höherem Niveau nachgedacht habe, hilft gar nichts.
  • Humor hilft auch nicht. „Hallo, wir sind von den Zeugen Jehovas.“ Darauf ich: „Ach, Jesus wurde also doch gezeugt?“ Der schon von vornherein nicht sehr hochwertige Witz fiel auf vollkommen humorlose Ohren. Vielleicht ist Humor ebenso verboten wie Tabak und Alkohol.
  • Zigarren zu rauchen, während einen die Abstinenzler mit ihrem Wortschwall zuqualmen, hilft auch nicht. Ich glaube, sie fühlen sich dadurch im Vergleich sogar als bessere Menschen . „Hast Du den armen, schwachen Sünder gesehen, wie er Teufelszeug geraucht hat?“ sagen sie dann beim Hinausgehen zueinander.
  • Extrem aggressive Unfreundlichkeit habe ich noch nicht probiert. Ich wünsche, ich wäre mal in der Stimmung dazu, wenn es klingelt, aber meist bin ich zu guter Laune.

Aber jetzt kommt der Trick:

  • Schon dreimal gingen die Zeugen Jehovas nach einer halben Minute von selbst. Jedes Mal war einer der Zeugen im Redefluss, während der andere mich begutachtete und dann etwas bemerkte, was ihm gar nicht gefiel. Entsetzt zupfte er seinen Kollegen am Ärmel, deutete mit offenem Mund auf meinen Bauch, und beide verabschiedeten sich blitzschnell.

Was war passiert?

  • Ich habe einen Pullover mit dem Logo der Israelischen Luftwaffe. Da er bequem ist, trage ich ihn zuhause oft. So prangt auf meiner Brust dann ein Davidstern, der die Zeugen anscheinend das Fürchten lehrt.

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Zum ersten Mal passierte dies in Malta, wo ich es noch auf den landesüblichen Antisemitismus schob. Als dann aber das gleiche in Litauen und in Rumänien geschah, erkannte ich ein über die Persönlichkeit der an der Tür klingelnden Einzelpersonen hinausgehendes Muster.

Eine kurze Recherche ergab, dass die Zeugen Jehovas tatsächlich eine antisemitische Tradition haben, die durchaus noch gepflegt wird und sich auch gegen den Staat Israel richtet.

Aber wenigstens wisst Ihr jetzt, wie man diese aufdringlichen Kerle ganz schnell loswird. Viel Erfolg!

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Ein Spaziergang durch Iași

Nur einen Tag verbrachte ich in Iași im fernen Osten Rumäniens, was wiederum für die meisten meiner Leser den fernen Osten Europas darstellt, während ich auf dem Rückweg aus Moldawien, noch weiter im Osten, war. Aber je Osten, desto interessanter wird Europa. Ein Tag war zu kurz, aber immerhin genug für ein paar erste Eindrücke, die ich großzügig und reich bebildert mit Euch teile.

Ausgesprochen wird der Name der Stadt „jasch“; in älteren deutschen Texten findet man auch die Namen Jassy oder Jassenmarkt.

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Da mich „Jassy“ immer an die Operation Jassy-Kischinew aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert, werde ich den rumänischen Namen verwenden.

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Wer mit dem Zug nach Iași kommt, könnte sich glatt im Dogenpalast in Venedig wähnen.

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Und wenn Eure Reise hier beginnt, nehmt Ihr den Fahrschein stilvoll an einem mit gotischen Spitzbögen verzierten inversen Erker in Empfang.

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Dass vor dem Palast Bahnhof zu jeder Tages- und Nachtzeit ausreichend Taxis bereitstehen, die einen auch ohne Feilschen für zwei bis drei Euros an jeden Ort der Stadt bringen, ist selbstverständlich. Nach einem Jahr in Rumänien verstehe ich wirklich nicht mehr, wieso in Deutschland die Taxilizenzen so knapp gehalten werden. Mir schien es manchmal, wie wenn in rumänischen Städten jedes dritte Auto ein Taxi wäre.

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Der gegenüberliegende Busbahnhof gleicht nicht weniger einem Schloss.

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Jetzt fragt Ihr Euch, wie in einem Land, in dem Nutzbauten wie Schlösser aussehen, die echten Schlösser aussehen, oder? Wir wollen nicht abschweifen, erst recht nicht an diesem frühen Punkt des Traktats, aber Neugierigen empfehle ich das Schloss Peleș.

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Iași hat weniger als 300.000 Einwohner, aber Platz für mehr, denn 1992 waren es z.B. noch 345.000. Wer wissen will, wohin die Differenz entschwunden ist, kann in einem Krankenhaus in Deutschland oder einem Software-Unternehmen in Kalifornien vorbeischauen.

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Wegen dieser Entvölkerung wirkt die Stadt nicht überfüllt, sondern eher wie ein gemütlicher Park.

Anders ist das nur am 14. Oktober zum Fest der Heiligen Paraschiva, einer – wie der Name nahelegt, so dass sich weitere Recherchen erübrigen – Stellvertretergöttin des hinduistischen Schiva, deren Reliquien im Kühlschrank der Metropoliten-Kathedrale in Iași lagern. Einmal im Jahr werden diese herausgeholt, und schwups machen sich zu jenem Ereignis Hunderttausende auf den orthodoxen Balkan-Hadsch.

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Mitte Oktober macht Ihr also besser einen Bogen um die Stadt, wenn Ihr nicht in großen Zelten neben Tausenden von Menschen schlafen wollt, die nach Iași kommen, um sich ein Skelett anzusehen.

Die Metropoliten-Kathedrale habe ich nicht einmal von innen gesehen, wie mir jetzt anhand meiner Fotos auffällt.

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Wahrscheinlich lag es daran, dass gleich nebenan eine viel kleinere, aber umso interessantere Kirche in einem hübschen Garten stand: Die Kirche der drei Hierarchien, eingeweiht im Jahr 1639.

Irgendein Schlaumeier wird mir jetzt schreiben, dass das im Christentum Dreifaltigkeit anstatt drei Hierarchien heiße. Nein, hier geht es wirklich um die drei Hierarchien, die da waren Basilius der Große, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos, und die keinesfalls mit den heiligen drei Königen zu verwechseln sind, obwohl Basilius der Große im Verbund mit dem vorgenannten Gregor von Nazianz, der verwirrenderweise auch als Gregor der Theologe firmiert, und seinem (Basilius‘, nicht Gregors) Bruder Gregor von Nyssa auch als die drei kappadokischen Kirchenväter (un)bekannt sind. – Und Ihr dachtet, der Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten sei schwierig?

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Klein, aber fein, diese Kirche. Rundherum ziehen sich Ornamente, die türkische, persische, arabische, armenische, georgische und natürlich rumänische Einflüsse aufnehmen. Eine erklärende Tafel bezeichnet diese Arbeiten in einem schönen Vergleich als „Stickerei“.

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Neugierig trat ich in die Kirche und wollte die 5 Lei (= 1,10 Euro) Eintritt bezahlen. Der wachhabende Mönch schob mir stattdessen einen Zettel und einen Stift über den Tresen und sagte: „Wenn Du hier Deinen Namen aufschreibst, werden wir für Dich beten. Dann brauchst Du keine Eintrittskarte.“ Na gut. Da verzichtete sogar ich mal auf den Hinweis, dass ich Atheist bin. An Geld mangelt es der rumänisch-orthodoxen Kirche also nicht.

Auch im Innenraum fand sich ein eklektischer Mix aus verschiedenen Stilen.

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Im Garten der Kirche warnte dieser Totenkopf so gar nicht gefährlich lächelnd vor Stromschlägen .

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In Rumänien ist es übrigens nicht unüblich, dass miteinander bis aufs Messer verfeindete Parteien ihre Büros im gleichen Gebäude haben, wie hier die Sozialdemokratische Partei PSD und die Christlich-Liberale Allianz ACL. Hier muss niemand den russischen Präsidenten beauftragen, um gegnerische Parteien auszuspionieren. Man belauscht sich einfach in der Kantine.

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Gleichzeitig mit mir schien Mr. Goldfinger in der Stadt zu sein.

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Was auf den ersten Blick auffällt in Iași, ist der kulturelle und intellektuelle Charakter der Stadt. Überall hängen Plakate, die Konzerte oder Kunstausstellungen anpreisen. Es leben mindestens 50.000 Studenten in der Stadt, die an fünf staatlichen und einigen privaten Universitäten studieren.

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Bekannte Schriftsteller lebten und arbeiteten in Iași. Es gibt Theater, Opernhäuser und Orchester zuhauf.

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Dazu ein Literaturmuseum, ein Theatermuseum, Kunstmuseen, geschichtliche und wissenschaftliche Museen.

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Vier dieser Museen sind im Kulturpalast untergebracht, von dem Ihr Euch mittlerweile schon vorstellen könnt, wie er aussieht.

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Wie das Königsschloss in Versailles eben.

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Auf der anderen Seite des hinter dem Kulturpalast liegenden Parks befindet sich jetzt eine große Einkaufspassage, die Palas Mall, die genauso langweilig und deprimierend wie alle Einkaufszentren anderswo ist, aber an deren südlichen Ende es einen gut sortierten Tabakladen gibt. Hier kann der ausgehungerte Reisende sogar die wohlschmeckenden Toscano-Zigarren aus Italien – meiner Meinung nach die besten Zigarren überhaupt – erstehen. Zu gewohnt günstigen Preisen.

Apropos, auf dem Weg von Chișinău nach Iași war der gesamte Kleinbus einschließlich des ansonsten gesetzestreuen Autors in Zigaretten- und Alkoholschmuggel verwickelt. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

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Als ich eine dieser Zigarren in dem weitläufigen, saftig grünen und mit Springbrunnen verzierten Park unterhalb des Kulturpalasts ansteckte, fehlte zum vollkommenen Glück nur noch eine Tageszeitung.

Internationale Presseerzeugnisse sucht man in dieser Stadt, in der 1829 die erste rumänische Tageszeitung erschien, allerdings vergeblich. Daran ist jedoch mehr dieses verdammte Internet schuld, das sich neuerdings überall breit macht. Habe ich schon mal erzählt, dass Rumänien das schnellste Internet in Europa hat? In Târgu Mureș bekam ich es sogar ein Jahr lang gratis, aber auch das ist eine andere Geschichte.

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Dafür wird der deutschsprachige Besucher entzückt sein, wenn er den Deutschen Lesesaal in der Universitätsbibliothek oder das Deutsche Kulturzentrum auffindet.

Daneben gibt es noch ein französisches, ein britisches, ein karibisch-lateinamerikanisches, ein griechisches und ein arabisches Kulturzentrum in der Stadt. Der nicht-rumänische Leser mag angesichts dessen überrascht sein, aber in Rumänien gibt es tatsächlich in jeder mittelgroßen Stadt ein kulturelles Angebot, wie man es in manchen Hauptstädten dieser Welt nicht findet. Als ich nach einem Jahr in Rumänien wieder nach Bayern kam, fühlte ich mich wie in die intellektuell ausgedörrte Provinz versetzt, was die Leute dort nicht davon abhielt, mit negativen Vorurteilen über das von ihnen noch nie besuchte Rumänien um sich zu werfen. Der einzige Lichtblick war, als ich in Amberg einem syrischen Flüchtling begegnete, der in Rumänien Pharmakologie studiert hatte und ganz entsetzt darüber war, dass ich nicht so gut Rumänisch konnte wie er.

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Letzteres Defizit lag daran, dass man in Rumänien überall mit Englisch und Deutsch weiterkommt. Um es Einwanderern, Geschäftsreisenden, Touristen und Steuerflüchtlingen leichter zu machen, kauft Rumänien alte deutsche Trambahnen und belässt sowohl die Instruktionen als auch die Werbung auf Deutsch.

Ich frage mich, was Rumänen davon halten, dass in ihren Straßenbahnen alle Instruktionen in einer ihnen unverständlichen Sprache angegeben werden. In Deutschland würde da schon jemand von Leitkultur faseln und das Grundgesetz ergänzen wollen. Wenn Deutsche wieder durchdrehen, weil die Nachbarskinder Türkisch sprechen, möchte man ihnen eine Gelassenheitskur in Rumänien empfehlen.

Auf der Tram Nr. 7 steht als Fahrtziel auf Deutsch „Hauptbahnhof“. Überall in Rumänien und Moldawien habe ich schon Busse mit Zielorten wie „Sindelfingen“ oder Angaben wie „Betriebsfahrt“ gesehen, und frage mich, wieso das nicht mal jemand umstellt. Aber das ist eben die Gelassenheit. Die Nr. 7 fährt übrigens gar nicht zum Bahnhof.

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An der Haltestelle vor der Oper erklang aus einem Lautsprecher ein klassisches Konzert, das die Wartezeit so versüßte, dass ich absichtlich ein paar Züge sausen ließ. Eine Oper für Arme, sehr aufmerksam.

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Das Cinema Republica sah von weitem so aus, wie wenn es die Aufgabe hätte, den osteuropatypischen Verfall ins Stadtbild zu integrieren.

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Die Fahnen, das Licht und die aktuellen Filmplakate zeugten jedoch von der Geöffnetheit des republikanischen Lichtspieltheaters.

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Einer der angebotenen Filme war Aferim, der größten Erfolg des rumänischen Kinos in den letzten Jahren. Erst durch diesen Film erfuhren viele, dass es in Rumänien bis 1855 die Sklaverei gab, allerdings – wie auch bei aktuellen Diskriminierungen – nur für die Roma.

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Als Übersetzer für Deutsch und Englisch gefiel mir, dass Deutsch um 50% besser bezahlt wird als Englisch oder Französisch. Es lohnt sich eben, eine kompliziertere Sprache zu erlernen.

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Griechisch ist wahrscheinlich teurer, weil man sich dafür eine andere Tastatur kaufen muss, wofür man wiederum zuerst einmal nach Griechenland fahren muss. Oder man bittet einen der griechischen Pilger, am nächsten 14. Oktober eine Tastatur mitzubringen.

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Das Rathaus war von 1916 bis 1918 provisorischer Sitz der rumänischen Regierung, als Bukarest von den Mittelmächten eingenommen war. (Damals war Erster Weltkrieg, schiebe ich auf die fragenden Blicke aus der Runde nach.)

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Ich kenne Bukarest noch nicht persönlich, aber nach allem, was ich von dort höre, wäre es vielleicht besser gewesen, die Haupstadt in Iași zu belassen. Andererseits war es für die Stadt selbst wahrscheinlich besser, sie wieder in die Hände der Studenten, Schriftsteller und Schauspieler zu übergeben.

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Vor dem Rathaus war diese „Zeitkapsel“ eingelassen.

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Am 6. Oktober 2008 wurden hier irgendwelche Nachrichten und Dinge vergraben, die erst am 6. Oktober 2058 wieder ausgegraben werden dürfen. Naja, auf so etwas kommen halt Künstler, wenn sie nicht kreativ genug sind, um amüsante Artikel zu schreiben.

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Besser als eine Zeitkapsel wäre eine Zeitmaschine, um vor das Jahr 1941 zurückzureisen und das grausamste Kapitel der Geschichte zu verhindern.

Iași war eines der Zentren des Judentums in Europa, mit 127 Synagogen in der Stadt, darunter die älteste Synagoge Rumäniens. 1855 erschien hier die erste Tageszeitung auf Jiddisch, Korot Haitim, und 1876 gründete Abraham Goldfaden das erste professionelle jiddische Theater. Der Text der späteren israelischen Nationahymne Hatikva wurde in Iași verfasst.

Das alles sowie die Tatsache, dass mindestens 30% der Bevölkerung von Iași jüdisch waren, bot jedoch keinen Schutz gegen den Antisemitismus, der sich in Rumänien seit den 1920ern breit machte. Ab 1937 war der Antisemitismus offizielle Politik, mit Ausbürgerungen, Ausschluss aus akademischen Berufen, Auschluss vom Militärdienst aber dafür Erhebung von Sondersteuern, Verbot von Mischehen u.s.w. Spätestens ab 1940 kam es zu staatlichen Gewalttaten und Morden, Brandschatzungen und Plünderungen gegen jüdische Rumänen.

Der rumänische Staatsführer Ion Antonescu hatte noch vor der Wannseekonferenz einen Plan zur Deportation aller in Rumänien lebenden Juden erstellt, wobei „Deportation“ wie immer den Tod der zu Deportierenden in Kauf nahm. Der erste große Schritt dabei war der Pogrom von Iași ab dem 27. Juni 1941. Dem ersten Massenmord duch rumänische Soldaten, Polizisten und auch durch die Zivilbevölkerung fielen dabei mindestens 8.000 Menschen zum Opfer. Die deutsche Wehrmacht unterstützte den Pogrom.

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Die Überlebenden wurden in Güterwagen gepfercht und bis zum 6. Juli 1941 ohne Essen, ohne Wasser und mit zugenagelten Lüftungsschlitzen durch das rumänische Hinterland gefahren. Das Ziel war kein bestimmter Ort, sondern der Tod. Nach zehn Tagen waren über 13.000 Menschen tot.

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Zwar gab es auch in Rumänien anständige und mutige Menschen, die ihre bedrohten Nachbarn, Bekannten und Kollegen zu schützen versuchten, aber den meisten schien es wichtiger gewesen zu sein, sich das Klavier, ein wertvolles Gemälde oder gleich das ganze Haus des ermordeten Nachbarn unter den Nagel zu reissen. Wie überall in Europa eben, mit der löblichen Ausnahme Albaniens.

Die Aufarbeitung dieser Geschichte geht in Rumänien leider nicht schneller voran als die damaligen Todeszüge. Es ist noch immer nicht schwer, Menschen mit erstaunlicher Unkenntnis oder gar mit bewußt geschichtsverfälschenden Aussagen bis hin zum offenen Antisemitismis anzutreffen. – Und dabei will ich nicht einmal von den Roma als der anderen vom Holocaust betroffenen Volksgruppe anfangen, was ein ganz anderes Fass aufzumachen hieße und einem gesonderten Artikel, wenn nicht gar einem Buch, vorbehalten sein soll.

Wer Rumänisch spricht, dem sei dieser kürzlich erschienene Artikel über das Holocaust-Gedenken in Rumänien empfohlen.

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Tja, jetzt seht Ihr, wieso niemand mit mir verreist. Ständig rede ich über die Geschichte und über schwierige Themen, während andere Leute nur von einem Café ins nächste ziehen und Fotos von ihren Kaffeebechern auf Instagraph veröffentlichen wollen.

Zum Glück lassen sich in Iași Torten, Drinks und Bücher miteinander verbinden, zum Beispiel im Café Time-Out. Hier lesen die Bauarbeiter während der Mittagspause Eminescu oder Creangă.

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Mein Eindruck mag dadurch verfälscht gewesen sein, dass ich Iași an einem überwiegend sonnigen Juli-Tag kennenlernte, aber es erschien mir wie eine Stadt, in der ich gerne mal ein paar Monate verbringen würde.

Selbst die drohend aufziehenden Regenwolken entluden sich nicht,

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sondern wollten nur den kontrastreichen Hintergrund für die Abendstimmung bieten.

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Beim nächsten Mal gehe ich auch ganz sicher in den Botanischen Garten, für dessen Besuch ich keine Zeit hatte. Wenn man genug Zigarren dabei hat, kann man auf den 80 Hektar sicher einen ganzen Tag verbringen.

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Deutsche Sozialdemokraten in Bolivien

Vor kurzem habe ich etwas über die versuchte Einflussnahme der Nazis in Bolivien geschrieben. Aber auch einige deutsche Sozialdemokraten verschlug es im Exil bis in den Andenstaat.

Unter dem Titel „Bolivien als Vorbild“ erschien in der Zeitschrift Sozialdemokrat im Herbst 1942 dieser Artikel:

Was die deutsche sozialdemokratische Emigration leisten könnte, wenn ihre Gastländer für ihre politischen und moralischen Qualitäten Verständnis hätten, beweist die südamerikanische Republik Bolivien. Unter den freien Europäern, die dort eingewandert sind, befindet sich auch Genosse Ernst Schumacher, bis 1933 Sekretär des niederrheinischen Bezirkes in Düsseldorf. Der politische Tatendrang dieses Mannes fand auch in Bolivien ein fruchtbares Betätigungsfeld. Vor drei Jahren gründete er in La Paz ein antifaschistisches deutsches Wochenblatt, die ‚Rundschau vom Illimani‘.

Diese Wochenzeitung erschien von Januar 1939 bis Juli 1946 in 350 Ausgaben. Im Internet habe ich leider keine Fotos finden können, aber in zwei Wochen bin ich wieder in La Paz. Wenn ich Zeit habe, werde ich dort mal in den Archiven stöbern.

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Der namensstiftende Berg Illimani im Hintergrund.

Die Agenten der Achsenmächte versuchten natürlich auch, Bolivien zu durchsetzen und zu durchdringen. Sie hatten aber die Rechnung ohne Schumacher und die eingewanderten freien Deutschen gemacht. Diese kannten bereits alle Schliche der Söldlinge Hitlers und Mussolinis und stellten ihre Kenntnisse der bolivianischen Regierung freiwillig und selbstlos zur Verfügung. Nach dem Kriegseintritt Amerikas wurden die Achsen-Nester in Bolivien ausgeräuchert, ausgehoben und vernichtet. Der bolivianischen Staatspolizei verblieb nur die Durchführung. Die Vorbereitung besorgten die deutschen Antifaschisten mit gewohnter Gründlichkeit und mit einem Pflichteifer, der durch das süsse Gefühl einer Revanche für die Gestapo-Schweinereien in Europa noch gesteigert wurde. Wie es gemacht wurde, wird nach dem Kriege einen spannenden Roman füllen.

Schon während des Kampfes an die literarische Verarbeitung des Erlebten zu denken, ist sehr sympathisch. Leider ist mir kein solcher Roman bekannt. Vielleicht hatten die Protagonisten nach dem Zweiten Welt- und dem beginnenden Kalten Krieg anderes zu tun. Schade. Jetzt dürften die meisten Zeitzeugen tot sein.

Die ‚Rundschau vom Illimani‘ feierte im Juli 1942 das Fest ihres dreijährigen überaus erfolgreichen Kampfes. Ernst Schumacher hatte die Genugtuung, in zwei Jubiläumsnummern Glückwunsch-Botschaften des bolivianischen Staatspräsidenten, des Innenministers, des Verteidigungsministers, des Chefs des Generalstabes, der Botschafter der Vereinigten Staaten und Grossbritanniens sowie des Konsuls der Niederlande abdrucken zu können.

Überhaupt scheint in La Paz ein besseres politisches Klima zu herrschen, wie z.B. – in London. Es gibt dort eine Gemeinde der ‚Freien Europäer‘. In der ‚Rundschau‘ vom 13. Juli sehen wir auf einem Bild ‚Freie Österreicher‘, ‚Freie Tschechoslowaken‘, ‚Freie Ungarn‘ und ‚Freie Deutsche‘ gemeinsam mit dem Botschafter der USA, Mr. Pierre de Boal, photographiert.

Ernst Schumacher entwarf in einer Versammlung Gleichgesinnter auch ein umfassendes Programm über ‚Das freie Deutschland in einem freien Europa‘. Seine Vorschläge gipfelten in der Befürwortung eines ‚Bundes der Vereinigten Staaten von Europa‘, Schaffung einer europäischen Miliz und eines gemeinsamen europäischen Verteidigungsrates.

Sehr vorausschauend.

Daran, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verlieren würde, bestand bei diesen Exilanten schon 1942 (immerhin vor der Schlacht in Stalingrad und den allierten Landungen auf Sizilien und in der Normandie) anscheinend kein Zweifel mehr.

Wir beglückwünschen den Genossen Schumacher zu seiner erfolgreichen Aktivität. Es gibt im Herzen Südamerikas ein Beispiel, was deutsche Sozialdemokraten für die Sache der Freiheit zu leisten vermögen, wenn sie wieder den Boden einer politischen Möglichkeit unter den Füssen haben und ein wenig durch das Verständnis anderer Völker ermutigt werden.

Dazu der Kommentar aus den Sozialistischen Mitteilungen – News for German Socialists in England, Ausgabe November 1942:

Ergänzend möchten wir hinzufügen, dass nach den bei uns eingegangenen Berichten die in Bolivien gebildete ‚Vereinigung Freier Deutscher‘ einen guten Fortschritt macht. Auch in Santa Cruz, Cochabamba, Oruro, Sucre und Potosi sind Ortsgruppen gegründet worden. […] Mit Hilfe der Sozialdemokratischen Flüchtlingshilfe fanden fast 200 deutsche Sozialdemokraten in Bolivien ein zweites Gastland ihrer Emigration.

Die deutschen Flüchtlinge/Emigranten stellten damals tatsächlich einen großen Teil der Ausländer in Bolivien. Nach 1945 kamen dann noch die fliehenden Nazis dazu.

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Wer mehr über die deutschen und österreichischen Exilanten im Bolivien jener Zeit lesen will, kann hier leicht einige Stunden verbringen. Zu empfehlen ist zudem das Buch Hotel Bolivia von Leo Spitzer.

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Als Fliegen noch ein Abenteuer war

In Frühstück mit Kängurus schreibt Bill Bryson über Australiens ersten internationalen Flughafen, der in den 1920er Jahren in Daly Waters mitten in der Wüste errichtet wurde:

Damals brauchte man für einen Flug von London nach Australien außer stählernen Nerven zweiundvierzig Auftankstops, bis zu fünf Mal Umsteigen in einen anderen Flieger und eine Zugfahrt durch Italien, weil Mussolini keine Flüge durch den italienischen Luftraum gestattete. Alles in allem dauerte es zwölf Tage. Man musste mit Monsunen rechnen, Staubstürmen, technischem Versagen, Navigationschaos und Schüssen aus dem Hinterhalt von feindlichen oder sich sonst welche Scherze erlaubenden Beduinen. Nicht selten stürzte man auch ab.

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Weiter:

Die tödlichen Gefahren des Fliegens in dieser Phase zeigten sich drastisch in dem, was Harold C. Brinsmead, dem Chef des australischen Luftfahrtministeriums, widerfuhr. Als er 1931, teils aus beruflichen Gründen, teils, um zu demonstrieren, wie sicher und zuverlässig diese modernen Verkehrsmittel waren, nach London flog, stürzte sein Flugzeug beim Start in Indonesien ab. Niemand wurde groß verletzt, aber die Maschine konnte man abschreiben. Brinsmead, der nicht auf den Ersatzflieger warten wollte, bestieg eine Maschine der neuen holländischen Fluglinie KLM. Die stürzte beim Start in Bangkok ab. Diesmal kamen fünf Leute um, und Brinsmead erlitt schwere Verletzungen, von denen er sich nie wieder erholte. Er starb zwei Jahre später. Die überlebenden Passagiere flogen mit einer anderen Maschine nach London. Die stürzte auf dem Rückflug ab.

Ich las diese Zeilen auf einem 3800 km und 5 Stunden langen Flug über dem Pazifik, der natürlich reibungslos verlief.

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