Vor hundert Jahren nahm ein armenischer Student das Recht in die eigene Hand – März 1921: Operation Nemesis

Read this in English.

Versprochen hatte ich für die Reihe „Vor hundert Jahren …“ nur eine Folge pro Monat. Aber die letzte Folge über den russischen Bürgerkrieg und die Mongolei stieß auf positive Resonanz und führte zu neuen Unterstützern bei Steady und Patreon.

Dafür bedanke ich mich mit dieser außerordentlichen, ungeplanten Sonderzusatzfolge für März 1921.

Und Ihr solltet Euch bei den Unterstützern dieses Blogs bedanken. Oder am besten selbst zu solchen werden, auf dass noch viele historische Kuriositäten ans Licht befördert werden.


Zur Zeit findet in Berlin der Prozess um den sogenannten Tiergarten-Mord statt, nachdem im August 2019 in einem Berliner Park, der sich täuschenderweise Tiergarten nennt, obwohl er weder Tiger noch Elefanten aufweist, Selimchan Changoschwili erschossen wurde. Das war schade, denn Herr Changoschwili war gleichzeitig Georgier, Tschetschene, Kiste und Kacheter und damit exotischer als ein Elefantentiger. Wer dahinter steckt, kann man sich denken, denn es gibt da diesen einen Mafiastaat, der überall in Europa Menschen erschießt, vergiftet und vom Balkon im vierten Stock schubst, weswegen es niemanden überraschen sollte, wenn dieser Blog eines Tages abbriiiiiiiiiiicht.

Jedenfalls haben politische Attentate, bei denen ausländische Kontrahenten ihre Wut und ihre Wumme nach Berlin bringen, Tradition. Ein bekannter Fall ereignete sich am 15. März 1921 und damit genau vor hundert Jahren. Und, wie gemacht für einen historisch-juristischen Blog, führte er zu einem bekannten Prozess.

Zumindest bekannt in Armenien.

Dort, im martialischen Militärmuseum in Jerewan, habe ich zum ersten Mal von der „Operation Nemesis“ gehört.

Jetzt muss ich leider ein bisschen ausholen, und leider wird es grausam. Aber ich mache es ganz kurz. Im Ersten Weltkrieg zerfiel das Osmanische Reich endgültig. Wie es oft so ist, wenn man ein Weltreich oder ein Fußballspiel verliert, man will sich an einer Minderheit abreagieren. Im Falle des Osmanischen Reichs waren das vor allem Griechen, Juden und Armenier. Letztere wurden ab 1915 in einem systematischen Völkermord ermordet und vertrieben.

Wenn Ihr davon in der Schule nichts gehört habt, so liegt das daran, dass es mehr türkische als armenische Mitschüler gibt und überlebende türkische Eltern sich häufiger beim Direktor beschwerden als tote armenische Großeltern. In anderen Ländern ist die Erinnerung an diesen Völkermord viel präsenter.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Deutschland in dem Völkermord eine unrühmliche Rolle spielte. Wir sind anscheinend ein genozidaffines Volk, und damit höre ich auf, zu zählen, mit wem ich es mir in diesem Artikel schon verscherzt habe.

Jedenfalls starben bis zu 1,5 Millionen Armenier, und die Überlebenden flohen in alle Welt. (Ihr findet sicher welche in Eurem örtlichen Schachclub oder Cognacladen.)

1919 kam es zur ersten juristischen Überraschung. Der osmanische Sultan setzte ein Gericht ein, vor dem sich türkische Politiker, Beamte und Offiziere für den Völkermord an den Armeniern verantworten mussten. 26 Jahre vor den Nürnberger Prozessen.

Anders als die Leipziger Prozesse ab 1921, in denen sich deutsche Soldaten für Massaker in Belgien verantworten sollten, nahm das türkische Gericht die Sache durchaus ernst. Zumindest anfänglich.

Das türkische Gericht sprach 17 Todesurteile aus, darunter gegen den ehemaligen Innenminister und Großwesir Talât Pascha, den ehemaligen Kriegsminister Enver Pascha und den ehemaligen Marineminister Cemal Pascha. Wer glaubt, das Völkerstrafrecht, also die Strafbarkeit von Individuen für Völkerrechtsverstöße, begann in Nürnberg, hat jetzt etwas gelernt und gewinnt mit diesem Wissen hoffentlich mal ein Fernsehquiz.

Die Paschas wollten nicht am Galgen enden und flohen deshalb zu ihren alten Waffenbrüdern – nach Berlin. Deutschland war bekannt für Kuscheljustiz gegenüber Kriegsverbrechern und lieferte die verurteilten Mörder nicht aus.

Die Türken waren fuchtig und drohten: „Wenn Ihr uns Talât Pascha nicht ausliefert, dann werden wir Euch im nächsten Weltkrieg nicht mehr unterstützten!“, weswegen der Zweite Weltkrieg so ausging wie er ausging.

Aber noch fuchtiger waren die Armenier.

Die Armenier merkten, dass Deutschland nichts gegen die Mörder in seiner Hauptstadt unternehmen würde. Die Armenier merkten, dass die Türkei, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion, die sich zu allem Übel das kurzzeitig unabhängige Rest-Armenien einverleibt hatte, keinen Finger rühren würden. Und die Armenier merkten, dass die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs noch lange auf sich warten lassen würde.

Also beschlossen sie, die Urteile selbst zu vollstrecken. Operation Nemesis war geboren.

Zur Hinrichtung des Hauptverantwortlichen Talât Pascha meldete sich, weil es ein guter Vorwand war, um die Prüfungen auf das nächste Semester zu verschieben, ein Student: Soghomon Telirian. Außerdem konnte er so endlich nach Deutschland ziehen, wo er sein Ingenieursstudium fortsetzen wollte. Deutschland hatte damals einen guten Ruf in der Ingenieuerskunst. Ungerechtfertigterweise, denn der Berliner Flughafen war noch immer nicht fertig. Telirian musste also trampen.

Die Fortbewegung per Anhalter war kein Problem, denn die Spanische Grippe hatte sich nach drei Wellen und zwei Jahren gerade totgelaufen. Die Leute waren ganz wild auf soziale Kontakte, und außerdem war Telirian keiner von den stereotypischen Schmuddelstudenten im LSD-Rausch, sondern adrett und höflich.

In Berlin fand Telirian heraus, dass der einstige Großwesir in der Hardenbergstraße wohnte, beschattete ihn ein paar Tage und, als er sicher war, dass es sich um die Zielperson handelte und dass keine Passanten gefährdet waren, erschoss er ihn am Vormittag des 15. März 1921 auf offener Straße.

Nun werden in Berlin ständig Leute erschossen, und niemand hätte sich um einen weiteren Toten gekümmert. Die Bild-Zeitung hätte von „Clan-Kriminalität“ schwadroniert, und nach ein paar Tagen wäre die Sache vergessen gewesen. Aber Telirian verblieb neben der Leiche und wartete auf die Polizei. Er erklärte den Beamten, dass er das türkische Todesurteil vollstreckt und außerdem den Mörder seiner Frau und seiner Großeltern gerichtet habe und bedauerte, den deutschen Behörden damit Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.

Der arme armenische Student wurde wegen Mordes angeklagt, und der Prozess vor dem Landgericht Berlin führte zur zweiten juristischen Überraschung, ja zu einer regelrechten Sensation.

Telirian konnte und wollte die Tat nicht leugnen. Also musste sich die Verteidigung auf Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe stützen. Sie verwandelte den Mordprozess in einen Prozess über den Völkermord. Überlebende Armenier berichteten von den Gräueln. Johannes Lepsius, der wie kein zweiter versucht hatte, die deutsche Öffentlichkeit und Politik zum Schutz der Armenier zu bewegen, sagte als Zeuge aus. Otto Karl Viktor Liman von Sanders, ein deutscher General, der im Ersten Weltkrieg als Feldmarschall die osmanische Armee befehligt hatte, wurde vor Gericht geladen. Und Telirian berichtete, dass er 85 Familienangehörige durch den Genozid verloren hatte.

Am 3. Juni 1921 dann die Sensation: Freispruch!

Das Urteil wurde heftig diskutiert, wobei den Männern der Operation Nemesis, die in den folgenden Jahren noch weitere Täter des Genozids töteten, zugute gehalten wurde, dass sich kein Gericht ihrer Sache annahm: Die Türkei legte die alten Urteile zu den Akten. Andere Staaten lieferten nicht aus. Und Armenien, nun ja, das war in der Sowjetunion aufgegangen, und mit ihm die unabhängige armenische Justiz.

Die Lehre daraus, wie immer viel zu spät gezogen, war die Entwicklung des Völkerstrafrechts: Bestimmte schwere Taten können unabhängig vom geographischen Anknüpfungspunkt überall auf der Welt verfolgt werden. Deutschland beging 2021 das hundertjährige Jubiläum des Telirian-Urteils mit der Verurteilung eines syrischen Geheimdienstmitarbeiters wegen Folter in syrischen Gefängnissen.

Telirian zog rastlos um die Welt: Cleveland, Marseille, Belgrad, Casablanca, Paris, San Francisco. Nach Armenien sollte er nie mehr kommen.


Im Militärmuseum in Jerewan gab es übrigens noch ein paar dubiose Exponate. Aber das scheint in Armenien in jedem Haushalt so zu sein und ist außerdem eine andere, später zu erzählende Geschichte.

Jetzt ratet erst einmal, worum es im April 1921 gehen wird.

Links:

Veröffentlicht unter Armenien, Deutschland, Geschichte, Recht, Strafrecht, Völkerrecht | Verschlagwortet mit , , | 4 Kommentare

Eine Postkarte aus Jerewan

Read this in English.


„Sie sind aus Deutschland?“ fragt Alex, der sehr freundliche Besitzer (und wahrscheinlich auch Eigentümer) der sehr gemütlichen Unterkunft in einem Plattenbauviertel von Jerewan.

„Ja.“

„Dann muss ich Ihnen einen Stahlhelm zeigen.“

Er steht auf, und ich folge ihm ins Esszimmer, wo nicht nur ein hakenkreuzverzierter Stahlhelm, sondern auch Arbeitsbücher des Reichsarbeitsdienstes, Wehrmachtsoffiziertrillerpfeifen, ein SS-Abzeichen und die Brille von Heinrich Himmler liegen, alles schön hergerichtet wie in einem Museum.

Ich will mit dem Gastgeber keine Diskussion vom Zaun brechen (v.a. weil ich kein Armenisch oder Russisch kann), aber die fehlende Begeisterung sieht er mir an. Alex zeigt mir dann doch lieber mein faschismusdevotionalienfreies Zimmer, den Balkon und das Bad.

Links:

Veröffentlicht unter Armenien, Deutschland, Geschichte, Reisen, Zweiter Weltkrieg | Verschlagwortet mit , | 10 Kommentare

Ein Spaziergang durch Baza

Manchmal komme ich nur in einen Ort, weil er auf der Strecke von A nach B liegt, mir aber die Strecke von A nach B zu lange für eine Tagesreise ist. Als ich von Málaga nach Venta Micena fuhr, lag Baza so praktisch auf dem Weg, dass ich dort einen Tag und eine Nacht verbrachte.

In Málaga hatte ich noch mit jemandem gesprochen, die als Musiklehrerin in Baza gearbeitet hatte. „Solo hay dos estaciones ahí, la del invierno y la del autobus„, warnte sie mich vor dem dortigen Winter mit einem Bonmot, das nicht ohne Verlust des Sprachwitzes ins Deutsche zu übersetzen ist. Es war September und ich war nicht beunruhigt, denn wenn Spanier vom Winter sprechen, bedeutet es, dass es mal kurz unter 30 Grad hat. „Nein, nein, im Winter schneit es dort sogar“, konkretisierte sie die Warnung. Nun ja, dafür ist der Winter auch da.

Die drei Stunden auf der Autobahn mit drei Spaniern im Auto, von denen einer schneller spricht als der andere, sind eine anspruchsvollere Prüfung als das DELE-Examen. Am Ende werde ich Kopfschmerzen haben. Aber interessant und lustig ist es. Dieses Bla-Bla-Car ist echt gut, um Land und Leute kennenzulernen.

In Baza angekommen, machen sich meine Mitfahrer Sorgen, dass ich mich in der Kleinstadt langweilen würde. Sie behandeln mich fast mitleidsvoll, wie jemanden, der ins Kloster geht, und laden mich noch auf eine Cola ein, bevor sie weiter düsen.

Viele Besucher sieht die Stadt tatsächlich nicht, scheint mir. Dabei war Baza unter den Mauren eine wichtige Grenzstadt zum Königreich Murcia (heute eine spanische Region und Provinz). Aber jetzt sind die Straßen und Plätze menschenleer. (Das war lange vor dem Coronavirus, deshalb meine Überraschung.)

Beim Friseur hängt ein Schild: „Ich öffne heute erst um 5.“ Beim Immobilienmakler sind die Preise heruntergesetzt, eine Wohnung mit drei Schlafzimmern von 66.000 € auf 50.000 €, eine andere Wohnung mit drei Schlaf- und zwei Badezimmern von 180.000 € auf 135.000 €. Der Immobilienboom in Spanien scheint vorbei zu sei. Der Makler hat übrigens „geschlossen bis Mittwoch, den 25.“, ohne Angabe des Monats.

Die große Kirche auf dem Marktplatz öffnet erst um 19 Uhr, um 20 Uhr schließt sich dann die Messe an. Zur Besichtigung werde ich abends noch mal vorbeischauen, die Messe erspare ich mir wahrscheinlich.

Beim weiteren Rundgang stoße ich im nahen Umkreis auf noch mehr Kirchen, zum Beispiel auf den Templo de nuestra señora de la Piedad – Patrona de Baza = Iglesia la Merced, wo ebenfalls um 20 Uhr der Gottesdienst angesetzt ist. Hier muss man sich eindeutig entscheiden, Doppelmitgliedschaft ausgeschlossen.

Ich deponiere erst einmal den Rucksack im Hotel Virgen del Pilar, wo mir eine zusätzliche dicke Decke überreicht wird, „falls es nachts zu kalt ist.“ Es hat 24 Grad. Praktischer finde ich den Hinweis der Rezeptionistin auf ein nahegelegenes Restaurant. „Da können Sie günstig mittagessen“, fügt sie an, und ich frage mich, woran man meine Knausrigkeit erkennt. Vielleicht am deutschen Pass. Jedenfalls scheint sie für heute keine weiteren Gäste zu erwarten, denn nach meiner Ankunft schließt sie die Empfangstheke und geht selbst ins Casa Grande zum Essen. Das ist ein Wirtshaus nach meinem Geschmack. Man fragt den vertrauenserweckend dicken Wirt, was es heute gibt, und sagt dann „ja“ oder „nein“. Speisekarten sind unpersönlicher Firlefanz.

Über die Straße zum Hotel ist ein Werbebanner der spanischen Fernuniversität Universidad Nacional de Educación a Distancia gespannt, das den Weg zu einem Regionalzentrum der UNED weist. Selbst begeisterter Fernstudent, bin ich beeindruckt, wie tief in der Provinz die spanischen Kollegen vertreten sind. Baza hat etwa 20.000 Einwohner und ist auch ansonsten nicht von überregionaler Bedeutung.

Früher war das, wie gesagt, anders. Auf dem höchsten Punkt der Stadt finde ich die Ruinen der maurischen Festung Alcazaba vor. Nur mehr Reste von Ruinen, sollte man sagen.

Dafür ist der Ausblick umso spektakulärer, mit Kirchtürmen, Bergen und Wolken wie in einem Photoshop. Ist aber alles echt. So ist Andalusien.

Baza FB.jpg

„Sie müssen verzeihen, mein Herr, dass der Platz so heruntergekommen ist“, unterbricht mich eine Dame freundlich beim Fotografieren. Und sie hat Recht. Es liegt Schutt herum, und Unkraut wuchert überall.

„Wir haben schon den Plan zur Verschönerung des Platzes. Sehen Sie den Kreis auf dem Boden? Da soll ein Springbrunnen hinkommen.“ Aber wie das eben so sei bei öffentlichen Vorhaben, die brauchen ihre Zeit. Na gut, die Mauren sind ja auch erst seit 1489 weg.

Die Dame trägt ein buntes Kleid und ein mit Alufolie bedecktes Blech. „Für die Kätzchen“, erklärt sie. „Es ist etwas Fleisch vom Mittagessen übrig geblieben.“ Der Größe des Tabletts nach zu urteilen war das kein Versehen.

Am Bahnhof, der offensichtlich nicht mehr aktiv ist, treffe ich einen sehr alten Mann mit zwei Hunden und ebenso vielen Zähnen. Seit etwa 20 Jahren habe der Bahnhof geschlossen, erzählt er, und wir stimmen überein, dass dies sehr schade ist. Früher fuhr er mit dem Zug nach Alicante, nach Sevilla, ja bis nach Barcelona, und es war ein Vergnügen. Entspannt, gemütlich, schön und sicher sei das gewesen. Jetzt mit den Bussen mache das Reisen keinen Spaß mehr, und außerdem, erst gestern hätten sie es im Radio gebracht, sind letztes Jahr 1.810 Menschen im Straßenverkehr gestorben.

Gemeinsam stehen wir vor dem jetzt nutzlosen Bahnhofsgebäude und schwelgen in Erinnerungen an die Blütezeit der Eisenbahn. Als er mir zum Abschied die Hand drückt, habe ich Angst, meine Knochen könnten brechen, so viel Kraft hat der schätzungsweise 70-bis-80-Jährige noch. Wenn die Schienen nicht abmontiert worden wären, könnte er den Zug eigenhändig nach Alicante schieben.

Der schöne, grüne und ruhige Park an der Plaza San Jerónimo ist der Magnet, an den es mich auf meinen Spaziergängen durch die Stadt immer wieder zieht.

Hier kann ich mal ein paar Stunden setzen und ein Buch lesen. Denn das ist das Schöne an so kleinen Orten: Man muss keine Angst haben, zu viele Sehenswürdigkeiten zu verpassen, auch wenn man längere Pausen einlegt. Selbst wenn ich mich jetzt über die Größe und mangelnde Betriebsamkeit von Baza lustig machen wollte, was mir fernliegt, so weiß ich doch, dass es mich nach einem Monat in Venta Micena nach einem Städtchen wie diesem dürsten wird.

Irgendetwas ist übrigens verdächtig intellektuell an dieser Kleinstadt. Zuerst haben sie eine Zweigstelle der Universität, dann entdecke ich eine vierstöckige Bibliothek, die bis um 21 Uhr geöffnet ist. Gut, am Sonntag nur bis 14 Uhr, aber das sind Öffnungszeiten, von denen die meisten Stadtbibliotheken in Deutschland träumen können.

Eine Kneipe heißt Rincón del Poeta, Dichterecke, und das Graffiti an der Kirche stammt von Pablo Neruda.

Gegenüber der Polizeistation in der Altstadt ist ein sehr gut sortierter Tabakladen. Es kann also sein, dass ich hier in ein paar Wochen nochmal vorbeikommen muss. Die Polizeiautos parken nebenan vor dem „Laden für exotische Vögel“, dessen sämtliche Käfige im Schaufenster leer sind, der aber laut handgeschriebenen Schildern auch sibirische Huskies verkauft. Die Leute glauben echt, dass es hier eiskalt ist.

Se alquila por poco dinero“ steht verzweifelt an einem Laden in den verwinkelten Altstadtgassen: Zu vermieten für wenig Geld.

Um 18 Uhr komme ich wieder am Park vorbei. Jetzt ist deutlich mehr los. Die drei Boccia-Felder sind belegt, und die Spieler diskutieren jeden Wurf mit mehr Verve als im Gerichtsgebäude um die Ecke streitige Verfahren ausgetragen werden.

Die Kirche öffnet sich doch nicht um 19 Uhr. Vielleicht sind auch hier Sommerferien.

Als ich am Abend zum Hotel zurückkehre, sehe ich, dass auch dieses Gebäude zum Verkauf steht. Na, hoffentlich wechselt es nicht heute Nacht den Eigentümer. Nachdem ich mich den ganzen Tag über die Spanier amüsiert habe, die glauben, dass es hier im September kalt sei, muss ich ganz kleinlaut und reumütig gestehen, dass ich zum Schlafen eine lange Jogginghose und einen Pullover benötige.

Fazit: Baza ist nicht Granada oder Málaga, das ist klar. Aber einfach daran vorbeifahren sollte man nicht. Vielleicht kann man in so einer Kleinstadt sogar mehr über Andalusien lernen, denn man teilt sich die Aufmerksamkeit nicht mit anderen Touristen. Die Wohnungen sind auch billig, wie Ihr gesehen habt.

Links:

Veröffentlicht unter Andalusien, Fotografie, Reisen, Spanien | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

Zwei Bäcker, zwei Länder, zwei Kulturen

Read this story in English.


Heute beim Bäcker in Deutschland:

Ich kaufe drei Stück Kuchen. 5 Euro und 13 Cent kosten sie.

Ich habe 12 Cent in Münzen, ansonsten nur Scheine.

„Das reicht nicht“, sagt die Bäckersfrau mathematisch streng, so dass ich ihr einen 10-Euro-Schein und sie mir einen Haufen Münzen überreichen muss.

So geht das, ganz korrekt.


Vor ein paar Jahren in Bolivien:

Ich spaziere durch die Nachbarschaft in Cochabamba, entdecke eine kleine Bäckerei, lasse mir zwei Stück Torte einpacken, die 14 Bolivianos (= 1,70 Euro) kosten.

Leider habe ich nicht das passende Kleingeld, sondern nur einen 50-Boliviano-Schein. Das entspricht 6 Euro, bringt die Bäckersfrau aber in Verlegenheit, weil sie nicht genug Wechselgeld hat. Es ist eine Familienbäckerei, versteckt in einem Wohnviertel, nicht stark frequentiert.

„Kein Problem,“ biete ich an, „ich gehe schnell zum Supermarkt und kaufe etwas zum Trinken, so dass ich Kleingeld bekomme.“

„Wohnen Sie hier in der Gegend?“ fragt die Bäckersfrau, die mich zum ersten Mal gesehen hat und der nicht entgangen sein kann, dass ich nicht aus Cochabamba stamme.

„Ja, ein paar Blocks weiter. Lucas-Mendoza-Straße.“

„Dann bezahlen Sie, wenn Sie mal wieder vorbeikommen. Genießen Sie jetzt lieber die Torte!“

So geht das, ganz menschlich.

Links:

Veröffentlicht unter Bolivien, Deutschland, Wirtschaft | Verschlagwortet mit , , , | 3 Kommentare

Vor hundert Jahren rief ein baltischer Baron nur ungern ein Königreich in der Mongolei aus – März 1921: Roman von Ungern-Sternberg

Read this in English.

Mit der fulminanten Auftaktfolge zu dieser historischen Reihe wollte ich darauf hinweisen, dass der Erste Weltkrieg weder mit dem Waffenstillstand, noch mit dem Friedensvertrag zu Ende war. Allerorten wurde weiter geschossen, gekämpft, erobert, besetzt und befreit. Die Nachwirkungen des Großen Krieges werden uns noch für viele Folgen beschäftigen. Vor genau hundert Jahren, im März 1921, besetzten z.B. französische und belgische Truppen Duisburg und Düsseldorf, der polnisch-russische Krieg wurde durch den Rigaer Frieden beigelegt, und Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn versuchte sich zurück an die Macht zu putschen.

Alles interessante Themen, aber wir gehen heute weit in den Osten, dorthin, wo nicht nur die Nachwehen des Ersten Weltkriegs, sondern auch der russischen Oktoberrevolution toben. Und wie sie toben!

Ihr kennt das aus Doktor Schiwago, aber anders als vermutet, geht das Gemetzel nicht auf den Streit zwischen Tonya und Lara zurück. Russland, das den Ersten Weltkrieg zwar nicht unbedingt gewonnen, auf jeden Fall aber nicht verloren hatte, und mit einer, eigentlich sogar zwei Revolutionen beschenkt worden war, schaffte es irgendwie nicht, sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen. Stattdessen schloss sich unmittelbar an die Oktoberrevolution 1917 der Russische Bürgerkrieg an, der sich noch quälende fünf Jahre hinzog. Länger als der Weltkrieg gedauert hatte. Und komplizierter.

Ganz stark vereinfachend und nicht eingehend auf die Heterogenität der Kampfparteien, die militärische Einmischung von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Japan, dem Osmanischen Reich sowie den sich nach Sibirien verlaufen habenden tschechoslowakischen Legionen, die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in Finnland, in Estland, in Lettland, in Litauen, in der Ukraine, in Abchasien, in Bessarabien und in der Volksrepublik Tannu-Tuwa, sowie auf die wechselnden Allianzen, war es so: Es gab die Roten und die Weißen. Die Roten waren die Bolschewisten. Die Weißen waren alle, die gegen die Roten waren, also Monarchisten, Demokraten, Nationalisten und gemäßigte Sozialisten.

Alles klar?

Ein Tipp fürs Geschichtsstudium: Besucht niemals, niemals die Vorlesung über den Russischen Bürgerkrieg! Das ist wie ein vierdimensionales Labyrinth mit spiegelverkehrten Wurmlöchern. Ihr findet da nicht mehr raus.

Um uns nicht zu verzetteln, was auf diesem Blog eine ständige Gefahr darstellt, gehen wir vom großen Ganzen ins ganz Kleine. Wir nehmen uns nur eine Person vor und folgen ihr ein paar Jahre durch den Russischen Bürgerkrieg und ein paar hundert Kilometer durch die Steppe. Na gut, es sind ein paar tausend Kilometer, denn Russland ist groß.

Diese eine Person ist, nein, nicht Doktor Schiwago. Es ist ein deutschbaltischer Baron, also ein Angehöriger jener deutschsprachigen Oberschicht in Estland und Lettland, die als Nachfahren der Kreuzritter die Esten und Letten knechteten. Roman Nikolai Maximilian Feodorowitsch von Ungern-Sternberg war sein Name. (Die Geschichte der Deutschbalten böte Stoff für hundert Exkurse, aber darüber schreibe ich, wenn ich mal wieder im Baltikum bin.) Weil die Deutschbalten gerne Leute schindeten, wurden sie vom russischen Zaren liebend gerne für die Verwaltung oder das Militär rekrutiert.

Auch Roman zog es, weil er nichts Vernünftiges gelernt hat, in die Armee. Er kämpfte im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05, übrigens dem ersten Krieg, den ein europäischer Staat gegen einen außereuropäischen Staat verlor. Danach bummelte er ein bisschen rum, diente bei einem Kosakenregiment in Transbaikalien, betrank sich zu oft, kündigte, ritt mit dem Pferd in die Mongolei, lernte dort mangels richtiger Aufgaben Mongolisch und las sich in tibetanische, hinduistische und buddhistische Lehren ein. Er kehrte rechtzeitig nach Estland zurück, um beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 mit der russischen Armee in Ostpreußen einzufallen. (Volkszugehörigkeit war zur Zeit der Vielvölkerreiche noch nicht so wichtig, und auch an anderen Fronten kämpften Deutsche gegen Deutsche. Jeder für seinen Kaiser oder Zaren, die dafür sicher dankbar waren.)

Und als der Weltkrieg aus war, war da diese blöde Revolution, die dem Baron so gar nicht ins Konzept passte. Zum einen weil er als Adliger treu zum Zaren stand. Zum anderen, weil die Esten nun unabhängig waren und sich gegen die deutschen Ausbeuter auflehnten.

Roman von Ungern-Sternberg schlug sich auf die Seite der Weißen, keine Frage. Die Treue zum Zaren war zwar ein fragwürdiges Konzept geworden, nachdem der Zar samt Familie ermordet worden war. Aber mit dem Bolschewismus, wo Barone genauso viel verdienen sollen wie Busfahrer, konnte sich der Adlige keinesfalls anfreunden. Außerdem war er sauer, dass ihm das Revolutionsvolk den Herrensitz angezündet hatte und er in eine Plattenbauwohnung ziehen sollte.

Was macht ein Kavallerieoffizier, wenn ihm alles auf den Keks geht? Klar: Er nimmt ein Pferd und reitet nach Osten. Er überfiel Züge, unter dem Vorwand, so den Nachschub für die Bolschewiken abzuschneiden. Er überfiel fahrende Händler, um ihnen „Zoll“ abzuknöpfen. Und bald war er wieder in Transbaikalien, wo er eine Asiatische Kavalleriedivision aufbaute. Es meldeten sich Mongolen, Burjaten, Kirgisen, Mandschuren, Tibeter, Kasachen, Ewenken, Uiguren, Barguten.

Bei all den Übeln, die fortan von diesem Mann ausgingen, weiß man gar nicht, wo man beginnen soll. War der Russische Bürgerkrieg bis dahin schon äußerst brutal, so legte Ungern-Sternberg noch eine Schippe drauf und wurde zum furchterregendsten Feldherr der Weißen. Mit blutrünstiger Brutalität ermordete er Gegner, vermeintliche Gegner, Gefangene, eigene Soldaten, Zivilisten, und vor allem Juden. Bei Juden gab er kein Pardon, die wurden gejagt, bis auch das letzte Kind erschlagen war.

Irgendwann hatte das mit dem Russischen Bürgerkrieg, der für die Weißen aussichtslos steht, gar nichts mehr zu tun. Unsympath-Sternberg lebte einfach nur mehr seinen hasserfüllten Antisemitismus aus. Er benahm sich wie ein Warlord mit einer Privatarmee.

Weil uns das zu brutal wird, wechseln wir ein bisschen den Schauplatz und ziehen gen Süden, in die Mongolei. Die liegt grob zwischen Russland und China und war zum Zeitpunkt unserer Geschichte schon seit 200 Jahren eine chinesische Provinz. Aber China hatte ein bisschen innenpolitische Probleme (ein Virus, Produktionsengpässe beim I-Phone oder Ärger mit den Studenten in Hongkong, was weiß ich), und die mongolischen Fürsten dachten: „Wenn sich so Pipifax-Staaten wie Litauen oder die Tschechoslowakei unabhängig machen, dann können wir das auch.“ (Die Mongolei ist, auch wenn Ihr sie bisher übersehen habt, ziemlich groß.)

Nun muss man wissen, dass die Mongolen hauptsächlich Buddhisten sind und daher einen Chef-Lama haben, der Bogdo Gegen heißt. Das ist der Titel, nicht der Name. So wie beim Dalai Lama, der den gleichen Job bei den Tibetern innehat. Genau, das ist der Typ, der immer grundlos grinst, harmlose Kalendersprüche abgibt und null komma null für sein Volk erreicht.

Die Mongolen kannten die Chinesen, wie gesagt, schon seit 200 Jahren und wussten: „Mit Grinsen kommen wir nicht weit.“ Stattdessen wählten sie den achten Bogdo Gegen zum Bogdo Khan, also dem Herrscher der sich damit für unabhängig erklärt habenden Mongolei. Die Mongolen nahmen Kontakt zum russichen Zaren auf (das war vor seiner Ermordung, logisch) und erhielten einen fetten Kredit, den sie in einen Winterpalast investierten, der noch heute in Ulan Bator steht.

Dort beteten sie für die Unabhängigkeit.

Als das nichts half und auch noch der russische Sponsor abgeknallt wurde, schickten die Mongolenfürsten verzweifelte Bitt- und Bettelbriefe in die Welt. (So wie heute die Prinzen aus Nigeria.) Zweihundert Briefe, dreihundert Briefe, vierhundert Briefe. Alle mit pompösem Siegel, geschrieben mit Kamelblut und ausgeliefert von mongolischen Adlern. Sehr beeindruckend.

Aber niemand konnte die Briefe lesen. Denn niemand verstand Mongolisch.

Halt! Ihr erinnert Euch an die Jugendzeit des Barons, als er Buddhismus und Mongolisch studierte? Ständig wurde er dafür verspottet, was er sich mit so fernöstlichem Tamtam abgebe, anstatt etwas Solides wie Bauingenieurwesen oder Multimedia-Marketing zu studieren, aber nun besiegelte es das Schicksal. Sein Schicksal und das der Mongolen: Baron Roman von Ungern-Sternberg erhielt einen dieser Briefe, rief seine Vielvölkerkavallerie zusammen, sagte dem (eh schon hoffnungslosen) Kampf gegen die Bolschewisten adieu und ritt im August 1920 Richtung Mongolei. Natürlich nicht, ohne unterwegs noch alles kurz und klein zu schlagen.

Dummerweise war seit dem Absenden des Briefes einige Zeit verflogen, die in der Mongolei nicht so ereignislos verstrichen ist, wie überhebliche Westler sich vorstellen, dass dort die Zeit verstreicht. 1919 hatten chinesische Truppen wieder die Kontrolle über die Mongolei erlangt und 1920 den Bogdo Khan abgesetzt. Dessen ungeachtet fasste Ungern-Sternberg während des langen Ritts den Plan, alle mittelasiatischen Völker (Tibeter, Burjaten, Uiguren, Mongolen, Kirgisen u.s.w.) zu einem „Großmongolischen Reich“ zu vereinen, das für immer und auf alle Zeiten das monarchistische Bollwerk gegen Europa sowie das zivilisatorische Bollwerk gegen China sein sollte. Baron von Ungern-Sternberg kämpfte nominell noch immer für den toten Zaren, aber eigentlich sah er sich schon selbst als den neuen Dschingis Khan.

Im Oktober 1920 kam die Asiatische Kavalleriedivision in Urga (heute Ulan Bator und noch immer die Hauptstadt der Mongolei) an, wurde zweimal von den zahlenmäßig überlegenen Chinesen geschlagen, bis Roman von Ungern-Sternberg feststellte: „Wenn uns die Chinesen überlegen sind, muss ich so lange überlegen, bis wir überlegen sind.“ Er überlegte also ein paar Monate, wobei er sich die Zeit gewohnheitsgemäß mit dem Plündern von Dörfern und Klöstern vertrieb. Im Februar 1921 schließlich erinnerte er sich an eine Kriegslist Dschingis Khans: Auf den Hügeln rings um Urga ließ er Feuer entfachen, um ein großes Heer vorzutäuschen. Die Chinesen warfen seiner Kavallerie daher nicht die volle Verteidigungsmacht entgegen, und die Kavalleristen ritten in die Stadt ein, wo sie den Bogdo Khan befreiten und die chinesischen Truppen in die Flucht schlugen. (Um die Wiederholung solch eines Fiaskos zu vermeiden hat China seither die Große Mauer gebaut und Drohnen entwickelt.)

Bogdo Khan und Roman von Ungern-Sternberg stritten sich in der Folge darum, wer nun der wichtigere Macker ist. Der Mongolensturm war dem Baron nämlich zu Kopf gestiegen, und er sah sich mittlerweile als Reinkarnation von Dschingis Khan. Auch das mit dem Großmongolischen Reich schmeckte dem Bogdo Khan eigentlich nicht, die Mongolei allein war ihm groß genug. Schließlich einigten sich die beiden darauf, dass von Ungern-Sternberg den Bogdo Khan im März 1921, und damit vor genau 100 Jahren, als Herrscher des neu ausgerufenen Königreichs Mongolei einsetzt. Im Gegenzug erkannte der neue König den Baron als Staatsgründer, als Heldengeneral und als Inkarnation der tibetischen Schutzgottheit Jamsarang, einer besonders zornigen Gottheit, an.

Das mit dem Zorn passte bekanntlich. Und auch im Innenverhältnis stellte der Baron klar, dass er der eigentliche Chef und der König nur das Aushängeschild sei. Er ließ Listen von allen Juden anfertigen, die in der Mongolei leben. Viele von ihnen waren während des Russischen Bürgerkriegs in die vermeintliche Sicherheit des Fernen Ostens geflohen. Aber nun zog Baron von Ungern-Sternberg mit antisemitischer Besessenheit von Haus zu Haus, um auch in der Mongolei das Judentum auszurotten. Selbst die bekanntlich äußerst fanatischen deutschen Besatzer kamen 20 Jahre später nicht so weit nach Osten.

Und zwar nur aus einem Grund nicht: Weil Roman von Ungern-Sternberg bereits tot war. Sonst hätte er selbstverständlich mit der Wehrmacht paktiert, um gegen Juden und Bolschewisten, seine liebsten Feinde, zu kämpfen. Davor bewahrt hat uns letztendlich eine Rebellion seiner eigenen Leute, als der Baron davon schwadronierte, dass man eigentlich als nächstes nach Tibet ziehen müsse. Das war dann doch zu weit und beschwerlich (damals ging noch kein Zug nach Lhasa), und die Jungs nahmen ihren Anführer fest und übergaben ihn den Bolschewisten.

Der Prozess war einer der sprichwörtlich kurzen, wahrscheinlich aus Mangel an Juristen. Genervt von den antisemitischen Tiraden des Barons („den Bolschewismus haben die Hebräer schon vor 3000 Jahren in Babylon erfunden“), schlug der Richter vor, ob man ihn vielleicht einfach erschießen solle. Im Vergleich zu anderen Hinrichtungsarten war das ein ziemliches Zugeständnis. (Merkt Euch das, falls Ihr mal in ähnlicher Situation seid.)

„Nur ungern“, entgegnete Roman von Ungern-Sternberg, aber das Wortspiel verstarb ebenso im Kugelhagel der Kalaschnikows wie der deutsche Dschingis Khan.

Die Mongolei blieb übrigens unabhängig. Heute gibt es noch immer Stimmen, die Baron von Ungern-Sternberg als Staatsgründer verehren. Viel wichtiger ist aber die Frage, wo der Baron seinen sagenhaften Goldschatz vergraben hat. Deshalb wird in der Mongolei überall gegraben und gebuddelt.

Gar nicht so tief graben muss man, um auch in der Mongolei Leute zu finden, deren Faszination für Geschichte, für den deutschen Baron und für alles, was Deutschland seither in die weite Welt exportiert hat, von jeglicher historischen Einordnung ungetrübt ist.

So viel zu den Hakenkreuz-Apologeten, die immer behaupten: „Also, im Buddhismus hat das ja eine gaaaanz andere Bedeutung.“

Links:

Veröffentlicht unter China, Geschichte, Militär, Russland | Verschlagwortet mit , , , | 19 Kommentare

Eine Postkarte aus Málaga

Read this in English.


Vor dem Rathaus steht Antonio mit einem, nein, gleich mehreren Schildern gegen hohe Steuern und Abgaben.

Gegen welche, frage ich.

„Alle!“

Ich bohre weiter und erfahre, dass es um so etwas wie eine Immobilienwertzuwachssteuer geht, die er dafür zahlen muss, dass er jetzt in der Wohnung seiner vor zwei Jahren verstorbenen Mutter wohnt. Und wenn man nicht bezahle, werde einem die Wohnung weggenommen. Er habe nur 436 Euro Rente im Monat und könne sich das nicht leisten.

Deshalb steht er jeden Tag vor dem Rathaus. Seit zwei Jahren. Nur nicht am Wochenende, da geht er in die Kirche.

Was mit der Wohnung passiert ist, frage ich besorgt.

„Da wohne ich noch immer. Ich kann die Steuern in Raten abbezahlen.“

Und nach Hause fährt er wahrscheinlich mit dem steuersubventionierten Bus. (Rentner, die weniger als 800 Euro im Monat verdienen, können den Bus kostenlos nutzen.)

Arriba España!“ ruft er zum Abschied einen Schlachtruf der Franco-Diktatur. Vielleicht geht es Antonio gar nicht um die Steuern.

Links:

Veröffentlicht unter Andalusien, Fotografie, Reisen, Spanien, Wirtschaft | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Weltfrauentag

Read this article in English.


Heute ist der Weltfrauentag, aber viele scheinen nicht so richtig zu wissen, was sie damit anfangen sollen.

  • Es ist KEIN Tag für diejenigen, die den Valentinstag vergessen haben,
  • EBENSOWENIG eine zweite Chance für diejenigen, deren Objekt der Begierde sich seitdem schon wieder geändert hat.
  • Es ist KEIN Tag, um Blumen, Herzchen oder andere kitschige Bilder an seine Facebook-Freundinnen zu schicken.
  • Es ist NICHT der Muttertag.
  • NICHTS wird dadurch erreicht, dass man einen „Fröhlichen Frauentag“ wünscht.
  • Und es ist absolut KEIN Tag, an dem Unternehmen „Sonderangebote zum Frauentag“ offerieren sollten.

Dieser Tag ist ein Tag des Kampfes!

Partisans Italy.jpg

Wie diese italienischen Partisaninnen zeigen, könnt Ihr dabei ja immer noch modisch auftreten, wenn Ihr wollt, aber die Waffen und der Kampf sind das Wichtige.

Der 8. März ist ein politischer Tag, ein Tag der Gleichberechtigung, der gleichen Teilhabe, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich und sozial. Sonderangebote von Schminksets oder Geschirrspülmittel zum Frauentag sind eher kontraproduktiv, wenn man will, dass Frauen über den Status von Barbiepuppen hinauskommen.

Nur in Bolivien scheint man verstanden zu haben, worum es geht:

WomensDay

Links:

  • Mehr aus Bolivien, einem in vielerlei Hinsicht vorbildlichen Land.
Veröffentlicht unter Bolivien, Italien, Politik | Verschlagwortet mit | 16 Kommentare

Eine Postkarte aus Ulm

Der Bahnhof von Ulm versucht, durch willkürlich hohe Gleisnummern und durch Unterteilung von Bahnsteigen nach Nord, Süd, West und Ost den Eindruck zu erwecken, man wäre in New York.

Anstatt Weltläufigkeit stellen sich Verwirrung und Hektik ein, die zum Hin- und Herhasten zwischen Bahnsteigen, Bahnsteigabschnitten und Bahnsteigenden führen, anstatt dass man die Wartezeit nutzt, um eine Ulmer Spezialität zu genießen, falls es so etwas gibt. Aber endlich versteht man, wieso es „in Ulm und um Ulm und um Ulm herum“ heißt.

Wie das wohl erst in New Ulm sein wird?

Links:

Veröffentlicht unter Deutschland | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Schlachtfeldtourismus damals und heute

Tagesausflüge nach Tschernobyl. Touren durch eine brasilianische Favela. „Dark Tourism“ nennt sich das, und viele werden es als die makabre Idee einer Zeit abtun, in der selbst das Unglück und das Leiden vermarktet werden. Aber so neu ist da Phänomen gar nicht.

Die Schlachtfelder von Waterloo (Belgien, 1815) und Gettysburg (USA, 1863) zogen schon im 19. Jahrhundert Besucher an. Bereits während des Ersten Weltkriegs kamen Besucher an die Westfront, hauptsächlich Schriftsteller, aber auch neugierige Touristen. Und mit dem Ende der Kampfhandlungen setzte der Massentourismus an die Orte ein, wo vier Jahre lang gekämpft worden war. In diesem Beitrag werde ich mich auf Ypern in Belgien konzentrieren, weil dies bis heute eine der wichtigsten “Pilgerstätten” an der Westfront ist – und weil ich im Februar 2020 mit einer Exkursion der Fernuniversität in Ypern war. Dieser Artikel basiert auf einem Referat, das ich dort gehalten habe.

Schlachtfeldtourismus während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar im Anschluss daran

Auch wenn, wie in der Einleitung erwähnt, der Schlachtfeldtourismus nach 1918 kein neues Phänomen war, so erfuhr er doch ab dem Ersten Weltkrieg ein exponentielles Wachstum. Ein Grund darin liegt im zeitlichen Zusammenfallen mit dem einsetzenden Massentourismus. Technische Veränderungen bedingten ein stärkeres Interesse und mehr Möglichkeiten, angefangen von Kameras, mit denen Soldaten Bilder schossen, die wiederum zuhause Interesse weckten, bis zu den aufkommenden Pauschalreisen.

Der britische Leutnant J. W. Gamble prognostizierte im Dezember 1915:

Ypres will be flooded with tourists and sight-seers after the war, and they will be amazed by what they see.

Schon während des Krieges wagten sich vor allem Fotografen, Maler, Journalisten und Schriftsteller an die Front oder zumindest nahe genug, um zu behaupten, “dabei” gewesen zu sein. Einige der Buchtitel klingen durchaus wie die Ermutigung zum eigenen Reisen: Durch Belgien zur Westfront von Ludwig Ewers [1915], Reise zur deutschen Front von Ludwig Ganghofer [1915], Reise in den belgischen Krieg von Heinrich Eduard Jacob [1915], Im Auto durch Feindesland von Paul Grabein [1916], Mit Rucksack und Wanderstab durch Belgien an die Westfront von Karl Straub [1916], A Visit to Three Fronts, Glimpses of the British, Italian and French Lines von Arthur Conan Doyle [1916], Mit dem Auto an der Front: Kriegserlebnisse von Anton Fendrich [1917], Aus den Pampas Argentiniens nach Ypern. Eine abenteuerliche Kriegsfahrt zur Front von Leo Toelke [1918].

Ab 1919 erschienen die ersten Reiseführer, z.B. der Illustrated Michelin Guide to the Battlefields (1914-1918), was auf eine rege Reisetätigkeit schon unmittelbar nach Kriegsende hinweist. Thomas Cook war eines der bekanntesten Reisebüros, das solche Touren anbot, aber beileibe nicht das einzige. Dabei war das Reisebüro immerhin zurückhaltend genug, die Touren nicht schon während des Krieges anzubieten, trotz diesbezüglicher Nachfragen. Im März 1915 ließ Thomas Cook in The Times verlauten, dass es aufgrund von Widerständen aus Frankreich zumindest während der laufenden Kampfhandlungen noch keine Fahrten an die Westfront offerieren würde.

Aber 1919 fuhren die ersten Busse nach Flandern. In seinen Prospekten gab Thomas Cook an, dass das unmittelbare Erfahren der Schlachtfelder und Schützengräben unerlässlich sei, um ein authentisches und vollständiges Bild des “Great War” zu bekommen. Die Werbung richtete sich an alle, die “dem Andenken der glorreichen Verstorbenen Tribut zollen wollen”. Thomas Cook stellte die Westfront-Reise in seinem Reiseführer von 1920 wie eine staatsbürgerliche Pflicht dar:

We do not know – and we cannot know – what war really means until we have visited the battlefields and the ruined towns and devastated miles upon miles in the north of France and Belgium. And it is our duty to visit them.

Das Schlachtfeld wird zum Symbol eines ganzen Krieges stilisiert, wo Geschichte erlebbar, spürbar, fühlbar werden soll. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Landschaft in Flandern unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg tatsächlich von den Verwüstungen gezeichnet war.

Durch diese vernarbte Landschaft führte 1919 auch ein Radrennen, die „Rundfahrt der Schlachtfelder“, bei der natürlich keine deutschen Teilnehmer zugelassen waren.

Auch deutsche Reisebüros boten solche Fahrten an, wie dieses Beispiel von Anfang der 1930er Jahre zeigt:

Insbesondere in den Dekaden unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wollten die Besucher oft mehr als nur Fotos oder Erinnerungen mit nach Hause nehmen. Granaten, Helme, Kochgeschirr, alles was nicht niet- und nagelfest war wurde eingepackt, unter anderem vom ersten Kurator des 1917 gegründeten Imperial War Museum. Aus heutiger Sicht erscheint das pietätlos, fast wie Grabräuberei, aber wie wurden diese Reisen nach 1918 von den Teilnehmern und Daheimgebliebenen gesehen?

Zeitgenössische Rezeption dieser Reisen

Zwiespältig, ist die eindeutige Antwort. Bezüglich der Westfrontreisenden kam es schnell zu einer Ausdifferenzierung zwischen der Meinung über “legitime” Westfrontbesucher wie Veteranen und Angehörige einerseits und den als schau- und schauderlustig bezeichneten “Touristen” andererseits.

Eine der schärfsten Kritiken gegen letztere Gruppe ist die Polemik Reklamefahrten zur Hölle von Karl Kraus, in der er sich 1921 über die Westfront-Fahrten der Basler Nachrichten echauffiert und ihnen Kaffeefahrtcharakter unterstellt.

Auch in englischsprachigen Zeitungsartikeln, Gedichten und der Literatur der Zeit wurde immer wieder die Dichotomie zwischen aus ehrenwerten Motiven reisenden “Pilgern” und “profanen Touristen” reproduziert. Dass man sich über die Bezeichnung der Reisen durchaus Gedanken machte, zeigt ein Bericht in The Times vom 7. Juni 1920:

The French have a better term for what are described in this country as battlefield tours. They call them pilgrimages.

Selbst den Reisebüros war der dünne Grat des gerade noch guten Geschmacks bewusst, auf dem ihre Reisebusse nach Flandern fuhren. Thomas Cook stellte in seinen Publikationen explizit klar, dass die Reisen keinesfalls der Faszination des Grauens oder anderer niedriger Beweggründe dienen sollte.

In Wirklichkeit dürfte es diese klare Trennung zwischen Reisezwecken nicht gegeben haben. Insbesondere Besucher aus Übersee, die sich nur einmal im Leben eine Europareise leisten konnten, verbanden Gräberbesuch und Gedenken mit anschließendem Strandurlaub oder mit belgischem Bier. 

Verschiedene Funktionen des Schlachtfeldtourismus im Wandel der Zeit

Je zeitlich näher man noch am Kampfgeschehen lag, umso direkter und unmittelbarer fühlten sich die Besucher dem Massensterben an der Front verbunden. Solange Schützengräben und Gefechtsmüll noch deutlich sichtbar waren, bedurfte es keiner Vermittlung durch Reiseleiter oder Museen.

Insbesondere für die Angehörigen und ehemaligen Kameraden von Gefallenen waren Orte wie Ypern der Friedhof, auf dem sie das Grab besuchen konnten. Idealerweise war dies ein namentlich gekennzeichnetes Grab, andernfalls ein Ehrenmal für unbekannte Soldaten. Diese Verbundenheit auch der Hinterbliebenen mit einem bestimmten Ort dürfte an der Westfront stärker ausgeprägt sein als an anderen Schauplätzen oder in anderen Kriegen, denn die Soldaten waren im Stellungskrieg lange Zeit an einem Ort, von wo aus sie immer wieder nach Hause schrieben. Orte wie Ypern oder Verdun wurden so auch an der Heimatfront zu festen Begriffen.

Die überlebenden Veteranen konnten ihren Familienangehörigen oft erst anlässlich von Front- und Gräberbesuchen ihre Erinnerungen vermitteln. Auch in der Literatur stößt man auf die Figur des ehemaligen Soldaten, der (mit Familie) an die Front zurückkehren muss, um das Trauma zu überwinden (Josefs Frau von Erich Maria Remarque, Douaumont oder die Heimkehr des Soldaten Odysseus von Eberhard Möller).

Mochten die Familien der Gefallenen während des Krieges noch auf eine anschließende Umbettung gehofft haben, so war doch bald klar, dass dies aus logistischen und finanziellen Gründen keine veritable Option darstellte. Dies betraf deutsche Familien besonders, weil deren Angehörige ganz überwiegend im “Feindesland” lagen. Die Reichsregierung erlaubte 1921 zwar die “Heimschaffung Gefallener”, jedoch unter der Auflage, dass die Angehörigen sämtliche Kosten zu tragen haben. 

Der 1919 gegründete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) übernahm die Aufgabe der Betreuung deutscher Soldatenfriedhöfe im Ausland und hatte gar kein Interesse an Leichenrückführungen. Als selbsternannter Fürsprecher der Gefallenen äußerte der VDK den Appell, “dass alle, die im Kampfe nebeneinander standen und starben, auch im Tode vereint bleiben.” Die Funktion als Soldat sollte also auch im Tod die eines Vaters, Bruders, Ehemannes oder Freundes überlagern.

Die Verbandszeitschrift Kriegsgräberfürsorge ist eine Fundgrube von Berichten Angehöriger, die im Ausland gelegene Gräber besuchten. Praktische Hinweise wie zur Passbeschaffung, zur Übernachtung, zu den zu erwartenden Kosten nehmen einen breiten Raum ein, genauso wie man es bei “normalen” touristischen Reisen erwarten würde. Als Beispiel die eher negative Bewertung des Reisebüros Thomas Cook durch einen deutschen Reisenden im Jahr 1924:

Aber auch pathetische Berichte im nationalistisch-militaristischen Geist wurden abgedruckt, so wie dieser 1925:

Und auch den deutschen Touristen, der überall in der Welt mit Verbesserungsvorschlägen auftritt, gab es schon früher. Ein wichtiger Hinweis aus dem Jahr 1931:

Für die Nationalsozialisten wurden Soldatenfriedhöfe zu symbolischen Orten, an denen man gelobte, die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg wettzumachen. Der Ort Langemark nördlich von Ypern war schon während des Ersten Weltkriegs zu einem Mythos im Deutschen Reich geworden. 1933 schrieb die VDK-Zeitschrift, dass man endlich den dortigen Toten zurufen könne: “Seht: Wir marschieren wieder, froh und opferfreudig!”

1940 wurde tatsächlich wieder in Belgien (ein)marschiert. Im Herbst 1940 fanden im mittlerweile deutsch besetzten Langemark militärische Gedenkfeiern statt. Aus deutscher Sicht war der Erste Weltkrieg erst jetzt zu seinem richtigen Ende gekommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, der eigentlich ausreichend schlachtfeldtouristisch interessante Novitäten geschaffen hätte, z.B. in der Normandie, nahm der Tourismus nach Flandern wieder an Fahrt auf, anfänglich jedoch ohne die Besucher aus Deutschland.

Der 1946 wieder zugelassene VDK brach mit der überkommenen Heroisierung des Kriegstodes, der das Gedenken zwischen den beiden Weltkriegen dominiert hatte. Er bekannte sich zur Versöhnung in Europa, schwieg sich aber andererseits über deutsche Kriegsverbrechen in den beiden Weltkriegen aus. Damit bestärkte der VDK das in der frühen Bundesrepublik weitverbreitete Opferbewusstsein und das Leitbild des angeblich “unpolitischen Soldatentums”, das letztlich bis zur Wehrmachtsausstellung 1995 anhielt.

Die Kriegsgräberfahrten waren für die Erinnerungskultur in Westdeutschland auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil es weder ein nationales Denkmal für gefallene Soldaten, noch eine nationale Zeremonie für sie gab. Der Volkstrauertag war nicht auf die gefallenen Soldaten beschränkt, anders als z.B. der Memorial Day in den USA oder der 11. November als Remembrance Day im Vereinigten Königreich und anderen Commonwealth-Staaten. Öffentliches Soldatengedenken in der Bundesrepublik fand entweder im kommunalen Rahmen oder eben im Ausland statt.

Seit dem Ersten Weltkrieg und nochmals seit den 1960er Jahren hat sich der Totenkult gewandelt. Mit dem Übergang vom sakrifiziellen zum viktimologischen Opferverständnis wurde das Leiden und Sterben der Soldaten immer weniger glorifiziert, mehr als Mahnung verstanden und zunehmend distanziert und teils mit Unverständnis betrachtet. Dass diese Entwicklung zur Zeit des Vietnam-Krieges eine spürbare Wende nahm, zeigt, dass das Gedenken der Vergangenheit nie losgelöst von den jeweils aktuellen Diskursen verstanden werden kann.

Auch aus Sicht der örtlichen Kommunen, Einrichtungen und Tourismusverbände hat sich der Fokus vom Schlachtfeldtourismus, einem Wort das gar nicht mehr gerne gehört wird, hin zum Kulturgut-Tourismus (einschließlich eines Antrags auf Anerkennung der Schlachtfelder in Flandern, in der Wallonie und in Frankreich als UNESCO-Weltkulturerbe) und zu Versöhnungsreisen verschoben. Nicht mehr die morbide Faszination des tausendfachen Todes oder militärgeschichtliche Detailversessenheit, sondern die Mahnung und die Lehren daraus stehen im Vordergrund. Man blickt zurück, um sich als Europäer des seither Erreichten zu erfreuen.

Links:

Veröffentlicht unter Belgien, Erster Weltkrieg, Geschichte, Reisen | Verschlagwortet mit | 5 Kommentare

Spannender als ein Krimi

To the English version.

Im Kino kommt schon seit Monaten kein Film mehr, der mich vom Hocker gehauen hat. Im Fernsehen läuft jeden Tag die Wiederholung von „Outbreak“, „Pandemie“ oder sonstigen Katastrophenfilmen. Und die Bundesliga wird von Staffel zu Staffel langweiliger. Am Ende gewinnt ja doch wieder der von den Steuerhinterziehern geführte Verein aus München.

Aber, apropos Korruption, zum Glück gibt es da diesen russischen Rechtsanwalt und Korruptionsaufdecker, Alexei Nawalny. Der produziert unter Lebensgefahr einen Film nach dem anderen. Und die meisten davon sind spannender, besser recherchiert und besser produziert als das, was uns sonst auf der Leinwand vorgesetzt wird.

Ich weiß, Nawalny ist umstritten, und ich bin der letzte, der seine nationalistischen und fremdenfeindlichen Aussagen goutiert. (Wenn er sich seither weiterentwickelt hat, dann soll er sich endlich distanzieren.) Aber seine Filme sind echt gut.

Der mittlerweile bekannteste Film ist „Ein Palast für Putin“. In Spielfilmlänge geht es allerdings um viel mehr als um den 100 Milliarden Rubel teuren (und potthässlichen) Palast von Putin, dessen Grundstück 39-mal so groß ist wie das Fürstentum Monaco. Es geht um das System der Korruption auf höchster Ebene, wer wo was wie abzweigt, über die Mittelsmänner und Strohmänner (bzw. Strohgroßmütter, deren Enkelinnen zufällig Affären mit Putin haben). Und es geht um die Anfänge dieses größten Raubzugs der modernen Geschichte – in Dresden.

Falls Euer Russisch seit der Perestroika etwas Rost angesetzt hat, keine Sorge. Die Filme haben englische (und der nächste sogar deutsche) Untertitel.

Ebenso akribisch recherchiert ist der Film, in dem der genaue Ablauf, die langjährige Planung und die Täter des Nowitschok-Anschlags (und vorheriger Anschlagsversuche) auf Nawalny enthüllt werden:

Das ist wirklich wie ein Krimi. Noch unfassbarer wird es dann, als Nawalny die Telefonnummern der Killer herausbekommt und sie der Reihe nach anruft. Alle legen auf. Nur einer ist unvorsichtig genug, mit Nawalny, der sich als Vorgesetzter aus dem Staatsapparat ausgibt, zu besprechen, was bei dem Giftanschlag falsch lief und wie er Beweismittel verschwinden ließ.

All diese Beweise führen in Russland nicht einmal zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Stattdessen sitzt Nawalny jetzt im Gulag. Nach Prozessen, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte als rechtswidrig und willkürlich eingestuft hat.

Ob man mit so einem Regime unbedingt eine Gaspipeline bauen muss? Ich weiß nicht. Aber so wie ich Deutschland kenne, werden sich die Sanktionen auf irgendeinen von Gazprom finanzierten Turn- oder Fußballverein beschränken. Wundert Euch also nicht, wenn Schalke 04 am Ende dieser Saison so schnell aus der Bundesliga fliegt, wie in Russland kritische Journalisten aus dem Fenster fallen.

Links:

Veröffentlicht unter Politik, Russland, Strafrecht | Verschlagwortet mit | 9 Kommentare