Kriminalitätsprävention in Bolivien

Während meiner Wanderung auf den Chacaltaya fand ich in den Bergen ein entlegenes und verlassenes Dorf vor.

HäuserHäuser 3

Die Türen der teilweise schon verfallenden Häuser stehen offen, aber keines enthält etwas Interessantes. Nur an einer Tür steht: PROHIBIDO ROBAR („Diebstahl verboten“).

prohibido robar

Dieser Hinweis ist absurd, weil das

  1. schon durch das Strafgesetzbuch geregelt ist,
  2. auch Nichtjuristen bekannt sein dürfte,
  3. eventuelle Gesetzesbrecher kaum von ihrem Vorhaben abhalten wird.

Aber wir sind in Bolivien, dem Land der Höflichkeit und des Respekts. Diese Tür ist tatsächlich als einzige nicht aufgebrochen.

Die Leser, die vor Wohnungseinbrüchen Angst haben, sollten es vielleicht einfach mal mit dieser direkten Ansprache der potentiellen Täter versuchen.

Der Ehrlichkeit halber muss ich aber erwähnen, dass es in Bolivien auch Fälle von Lynchjustiz gibt, vor allem gegenüber mutmaßlichen Dieben und Einbrechern.

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Tagesnotizen 9

  1. Diese Sendung über die Nürnberger Prozesse wartet nicht nur mit Originalaufnahmen auf, sondern rahmt diese in eine hervorragende Analyse von Peter Steinbach ein.
  2. Wieso gibt es kein LL.M.-Programm für Rechtsgeschichte?
  3. Bitte dieses Jahr nicht vergessen, den 100. Jahrestag der Russischen Revolution zu feiern! bolshevik
  4. In Bolivien unterhielt ich mich mit einer Rechtsanwältin über feminicidios, das sind Tötungsdelikte an Frauen durch ihre Partner. Seit es in Bolivien dafür einen höheren Strafrahmen als für „normalen“ Totschlag gibt, ist das ein großes Thema. Interessehalber habe ich dann mal die Zahl der in Deutschland von ihren Partnern getöteten Frauen nachgeschlagen – und war schockiert: 331 im Jahr 2015.
  5. In Russland bekommt man eine Geldstrafe aufgebrummt, wenn man auf die Rolle der Sowjetunion bei der Aufteilung Polens 1939 hinweist.
  6. Ich sollte mal eine Liste aller Länder zusammenstellen, in die ich nicht reisen kann, weil Veröffentlichungen auf meinem Blog dort zu Geld-, Haft- oder Todesstrafe führen. Den Plan, alle Länder der Welt zu sehen, kann ich mir abschminken.
  7. Die Jesuiten werden oft für ihre Schulen und Universitäten gelobt. Dass einige dieser Bildungseinrichtungen durch Sklaverei finanziert wurden, ist weniger bekannt.
  8. Ein Erfolg für die Impfgegner: In Europa sterben wieder mehr Menschen an Masern.
  9. Das ist besonders peinlich/traurig aus meiner gegenwärtigen südamerikanischen Sicht. Sowohl Nord-, Mittel- als auch Südamerika ist dank Impfkampagnen praktisch masernfrei. Seit 2002 gab es keine Epidemie mehr. Vereinzelte Fälle von Masernerkrankungen sind fast immer auf Besucher aus Übersee (meist zu Fußballmeisterschaften) zurückzuführen.
  10. Diese Frau wählte entgegen der Warnungen ihres Mannes Donald Trump. Jetzt sitzt ihr mexikanischer Mann in Abschiebehaft. Wie sich das wohl auf ihre Ehe auswirkt?
  11. In der Ukraine hat man wenigstens eine gute Ausrede, wenn man am Morgen den Zug zur Arbeit verpasst.

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Coca Cola ist überall

Es gibt nicht viele Dinge, von denen ich abhängig bin. Monate können ins Land ziehen, in denen ich keine einzige Zigarre rauche. Bei Schokolade halte ich es nicht ganz so lange aus, etwa eine Woche maximal. Aber nach spätestens drei Tagen ohne Cola (egal welcher Marke, meist tut es die billigste) laufe ich lechzend zum nächsten Laden.

Man könnte sich vorstellen, dass dies auf tagelangen Wanderungen im Urwald oder in der Wüste zu Entzugserscheinungen führt. Aber nein! Zumindest nicht in Südamerika. Denn hier, wo das Coca für die Cola herkommt, gibt es tatsächlich überall, wo zumindest ein Einsiedler wohnt, eine Coca-Cola-Verkaufsstelle. Wie hier in Titicachi, einem zu Unrecht nur selten besuchten Weiler am Ufer des Titicaca-Sees in Bolivien:

Coca Cola Dorf

Der Titicaca-See selbst wird übrigens auch von Coca Cola gesponsort.

Coca Cola Titicaca

Im Titicaca-See liegt die Isla del Sol, auf der es keine Autos, keine Motorräder, ja nicht einmal Fahrräder und in einigen Nächten keinen Strom gibt. Aber dafür – Ihr habt es schon erraten – das wohltuende Erfrischungsgetränk. Und zwar nicht nur in den wenigen Ortschaften auf der Insel, sondern auch in diesem Laden, an dem nur selten jemand vorbeikommen dürfte.

Laden1Laden2Laden3Laden4

Die um meine Ernährung besorgten Leser erkennen und anerkennen hoffentlich die zwei Äpfel, in Bolivien eine wesentlich größere Rarität als eine Flasche Cola. Übrigens hätte es an diesem entlegenen Ort auch Bier und Kohlberg-Wein gegeben.

In Chile sieht man in der Atacama-Wüste während zwei Tagen Fahrt keinen einzigen Baum, Wassertropfen oder Menschen, aber irgendjemand hat in mühe-, liebe- und hingebungsvoller Kleinstarbeit Zehntausende von Kieselsteinen so zusammengetragen, dass sie zum 125. Geburtstag von Coca Cola den berühmten Schriftzug in einer Größe abbilden, die in Südamerika sonst nur Jesusstatuen vorbehalten ist.

Coca Cola Atacama

Man erkennt hier die religionsähnliche Verehrung von Coca Cola (und nebenbei den Mangel an Regenfällen seit 2011, die den Schriftzug verwaschen hätten können), die sich auf den Friedhöfen fortsetzt. Cola-Flaschen dienen als Grabbeigabe, damit sich die Toten noch stärken und laben können, wie hier auf dem Friedhof von La Paz in Bolivien.

Grab Coca ColaGrab PepsiGrab z Coca Cola offen

Auf dem letzten Foto erkennt Ihr, dass die Flasche geöffnet ist, damit der Verstorbene die Cola auch tatsächlich genießen kann. Im Gegensatz zu Weihwasser ist die Wirkung von Coca Cola wenigstens wissenschaftlich erwiesen.

Die entlegenste und überraschendste Coca-Cola-Tankstelle fand ich jedoch in Brasilien, im Nationalpark Chapada Diamantina. Das ist so etwas wie der Grand Canyon, nur in Grün und mit Wasserfällen.

Schlucht 1

Dieses Tal ist mit dem Auto nicht zu erreichen. Man muss über eine der beiden Bergketten steigen, wofür man etwa einen Tag benötigt. Dann kann man sich im Tal an den Flüssen orientieren, muss aber am Ende wieder über eine Bergkette, um in die Zivilisation zu kommen. Genau das habe ich gemacht, drei Tage lang.

Das Interessante an der Chapada Diamantina, neben der Natur natürlich, ist die Geschichte. Von 1850 bis 1880 gab es einen Diamantenboom, daher auch der Name. Damals lebten hier circa 50.000 Diamentenschürfer. Jetzt gibt es noch 9 „Dörfer“, wobei jedes Dorf nur aus drei oder vier Häusern und meist nur aus einer Familie besteht. An zwei dieser Stützpunkten komme ich vorbei, was praktisch ist, weil ich ja zweimal übernachten muss. Ein Häuschen, so rudimentär es auch ist, schützt wenigstens ein bißchen gegen Schlangen, Spinnen und Jaguare.

Die erste Nacht in Ruinha bleibe ich trocken, aber bei der Ankunft in Prefectura, vollkommen kaputt und verschwitzt, blitzen meine Augen auf als ich auf einem Holzschild lese, dass es hier Bier und Coca Cola gibt.

Prefectura Coca Cola 1

Egal wieviel die Cola kosten soll, wer sie tagelang zu Fuß oder mit dem Maultier hierherschleppt, verdient es, fair entlohnt werden. Überraschung: Die Dose kostet 5 R$, wenig mehr als einen Euro. Nicht mehr als an der Tankstelle, an der die Getränke mit dem LKW vor die Tür gefahren werden.

Also setze ich mich unter die Mangobäume auf der Wiese vor dem „Dorf“ und betrinke mich mit gleich zwei Dosen. Berauscht werde ich allerdings mehr von dem Anblick, den ich dabei auf den Morro do Castelo habe – und bereue, keine Zigarren eingepackt zu haben.

Morro do castelo 1.JPG

Für die höchstgelegene Coca-Cola-Werbung, wahrscheinlich weltweit, kehren wir aber wieder nach Bolivien zurück. Auf 5.200 m steht diese Alpenvereinshütte unterhalb des Gipfels des Chacaltaya.

Coca Cola Chacaltaya

Dass ich mich auf der 3700 km vom Festland entfernten Osterinsel nach einer ganztägigen Wanderung in dieser Bucht mit einer Cola erfrischen konnte, wird jetzt niemanden mehr überraschen.

Bucht im Norden nach Wanderung.JPG

(Ja, alle Fotos sind von mir. Und zu allen gäbe es noch wesentlich ausführlichere Geschichten zu erzählen. Schreibt doch bitte, was Euch am meisten interessiert, damit ich mich als erstes dranmachen kann. Schreiben ist nämlich eine verdammt harte Arbeit. Ich brauche schon wieder ein Glas Cola…)

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Was macht Max Scheler am Titicaca-See?

Als ich in einem Schulhof in Copacabana in Bolivien diese Wandmalerei sah, stellten sich gleich ein ganzer Haufen von Fragen.

Max Scheler.JPG

1 – Wer war Max Scheler?

Der Name klang verdächtig deutsch. Und wenn es ein Deutscher/Österreicher/Schweizer zu ausreichender Bekanntheit bringt, dass eine Schule in Bolivien sich nach ihm benennt, sollte ich ihn kennen, zumindest mal seinen Namen gehört haben.

Aber ich hatte keine Ahnung. (Nicht zum ersten Mal.)

Von Wikipedia erfuhr ich, dass Scheler ein deutscher Philosoph, Psychologe, Anthropologe und Soziologe war (1874-1928). Auf der Website der Max-Scheler-Gesellschaft findet sich das folgende Zitat von Hans-Georg Gadamer aus dem Jahr 1995,

Es ist sicher unglaublich. Aber wenn man heute einen für Philosophie interessierten jungen oder selbst einen älteren Menschen fragt – er weiß kaum, wer Scheler war.

aber das vermochte mich nicht zu trösten. Immerhin habe ich Philosophie studiert. Vielleicht hätte ich das in Deutschland anstatt in Großbritannien tun sollen.

Außerdem schrieb Martin Heidegger, wenn auch schon 1928:

Max Scheler war – vom Ausmaß und der Art seiner Produktivität ganz abgesehen – die stärkste philosophische Kraft im heutigen Deutschland, nein, im heutigen Europa und sogar in der gegenwärtigen Philosophie überhaupt

2 – Wie kommt Max Scheler an diese Schule am Ufer des Titicaca-Sees?

Ganz ehrlich: Keine Ahnung.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Scheler je den wunderschönen Ort gesehen hat, an dem sein Konterfei jetzt eine Schule ziert.

3- Warum istMax Scheler in Südamerika bekannter als in Deutschland?

Eine kurze Recherche ergab, dass es an mehreren Orten in Südamerika Max-Scheler-Schulen, -Gymnasien und -Kindergärten gibt. In Deutschland reichte es nur für die Max-Scheler-Straße in Köln und den Schelerweg in Dortmund.

Ich habe versucht, einen Zusammenhang zwischen Scheler und Bolivien oder zumindest Südamerika zu eruieren, aber bis auf die Verbeitung der Ideen Schelers (und anderer deutscher Denker) in Lateinamerika durch José Ortega y Gasset habe ich keinen feststellen können.

4 – Wieso wird auf einem Schulhof ein Mann mit Zigarette abgebildet?

Das weiß nur der Maler.

5 – Wann wird die Außenwand endlich mal wieder neu gestrichen?

Das fragt sich der Maler auch.

 – – –

Wiesenslücken gehören zu den interessantesten Entdeckungen beim Reisen.

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Selfie-Statue

selfie

selfie2

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Diese selbstverliebte Statue habe ich in La Paz, Bolivien gesehen.

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Hotels in Moldawien

Du weißt, Du bist in einem Hotel in Moldawien, wenn Du im Korridor Elektroingenieurwesen studieren kannst,

hotel wiring

das Bett wie im Haus Deiner Großmutter in den 1950er Jahren aussieht (bequem, aber ein bißchen kurz),

hotel bed.JPG

und die Türen mit 2-Literflaschen Bier offengehalten werden.

hotel beer

Aber um fair zu sein, mir gefiel Chișinău. Die Stadt ist ziemlich grün, mit schönen und großen Parks, in denen die Leute Geige spielen und am Abend tanzen. Die Stadtplanung ist großzügig, und es ist ein Vergnügen, einfach ziellos umherzulaufen. Ich sollte wohl auch mal die Fotos von Chișinăus schöner Seite publizieren.

Im Übrigen mag ich so altmodische Hotels lieber als die modernen, die überall auf der Welt gleich aussehen.

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Es geht voran in Ägypten

Zumindest statistisch:

Anfang 2011 gab es 42 Gefängnisse in Ägypten. Heute sind es 64. Allein seit dem Amtsantritt von Sisi wurden 17 neue Gefängnisse gebaut. Es gibt über 60.000 politische Häftlinge. Mehr als die Hälfte aller Gefängnisinsassen im Land wurde aus politischen Gründen verurteilt.

(Quelle: SWR2)

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Dafür lobte die deutsche Bundeskanzlerin Ägypten diesen Monat als „Stabilitätsanker“. Zudem unterstützt Deutschland die Militärdiktatur mit einem Kredit von 500 Millionen Euro allein in diesem Jahr.

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