Vor hundert Jahren färbten sich die Schlachtfelder rot – November 1921: Mohnblumen

Da dies kein reiner Geschichts-, sondern auch ein Reiseblog ist, war die Idee bei der Etablierung der Reihe „Vor hundert Jahren …“, diese beiden Aspekte zu verbinden. So wollte ich unter dem Vorwand, Euch dringend informieren und unterhalten zu müssen, eigentlich nach Rijeka, ins Bermuda-Dreieck, nach Indien, in die Mongolei, nach Oklahoma, auf die Åland-Inseln und nach Tannu-Tuwa reisen. Alles für Eure Bildung, versteht sich!

Aber dann kam – eigentlich passend zum Jubiläum der Spanischen Grippe – eine kleine Pandemie dazwischen, was mein Weltreisen ziemlich eingeschränkt hat. Wie wenn ich es jedoch geahnt hätte, hatte ich mir beizeiten einen Fundus an Reiseerfahrungen zurechtgelegt, aus dem ich mich jetzt bedienen kann. So zum Beispiel diesen Monat, den ich mit auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs in Flandern höchstselbstgemachten Fotos illustrieren kann. Dabei ist – weil ich wieder mal nicht rechtzeitig fertig geworden bin – diese ungewöhnlich, ja fast schon auf frivole Weise knappe Episode nur ein Vorgeschmack auf den, so sei es hiermit feierlich zugesichert, demnächst erscheinenden Reisebericht aus Ypern.

Aber heute geht es um Blumen.

Um Mohnblumen.

Wer schon einmal im November in Großbritannien war, dem wird aufgefallen sein, dass plötzlich überall klatschrote Mohnblumen auftauchen. Auf den Straßen, in der U-Bahn, im Parlament, bei den Abendnachrichten im Fernsehen. Und wer sich ohne Mohnblume am Revers auf die Straße traut, wird von Soldaten angehalten, die einen zum patriotischen Tragen einer Mohnblume auffordern. Weil Soldaten gut organisiert sind, haben sie auch immer eine Extramohnblume dabei, die sie für einen kleinen Obolus gerne abgeben. Wenn man alt ist und sich nicht wehren kann, ist es durchaus möglich, dass man mit bis zu fünf von den Ansteckpflanzen nach Hause kommt, obwohl man nur kurz den Hund ausführen wollte.

Höhepunkt dieser Blumenpflückerei ist um den 11. November, den Jahrestag des Waffenstillstands, der 1918 die Kampfhandlungen beendete. Aber das wusste ich anfangs nicht, weshalb ich mir kein „poppy“, wie das auf Englisch heißt, anstecken ließ. Ich bin von Natur aus skeptisch, wenn alle das Gleiche machen. Und noch skeptischer gegenüber demonstrativ zur Schau gestelltem Patriotismus. Also gab ich mein Geld lieber den Obdachlosen, die – passend wie die Faust aufs patriotische Auge – oft Kriegsveteranen waren. Anscheinend Kollegen des Herrn Lawrence von Arabien, weil sie oft vom Irak und Wüstenkrieg und so erzählten.

Aber nicht nur in Großbritannien, sondern auch in vielen Mitgliedsländern der Commonwealth-Familie wird dieser Brauch allnovemberlich begangen. Diese Staaten waren 1914 nämlich noch zu jung und unerfahren und wurden von König George V. zum Eintritt in den Weltkrieg „überredet“. Aber gut, Großbritannien kann ja auch nicht immer alles alleine machen. Außer beim Brexit natürlich, aber das ist ein anderes Thema.

Das Symbol der Mohnblume wurde schon während des Krieges durch ein Gedicht des kanadischen Militärarztes John McCrae, In Flanders Fields, berühmt. Im Mai 1915 begrub er einen Kameraden und Freund, der während der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern gefallen war. Um das Grab sprossen sobald die blutroten Mohnblumen, und schwupp, war das Gedicht geboren, das zum populärsten englischsprachigen Gedicht des Ersten Weltkriegs werden sollte. In Kanada ist es so etwas wie ein Nationalgedicht.

In Flanders Fields, the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
 Loved and were loved, and now we lie,
 In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.

John McCrae selbst starb im Januar 1918. Aber nach dem Krieg hatten zwei Frauen, Moina Michael und Anne Guérin, die Idee, die im Gedicht genannten Mohnblumen als Symbol für die Erinnerung an die alliierten Kriegstoten zu nutzen. (Frauen hatten während des Ersten Weltkriegs ein bisschen Selbständigkeit und Freiräume erkämpft. Leider hielt das nur an, solange die Männer weg waren bzw. die Wirtschaft die Arbeitskraft der Frauen benötigte. Sobald die Männer zurückkamen, mussten die Frauen wieder an den Herd. Als kleine Entschädigung dafür gab es das Wahlrecht und – in Westdeutschland seit 1977 – das Recht, ohne Zustimmung des Ehemannes einen Arbeitsvertrag einzugehen. Juhu!)

Zu den Festivitäten im November 1921 wurden die Ansteckblumen zum ersten Mal massenweise produziert und von Veteranenverbänden verkauft. Die chinesischen Fabrikarbeiterinnen, die die Plastikblumen mittlerweile herstellen, denken wahrscheinlich, das sei für ein Neujahrsfest oder eine Geburtstagsparty. Diese Arbeitsteilung ist übrigens auch nichts Neues, wie ich im „In Flanders Fields Museum“ (benannt nach dem Gedicht) in Ypern erfahren habe.

Etwa 140,000 Chinesen dienten an der Westfront. Nicht als Soldaten, sondern als Arbeiter für die britischen und französischen Streitkräfte. Der Erste Weltkrieg war tatsächlich viel mehr Weltkrieg als man als Europäer so glaubt.

Aber das und vieles mehr erzähle ich dann im ausführlichen Bericht aus Ypern. Wie Ihr den Fotos schon entnommen habt, geht es dabei viel um Krieg und Tod und Gedenken. Aber auch um eine nach der vollkommenen Zerstörung wieder originalgetreu aufgebaute Stadt und um die Menschen, die jetzt in dieser Stadt leben.

Und um eine Horde sich am belgischen Bier berauschender Studenten der Fernuniversität in Hagen. Mit Ausnahme des einen, der sich verstohlen absonderte und einen geheimen unterirdischen NATO-Kommandobunker entdeckte.

Wenn Euch das alles interessiert, gebt mir noch ein oder zwei Wochen Zeit. Bald kommt aus dem Westen viel Neues!

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Mehr Berichte aus Belgien, diesem kleinen Land, das sich immer ins Zentrum der Weltgeschichte drängt.
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Minimalismus lernen von den Kleinen

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Eben habe ich ein Haus-und Hasen-Sitting für eine Familie begonnen, die für drei Monate nach Tansania fliegt, um dort in einem Krankenhaus zu arbeiten.

Nachdem die fünfköpfige Familie für ein Vierteljahr sieben Koffer – davon zwei mit Sachspenden für die Menschen in Liuli – gepackt hatte, stand die etwa 10-jährige Tochter nachdenklich davor und sagte: „Krass. Da ist jetzt alles drin, was wir zum Leben brauchen“, wobei Stofftiere und Schulsachen schon mit eingerechnet waren.

„Und unsere Schränke sind noch immer voll“, fuhr sie fort. „Eigentlich brauchen wir das alles gar nicht.“

Nur ein Symbolbild. Das ist NICHT das hiesige Haus.

Das waren weisere Worte als in so manchem blöden Minimalismus-Film.

Richtigen Minimalismus lernt man eben erst auf Reisen. Je öfter man den Rucksack aus- und einpackt und mühsam die steilen Stufen zur Jugendherberge in der Burg hochschleppt, umso deutlicher wird einem, dass Eigentum und Besitz eher belastend denn befreiend wirken.

Aber auch ich habe noch einen Schwachpunkt, Ge- und Bedrucktes betreffend.

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Das entlaufene Mädchen im Fürst-Pückler-Park

„Haben Sie die kleine Douglasie gesehen?“ fragt ein Mann und steigt außer Atem vom Fahrrad. Die Sonnenbrille nimmt er ab, Helm und gelbe Warnweste behält er an. Wer so durch einen Park radelt, hat wahrscheinlich auch einen Alarmknopf am Fahrrad, um den Rettungshubschrauber zu rufen, der auf dem Dach des nahen Carl-Thiem-Klinikums schon die Rotoren wetzt.

Mit Bedauern verneine ich, aber biete ihm an, bei der Suche behilflich zu sein.

„Wo haben Sie sie denn zuletzt gesehen?“ frage ich. Ein guter Profiler beginnt immer am Tatort.

„Man hat mir gesagt, sie wäre hier irgendwo“, blickt er verzweifelt auf den künstlichen Teich, die geschwungenen Hügel, die herbstlichen Farben des Fürst-Pückler-Parks in Cottbus-Branitz.

„Weit kann sie nicht sein,“ fährt er fort, „sie ist ja gerade erst aus der Baumschule gekommen.“

Erst da verstehe ich, dass er kein Mädchen, sondern ein Bäumchen sucht. Gut, jeder soll suchen, wonach ihm der Sinn steht, aber damit behellige man bitte keinen Poirot, keinen Maigret und auch nicht mich.

Ich wünsche ihm viel Erfolg und widme mich wieder der Lektüre eines Buches, das wahrscheinlich dafür verantwortlich ist, dass ich sogleich an ein entlaufenes Mädchen dachte. Denn von einem solchen handelt „Die Reise nach Jarosław“ von Rolf Schneider.

Dieses Jugendbuch aus der DDR war eine Zufallsentdeckung. In Neuendorf, wo ich gerade auf eine Katze aufpasse, befindet sich eine zum öffentlichen Bücheraustauschschrank umfunktionierte Telefonzelle. „Stellen Sie Bücher in die Schmökerlaube, geben Sie Ihre Eigentumsrechte nach § 959 BGB auf“, steht an der Tür, und dem historisch interessierten Juristen wird bewusst, dass in diesen Breiten das BGB schon zum zweiten Mal eine vorherige Kodifikation des Zivilrechts verdrängt hat. (Obwohl das Zivilgesetzbuch der DDR mit § 32 Absatz 1 die gleiche Regelung enthielt.)

Meine Skepsis gegenüber diesen Fundgruben ist bekannt, aber die Neugier siegt. Außerdem bekommt man durch ihre entsorgten Bücher einen ersten Einblick über die geistige Struktur des Dorfes, das für eine Woche mein Zuhause sein wird. „Lockendes Gold“ von Jack London, wahrscheinlich wird deshalb hier überall so tief gebuddelt. „Zelte in Afrika“ von Hans Schomburgk, einem Afrika-Forscher, der die Wiedervereinigung vorwegnahm und seine Expeditionen von beiden deutschen Staaten finanzieren ließ. Max Burghardts „Briefe, die nie geschrieben wurden“ und wahrscheinlich nie mehr gelesen werden. „Das stille Haus“, das Ingeburg Siebenstädt unter dem Pseudonym Tom Wittgen veröffentlichte, weil das mehr nach Kriminalautor klang. „Eine undurchsichtige Affaire“ von Rainer Kerndl steht gleich zweimal im Regal.

Nur ein Buch erweckt mein Interesse, eben „Die Reise nach Jarosław“. Reisen ist mein Metier. Durch Jarosław bin ich immerhin mal durchgefahren. Und im Klappentext steht, es ginge um eine Sommerreise per Anhalter.

Und so sitze ich im fürstlichen Park in Cottbus, genieße die Sonne, lese ein Jugendbuch von 1974 und muss immer wieder lachen oder verständnisvoll nicken. Gitte, die Protagonistin, packt zum 18. Geburtstag ihre Tasche, um über den Sommer nach Polen zu trampen. Von Ost-Berlin nach Jarosław, die Stadt, aus der ihre Oma kam.

Daraus entwickelt sich ein schönes Road-Movie, und der amerikanische Begriff passt ganz gut. Von einem in der DDR erschienenen Buch hätte ich das nicht erwartet, aber Gitte orientiert sich kulturell ziemlich am Westen. Ernest Hemingway, Jimi Hendrix, Marlon Brando. Nur mit Esoterik hat sie wenig am Hut, wie man an dieser Begegnung mit einem schwedischen Reisenden erkennt:

Anschließend erzählte er, seine Mama in Malmö habe drei Brotfabriken, aber er pisse, sagte der Kerl, auf die Mama und ihren Reichtum, und für ihn sei Buddha das Höchste. Ich konnte keine Logik in dieser Feststellung erkennen, aber ich unterbrach ihn nicht. Er fing an, sich über die elementaren Gegensätze von Yin und Yang auszulassen.

Ich hatte keine Ahnung, was das war. Ich sagte es, und der Kerl lachte erst mal höhnisch, dann legte er mir dar, dass Yin und Yang zwei enorm wichtige Dinge seien, mit deren Hilfe sich die gesamte Welt im Gleichgewicht halte und zwischen denen sich das gesamte Leben ausbalanciere. Oder so. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Der Kerl teilte mir mit, dass er makrobiotisch lebe, was mit Yin und Yang zu tun hatte, und dass ungeschälter Reis, außer Buddha, für ihn das Höchste sei.

Wirklich haargenau die gleichen Geschichten muss man sich auch heutzutage von Möchtegern-Hippies anhören. Und auch das Trampen verläuft heute wie 1974. Schnellstraßen sind schlecht, weil die Leute mit ihren PS angeben wollen. Der Standort ist das wichtigste, wozu man meist ewig aus der Stadt laufen muss. Frauen werden eher mitgenommen als Männer.

Was mich an dem in der DDR publizierten Buch zudem überraschte, war das Ausmaß der Kritik an Staat und Wirtschaft. Der Grund für Gittes Ausreißen ist, dass sie mangels familiärer Kontakte nicht auf die Erweiterte Oberschule darf. Sie kritisiert Umweltverschmutzung, Mangelwirtschaft und macht sich im Geschäft darüber lustig, dass man wohl selbst auf einen Schlafsack vier Jahre warten müsse.

Ziemlich frech. Aber immer sympathisch frech, mit jugendlicher Unbekümmertheit. Zum Beispiel als Gitte eine Nacht im Park verbringt und frühmorgens von einem Polizisten aufgelesen wird:

Er sagte mir noch, es sei mehr als riskant, wenn ein junges Mädchen völlig allein in dieser Gegend und nachts auf einer Bank säße.

Ich sagte ihm, nach meiner persönlichen Erfahrung in den letzten Stunden könnte ich ihm da überhaupt nicht zustimmen.

An der Grenze trifft Gitte auf Jan, einen polnischen Studenten. Die beiden reisen fortan gemeinsam zuerst durch Deutschland und dann durch Polen. Jarosław ist das Ziel, aber es ist weit, und dazwischen kann man allerhand Umwege einlegen. Es ist genau die Art von Reisen, die ich liebe. Man übernachtet mal im Strandkorb, mal im Wald. Manchmal laden einen die Autofahrer zu sich nach Hause ein. Und wenn das Geld ausgeht, muss man eben ein bisschen arbeiten. (Das scheitert bei mir immer an vermarktbaren Talenten.)

„Die Reise nach Jarosław“ hat mich an den „Fänger im Roggen“ erinnert. Nur halt aus Mädchenperspektive. Und eher lustig als melancholisch. Und mit mehr Trampen. – Ein sehr sympathisches Buch! Also, fahrt in den Osten und durchstöbert die Antiquariate. Oder die alten Telefonzellen. Oder, im äußersten Notfall, dieses neumodische Interweb.

Warum der Typ auf dem Fahrrad in einem Park voller Bäume einen ganz bestimmten sucht, habe ich aber immer noch nicht kapiert. Vielleicht fährt der auch einfach nur den ganzen Tag herum, um Touristen zu veräppeln. Ist auch ein Hobby. Besser als nur vor dem Computer zu sitzen.

Ach ja, Ihr wolltet noch mehr Fotos vom Fürst-Pückler-Park. Hier sind sie:

Wer mehr über den Park und über Fürst Pückler erfahren will, kann, und das ist nun wirklich ein Zufall, zu einem anderen Buch des äußerst produktiven Rolf Schneider greifen: „Fürst Pückler in Branitz“. Aber ich glaube, das Buch über die junge Ausreißerin ist amüsanter.

Links:

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Wasserschaden

Letzte Woche, als ich auf einem Schiff wohnte (habe ich davon schon erzählt?), muss die Kamera einen Wasserschaden abbekommen haben. Denn bei einer und zum Glück nur bei dieser einen Rolle Film haben alle Fotos einen schwarzen Rand an ein oder zwei Seiten.

Ich werde versuchen, die Bilder zu reparieren. Aber im Moment stelle ich sie einfach mal in der Rohfassung online und lasse Euch selbst fantasieren, was an dem Tag in und um Beeskow alles so passiert ist.

Ich bin gespannt auf Eure Geschichten!

Und irgendwann, wenn ich die Fotos repariert haben werde, gibt es dann die echte Geschichte von meinen Versuchen als Seefahrer und vor allem von der verlorenen Stadt im Urwald.

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Vor hundert Jahren wollte ein Ex-Kaiser es noch einmal wissen – Oktober 1921: Karl von Österreich-Ungarn

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Nach dem Ersten Weltkrieg waren vier Weltreiche kaputt. Die einstigen Herrscher gingen ganz unterschiedlich mit der plötzlichen Arbeitslosigkeit um. Der russische Zar Nikolaus II. ließ sich erschießen. Der osmanische Großwesir Talât Pascha ließ sich erschießen. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. entdeckte seine kleinbürgerliche Ader, ging ins Exil nach Holland und widmete sich fortan dem Holzhacken. Und der Unterstützung für die Nationalsozialisten.

Nur Kaiser Karl I. von Österreich war mit seinen 31 Jahren zu jung und ungestüm zum Aufgeben. Beziehungsweise, um die wahre Urheberin dieses Dramas zu benennen, seine Frau, die noch jüngere und ungestümere Ex-Kaiserin Zita Maria delle Grazie Adelgonda Micaela Raffaela Gabriella Giuseppina Antonia Luisa Agnesewar von Habsburg-Lothringen, geb. von Bourbon-Parma, war nicht bereit, den Thron aufzugeben. Sie hatte schon getobt, als Karl nach der Revolution im November 1918 – realistisch gesehen alternativlos – auf die Ausführung seiner Amtsgeschäfte verzichtet hatte.

„Was soll der Schmarrn, Kalle? Ich will Kaiserin sein, nicht Hausfrau.“ Nicht, dass Madame jemals selbst einen Finger in der Küche gerührt hätte, aber als Italienerin war sie ein bisschen melodramatisch veranlagt.

Außerdem hatte sie, als sie sich einen Kaiser geangelt hatte, eher so einen Napoleon-Typen vorgestellt, der ganz Europa in Schutt und Asche legen würde.

„650 Jahre Monarchie, und du wirfst das einfach weg?“

„Aber Zita, wir sind doch noch jung und können etwas Neues anfangen.“

Zita hing viel mehr an dem Job als ihr Mann, der sich eigentlich freute, mehr Zeit zum Reisen zu haben. Außerdem könnte er so sein unterbrochenes Jurastudium wieder aufnehmen, hoffte er. (Österreichische Kaiser und Bundeskanzler kommen oft ein bisschen verfrüht ins Amt und müssen dann das Studium schleifen lassen.)

„In der Schweiz ist es auch schön“, versuchte Karl ihr das Exil in Prangins schmackhaft zu machen, wohin die Kaiserfamilie im März 1919 ausreiste. Womit er objektiv Recht hatte.

Aber wenn in einer Beziehung mal der Wurm drin ist, dann hilft auch ein Urlaub nur kurz. Zita nervte weiter: „Sag mal, du bist doch nicht nur Kaiser Karl I. von Österreich, sondern auch König Karl IV. von Ungarn und König Karl III. von Böhmen.“ Irgendwann, wahrscheinlich in einem Erbfolgekrieg, war die Habsburgernummerierung durcheinander geraten, und der arme Karl musste das ausbaden.

„Ja, aber das war ich nur Kraft des Amtes als österreichischer Kaiser. Und da habe ich doch die Kündigung unterschrieben.“ Manchmal wünschte sich Karl, dass er damit auch die ehrgeizige Kaiserin losgeworden wäre.

„Du hast aber nur in Österreich gekündigt, nicht in Böhmen und Ungarn“, wandte die findige Kaiserin ein.

„Böhmen gibt es nicht mehr, Schatz“, erklärte Karl die neue weltpolitische Lage, „das ist jetzt die Tschechoslowakei, und die wollen sicher keinen König, der nicht Tschechisch kann.“ Tschechisch zu lernen ist bekanntlich unmöglich, weil die Sprache ganz ohne Vokale auskommt: Chrt zdrhl z Brd. Vtrhl skrz strž v tvrz srn, v čtvrť Krč. Blb! Prskl, zvrhl smrk, strhl drn, mrskl drn v trs chrp. Zhltl čtvrthrst zrn skrz krk, pln zrn vsrkl hlt z vln. Chrt brkl, mrkl, zmlkl. (Mir persönlich tut das besonders leid, weil ich in Deutschland nicht weit von Tschechien lebe und sehr gerne die Sprache dieses sympathischen Nachbarlandes lernen würde. Aber dafür fehlt es an Talent.)

Eines Morgens kam Zita ganz aufgeregt ins Zimmer, die druckfrische Zeitung in der Hand, und rief: „Ungarn ist wieder Monarchie!“ Tatsächlich hatte Ungarn, nach einem kurzen Intermezzo, das wir im August 1921 gestreift haben, sich wieder zum Königreich erklärt. Allerdings ohne eigenen König. Stattdessen mit dem uns schon aus besagter Folge bekannten Miklós Horthy als Reichsverweser. Reichsverweser ist so eine Art Statthalter, ein Strohmann, jemand, der den Sessel warm hält, während der Chef gerade weg ist.

„Die warten nur auf dich!“, war die Kaiserin Feuer und Flamme, und Karl musste zugeben, dass man das so interpretieren könne. Nun war das Problem, dass Österreich nicht nur dem Ex-Kaiser und der Ex-Kaiserin, sondern allen Habsburgern verboten hatte, jemals wieder das Land zu betreten. Das Flugzeug war damals, im Frühjahr 1921, noch nicht erfunden. Also klebte sich Karl einen falschen Bart an, besorgte sich einen falschen Pass (wahrscheinlich in Malta, da ist das ganz einfach, wenn man Geld hat) und fuhr heimlich und unerkannt von der Schweiz durch Österreich nach Ungarn.

Die Habsburger hatten zwar schon einiges Pech bei Autofahrten erlebt, aber an Ostern 1921 ging alles glatt. Bis zu Ankunft in Ungarn.

Eine Sache hatte der Kaiser nämlich vergessen: Er hatte Horthy nicht informiert. Und der Reichsverweser, der den ungarischen Thron für den König warmhalten sollte, war ziemlich verdutzt, als es eines Tages klingelte wie bei einem bösen Halloweenstreich, und Karl I. bzw. aus ungarischer Sicht Karl IV. oder sogar, wenn man die Unterbrechung der Monarchie berücksichtigte, mittlerweile Karl V. vor der Tür stand.

„Hallo, ich bin’s, die Majestät.“

„Na sowas, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Aber kommen Sie doch bitte herein. Wir haben leider nur noch ein bisschen Suppe.“

Karl teilte seinen Plan mit, den ungarischen Thron zu übernehmen, und war ganz verdutzt, dass Horthy diesen nicht freiwillig räumen wollte.

„Horthy, Sie haben einen Eid auf mich geschworen!“

„Ja schon, Herr König, aber sehen Sie, die weltpolitische Lage …“ Und Horthy erklärte seine Angst, die Entente würde Ungarn angreifen, wenn wieder ein Habsburger den Thron besteigen würde. Das war natürlich ein fadenscheiniger Vorwand. In Wirklichkeit hatte sich Horthy einfach daran gewöhnt, als König ohne Titel ein Königreich ohne König zu regieren. Da er auch Admiral ohne Flotte, ja sogar ohne Hafenstadt war, passte das ganz gut.

Was Horthy verschwieg, war, dass er bereits einen neuen besten Freund gefunden hatte. Auch einen Österreicher.

Das Gespräch an Horthys Küchentisch verlief ergebnislos, und am Ende musste der Kaiser in seinem eigenen Palast in Budapest um ein Gästezimmer bitten. Nur gut, dass der Palast nicht einer der kleinsten war. Andererseits, vielleicht wollten die Horthys gerade deshalb so ungern ausziehen.

Karl, der I./III./IV./V. blieb noch eine Woche, diskutierte jeden Abend mögliche Wege zu seiner Reinthronisierung, aber merkte irgendwann, dass es doch eine Schnapsidee gewesen war, so ganz ohne Plan, ohne Absprachen, ohne Verbündete nach Budapest zu fahren.

Man verblieb gesichtswahrend vage, und nach einer Woche fuhr der Kaiser geknickt zurück in die Schweiz. Ganz ehrlich, die Furie seiner Frau machte ihm größere Sorgen als der vakante Thron und der fremdbewohnte Palast.

Kurzum: Die Zeit in der Schweiz war für Karl noch unerträglicher als sich im Gästezimmer seines eigenen Palastes zu langweilen. Zita machte jetzt fast täglich Stress, zog ihn auf, erwähnte manchmal sogar frech, dass sie sich ja einen anderen Kaiser suchen könne. (Haile Selassie, der Schah von Persien und der Kaiser von Kalifornien waren damals bei europäischen Prinzessinnen hoch im Kurs.) Und wenn er es recht überlegte, musste Karl zugeben, dass ihn dieser Horthy irgendwie an der Nase herumführte.

Also auf zum zweiten Anlauf! Im Oktober 1921 und damit – passend für diese kleine Serie – vor genau 100 Jahren.

„Dieses Mal komme ich mit!“ insistierte Zita, die nicht mehr das volle Vertrauen in den unbedingten Karrierewillen ihres Mannes hatte. Gar kein Vertrauen hatten beide zu Admiral Horthy, dem sie deshalb wiederum nicht vorzeitig Bescheid gaben. Praktischerweise war mittlerweile das Flugzeug erfunden worden, die beiden kauften sich eine Junkers F-13 und flogen nach Ungarn.

Diesmal hatten die Habsburger sogar ein paar Truppen vorbereitet, die sogenannten Legitimisten. Weil Fliegen neu und ungewohnt war, verpassten sich Kaiserpaar und Legitimisten aber ein bisschen und benötigten eine Weile, um sich im Westen Ungarns in die Arme zu laufen.

Nun war der Westen Ungarns, man glaubt es kaum, wenn man heute über die öden Felder dort wandert, damals ein heißes Pflaster. Jeden Monat zu lesen, dass der Erste Weltkrieg nicht 1918 endete, ist womöglich so ermüdend wie ein langer Spaziergang über die Puszta, aber auch zwischen Österreich und Ungarn gab es Ende 1921 noch offene territoriale Fragen.

Das war besonders vertrackt, denn bei den Friedensverhandlungen in Paris bzw. den namensgebenden Schlössern um Paris (Neuilly, Sèvres, Saint-Germain, Trianon, Versailles) war Österreich-Ungarn anfangs noch ein unterlegener Staat, der sich dann schnell in mehrere Staaten aufspaltete, die mit Österreich-Ungarn, das den Weltkrieg ausgelöst hatte, absolut rein gar nichts mehr zu tun haben wollten. „Österreich? Noch nie gehört“, sagten die Ungarn. „Wir waren eigentlich das erste Opfer„, sagten die Österreicher und kamen damit überraschenderweise durch. Also schlugen die Siegermächte den zwischen den beiden Staaten umstrittenen Grenzstreifen (im Wesentlichen das heutige Burgenland) Österreich zu, nicht zuletzt, weil Wien sonst sehr nah an der Grenze zu Ungarn gelegen hätte und in seinem Umland nicht über ausreichend landwirtschaftliche Fläche zur Ernährung der mit gutem Appetit ausgestatteten Hauptstadtbevölkerung verfügt hätte. Außerdem war, ein unglücklicher Zufall, Ungarn just zu jenem Zeitpunkt kurzzeitig kommunistisch (Ihr erinnert Euch), was ihm bei den Siegermächten keine Sympathie einbrachte.

Wien liegt übrigens trotz des Burgenlandes noch immer ziemlich nah an der Grenze, weshalb das eine der wenigen Möglichkeiten ist, an einem Tag zu Fuß von der Hauptstadt eines Landes (Wien) in die Hauptstadt eines anderen Landes (Bratislava) zu wandern, wie ich mal spaßeshalber spontan bewiesen habe. Nicht einmal zwischen Ost- und West-Berlin war das möglich, weil letzteres keine Hauptstadt war. Jerusalem und Ramallah fallen mir noch ein, aber da hagelt es gleich wieder Protestkommentare von Leuten, die dem einen die Staats- und dem anderen die Hauptstadtqualität absprechen wollen.

Aber zurück zum Konflikt um das Burgenland, dem Nahostkonflikt der Großelterngeneration. Obwohl, lasst mich das abkürzen, denn ich blicke ja selbst nicht durch zwischen Saint-Germain und Trianon, zwischen Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg, zwischen dem Verein zur Erhaltung des Deutschtums in Ungarn, der Verbindung der Deutschen Landsleute aus West-Ungarn und dem Aktionskomitee für die Befreiung West-Ungarns, zwischen der Österreichischen Legion, den Königlich-Ungarischen Westungarischen Aufständischen, den Legitimisten, den Friedrich-Freischärlern, dem Osztenburg-Detachement und der Interalliierten Generalskommission. All diese Parteien kämpften gegeneinander, miteinander, untereinander.

Um ein paar Felder. (Das Burgenland ist ungefähr so groß wie Französisch-Polynesien. Oder wie Kap Verde. Oder wie Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln. Das sagt einem alles nichts, was wiederum beweist, wie klein das Burgenland ist.)

Man denkt, die Menschen wären nach vier Jahren Weltkrieg kriegsmüde gewesen. Aber dem war nicht so. Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, in Österreich ging es erst richtig los.

Und in dieses Chaos, in diesen Hexengulaschkessel, in dieses Pusztapulverfass, sprang seine kaiserlich-königliche Hoheit Karl I. mit Gemahlin aus dem Flugzeug, um Anspruch auf den Thron zu erheben.

Er benötigte erst einmal ein paar Tage, um überhaupt herauszufinden, wer für ihn und wer gegen ihn war. Im Zuge der dadurch ausgelösten Diskussionen spalteten sich viele der Brigaden, Parteien und Freischärlerkorps in anti-monarchistische, monarchistische, revanchistische, legitimistische, gemäßigte royalistische, konstitutionelle, magyaristische und Dutzende von anderen Gruppen. Aber immerhin hatte das eine befriedende Wirkung, weil jetzt nicht mehr geschossen, sondern debattiert wurde. (Das ist der Grund, warum es über diesen Ausläufer des Ersten Weltkrieges keinen Hollywood-Film gibt. Was wiederum der Grund ist, warum Ihr noch nie davon gehört habt.)

Für ein Foto am Bahnhof in Ödenburg fanden sich immerhin eine Handvoll Soldaten, die Karl I./III./IV./V. huldigten.

Die Frau mit dem Blumenstrauß ist Zita, die, weil man schon an einem Bahnhof war, auf die Fahrt nach Budapest, in das große Schloss drängte. Also stieg das Kaiserkönigspaar in den Zug, zusammen mit ein paar Gefährten, von denen es den meisten wahrscheinlich weder um Karl, noch um die Monarchie ging, sondern die sich dachten: „Oh, super, endlich mal nach Budapest! Allemal besser als das Burgenland.“ Denn in Budapest gab es damals schon Kinos, Kneipen und hübsche Studentinnen, weil George Soros eine neue Universität eröffnet hatte.

In der Zwischenzeit war die Nachricht von Karls erneutem Ausflug nach Ungarn zu Admiral Horthy vorgedrungen. Der war weniger erpicht darauf, wieder mit seinem nominellen Chef diskutieren zu müssen. Statt den Tisch zu decken und das Gästezimmer herzurichten, zog er seine Truppen zusammen, um den Zug in Budaörs, einem Vorort von Budapest, zu stoppen. Am 23. Oktober 1921 kam es dort tatsächlich zu einem Gefecht. 19 Soldaten starben. Als Karl sah, dass die Thronbesteigung kein Spaziergang werden würde, blies er die Sache ab.

Am unglücklichsten darüber war Zita. Sie selbst hatte nie auf irgendetwas verzichtet, deshalb fühlte sie sich noch immer als Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn, Königin von Böhmen, Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, Königin von Jerusalem, Erzherzogin von Österreich, Großherzogin der Toskana und von Krakau, Herzogin von Lothringen und Bar, von Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain und der Bukowina, Großfürstin von Siebenbürgen,  Markgräfin von Mähren, Herzogin von Ober- und Niederschlesien, von Modena,  Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und von Zator, Teschen, Friaul, Ragusa und Zara (das hat nichts mit dem Bekleidungsgeschäft zu tun, glaube ich), gefürstete (und vielleicht auch gefürchtete) Gräfin von  Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradisca, Fürstin von Trient und Brixen, Markgräfin von Ober- und Niederlausitz und Istrien, Gräfin von Hohenems, Feldkirch, Bregenz und Sonnenberg, Herrin von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark, Großwojwodin der Woiwodschaft Serbien, Infantin von Spanien, Prinzessin von Portugal und von Parma.

Aber bevor es zum Ehekrach kommen konnte, wurden die beiden schon verhaftet, auf einen Donaudampfer gesetzt und auf Drängen Englands ganz weit weg gebracht, wo sie bitteschön keinen weiteren Unfug anrichten konnten: Madeira, eine zu Portugal gehörende Insel weit draußen im Atlantik, wo Zita feststellen musste, dass ihre „Prinzessin von Portugal“ null und nichts wert war. Portugal, seit jeher eines der fortschrittlichsten Länder Europas, hatte schon 1910 den König, den Adel und die Kirche zum Teufel gejagt.

Trotzdem besser als St. Helena, würde ich sagen.

Karl hatte nicht viel von der schönen Insel, denn er starb – weil es damals noch keine Impfung gab – an der Spanischen Grippe. Aber auch daraus hat Portugal schnell gelernt, reagierte vorbildlich auf Covid-19 und ist Impfweltmeister.

Wie schaffen die das?

In Portugal wird jeder Bürger, jede Bürgerin, der/die noch nicht geimpft ist, persönlich angeschrieben und angerufen. Und zwar von diesem Mann: Vize-Admiral Henrique Eduardo Passaláqua de Gouveia e Melo, der U-Boot-Kapitän des „Roten Oktober“.

Ergebnis? Mehr als 98% der über 12-Jährigen in Portugal sind geimpft.

Schade, dass in Deutschland alle George-Clooney-Verschnitte, falls wir so etwas überhaupt haben, Querdenker sind. Und Österreich hat nach den bösen Erfahrungen mit Admiral Horthy seine U-Boot-Flotte in der Bucht von Kotor versenkt.

Ex-Kaiser Karl wurde 2004 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. Warum, das habe ich nicht wirklich kapiert. Echt, diese Katholiken sind komische Käuze. Die Kaiser-Karl-Gebetsliga hat Zweigstellen und Anbetungsorte in aller Welt und einen verzweifelten Aufruf auf der Website: „Gebetserhörungen bitten wir dringend zu melden!!!“ Also, wenn Menschen 2021 noch glauben, dass ein toter Kaiser bei einer Autopanne oder beim Abitur hilft, dann verbietet es sich wirklich, an den Fortschritt zu glauben.

Statt mit einem Gebet schließe ich lieber mit einem Zitat von Karl Kraus:

Gewiss, ein Monarch kann auf Regierungsdauer ein Trottel sein, das widerstreitet nicht dem monarchischen Gedanken. Wenn er sich aber auch in der Zeit, da er kein Monarch mehr ist, wie ein Trottel benimmt durch die Art, wie er wieder Monarch werden möchte, so sollte man doch meinen, dass auch die Anhänger des monarchischen Gedankens ihm die Eignung hierzu absprechen müssten.

Ach ja, Österreich bekam dann tatsächlich das Burgenland, aber ohne dessen Hauptstadt Ödenburg (Sopron auf Ungarisch), wo das kaiserliche Flugzeug niedergegangen war. So konnten sich beide Seiten als Sieger fühlen, und es herrscht seit hundert Jahren Friede, Freude, Kaiserschmarrn.

Apropos: Schreiben macht echt hungrig…

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Zigarrenschmuggel nach Polen

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An der deutsch-polnischen Grenze ist zur Zeit viel Polizei. Wonach sie denn Ausschau halten, frage ich.

Zigarettenschmuggler, sagt die Beamtin, während ihre beiden Kollegen ostentativ der Meinung sind, dass man Fragen von Bürgern gar nicht zu beantworten habe. Vielleicht streiken sie aber auch. Machen ja zur Zeit viele. Wegen Inflation und so. Aber wenn Deflation ist, verzichtet niemand freiwillig. Homo homini inflatius.

Ob in beide Richtungen geschmuggelt würde, frage ich. Die Zöllnerin sieht mich an, wie wenn sie in Gedanken ihre rudimentären Kenntnisse des Strafrechts durchgeht, um zu prüfen, ob Dämlichkeit strafbar ist. Ist sie nicht. Sonst wären die Gefängnisse voll, sag ich Euch, vor allem am Valentinstag.

Zigaretten werden eigentlich nur von Polen nach Deutschland geschmuggelt, sagt sie in einem Ton, wie wenn man das auch von der Sendung mit der Maus wissen könnte.

Ich bedanke mich und spaziere betont unauffällig nach Polen. Das ist hier ganz einfach. Guben, deutsche Seite. Brücke. Gubin, polnische Seite. Kein Pass, keine Schranke, keine Kontrolle. Nicht einmal erschossen wird man mehr. Ist schon eine tolle Sache, diese Europäische Union. Jetzt werden Menschen nur an den Außengrenzen umgebracht, wo man das nicht mit ansehen muss.

Ich bin einer von den Deutschen, denen bei jedem Grenzübertritt bewusst wird, zumindest abstrakt, wieviel Leid Deutschland über unser sympathisches Nachbarland gebracht hat. Nicht zuletzt weil meine polnischen WG-Genossinnen in Bari mich immer wieder daran erinnert haben. Gar nicht absichtlich, nehme ich an. Aber das waren halt junge Menschen, die selbst noch nichts erlebt hatten. Also erzählten sie von ihren Großeltern. Und da kamen immer Deutsche vor, die den Bauernhof anzündeten, die Milch austranken, die Kuh schlachteten, die Oma erschreckten und den Opa erschossen.

Und jetzt schmuggeln die Deutschen den Polen auch noch die Zigaretten weg.

Ich entscheide mich, als kleine Geste der Wiedergutmachung, jeden Tag eine Zigarre auf die polnische Seite zu schmuggeln und dort zu rauchen.

Die haben dort sowieso die schöneren Parks.

Wenn Ihr in Polen übrigens einen Park sucht, fragt nach Adam Mickiewicz. Der hat in jeder Kleinstadt einen Park gepflanzt. Wirklich in jeder. Sollte eigentlich ein Nationalheld sein, dieser Typ.

Links:

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Die Situation an der deutsch-polnischen Grenze

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Wie Ihr wisst, halte ich Aktualität für überbewertet, weshalb meine Reportage aus Guben irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten erscheinen wird.

Aber die aktuellen dramatischen Entwicklungen will ich Euch nicht vorenthalten: Der polnische Ministerpräsident droht mit einem „dritten Weltkrieg“. Polen kündigt die Verdoppelung seiner Streitkräfte an. Und die Bundespolizei hat über Nacht die Grenzbrücken über die Neiße gesprengt.

Schlauer Schachzug oder Eskalation?

Meine Versuche, rechtsextreme Bürgerwehren zu infiltieren – rein zu Reportagezwecken natürlich – sind bisher daran gescheitert, dass ich einfach nicht dick, dumm und hässlich genug dafür bin. Ich fliege immer gleich auf.

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Guben 2021

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Dunkle, nebelverhangene Straßen. Jede Minute fährt ein Polizeiauto vorbei. Das Herbstlaub schimmert im Schein der Laternen. Nur wenige Autos schleichen durch die Straßen und stellen Motor und Licht ab, sobald die Polizei um die Ecke biegt. Der Fluss trennt die Stadt in Ost und West. Jede Nacht versuchen verzweifelte Menschen, ihn zu durchqueren. Manche schaffen es, manche nicht. Im Volkshauspark zwischen Bahnhof und Leichenschauhaus sitzt ein dubioser Mann und raucht Zigarre.

Guben 2021 ist wie Berlin 1948.

Ein Leser fragte, ob Guben überhaupt für einen Artikel reiche. So viel gäbe es da nicht. Doch schon nach dem ersten, kurzen abendlichen Spaziergang, weiß ich, dass keine Einschätzung falscher sein könnte. Deshalb bleibe ich erst einmal eine Woche hier, um diese Stadt im Zentrum der Weltgeschichte, aber natürlich auch das nahe Eisenhüttenstadt, Neuzelle, Forst und andere zu erkunden.

Wie immer: Falls jemand von Euch hier in der Gegend wohnt und Lust auf einen Plausch oder einen Spaziergang hat, meldet Euch!

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Wie Fotografen ums Leben kommen

Ja, ja, ich weiß schon, dass man sich nicht mitten auf die Bundesstraße stellen soll.

Aber wie kann man der Versuchung widerstehen, wenn man an einem schönen Herbsttag wie heute auf der B168 von Peitz nach Lieberose fährt? (Die älteren von Euch kennen die Lieberoser Heide noch als sowjetischen Truppenübungsplatz.)

Außerdem kam es mir so vor, wie wenn die Menschen heute sowieso langsamer gefahren sind, um die buntbebäumten Alleen und magischen Farbenspiele zu genießen.

Habt Ihr Appetit auf mehr Herbstfotos aus der Lausitz? Ich muss mich dabei ja nicht unbedingt wieder in die Mitte von Verkehrswegen stellen.

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Warum nerven die Hohenzollern noch immer? Und waren sie nun Nazis oder nicht?

Für regelmäßige Leser der Klatschpresse ist es nichts Neues. Der Rest von uns wurde hingegen völlig überrascht, als vor ein paar Jahren die Hohenzollern wieder auf die Bühne traten. „Sind die nicht schon alle tot?“ rieb man sich verwundert die Augen. Leider nein, musste die Republik zur Kenntnis nehmen.

Wie die meisten Untoten, die über ihr eigentliches Ablaufdatum hinaus durch die Weltgeschichte geistern, sind auch die Hohenzollern eher lästig, nervig und blutsaugend. Nur dass sie jetzt, wahrscheinlich gelangweilt von den verursachten Weltkriegen, Völkermorden und Hungersnöten, nicht mehr nach schnödem Menschenblut, sondern nach Gold, Schlössern und anderen Schätzen lechzen.

Bevor wir in die verkorkste Materie einsteigen, sollte ich fairerweise sagen, dass es hierzu auch einen Podcast gibt. Wer nicht lesen will, muss also hören. Der Kollege Ralf Grabuschnig vom Déjà-vu-Geschichte-Podcast hat mich – nach der beliebten Reichsbürger-Folge schon zum zweiten und hoffentlich nicht zum letzten Mal – als Gast eingeladen. Es gab sogar Käsekrainer. Zu meinem Entsetzen musste ich (links) feststellen, dass Ralf (rechts) ein Kaiserbild (mitte) in seinem Palast hängen hat.

Wie immer bei so einem unorganisierten Typen wie mir, weichen jedoch Hörspiel und Textfassung ziemlich voneinander ab, so dass sich der Konsum beiderlei Medien durchaus lohnt.

Solche Sofa-Fotos können übrigens sehr verhängnisvoll werden, wenn die Hohenzollern-Familie beim Sportschaugucken von einem Fotografen überrascht wird. Aber dazu später mehr …

Warum zum Henker reden wir mehr als 100 Jahre nach dem Sturz der Monarchie noch immer über die Hohenzollern?

„Zum Henker“ ist ein gutes Stichwort.

Die kurze Antwort: Weil die deutsche Revolution 1918/19 eine Wischi-Waschi-Revolution war. Und das, obwohl Russland 1917 eigentlich vorgemacht hatte, wie eine richtige Revolution abzulaufen hat.

So wie wir dich kennen, gibt es auch eine Langfassung. [vorsorgliches Gähnen]

Aber klar!

Und keine Sorge: Ich beschränke mich auf die wesentlichen Punkte.

Also, die deutsche Revolution von 1918/19 überwand zwar die Monarchie und beglückte Deutschland mit Demokratie, Republik, allgemeinem Wahlrecht und so. Aber im Revolutionsfreudentaumel wurde übersehen, dass politische Veränderungen ihre Ziele kaum zu erreichen vermögen, solange die der alten Machtstruktur zugrundeliegenden wirtschaftlichen Verhältnisse nicht ebenfalls reformiert werden. (Merkt Euch das für zukünftige Revolutionen! Und für die anstehenden Koalitionsverhandlungen.)

Die Österreicher haben die Kaiser und Fürsten nach der Revolution weitgehend enteignet. So mutig waren die Deutschen nicht. Wie überhaupt die ganze Weimarer Republik ein billiger Abklatsch der höchstspannenden österreichischen Zwischenkriegszeit war.

In Deutschland wurde jeglicher Gedanke an Enteignung vom Verfassungsschutz als „linksextrem“ eingestuft, verboten und sicherheitshalber niedergeschossen. Und genau deshalb haben die Großgrundbesitzer noch immer Hunderte an Wohnungen und Ihr zahlt zu viel Miete! (Übrigens kein neues Problem.)

Der Verfassungsschutz sieht sich auch 100 Jahre später Monarchie und Militarismus verpflichtet, wie das Auftreten des damaligen Präsidenten des Thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Helmut Roewer, bei einer Veranstaltung mit dem Titel „Von Rechts droht keine Gefahr“ zeigt. Das war übrigens, während er die Rechtsterroristen vom NSU finanzierte.

Das ist interessant, aber du schweifst ab.

Entschuldigung!

Also: Am Beginn der Weimarer Republik gab es gewissermaßen eine Übereinkunft zwischen der jungen Demokratie und dem alten, diskreditierten Preußendeutschland. Die Hohenzollern und die anderen Fürstenhäuser verzichteten auf den Thron, verzogen sich am besten ins Ausland, wie z.B. Kaiser Wilhelm II. nach Doorn in den Niederlanden und versicherten, in keinen Talkshows aufzutreten und dort gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Spanischen Grippe zu wettern.

Für den geräusch- und kampflosen Thronverzicht wurden die Hohenzollern belohnt. Einerseits materiell, indem sie einen Großteil ihrer Schlösser und Ländereien und Raubkunstsammlungen behalten, ja diese, soweit es sich um bewegliche Güter handelte, sogar ins Exil mitnehmen oder bei Geldnot versteigern durften. Wenn dem Kaiser das Geld ausging, rief er in Preußen an, jammerte ein bisschen rum, und der Finanzminister ging zum Western Union im Späti. Allein im Jahr 1919 flossen 66 Millionen Reichsmark an die Hohenzollern.

Aber auch geschichtspolitisch wurden die Hohenzollern belohnt, indem die Weimarer Republik auf eine dezidiert antimonarchistische Erinnerungskultur verzichtete. Wie man das eben so macht in Deutschland: Schwamm drüber, in die Hände spucken, Trümmer wegräumen, Bruttosozialprodukt steigern. (Das mit den Trümmerfrauen ist übrigens nur ein Mythos, eine Wunscherzählung.)

Und es gab niemanden, der fand, dass die Kaiser- und Königsfamilien da ein bisschen billig weggekommen wären?

Doch. Es gab sogar einen Volksentscheid zur entschädigungslosen Fürstenenteignung. 1926 war das, initiiert von der Linken, die damals noch KPD hieß, und unterstützt von der SPD, aber auch von Wählern bis weit ins bürgerlich-konservative Lager hinein. (Die Grünen enthielten sich. Sie befürchteten, dass brachliegendes Junkerland in emsiger Bauernhand zu mehr Nitraten im Grundwasser führen würde. Außerdem hofften sie, mit den Adeligen über einen Einstieg in die ökologische Landwirtschaft verhandeln zu können [„Green New Deal“]. Aber das war naiv.)

96% der Wählerinnen und Wähler stimmten für die Enteignung der deutschen Adelshäuser. Das sollte reichen, könnte man meinen. Aber Reichspräsident Paul von Hindenburg, der Ersatzkaiser, stufte das Volksbegehren als verfassungsändernd ein, womit es nicht nur die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, sondern auch ein Quorum von 50% der Wahlberechtigten benötigt hätte. (Während der gesamten Weimarer Republik gab es keinen erfolgreichen Volksentscheid auf Reichsebene. Nicht einmal das Volksbegehren gegen SUVs in deutschen Innenstädten von 1928.)

Aber 96% Zustimmung, das ist doch ein politischer Auftrag. Die Diskussion ist sicher nicht einfach so verstummt?

Genau. Und um das Thema vom Tisch zu bekommen, wurde verhandelt. In Hinterzimmern und vollkommen undurchsichtig. Ausnahmsweise kann ich mich hier kurz fassen und auf Kapitel 125 dieses Artikels verweisen, in dem ich den Aushandlungsprozess anhand des bayerisch-wittelsbacher Beispiels erläutere. Das Deutsche Reich hielt sich nämlich zurück und ließ die Länder mit ihren ehemaligen Landesherren verhandeln. 26 separate Verträge zur Vermögensauseinandersetzung waren die Folge.

Natürlich ist jeder Vertrag im einzelnen unterschiedlich, aber im Wesentlichen verlief es so: Die Fürsten, Könige und Kaiser behielten den Großteil ihrer Ländereien, insbesondere jene, die Ertrag abwarfen, also Felder, Wiesen und Wälder sowie Vergnügungsparks (siehe das Beispiel Neuschwanstein unter dem obigen Link). Der Staat bekam Schlösser, Burgen und Parks, also Objekte, die man hegen und pflegen und sanieren musste. Museen, Kunstsammlungen und Archive wurden oft in neue Stiftungen überführt, bei denen sich die Adelsfamilien teilweise noch erhebliche Mitspracherechte sichern konnten.

Kurz gesagt: Dafür, dass die Hohenzollern einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen und den deutschen Karren in den Dreck gefahren hatten, wurde ihnen ganz schön der Arsch gepudert.

Das heißt, den Hohenzollern geht es auch heute noch ziemlich gut?

Das würde ich meinen. So wohnen sie z.B. auf Burg Hohenzollern.

Und das ist nur eine ihrer vielen Burgen und Schlösser.

Und warum, um endlich zur aktuellen Diskussion zu kommen, stellen die Hohenzollern dann Ansprüche auf weitere Burgen, Schlösser, Gemälde und so weiter?

Weil der kleine Prinz Nimmersatt den Hals nicht voll bekommt.

„Nur eine Burg, wie soll man denn da angemessen wohnen?? Ich habe vier Kinder!“

Das ist Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen, aktueller Hohenzollernhäuptling, Ururenkel des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. und damit Prätendent auf den Thron. „Wenn Deutschland mich nicht als Kaiser will, dann soll es wenigstens finanziell bluten“, hält der sympathische junge Mann die Familientradition aufrecht.

Okay, wenn dieser Königsknilch absahnen will, ist das seine Sache. Dafür hat er ja BWL studiert. Aber wieso verhandelt der deutsche Staat ernsthaft mit ihm, anstatt zu erklären, dass die Monarchie aus und vorbei ist?

Vorsicht, jetzt wird es kurz juristisch.

Also, wir waren stehengeblieben in den 1920er Jahren. Die deutschen Länder und die Adelshäuser hatten sich über die Aufteilung des fürstlichen Vermögens geeignet. Dann kamen bekanntlich die Nazis, Zweiter Weltkrieg, deutsche Niederlage und deutsche Teilung. Zu der Rolle, die die Hohenzollern dabei spielten, kommen wir noch. Aber weil das hier ein juristischer Abschnitt ist, bleiben wir mal systematisch und bei der Eigentumsfrage.

Relevant ist hier die sowjetisch besetzte Zone, die spätere DDR. Die Adeligen und der Verfassungsschutz waren geflohen, nach Westen, nach Argentinien und nach Syrien. Die Sowjets sahen riesige Ländereien, dachten sich, dass das nicht mit rechten Dingen zuginge, und enteigneten das allermeiste Fürstenland. Inklusive Schlösser. Schwuppdiwupp. Ganz ohne Volksabstimmung oder so. Daraus wurden im Rahmen der Bodenreform die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, woher heute Eure Milch und Rindersteaks kommen.

Bodenreform auf dem königlichen Rittergut Helfenberg (bei Dresden)

Ab 1949, mit Gründung der DDR, wurde auch noch ein bisschen enteignet. Dem einstigen Großgrundbesitzer war es wahrscheinlich egal, wer ihm das Lehen wegnahm, aber juristisch macht das einen großen Unterschied. Denn – unverhofft kommt oft – 1990 haben sich die beiden deutschen Staaten wieder vereinigt. Im Rahmen des Einigungsprozesses kam auch die Frage auf den Tisch, was man mit den einst enteigneten Ländereien in Ostdeutschland machen sollte.

Und da kamen die unterschiedlichen Enteignungszeiträume zum Tragen: Für Enteignungen nach 1949, also denen durch die DDR, wurde grundsätzlich die Rückerstattung, ersatzweise die Entschädigung, festgeschrieben. Für die zwischen 1945 und 1949 durch die sowjetische Besatzungsmacht durchgeführten (flächenmäßig umfangreicheren) Enteignungen hingegen sollte gelten: „Tja, Pech gehabt. Da kann man nichts mehr machen.“ Das ergab durchaus Sinn. Denn warum sollte ein deutscher Staat, egal welcher der beiden, für Handlungen eines dritten Staates (der Sowjetunion) einstehen? Außerdem wollte die DDR-Regierung der deutschen Wiedervereinigung nicht zustimmen, wenn die Ergebnisse der Bodenreform angetastet würden. Auch die Sowjetunion erklärte mehrfach, dass ihre Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung von der Nichtantastung der Bodenreform abhänge.

Aber das heißt, dass die Enteignungen durch die Sowjetunion nicht rückgängig gemacht werden, oder? Damit wäre das Thema erledigt, und die Hohenzollern hätten keinen Anspruch auf Schlösser, Ländereien oder Entschädigung für Güter in Ostdeutschland.

Gut aufgepasst!

Aber so einfach lassen sich königlich-kaiserliche Kapitalisten nicht abspeisen. Ab 1991 merkten auch die Hohenzollern, dass Deutschland wiedervereinigt war, wobei sie sehr enttäuscht waren, dass das Elsass, Königsberg, Danzig, Dänemark, das Memelgebiet und Kurland nicht von dieser Wiedervereinigung umfasst waren.

Die Hohenzollern traten mit drei Vorschlägen an die Bundesregierung heran:

Erstens, ob es nun nicht an der Zeit sei, in Deutschland wieder die Monarchie zu etablieren. Der damalige Klanchef, Louis Ferdinand Prinz von Preußen, schmiss sich an Helmut Kohl ran (hier bei einem symbolischen Begräbnis der Demokratie) und war maßlos enttäuscht als Kohl erklärte: „Du, mit dem Richard [von Weizsäcker] haben wir doch praktisch schon einen König.“

Zweitens verlangten sie einen Einmarsch nach Polen, um ehemalige deutsche Ostgebiete zu „befreien“.

Drittens schlugen die Hohenzollern und andere Adelige vor, den Einigungsvertrag in die Tonne zu treten, da man die DDR und die Sowjetunion schließlich besiegt habe. Jetzt könne die BRD machen, was sie wolle, und sie wolle ja wohl ihre Prinzen, Fürsten und Herzöge reich beschenken.

Die waren ja vollkommen realitätsfremd!

Schon immer. Aber wenn jemand drei dreiste Forderungen stellt, wird das Gegenüber die am wenigsten dreisteste erfüllen, um Ruhe vor dem Querulanten zu bekommen. (Ehrlich, probiert das mal beim nächsten Vorstellungsgespräch!) Helmut Kohl war Historiker und Pazifist, wollte also weder Monarchie noch Krieg. Grundstücke und Geld waren für ihn nur „Bimbes“, die allenfalls den Weg der Weltgeschichte pflastern, aber keine eigenständige Bedeutung haben.

Also beschloss der erste gesamtdeutsche Bundestag 1994 das „Gesetz über die Entschädigung nach dem Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen und über staatliche Ausgleichsleistungen für Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage“ (Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz EALG).

Dieses Gesetz von 1994 sieht das Gegenteil dessen vor, was im Einigungsvertrag vereinbart wurde, nämlich die Entschädigung der von der Sowjetunion durchgeführten Enteignungen durch den bundesdeutschen Steuerzahler.

Das heißt, die Hohenzollern haben rechtlich fundierte Ansprüche, so gierig und maßlos sie uns auch erscheinen mögen?

So einfach ist es nicht. Denn jetzt kommen endlich die Nazis ins Spiel.

Juhu! (Also nicht wegen der Nazis, sondern weil es jetzt spannend wird.)

In § 1 Absatz 4 des Ausgleichsleistungsgesetzes wurde nämlich eine sogenannte Unwürdigkeitsklausel versteckt:

Leistungen nach diesem Gesetz werden nicht gewährt, wenn der nach den Absätzen 1 und 2 Berechtigte oder derjenige, von dem er seine Rechte ableitet, oder das enteignete Unternehmen gegen die Grundsätze der Menschlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit verstoßen, in schwerwiegendem Maße seine Stellung zum eigenen Vorteil oder zum Nachteil anderer missbraucht oder dem nationalsozialistischen oder dem kommunistischen System in der sowjetisch besetzten Zone oder in der Deutschen Demokratischen Republik erheblichen Vorschub geleistet hat.

Oh. Lass mich raten: Das mit dem Kommunismus stellt bei den Adelshäusern kein Problem dar?

Nein, unter den Fürsten befand sich kein Roter Baron. Nur ein Weißer Baron, aber das ist eine andere Geschichte.

Bei den Hohenzollern findet man aber natürlich Verstöße gegen die Grundsätze der Menschlichkeit, vom deutschen Kolonialismus bis zu den Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg. Deswegen hatte Kaiser Wilhelm II. Angst, vor Gericht gestellt zu werden, und beantragte Asyl in den Niederlanden. Und deshalb wurden die Leipziger Prozesse, die Kriegsverbrecherprozesse nach dem Ersten Weltkrieg, nie so ein Spektakel wie die Nürnberger Prozesse.

Warte mal. Bedeutet das, dass der aktuelle Prinz Nimmersatt keine Schlösser und Millionenzahlungen erhalten soll, nur weil seine Großeltern sich daneben benommen haben? Dafür kann er doch gar nichts. Das erscheint mir unfair.

Etwas nicht zu bekommen, weil die Großeltern Verbrecher waren, erscheint mir wesentlich fairer als etwas zu bekommen, nur weil seine Großeltern deine Großeltern ausgebeutet und unterdrückt haben. Es ist ja nicht so, wie wenn die Hohenzollern sich irgendetwas eigenhändig erarbeitet hätten. Das waren Raubritter.

Außerdem funktionieren so nun einmal Eigentum und Erbrecht. Du profitierst davon, wenn deine Vorfahren brutal und geizig waren oder einfach nur Glück hatten. Und du leidest darunter, dass sie arm waren oder Pech hatten. Wenn dein Opa den Hof beim Pokern verzockt hat, bist du eben heute kein Großgrundbesitzer und musst Miete zahlen an den Enkel dessen, der damals beim Pokern geschummelt hat. Das Ganze reden sich die Leute dann schön mit Begriffen wie „Leistungsgesellschaft“ oder „freie Marktwirtschaft“. Alles Mumpitz!

Wenn das mit den Verstößen gegen die Grundsätze der Menschlichkeit so klar ist, warum diskutieren wir dann noch darüber, ob die Hohenzollern Nazis waren oder nicht?

Weil das höhere Einschaltquoten als Kaiserreich und Kolonialismus garantiert.

Und weil wir damit nicht ganz so viele Generationen zurückgehen müssen. Denn Kaiserreich und Kolonialismus endeten ja 1918 mit Kaiser Wilhelm II., wohingegen wir bei der Nazi-Paktiererei die nachfolgende Generation unter die Lupe nehmen können.

Und? Haben die Hohenzollern nun „dem nationalsozialistischen System erheblich Vorschub geleistet“, wie die gesetzliche Formulierung lautet?

Hm. Schwierige Frage.

Wenn ich anfange zu erzählen, komme ich immer vom Hundertsten ins Tausendste, also lasse ich besser zuerst die Fotos sprechen.

August Wilhelm als Wahlkampfredner für die NSDAP im Februar 1932
Kronprinz Wilhelm bei einem Abendessen des NSKK, einer paramilitärischen Unterorganisation der NSDAP
Kronprinz Wilhelm nimmt im Oktober 1933 eine Parade der SA in Breslau ab

Naja, was sollten sie machen, die armen Prinzen? In der Öffentlichkeit mussten sie vielleicht das Hakenkreuz tragen. Das war doch damals Diktatur.

Auch schon vor 1933? Und du meinst, den Hohenzollern-Prinzen wäre irgendetwas zugestoßen, wenn sie im neutralen Anzug aus dem Haus gegangen wären? Und außerdem: Warum hängen die Prinzen prominent auf Veranstaltungen von NSDAP, NSKK und SA herum?

Hm, das schaut tatsächlich nicht gut aus. Aber vielleicht waren sie nur einfache Mitläufer? Wie Millionen von Deutsche?

Klar, deshalb auch die öffentlichen Auftritte mit Hermann Göring, Ernst Röhm, Joseph Goebbels und Adolf Hitler.

Oh. Was war da los? Und warum guckte Hitler so hocherfreut, den Kronprinzen zu sehen?

Das war der 21. März 1933, der als „Tag von Potsdam“ in die Geschichte einging. Dort zelebrierten die Nationalsozialisten kurz nach der Machtübernahme, die Verbindung der preußischen Tradition des Kaiserreichs mit dem Neuen des Nationalsozialismus. In der Potsdamer Garnisonkirche. Mit viel Pomp und Gloria. Mit Repräsentanten des alten Reichs, von Reichspräsident Paul von Hindenburg bis eben zum Kronprinzen der Hohenzollern, die den Anspruch auf den deutschen Thron keinesfalls aufgegeben hatten. Und mit Hitler ausnahmsweise mal ganz in zivil.

Ihr kennt den „Tag von Potsdam“ vor allem wegen dieses Fotos:

Halt, ich meinte natürlich dieses Foto:

Aber die Ähnlichkeit dürfte kein Zufall sein. Schließlich ist Björn Höcke Geschichtslehrer und Thomas Kemmerich prahlte im Wahlkampf mit seiner Geschichtskenntnis. Das ist das ewige deutsche Dilemma: Die „bürgerliche Mitte“, die aus Angst vor einem Tempolimit oder einer Vermögenssteuer lieber mit den Nazis paktiert. Ich will Euch nicht beunruhigen, aber diese Gefahr ist noch nicht ausgestanden.

Eine Sache verwirrt mich: Du hast gesagt, die Hohenzollern erhoben noch immer einen Anspruch auf den Thron. Wieso dann die Zusammenarbeit mit den Nazis?

Kaiser Wilhelm II. selbst, der noch bis 1941 lebte, aber auch seine zweite Frau und seine Nachkommen, waren besessen von der Wiederherstellung des deutschen Kaiserreichs. Das war ihr Ziel, und dem ordneten sie alles unter.

Bei Sozialdemokraten und Kommunisten stießen sie damit natürlich auf taube Ohren, aber ansonsten versuchten die Hohenzollern, sich bei jedem anzubiedern, von dem sie glaubten, er brächte sie zurück auf den Thron und in den Palast. Das waren hauptsächlich Frontkämpfervereinigungen wie der Stahlhelm, Monarchistenvereine, nationalkonservative Parteien und ab Ende der 1920er Jahre zunehmend die NSDAP.

Aber es war doch klar, dass Hitler neben sich keinen Kaiser dulden würde.

Im Nachhinein erscheint immer alles klar. Aber damals stand den Hohenzollern ein anderes Modell vor Augen, nämlich Italien, mit dem Nebeneinander eines faschistischen Führers und eines Königs. Benito Mussolini, seit 1922 Ministerpräsident und innerhalb von wenigen Jahren Diktator, regierte formell unter dem König Viktor Emanuel III.

Wobei die Hohenzollern so machtversessen waren, dass sie sich sogar zur Teilnahme an Wahlen herabließen.

Was? Die Hohenzollern stellen sich einer Wahl? Das gab es doch seit dem Heiligen Römischen Reich nicht mehr. (Und selbst da gewannen die Hohenzollern niemals auch nur einen Blumentopf.)

Ja, zweimal sogar.

1932 stand die Wahl des Reichspräsidenten an. Hitler kandidierte gegen Hindenburg und Thälmann. Kronprinz Wilhelm, der Sohn Kaiser Wilhelms II. bot nun Hitler einen Deal an: Er, der Kronprinz, würde anstelle Hitlers kandidieren (und die Wahl ganz sicher gewinnen, nicht zuletzt weil er sich sicher war, auch Hindenburg zum Verzicht auf die Kandidatur gegen den Thronfolger überzeugen zu können). Im Gegenzug würde der Hohenzollernprinz dann Hitler zum Reichskanzler ernennen. Wie gesagt, italienisches Modell, nur eben in kleinen Schritten zur Wiedereinführung der Monarchie.

Und Hitler sagte ab?

Hitler sagte zu.

Warum wurde dann nichts daraus?

Weil Kaiser Wilhelm II. seinem Sohn die Kandidatur verbot.

Nicht wegen der Zusammenarbeit mit Hitler, die störte den Kaiser überhaupt nicht, sondern weil der Kronprinz als gewählter Reichspräsident einen Eid auf die republikanische Verfassung ablegen hätte müssen. „Wir Hohenzollern hassen die Demokratie und die Republik“, bläute er seinem Sohn ein, und diese Warnung wird seither auf Familienfeiern der Hohenzollern alljährlich erneuert, während man das Blut von Leibeigenen trinkt und das Grundgesetz den Flammen übergibt. Aber nur die Taschenbuchausgabe, die man kostenlos bei der Bundeszentrale für Politische Bildung bestellen kann, denn die Hohenzollern haben keine Mark zu verschenken.

Der Sohn gehorchte, sprach aber eine ausdrückliche Wahlempfehlung für Hitler aus. Auch er selbst werde für Hitler stimmen, tat er landauf, landab kund.

Der Kronprinz trat in die SA ein, hielt Reden auf Massenkundgebungen der NSDAP und schrieb pro-nationalsozialistische Artikel für in- und ausländische Zeitungen. Nicht nur auf Parteiveranstaltungen und bei öffentlichen Auftritten lief er in Uniform und mit Hakenkreuzbinde herum, sondern auch zuhause setzte er sich – und seine Söhne Hubertus und Friedrich – bewusst in die Pose der Hohenzollern, die dem NS-Staat zur Verfügung standen.

Das sind also keine unangenehmen Schnappschüsse wie bei Prinz Harry. Das war alles Teil eines Pakts, in dem die Hohenzollern der NSDAP Stimmen aus dem „bürgerlichen“ Lager brachten, denn wenn – so das Kalkül – sogar die edlen Prinzen bei den Nazis mitmachten, dann konnten diese ja nicht so schlimm sein. Außerdem waren die Hohenzollern äußerst aktiv in der internationalen Presse, insbesondere um zu beschwichtigen als die ersten Meldungen über Konzentrationslager auftauchten. Sie wetterten dann gegen die „antideutsche Propaganda“, bezeugten, dass Herr Hitler ein ganz feiner Herr sei, und dass außerdem die Juden, Sozialisten und Kommunisten irgendwie selbst an etwaiger Verfolgung schuld seien, weil sie hinter der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und hinter der Weltwirtschaftskrise steckten.

Auch Kaiser Wilhelm II. radikalisierte sich zusehends, sah überall die jüdische Weltverschwörung und forderte „die Ausrottung des verhassten Stamm Juda“. „Ich glaube, das Beste wäre Gas“, schrieb er dazu 1927, ein Vorschlag, der bekanntlich dankbar aufgegriffen wurde. Mit jedem Sieg im Blitzkrieg schickte der alte Kaiser Glückwunschtelegramme an Hitler, verbunden mit der Hoffnung, „dass die Juden ihre unheilvollen Positionen in allen Ländern verlieren, die sie seit Jahrhunderten zur Feindlichkeit getrieben haben“. Die Herren Hohenzollern standen hinter dem Holocaust.

Krass. Wenn ich aus so einer Familie stammte, würde ich mich schämen. Entweder würde ich ganz ruhig sein oder mich entschuldigen (wie es der Enkel des italienischen Faschistenkönigs tat). Keinesfalls würde ich fett auf die Pauke hauen und zusätzliche Schlösser, Parks, Gemäldesammlungen und Millionen fordern.

Tja, das ist eben der Unterschied zwischen moralischen Menschen und Prügelprinzen. (Der bekannteste dieser Mehrfachstraftäter ist übrigens auch ein Urenkel von Kaiser Wilhelm II.)

Wo wir schon bei Alliterationen sind, die prolligen Prinzen sind übrigens auch ziemlich produktive Prozesshansel. Prinz Nimmersatt, der aktuelle Hohenzollernchef, hat die Position nur inne, weil sich Dutzende von Familienmitgliedern in jahrzehntelangen Rechtsstreiten bekriegten, sich gegenseitig aufgrund angeblich nicht standesgemäßer Ehen enterbten und mehrfach das Bundesverfassungsgericht nervten, das den hohen Herren (Frauen können bei ihnen eh nichts erben) 2004 schließlich klar machen musste, dass wir nicht mehr in einer Monarchie leben und dass man heiraten darf, wen man will.

Wen dieses ekelhafte Gezänk interessiert, der kann hier die Kurzzusammenfassung lesen. Jedenfalls ist es ziemlich gewagt von dem kleinen Prinzen, sich jetzt so hinzustellen, wie wenn er die ganze Familie vertrete. Da rappelt es nämlich noch gewaltig in der innerfamiliären, intriganten und inzestuösen Krisenkiste.

Tolle Alliterationen! Aber du hattest vorhin neben Kronprinz Wilhelm noch ein weiteres Beispiel der Kollaboration mit den Nazis versprochen.

Ach ja, stimmt. Und auch dabei ging es um eine Wahl.

August Wilhelm, der vierte Sohn des Kaisers, hatte früh Verbindungen zur NSDAP und trat 1930 in die Partei sowie ein Jahr später in die SA ein. Im Wahlkampf 1932 trat er mehrfach als Redner bei Großveranstaltungen auf, und zwar explizit als Hohenzollern-Prinz, der sich wie alle Volksgenossen hinter Hitler einreiht.

Dass er voll bei der Sache war, sieht man nicht nur an seinen Autogrammkarten.

August Wilhelm war 1932 sogar Spitzenkandidat der NSDAP bei den Wahlen zum Preußischen Landtag, später Reichstagsabgeordneter für die NSDAP. Aber Reden und Agitieren allein reichten ihm nicht, schließlich war er bei der SA. Im September 1933 beteiligte er sich an der Ermordung eines Gestapo-Gefangenen.

Mit solchen Vorfahren, wie glauben die Hohenzollern da, dass sie mit ihren Forderungen durchkommen?

Durch heimlich still und leises Verhandeln. Und dabei geht es nicht nur um Schlösser und Sammlungen und Geld. Es geht auch um die deutsche Geschichte.

Die Hohenzollern dachten, dass die Zeit für sie spielt. Die Glorifizierung von Preußen ist in Mode. Die Deutschen lechzen nach der „guten alten Zeit“ vor dem Dritten Reich, am besten vor dem Ersten Weltkrieg, als man noch alle Kriege gewann, gegen Frankreich, gegen Dänemark, gegen Napoleon, gegen die Römer, und wahrscheinlich hätte die Bundeswehr damals sogar in Afghanistan gesiegt. Wer nationale Größe verspüren will, wer stolz sein will auf sein Land, weil er sonst nichts hat, was zum Stolz taugt, der freut sich über eine Königsfamilie, über Schlösser, über Prunk und Glanz und Macht und Größe. Auch wenn er selbst überhaupt nichts davon hat, sondern beim Besuch von Burg Hohenzollern 45 Euro für die Familienkarte blechen muss.

Auf dieser Linie wollte man sich irgendwie einigen. Heimlich, still und leise. Es war nur ein Zufall, dass die Verhandlungen zwischen den Hohenzollern und den ostdeutschen Bundesländern publik wurden. Aber auf das Licht der Öffentlichkeit sind die Fürsten der Finsternis in ihren Vampirschlössern gar nicht scharf.

Tja, zu spät, oder? Irgendwie ist es dann doch öffentlich geworden.

Aber seither klagen die Hohenzollern jeden kurz und klein, der ihnen in den Weg kommt, egal ob Journalisten, Historiker, Wissenschaftler, Verlage und sogar Parteien und Bundesländer. Die Prinzen wollen das Geld der Steuerzahler, aber ohne öffentliche Debatte. Der Historikerverband hat versucht, eine Übersicht über all die rechtlichen Schritte zu erstellen, kommt aber kaum noch hinterher.

Wahrscheinlich ist das so eine Kompensationshandlung der jungen Prinzen. Kann man ja verstehen. Die Opas konnten noch Millionen Männer in den sinnlosen Tod schicken, und jetzt muss man sich sogar Kritik anhören, wenn man illegal Bären abknallt. Wie viele Leute mit zu viel Geld, kauft man sich dann eben Anwälte, um im Volk Furcht und Terror zu säen. Massenabmahnungen statt Massenmord.

Deshalb folgender Ratschlag: Druckt diesen Artikel aus, bevor er verboten wird. E-mailt ihn an Eure Freunde, bevor er verboten wird. Teilt ihn auf Facebook und Twitter, bevor er verboten wird. Klebt ihn an die Litfaßsäulen, bevor er verboten wird (und bevor die Litfaßsäulen wegen ihres allgemeinen revolutionären Potentials verboten werden).

Und denkt immer daran: Wir sind das Volk! Wir sind der Souverän!

Links:

  • Auf diesem Blog gibt es noch viel mehr Geschichte.
  • Eine gute Einführung und Übersicht in diesen fast uferlosen Komplex, einschließlich einer Auflistung etlicher Klagen und Abmahnungen der Hohenzollern, findet Ihr beim Historikerverband.
  • Die vier Gutachten von Historikern, die Jan Böhmermann dankenswerterweise öffentlich gemacht hat.
  • Die Anhörung der Historiker im Kulturausschuss des Bundestages.
  • Zu dem Thema gibt es Unmengen an Literatur. Nur zwei Beispiele: „Der Kaiser und das ‚Dritte Reich'“, das vom Museum Haus Doorn herausgegeben wurde und auch die Restitutionsansprüche der Hohenzollern auf das Schloss in den Niederlanden anspricht. (Ja, die Hohenzollern sind grenzüberschreitend unersättlich.) Und ganz aktuell „Die Hohenzollern und die Nazis“ von Stephan Malinowski.
  • Wenn Ihr etwas gelernt (oder zumindest gelacht) habt, freue ich mich über eine Spende für diesen kleinen Blog. Jeder Taler hilft beim Kapf gegen die Geschichtsverfälschung.
  • Und vergesst nicht, dass Ihr noch den Podcast von Ralf Grabuschnig und mir anhören wolltet.
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