Vor hundert Jahren war ein kaiserliches Begräbnis das letzte Aufbäumen einer vergangenen Zeit – April 1921: Auguste Viktoria

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Als ich die Serie „Vor hundert Jahren …“ begann, hatte ich den Vorsatz, diejenigen der weit entfernten Ereignisse aufzugreifen, die bis ins Hier und Jetzt wirken. Das gelingt manchmal mehr, manchmal weniger.

Aber noch nie war es so einfach, die Brücke in die hundertjährige Vergangenheit zu schlagen, wie in diesem Monat. Danke, Prinz Philip!

Vor einer Woche verstarb der selbst fast hundertjährige Ehemann der britischen Königin, und dieser Tage findet das Begräbnis statt. Eine fast perfekte Spiegelung der Ereignisse von vor hundert Jahren: Am 11. April 1921 verstarb Auguste Viktoria Friederike Luise Feodora Jenny von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, die Gemahlin des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., der zu dem Zeitpunkt jedoch schon im unfreiwilligen Ruhestand war und durch seine Ungeschicklichkeit einen Schlussstrich unter die deutsche Monarchie gezogen hatte.

Am 19. April 1921 wurde Auguste Viktoria im Schrebergarten von Schloss Sanssouci in Potsdam beigesetzt.

Und das, obwohl die Kaisers zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr in Deutschland lebten. Sie hatten sich 1918 aus dem Staub gemacht, leicht enttäuscht von ihrem deutschen Volk, das die Hungersnot doch nicht so toll fand und von dem sich, entgegen den Erwartungen, nicht alle Untertanen auf den Tod in Frankreich oder Flandern freuten.

Die Hohenzollern, so der Name dieser Deutschland zugrunde gerichtet habenden Familie, rafften noch alles Gold, Silber und Gemälde zusammen und fuhren ins Exil in die Niederlande, wo sie ein kleines Haus in Doorn kauften. Die Niederlande störten sich daran nicht, weil sie ein gewissenloses Steuerparadies waren – und gewissermaßen noch sind.

Als Kaiser Wilhelm II. sah, dass für den Transport seiner Privatbeute 59 Eisenbahnwaggons notwendig waren, jammerte er schluchzend: „Ach, wieviele Männer man mit 59 Waggons zum sicheren Tod an die Front hätte bringen können! Viertausend? Fünftausend? So viel unvergossenes Blut, welch Schande!“ Aber am Ende gewann die Krämerseele, ein Charakterzug, den sich die Hohenzollern bis heute bewahrt haben, über die Mörderseele.

Doorn ist im Vergleich zu klassischen Exilorten (Babylon, Constanța, Elba, St. Helena) eher bieder, aber das passte zu Wilhelm II., genauso wie das kreative, intellektuell anspruchsvolle Hobby, mit dem er sich dort täglich beschäftigte: Der letzte deutsche Kaiser freute sich ungemein, wenn er im Garten einen Baum umsägen konnte. – Ein anderer Ex-Kaiser, Karl von Österreich-Ungarn, war dagegen mit dem Rentnerdasein im Garten gar nicht zufrieden und versuchte, sich zurück an die Macht zu putschen. Aber dazu mehr im Oktober 1921.

Jeder kennt solche Leute, die lieber mit dem Laubbläser lärmen als sich an Literatur laben, die lieber Stauden schreddern statt Stories schreiben und die in einer erschreckenden Kulmination des Hässlichen Gärten ohne Leben hervorbringen. Staaten, insbesondere so problematische wie Deutschland, sollte man solchen Menschen nicht anvertrauen.

Außerdem weiß ich nicht, was man von Menschen halten soll, die nicht zum Begräbnis ihrer Frau kommen. Zwar erschienen Tausende von Schaulustigen, von Freunden der Monarchie, insbesondere Adelige, Ewiggestrige und Dolchstoßlegionäre, oft alles in einem, als der Sarg mit der Kaiserin durch Potsdam gefahren wurde.

Der Kaiser musste aber scheinbar Holz hacken und hatte deshalb keine Zeit. Vielleicht war er immer noch sauer, dass ihm gekündigt und dass Deutschland zur Demokratie geworden war. Oder er hatte Angst, sich bei den Leipziger Prozessen (angesprochen in der letzten Folge) wegen Kriegsverbrechen verantworten zu müssen. Oder er war neidisch, weil seine Frau beliebter war als der Kaiser selbst. Oder Wilhelm II. traf sich bereits mit seiner neuen Freundin, Prinzessin Hermine von Schönaich-Carolath, die er bald darauf heiratete.

Dieser Trauerzug war ein trauriger Abgesang auf eine vergangene Zeit, von der die Beteiligten nicht glauben wollten, dass sie für immer vergangen war. Wilhelm II. sägte noch bis 1941 Bäume um und begründete so die deutsche Tradition des Waldsterbens. Danke, Kaiser!

Den Hohenzollern war der Wald egal, ihnen war Deutschland egal, sie wollten nur wieder Kaiser sein und in Schlössern residieren. Dafür paktierten sie auch mit den Nazis. Aber das ist eine andere Geschichte, für ein anderes Mal. Allerdings von erschreckender Aktualität.

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Tod durch Unterkühlung

Dreimal wäre ich fast an Unterkühlung gestorben. Jedes Mal lag ich danach zwei Wochen im Bett, haarscharf auf der Kante zwischen röchelndem gerade-noch-so-Leben und erlösendem Tod.

Das erste Mal war ich, wie immer ohne entsprechende Kleidung oder Ausrüstung, in Bolivien auf einen 5300 m hohen Berg gestiegen, wo es die auf der Karte eingezeichnete Schutzhütte nicht mehr gab. Unterwegs war ich dreimal wegen Höhenkrankheit in Ohnmacht gefallen.

Schließlich gelangte ich nur in die Sicherheit der immer noch auf 4150 m gelegenen und eiskalten Stadt El Alto zurück, indem ich den LKW aus einem Bergwerk anhielt und auf dessen Ladefläche eine halbe Stunde im eisigen, die Haut vom Gesicht und den Händen reißenden Fahrtwind stand.

Das zweite Mal fuhr ich mit dem Taxi von Beirut nach Damaskus, weil wegen eines plötzlichen Schneesturms nach Weihnachten die Busse ausfielen. Der Taxifahrer erklärte sich nur bereit, die Fahrt über die Berge auf sich zu nehmen, wenn ich warten würde, bis noch drei weitere Passagiere eintrafen, damit sich die Fahrt auch lohne. Anscheinend ein Öko. Immer wieder mussten wir aussteigen, um den im Schnee festgefahrenen Mercedes anzuschieben. Immer wieder schlitterten wir auf die Gegenfahrbahn. Erst als der Taxifahrer in einem Bergdorf Schneeketten erwerben konnte, was den Fahrpreis pro Passagier um 2,50 Dollar erhöhte, kamen wir einigermaßen voran.

Apropos Schneeketten: Der Fahrer und die anderen Passagiere waren alle Kettenraucher, so dass während der vierstündigen Fahrt bei Minusgraden, eisigem Wind und dichtem Schneetreiben alle Fenster geöffnet blieben. Es zog und schneite in den Wagen, wie wenn wir auf einer offenen Kutsche durch Sibirien gefahren wären.

Als ich in Damaskus ankam, sah ich aus wie ein Schneemann und schlotterte am ganzen Leib.

Ich ging in ein Hotel, das zwar das erstbeste, aber wohl nicht das beste war. Es gab keine Heizung. Es gab kein warmes Wasser. Die Löcher in den Fensterscheiben waren notdürftig mit Zeitungspapier gestopft, das im eisigen Wind flatterte. An der Rezeption holte ich mir eine zweite Decke, mehr Hilfe war nicht aufzutreiben. Warme Kleidung hatte ich natürlich nicht, denn ich hatte Wüste und Sonne erwartet. Im Zimmer hing ein Foto von Baschar al-Assad, mit dem ich am liebsten ein Feuer entzündet hätte. Aber man weiß ja, dass der Herrscher sehr unbeherrscht reagiert, wenn er glaubt, kritisiert zu werden.

Das dritte Mal stand ich an einem Bahnhof in Deutschland und wartete auf einen Zug.

Ich fahre gerne mit der Eisenbahn und preise die Deutsche Bahn dafür, dass jeden Tag Tausende von Zügen kreuz und quer durch unser unübersichtliches Land fahren, wobei sie nur äußerst selten entgleisen oder zusammenstoßen, was ein Meisterwerk nicht nur der Technik, sonder auch der Organisationskunst darstellt, das gerne in anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge – z.B. der Pandemiebekämpfung! – kopiert werden dürfte.

Aber warum zum Henker gibt es Bahnhöfe ohne beheizte Wartehallen? Oder überhaupt ohne Wartehallen? Ja sogar ohne windschützende Unterstände?

Warum wird aus jedem Bahnhof der letzte Quadratmeter herausgepresst, um Flitter und Fritten, Tand und Teigtaschen zu verkaufen, anstatt einen freundlichen Ofen und ein paar bequeme Bänke aufzustellen?

Warum muss die Wartezeit zwischen den umweltfreundlichen Reisen so ungemütlich gemacht werden, wie wenn man auf die Fahrt in ein Arbeitslager vorbereitet würde?

Warum sind der Deutschen Bahn die überflüssigsten Ladengeschäfte willkommen, nicht jedoch treue Kunden, die einfach nur gemütlich sitzen, warten und nicht vor Kälte sterben wollen?

Im sozialistisch geprägten Teil Europas geht es doch auch. So wartet man z.B. in ukrainischen Bahnhöfen. Da bollert die Kohle im Ofen, und niemand muss frieren.

Ach ja: Die Deutsche Bahn hat doch Wartesäle, DB-Lounges genannt. Allerdings nur für Passagiere der ersten Klasse. Und nur an 14 Bahnhöfen in Deutschland. – Vielleicht sollte ich mich das nächste Mal an die Bahnhofsmission wenden. Die gibt es immerhin an 105 Bahnhöfen in Deutschland.

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Vor hundert Jahren nahm ein armenischer Student das Recht in die eigene Hand – März 1921: Operation Nemesis

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Versprochen hatte ich für die Reihe „Vor hundert Jahren …“ nur eine Folge pro Monat. Aber die letzte Folge über den russischen Bürgerkrieg und die Mongolei stieß auf positive Resonanz und führte zu neuen Unterstützern bei Steady und Patreon.

Dafür bedanke ich mich mit dieser außerordentlichen, ungeplanten Sonderzusatzfolge für März 1921.

Und Ihr solltet Euch bei den Unterstützern dieses Blogs bedanken. Oder am besten selbst zu solchen werden, auf dass noch viele historische Kuriositäten ans Licht befördert werden.


Zur Zeit findet in Berlin der Prozess um den sogenannten Tiergarten-Mord statt, nachdem im August 2019 in einem Berliner Park, der sich täuschenderweise Tiergarten nennt, obwohl er weder Tiger noch Elefanten aufweist, Selimchan Changoschwili erschossen wurde. Das war schade, denn Herr Changoschwili war gleichzeitig Georgier, Tschetschene, Kiste und Kacheter und damit exotischer als ein Elefantentiger. Wer dahinter steckt, kann man sich denken, denn es gibt da diesen einen Mafiastaat, der überall in Europa Menschen erschießt, vergiftet und vom Balkon im vierten Stock schubst, weswegen es niemanden überraschen sollte, wenn dieser Blog eines Tages abbriiiiiiiiiiicht.

Jedenfalls haben politische Attentate, bei denen ausländische Kontrahenten ihre Wut und ihre Wumme nach Berlin bringen, Tradition. Ein bekannter Fall ereignete sich am 15. März 1921 und damit genau vor hundert Jahren. Und, wie gemacht für einen historisch-juristischen Blog, führte er zu einem bekannten Prozess.

Zumindest bekannt in Armenien.

Dort, im martialischen Militärmuseum in Jerewan, habe ich zum ersten Mal von der „Operation Nemesis“ gehört.

Jetzt muss ich leider ein bisschen ausholen, und leider wird es grausam. Aber ich mache es ganz kurz. Im Ersten Weltkrieg zerfiel das Osmanische Reich endgültig. Wie es oft so ist, wenn man ein Weltreich oder ein Fußballspiel verliert, man will sich an einer Minderheit abreagieren. Im Falle des Osmanischen Reichs waren das vor allem Griechen, Juden und Armenier. Letztere wurden ab 1915 in einem systematischen Völkermord ermordet und vertrieben.

Wenn Ihr davon in der Schule nichts gehört habt, so liegt das daran, dass es mehr türkische als armenische Mitschüler gibt und überlebende türkische Eltern sich häufiger beim Direktor beschwerden als tote armenische Großeltern. In anderen Ländern ist die Erinnerung an diesen Völkermord viel präsenter.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Deutschland in dem Völkermord eine unrühmliche Rolle spielte. Wir sind anscheinend ein genozidaffines Volk, und damit höre ich auf, zu zählen, mit wem ich es mir in diesem Artikel schon verscherzt habe.

Jedenfalls starben bis zu 1,5 Millionen Armenier, und die Überlebenden flohen in alle Welt. (Ihr findet sicher welche in Eurem örtlichen Schachclub oder Cognacladen.)

1919 kam es zur ersten juristischen Überraschung. Der osmanische Sultan setzte ein Gericht ein, vor dem sich türkische Politiker, Beamte und Offiziere für den Völkermord an den Armeniern verantworten mussten. 26 Jahre vor den Nürnberger Prozessen.

Anders als die Leipziger Prozesse ab 1921, in denen sich deutsche Soldaten für Massaker in Belgien verantworten sollten, nahm das türkische Gericht die Sache durchaus ernst. Zumindest anfänglich.

Das türkische Gericht sprach 17 Todesurteile aus, darunter gegen den ehemaligen Innenminister und Großwesir Talât Pascha, den ehemaligen Kriegsminister Enver Pascha und den ehemaligen Marineminister Cemal Pascha. Wer glaubt, das Völkerstrafrecht, also die Strafbarkeit von Individuen für Völkerrechtsverstöße, begann in Nürnberg, hat jetzt etwas gelernt und gewinnt mit diesem Wissen hoffentlich mal ein Fernsehquiz.

Die Paschas wollten nicht am Galgen enden und flohen deshalb zu ihren alten Waffenbrüdern – nach Berlin. Deutschland war bekannt für Kuscheljustiz gegenüber Kriegsverbrechern und lieferte die verurteilten Mörder nicht aus.

Die Türken waren fuchtig und drohten: „Wenn Ihr uns Talât Pascha nicht ausliefert, dann werden wir Euch im nächsten Weltkrieg nicht mehr unterstützten!“, weswegen der Zweite Weltkrieg so ausging wie er ausging.

Aber noch fuchtiger waren die Armenier.

Die Armenier merkten, dass Deutschland nichts gegen die Mörder in seiner Hauptstadt unternehmen würde. Die Armenier merkten, dass die Türkei, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion, die sich zu allem Übel das kurzzeitig unabhängige Rest-Armenien einverleibt hatte, keinen Finger rühren würden. Und die Armenier merkten, dass die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs noch lange auf sich warten lassen würde.

Also beschlossen sie, die Urteile selbst zu vollstrecken. Operation Nemesis war geboren.

Zur Hinrichtung des Hauptverantwortlichen Talât Pascha meldete sich, weil es ein guter Vorwand war, um die Prüfungen auf das nächste Semester zu verschieben, ein Student: Soghomon Telirian. Außerdem konnte er so endlich nach Deutschland ziehen, wo er sein Ingenieursstudium fortsetzen wollte. Deutschland hatte damals einen guten Ruf in der Ingenieuerskunst. Ungerechtfertigterweise, denn der Berliner Flughafen war noch immer nicht fertig. Telirian musste also trampen.

Die Fortbewegung per Anhalter war kein Problem, denn die Spanische Grippe hatte sich nach drei Wellen und zwei Jahren gerade totgelaufen. Die Leute waren ganz wild auf soziale Kontakte, und außerdem war Telirian keiner von den stereotypischen Schmuddelstudenten im LSD-Rausch, sondern adrett und höflich.

In Berlin fand Telirian heraus, dass der einstige Großwesir in der Hardenbergstraße wohnte, beschattete ihn ein paar Tage und, als er sicher war, dass es sich um die Zielperson handelte und dass keine Passanten gefährdet waren, erschoss er ihn am Vormittag des 15. März 1921 auf offener Straße.

Nun werden in Berlin ständig Leute erschossen, und niemand hätte sich um einen weiteren Toten gekümmert. Die Bild-Zeitung hätte von „Clan-Kriminalität“ schwadroniert, und nach ein paar Tagen wäre die Sache vergessen gewesen. Aber Telirian verblieb neben der Leiche und wartete auf die Polizei. Er erklärte den Beamten, dass er das türkische Todesurteil vollstreckt und außerdem den Mörder seiner Frau und seiner Großeltern gerichtet habe und bedauerte, den deutschen Behörden damit Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.

Der arme armenische Student wurde wegen Mordes angeklagt, und der Prozess vor dem Landgericht Berlin führte zur zweiten juristischen Überraschung, ja zu einer regelrechten Sensation.

Telirian konnte und wollte die Tat nicht leugnen. Also musste sich die Verteidigung auf Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe stützen. Sie verwandelte den Mordprozess in einen Prozess über den Völkermord. Überlebende Armenier berichteten von den Gräueln. Johannes Lepsius, der wie kein zweiter versucht hatte, die deutsche Öffentlichkeit und Politik zum Schutz der Armenier zu bewegen, sagte als Zeuge aus. Otto Karl Viktor Liman von Sanders, ein deutscher General, der im Ersten Weltkrieg als Feldmarschall die osmanische Armee befehligt hatte, wurde vor Gericht geladen. Und Telirian berichtete, dass er 85 Familienangehörige durch den Genozid verloren hatte.

Am 3. Juni 1921 dann die Sensation: Freispruch!

Das Urteil wurde heftig diskutiert, wobei den Männern der Operation Nemesis, die in den folgenden Jahren noch weitere Täter des Genozids töteten, zugute gehalten wurde, dass sich kein Gericht ihrer Sache annahm: Die Türkei legte die alten Urteile zu den Akten. Andere Staaten lieferten nicht aus. Und Armenien, nun ja, das war in der Sowjetunion aufgegangen, und mit ihm die unabhängige armenische Justiz.

Die Lehre daraus, wie immer viel zu spät gezogen, war die Entwicklung des Völkerstrafrechts: Bestimmte schwere Taten können unabhängig vom geographischen Anknüpfungspunkt überall auf der Welt verfolgt werden. Deutschland beging 2021 das hundertjährige Jubiläum des Telirian-Urteils mit der Verurteilung eines syrischen Geheimdienstmitarbeiters wegen Folter in syrischen Gefängnissen.

Telirian zog rastlos um die Welt: Cleveland, Marseille, Belgrad, Casablanca, Paris, San Francisco. Nach Armenien sollte er nie mehr kommen.


Im Militärmuseum in Jerewan gab es übrigens noch ein paar dubiose Exponate. Aber das scheint in Armenien in jedem Haushalt so zu sein und ist außerdem eine andere, später zu erzählende Geschichte.

Jetzt ratet erst einmal, worum es im April 1921 gehen wird.

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Eine Postkarte aus Jerewan

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„Sie sind aus Deutschland?“ fragt Alex, der sehr freundliche Besitzer (und wahrscheinlich auch Eigentümer) der sehr gemütlichen Unterkunft in einem Plattenbauviertel von Jerewan.

„Ja.“

„Dann muss ich Ihnen einen Stahlhelm zeigen.“

Er steht auf, und ich folge ihm ins Esszimmer, wo nicht nur ein hakenkreuzverzierter Stahlhelm, sondern auch Arbeitsbücher des Reichsarbeitsdienstes, Wehrmachtsoffiziertrillerpfeifen, ein SS-Abzeichen und die Brille von Heinrich Himmler liegen, alles schön hergerichtet wie in einem Museum.

Ich will mit dem Gastgeber keine Diskussion vom Zaun brechen (v.a. weil ich kein Armenisch oder Russisch kann), aber die fehlende Begeisterung sieht er mir an. Alex zeigt mir dann doch lieber mein faschismusdevotionalienfreies Zimmer, den Balkon und das Bad.

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Ein Spaziergang durch Baza

Manchmal komme ich nur in einen Ort, weil er auf der Strecke von A nach B liegt, mir aber die Strecke von A nach B zu lange für eine Tagesreise ist. Als ich von Málaga nach Venta Micena fuhr, lag Baza so praktisch auf dem Weg, dass ich dort einen Tag und eine Nacht verbrachte.

In Málaga hatte ich noch mit jemandem gesprochen, die als Musiklehrerin in Baza gearbeitet hatte. „Solo hay dos estaciones ahí, la del invierno y la del autobus„, warnte sie mich vor dem dortigen Winter mit einem Bonmot, das nicht ohne Verlust des Sprachwitzes ins Deutsche zu übersetzen ist. Es war September und ich war nicht beunruhigt, denn wenn Spanier vom Winter sprechen, bedeutet es, dass es mal kurz unter 30 Grad hat. „Nein, nein, im Winter schneit es dort sogar“, konkretisierte sie die Warnung. Nun ja, dafür ist der Winter auch da.

Die drei Stunden auf der Autobahn mit drei Spaniern im Auto, von denen einer schneller spricht als der andere, sind eine anspruchsvollere Prüfung als das DELE-Examen. Am Ende werde ich Kopfschmerzen haben. Aber interessant und lustig ist es. Dieses Bla-Bla-Car ist echt gut, um Land und Leute kennenzulernen.

In Baza angekommen, machen sich meine Mitfahrer Sorgen, dass ich mich in der Kleinstadt langweilen würde. Sie behandeln mich fast mitleidsvoll, wie jemanden, der ins Kloster geht, und laden mich noch auf eine Cola ein, bevor sie weiter düsen.

Viele Besucher sieht die Stadt tatsächlich nicht, scheint mir. Dabei war Baza unter den Mauren eine wichtige Grenzstadt zum Königreich Murcia (heute eine spanische Region und Provinz). Aber jetzt sind die Straßen und Plätze menschenleer. (Das war lange vor dem Coronavirus, deshalb meine Überraschung.)

Beim Friseur hängt ein Schild: „Ich öffne heute erst um 5.“ Beim Immobilienmakler sind die Preise heruntergesetzt, eine Wohnung mit drei Schlafzimmern von 66.000 € auf 50.000 €, eine andere Wohnung mit drei Schlaf- und zwei Badezimmern von 180.000 € auf 135.000 €. Der Immobilienboom in Spanien scheint vorbei zu sei. Der Makler hat übrigens „geschlossen bis Mittwoch, den 25.“, ohne Angabe des Monats.

Die große Kirche auf dem Marktplatz öffnet erst um 19 Uhr, um 20 Uhr schließt sich dann die Messe an. Zur Besichtigung werde ich abends noch mal vorbeischauen, die Messe erspare ich mir wahrscheinlich.

Beim weiteren Rundgang stoße ich im nahen Umkreis auf noch mehr Kirchen, zum Beispiel auf den Templo de nuestra señora de la Piedad – Patrona de Baza = Iglesia la Merced, wo ebenfalls um 20 Uhr der Gottesdienst angesetzt ist. Hier muss man sich eindeutig entscheiden, Doppelmitgliedschaft ausgeschlossen.

Ich deponiere erst einmal den Rucksack im Hotel Virgen del Pilar, wo mir eine zusätzliche dicke Decke überreicht wird, „falls es nachts zu kalt ist.“ Es hat 24 Grad. Praktischer finde ich den Hinweis der Rezeptionistin auf ein nahegelegenes Restaurant. „Da können Sie günstig mittagessen“, fügt sie an, und ich frage mich, woran man meine Knausrigkeit erkennt. Vielleicht am deutschen Pass. Jedenfalls scheint sie für heute keine weiteren Gäste zu erwarten, denn nach meiner Ankunft schließt sie die Empfangstheke und geht selbst ins Casa Grande zum Essen. Das ist ein Wirtshaus nach meinem Geschmack. Man fragt den vertrauenserweckend dicken Wirt, was es heute gibt, und sagt dann „ja“ oder „nein“. Speisekarten sind unpersönlicher Firlefanz.

Über die Straße zum Hotel ist ein Werbebanner der spanischen Fernuniversität Universidad Nacional de Educación a Distancia gespannt, das den Weg zu einem Regionalzentrum der UNED weist. Selbst begeisterter Fernstudent, bin ich beeindruckt, wie tief in der Provinz die spanischen Kollegen vertreten sind. Baza hat etwa 20.000 Einwohner und ist auch ansonsten nicht von überregionaler Bedeutung.

Früher war das, wie gesagt, anders. Auf dem höchsten Punkt der Stadt finde ich die Ruinen der maurischen Festung Alcazaba vor. Nur mehr Reste von Ruinen, sollte man sagen.

Dafür ist der Ausblick umso spektakulärer, mit Kirchtürmen, Bergen und Wolken wie in einem Photoshop. Ist aber alles echt. So ist Andalusien.

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„Sie müssen verzeihen, mein Herr, dass der Platz so heruntergekommen ist“, unterbricht mich eine Dame freundlich beim Fotografieren. Und sie hat Recht. Es liegt Schutt herum, und Unkraut wuchert überall.

„Wir haben schon den Plan zur Verschönerung des Platzes. Sehen Sie den Kreis auf dem Boden? Da soll ein Springbrunnen hinkommen.“ Aber wie das eben so sei bei öffentlichen Vorhaben, die brauchen ihre Zeit. Na gut, die Mauren sind ja auch erst seit 1489 weg.

Die Dame trägt ein buntes Kleid und ein mit Alufolie bedecktes Blech. „Für die Kätzchen“, erklärt sie. „Es ist etwas Fleisch vom Mittagessen übrig geblieben.“ Der Größe des Tabletts nach zu urteilen war das kein Versehen.

Am Bahnhof, der offensichtlich nicht mehr aktiv ist, treffe ich einen sehr alten Mann mit zwei Hunden und ebenso vielen Zähnen. Seit etwa 20 Jahren habe der Bahnhof geschlossen, erzählt er, und wir stimmen überein, dass dies sehr schade ist. Früher fuhr er mit dem Zug nach Alicante, nach Sevilla, ja bis nach Barcelona, und es war ein Vergnügen. Entspannt, gemütlich, schön und sicher sei das gewesen. Jetzt mit den Bussen mache das Reisen keinen Spaß mehr, und außerdem, erst gestern hätten sie es im Radio gebracht, sind letztes Jahr 1.810 Menschen im Straßenverkehr gestorben.

Gemeinsam stehen wir vor dem jetzt nutzlosen Bahnhofsgebäude und schwelgen in Erinnerungen an die Blütezeit der Eisenbahn. Als er mir zum Abschied die Hand drückt, habe ich Angst, meine Knochen könnten brechen, so viel Kraft hat der schätzungsweise 70-bis-80-Jährige noch. Wenn die Schienen nicht abmontiert worden wären, könnte er den Zug eigenhändig nach Alicante schieben.

Der schöne, grüne und ruhige Park an der Plaza San Jerónimo ist der Magnet, an den es mich auf meinen Spaziergängen durch die Stadt immer wieder zieht.

Hier kann ich mal ein paar Stunden setzen und ein Buch lesen. Denn das ist das Schöne an so kleinen Orten: Man muss keine Angst haben, zu viele Sehenswürdigkeiten zu verpassen, auch wenn man längere Pausen einlegt. Selbst wenn ich mich jetzt über die Größe und mangelnde Betriebsamkeit von Baza lustig machen wollte, was mir fernliegt, so weiß ich doch, dass es mich nach einem Monat in Venta Micena nach einem Städtchen wie diesem dürsten wird.

Irgendetwas ist übrigens verdächtig intellektuell an dieser Kleinstadt. Zuerst haben sie eine Zweigstelle der Universität, dann entdecke ich eine vierstöckige Bibliothek, die bis um 21 Uhr geöffnet ist. Gut, am Sonntag nur bis 14 Uhr, aber das sind Öffnungszeiten, von denen die meisten Stadtbibliotheken in Deutschland träumen können.

Eine Kneipe heißt Rincón del Poeta, Dichterecke, und das Graffiti an der Kirche stammt von Pablo Neruda.

Gegenüber der Polizeistation in der Altstadt ist ein sehr gut sortierter Tabakladen. Es kann also sein, dass ich hier in ein paar Wochen nochmal vorbeikommen muss. Die Polizeiautos parken nebenan vor dem „Laden für exotische Vögel“, dessen sämtliche Käfige im Schaufenster leer sind, der aber laut handgeschriebenen Schildern auch sibirische Huskies verkauft. Die Leute glauben echt, dass es hier eiskalt ist.

Se alquila por poco dinero“ steht verzweifelt an einem Laden in den verwinkelten Altstadtgassen: Zu vermieten für wenig Geld.

Um 18 Uhr komme ich wieder am Park vorbei. Jetzt ist deutlich mehr los. Die drei Boccia-Felder sind belegt, und die Spieler diskutieren jeden Wurf mit mehr Verve als im Gerichtsgebäude um die Ecke streitige Verfahren ausgetragen werden.

Die Kirche öffnet sich doch nicht um 19 Uhr. Vielleicht sind auch hier Sommerferien.

Als ich am Abend zum Hotel zurückkehre, sehe ich, dass auch dieses Gebäude zum Verkauf steht. Na, hoffentlich wechselt es nicht heute Nacht den Eigentümer. Nachdem ich mich den ganzen Tag über die Spanier amüsiert habe, die glauben, dass es hier im September kalt sei, muss ich ganz kleinlaut und reumütig gestehen, dass ich zum Schlafen eine lange Jogginghose und einen Pullover benötige.

Fazit: Baza ist nicht Granada oder Málaga, das ist klar. Aber einfach daran vorbeifahren sollte man nicht. Vielleicht kann man in so einer Kleinstadt sogar mehr über Andalusien lernen, denn man teilt sich die Aufmerksamkeit nicht mit anderen Touristen. Die Wohnungen sind auch billig, wie Ihr gesehen habt.

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Zwei Bäcker, zwei Länder, zwei Kulturen

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Heute beim Bäcker in Deutschland:

Ich kaufe drei Stück Kuchen. 5 Euro und 13 Cent kosten sie.

Ich habe 12 Cent in Münzen, ansonsten nur Scheine.

„Das reicht nicht“, sagt die Bäckersfrau mathematisch streng, so dass ich ihr einen 10-Euro-Schein und sie mir einen Haufen Münzen überreichen muss.

So geht das, ganz korrekt.


Vor ein paar Jahren in Bolivien:

Ich spaziere durch die Nachbarschaft in Cochabamba, entdecke eine kleine Bäckerei, lasse mir zwei Stück Torte einpacken, die 14 Bolivianos (= 1,70 Euro) kosten.

Leider habe ich nicht das passende Kleingeld, sondern nur einen 50-Boliviano-Schein. Das entspricht 6 Euro, bringt die Bäckersfrau aber in Verlegenheit, weil sie nicht genug Wechselgeld hat. Es ist eine Familienbäckerei, versteckt in einem Wohnviertel, nicht stark frequentiert.

„Kein Problem,“ biete ich an, „ich gehe schnell zum Supermarkt und kaufe etwas zum Trinken, so dass ich Kleingeld bekomme.“

„Wohnen Sie hier in der Gegend?“ fragt die Bäckersfrau, die mich zum ersten Mal gesehen hat und der nicht entgangen sein kann, dass ich nicht aus Cochabamba stamme.

„Ja, ein paar Blocks weiter. Lucas-Mendoza-Straße.“

„Dann bezahlen Sie, wenn Sie mal wieder vorbeikommen. Genießen Sie jetzt lieber die Torte!“

So geht das, ganz menschlich.

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Vor hundert Jahren rief ein baltischer Baron nur ungern ein Königreich in der Mongolei aus – März 1921: Roman von Ungern-Sternberg

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Mit der fulminanten Auftaktfolge zu dieser historischen Reihe wollte ich darauf hinweisen, dass der Erste Weltkrieg weder mit dem Waffenstillstand, noch mit dem Friedensvertrag zu Ende war. Allerorten wurde weiter geschossen, gekämpft, erobert, besetzt und befreit. Die Nachwirkungen des Großen Krieges werden uns noch für viele Folgen beschäftigen. Vor genau hundert Jahren, im März 1921, besetzten z.B. französische und belgische Truppen Duisburg und Düsseldorf, der polnisch-russische Krieg wurde durch den Rigaer Frieden beigelegt, und Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn versuchte sich zurück an die Macht zu putschen.

Alles interessante Themen, aber wir gehen heute weit in den Osten, dorthin, wo nicht nur die Nachwehen des Ersten Weltkriegs, sondern auch der russischen Oktoberrevolution toben. Und wie sie toben!

Ihr kennt das aus Doktor Schiwago, aber anders als vermutet, geht das Gemetzel nicht auf den Streit zwischen Tonya und Lara zurück. Russland, das den Ersten Weltkrieg zwar nicht unbedingt gewonnen, auf jeden Fall aber nicht verloren hatte, und mit einer, eigentlich sogar zwei Revolutionen beschenkt worden war, schaffte es irgendwie nicht, sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen. Stattdessen schloss sich unmittelbar an die Oktoberrevolution 1917 der Russische Bürgerkrieg an, der sich noch quälende fünf Jahre hinzog. Länger als der Weltkrieg gedauert hatte. Und komplizierter.

Ganz stark vereinfachend und nicht eingehend auf die Heterogenität der Kampfparteien, die militärische Einmischung von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Japan, dem Osmanischen Reich sowie den sich nach Sibirien verlaufen habenden tschechoslowakischen Legionen, die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in Finnland, in Estland, in Lettland, in Litauen, in der Ukraine, in Abchasien, in Bessarabien und in der Volksrepublik Tannu-Tuwa, sowie auf die wechselnden Allianzen, war es so: Es gab die Roten und die Weißen. Die Roten waren die Bolschewisten. Die Weißen waren alle, die gegen die Roten waren, also Monarchisten, Demokraten, Nationalisten und gemäßigte Sozialisten.

Alles klar?

Ein Tipp fürs Geschichtsstudium: Besucht niemals, niemals die Vorlesung über den Russischen Bürgerkrieg! Das ist wie ein vierdimensionales Labyrinth mit spiegelverkehrten Wurmlöchern. Ihr findet da nicht mehr raus.

Um uns nicht zu verzetteln, was auf diesem Blog eine ständige Gefahr darstellt, gehen wir vom großen Ganzen ins ganz Kleine. Wir nehmen uns nur eine Person vor und folgen ihr ein paar Jahre durch den Russischen Bürgerkrieg und ein paar hundert Kilometer durch die Steppe. Na gut, es sind ein paar tausend Kilometer, denn Russland ist groß.

Diese eine Person ist, nein, nicht Doktor Schiwago. Es ist ein deutschbaltischer Baron, also ein Angehöriger jener deutschsprachigen Oberschicht in Estland und Lettland, die als Nachfahren der Kreuzritter die Esten und Letten knechteten. Roman Nikolai Maximilian Feodorowitsch von Ungern-Sternberg war sein Name. (Die Geschichte der Deutschbalten böte Stoff für hundert Exkurse, aber darüber schreibe ich, wenn ich mal wieder im Baltikum bin.) Weil die Deutschbalten gerne Leute schindeten, wurden sie vom russischen Zaren liebend gerne für die Verwaltung oder das Militär rekrutiert.

Auch Roman zog es, weil er nichts Vernünftiges gelernt hat, in die Armee. Er kämpfte im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05, übrigens dem ersten Krieg, den ein europäischer Staat gegen einen außereuropäischen Staat verlor. Danach bummelte er ein bisschen rum, diente bei einem Kosakenregiment in Transbaikalien, betrank sich zu oft, kündigte, ritt mit dem Pferd in die Mongolei, lernte dort mangels richtiger Aufgaben Mongolisch und las sich in tibetanische, hinduistische und buddhistische Lehren ein. Er kehrte rechtzeitig nach Estland zurück, um beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 mit der russischen Armee in Ostpreußen einzufallen. (Volkszugehörigkeit war zur Zeit der Vielvölkerreiche noch nicht so wichtig, und auch an anderen Fronten kämpften Deutsche gegen Deutsche. Jeder für seinen Kaiser oder Zaren, die dafür sicher dankbar waren.)

Und als der Weltkrieg aus war, war da diese blöde Revolution, die dem Baron so gar nicht ins Konzept passte. Zum einen weil er als Adliger treu zum Zaren stand. Zum anderen, weil die Esten nun unabhängig waren und sich gegen die deutschen Ausbeuter auflehnten.

Roman von Ungern-Sternberg schlug sich auf die Seite der Weißen, keine Frage. Die Treue zum Zaren war zwar ein fragwürdiges Konzept geworden, nachdem der Zar samt Familie ermordet worden war. Aber mit dem Bolschewismus, wo Barone genauso viel verdienen sollen wie Busfahrer, konnte sich der Adlige keinesfalls anfreunden. Außerdem war er sauer, dass ihm das Revolutionsvolk den Herrensitz angezündet hatte und er in eine Plattenbauwohnung ziehen sollte.

Was macht ein Kavallerieoffizier, wenn ihm alles auf den Keks geht? Klar: Er nimmt ein Pferd und reitet nach Osten. Er überfiel Züge, unter dem Vorwand, so den Nachschub für die Bolschewiken abzuschneiden. Er überfiel fahrende Händler, um ihnen „Zoll“ abzuknöpfen. Und bald war er wieder in Transbaikalien, wo er eine Asiatische Kavalleriedivision aufbaute. Es meldeten sich Mongolen, Burjaten, Kirgisen, Mandschuren, Tibeter, Kasachen, Ewenken, Uiguren, Barguten.

Bei all den Übeln, die fortan von diesem Mann ausgingen, weiß man gar nicht, wo man beginnen soll. War der Russische Bürgerkrieg bis dahin schon äußerst brutal, so legte Ungern-Sternberg noch eine Schippe drauf und wurde zum furchterregendsten Feldherr der Weißen. Mit blutrünstiger Brutalität ermordete er Gegner, vermeintliche Gegner, Gefangene, eigene Soldaten, Zivilisten, und vor allem Juden. Bei Juden gab er kein Pardon, die wurden gejagt, bis auch das letzte Kind erschlagen war.

Irgendwann hatte das mit dem Russischen Bürgerkrieg, der für die Weißen aussichtslos steht, gar nichts mehr zu tun. Unsympath-Sternberg lebte einfach nur mehr seinen hasserfüllten Antisemitismus aus. Er benahm sich wie ein Warlord mit einer Privatarmee.

Weil uns das zu brutal wird, wechseln wir ein bisschen den Schauplatz und ziehen gen Süden, in die Mongolei. Die liegt grob zwischen Russland und China und war zum Zeitpunkt unserer Geschichte schon seit 200 Jahren eine chinesische Provinz. Aber China hatte ein bisschen innenpolitische Probleme (ein Virus, Produktionsengpässe beim I-Phone oder Ärger mit den Studenten in Hongkong, was weiß ich), und die mongolischen Fürsten dachten: „Wenn sich so Pipifax-Staaten wie Litauen oder die Tschechoslowakei unabhängig machen, dann können wir das auch.“ (Die Mongolei ist, auch wenn Ihr sie bisher übersehen habt, ziemlich groß.)

Nun muss man wissen, dass die Mongolen hauptsächlich Buddhisten sind und daher einen Chef-Lama haben, der Bogdo Gegen heißt. Das ist der Titel, nicht der Name. So wie beim Dalai Lama, der den gleichen Job bei den Tibetern innehat. Genau, das ist der Typ, der immer grundlos grinst, harmlose Kalendersprüche abgibt und null komma null für sein Volk erreicht.

Die Mongolen kannten die Chinesen, wie gesagt, schon seit 200 Jahren und wussten: „Mit Grinsen kommen wir nicht weit.“ Stattdessen wählten sie den achten Bogdo Gegen zum Bogdo Khan, also dem Herrscher der sich damit für unabhängig erklärt habenden Mongolei. Die Mongolen nahmen Kontakt zum russichen Zaren auf (das war vor seiner Ermordung, logisch) und erhielten einen fetten Kredit, den sie in einen Winterpalast investierten, der noch heute in Ulan Bator steht.

Dort beteten sie für die Unabhängigkeit.

Als das nichts half und auch noch der russische Sponsor abgeknallt wurde, schickten die Mongolenfürsten verzweifelte Bitt- und Bettelbriefe in die Welt. (So wie heute die Prinzen aus Nigeria.) Zweihundert Briefe, dreihundert Briefe, vierhundert Briefe. Alle mit pompösem Siegel, geschrieben mit Kamelblut und ausgeliefert von mongolischen Adlern. Sehr beeindruckend.

Aber niemand konnte die Briefe lesen. Denn niemand verstand Mongolisch.

Halt! Ihr erinnert Euch an die Jugendzeit des Barons, als er Buddhismus und Mongolisch studierte? Ständig wurde er dafür verspottet, was er sich mit so fernöstlichem Tamtam abgebe, anstatt etwas Solides wie Bauingenieurwesen oder Multimedia-Marketing zu studieren, aber nun besiegelte es das Schicksal. Sein Schicksal und das der Mongolen: Baron Roman von Ungern-Sternberg erhielt einen dieser Briefe, rief seine Vielvölkerkavallerie zusammen, sagte dem (eh schon hoffnungslosen) Kampf gegen die Bolschewisten adieu und ritt im August 1920 Richtung Mongolei. Natürlich nicht, ohne unterwegs noch alles kurz und klein zu schlagen.

Dummerweise war seit dem Absenden des Briefes einige Zeit verflogen, die in der Mongolei nicht so ereignislos verstrichen ist, wie überhebliche Westler sich vorstellen, dass dort die Zeit verstreicht. 1919 hatten chinesische Truppen wieder die Kontrolle über die Mongolei erlangt und 1920 den Bogdo Khan abgesetzt. Dessen ungeachtet fasste Ungern-Sternberg während des langen Ritts den Plan, alle mittelasiatischen Völker (Tibeter, Burjaten, Uiguren, Mongolen, Kirgisen u.s.w.) zu einem „Großmongolischen Reich“ zu vereinen, das für immer und auf alle Zeiten das monarchistische Bollwerk gegen Europa sowie das zivilisatorische Bollwerk gegen China sein sollte. Baron von Ungern-Sternberg kämpfte nominell noch immer für den toten Zaren, aber eigentlich sah er sich schon selbst als den neuen Dschingis Khan.

Im Oktober 1920 kam die Asiatische Kavalleriedivision in Urga (heute Ulan Bator und noch immer die Hauptstadt der Mongolei) an, wurde zweimal von den zahlenmäßig überlegenen Chinesen geschlagen, bis Roman von Ungern-Sternberg feststellte: „Wenn uns die Chinesen überlegen sind, muss ich so lange überlegen, bis wir überlegen sind.“ Er überlegte also ein paar Monate, wobei er sich die Zeit gewohnheitsgemäß mit dem Plündern von Dörfern und Klöstern vertrieb. Im Februar 1921 schließlich erinnerte er sich an eine Kriegslist Dschingis Khans: Auf den Hügeln rings um Urga ließ er Feuer entfachen, um ein großes Heer vorzutäuschen. Die Chinesen warfen seiner Kavallerie daher nicht die volle Verteidigungsmacht entgegen, und die Kavalleristen ritten in die Stadt ein, wo sie den Bogdo Khan befreiten und die chinesischen Truppen in die Flucht schlugen. (Um die Wiederholung solch eines Fiaskos zu vermeiden hat China seither die Große Mauer gebaut und Drohnen entwickelt.)

Bogdo Khan und Roman von Ungern-Sternberg stritten sich in der Folge darum, wer nun der wichtigere Macker ist. Der Mongolensturm war dem Baron nämlich zu Kopf gestiegen, und er sah sich mittlerweile als Reinkarnation von Dschingis Khan. Auch das mit dem Großmongolischen Reich schmeckte dem Bogdo Khan eigentlich nicht, die Mongolei allein war ihm groß genug. Schließlich einigten sich die beiden darauf, dass von Ungern-Sternberg den Bogdo Khan im März 1921, und damit vor genau 100 Jahren, als Herrscher des neu ausgerufenen Königreichs Mongolei einsetzt. Im Gegenzug erkannte der neue König den Baron als Staatsgründer, als Heldengeneral und als Inkarnation der tibetischen Schutzgottheit Jamsarang, einer besonders zornigen Gottheit, an.

Das mit dem Zorn passte bekanntlich. Und auch im Innenverhältnis stellte der Baron klar, dass er der eigentliche Chef und der König nur das Aushängeschild sei. Er ließ Listen von allen Juden anfertigen, die in der Mongolei leben. Viele von ihnen waren während des Russischen Bürgerkriegs in die vermeintliche Sicherheit des Fernen Ostens geflohen. Aber nun zog Baron von Ungern-Sternberg mit antisemitischer Besessenheit von Haus zu Haus, um auch in der Mongolei das Judentum auszurotten. Selbst die bekanntlich äußerst fanatischen deutschen Besatzer kamen 20 Jahre später nicht so weit nach Osten.

Und zwar nur aus einem Grund nicht: Weil Roman von Ungern-Sternberg bereits tot war. Sonst hätte er selbstverständlich mit der Wehrmacht paktiert, um gegen Juden und Bolschewisten, seine liebsten Feinde, zu kämpfen. Davor bewahrt hat uns letztendlich eine Rebellion seiner eigenen Leute, als der Baron davon schwadronierte, dass man eigentlich als nächstes nach Tibet ziehen müsse. Das war dann doch zu weit und beschwerlich (damals ging noch kein Zug nach Lhasa), und die Jungs nahmen ihren Anführer fest und übergaben ihn den Bolschewisten.

Der Prozess war einer der sprichwörtlich kurzen, wahrscheinlich aus Mangel an Juristen. Genervt von den antisemitischen Tiraden des Barons („den Bolschewismus haben die Hebräer schon vor 3000 Jahren in Babylon erfunden“), schlug der Richter vor, ob man ihn vielleicht einfach erschießen solle. Im Vergleich zu anderen Hinrichtungsarten war das ein ziemliches Zugeständnis. (Merkt Euch das, falls Ihr mal in ähnlicher Situation seid.)

„Nur ungern“, entgegnete Roman von Ungern-Sternberg, aber das Wortspiel verstarb ebenso im Kugelhagel der Kalaschnikows wie der deutsche Dschingis Khan.

Die Mongolei blieb übrigens unabhängig. Heute gibt es noch immer Stimmen, die Baron von Ungern-Sternberg als Staatsgründer verehren. Viel wichtiger ist aber die Frage, wo der Baron seinen sagenhaften Goldschatz vergraben hat. Deshalb wird in der Mongolei überall gegraben und gebuddelt.

Gar nicht so tief graben muss man, um auch in der Mongolei Leute zu finden, deren Faszination für Geschichte, für den deutschen Baron und für alles, was Deutschland seither in die weite Welt exportiert hat, von jeglicher historischen Einordnung ungetrübt ist.

So viel zu den Hakenkreuz-Apologeten, die immer behaupten: „Also, im Buddhismus hat das ja eine gaaaanz andere Bedeutung.“

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Eine Postkarte aus Málaga

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Vor dem Rathaus steht Antonio mit einem, nein, gleich mehreren Schildern gegen hohe Steuern und Abgaben.

Gegen welche, frage ich.

„Alle!“

Ich bohre weiter und erfahre, dass es um so etwas wie eine Immobilienwertzuwachssteuer geht, die er dafür zahlen muss, dass er jetzt in der Wohnung seiner vor zwei Jahren verstorbenen Mutter wohnt. Und wenn man nicht bezahle, werde einem die Wohnung weggenommen. Er habe nur 436 Euro Rente im Monat und könne sich das nicht leisten.

Deshalb steht er jeden Tag vor dem Rathaus. Seit zwei Jahren. Nur nicht am Wochenende, da geht er in die Kirche.

Was mit der Wohnung passiert ist, frage ich besorgt.

„Da wohne ich noch immer. Ich kann die Steuern in Raten abbezahlen.“

Und nach Hause fährt er wahrscheinlich mit dem steuersubventionierten Bus. (Rentner, die weniger als 800 Euro im Monat verdienen, können den Bus kostenlos nutzen.)

Arriba España!“ ruft er zum Abschied einen Schlachtruf der Franco-Diktatur. Vielleicht geht es Antonio gar nicht um die Steuern.

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Weltfrauentag

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Heute ist der Weltfrauentag, aber viele scheinen nicht so richtig zu wissen, was sie damit anfangen sollen.

  • Es ist KEIN Tag für diejenigen, die den Valentinstag vergessen haben,
  • EBENSOWENIG eine zweite Chance für diejenigen, deren Objekt der Begierde sich seitdem schon wieder geändert hat.
  • Es ist KEIN Tag, um Blumen, Herzchen oder andere kitschige Bilder an seine Facebook-Freundinnen zu schicken.
  • Es ist NICHT der Muttertag.
  • NICHTS wird dadurch erreicht, dass man einen „Fröhlichen Frauentag“ wünscht.
  • Und es ist absolut KEIN Tag, an dem Unternehmen „Sonderangebote zum Frauentag“ offerieren sollten.

Dieser Tag ist ein Tag des Kampfes!

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Wie diese italienischen Partisaninnen zeigen, könnt Ihr dabei ja immer noch modisch auftreten, wenn Ihr wollt, aber die Waffen und der Kampf sind das Wichtige.

Der 8. März ist ein politischer Tag, ein Tag der Gleichberechtigung, der gleichen Teilhabe, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich und sozial. Sonderangebote von Schminksets oder Geschirrspülmittel zum Frauentag sind eher kontraproduktiv, wenn man will, dass Frauen über den Status von Barbiepuppen hinauskommen.

Nur in Bolivien scheint man verstanden zu haben, worum es geht:

WomensDay

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  • Mehr aus Bolivien, einem in vielerlei Hinsicht vorbildlichen Land.
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Eine Postkarte aus Ulm

Der Bahnhof von Ulm versucht, durch willkürlich hohe Gleisnummern und durch Unterteilung von Bahnsteigen nach Nord, Süd, West und Ost den Eindruck zu erwecken, man wäre in New York.

Anstatt Weltläufigkeit stellen sich Verwirrung und Hektik ein, die zum Hin- und Herhasten zwischen Bahnsteigen, Bahnsteigabschnitten und Bahnsteigenden führen, anstatt dass man die Wartezeit nutzt, um eine Ulmer Spezialität zu genießen, falls es so etwas gibt. Aber endlich versteht man, wieso es „in Ulm und um Ulm und um Ulm herum“ heißt.

Wie das wohl erst in New Ulm sein wird?

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