Miet Dir einen Eremit!

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Obwohl Deutsch eigentlich eine Weltsprache ist, schreibe ich für die Barbaren jenseits der Sprachgrenze auch einen Blog auf Englisch. Der heißt „The Happy Hermit“, also „der glückliche Einsiedler“, wobei der Teil mit dem Einsiedler eher zutrifft als das mit dem Glücklichsein. Beziehungsweise, um präzise zu sein, das Glück hängt oft davon ab, dass man mich in meinem Eremitentum nicht stört.

Ein einsiedlerisches Leben wird allerdings immer schwieriger, nicht zuletzt weil sich die Menschheit jenseits aller Grenzen von Vernunft und Tragbarkeit immer weiter fortpflanzt und vermehrt. (Wobei die Bevölkerungsexplosion zufälligerweise die direkte Folge davon ist, dass Menschen nicht einsiedlerisch leben. Wenn Ihr wisst, was ich meine.)

Außerdem ist es viel leichter für Menschen geworden, in unser Leben einzudringen. Was einst eine Schiffsreise über den Atlantik, eine Zugfahrt in die Berge und einen Tagesmarsch auf die Hütte erforderte, oder zumindest das Schreiben eines Briefes, der dann die gleiche Reise zurücklegen musste, was so oder so mehrere Wochen beanspruchte, dauert jetzt ein paar Sekunden. Und die Leute können uns von ihrem Sofa, ihrem Bett oder sogar von Örtlichkeiten ihres Hauses aus stören, wohin man eigentlich keine Fernkommunikationsmittel nehmen sollte. Das Internet gibt uns die Illusion, dass sich andere Menschen für uns interessieren, wenn wir in Wirklichkeit nur deren Zeitvertreib sind.

Selbst wenn man den gesellschaftlichen Druck beiseite lässt, dem gegenüber ich weitgehend immun bin, so sind diejenigen von uns, die nicht das Glück haben, in einem Bergwerk, als Schafhirte in Transsilvanien oder auf einem Ozeandampfer zu arbeiten, gezwungen, offene Kommunikationskanäle bereitzuhalten, über die unsere Chefs oder Kunden uns rund um die Uhr belästigen können. Wegen meiner Abneigung gegen ständige Erreichbarkeit habe ich schon viele Aufträge verloren.

Vorletzten Sommer, als ich durch Bayern wanderte und mich, mangels besserer Unterkunft, dazu bereit machte, mein Nachtlager in einem wunderschönen Park aufzuschlagen, wanderten meine Gedanken zurück zu der guten alten Zeit, als Menschen mit Parks Menschen wie mich als Schmuckeremiten engagierten, um in einer kleinen Hütte in einer abgeschiedenen Ecke ihres Anwesens zu leben.

„Wozu zum Teufel sollte irgendjemand so etwas machen?“ fragt Ihr euch, und ich habe keine Ahnung.

Was ich aber sicher weiß, ist dass ich das nicht erfinde. Vor allem im Großbritannien des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch in anderen Ländern, hielten sich reiche Grundbesitzer Einsiedler auf ihren Anwesen. Bevorzugt stellten sie dafür ältere Männer ein, von denen verlangt wurde, sich einen Bart wachsen zu lassen, manchmal auch, sich wie ein Druide zu kleiden, und – je nach Arbeitsvertrag – schweigsam zu bleiben oder als Unterhaltung während einer Gartenfeier zu dienen. Dafür erhielten die Einsiedler eine Unterkunft, die allerdings oft aus kaum mehr als einer Höhle bestand, Essen und ein Gehalt.

Das hört sich für moderne Ohren ziemlich absurd an, nicht wahr?

Bis man merkt, dass sich kaum etwas geändert hat. Reiche Leute setzen ihr Geld noch immer gerne in Macht über andere Menschen um, egal ob in der Fabrik, indem sie sie zur Teilnahme an elendig langen und langweiligen Besprechungen zwingen, oder um sich die Pizza durch den Regen radeln lassen. Und mal ehrlich: Ist ein Schmuckeremit wirklich sinnloser als eine Fingernägeldesignerin, ein Bitcoinverkäufer oder eine Exekutivassistentin für die Innovationsimplementierung in der Onlinemarketingabteilung? Ich bin mir da nicht so sicher.

Im 19. Jahrhundert kam es allerdings aus der Mode, sich einen lebenden Eremiten zu halten. Vielleicht hielten die Grundbesitzer diese älteren Herren im Garten nicht mehr für exotisch genug. Stattdessen holten sie sich Gefangene aus Übersee, die sie in menschlichen Zoos ausstellten.

Der Eremitentick sickerte hinab in die kleinbürgerliche Schicht, wo er sich seither in Form von Gartenzwergen manifestiert. (Die Leute, die mehr als einen Zwerg pro Garten aufstellen, machen deshalb etwas falsch.)

Also, wenn jemand von Euch eine Hütte oder einen Schuppen hat und ihn mit einem glücklichen Einsiedler füllen will: Ich habe Zeit. Anders als andere Gäste werde ich mich auch nicht über das fehlende WLAN beklagen, ganz im Gegentum.

Love Island

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„Rote Kreuze“ von Sasha Filipenko

Ich habe schon öfter im Leben meine Meinung geändert. Ich finde das ganz selbstverständlich. Schließlich erfährt und lernt man ständig etwas Neues, denkt immer mal wieder von vorne nach und kommt dabei zu neuen Schlussfolgerungen. Menschen, die heute in allen Punkten der gleichen Meinung sind wie vor zehn oder zwanzig Jahren, sind mir suspekt. Und ja, das ist ein nettes Wort für langweilig.

Aber in einem Punkt bin ich mir ziemlich sicher, dass ich ihn keiner baldigen Revision unterziehe: Die beste Literatur kommt aus Osteuropa.

Ein aktuelles Beispiel ist „Rote Kreuze“ des belarussischen Autors Sasha Filipenko.

Schwere Kost, könnte man meinen, wenn ich mich auf die Inhaltsangabe beschränkte: Der junge Ich-Erzähler verliert seine Frau, braucht einen Tapetenwechsel, zieht nach Minsk, lernt die 91-jährige Nachbarin kennen. Die erzählt, soweit der Alzheimer es noch zulässt, aus ihrem Leben. Oktoberrevolution, Zweiter Weltkrieg, ihr Mann gerät in rumänische Kriegsgefangenschaft, alle Spuren verlieren sich. Sie wird verhaftet, kommt in den Gulag, die Tochter in ein Waisenhaus in Kasachstan. Späte Suche nach der Familie, im Belarus von Lukaschenko, in einer Gesellschaft voller Stalin-Bewunderer.

Immer wieder musste ich an „Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitsch denken. Aber während man jenes Werk nur kapitelweise verkraften kann und dazwischen lange Pausen zum Erholen und Verarbeiten braucht, kommt „Rote Kreuze“ ganz leicht erzählt daher. Stellenweise sogar humorvoll. Aber nie gekünstelt, nie kitschig. Es trifft in jeder Situation den richtigen Ton, ganz schnörkellos, wobei auch die Übersetzerin Ruth Altenhofer einmal lobend erwähnt sei.

Ein starkes Buch, das einem die Stärke nicht aufdrängt.

Und das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen, deren Leidenszeit nach der Rückkehr in die Sowjetunion nicht zu Ende war, hat mich wieder einmal fragen lassen, was eigentlich aus „unserem“ Kriegsgefangenen wurde.

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Vor hundert Jahren wollte Schweden einen besseren Menschen schaffen – Januar 1922: Eugenik

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Na, was habt Ihr Euch vorgenommen für das neue Jahr? Weniger trinken, mehr essen, früher ins Bett gehen, diesen Blog auch an Freunde schicken? Alles gute Vorsätze, gewiss, aber irgendwie ein bisschen bescheiden.

Ganz anders Schweden, das sich nach einer durchzechten Nacht zum 1. Januar 1922 nichts geringeres vornahm, als einen neuen Menschen zu schaffen. Größer, stärker, schöner, gesünder und ja, auch nüchterner sollte er sein, der neue Schwede! Getreu dem alten schwedischen Motto „wenn man was verbessern wollen tut, gründet man ein Institut“ wurde an eben jenem Tag vor hundert Jahren das Staatliche Institut für Rassenbiologie an der Universität Uppsala gegründet.

Das war auch dringend nötig. Denn vor hundert Jahren waren die Schweden eher kleine und verhutzelte Menschen, weshalb sie bei ihren Urlaubsreisen, egal ob diese nach England, Frankreich oder an die Wolga führten, nicht sehr willkommen geheißen wurden. Oft mussten die Wikingerschweden die Reise nach ein paar Tagen abbrechen und kehrten mit nichts als einem Schiff voller Souvenirs nach Hause zurück. Ein trauriges Leben.

„Warum sind wir so hässlich, Bruder?“

Dabei war es natürlich nicht die Schuld der Schweden, dass sie wie Heinzelmännchen aussahen. Nein, es war – wie so vieles – die Schuld der Römer. Die hatten ein europäisch-afrikanisch-asiatisches Multikulti-Reich aufgebaut, in dem die Bürgerinnen und Bürger aus allen Ecken des Reichs nach Lust und Laune umherziehen, arbeiten, studieren und sich zur Ruhe setzen konnten. Dabei passierte es naturgemäß, dass sich die Bürgerinnen und Bürger verliebten und ihre Gene vermischten, was, wie Charles Darwin es im Detail besser erklären könnte, zu größeren, stärkeren, attraktiveren und intelligenteren Nachkommen führt. Die von der römischen Zivilisation nicht gesegneten Barbaren, wie Germanen, Skandinavier, Schotten und Iren mussten hingegen im zunehmend trüber und inzestuöser werdenden Genpool fischen.

Jetzt aber ein großer Sprung in die Neuzeit. Wissenschaft unterliegt Modeströmungen. Zur Zeit ist es die Digitalisierung, deren Dämlichkeit ich schon dargestellt habe. (Zufällig anhand einer Zugfahrt nach Schweden.) Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es die Eugenik, eine (Pseudo-)Wissenschaft, die soziale Fragen mit biologischen Methoden angehen wollte.

Eine der wichtigsten Personen in diesem Zusammenhang ist Francis Galton, der 1883 den Begriff Eugenik prägte. Er war ein Cousin von Charles Darwin und von dessen Reisen und Theorien beeindruckt. Wer wäre das auch nicht? Allerdings war er ein bisschen ungeduldig. Darwin konnte noch so oft erklären, dass die natürliche Selektion über Zigtausende von Jahren geschieht, dass sie ungeplant erfolgt, und dass sich Beobachtungen von Vögeln auf Galapagos nicht auf Menschen in Großbritannien übertragen lassen. Das alles ließ Galton kalt, der dachte, er könne die Theorie weiterentwickeln, auf Menschen anwenden und ein oder zwei Generatiönchen würden schon genügen, um das Menschheitsgeschlecht genetisch aufzupeppen, wenn sich nur die „Richtigen“ fortpflanzen würden. Dass reiche, weiße Mitglieder der Oberschicht damit sich selbst meinten, ist eh klar.

„Ich bin die Krone der Schöpfung.“

Die Idee wurde richtig populär. Überall auf der Welt wurden Eugenik-Gesellschaften gegründet, Eugenik-Kongresse abgehalten und z.B. in den USA, in der Schweiz, in Skandinavien und in Kanada Eugenik-Gesetze erlassen. Weil es den Eugenikern schnell dämmerte, dass es wahnsinnig langwierig ist, die „richtigen“ Menschen zur vermehrten Fortpflanzung anzuhalten, verfielen sie bald auf die Idee, die „falschen“ Menschen an der Fortpflanzung zu hindern. Und zwar mit Gewalt. Mit Zwangssterilisation und Zwangskastration.

Zwei rühmliche Ausnahmen waren die Sowjetunion, die Gene einfach ganz verbot, sowie das deutsche Kaiserreich. Auch in Deutschland waren die Ideen der Eugenik weit verbreitet und galten als der letzte Schrei. Statt auf staatliche Eingriffe setzte man – wahrscheinlich war die FDP gerade mal wieder in der Regierung – auf den freien Markt. Die Deutschen sollten erb-, krankheits- aber auch rassebedingte unerwünschte Merkmale (Beschneidung) bei potentiellen Geschlechtspartnern frühzeitig erkennen. Deswegen wurde an Badestränden das Nacktbaden verpflichtend (FKK = Fort mit der Kleidung, Kamerad!).

„Au ja, das machen wir auch“, waren die schwedischen Eugenik-Kollegen begeistert. Sie hatten sowieso schon lange das Image der prüden Skandinavier ablegen wollen. Dummerweise war es in Schweden bis auf die eine Woche im August zu kalt, um nackt zu baden.

Zwar verliefen die Eugenik-Programme in jedem Land anders, aber weil der Artikel mit Schweden begann, bleibe ich jetzt einfach mal bei Schweden. Das schwedische ist ein interessantes (bzw. erschreckendes) Beispiel, weil es ein recht umfangreiches Programm war, weil es als Vorbild für Nazi-Deutschland diente, und weil es bis weit nach den Zweiten Weltkrieg andauerte. Außerdem gilt Schweden immer als ganz liberal und locker und nett und sympathisch; ein Vorurteil, dem endlich die einschläfernde Spritze verpasst werden muss.

Das schwedische Eugenik-Programm ist untrennbar verbunden mit dem Namen Herman Lundborg. Das war so ein Klischeeschwede, der an Gnome und Elfen und Arier glaubte. Apropos Arier: Habe ich schon von meiner Zeit im Gefängnis im Iran erzählt, wo sich der iranische Richter bei mir entschuldigte, „weil wir doch beide Arier sind“? Viele Iraner hängen der Theorie an, dass sie die eigentlichen Arier und die Deutschen ein kleines, unterentwickeltes Brudervolk sind. Ja, so dumm habe ich auch geguckt in dem Moment, und wurde wieder in eine Einzelzelle gesperrt. Aber ich will nicht abschweifen; wir waren gerade dabei, die Bekanntschaft von Herman Lundborg, dem schwedischen Chefeugeniker, zu machen.

Wie die meisten Eugeniker unterlag Lundborg einem Denkfehler. Obwohl es die Römer schon besser gewusst hatten, dachte er, dass der schwedische Volkskörper nicht unter zu wenig, sonder unter zu viel genetischer Vermischung litt.

Komischerweise gibt es keinen einzigen Eugeniker, der nicht glaubt, dass er der höchstwertigen Rasse angehört. Ich weiß nicht, wie das bei den internationalen Eugenikerkongressen funktioniert hat. Aber das ist eine Frage, die ich mir auch jedes Mal stelle, wenn ich von internationalen Neo-Nazi-Treffen lese, wo dann mongolische, kolumbianische und mexikanische Neonazis mit deutsche Neonazis Bier trinken.

Jedenfalls laberte Lundborg ständig von der „erhabenen nordischen Rasse“ und dass man die „Entartung des schwedischen Volkes verhindern“ müsse. Die Vermischung unterschiedlicher Rassen sei ein ganz schlimmes Übel. Einen besonderen Hass hatte er auf Finnen, Samen, Lappen, Farbige, Roma, Sinti, Zigeuner, Juden, Slawen, Schwarze, Russen, Italiener, Asiaten, Afrikaner, Chinesen, Araber, Rumänen, Albaner, Polen und Koreaner, wobei er – das sei ihm zugute gehalten – nicht zwischen Nord- und Südkoreanern diskriminierte.

„Sympathischer Typ“, dachte sich das schwedische Parlament und ernannte Lundborg 1922 zum ersten Chef des eben gegründeten Staatlichen Instituts für Rassenbiologie. Seine Methoden waren, wie unter Eugenikern üblich, Nasen messen, Köpfe messen, Blutproben nehmen, Menschen in lächerliche Kostüme stecken und die unerwünschten Volksgruppen mit grimmigen Gesichtern fotografieren, sowie die erwünschten Volksgruppen im besten Licht fotografieren. Die Bücher waren reich bebildert und verkauften sich bestens. Pseudowissenschaft kann sehr gewinnbringend sein, wie Homöopathen, Astrologen und Unternehmensberater bestätigen können.

Das schwedische Institut galt weltweit als Vorreiter. Ausländische Forscher kamen nach Schweden, um hier zu „lernen“, darunter Hans Günther aus Deutschland, der später die nationalsozialistische Rassenideologie prägte. Nach dem Vorbild des schwedischen Instituts wurde in Deutschland 1927 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik gegründet, das die nationalsozialistische Rassenpolitik pseudowissenschaftlich unterfütterte.

Ganz allgemein zum Verhältnis von Schweden zu Nazi-Deutschland, auch während des Zweiten Weltkriegs, muss man sagen: Schweden hatte kein Problem mit den Nazis. Aber man wollte sich auch nicht verbünden. Schweden wollte nur Eisenerz verkaufen, und Krieg ist irgendwie gut für die Nachfrage nach Erz. Als Deutschland die Nachbarstaaten Dänemark und Norwegen sowie später die Sowjetunion angriff, erlaubte Schweden deutsche Truppentransporte durch sein Territorium. Deutsches Geld war willkommen, Flüchtlinge aus Deutschland gar nicht. Nachdem sich ab 1943 die deutsche Niederlage abzeichnete, erlaubte Schweden den Alliierten Überflüge zur Bombardierung von Deutschland, wenn dabei bitteschön die schwedischen Eisenerzzüge nicht getroffen würden. Das Ganze nannte man „Neutralität“. (Die Schweiz erblasst gerade vor Neid über diese Unverfrorenheit.) Im November 1945, also 6 Monate nach Kriegsende, erklärte Schweden dem Deutschen Reich den Krieg, um sicherheitshalber doch noch auf der richtigen Seite zu stehen. Dafür erhielt IKEA die Konzession zum Wiederaufbau der deutschen Eigenheime.

Ist das die gerechte Strafe für Weltkrieg und Holocaust?

Lundborg war allerdings zu erkennbar Nazi-Sympathisant. Er wurde 1935 gefeuert und hatte zwei Kinder mit einer „genetisch minderwertigen“ Sami-Frau, die er auf seinen Expeditionen kennengelernt hatte. Das hätte man sich eigentlich denken können, oder? Das ist wie bei diesen christlichen Predigern, die am lautesten gegen Homosexualität hetzen. Die betrügen dann immer ihre Frauen mit minderjährigen Jungs. Oder wie die Fraktionsvorsitzende einer deutschnationalistischen, ausländerfeindlichen und homophoben Partei, die in der Schweiz mit einer Frau aus Sri Lanka in einer lesbischen Partnerschaft lebt. Oder wie der serbische Volksheld Novak Djokovic, der in Serbien keine Steuern bezahlt. Je lauter die Leute tönen, umso weniger halten sie sich an ihre eigene Predigt. (Eine Ausnahme stellt der Autor dieses Blogs dar, der den regelmäßig propagierten bescheidenen Lebensstil tatsächlich praktiziert.)

Aber das war nicht das Ende des Rassenbiologischen Instituts. Ganz im Gegenteil, 1935 ging es erst richtig los! Bisher hatte man ja nur geforscht und publiziert. Nun sollte die Theorie in die Praxis umgesetzt werden. Der schwedische Reichstag erließ 1935 und 1941 zwei Gesetze zur Zwangssterilisation.

Zuerst wurden „geisteskranke“ Menschen unfruchtbar gemacht, aber auch „Geistesschwache“, „Geistesgestörte“, psychisch Kranke und Menschen mit körperlichen Missbildungen. Rassismus war kein offizieller Grund, aber wenn schwedische Ärzte, die alle der weißen, städtischen Oberschicht angehörten, den Geisteszustand von möglicherweise nicht fließend schwedisch sprechenden Nomaden, die nie in einer Schule waren, beurteilen sollen, dann erkennt man das Problem. Ein Problem, das viele Eugenik-Programme hatten. In Nordamerika wurden Intelligenztests teilweise nur auf Englisch angeboten, so dass italienische oder chinesische Einwanderer naturgemäß schlechter abschnitten.

1941 wurde das schwedische Sterilisationsprogramm um die soziale Indikation erweitert. Nun konnte Verhalten, dass als asozial angesehen wurde, zur Sterilisation führen, wie z.B. Alkoholismus. Aber natürlich nur beim Vodka-Alkoholiker auf der Parkbank, nicht beim Rotwein-Alkoholiker in der Villa. „Sexuelle Ausschweifungen“ führten bei manchen jungen Frauen zur Zwangssterilisation, wofür Besuche in Tanzlokalen mit wechselnden Tanzpartnern ausreichten. Waisenkinder wurden sterilisiert, bevor sie aus dem Waisenhaus entlassen wurden. Abtreibungswillige Frauen mussten oft in eine Sterilisation einwilligen. „Unerwünschtes gesellschaftliches Verhalten“ wurde einer Frau noch in den 1960er Jahren vorgeworfen, weil sie in einer Motorradgang war; sie wurde sterilisiert. Und natürlich traf es Arbeitslose, unverheiratete Mütter, Landstreicher und überdurchschnittlich die Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Wie Gilbert Keith Chesterton, einer der wenigen eugenikkritischen Intellektuellen der 1920er Jahre, schrieb: „Jeder düster dreinblickende Vagabund, jeder wortkarge Arbeiter, jeder verschrobene Provinzler lässt sich damit mühelos in Einrichtungen einweisen, die für gemeingefährliche Irre errichtet wurden.“

Manche würden es asozial nennen.

Letztendlich ging es immer um die Fortpflanzung der weißen Oberschicht, die sich ihres Rassismus und Klassismus überhaupt nicht bewusst war. Die meisten Menschen, und insbesondere solche, die nur mit ihresgleichen zu tun haben, nehmen sich selbst vorschnell zum Maßstab aller Dinge. Und schon werden Lesen oder Rechnen zum Gradmesser von Intelligenz, obwohl die Wissenschaftler aus Sicht der Beurteilten zu dumm wären, eine Kuh zu melken oder den Weg aus einem tiefen Wald zu finden. Gerade im Kapitalismus werden Arbeit und Konsum zur Norm, obwohl diejenigen, die sich diesem gesellschaftlichen Druck entziehen, paradoxerweise der Umwelt, dem Planeten und damit der Menschheit am wenigsten schaden.

Aber wer nützlicher oder unnützer ist, das ist gar keine legitime Überlegung. Die Frage nach der Nützlichkeit eines Menschen erst gar nicht zu stellen, das ist die Essenz der Menschenwürde! Und deshalb war es auch ein bisschen dämlich von mir, den Einstieg in den Artikel mit der Unterscheidung zwischen attraktiv und unattraktiv zu beginnen. (Was mich um die Pointe bringt, dass die Schweden erst mit der zunehmenden Einwanderung attraktiver wurden.) Aber es kann nicht schaden, wenn ich selbst beim Schreiben dazulerne.

Die Zwangssterilisationen in Schweden gingen übrigens weiter bis 1975. In Finnland bis 1979. In der Schweiz bis 1985. In Peru, wo das Programm Ausmaße eines Völkermordes annahm, bis 2000. Und in Tschechien bis 2012.

Aber seither gibt es ja modernere Methoden der Eugenik, wie Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik. Und Bevölkerungspolitik, die sich verschämt im Steuerrecht oder im Sozialrecht versteckt: Kinderfreibetrag sowie Elterngeld, womit reiche Eltern für ihre Kinder mehr finanzielle Unterstützung bekommen als arme Eltern. Wegfall von Arbeitslosengeld II, wenn unter 25-Jährige aus der Wohnung der Eltern ausziehen, was die Gründung einer eigenen Familie erheblich erschwert. Oder Alte und Schwache sterben lassen, damit die Wirtschaft weiter brummt. Und jetzt wisst Ihr auch, in welcher Tradition die schwedische Corona-Politik steht.

Vagabund auf der Flucht vor der Eugenik-Kommission

Sorry, das war jetzt nicht so eine lustige Folge wie sonst. Aber das geht halt nicht bei allen Themen. Dabei habe ich ja noch rechtzeitig vor dem Nationalsozialismus Halt gemacht.

Aber im Februar 1922 geht es wieder lustig, frisch und munter weiter. Mit Geschichte aus Litauen. Oder Ägypten. Oder Polen. Oder Rom. Oder aus der Türkei. Oder aus Den Haag. Oder Lettland. Oder Japan. Ach, es ist jedes Mal so eine schwere Entscheidung! – Und denkt daran: Je mehr Unterstützerinnen und Unterstützer dieser Blog findet, umso mehr Folgen dieser lehrreichen Reihe wird es jeden Monat geben.

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Schöntal und Berlichingen

„Etwas großspuriger Name“, dachte ich auf der Fahrt nach Schöntal. Aber als ich mit der Jagsttalbahn in dem kleinen Ort ankam, musste ich zugeben, dass die Selbstbezeichnung nicht ganz aus der Luft gegriffen war. Es ist tatsächlich ganz schnuckelig dort.

Aber so schön das Tal auch war, die Sonne trieb mich auf die links und rechts davon liegenden Hügel.

Gänzlich unerwartet fand ich dort einen überraschend großen jüdischen Friedhof. Ich meine wirklich groß, vor allem im Vergleich zu den kleinen Dörfern unten im Tal. Mehr als 1000 Grabsteine schlummern da im Wald, schätze ich.

Eine Gedenktafel informiert, dass in Berlichingen einst ein Rabbinat angesiedelt war und dass der Friedhof etwa 400 Jahre alt ist. Das letzte Grab, das ich finde, ist das von Henriette und Samuel Strauß, die im Mai und Juni 1938 verstarben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt bricht bei den meisten jüdischen Friedhöfen in Deutschland die Geschichte ab. Aus den bekannten Gründen.

Weniger bekannt ist vielleicht, dass hier einstmals der Limes, die Grenze des Römischen Reiches, verlief und Deutschland in einen zivilisierten und einen unzivilisierten Teil zerschnitt. Wobei Zivilisation nicht vor Barbarei schützt, wie man an dem oben angedeuteten Thema erkennen kann.

Das vorgenannte Berlichingen ist übrigens tatsächlich das der aus Literatur und Medizingeschichte bekannten Ritterfamilie.

Dort wurde es dann leider grau und regnerisch und ungemütlich, so dass ich die Wanderung abbrechen musste. Aber bald kommt der Frühling!

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Winter ist keine Ausrede, nicht zu wandern

In einer Woche mit nichts als kalten Tagen sollte gestern der am wenigsten kalte werden.

Also verließ ich das Haus für mein wöchentliches Wanderritual, früh genug, um die aufgehenden Sonne hinter dem Wald abzufangen.

Von Oberstenfeld erklomm ich den Hügel zur Burg Lichtenberg, verlief mich im Wald, fand den Feuersee und gelangte schließlich nach Marbach, das ich über seinen nicht mehr als solchen genutzten Galgenberg erreichte. Dort traf ich eine hübsche Katze, mit der ich mir zusammen den Sonnenuntergang ansah.

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Lissabon in Zeiten von Corona, Cholera und Kokain

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„Alle Wege führen nach Rom“, sagte man in meiner Jugend, aber seither hat sich Lusitania die Freiheit erkämpft, und alle Wege auf die und von den Azoren führen durch Lissabon. So war ich auf der Hinreise im März sowie der Rückreise im Juni 2020 für ein paar Tage in der portugiesischen Hauptstadt. Im März wurde das Coronavirus gerade einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Im Juni kam ich in eine veränderte Stadt zurück. Zwei Jahre später interessiert das niemanden mehr, aber Ihr werdet sehen, dass ich es beim Niederschreiben meiner Erinnerungen nicht ganz ignorieren konnte.

Viel Spaß beim Stadtspaziergang!

Weil dieser ein bisschen länger geworden ist, habe ich nummerierte Kapitel eingeführt. So findet Ihr leicht den Wiedereinstieg in den Text, wenn Euch die Kinder, der Pizzalieferdienst oder der Chef bei der Lektüre unterbrechen. Oder wenn Ihr dazwischen ebenfalls Lust auf einen Spaziergang bekommt.

1

Die Menschen scheinen vorsichtiger geworden zu sein, denn schon Anfang März 2020 fand sich kein Couchsurfing-Gastgeber mehr bereit, sein Sofa für ein paar Tage bereitzustellen.

So endete ich in einem jener AirBnB-Zimmer, die gerade in schönen und bekannten Städten wie Lissabon die Stadtstruktur kaputt machen, weil nur mehr Touristen vorbeikommen und die Einheimischen vertrieben werden.

Untergekommen bin ich in Campolide, einem Arbeiterviertel, etwas heruntergekommen, aber nicht unsympathisch. Hier sollte die Gentrifizierung noch kein großes Problem sein.

Dachte ich. Doch am Hauseingang hängen sechs Schlüsselboxen, wo sich Touristen den Schlüssel zur Wohnung freikodieren können, ohne mit den sich dumm und dämlich verdienenden Eigentümern je in Kontakt zu treten. Nur die ukrainische Putzfrau, die ansonsten wie im Film „Parasite“ im Keller wohnt, kommt einmal am Tag nach oben, um Toilettenpapier nachzufüllen.

Und dann kann man nicht einmal richtig schlafen, weil zuerst die Flugzeuge dröhnen, dann ein anderer Gast im nächsten Zimmer schnarcht wie ein Leviathan.

2

Eigentlich wollte ich den sonnigen Morgen in einem Park verbringen und mich in die Geschichte Portugals einlesen, aber wie von todesgewisser Geisterhand geführt, stehe ich vor dem Cemitério dos Prazeres, dem Friedhof der Vergnügungen. Vor dem Eingang stehen Fitnessgeräte, davor sitzen rauchende Rentnerinnen, anscheinend auf einen freien Termin wartend. Wer das Sterben beschleunigen will, joggt schweißtreibend und herzinfarktfördernd durch den Friedhof.

Wer hingegen noch länger leben möchte, döst in der Sonne, wie diese zwei Katzen.

Im Friedhof erfahre ich, dass er tatsächlich – ein böses Omen – wegen einer Corona-Epidemie angelegt wurde, im Jahr 1833. Oder war es Cholera?

Der Friedhof ist wie eine kleine Stadt, mit Alleen, mit Rastplätzen, mit Ausblick auf die Golden-Gate-Brücke und mit sozialen Unterschieden wie im Leben. Manche Familien bauen sich Burgen und Paläste. (Ehrlich, wenn das mit der Burg kein Schachgroßmeister war, dann ist es kitschig.)

Andere Stadtviertel sind komplett vergessen.

Und die Gräber der Armen findet man erst, wenn man sich zwischen den megalomanischen Mausoleen durchquetscht. Dafür liegen bei den Armen frische Blumen. Die Kinder der Reichen haben keine Zeit. Sie sind zu beschäftigt, das Geld zu zählen, das sie mit Ferienwohnungen verdienen.

Auch der ständig nervende Fluglärm ist hier genauso schlimm wie in der Stadt selbst.

3

Weder die Fenster, noch die Särge sind für die Ewigkeit gemacht. Immer wieder höre ich, wie ein Sargdeckel aufklappt. Leichengeruch weht durch die Luft, hier und da stolpert man über Knochen.

Wenn ich nicht Corona habe, dann bekomme ich jetzt die Cholera.

4

Zwei Schreine lassen mich etwas ratlos zurück.

Erstens, kann jemand von Euch diese Schrift lesen?

Und zweitens, wie kann ein einzelner Mensch Dichter, Dramatiker, Pädagoge, Historiker, Abgeordneter, Direktor der Nationalbibliothek und Arzt sein, sich im Ersten Weltkrieg freiwillig an die Westfront melden, obwohl Portugal neutral war, 1927 die (erfolglose) Rebellion gegen die Militärdiktatur anführen, zweimal fliehen (zuerst aus Portugal und 1940 vor den Nazis aus Frankreich), mehrfach verhaftet werden und trotzdem 57 Bücher veröffentlichen?

Beeindruckend, was man alles schaffen kann, wenn man sich nicht ständig von diesem Internet ablenken lässt.

5

Vor dem Friedhof wartet die Trambahn Nr. 28. Wie ein Museumsstück sieht sie aus, mit Holztäfelung, Leder von im Stierkampf gefallenen Kühen, Bedienungshebeln aus Messing. Die Fenster in den Holzrahmen sind nach oben geschoben, der Wind weht durch das schnuckelige Gefährt.

6

Nur ein paar Stationen weiter steige ich an der Basílica da Estrela aus. Die alten Frauen gehen in die Kirche, ich gehe in die andere Richtung, auf der Suche nach den Tempeln meiner Religion. Im Estrela-Park steht die kleinste Bibliothek der Welt.

Ich bin ja durchaus ein weitgereister Spezialist für Im-Park-Rumlungern, aber eine Bibliothek, so ein Service ist mir noch nirgendwo untergekommen. Ab jetzt soll sich keine Stadt ohne derartige Infrastruktur mehr als lebenswert bezeichnen.

Eine Statue stellt anscheinend einen feministischen Helden dar, denn nur Frauen knien und sitzen betend davor.

Ein Künstlermarkt verkauft allerlei Tand von Töpferei über Holzstempel bis zu schwarz-weiß-Fotografien. Obwohl das alles niemand braucht, findet es mehr Anklang als die Zeugen Jehovas, die zuerst in zwei Paaren an zwei verschiedenen Orten stehen, sich aber bald so langweilen, dass sie sich an einem Ort im Schatten agglomerieren, Eis schlecken und auf das Ende der irdischen Welt warten. Dabei ist dieser Park doch schon das Paradies.

7

„Sie schreiben?“ fragt ein älterer Herr im Vorübergehen, und ich kann es nicht leugnen. Zu warm ist der Füller, zu frisch die Tinte auf dem Papier. Wir können uns nicht tiefschürfend unterhalten, weil er zwar mich, ich aber nicht ihn verstehe. Das ist der Nachteil in Portugal, wo man so ein kaputtes Spanisch spricht, dass seit 1668 selbst Spanier nicht mehr behaupten wollen, dass es Spanisch sei. So versteht der Herr mein bolivianisches Hochspanisch anscheinend gut, aber ich muss raten, was er mir sagen will.

Irgendwas über einen Schriftsteller. Oder über mehrere. Sein Haus oder ihr Haus oder ihre Häuser liegt oder liegen angeblich um die Ecke, gleich hinter dem englischen Friedhof. Oder dem Friedhof der Engel, nicht einmal da bin ich mir sicher. Jedenfalls solle ich ihm folge, bedeutet er mir. Na gut, ich habe eh nichts besseres zu tun.

Der Herr redet sich in Rage, er scheint entsetzt über mein Unwissen. Dabei wirft er mit Namen um sich, wie wenn wir eine ganze Schriftstellerkolonie besuchen. Wir gehen eine kleine Straße steil bergauf, vorbei an einer Apotheke, und stehen vor einem großen Klotz.

Que pena„, sagt der Herr, und das verstehe auch ich.

Mehrere Banner verkünden, dass das Haus des größten Poeten Portugals und die sich darin befindende Bibliothek gerade renoviert werden.

„Na gut, dann komme ich halt nächstes Jahr wieder“, tröste ich meinen Führer, der sich jetzt verabschiedet, traurig darüber, dass der Meister nicht zuhause ist. Und darüber, uns nicht vorstellen zu können.

Aber am Haus steht der Name Fernando Pessoa, so dass ich abends recherchieren kann und tatsächlich auf eine interessante Persönlichkeit stoße. Auch die vielen Namen ergeben jetzt Sinn. Pessoa lebte bis 1935 in Lissabon, die letzten 15 Jahre davon in dem Haus, zu dem mich der Dichterfreund so freundlich geführt hat.

Pessoa war Schriftsteller, Lyriker, Dichter, Übersetzer und hatte anscheinend zu viel Kreativität für nur ein Menschenleben. Neben seinem eigenen Namen schrieb er nicht nur unter Pseudonymen; er schuf Heteronyme, also erfundene Personen, denen er jedoch jeweils einen eigenen Lebenslauf, eine eigene Handschrift, einen eigenen Stil und sogar Horoskope verpasste. Manche von diesen schrieben auf Portugiesisch, andere auf Englisch. Damit es den erfundenen Figuren nicht langweilig wurde, schrieben sie sich gegenseitig Briefe. Und um es noch komplizierter zu machen, erfanden einige der Heteronyme weitere Pseudonyme für manche ihrer Werke, die sie dann gegenseitig in Leserbriefen an Literaturzeitschriften kritisierten.

Insgesamt schrieb Pessoa unter 73 verschiedenen Namen. Als nach Pessoas Tod 1935 eine Truhe mit 24.000 Texten gefunden wurde und die Fachwelt zum ersten Mal eine Ahnung vom Ausmaß seines literarischen Universums erhielt, verhängte das Nobelpreiskomitee sicherheitshalber ein 60-jähriges Moratorium gegen portugiesische Schriftsteller. Man wollte nicht aus Versehen jemanden auszeichnen, der gar nicht echt war.

Vielleicht war der Tausendsassa Jaime Cortesão aus Kapitel 4 auch nur eine von Pessoas Erfindungen…

8

Für den nächsten Tag bin ich zum Mittagessen mit Romeu und Mafalda verabredet.

Die beiden sind für mich unzertrennbar mit Lissabon verknüpft, seit ich 2017 zum ersten Mal in die Stadt kam. Bis dahin kannte ich Romeu nur aus diesem Interweb, aber natürlich schlug ich ein Treffen vor.

„Ja klar, gerne“, schrieb er zurück. Und, wie junge Menschen heutzutage sind: „Melde dich einfach ein paar Tage vorher nochmal.“

Da musste ich die ständig, immer und überall vernetzte Jugend aufklären, dass das nicht ginge, denn ich würde mit dem Schiff aus Kolumbien kommen. Zwei Wochen auf hoher See, ohne Internet, ohne Telefon. Aber ich wüsste bereits, dass ich am 25. Mai mittags um 12 Uhr im Hafen von Lissabon ankäme. Und wenn nicht, dann würde es sicher in der Zeitung stehen. So wie damals bei der Titanic. Oder, passender für Portugal, bei der Lusitania.

Selbst über die transatlantische Entfernung merkte ich, dass Romeu dachte, ich wolle ihn veräppeln. So weit im Voraus einen Termin festmachen? Und dann zwei Wochen ohne jegliche Kommunikationsmöglichkeit? Im 21. Jahrhundert? Romeu und Mafalda, das sollte ich noch erwähnen, arbeiten für irgendein dubioses Internetunternehmen und können sich deshalb ein Leben ohne Interweb gar nicht vorstellen.

So kam ich, zuverlässig, wie man es nur mit dem guten alten Dampfschiff hinbekommt, Punkt 12 Uhr im Hafen von Lissabon an. Und siehe da, während die meisten Passagiere von Reisebussen oder Drogenspürhunden begrüßt wurden, empfingen mich meine zwei neuen Freunde, Romeu und Mafalda.

9

Vorspulen in der März 2020. Ich bin wieder in Lissabon. Anruf bei alten Freunden. Verabredung zum Mittagessen in der Pizzeria „Bella Ciao“. Der Name weckt Erinnerungen an Bari.

„Ich habe reserviert, weil da mittags immer wahnsinnig viel los ist“, hatte Romeu gesagt. Aber als wir, pünktlich wie ein Ozeandampfer, um 12 Uhr ankommen, ist das Restaurant leer. Die Wirtin und der Koch sind den Tränen nahe.

„Was ist passiert?“ fragen wir.

„Seit einer Woche haben wir kaum mehr Gäste. Wegen dieses Virus in Italien geht niemand mehr in ein italienisches Restaurant“, erklärt die Wirtin den nicht bestehenden Zusammenhang.

„Dabei sind wir aus Brasilien“, ruft der Koch verzweifelt. „Ich war noch nie in Italien!“

Wir diskriminieren gegen niemanden und nehmen gerne Platz.

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Nach der brasilianischen Lasagne führen mich Romeu und Mafalda über so viele Treppen und Hinterhöfe und Dachterrassen, dass ich mich allein überhaupt nicht mehr zurecht fände. Ich weiß nur, dass wir relativ nah am Hafen, an der Burg und eigentlich ziemlich zentral unterwegs sind, und bin umso beeindruckter, wie ruhig und wohnlich manche Gassen wirken.

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Lissabon ist eine Stadt, die mitdenkt.

Kostenlose Wasserspender überall, damit niemand umkippt.

Grüne Parks zum Ausruhen, falls man doch umgekippt ist.

Tolle Museen zu erschwinglichen Preisen. (Für Studenten gibt es obendrein noch 50% Rabatt.)

Einen öffentlichen Nahverkehr, der einen nicht nur von A nach B transportiert, sondern an sich schon ein Augenschmaus und ein Erlebnis ist.

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Und vor den öffentlichen Toiletten gibt es Wartebereiche, wo sich die Angehörigen derjenigen Touristen, die auf Reisen keine Toilette auslassen können (das sind meist die Handysüchtigen, die unbeobachtet instagrammen und whats-up-chatten wollen), währenddessen in die portugiesische Geschichte vertiefen können.

Liebevoll illustriert, selbst wenn Lissabon mal wieder belagert wird.

Und auch dunkle Kapitel, wie Pogrome gegen sowieso schon zwangsgetaufte Juden, werden nicht ausgespart. (Dazu mehr in Kapitel 30.)

Diese humorvolle, selbstkritische und respektlose Darstellung von Geschichte ist mir viel sympathischer als so Nationalbombast wie beim Entdeckerdenkmal unten am Fluss. Aber das kennt Ihr ja aus meiner Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“. Da ging es bisher schon einmal um Portugal. Zumindest am Ende des für jene Serie typisch weitgezogenen Bogens der Geschichte.

Als ich zu jeder der Tafel an dem Wandgemälde inquisitive Fragen stelle, denken sich Romeu und Mafalda wahrscheinlich: „Oje, wieso kann der nicht wie andere Touristen einfach fragen, wo es das beste Eis gibt?“

Aber sie erklären geduldig die Streitpunkte zwischen Absolutisten, Konstitutionalisten, Cartisten und Setembristen, die 32 Putsche und 17 Revolutionen sowie den Einfluss historischer gewerkschaftlicher Organisationsgrade auf die kontemporäre sozioökonomische Entwicklung in verschiedenen Landesteilen.

Erst als niemand von uns dreien darauf kommt, warum trotz Neutralität im Ersten Weltkrieg portugiesische Soldaten an der Westfront in Flandern kämpften (was ich auf dem Grab in Kapitel 4 erfahren habe), sagt Romeu entschuldigend: „Wir sind ja eigentlich keine Historiker. Wir arbeiten bei Google und dürfen im Büro kostenlos deren Suchmaschine benutzen. Nur deshalb wissen wir ein bisschen Bescheid.“ Aber jetzt ist Home-Office (in Portugal verpflichtend), und die jungen Leute sind vom Schwarmwissen abgeschnitten.

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„Das macht doch nichts“, sage ich, “ ich wollte sowieso noch ins Aljube-Museum gehen.“

Dieses Museum in einem ehemaligen Gefängnis ist, wie sich herausstellt, fast um die Ecke, und so kommt Romeu noch mit. Denn, wie das oft so ist, man war in Yad Vashem in Jerusalem und im Metropolitan Museum of Art in New York, aber man kennt die Museen in seiner Heimatstadt nicht.

Mafalda nutzt die Gelegenheit, um sich abzuseilen.

„Bist du Feminist?“ fragt sie zum Abschied.

„Ich bin noch dabei, es zu werden“, antworte ich.

„Gut. Am Sonntag ist 8. März, Internationaler Frauentag. Wir treffen uns um 15 Uhr am Largo de Camões zur Demonstration.“

Ein ganzer Platz voll Frauen? Da sage ich schon aus ganz unfeministischen Motiven zu.

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Aber jetzt schnell ins Gefängnis. Ins Museum, meine ich. Denn um 18 Uhr macht es zu, uns bleiben nur zwei Stunden für mehrere Stockwerke. Plus Dachterrasse mit Café und Ausblick über die Altstadt.

Es gibt so Museen, da geht man einmal durch, bleibt pflichtschuldig vor ein paar Bildern stehen, denkt sich „hm“ und kommt nie wieder.

Das Aljube-Museum ist genau das Gegenteil.

Interessant, aufklärend, informativ. Wechsel zwischen großer Geschichte und persönlichen Schicksalen. Immer wieder denkt man sich „ah, jetzt kapiere ich das“ und hofft, dass man sich alles merken kann. Es ist ein Museum, wo die Eintrittskarte eigentlich für drei Tage gelten sollte, so dass man sich ausreichend Zeit und Pausen zum Nachfragen und Nachdenken nehmen könnte.

Ich blicke immer wieder nervös auf die Uhr, alle anderen Besucher ziehen an uns vorbei, aber Romeu weiß zu jedem Thema noch mehr zu sagen.

Die portugiesische Geschichte im 20. Jahrhundert ist richtig spannend.

Deutschland und Österreich bilden sich ja viel ein auf ihre wilden Zwanziger Jahre, aber Portugal steht dem in nichts nach. 1910 Revolution, Flucht des Königs, danach alle paar Monate ein Staatsstreich, Putsch oder eine neue Revolution. Tiefpunkt in der Lissaboner Blutnacht 1921. Ach ja, das mit dem Ersten Weltkrieg kam so, weil Deutschland Portugal den Krieg erklärt hatte. (Ist auch ziemlich doof, friedlichen, neutralen und sympathischen Ländern einfach so den Krieg zu erklären. Typisch Deutschland.)

Ab 1926 Militärdiktatur, dann ab 1933 Diktatur unter António de Oliveira Salazar. Aljube, das Haus, indem wir jetzt sind, war eines der Gefängnisse der Geheimpolizei PIDE, die unter anderem bei der Gestapo Nachhilfe nahm. So wie die Wachmannschaften der portugiesischen Konzentrationslager von der SS ausgebildet wurden. Allerdings, so brutal sie auch waren, darf man die portugiesischen Konzentrationslager nicht mit den deutschen gleichsetzen. Die Zahl der Toten lag in den Hunderten, nicht in den Millionen.

Vielleicht auch deshalb spielt die Aufarbeitung der Diktatur nicht die gleiche Rolle wie in Spanien oder in Deutschland (obwohl sie natürlich überall verspätet begann). „Vor ein paar Jahren gab es eine Show im Fernsehen“, erzählt Romeu, „bei der die größten Portugiesen gewählt werden sollten. Salazar gewann mit 41%. Viele Menschen sehen das einfach als ‚gute alte Zeit‘.“ Auf den zweiten Platz kam mit 19% ein Kommunistenführer, und erst auf den dritten Platz ein Diplomat, der Tausende von Flüchtlingen vor dem Dritten Reich gerettet hatte. Danach lauter Könige und Seefahrer.

Im Zweiten Weltkrieg blieb Portugal auch neutral und war tatsächlich ein wichtiges Flucht- bzw. Transitland für Menschen, die vor den Nazis flohen. Die Nazis wiederum hatten natürlich schon Pläne geschmiedet, nicht nur Portugal, sondern auch die Atlantikinseln Madeira und die Azoren zu erobern. Aber das wisst Ihr ja aus meiner bahnbrechenden Recherche von ebendort, in der ich auch die Verbindungen zu Atlantis und zum Heiligen Gral aufdecke.

„Der wirkliche Held“, sagt Romeu trocken, „war der Stuhl, von dem Salazar 1968 fiel und sich eine Hirnblutung zuzog.“ Weil man davon ausging, dass der 79-Jährige nicht mehr lange leben würde, wurde bereits ein Nachfolger gekoren. Als sich Salazars Zustand wieder besserte, traute sich niemand in seiner Umgebung, ihm mitzuteilen, dass es bereits einen neuen Premierminister gab. Man ließ ihn also weiter Kabinettssitzungen abhalten und Anordnungen unterzeichnen, bis er zwei Jahre später endlich starb.

So richtig schlau wird man irgendwie nicht aus Portugal.

18 Uhr, wir sind noch immer im 2. Stock, in den ehemaligen Zellen für die politischen Gefangenen. Ein Wärter erinnert uns freundlich, dass sie jetzt schließen müssen. Schade, denn im 3. Stock ginge es um die Kolonialkriege, die Nelkenrevolution von 1974 und wie alles mit Salazars Verbot von Coca-Cola (und das wiederum mit Fernando Pessoa, dem Schriftsteller aus Kapitel 7) zusammenhängt. Romeu fängt schon wieder an zu erklären, der Wärter ermahnt uns noch zweimal ganz vorsichtig, dass sie nur wegen uns noch nicht zusperren können. (In Deutschland wären wir schon lange angeraunzt, in den USA erschossen worden.)

Na gut, in dieses Museum muss ich sowieso ein zweites Mal gehen.

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Der Amoreiras-Park ist schön, der Schriftsteller Adolfo Simões Müller hat hier eine Statue bekommen, und eine junge Frau sitzt auf einer Bank und lernt für die Universität. Aber hier tummeln sich auch die ganzen Kinder, die wegen Virusgefahr schulfrei haben. Die Menschen in Portugal sind sehr nett und höflich, das habt Ihr hoffentlich schon gemerkt. Nur die Kinder sind ein bisschen ungezogen. Die laufen einfach rum und spielen Ball und so Unfug.

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Da erspähe ich ein rettendes kleines Museum, das für Arpad Szenes und Maria Helena Vieira da Silva. Sie waren Maler, ein Paar und haben sich hauptsächlich gegenseitig gemalt, wie man das von heutigen Paaren kennt, deren Paarsein oft in wenig mehr als im gegenseitigen Fotografieren besteht.

Wenn Arpad mal etwas anderes malen wollte, machte Maria eine Szene: „Was soll das?“ „Das gefällt mir überhaupt nicht.“ „Das kauft niemand.“ Und so weiter, so dass er aus Trotz immer düsterer und unleserlicher malte und damit unbeabsichtigt die moderne Kunst begründete.

Und wenn Arpad sich nicht malen lassen wollte, gestaltete Maria eine U-Bahn-Station.

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Nur gut, dass Fernando Pessoa aus Kapitel 7 keine U-Bahn-Stationen illustriert hat, sonst würden sie siebzehnmal am Tag den Namen wechseln. Mir reicht schon, dass ich immer wieder die Haltepunkte Areeiro und Arroios verwechsle. Mehrmals steige ich falsch aus und laufe den Kilometer zwischen beiden Stationen zu Fuß, vorbei an dem beleuchteten, massiven Springbrunnen am Boulevard Dom Afonso Henriques.

Das ist so ein Bauwerk, bei dem man gar nicht nachschlagen muss, von wann es ist, weil es die Diktatur aus allen Poren atmet. Der Park zu Fuß des Springbrunnens ist übrigens der einzige Ort in Lissabon, wo nachts ein bisschen dubiose Stimmung herrscht. (Und vielleicht noch der Gefängnishügel aus Kapitel 22-24, aber da geht eh kein normaler Mensch hin.)

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Mein nächster Stopp ist der Botanische Garten hinter dem Naturkundemuseum. „Eintritt nur mit Ticket“, steht an der Schranke, aber die nette Dame im Kassenhäuschen sagt, dass ich einfach so reingehen kann. Das sind die kleinen Freuden des Reisenden mit schmalem Budget.

Botanische Gärten sind mein Erholungstipp für jede Stadt. Eine Oase der Ruhe, eine grüne Lunge, ein kleiner Naturdschungel im Großstadtdschungel. Hier hört man weder Autos noch Flugzeuge, und auch die Menschen, die auf der Straße noch hektisch und gestresst waren, werden ganz ruhig und entspannt.

Als eine sehr abgemagerte und zerzauste Katze wehklagend vorbei eilt, bemerke ich meinen eigenen Hunger. Gegenüber vom Botanischen Garten ist das Bistro „Real Principe“, das im Schaufenster ganz leckere Süßsachen offeriert.

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Beim Bestellen vor der Schlaraffenvitrine mischt sich eine Kundin auf Englisch ein: „Sie müssen unbedingt Pastéis de Nata versuchen!“ Dankend greife ich den Vorschlag auf und setze mich und das volle Tablett einfach zu ihr an den Tisch.

Carolina hat ihren Job als Buchhalterin aufgegeben, weil es gleichzeitig zu stressig und zu langweilig war. Eine Kombination, die ich nur zu gut kenne und ein Grund, warum ich nicht mehr als Rechtsanwalt arbeite. Seither zieht sie um die Welt, ohne festen Job, ohne Haus und ohne Bausparvertrag. Das ist angenehm, weil man sich mal nicht erklären muss. Keine doofen Fragen wie „Was machst du, wenn du einmal alt bist?“ oder „Aber was ist mit der Rente?“

Lissabon findet sie „putzig, aber etwas klein“, was mich dann doch aus den Socken haut, weil die Stadt so groß ist, dass ich mich schon am ersten Tag entschieden habe, im Wesentlichen nur das Viertel zu erkunden, in dem ich zufällig gelandet bin. Aber Carolina kommt aus Buenos Aires bzw. New York, da ist sie natürlich anderes gewöhnt. (So wie die Chinesin, die Wien als Kleinstadt empfand.)

Im Überschwang habe ich mir so viel Kuchen aufs Tablett geladen, dass ich jetzt den ganzen Nachmittag damit beschäftigt bin. Dabei wollte ich um 15 Uhr eigentlich auf dem Camões-Platz sein, wo zum Weltfrauentag die Kundgebung stattfindet, die als Frauenstreik angekündigt ist. Das ergibt am Sonntag nur leider wenig Sinn, wenn am Montag die Frauen wieder an der Supermarktkasse, auf der Röntgenstation und in der Bibliothek sitzen, obwohl sie durchschnittlich weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Leider hat niemand mehr den Mut zu einem richtig langen Streik. Und die, die ihn hatten, verschwanden im Gefängnis oder in einem der Lager. Unter anderem auf den Azoren, wie ich im Aljube-Museum (Kapitel 14) gelernt habe. Mal sehen, ob ich dort noch den einen oder anderen alten Exilanten antreffen werde.

Dabei wäre gerade eine Pandemie, die für die nächsten zwei Jahre oder so alles lahmlegen wird, die perfekte Gelegenheit, um mal in Ruhe nachzudenken, welche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung man eigentlich will. Das Hamsterrad anhalten. Eine Pause einlegen. Weniger produzieren, weniger konsumieren, weniger hetzen, öfter mal im Botanischen Garten sitzen. Singen. Schreiben. Lesen. Oder meinetwegen malen.

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Am frühen Morgen schläft die Stadt noch. Das ist die Gelegenheit, endlich der Frage nachzugehen, die einem beim Spaziergang durch Campolide ins Auge sticht: Wohin führt eigentlich das Aquädukt, das hier überall auf- und dann wieder untertaucht?

Durch intensives Studium von Landkarten, Topographie und der Geschichte der römischen Besiedlung von Olisipo glaube ich, den richtigen Punkt zum Einstieg in diese Wasserleitung gefunden zu haben.

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Eine alte Frau trägt einen Wasserkanister und ein Riesenpaket Toilettenpapier die Rua Professor Sousa da Câmara hinauf. Die muss ich noch passieren lassen, dann hüpfe ich über eine Mauer, lasse mich einen Schacht hinab und lande im Wasser. In frischem, klaren Trinkwasser, wie es in jedem Park kostenlos aus den Brunnen sprudelt (siehe Kapitel 11).

Ewig lang ist der Tunnel und ziemlich horizontal, was mich verwundert, denn ich dachte eigentlich, am höchsten Punkt in den Aquaverteiler eingestiegen zu sein. Wo kann das hinführen?

Ich wate in die Richtung, aus der das Wasser fließt. Alle 50 Meter oder so kommt Licht in den oberirdischen Tunnel, aber die Fenster sind zwischen 3 und 4 Metern über mir, ich kann also nicht hinausblicken. Außerdem wäre der Ausgang nach oben vergittert.

Getreu dem Motto einer kommunistischen Untergrundzeitung, die ich im Aljube-Museum (Kapitel 14) gesehen habe, gibt es nur einen Weg: Avante! Vorwärts!

Ich bemerke, dass die dicken Mauern den Handy-Empfang und die GPS-Ortung verhindern, so dass ich weder weiß, wo ich bin, noch jemandem mitteilen könnte, dass ich nicht weiß, wo ich bin, aber zwar nicht verdursten, wohl aber irgendwann verhungern werde. Außerdem dürfte ich hier nicht einmal pinkeln, weil es direkt ins Trinkwasser geriete.

Aber da fehlt tatsächlich in einem der Türme das Gitter. Es sind genügend vorstehende Steine sowie Bruchstellen im Mauerwerk, dass ich, wenn auch mit Müh‘ und Not, nach oben klettern und mich in die Freiheit hieven kann.

Es ist, wie wahre Freiheit so ist, ein gleichzeitig atemberaubendes und beängstigendes Gefühl. Ich bin hoch über der Stadt! Auf einem Aquädukt, das seit 300 Jahren steht und sogar das große Erdbeben von 1755 überlebt hat. Ein Wahnsinnsaus- und -anblick. Jedes Stolpern, jeder Fehltritt, jeder Windstoß wäre jetzt tödlich. Ein Schild weist stolz darauf hin, dass ich von hier 65 Meter in die Tiefe fiele.

Aber weil die Leserschaft immer wieder Fotos fordert, muss ich waghalsig von der einen zur anderen Seite klettern. (Ehrlich, diese Fotografiererei bringt mich irgendwann ins Grab. Könnt Ihr Euch nicht damit abfinden, dass ich lieber nur schreibe? Als das Aquädukt gebaut wurde, hat auch noch niemand fotografiert, und alle waren glücklich.)

Faszination siegt über Furcht, und ich gehe jetzt außen, auf der Mauer, nach Westen, wo ich sehe, dass sich die tiefe Senke hebt und den Abstand zwischen Erdball und Ingenieurskunst verringert. Fast laufe ich, wie wenn ich die Gefahr dadurch verringern könnte, so wenig Zeit wie nötig in schwindelnden Höhen zu verbringen. Auf den letzten Metern, wo das Aquädukt mit einem bewaldeten Hügel zusammenwächst, lasse ich alle Vorsicht fallen und renne an das rettende Ufer.

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Anscheinend schaffen nicht viele den Weg, denn der Berg ist seltsam unbevölkert. Über die Straßen rauscht manchmal ein Polizeiauto. Es gibt Aussichtspunkte mit Unterständen, Park- und Grillplätzen, aber alles sieht ein bisschen verfallen und verlassen aus. Die Rastplätze sehen aus, wie wenn man hier Gefangene exekutieren würde.

Mancherorts steht einsam ein Motorrad oder ein Auto, und wenn ich vorbeispaziere, werde ich misstrauisch und intensiv beäugt. Hier treffen sich wohl die Drogendealer. Und die Freundinnen, die ihre Freunde, sowie die Männer, die ihre Frauen betrügen.

Immer wieder stoße ich im Wald auf die Türme, die anzeigen, dass darunter das Aquädukt verläuft. Oder eines der Aquädukte, sollte ich richtigerweise sagen, denn die Gesamtlänge beläuft sich auf weitverzweigte 58 km. Gut, dass ich den Ausstieg gefunden habe; aus diesen Türmen wäre ich nie entkommen. Und nach ein paar Tagen im Aquäduktlabyrinth (ein tolles Wort für Scrabble!) dreht man wahrscheinlich durch.

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Es ist ein seltsam spukiger Ort, dieser Monsanto-Berg. Auf den Fotos sieht er wahrscheinlich ganz schön und grün aus, aber ich habe ein komisches Gefühl, das ich sonst in der Natur nicht habe. Die Vögel mögen zwitschern, die gelben Blumen mögen blühen, aber hier liegen Niedertracht und Grausamkeit in der Luft, kommt mir vor. Wahrscheinlich gibt es sogar Schlangen.

Von einem der verlassenen Betonbunker, dessen Besteigung nach dem Aquäduktabenteuer ein Kinderspiel ist, bietet sich ein spektakulärer Blick über Lissabon. Jetzt erst sehe ich das von mir überquerte Aquädukt in seiner ganzen Pracht. Wow. Das war vielleicht schon ein bisschen verrückt.

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Als ich mich dem Gipfel nähere, sehe ich ein paar Gebäude. Zuerst vermute ich einen Bauernhof, dann ein Kloster, aber schließlich erkenne ich es: Hier ist also das Gefängnis. Und daneben das Strafgericht. So abgeschieden, dass das Recht auf ein öffentliches Verfahren nur mehr auf dem Papier steht.

Jetzt weiß ich auch, woher die ganze Zeit die negative Aura geweht hat.

Schnell weg hier!

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Nachdem ich den über das Aquädukt zurückgelegten Weg aus der Vogelperspektive gesehen habe und zugeben muss, dass das ein bisschen waghalsig war, bin ich vernünftig genug, die Schwerkraft kein zweites Mal herauszufordern. Es muss ja auch einen anderen Weg zurück nach Lissabon geben, denke ich mir, und schlage die grobe Richtung ein. Und finde einen wahrlich paradiesischen Ort. Eine Wiese, so saftig, grün und friedlich. Von der Sonne bestrahlt, aber nicht brutal und erbarmungslos, sondern sanft und zärtlich. Und dazwischen Bäume. Schöne, seltene Bäume. Meine Lieblingsbäume.

Wo Korkeichen sind, machen Menschen Wein und Pinnwände. Da kann man sich getrost niederlassen.

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Erst am Abend fällt mir ein, dass ich ja noch auf die Azoren fliegen muss. Dort werde ich schließlich zum Housesitting erwartet. Tja, jetzt wird es doch ein bisschen hektisch. Irgendwie den Weg zurück in die Stadt finden, den ersten Bus nehmen, dessen Ziel einem bekannt vorkommt, den Rucksack packen und ab zum Flughafen.

Immer wieder wird vor Taschendieben gewarnt, aber im Bus Nr. 426 steigt an der Haltestelle nach dem Gefängnis (ein anderes als das auf dem Berg; ich meine das mitten in der Stadt, das aussieht wie eine Burg) eine Frau ein und sagt dem Busfahrer, dass sie heute ihre Handtasche im Bus liegen hat lassen.

„Ach ja, die habe ich hier“, sagt er und reicht ihr die Ledertasche.

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Am Flughafen tragen die ersten Passagiere schon Ganzkörperschutzanzüge gegen das Virus.

Und dann geht es auf die Azoren.

Romeu, Mafalda und Carolina hatten zu meinem Reiseziel jeweils nur zwei Aussagen zu machen: „Da gibt es das zarteste Fleisch, den besten Käse und die leckerste Milch“ und „Die sprechen dort so ein komisches Portugiesisch, dass sie im Fernsehen Untertitel verpasst bekommen“. Also wie in der Schweiz. Nur mitten im Atlantik.

Aber drei Monate sind für einen Meisterreporter genug, um zu beweisen, dass es auf den Azoren mehr gibt als nuschelnde Menschen und glückliche Kühe. Bald würde ich explodierende Vulkane, haarsträubende Überfälle, im Sturm sinkende Fähren und abgefackelte Klöster überleben, christliche Geheimgesellschaften infiltrieren und im Büro der Deutsch-Atlantischen Telegraphengesellschaft spionieren. (Letztere Geschichte ist so geheim, dass ich mich noch gar nicht getraut habe, sie zu veröffentlichen.)

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Vorspulen: drei Monate später.

Die Auszeit auf den Azoren war wunderbar, aber irgendwann gingen wieder Flüge, wenn auch mit Umwegen, und ich musste zurück aufs Festland. Wie schon festgestellt, führen alle Wege durch Lissabon, und so bleibe ich auch im Juni 2020 ein paar Tage in dieser hübschen Stadt hängen.

Aber es ist eine andere Stadt als sonst.

Auf der Praça do Comércio, dem Platz des Handels, hatte Mafalda im März erstaunt ausgerufen: „Ich habe hier noch nie so wenige Leute gesehen!“

Drei Monate später, im Juni, sieht der berühmteste Platz Lissabons so aus:

Vor drei Monaten erschienen noch Artikel über Overtourism. Jetzt ist die Stadt zwar nicht ganz menschenleer, aber auch nicht geschäftiger als eine unbedeutende Kreisstadt. So ruhig war Lissabon nicht mehr seit der Zerstörung durch die Wikinger im Jahr 844. (Weswegen es nicht so lustig ist, sich als Reisebüro „Wikinger-Reisen“ zu nennen und erneut in Lissabon einzufallen.)

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Im Bus Nr. 736 ermahnt der Fahrer einen Passagier lautstark, seine Schutzmaske richtig aufzusetzen. Er hört sich fuchtig an, dabei meint er es nur gut. Es steigt nämlich gerade ein Polizist ein.

Die Polizeibeamten in Portugal tragen übrigens ihren Vor- und Nachnamen auf der Uniform, was sie anders als ihre deutschen Kollegen nicht als Generalverdacht auffassen, sondern was zu einem höflicheren und zivilisierten Umgang (beiderseits) führt.

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Ich muss ein paar Tage in Lissabon bleiben, bevor ich nach Deutschland fliegen kann. (Der grenzüberschreitende Zugverkehr wurde eingestellt. Trampen während einer Pandemie kann zwar funktionieren, aber Lissabon-Amberg ist unter diesen Umständen doch ein bisschen weit.)

Dieses Mal muss ich sogar ohne Romeu und Mafalda auskommen. In Portugal nehmen die Menschen die Gesundheit ihrer Mitmenschen ernst. Sie bleiben zuhause. Hier gibt es nicht so Krawalle wie in anderen Ländern, nicht diesen kurzsichtigen Egoismus. Hier gibt es Schutzmasken für alle, kostenlos ins Haus geliefert. Impfungen für alle, hervorragend organisiert. Home-Office, aber mit Schutz vor Störungen außerhalb der Arbeitszeiten.

Portugal ist so, wie die Welt sich Deutschland vorstellt: gut organisiert, lösungsorientiert, sachlich. Nur dass es hier tatsächlich stimmt. Zudem noch sympathisch, herzlich, menschlich. Ohne Tamtam, ohne Großspurigkeit, ohne Angeberei. Eben ein Land, wo der Staatspräsident selbst in den Supermarkt geht und sich artig in die Schlange stellt.

Oder jeden Tag Schwimmen geht und manchmal Menschen vor dem Ertrinken rettet.

Eine Sache muss ich noch erwähnen, um zu zeigen wie Portugal tickt. Erinnert Ihr Euch an den anti-jüdischen Pogrom in Kapitel 12? Es war nicht der erste. 1492 und 1496 wurden fast alle Juden aus Portugal (und aus Spanien) vertrieben. So weit nichts Besonderes, leider, die Geschichte kennt keinen Mangel an Pogromen. – Aber Portugal gewährt seit 2015 den Nachfahren der im Mittelalter Vertriebenen als Restitution die portugiesische Staatsangehörigkeit. Ohne allzu viel Papierkram, weil über 500 Jahre ja schon einmal die eine oder andere Geburtsurkunde verloren gehen kann.

Und wenn man es nicht mehr aushält, in so einem sympathischen Land zu leben, und zu Drogen greift, dann bekommt man keine Haftstrafe, sondern Hilfe.

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Apropos Drogen:

Dem Drogenhändler an der Ecke Rua da Vitória / Rua dos Fanqueiros it so langweilig, dass er, obwohl er mich jetzt schon als Abstinenzler kennt, jedes Mal zum Kauf von Haschisch, Mariuhana oder Kokain überreden will.

„Ich gebe dir die erste Portion gratis“, bettelt er. „Du würdest mir damit echt helfen. Mein Geschäft ist vollkommen eingebrochen.“

Schon wieder eine Branche, die bei der Rettung von Kleinunternehmen übersehen wird. Und die wahrscheinlich nicht so einen Radau machen wird wie der Autokorso von Jahrmarktschaustellern, der am Abend protestierend durch die Stadt fährt.

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Überhaupt wäre gerade eine gute Zeit für Autokorsos, denn die Straßen sind wie leergefegt.

Ganz allein sitze ich den Parks, die sonst vor Touristen und denen, die an Touristen verdienen wollen, wimmeln.

Die Straßenbahnen drehen leer ihre Runden.

Der Aufzug bei Santa Justa fährt leer auf und ab.

Erinnert Ihr Euch an das Foto vom Flughafen in Kapitel 27, das mit dem Kapuzenmann?

Drei Monate später ist auch der Flughafen wie ausgestorben.

Und ganz allein begehe ich den 75. Jahrestag des Sieges über den Nazifaschismus. Weil Coca-Cola während der Diktatur verboten war (siehe Kapitel 14), darf man in Portugal sogar als Kommunist mit diesem erfrischenden Brausegetränk feiern.

Oje, das ist so ein Foto, das die Bild-Zeitung in 20 Jahren rauskramen und in einer vollkommen konstruierten Geschichte verwenden wird, um meine Karriere zu zerstören. Das sehe ich jetzt schon kommen. Deshalb lasse ich das mit der Karriere lieber gleich sein. Lohnt die Mühe nicht.

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„La Vita è Bella“ steht trotzig an einem geschlossenen Restaurant.

Das Zentrum für traditionelle chinesische Medizin ist verwaist und geschlossen. Wenn es ernst wird, gehen die Leute halt doch lieber zu richtigen Ärzten.

An der Hotel- und Touristikschule prangt noch das Motto „Ordnung und Arbeit“, aber jetzt ist die Zeit für einen geordneten Rückzug. Gar nicht so schlimm, finde ich.

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Am Ufer des Tejo schwappt eine Flasche an den Strand. Ich denke an die Flaschenpost, die ich von den Azoren losgeschickt habe. Wo die jetzt wohl sein mag? Gefunden wurde sie noch nicht. Zumindest hat sich niemand gemeldet. Ob ich das noch erleben werde? Wie viele Flaschenposten wohl gerade auf den Weltmeeren schwimmen? Und wie viele entdeckt werden?

„Hey, Andreas“, ruft plötzlich jemand und reißt mich aus den Gedanken über die Strömungen auf den Weltmeeren.

Habt Ihr auch so Freunde, die überall auf der Welt auftauchen, egal ob Ihr gerade in Wien, in Antwerpen oder eben in Lissabon seid? Bei mir ist das Johann, den ich kenne, seit er mich als Sprecher zu einer TEDx-Konferenz in Târgu Mureș eingeladen hat. Wir lebten damals beide zufällig in dieser sympathischen Stadt in Rumänien, sind aber wohl beide eher zu Weltreisen veranlagt.

Was er in Lissabon macht, lässt sich nicht so genau eruieren. Aber ein paar Monate später kommt ein Film raus, in dem jemand, der erstaunliche Ähnlichkeit mit Johann aufweist, die nordkoreanische Waffenindustrie infiltriert.

Manchmal ist es besser, nicht nachzufragen.

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Ach ja, viele Leute kommen nach Lissabon, um Kacheln zu fotografieren. Ich weiß nicht warum. Es sind halt Kacheln. Oder Fliesen. Ich weiß gar nicht, was der Unterschied ist. Wen das wirklich interessiert, der muss ins Kachelmuseum gehen. Ja, so etwas gibt’s. Manche Leute nehmen diese Azulejos echt ernst.

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Oje, jetzt wollt Ihr sicher wissen, wo das ist? Na gut, die letzten Fotos sind aus dem Garten des Palácio Fronteira. Und weil ich schon dachte, dass Euch der gefällt, habe ich noch ein paar Eindrücke von dort mitgebracht.

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Es ist später Nachmittag geworden im Garten des Palácio Fronteira.

Unter einem Baldachin aus Blauregen sitzt ein Mädchen und liest ein Buch. Es ist gleichzeitig ein schöner und beruhigender Anblick. Wie gut, dass Menschen die Muße haben, sich dem Alltagsstress zu entziehen. Wie weise, dass ihnen solitäre Lektüre wichtiger ist als oberflächliche Gesellschaftigkeit. Ach, wenn doch mehr Menschen erkennen würden, dass ein Buch die eigene Attraktivität viel mehr steigert als teure Handys oder Schuhe.

Verstohlen mache ich ein Foto.

Palacio Fronteira girl with book

Ich will sie nicht stören, aber das Fräulein hat mich inspiriert, und unter dem Glyziniendach versteckt sich die einzige Sitzgelegenheit im Park. Rücksichtsvoll setze ich mich ganz ans andere Ende der Bank, packe ebenfalls ein Buch aus und lese den romantischen Schluss von Remarques „Die Nacht von Lissabon“.

Wir wechseln kein Wort.

Wir wechseln keinen Blick.

Dabei würde mich interessieren, was sie liest.

Nur einmal höre ich, wie ihre Handykamera klickt. Wahrscheinlich hat sie ein Foto von mir gemacht, ebenfalls verstohlen, weil ihr sonst niemand glaubt, dass es noch mehr öffentliche Leseratten gibt. Ich tue so, wie wenn ich es nicht gemerkt habe, und lese unbewegt weiter.

So verbringen wir eine halbe Stunde in der nicht mehr allzu starken, aber noch ausreichend wärmenden Sonne. Jeden Strahl und jede Seite saugen wir auf. Bis die Dame, der das Schloss gehört, vorbeikommt und verkündet, dass sie den Park nun schließen werde, weil es gleich 17 Uhr sei.

Das Mädchen geht vor mir durch das Labyrinth aus Hecken und dreht sich noch einmal neugierig um, als sie durch das große Tor auf die Straße tritt. Wieder gebe ich vor, es nicht zu bemerken. Dann geht sie in die eine, ich in die andere Richtung.

Selten gehen Mann und Frau so glücklich und erfüllt auseinander. Vielleicht sollten wir all unsere Kontakte so abwickeln. Dann gäbe es auch keine Überbevölkerung.

Praktische Tipps:

  • Den Eingang zum Aquädukt findet Ihr in der Calçada da Quintinha, geöffnet von Dienstag bis Samstag, von 10 bis 17:30 Uhr. Eintritt 3 €. Das Aquädukt gehört zum Wassermuseum, das auch Führungen in unterirdischen Tunneln, in Wasserspeichern und in Pumpstationen anbietet.
  • Für das Museum im Aljube-Gefängnis solltet Ihr Euch wirklich ein paar Stunden Zeit nehmen. Es ist eine hervorragende Einführung in die Geschichte Portugals im 20. Jahrhundert. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag, von 10 bis 18 Uhr. Eintritt 3 €.
  • Erst später habe ich erfahren, dass es in Lissabon nicht nur den Botanischen Garten beim Naturkundemuseum (Kapitel 18), sondern auch einen in Ajuda, einen für Tropenpflanzen und wahrscheinlich noch so einige gibt.
  • Der beste Reiseführer zu Lissabon ist der von Johannes Beck aus dem Michael-Müller-Verlag.

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Nordkoreanische Motivationsmusik

Gerade war dieser eine Tag im Jahr, ab dem alles besser wird. Gesünder essen, früher aufstehen, fleißiger studieren, produktiver arbeiten und natürlich Sport, Sport, Sport.

Ganz wichtig bei all diesen Unterfangen ist die richtige Musik!

Wegen des Föderalismus in der Bundesrepublik Deutschland darf das Bundesbildungsministerium leider keine studentenmotivierenden Lieder veröffentlichen. Und die Kultusministerkonferenz kann sich auf kein einheitliches schüler- und studentenmotivierendes Lied einigen, weil Bayern unbedingt etwas mit Humptata-humptata haben will, was alle anderen Bundesländer verständlicherweise ablehnen.

Und so müssen sich hiesige Studenten und Studentinnen zur morgendlichen Motivation bei der nordkoreanischen Propaganda bedienen. (Untertitel aktivieren, falls Ihr kein Koreanisch versteht!)

Auch in der Arbeit flutscht alles viel besser, schneller und produktiver, wenn mehrmals am Tag spontan die Musik aus den Lautsprechern erschallt und die Werktätigen für ein paar Minuten vom Schreibtisch holt. Hier das Arbeitsertüchtigungsballett der Patriotischen Kleiderfabrik Wonsan.

Die Arbeiterinnen wissen genau, wie sie sich zu der schwungvollen Musik bewegen müssen, weil sie von klein auf vor dem Fernseher die nordkoreanische Frühsportroutine verfolgt haben, die das ganze Land fit und beweglich hält. (Oder habt Ihr schon einmal einen dicken Nordkoreaner gesehen? Na gut, den einen. Aber der hat ja auch viel zu tun und keine Zeit zum Fernsehgucken.)

Jetzt wissen wir, bei wem Jane Fonda die Idee mit den Aerobic-Videos geklaut hat.

Oder fällt es Euch grundsätzlich schwer, sich am Morgen zu motivieren und beschwingt in den Tag zu starten? Auch das ist kein Problem. Ihr ruft einfach bei der Zentralen Koordinationsstelle zur Bereitstellung von arbeitswegbegleitender Motivationsmusik an, gebt Uhrzeit und Route durch, und schon wird die Fahrt zum Büro oder in die Fabrik zum Freudenfest.

Aber Vorsicht, manchen Leuten steigt das zu Kopf.

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Letzter Sonnenuntergang 2021

Und so senkt sich die Sonne über ein Jahr, in dem ich fast nichts von dem erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte.

Andererseits hätte ich sowieso keine Zeit für alles gehabt.

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Silvesterwanderung

Zum Jahresende gibt es von mir keine Ansprache. Dafür – und ich weiß gar nicht, wofür sonst – haben wir ja den Bundespräsidenten. Von mir gibt es nur ein paar Fotos von der Wanderung, die ich heute in der Gegend in Baden-Württemberg unternommen habe, in der ich gerade ein Haus, zwei Hasen und zwei Wellensittiche hüte.

Heute – gar nicht wegen Silvester, sondern wegen des Wetters – war mein „sakulärer Sabbat“, den ich einmal pro Woche einlege. Ich bin froh, dass ich zu dieser Routine gefunden habe, einen Tag pro Woche in der Natur und ohne Internet, Telefon oder Arbeit zu verbringen. – Falls Ihr noch einen Neujahrsvorsatz sucht, probiert das doch mal aus!

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Vor hundert Jahren begann die Kanalbuddelei – Dezember 1921: Rhein-Main-Donau-Kanal

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Die Welt macht sich lustig, weil Deutschland über 20 Jahre zum Bau eines Flughafens gebraucht hat. Es gibt dazu einen guten Podcast, „How to fuck up an Airport“, allerdings nur auf Englisch, weil er in Deutschland verboten wurde.

Böse Zungen weisen darauf hin, dass selbst der Suezkanal und der Panamakanal innerhalb von zehn (1859-1869) bzw. acht (1906-1914) Jahren fertiggestellt wurden.

Aber der Vergleich ist unfair. Denn das waren nur 162 bzw. 82 km lange Gräben durch steiniges, unwegsames Gelände oder die Wüste, wo ein Teil des Aushubs von Hand erfolgt und mit Kamelen beiseite geschafft werden musste, wo man mit Malaria kämpfte, enorme Höhenunterschiede überwinden und eine eigene Eisenbahn für Arbeiter und Gerät errichten musste. Jeder muss erkennen, dass das ein Klacks ist im Vergleich zum hochkomplexen Betonieren eines flachen Feldes in Brandenburg.

Für einen passenderen Vergleich sehen wir uns heute ein Kanalbauprojekt an, bei dem Deutschland unter Beweis stellte, dass es so einen Wassergraben ebenfalls ruck-zuck fertigstellen kann.

Nein, ich meine nicht das Kattara-Projekt. Das wäre eher bumm-bumm als ruck-zuck gewesen. (Ist aber auch eine echt gute Geschichte. Lest da mal rein!)

Heute soll es um den Rhein-Main-Donau-Kanal gehen. Der war deshalb notwendig, weil Deutschland zwar gesegnet ist mit den mächtigsten Flüssen der Welt, dem Rhein und der Donau, von diesen der eine in die Nordsee und der andere ins Schwarze Meer fließt, sich diese beiden Flüsse aber leider auf natürlichem Wege nicht kreuzen.

Wenn man also von Köln nach Konstantinopel oder von Regensburg nach Rotterdam schippern wollte, musste man den weiten Umweg über den Ärmelkanal, die Biskaya, den Atlantik, die Straße von Gibraltar, das Mittelmeer und das Schwarze Meer auf sich nehmen. Weil dort hinter jeder Ecke Korsaren und U-Boote lauerten, war das eine gefährliche und lange Fahrt. Deshalb schwimmen da heute noch überall Container im Meer und rammen unschuldige Segelboote auf Weltrekordversuch.

Deutschland war bekanntlich das Land, das den Umweltschutz erfand, und spätestens mit dem Einzug der Grünen in den Reichstag war diese Containerverliererei untragbar geworden.

Auf der Karte oben seht Ihr, dass der Rhein über einen an sich unbedeutenden Nebenarm verfügt: den Main. Dessen Plörre ist so ungenießbar, dass man sie eigentlich nur zum Bewässern von zweitklassigen Weinbergen verwenden kann. Aber, angespornt durch die Nachrichten vom Panama- und vom Suezkanal, hatten die Damen und Herren Ingenieure bald die Idee, die 172 km zwischen Main (und damit Rhein) und Donau mit einem Kanal zu verbinden, was eine durchgehende Wasserstraße von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer schaffen würde.

Für die Freunde der Kanalkunst muss ich hier, schließlich ist dies nicht nur ein Geschichts- sondern auch ein Reiseblog, darauf hinweisen, dass es in Europa Hunderte von Kanälen gibt, die sich allesamt für wunderbar entspannte Wanderungen oder Radtouren eignen. Entlang eines Kanals ist nämlich die Orientierung einfach, so dass man weder auf Landkarte, noch auf sonstwas achten muss, sondern einfach das Plätschern und die Blicke auf die Dampfer genießen kann.

Kleine Kanäle wie in Tschechien, die schon vor 500 Jahren zur Ent- und Bewässerung, zum Betrieb von Mühlen sowie zum Holztransport entstanden (siehe Kapitel 31 meines Berichts aus Marienbad).

Kanal2

Schifffahrtskanäle, die seit der Industriellen Revolution ganz Großbritannien, Belgien, die Niederlande und Frankreich durchziehen.

Zwei Kanäle, die Frankreich durchschneiden, um Atlantik und Mittelmeer zu verbinden.

Der etwas bombastischere Kaiser-Wilhelm-Kanal, der Nord- und Ostsee verbindet (siehe dazu meinen Artikel zur Überquerung dieses Kanals mit dem Zug, den Ihr auf dem Bild rechts oben ins Bild dampfen seht).

Und natürlich die Kanäle durch den Spreewald, wo ich diesen Herbst war.

Ehrlich, Leute, sucht Euch einfach einen Kanal und wandert, schlendert, radelt und staunt! (Und staunt noch mehr, wenn der Weg durch ein Atomkraftwerk führt.) Aber jetzt wieder zurück zu den Untiefen der Kanalbaugeschichte.

Diese Reihe heißt „Vor hundert Jahren …“, also muss es heute um ein Ereignis aus dem Dezember 1921 gehen, wenn Ihr und ich richtig gerechnet habt. Aber weil Weihnachten ist und Eure aus China bestellten Geschenke auf Nimmerwiedersehen in einem dieser Container im Meer schwimmen, packe ich Euch die Vorgeschichte noch gratis dazu.

Und zur Vorgeschichte müssen wir sehr weit zurückgehen. Ins Mittelalter. Zu Karl dem Großen. Dieser Karl war damals noch König, ahnte aber schon, dass er früher oder später zum Kaiser von praktisch ganz Europa gekrönt werden würde (was im Jahr 800 tatsächlich geschah). Als Gründungsvater der Europäischen Union wollte er die Schifffahrt von der Nordsee zum Schwarzen Meer ermöglichen und bat den Hofgeographen, Kartenmaterial zu wälzen, um eine geeignete Stelle zu finden.

Weil die Schiffe damals kleiner als heute waren, konnten sie auch die dünnen Nebenarme der großen Flüsse befahren. In der Nähe von Treuchtlingen fließen die Rezat und die Altmühl nur wenige Kilometer aneinander vorbei. Die eine fließt in den Rhein, die andere in die Donau, also musste man sie nur noch verbinden.

Und so begann tatsächlich der Bau des etwa 3 km langen Karlsgrabens oder der „Fossa Carolina“. Im Jahr 793.

Man denkt sich jetzt: „Hui, ein Kanal vor 1228 Jahren??“, aber das war bei weitem nicht der erste. Ägypter, Perser, Chinesen und Römer hatten schon Kanäle gebaut. Den Weltrekord hatte natürlich wieder China aufgestellt, mit dem 1800 km langen Kaiserkanal.

Ich will das nur sagen, falls noch jemand glaubt, Europa oder gar Deutschland sei die Wiege der Ingenieurskunst. Ist es nicht. Denn der 3 km lange Karlsgraben wurde nie ganz fertiggestellt.

Vielleicht verlor Karl das Interesse und wandte sich anderen Projekten zu. Vielleicht hatte er im Kino „Die Höllenfahrt der Poseidon“ gesehen und war plötzlich gar kein Freund von Schiffsreisen mehr. Oder ihm fiel ein, dass Kolumbus, Magellan und Vespucci die Seefahrt erst 600 Jahre später erfinden würden, so dass wirklich keine Eile bestand. Oder irgendwas mit Klaus Wowereit und Pfusch am Bau. Vielleicht war auch einfach der Boden in Franken zu weich, so dass der Graben immer wieder schnell versandete.

Graben heißt heute noch der Ort in der Nähe des bald aufgegeben Projekts, und dort kann man tatsächlich ein Stück dieses historischen Weltenverbindungsversuchs bewundern. Wenn Ihr in der Nähe seid, macht doch einfach eine kleine Wanderung.

Und dann kam das Mittelalter. Lange, dunkel und langweilig. Keine Kanäle, keine Großprojekte, keine Kreativität. Nur im Kloster sitzen und Bibeln kopieren. (Ich weiß, dass das Mittelalter objektiv auch interessant sein kann. Aber dafür gibt es andere Blogs. Vermute ich. Falls sie nicht auf dem Scheiterhaufen geendet sind.)

Mit unserem Kanal passiert jedenfalls nichts. Schiffe fahren um die Welt, „entdecken“ Indien, Australien, Hongkong, Madagaskar und Amerika, aber niemand kümmert sich mehr um die Verbindung von Rhein und Donau.

Erst im 18. Jahrhundert erinnerten sich ein paar Ingenieure und Ökonomen an die Kanalbauidee. Aber diese Diskussionen versandeten wie der Karlsgraben. Geldmangel war jetzt das Problem, denn das düstere Mittelalter war vom düsteren Kapitalismus abgelöst worden.

Auch Napoleon, der Karl den Großen als europäischen Oberkaiser abgelöst hatte, mischte ein bisschen mit, wurde aber auch bald wieder abgelenkt. Ausarbeiten eines Zivilgesetzbuches, Kreuzzug nach Ägypten, Schlacht bei Stalingrad, Badeurlaub auf Elba, solche Sachen.

Erst als Bayern, einst von Napoleon zum Königreich erhoben, von diesem unabhängig wurde, kam etwas Schwung in die Sache. König Ludwig I. wusste, dass sein Enkel Ludwig II. dereinst nur prächtige Schlösser und Opernhäuser und so bauen lassen würde. Das sollte sich zwar langfristig als gut für den Tourismus herausstellen, aber das war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht absehbar, weil Tourismus damals verboten war.

Wenn Euch meine höchstpersönliche Wanderung nach Neuschwanstein samt Einführung in die bayerische Geschichte interessiert, so sei meine 9-teilige Serie dazu wärmstens empfohlen.

Anders als der spätere Märchenkönig dachte Ludwig I. eher praktisch. Anlässlich seiner Hochzeit gründete er 1810 das Oktoberfest. 1821 gründete er Griechenland, dem er 1832 noch seinen Sohn Otto als König schenkte. (Zum Dank erhielt Deutschland die Zusage, dass in jedem noch so kleinen Ort ein griechisches Restaurant eröffnen würde.) 1835 baute er die erste Eisenbahn in Deutschland. Da überrascht es nicht, dass er auch den alten Kanalplan vom alten Karl aus der Schublade holte.

Zwischen 1836 und 1846 wurde der Ludwig-Donau-Main-Kanal über eine Länge von 172 km errichtet. Diesmal wurde er tatsächlich fertiggestellt. Und sogar in Betrieb genommen. Zwischen Bamberg und Dietfurt tuckerten die Kauffahrteischiffe, um endlich eines der schönsten Wörter aus dem Grundgesetz (Artikel 27) zu verwenden, über diese Meisterleistung der Ingenieurskunst und lobten alle Beteiligten, vom König bis zum Kanalaushubarbeiter, vom Ingenieur bis zum Imbissbudenbetreiber.

Und heute loben die Fahrradfahrer den Ludwigskanal.

Eigentlich ein bisschen traurig: Da baut man ein Wunderwerk der Technik, mit 100 Schleusen zur Überwindung der Höhenunterschiede, zur Verbindung des ganzen Kontinents, zur Umwälzung des Welthandels, und jetzt fahren da Rentner mit ihren Elektrofahrrädern von einer Kneipe zur nächsten.

Das Problem für den Kanal war, dass zeitgleich die Eisenbahn gebaut wurde. Die war erstens schneller. Zweitens konnten die Schienen direkt auf die Fabrikgelände gelegt werden, so dass das Umladen im Hafen entfiel. (Die dadurch eingesparten Hafenarbeiter machten daraufhin Revolution, was zum Ende des Königreichs Bayern führte. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Auch auf den zeitgenössischen Fotos schob sich die Eisenbahn schon frech ins Bild.

Drittens wurde der Kanal war bald zu schmal. Das geht mittlerweile selbst den größten unter den Kanälen so. Der Suez- und der Panamakanal müssen immer wieder den Gürtel breiter schnallen, weil die Schiffe immer fetter werden. (Dank Euch, die Ihr immer mehr Schnickschnack und immer breitere Flachbildschirme aus China und Korea bestellt.)

Und selbst nach der Verbreiterung bleiben manchmal noch Schiffe stecken, weil der griechische Kapitän dachte, dass die ganze Flasche Ouzo nur für ihn allein bestimmt sei.

Wenn Ihr die hübschen Bilder vom putzigen Ludwigskanal seht, könnt Ihr leicht erahnen, dass da kein Schiff mit 14.000 Containern durchpasst. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die ganzen Schlachtschiffe und Flugzeugträger zu Transportschiffen um- bzw. abgerüstet wurden, war schon erkennbar, dass die Zeit der kleinen Kanäle bald vorbei sein würde. Und damit sind wir im Jahr 1921, wie es sich für diese Reihe „Vor hundert Jahren …“ geziemt.

Der Freistaat Bayern und das Deutsche Reich schlossen im Mai 1921 einen Staatsvertrag, in dem sie sich zum Bau eines neuen, größeren, schöneren und rundherum besseren Main-Donau-Kanals verpflichteten. Markus Söder, der damalige bayerische Minister für Dampfplauderei, versprach „einen Kanal, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat – und alles ohne Tempolimit!“ Dann passierte nichts, weil man vergessen hatte, die Finanzierung zu regeln.

Nun gibt es zur Kanalfinanzierung bekanntermaßen zwei Alternativen:

Man kann, wie beim Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal, eine Zigarettenmarke auflegen, mit der sich das Volk mit jedem Atemzug an der Finanzierung des Kanalbaus beteiligt. Daher kommt übrigens die Redewendung „gib mir noch eine für den Kanal“, mit der man in Russland Zigaretten schnorrt. (Ja, man lernt auch praktische Sachen auf so einem Geschichtsblog.)

Die Belomorkanal-Zigaretten gelten als die stärksten Zigaretten der Welt. Das kann auch daran liegen, dass – ein weiteres Wunderwerk der Ingenieurskunst – die Fabrik innerhalb weniger Stunden auf 7,62-mm-Munition für die Kalaschnikow umgestellt werden kann. Wenn dann wieder Zigaretten abgefüllt werden, kann es eben passieren, dass ein bisschen Schwarzpulver und Uranstaub in den Tabak geraten. Und damit wisst Ihr, warum die Lebenserwartung für Männer in Russland 10 Jahre geringer als in Deutschland ist.

Die zweite Alternative ist die Gründung einer Aktiengesellschaft. Und eben diese wurde als Rhein-Main-Donau-Aktiengesellschaft am 31. Dezember 1921, also vor genau einhundert Jahren, aus der Taufe gehoben. Und ab da wurde gebaut und gebuddelt, gebaggert und betoniert.

Irgendwann fiel den Deutschen auf, dass die Donau ihnen gar nicht ganz gehörte, also marschierten sie 1938 in Österreich ein. Es folgte – immer im Einklang mit dem Baufortschritt – die Eroberung Serbiens, Ungarns und schließlich Rumäniens, wo man endlich das Schwarze Meer, das Ziel aller Träume, erreicht hatte. Die Aktionäre des Suezkanals (Großbritannien und Frankreich) sowie des Panamakanals (USA) fanden das nicht so lustig und erklärten der Rhein-Main-Donau-Aktiengesellschaft, vertreten durch das Deutsche Reich, den Krieg.

Falls das alles neu für Euch ist, zeigt das nur, wie sträflich Wirtschaftsgeschichte im Schulunterricht vernachlässigt wird. Aber dank dieses Blogs habt Ihr die Chance, Eure Lehrer mit einem erfrischenden Referat zu überraschen. Und denkt dran: Mit einer Eins im Zeugnis darf man in Bayern kostenfrei Zug fahren.

Letztendlich fertiggestellt und eröffnet wurde der Rhein-Main-Donau-Kanal im Jahr 1992. Nur 1200 Jahre nach der Fossa Carolina. Und das dürfte wirklich Weltrekord sein.

Seither flutscht der Warenverkehr zwischen Nordsee und Schwarzem Meer. Oder vielmehr: Er könnte flutschen. Denn da gibt es noch ein kleines Problem. Der Donauhafen am Schwarzen Meer, das Tor zu Europa und zur Welt, ist das rumänische Constanța.

„Hübsche Stadt,“ denkt Ihr jetzt zurecht, „wo ist das Problem?“

Das Problem ist, dass Rumänien zwar in der Europäischen Union, aber noch nicht im Schengen-Raum ist. Obwohl das Europäische Parlament und die Europäische Kommission dem Beitritt schon lange zugestimmt haben.

„Wo ist das Problem?“ fragt Ihr erneut.

Tja, es gibt da einen kleinen EU-Mitgliedsstaat, der immer wieder sein Veto einlegt: die Niederlande.

„Warum das denn?“ fragt Ihr Euch. Es ist ganz einfach: In den Niederlanden liegt Rotterdam. Der größte Hafen Europas. Und solange die zusätzlichen Grenzkontrollen, die Wartezeiten und der Papierkram die Fahrt durch Rumänien umständlicher machen, fahren viele Reedereien lieber den Umweg über Mittelmeer, Atlantik und Ärmelkanal – nach Rotterdam. (Ein anderer Grund ist, dass die Schiffe bei der Fahrt auf dem Meer schmutzigeren Treibstoff verwenden und ihren Müll entsorgen können. Außerdem stören auf der Donau die Brücken.)

Ach ja, der Hauptstadtflughafen in Berlin funktioniert noch immer nicht richtig und hat für das Frühjahr 2022 die Insolvenz angekündigt. Deutschland und Großprojekte, eine Erfolgsgeschichte seit Karl dem Großen!

So, das war’s für 1921.

Schaltet auch nächstes Jahr wieder ein, wenn wir mindestens einmal im Monat genau hundert Jahre zurück reisen. 1922 ist so viel passiert, von der Entdeckung Tutanchamuns bis zur Unabhängigkeit Irlands, von der Grundsteinlegung Brasilias bis zum Kampf gegen den Alkohol in Skandinavien, vom kompletten Chaos in Litauen bis zur Gründung der Transkaukasischen Föderativen Sozialistischen Sowjetrepublik. Und ein bisschen Familiengeschichte.

Hunderte von Themen tummeln sich schon auf meiner Liste, aber Wünsche, Vorschläge und Gastartikel sind gerne willkommen. Ebenso wie Eure Spenden, die mir diese Arbeit erst ermöglichen. Vielen Dank an alle Unterstützerinnen und Unterstützer, und ein spannendes 1922/2022!

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