Osteuropäische Dorfidylle

Ein sowjetisches Ehrenmal, ein Storchennest und ein paar offene Kabel, Leitungen und Drähte; was braucht man mehr?

Fotografiert in Tác in Ungarn.

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„Wo wir waren“ von Norbert Zähringer

Wie jeder Blogger leide ich darunter, noch kein Buch geschrieben zu haben, und mich deshalb auf die Frage, was ich beruflich mache, nicht prätentiös als „Schriftsteller“ oder „Autor“ bezeichnen zu können.

Wobei ich die Frage nach dem Beruf ziemlich übergriffig finde. Ich meine, was geht es vollkommen Fremde an, womit ich kein oder kaum Geld verdiene? Und das Traurige ist: Je nachdem, was ich antworte, behandeln mich die Menschen vollkommen unterschiedlich. Obwohl ich genauso (un)freundlich, (un)lustig, (un)sympathisch und (un)zuverlässig bin, egal ob ich mich als Jurist, als Student oder als Landstreicher vorstelle.

Das ist echt eine verdammt oberflächliche Gesellschaft, wo dich Menschen danach beurteilen, was auf deiner Visitenkarte steht. Naja, wenigstens habe ich überhaupt Visitenkarten. Dieses Mindestmaß an Höflichkeit bei der gegenseitigen Vorstellung kennen ja viele Menschen gar nicht mehr.

Ich sollte mir öfter einen Spaß daraus zu machen, einfach zu lügen und mich als Fußballspieler, Scharfschütze oder Astronaut vorzustellen.

Ach ja, Astronauten, da könnte ich jetzt den Bogen – und zwar einen wunderschön geformten Bogen, so wie die elliptische Flugbahn des Halleyschen Kometen – zu dem in der Überschrift angekündigten Roman „Wo wir waren“ von Norbert Zähringer schlagen. Der beginnt nämlich am 21. Juli 1969, als bekanntlich ein paar kleine Männer auf dem großen Mond landeten.

Aber ich wollte anders zu diesem Thema ein- und hinleiten, und ich lasse mir diese anfängliche Idee nicht durch eine spätere, einfachere Idee zunichte machen. Also: Falls es jemals von mir ein Buch geben wird, dann auf keinen Fall einen Roman. Vielleicht Reiseerzählungen, vielleicht etwas Historisches, vielleicht ein pamphletisches Manifest, vielleicht sogar Witz und Humor, schlimmstenfalls etwas über Verfassungsrecht, aber niemals einen Roman.

Ich kann nämlich keine komplexen Handlungsstränge erfinden.

Meine Erzählungen verlaufen deshalb entweder linear, weshalb sich insbesondere Wanderungen oder Zugreisen als Zeitstrahl eignen, an dem sich meine Beobachtungen entlang hangeln. Oder es sind, was niemanden überraschen wird, der bis hierhin mitgelesen hat, vollkommen unzusammenhängende Bewusstseinsströme, oder vielmehr Bewusstseinssprünge, was mir sogar dann gelingt, wenn ich, wie bei einer Eisenbahnfahrt nach Stockholm, eigentlich über einen linearen Zeit- und Handlungsstrang verfüge. Ein Leser hatte dazu bemerkt, dass er in der Mitte des Artikels nicht mehr wusste, von wo nach wo die Reise eigentlich ging. Ein typisches Beispiel für Kritik, die als Lob missverstanden wurde. Naja, besser so als umgekehrt.

Da fällt mir ein, dass ich endlich „Ulysses“ lesen wollte. Der hatte ja diesen Februar hundertjähriges Jubiläum und hätte sich somit eigentlich für meine kleine Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“ geeignet. Aber wie soll ich über ein Buch schreiben, das ich noch nicht gelesen habe? Andererseits, bei „Nosferatu“ habe ich es auch so gemacht. Dafür gab es im Februar einen anderen literarischen Leckerbissen.

Wo war ich? Ach ja, bei „Wo wir waren“.

Denn in diesem Roman sind so viele Handlungsstränge auf so elegante und meisterhafte Weise mit- und ineinander verwoben, dass ich aus der Bewunderung gar nicht mehr rausgekommen bin. Es beginnt mit der Mondlandung, geht dann zurück zum Ersten Weltkrieg, dann zur Flucht aus dem Memelland nach dem Zweiten Weltkrieg, immer wieder vor und zurück, nach Italien, in den Vietnam-Krieg, zu den Frankfurter Auschwitz-Prozessen, nach Nepal und nach Kasachstan. Ein bisschen wie beim „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und so weiter“, nur nicht linear. Und ernster.

Jede Geschichte hat ihre eigenen Protagonisten, wobei insbesondere die Kinderfiguren echt stark sind. Manchmal ein bisschen zu aufgeweckt für ihr Alter, aber das ist ja immer so bei Kinderfiguren in der Literatur. Eigentlich schon seit Jesus, oder spätestens seit dem „Fänger im Roggen“, wobei ich letzteren irgendwie lockerer fand als ersteren.

Natürlich muss es auch Erwachsene geben, wobei die vorher ebenfalls Kinder waren. Zumindest manche. Manchmal sind sie auch die Eltern der Kinder. Oder die Adoptiveltern. Oder diejenigen, die die Kinder umbringen wollten. Das wissen die dann aber nicht. Oder zumindest nicht gleich.

Wie hier alles mit allem zusammenhängt, aber sich das große Welten-, Familien- und Geschichtspuzzle erst langsam ineinander fügt, das ist brillant.

Und Norbert Zähringer macht das nicht plump oder forciert. Er ordnet das Buch auch nicht diesem Wahnsinnsplan unter. Nein, jede Geschichte für sich allein wäre schon der Hammer. (Wenn Ihr ein bisschen schwach auf der Brust seid, lasst die Vietnam-Geschichte vielleicht aus.) Nur die Silicon-Valley-Story hat mich kalt gelassen. So Tech-Fuzzies und Multimillionäre sind halt einfach langweilig. Das hätte es nicht gebraucht.

Jedenfalls war das endlich mal wieder ein Roman, für den ich ein paar Abende hintereinander sehr lange und sehr gerne wachgeblieben bin. Absolute Empfehlung!

Links:

  • „Wo wir waren“ bei Amazon bestellen.
  • Mehr Buchempfehlungen (und dazwischen ein paar Nichtempfehlungen) sowie meine Wunschliste für weiteren Lesestoff. Ich finde es übrigens unhöflich, wenn Menschen keine Wunschliste haben. Dann vergeudet man als Schenkender wahnsinnig viel Zeit, um sich ein Weihnachtsgeschenk zu überlegen, und dann passt es überhaupt nicht.
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Vor hundert Jahren betrat ein politischer Rabauke die Bühne – November 1922: Adolf Hitler

Immer wieder hört man, dass Leute ominös von den „dunklen Jahren zwischen 1933 und 1945“ sprechen, wie wenn bis 1932 alles super gelaufen wäre und ab dem 8. Mai 1945, pünktlich mit dem Abendbrot, alle Deutschen zu Demokraten wurden. Auch die Schlussstrich-Fraktion weist gerne darauf hin, dass „diese 12 unseligen Jahre“ keinesfalls die deutsche Geschichte bestimmen dürfen.

Nun, zum einen kann im Leben eines Landes, genauso wie im Leben eines Menschen, eine bestimmte Dekade wichtiger, bedeutender, bestimmender sein als die zuvor und danach. Zum anderen finden historische Zäsuren bei weitem nicht so trennscharf statt, wie man im Nachhinein feststellt. Große Ereignisse haben Vorgeschichten und Nachwirkungen.

Um zu zeigen, wieviel Vorwarnzeit vor den Nationalsozialisten es gegeben hätte – sowohl in Deutschland als auch international -, sehen wir uns heute die ersten Presseberichte über einen gewissen Adolf Hitler an, die im November 1922, mithin vor genau 100 Jahren erschienen.

Während heute bei einer Quizfrage nach Diktatoren des 20. Jahrhunderts der Name Hitler der meistgenannte sein dürfte, so wurde er 1922 noch hauptsächlich als eine billige, ja lächerliche Kopie ausländischer Staatsführer gesehen. So z.B. in einem Bericht des 8-Uhr-Abendblattes vom 11. November 1922, dessen Autor das „Hauptquartier des bayerischen Mussolini“ besuchte.

Lächerlich sind auch die Versuche, den Nationalsozialismus aufgrund des Namens in die sozialistische Ecke zu stellen, wie es die Vorsitzende einer Stiftung für politische Bildung tut. Da hat wirklich jemand den Bock(mist) zur Gärtnerin gemacht.

Schon 1922 durchschaute der Reporter diesen Versuch, den eigentlich niemand mehr unternehmen sollte, der weiß, dass Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten unter den ersten Opfer der Nazis waren. Übrigens ebenfalls lange vor 1933.

… Partei, die sich nationalistische Arbeiterpartei nennt, aber mit Sozialismus und Arbeiterschaft sehr wenig zu tun hat und eher hypernational als national ist.

Ebenso durchschaute er den wahren Zweck der angeblichen politischen Abendschulung, wo die jungen Männer vielmehr „die Handhabung von Schusswaffen und Handgranaten sowie Gummiknütteln“ erlernten. Ob das bei der oben genannten Stiftung der AfD ebenso ist? Man kann nur hoffen, dass sich die heutigen jungen Menschen nicht aus Versehen für das falsche Erasmus-Stipendium bewerben und anstatt in Wien oder Warschau bei der Wehrsportgruppe landen. Obwohl, früher oder später wollen die ja auch nach Wien und Warschau.

„Für ein Europa der offenen Grenzen!“

Aber was erfuhr nun der Reporter von dem „Plakatmaler und Bohème dritter Garnitur“?

Aus seinen Worten spricht ein ideenloser, leerer Schlagwortmensch, der sich auf dem Wege politischer Demagogie […] eine Position verschaffen will.

Aber eines wurde schon bei der ersten Begegnung deutlich:

Sein Programm ist der krasseste Antisemitismus. Judenhass als Weltanschauung. Judenhass als Weltpolitik. Judenhass, und nichts weiter.

„Der Jude ist die Pest“, fuhrt Hitler fort. […] „Ich kämpfe für die Rassereinheit des deutschen Volkes und der ganzen Welt.“

Also, wenn Euch die Großeltern sagen, sie hätten von nichts gewusst und Herrn Hitler nur gewählt, weil er gegen die Vermögenssteuer war, dann würde ich das nicht glauben. Ganz abgesehen davon, dass es dämlich ist, wenn sich Reihenhausbesitzer von BlackRock, Carsten Maschmeyer oder in deren Diensten stehenden Politikern einreden lassen, die Millionärssteuer würde genau auf sie abzielen.

Hitler kündigt sodann gegen die Sozialisten „einen Terror [an], wie ihn die Welt noch nie gesehen hat“, beschwichtigt aber: „Wir wollen die Juden nicht ausrotten,“ sondern ihnen „nur“ alle staatsbürgerlichen Rechte entziehen. Außerdem sollten alle „Fremden“ Deutschland verlassen müssen. (Hitler hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft!)

Wie zerfressen von Hass und Antisemitismus Hitler bereits 1922 war, wird auch deutlich, als er die christliche Kirche als „verjudet“ bezeichnet, weil diese das Alte Testament – „ein verbrecherisches Werkzeug jüdischen Geistes“ – lehre. Ebenso seien Papst Alexander VI., Kaiser Wilhelm II. und König Edward VII. Juden (gewesen). Jesus hingegen war laut Hitler Germane.

Das ausdrückliche Verdikt des Reporters:

Die Nationalsozialisten sind lächerlich.

Er bedauert, dass man diese 4000 bis 5000 „Desperados“ überhaupt ernst nehme.

Ein Besuch bei Herrn Hitler musste mich davon überzeugen, dass er von beiden Seiten mächtig überschätzt wird,

schließt der Autor des Abendblattes und sollte sich damit mächtig irren. Nur ein Jahr später, im November 1923, unternahm Hitler seinen ersten gewaltsamen Putschversuch. Aber dazu gibt es in einem Jahr wahrscheinlich einen eigenen Beitrag in dieser kleinen Geschichtsreihe.

Auch die internationale Presse nahm bereits elf Jahre vor der Machtübernahme von Herrn Hitler Notiz. So brachte die New York Times am 21. November 1922 folgende Geschichte:

Dieser Artikel fokussiert sich auf die Disziplin seiner kampfbereiten Anhänger. Auch der offene Antisemitismus wird angesprochen, allerdings dramatisch unterschätzt.

But several reliable, well-informed sources confirmed the idea that Hitler’s anti-Semitism was not so genuine or violent as it sounded, and that he was merely using anti-Semitic propaganda as a bait to catch masses of followers and keep them aroused [and] enthusiastic.

Demnach bestätigten mehrere zuverlässige und gut informierte Quellen, dass Hitlers Antisemitismus nicht so aufrichtig oder gewaltsam war, wie er geäußert wurde, und dass er die antisemitische Propaganda lediglich als Köder nutze, um die Scharen seiner Anhänger bei der Stange und in Stimmung zu halten.

Dabei schreibt der Reporter der New York Times auch, dass sich Juden bereits Unterschlüpfe in den bayerischen Bergen gesucht hätten, wohin sie ihre Familien in Sicherheit bringen könnten, wenn es zu einer „antisemitischen Bartholomäusnacht“ käme. Die Bartholomäusnacht von 1572 war ein Pogrom gegen französische Protestanten, die Hugenotten, gewesen.

Wie man die Furcht vor einem Pogrom äußern, aber gleichzeitig den aggressiven Antisemitismus der Nazis herunterspielen kann, das geht mir nicht ganz ein. Wie wir wissen, kam es im November 1938 tatsächlich zu gesteuerten Pogromen in ganz Deutschland und Österreich.

Aber vom Parteinamen ließ sich auch der amerikanische Korrespondent nicht täuschen:

There is nothing socialistic about National Socialism.

Der Artikel in der New York Times hat jedoch einen anderen Fokus, weniger einen programmatischen, fast einen folkloristischen: Hitler und die Nationalsozialisten werden als eine bayerische Regionalpartei präsentiert. Ich finde es zwar grundsätzlich nicht falsch, vor der Gefahr bayerischer Provinzparteien zu warnen, insbesondere vor denen, die sich wie die NSDAP oder die Hisbollah einen bewaffneten Arm leisten. Aber die Wahlen würden bald zeigen, dass der Nationalsozialismus keine bayerische Besonderheit war.

Anders als in anderen Teilen Deutschlands wurde die NSDAP in Bayern vor der (schon nicht mehr freien) Reichstagswahl 1933 niemals stärkste Partei.

Aber für den Mann von der New York Times sind die Nazis ein rein bayerisches Phänomen. Und ein rein städtisches:

Hitler’s movement is essentially urban in character. It has not yet caught a foothold among the hardy Bavarian peasantry and highlanders, which would make it really dangerous.

Die Bewegung Hitlers habe demnach einen städtischen Charakter. Unter den zähen bayerischen Bauern und Bergbewohnern habe sie noch nicht Fuß fassen können. Aber wenn dieser Zeitpunkt je käme, ja, dann würden die Nazis richtig gefährlich.

Da triefen die Bratwurstfettklischees auf die Lederhose. Und die Warnung vor den „Bavarian highlanders“ ließ bei Lesern in aller Welt wahrscheinlich solche Vorstellungen aufkommen:

Blau-weiß wegen der bayerischen Flagge.

Ich frage mich, was mein Urgroßonkel, der einige Monate zuvor aus den „Bavarian highlands“ in die USA ausgewandert war, sich dachte, als er am 21. November 1922 die New York Times las. Aber wahrscheinlich las er auch in den USA nur deutschsprachige Tageszeitungen, davon gab es nämlich hunderte.

Den Hitler-Putsch vom November 1923 habe ich oben schon angesprochen. Der Putschversuch scheiterte jämmerlich. Hitler wurde zu 5 Jahren Haft verurteilt, aber im Dezember 1924 nach nur neun Monaten Haft entlassen.

Auch dazu gibt es einen kurzen Beitrag in der New York Times vom 21. Dezember 1924 mit der Überschrift „Hitler durch Gefängnis gezähmt.“

Laut dem Bericht verließ Hitler das Gefängnis in geknickter, aber geläuterter Stimmung. Es habe sich gezeigt, dass weder er, noch seine Bewegung eine ernsthafte Gefahr darstellen. Und dann der letzte Satz, so einfach, knapp und kurz, dass man ihn immer wieder lesen und sich einen Alternativverlauf für das 20. Jahrhundert ausmalen will:

It is believed he will retire to private life and return to Austria, the country of his birth.

Also:

Es wird davon ausgegangen, dass sich Hitler ins Privatleben zurückziehen und in sein Geburtsland Österreich zurückkehren wird.

Tja. So kann man sich täuschen.

Als Ausländer hätte Hitler nach § 9 II 1 Hs. 2 Republikschutzgesetz (und erst recht entsprechend seinen eigenen politischen Forderungen) nach Verbüßung der Strafe ausgewiesen werden müssen.

Aber derjenige, der stets lautstark getönt hatte, dass man alle „Fremden“ aus dem Reich entfernen müsse, weil diese Deutschland wie ein Krebsgeschwür unterwanderten u.s.w., wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Abschiebung. Mit Erfolg. Zehn Jahre später, im Februar 1932, erhielt er sogar die deutsche Staatsbürgerschaft. Das war kurz vor knapp, denn da war Hitler schon Kandidat für die Wahl zum Reichspräsidenten im darauffolgenden Monat. (Das ist die Wahl, bei der die Hohenzollern eine sehr unrühmliche Rolle spielten.)

Hitler hatte die Zeit in der Haft genutzt, um das Buch „Mein Kampf“ zu schreiben. Er wollte das mit der Weltherrschaft, dem Antisemitismus und der Unterjochung Osteuropas klar und deutlich publizieren, damit die Deutschen nach 1945 nicht alle behaupten könnten, sie hätten „von nichts gewusst“. Haben sie dann aber trotzdem gemacht.

Ich bin immer noch schockiert, wenn ich auf meinen Reisen in aller Welt, von Albanien bis Bolivien, von Isfahan bis Istanbul, dieses Buch in unkommentierter Ausgabe auf Flohmärkten oder in Buchhandlungen entdecke.

Wirklich, Leute, abonniert lieber diesen Blog, wenn Ihr Euch für Geschichte interessiert! Da gibt es im Rahmen der Reihe „Vor hundert Jahren …“ jeden Monat mindestens einen Beitrag, der meist den ganz großen Bogen vom Damals zum Heute zu spannen versucht.

Oder Ihr lest Romane aus jener Zeit. Die sind nämlich oft erstaunlich weitsichtig und prophetisch, zum Beispiel „Die Stadt ohne Juden“, in der Hugo Bettauer bereits 1922 die Rassengesetze, die Ausweisung der Juden, die Begeisterung darüber bei den Christen und die Weltwirtschaftskrise vorwegnimmt. Oder „Das Spinnennetz“, in dem Joseph Roth schon 1923 über die Brutalisierung der politischen Auseinandersetzung, den Aufstieg Hitlers und der NSDAP und deren Verbindungen zu Adel und Reichswehr schreibt.

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“. Wenn Ihr Vorschläge zu Themen habt, die 1923 passiert sind und nächstes Jahr ihr Hundertjähriges feiern, nur her damit!
  • Mehr Geschichte.
  • Und mehr Berichte aus Deutschland, aus Österreich, aus Bayern und speziell über die Nazis.
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Das Schloss im Nebel

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Nachdem ich während der letzten Nebelwanderung in Ungarn eine römische Ruinenstadt entdeckt hatte, mache ich mich am nächsten nebligen Novembertag wiederum auf den Weg, ganz gespannt, was ich diesmal entdecken würde. In Székesfehérvár (deutscher Name der Stadt: Stuhlweißenburg) nehme ich den Bus Nr. 32 bis zum letzten Halt an der Stadtgrenze und gehe dann einfach nach Osten, wo ja angeblich die Sonne aufgeht.

Ich entdecke: Nichts.

Zumindest anfänglich. Der Nebel ist so dicht, wenn ich nicht grundsätzlich ein Frühaufsteher wäre und die Uhrzeit ungefähr an meinem Hungergefühl ablesen könnte, ich hätte keine Ahnung, ob es Vormittag oder Nachmittag wäre oder ob die Sonne schon endgültig ihren Geist aufgegeben hat und wir nur noch ihre letzten Strahlenzuckungen mitbekommen.

Die einzigen Vögel, die ich höre, sind Krähen. Krähen, die höhnisch krächzen, als sie sehen, dass da jemand in sein Verderben marschiert. Tote Bäume ragen aus dem Moor wie die Arme von versunkenen Moorleichen. Schreien sie um Hilfe, oder wollen sie mich warnen?

Den grünen Wagen habe ich wohl bemerkt, aber nachsehen will ich lieber nicht. Wer hier wohnt und schon seit Jahren keinen anderen Menschen mehr gesehen hat, überreagiert vielleicht, wenn es plötzlich an der Tür klopft.

Einen Kilometer weiter glimmt ein Feuer, und ich sehe ein paar Männer im Nebel verschwinden. Wahrscheinlich Torfstecher, die sich für den kommenden Winter eindecken. Es wird ein harter Winter, sagen die Leute.

Auch hier tue ich so, wie wenn ich nichts gesehen habe. Nicht, dass sie mich für den Gutsverwalter oder den Komitatspolizisten halten und auf mich schießen.

Schafe stehen am Wegrand, aber nicht fröhlich kauend und mäh-mähend wie sonst. Nein, ganz apathisch starren sie mich an. Wie wenn sie verhext sind. Oder mich davor warnen wollen, selbst verhext zu werden.

Vielleicht wohnt in dem Holzwagen der Schäfer? Oder die Torfstecher waren Wilderer? Warum dann das Feuer? Warum ist hier alles so unheimlich? Wo bleibt die Sonne?

Ich mag die Natur gerne, wirklich. Aber wenn man lange genug in der Natur war, dann freut man sich auch wieder über ein Stück Zivilisation. In diesem Fall sind es die Eisenbahnschienen, denen ich erleichtert zu folgen beschließe.

Die müssen ja zurück nach Székesfehérvár führen. Oder in eine andere Stadt. Und wenn ich Glück habe, was normalerweise der Fall ist, kommt ein Zug, sieht mich rechtzeitig und lässt mich einsteigen, anstatt mich zu überfahren.

Aber anscheinend ist heute Eisenbahnerstreik, denn es kommt kein Zug.

Als ich schließlich den nächsten Bahnhof zu Fuß erreiche, merke ich, dass dieser auch bestreikt wird. Und zwar schon seit dem Zweiten Weltkrieg, wie es aussieht.

Aber was ist das?!

Nein, ich meine nicht die zwei Reiter der Apokalypse, die grußlos an mir vorüber galoppieren, ihre Köpfe in Kapuzen gehüllt, der eine mit einem Gewehr über der Schulter, der andere mit einem toten Schaf über dem Sattel.

Ich meine das hier:

Zwischen den Bäumen, mitten auf einer großen Lichtung, lugt aus dem noch immer dichten Nebel ganz zaghaft ein Gebäude hervor, das zwei Hörner zu tragen scheint. Und kein normales Gebäude, sondern ein Schloss! Was auch immer das hier zu suchen hat.

Ich bin heilfroh, dass ich alleine unterwegs bin. Denn jede Begleitung würde spätestens jetzt sagen: „Andreas, lass uns abhauen!“ Und ich gebe ja zu, die Rufe der Krähen, die Toten im Moor, der dichte Nebel, die Torfstecher, das Feuer, die Reiter, die mehr wie Gespenster als wie Menschen aussahen, das alles ist ein bisschen unheimlich.

Aber auch verlockend. Oder nicht?

Für mich jedenfalls gilt: Wenn irgendwo eine Burg oder ein Schloss (oder ein geheimes militärisches Objekt) herumsteht, dann sehe ich mir das aus der Nähe an. Schöner Landsitz, mit einem großen Park. Sogar ein Brunnen ist noch zu sehen.

An der Tür steht eine Warnung vor Stromschlägen für ungebetene Eindringlinge. Nicht sehr gastfreundlich. Aber beim Umrunden des Schlosses ist mir ein offenes Kellerfenster aufgefallen.

Noch während ich mich so geschickt durch das offene Fenster fallen lasse, dass es wie ein Unfall aussieht, denke ich: „Hoppla, wie soll ich da je wieder rauskommen?“ Manchmal wäre es eben doch besser, zu zweit unterwegs zu sein.

Vor allem, weil das Innere des Schlosses nicht mehr ganz stabil ist. Und weil ich ein paar Mal fast durch die Decke krache.

Ups, das war knapp.

Tja, was man nicht so alles auf sich nimmt, um den Innenarchitekturfans unter Euch exklusive Aufnahmen mit aus dem Urlaub zu bringen.

Und der Rückweg ist auch gesichert, wie Ihr seht. Mit den Balken, die da herumliegen, lässt sich mit handwerklichem Geschick, das ich mir noch irgendwie aneignen muss, eine Leiter bauen. Denn ohne Leiter, das habe ich schon gemerkt, komme ich aus dem Keller nicht wieder ins Freie. Ich hoffe nur, dass diese Holzpfeiler nicht wichtig sind, um den Bau zu stützen. Also fange ich an, zu ziehen und zu schleppen, während das Schloss ächzt und wackelt. Hoffentlich hört und sieht das von draußen niemand.

Apropos draußen: Die Sonne setzt sich langsam durch. Es wird wärmer, fröhlicher, und mit dem dadurch gewonnenen Mut ändere ich meinen Plan und springe beherzt vom Balkon, um die mich sowieso schon langweilende Heimwerkerei abzukürzen.

Und siehe da: In der Zeit, die ich in den Katakomben verbracht, mich im Schloss verlaufen und an meinen Ausbruchplänen getüftelt habe, ist es tatsächlich schön geworden.

Im Vergleich zu den schaurigen Nebelbildern von nur wenigen Stunden zuvor ist das jetzt richtig kitschig, oder?

Noch kitschiger wird es beim nächsten Schloss, nur wenige Stunden später. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel.

Erst später habe ich von Gräfin Báthory gehört, die Hunderte von jungen Frauen ermordet hat, um in deren Blut zu baden. Aber damit will ich Euch jetzt nicht behelligen, schließlich wollt und sollt Ihr das Schloss unvoreingenommen besuchen.

Praktische Tipps:

  • Ihr könnt auch mit dem Bus Nr. 718, 8010 oder 8013 ganz in die Nähe des Schlosses fahren. Haltestelle ist Csala Alsó. Die Fahrt von Székesfehérvár kostet 400 Forint (= 1 Euro). Der Bus fährt etwa jede Stunde, auch am Wochenende.
  • Wenn Ihr meinem Weg folgen wollt, nehmt Ihr vom Bahnhof in Székesfehérvár den Bus Nr. 32 bis zur letzten Haltestelle, Kassai utca / Nagyszombati utca, und geht von da immer nach Osten, einfach dem Feldweg entlang. Einmal müsst Ihr einen Fluss durchqueren, aber der ist nicht tief, keine Sorge. Am Ende von Bild Nr. 5 biegt Ihr nach Norden/links ab, und dann seht Ihr bald das Schloss. Der Spaziergang dauert maximal eine Stunde.
  • Wenn Ihr wesentlich länger unterwegs seid und kein Schloss seht, dann habt Ihr Euch verlaufen. Tut mir leid!

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Die Deutsche Bahn will nicht, dass Ihr von diesen Spartipps erfahrt: ICE-Reisen bis zu 80% billiger

Nun gut, wenn tatsächlich das 49-Euro-Ticket kommt, dann braucht man eigentlich gar keine Spartipps mehr. Aber es gibt ja noch die Leute, für die der Regionalverkehr nicht gut genug ist und die lieber schnell und exklusiv mit dem ICE reisen.

Ich persönlich frage mich zwar immer, was man mit den ersparten zwei Stunden macht, vor allem weil ich im Bummelzug ebenfalls lesen kann und deshalb die Zeit keine verlorene ist. Aber vielleicht sind das so superproduktive Erfolgstypen, die in zwei Stunden mal schnell eine Dissertation in Ägyptologie schreiben. Oder ganz traurige Seelen, für die Zeit Geld ist.

Trotzdem: Für die ICE-Freunde unter Euch habe ich einen Wahnsinns-Spartipp! Eigentlich sogar zwei oder drei.

Ich hatte schon öfter darauf hingewiesen, dass man gegenüber den von der Deutschen Bahn berechneten Preisen ganz gewaltig sparen kann, wenn man die Fahrscheine bei einer günstigeren Bahngesellschaft im Ausland kauft. Das sind, ganz dem Klischee und den Erwartungen entsprechend, oft die osteuropäischen Eisenbahnen.

Lasst mich das an einem aktuellen Beispiel demonstrieren: Am kommenden Wochenende will ich von Budapest (Ungarn) nach Amberg (Deutschland) fahren.

Also gucke ich auf der Seite der Deutschen Bahn nach, weil ich da ein Kundenkonto habe und leicht und schnell buchen kann. Nur leider, die Preise, so angemessen sie für eine zügige Fahrt über 700 km objektiv sein mögen, übersteigen mein stets knappes Budget.

Also sehe ich, weil ich schon in Ungarn bin, für die gleichen Züge am gleichen Tag bei der ungarischen Bahngesellschaft MAV nach. Die haben sogar eine deutschsprachige Internet-Seite.

Und siehe da: Genau der gleiche Zug, am gleichen Tag, zur gleichen Uhrzeit, genauso schnell, genauso gemütlich, genauso sicher, kostet bis zu 80% weniger!

Da ist ja klar, bei wem ich gebucht habe. Ehrlich, bei 32 Euro für 700 km im blitzschnellen Railjet und ICE, da fahre nicht einmal ich per Anhalter. Vor allem bei dem kalten Novemberwetter und dem frühen Sonnenuntergang. Es gibt nämlich nichts Blöderes, als bei Sonnenuntergang an irgendeiner Kreuzung zu stehen und nicht mehr wegzukommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Internet-Buchung bei MAV – oder aus früheren Erfahrungen bei der tschechischen, polnischen oder ukrainischen Staatsbahn – ist auch nicht komplizierter als bei der Deutschen Bahn. Ich bin aber lieber zum Schalter gegangen, weil es in Ungarn so schöne Bahnhöfe gibt. Und weil ich ein bisschen altmodisch bin.

Bei der Fahrt ins Ausland könnt Ihr natürlich auch das Ticket im Zielstaat buchen. Niemand kann Euch zwingen, dass Ihr, nur weil Ihr in Deutschland lebt, bei grenzüberschreitenden Verbindungen bei der Deutschen Bahn bucht. Das ist dieser famose europäische Binnenmarkt.

Nun fragt Ihr Euch: „Was bringt mir das, wenn ich nicht nach Osteuropa will?“

Und jetzt kommt mein Superspartipp: Ihr könnt dieses innereuropäische Preisgefälle auch nutzen, wenn Ihr nur innerhalb Deutschlands unterwegs seid.

Nehmen wir beispielsweise an, Ihr wollt an diesem Wochenende einmal quer durch Deutschland, von Passau nach Kiel.

Bei der Deutschen Bahn kostet das für die angefragten Uhrzeiten um die 150 Euro. Ziemlich happig.

Da fällt uns ein, dass durch Passau ja auch der Zug aus Wien nach München fährt.

Also schauen wir bei den österreichischen Nachbarn, wie viel diese Verbindung kostet, wenn sie schon in Wien startet. Wie gesagt, das sind immer genau die gleichen Züge. Aber die ÖBB ist nur unwesentlich günstiger als die Deutsche Bahn, so dass man sich kaum etwas spart. – Wobei es eigentlich frappierend ist, dass die gleiche Strecke plus einmal quer durch Österreich nicht mehr kostet als allein die Fahrt durch Deutschland, oder?

Aber wir wollen richtig sparen. Mindestens die Hälfte. Also sehen wir interessehalber bei der ungarischen Bahn nach.

Und siehe da – potzblitz- die Fahrt von Budapest durch halb Ungarn, durch ganz Österreich und durch ganz Deutschland bis nach Kiel kostet weniger als die (gleiche!) innerdeutsche Fahrt bei der Deutschen Bahn. Und zwar nur ein Drittel!

Diejenigen, die nicht mit besonderer Kreativität gesegnet sind, fragen jetzt: „Was bringt mir das, wenn ich nicht in Budapest bin?“

Aber das ist ja das Tolle: Ihr könnt das Ticket bei der ungarischen Eisenbahn kaufen, ausdrucken und damit in Passau in den Zug steigen. „Easy peasy, lemon squeezy“, wie erfahrene Interrailer sagen.

Weil ich ziemlich im Osten Bayerns wohne, kaufe ich meine Tickets für Deutschlanddurchquerungen z.B. oft bei der tschechischen Bahn und tue so, wie wenn ich meine Fahrt in Pilsen begonnen hätte, steige in Cham, Schwandorf oder Amberg ein und fahre zum ganz persönlichen Sparpreis nach Aachen oder Flensburg oder Peenemünde.

Wer eher im Westen wohnt und z.B. in den Osten muss, für den lohnt sich womöglich ein Blick auf die Seite der tschechischen oder der polnischen Bahn. Dann kauft Ihr eben keinen Fahrschein von Stuttgart nach Berlin, sondern von Stuttgart nach Danzig. Und in Berlin steigt Ihr einfach aus. – Das Schöne an der Eisenbahn gegenüber dem Flugverkehr ist ja gerade diese Flexibilität und Freiheit. Niemand hat Euer Gepäck in Geiselhaft, um Euch zu zwingen, sich an eine einmal getätigte Buchung zu halten.

Für Fahrten nach Wien lohnt sich eigentlich immer der Blick auf die ungarische bzw. die rumänische Staatsbahn. Einfach das Ticket für ein paar Stationen weiter kaufen, riesig sparen, und in Wien aussteigen.

Aber auch mit der Deutschen Bahn selbst kann man sparen! Und zwar wenn Ihr in Ländern unterwegs seid, die noch teurer sind als Deutschland, also vor allem Skandinavien. Ich musste z.B. mal von Schweden nach Dänemark. Die Eisenbahn in Schweden ist so etwas von sündhaft teuer, das ist praktisch ein Luxusobjekt. Also habe ich einen Fahrschein von Stockholm nach Flensburg gekauft. Die Route führt durch Kopenhagen, wo ich ausgestiegen bin. – Glaubt mir, da hält einen niemand fest oder so. Die Bahnen sind ja selbst froh, wenn ein Sitz früher frei wird.

Und wenn Euch das alles zu kompliziert ist, dann habe ich eine gute Nachricht: Wenn Ihr auf solche Spartipps nicht angewiesen seid, dann geht es Euch finanziell gut. 😉 Und dann könnt Ihr diesen nützlichen Blog gerne mit einer kleinen Spende bedenken. – Dafür gibt es regelmäßig Eisenbahngeschichten aus aller Welt, von Kanada bis Bolivien, von Schweden bis in die Ukraine und irgendwann hoffentlich von der längsten Zugreise der Welt.

Sogar mit Videos:

Noch günstiger wird es nämlich, wenn Ihr auf einen Güterzug klettert. Aber das ist ein anderes Thema, für einen anderen Artikel. Denn die Zielgruppe dürfte sich kaum mit den Reisenden überschneiden, die im ICE möglichst schnell durchs Land rasen müssen. Beim Train-Hopping weiß man ja vorher nicht, wohin der Zug fährt. Und so kann es passieren, dass man ans Mittelmeer will, aber in Murmansk landet. Und erfriert.

So oder so, ob Vollpreis oder Sparpreis, ob Personenzug oder Güterzug, ich wünsche allzeit gute Fahrt!

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Mit der Eisenbahn in den Sonnenuntergang

Fotografiert am Bahnhof von SzékesfehérvárUngarn.

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Oh, wie schön ist Panama!

Zumindest im deutschsprachigen Raum hat Panama durch Janosch eine ziemlich gute Publicity. Auch mich hat das Buch nachhaltig geprägt.

Selbst General Noriega und seine Drogendeals, der Schneider von Panama – ein schlechter Abklatsch von unserem Mann in Havanna – oder die dubiosen Briefkastenfirmen konnten das Image des mittelamerikanischen Staates nicht wirklich beschädigen.

Aber nun ist es so, dass Panama, dieses Sehnsuchtsziel seit Kindertagen, zwar über einen stolzen Kanal und sogar eine Eisenbahn durch das ganze Land verfügt, aber ohne teure Yacht, unerschwingliches Containerschiff oder umweltzerstörendes Flugzeug kaum zu erreichen ist.

Ich war mal in Kolumbien und dachte mir: „Ach, das ist ja nur ein kurzer Spaziergang durch den Dschungel.“

Schnell musste ich feststellen, dass das der undurchdringlichste Dschungel der Welt ist. Überall stößt man auf Skelette von Menschen, Pferden und Autos.

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Ich bin sehr stolz darauf, dass ich, obwohl ich ein professioneller Weltreisender bin, seit zweieinhalb Jahren nicht mehr geflogen bin. Schließlich kommt man auch mit der Eisenbahn ziemlich weit.

Und wenn man sich aus Umweltgründen das Fliegen abgewöhnt hat, merkt man erst, wie entspannend, ja regelrecht luxuriös die meisten alternativen Fortbewegungsmittel sind.

Nur bringt einen leider keines davon nach Panama. 😦

Deshalb war ich hoch erfreut, als ich jetzt in Ungarn, genauer gesagt in der Stadt Székesfehérvár, immerhin auf Klein-Panama gestoßen bin:

Na, das sieht doch fast genauso exotisch und ansprechend aus wie das Original, oder nicht?

Überhaupt finde ich es sehr löblich von der sozialistischen Stadtplanung, die Lücken zwischen den gemütlichen Wohnblocks abwechselnd mit Kneipen, kleinen Läden, Friseursalons, Blumengeschäften und Kinderspielplätzen zu füllen. So hat man alles, was man braucht, in fußläufiger Entfernung vom trauten Heim und muss für nichts davon ins Flugzeug oder ins Auto steigen und die Luft verpesten.

Die Kneipenbrüder von der Fassade sieht man übrigens auch noch in anderen Bars in Székesfehérvár herumhängen.

Bisher habe ich mich allerdings in keine der Spelunken getraut.

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Die größte römische Stadt, von der Ihr noch nie gehört habt: Gorsium

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Verloren stochere ich durch den Pusztanebel, irgendwo zwischen Balaton und Buda, zwischen Plattensee und Pest.

Hier eine überraschend romanische Kirche, da ein überraschend kommunistischer Stern auf dem Sowjetsoldatendenkmal, dort ein Fluss, in den hineinzustolpern ich im letzten Moment verhindern kann.

Und dann, als ich aus dem Dickicht trete, sehe ich, dass sich die Sonne langsam durch den Nebel kämpft. Und eine Stadt. Beziehungsweise Ruinen einer solchen, die zumindest heute Morgen unbewohnt zu sein scheinen. 

Der Nebel spürt, dass er verloren hat, dass ein kundiger Forscher, unserer reisender Reporter, der Nachfolger Indiana Jones’ ihm das Geheimnis an jenem Novembertag entreißen wird, und er verzieht sich so schnell, wie wenn er anderswo dringend gebraucht würde. Es wird von Minute zu Minute wärmer, sonniger, farbiger.

Und ich stehe da, greife mir an den Kopf und rufe immer wieder laut “Das gibt’s doch nicht!” Denn vor mir breitet sich eine Ruinenstadt aus, so groß, so weitflächig, so schön und vor allem so überraschend, hier, mitten im ländlichen Ungarn.

In meinem Geschichtsstudium versuche ich, die Antike so weiträumig zu umschiffen wie Magellan die Weltmeere. Aber ein paar Dinge bleiben halt doch hängen. Und weil die Inschriften auf den Dutzenden von Grabsteinen alle auf Lateinisch sind, tippe ich auf die Römer. 

Was viele nicht oder wenn, dann nur wegen meiner Artikel (Beispiel 1, Beispiel 2Beispiel 3) wissen, ist: Die Römer waren richtige Multikultis und nicht nur in Rom, sondern in ganz Europa, in Asien und in Nordafrika zuhause.

Dazu gehörte auch Pannonien, das im heutigen Ungarn liegt. Die Stadt, in die ich hier gestolpert bin, hieß Gorsium und später Herculia. Sie bestand vom 1. bis zum 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und wurde von etlichen Kaisern besucht. Wenn sie früher auch nur annähernd so schön war wie jetzt, dann verstehe ich durchaus, dass Trajan (der mit der Säule), Caracalla (der Brutale), Hadrian (“Die Mauer muss her!”) und Septimius Severus (der aus Afrika war und deshalb heute am ungarischen Grenzzaun abgewiesen würde) den weiten Weg auf sich nahmen.

Ab dem 5. Jahrhundert verzogen sich die Römer, überließen die Steppe den Hunnen, und Gorsium-Herculia verfiel. Erst im 20. Jahrhundert begannen die Ausgrabungen, und vielleicht ist Gorsium auch deshalb weniger bekannt als Pompeji, Palmyra oder sogar Trier, weil es bis 1990 auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs lag. Noch immer gibt es zu dieser beeindruckenden Ruinenstadt keinen Wikipedia-Eintrag auf Deutsch oder auf Englisch. Selbst im “Neuen Pauly” hat Gorsium nur ein paar Zeilen abbekommen.

Aber ein Besuch lohnt sich! Auch für Leute, die überhaupt nichts von römischen Gräbern, Säulen und Tempeln verstehen. Die Ausgrabungsstätte ist wie ein weitläufiger Landschaftspark angelegt, mit goldgelbem Herbstlaub, mediterranen Bäumen und gemütlichen Bänken, wie geschaffen für eine Lese- und Zigarrenpause. 

Und es lohnt sich wohl auch, in ein paar Jahren erneut herzukommen. Denn angeblich sind bisher nur 7% von Gorsium ausgegraben.

Und, was war für Euch bisher der überraschendste Ort auf der Welt, an dem Ihr auf die römische Geschichte gestoßen seid?

Praktische Hinweise:

  • Gorsium ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, zumindest offiziell. Weil das Gelände offen ist, kann man ja eigentlich immer reinspazieren.
  • Der Eintrittspreis beträgt 1200 Forint (= 3 Euro), wobei mich die Damen an der Kasse kostenlos reingelassen haben. Aber das funktioniert wahrscheinlich nur, wenn Ihr so sympathisch seid wie ich.
  • Von/nach Székesfehérvár, der nächsten größeren Stadt, fährt jede Stunde ein Bus. Die Haltestelle ist im Dorf Tác. Von dort ist es ein kurzer Fußweg nach Gorsium. (Vorsicht: Ich bin einer von den Leuten, die eigentlich immer und überall sagen, dass es “nur ein kurzer Fußweg” ist.)
Das ist die Bushaltestelle, an der Ihr aussteigen müsst. Oder einsteigen, je nachdem.
  • Oder Ihr nehmt den Zug nach Szabadbattyán und entweder von dort den Bus oder den Fuß-/Fahrradweg am Fluß entlang. Ich bin von Szabadbattyán (am Bahnübergang) getrampt, und schon nach wenigen Minuten hat mich jemand mitgenommen. 
  • Der Tabakladen in Tác (nicht weit von der Bushaltestelle) hat sogar Zigarren. Perfekt für ein paar schöne Stunden in Gorsium! Im Gedenken an die armen Römer, die den Tabak noch nicht erfunden hatten und deshalb ausstarben.

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Heizen oder nicht Heizen?

Das ist die Frage, die sich derzeit auf der Nordhalbkugel fast alle Menschen stellen.

Auch diese Katze hatte dazu eine klare Meinung und wartete sehnsüchtig auf den Beginn der Heizperiode.

Als ich ihr erklärte, dass ich die Heizung so lange wie möglich deaktiviert lassen möchte, und zwar sowohl aus ökologischen, finanziellen wie geopolitischen Gründen (vor allem hier in Ungarn, das mehr, statt weniger russisches Gas einkauft), fand die Katze schnell eine Ersatzlösung.

Und von da war es nur mehr ein kleiner Schritt zur gemeinsam entwickelten Lösung, um uns gegenseitig warm zu halten, ohne den russischen Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren.

Also, jammert nicht über die hohen Gaspreise. Holt Euch einfach eine Katze!

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Warum ich kein Erbrecht mache

Wahrscheinlich kennt Ihr das aus dem Mathematik-Unterricht: Alles läuft gut. Das Lernen geht Euch locker von der Hand. Ihr dünkt Euch schon ein Genie. Und dann kommt das eine Teilgebiet, wo plötzlich alles blockiert und der Verstand aussetzt.

Bei manchen ist es die Kurvendiskussion. Bei anderen ist es die Differentialrechnung. Oder die Interpolation kubischer Splines. Oder die Stochastik, wobei das mein persönliches Lieblingsgebiet war. Mein Gehirn setzte hingegen aus bei der topologischen Funktionsanalysis inverser Vektorräume und grundsätzlich bei jeder etwas komplexen Dreidimensionalität.

Damit war klar, dass ich niemals Architekt oder Pilot werden würde. Und vielleicht auch, warum mich die Luftkampfszenen von „Top Gun“ vollkommen kalt ließen.

Noch immer kann ich mich wunderbar anhand von zweidimensionalen Landkarten oder in der Landschaft orientieren, aber wenn ich in einem mehrstöckigen Haus ein paar Treppen hoch und runter gehe, habe ich keine Ahnung mehr, wo Norden oder Süden ist. Diesen Sommer war ich in Berlin, und ein Freund lud mich in den Bundestag ein. Er führte mich durch so viele Gänge und Flure und Aufzüge und Treppenhäuser und Tunnels, ich war mir gar nicht mehr sicher, ob wir noch in Berlin waren.

Im Bergbau sollte ich also besser auch nicht arbeiten. Obwohl das Gymnasium durchaus versuchte, uns das Extraktionsgewerbe schmackhaft zu machen und eine Exkursion nach Garzweiler organisierte. (Das war ein paar Jahre vor „Fridays for Future“.)

Im Vollbesitz der Selbsterkenntnis um meine Stärken und Schwächen studierte ich stattdessen Jura. An einer der hässlichsten Universitäten Deutschlands. Und leider auch eine dreidimensionale Universität, weshalb ich mich oft verlief. Die Universität Regensburg ist besonders tückisch, weil viele Vorlesungssäle tief im atombombensicheren Keller liegen und genauso aussehen wie die Tiefgarage.

Das ist übrigens ein Farbfoto. Wirkliche Farbtupfer kamen erst später, mit der Mülltrennung und den farbcodierten Abfallbehältern. Und die Blutspritzer, wenn sich wieder ein Kommilitone vom Dach stürzte.

Aber das Studium an sich lief super. Noch einfacher als in der Schule. Schließlich tat ich weitestgehend das, was mir schon immer großen Spaß gemacht hat: Lesen und Diskutieren.

Und nie mehr Schwimmunterricht oder Chemie! (Ich kann, selbst wenn sie mir am helllichten Tag über den Weg laufen, noch immer kein Neutron von einem Proton unterscheiden. Und Schwimmbäder meide ich wie der Teufel das Weihwasser.)

Wie überall gab es auch in Jura Fächer, die mehr Freude bereiteten (Verfassungsrecht, Völkerrecht, Rechtsgeschichte, US-amerikanisches Recht), sowie jene, die weniger begeisterten (Immobiliarsachenrecht, Baurecht, Wasserrecht, obwohl letzteres mit dem zunehmenden Ausdürren Deutschlands durchaus noch interessant werden könnte). Und natürlich hing auch viel von den Professoren ab. So kann Zivilprozessrecht viel spannender sein als Strafrecht, wobei ich insbesondere die Irrtumslehre nicht missen möchte.

Aber richtig schwer war nichts davon.

Auch Erbrecht nicht. Ganz im Gegentum, das Erbrecht gehört zu den eher einfachen Rechtsgebieten, finde ich.

Es ist schön übersichtlich kodifiziert, in den §§ 1922-2385 unseres leicht verständlichen Bürgerlichen Gesetzbuches. (Nur für Bauernhöfe gilt in manchen Bundesländern ein Sondergesetz.) Nicht so wie das Arbeitsrecht, wo man hier und da und dort nach Rechtsquellen suchen muss, und das Bundesarbeitsgericht ständig etwas Neues erfindet.

Es gibt klare Formvorschriften, weshalb Ihr keinesfalls auf die Idee kommen solltet, Euer Testament auszudrucken (§ 2247 I BGB).

Aber dann kam, nachdem ich mich als Rechtsanwalt selbständig gemacht hatte, der Praxisschock: Ich verstand die Sachverhalte nicht, die die Mandanten vertrauenswürdig und hoffnungsvoll an mich herantrugen.

Und ich verstehe es noch heute nicht, wenn Menschen von ihren Basen, Schwippschwagern, Gevatterinnen, Muhmen, bifurkativ-kollateralen Verwandten der ersten aufsteigenden Ordnung und patrilinear-agnatischen Vettern dritten Grades sprechen. Dazu kommen noch eine Menge Halbgeschwister, angeheiratete Verwandte und allfällige Trusts, die einst aus Steuerspargründen auf den Cayman-Inseln gegründet wurden und von denen niemand mehr weiß, wem sie überhaupt gehören oder ob nicht schon die ganze Mischpoche dem Trust gehört. Außerdem verwendet jeder die entfernteren Verwandschaftsbezeichnungen auf andere Art und Weise, so dass die Mandanten oft von Verwandtschaftsverhältnissen ausgehen, wo gar keine erbrechtlich relevante Verwandtschaft besteht. Oder umgekehrt: Die Menschen glauben, die Verwandtschaft habe sich gelöst, weil man schon zehn Jahre lang keinen Kontakt mehr hat, weil die Tochter einen Ausländer geheiratet hat oder der Bruder die WhatsApp-Familiengruppe verlassen hat. Und dazu kommen noch die Haustiere.

Alleine die tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnisse zu eruieren, ist für mich genauso kompliziert wie dreidimensionale Mathematik. Ich sitze dann immer da und zeichne Linien und Pfeile, um irgendwas zu tun, aber eigentlich habe ich innerlich schon lange abgeschaltet.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich aus einer relativ kleinen und überschaubaren Familie komme.

Oder daran, dass man es im Erbrecht mit zwei eher unsympathischen Mandantengruppen zu tun hat: Denen, die Geld wie Heu haben, aber nicht davon lassen können. Und denen, die glauben, sie hätten Anspruch auf jemandes anderen Geld wie Heu. (Wobei, wie gesagt, im letzteren Fall höferechtliche Sonderregelungen greifen können.)

Die millionenschweren Alten (Fachbegriff: raffgierige Gruftis) haben oft sehr genaue Vorstellungen davon, wie ihre bemitleidenswerte Nachkommenschaft ihr Leben zu führen hat. Da soll dann der Sohn erst erben, wenn er Diplom-Ingenieur wird, aber nur falls er das elterliche Unternehmen weiter betreibt, ohne jedoch den Standort zu verlagern, den Betrieb zu schließen, Mitarbeiter zu entlassen oder das selbst entworfene Firmenlogo zu verändern. (Wiederum kein Gedanke an die Möglichkeit, dass die Produkte des Unternehmens in 20 Jahren vollkommen obsolet sein werden.) Und die Tochter soll erst erben, wenn sie geheiratet hat, aber nur einen Mann, der Arzt oder Rechtsanwalt ist oder zumindest aus dem Adel kommt, allerdings nicht von den Schwerin-Krosigks, denn das seien Kriegsverbrecher. (Wenn ich frage, ob eine gleichgeschlechtliche Ehe auch zählt, fallen die Eltern aus allen Wolken.) Und dann wollen sie noch eine Menge Anordnungen, was mit dem Haus, mit der Katze und dem Wochenendhaus am Gardasee passieren soll. Und, ganz wichtig, alle Enkelkinder müssen zweimal im Jahr das Grab besuchen und dort mindestens 15 Minuten in einträchtiger Stille und Ehrfurcht verbringen. Zu überprüfen vom Testamentsvollstrecker. Mit Stoppuhr.

Ich habe bei diesen Leuten immer das folgende Bild im Kopf:

Manche Leute können einfach nicht einsehen, dass irgendwann Schluss ist, und wollen ihr Testament dazu missbrauchen, auch nach dem Tod noch Macht und Einfluss auszuüben.

Überhaupt ist die Macht, die von Vermögen ausgeht, etwas äußerst Unangenehmes.

Bei Mandanten, die weit mehr als genug zum Leben haben, frage ich manchmal: „Wenn Sie wissen, wem sie was zukommen lassen wollen, wieso schenken Sie es denjenigen nicht einfach? Sie müssen damit nicht bis zum Tod warten.“

Manche scheinen ehrlich überrascht davon zu sein, dass man sich von Vermögen freiwillig trennen darf. Die haben ihr ganzes Leben so geschafft und gerafft, dass sie schon lange vergessen haben, wer im Verhältnis von Mensch und Materie eigentlich den Ton angeben sollte. Manchmal ist das Vermögen, und sei es nur ein hässliches Eigenheim, tatsächlich das, was diese Menschen als ihre „Lebensleistung“ betrachten. Sehr traurig.

Für mich hingegen ist es so: Wenn am Ende des Lebens noch Vermögen übrig ist, dann zeigt das, dass man zu viel gearbeitet oder zu wenig gelebt hat.

Jedenfalls hatte noch kein einziger Mandant eine gute Erklärung, warum er mit dem Verschenken lieber bis nach dem Tod wartet. Dabei kenne ich die Antwort: Die Alten nutzen ihr Eigentum, um sich noch Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten zu erpressen. Die haben Angst, vielleicht sogar berechtigte, ihre Aktienpakete frühzeitig aus der Hand zu geben und erkennen zu müssen, dass die bisherige heile Familienwelt nur geheuchelt war.

Letztere Gruppe (Fachbegriff: raffgierige Gören) informiert mich gerne, dass sie Häuser, Firmenanteile und Aktiendepots erben wird und möchte wissen, wie sie davon möglichst wenig an die Allgemeinheit und an ihre Geschwister abgeben muss.

Ich muss dann zuerst einmal Illusionen zerstören: „Ich würde an Ihrer Stelle nicht so sicher davon ausgehen, dass Sie überhaupt etwas erben.“

Die Antwort kommt mit der Selbstsicherheit der von Lebenserfahrung oder Vorstellungsvermögen nicht übermäßig Geplagten: „Doch, doch, mein Vater hat das schon klar angedeutet.“

Dann muss ich als Jurist Dinge erklären, von denen man denkt, dass sie wirklich kein Studium der Rechtwissenschaft erfordern:

„Erstens, solange niemand stirbt, erbt überhaupt niemand. Zweitens ist es nicht gesagt, dass Ihre Eltern vor Ihnen sterben. Drittens wissen Sie nicht, ob von dem Vermögen in einem etwaigen Erbfall noch etwas übrig sein wird. [Gerade die Kosten für Pflege im Alter werden vollkommen unterschätzt.] Und viertens können bis zum Erbfall noch weitere Erbberechtigte hinzutreten, z.B. durch neue Kinder oder Wiederverheiratung. Und fünftens, vielleicht überlegen es sich Ihre Eltern noch anders und vermachen alles dem Tierschutzverein.“

Die Antwort ist meist ein erstauntes Schweigen. Es ist schockierend, wie linear sich die meisten Menschen Lebensabläufe vorstellen. Manche basieren darauf millionenschwere Entscheidungen, sogar Unternehmensnachfolgen, ohne auch nur ansatzweise an die Alternativverläufe zu denken. Und wenn man sie damit konfrontiert, durchaus in hilfsbereiter Absicht, wollen sie es nicht hören.

Viele dieser Mandanten gehen dann sofort nach Hause und vergiften ihre Eltern. Aber Strafrecht mache ich auch nicht. Aus anderen Gründen.

Die Gesellschaft wäre gesünder, gerechter und ehrlicher, wenn es gar kein Erbrecht oder zumindest eine viel höhere Erbschaftssteuer gäbe. Schließlich leiden wir in Deutschland mittlerweile unter einer Vermögensungleichheit, die krasser ist als im mittelalterlichen Feudalismus. Über das Erbrecht nimmt diese Ungleichheit mit jeder Generation zu, denn die Nachkommen der Reichen pressen den Nachkommen der Armen immer höhere Mieten aus den Rippen. Im Englischen wird dieser feudalistische Hintergrund der Miete wenigstens nicht verschleiert, da heißt der Vermieter „landlord“.

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