Die Anfänge von Instagram

So machten unsere Großmütter ihre coolen Facebook-Profilfotos.

Warsaw 1946.jpg

(Warschau, Polen 1946.)

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Mein Häuschen in Kolumbien

Bogotá ist schon ziemlich grün für eine Großstadt, aber ich wollte nur Natur, ohne Stadt. Also habe ich ein kleines Häuschen nördlich von Kolumbiens Hauptstadt gemietet, wohin man über sanfte Hügel und vorbei an Kuhweiden gelangt und sich dabei die Straße zwischen den Feldern mit erstaunlich vielen Radfahrern teilt. Den letzten Kilometer geht es einen steilen Berg hinauf, wie zu einer Almhütte.

Haus1Haus2

Es liegt genau zwischen Tenjo und Chía, beide Orte 6 km oder, wie der Vermieter sagt, „eine Stunde und 20 Minuten zu Fuß“ entfernt. Und man macht sich besser nicht zu spät auf den Weg, denn nach 18 Uhr ist es stockdunkel im Tal.

Außerdem wird es auf über 2700 m nachts etwas kühl.

Dafür ist es im Haus ganz gemütlich.

Schlafzimmer

Erst recht begeistert war ich, als ich die Bücherecke erblickte.

Bücherecke

Und was für eine beeindruckende Auswahl in dieser abgeschiedenen Hütte aufwartet: Immanuel Kant, Sigmund Freud, Hermann Hesse, William Shakespeare, Jean-Paul Sartre, Robert Musil, Viktor Frankl, Mahatma Gandhi und natürlich der Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez. Die meisten davon schöne, gebundene Ausgaben aus den 1930er bis 1950er Jahren. In jener Zeit muss sich hier ein Intellektueller in den Bergen versteckt haben.

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Es findet sich sogar ein umfangreiches Werk über die Gestapo,

Gestapo1

in dem zwischen den Seiten 368 und 369 die Eintrittskarte zu einem Stierkampf am 3. Februar 1968 als Lesezeichen liegt.

Gestapo2

Etwas verstörender fand ich die spanische Übersetzung des Tagebuchs von Joseph Goebbels,

Goebbels1

deren Lektüre allerdings ausweislich des Lesezeichens schon auf Seite 46 abgebrochen wurde.

Goebbels2

Als Lesezeichen dienten hier Quittungen des Unternehmens Remington Rand, einem der ersten Computerhersteller, aus dem Jahr 1955. Sehr mysteriös, was sich tief in den Bergen Kolumbiens damals abgespielt haben mag.

Auf dem Schreibtisch beachte man insbesondere den ausreichenden Zigarrenvorrat rechts. Wenn Zigarren nur 0,15 Euro das Stück kosten, dann kann man schon mal zugreifen.

SchreibtischZigarren

Was die Pistole neben dem Compute soll, fragt Ihr? Die war auch schon da. Gehört anscheinend zum Haus. Unter der Treppe ist die Munition gelagert.

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Der erste Abend klang jedoch ganz friedlich aus, mit einem Blick über das dank frischem Regen saftig grüne Tal in der Abendsonne.

erster Abend

(Das Haus könnt Ihr über AirBnB mieten. Wenn Ihr Euch über diesen Link bei AirBnB anmeldet, bekommt Ihr einen Rabatt von 35 Euro, natürlich nicht nur in Kolumbien. – To the English version.)

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Der Vulkan raucht und die Sonne geht unter

Ein Blick auf den rauchenden Ätna (links) und die untergehende Sonne (rechts) von Capo Milazzo aus. Nicht auf dem Foto: Rechts hinter mir rauchte der Stromboli und links hinter mir war ein Regenbogen über dem langgestreckten Capo Milazzo zu sehen. Ich wußte nicht, wohin ich zuerst sehen sollte.

Etna with sunset from Capo Milazzo

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Nazis in New York

Wenn man die Großeltern auf ihre Mitläufer-, Mitwisser- und Mittäterschaft während der Zeit des Nationalsozialismus anspricht (etwas, das mir meine Eltern zur Wahrung des Familienfriedens untersagten), dann lautet eine der Ausreden gerne:

„Ja, was hätten wir denn tun sollen? Damals musste man Nazi sein!“

Das ist schon faktisch falsch, denn es bestand die Möglichkeit zumindest der inneren Emigration sowie des Widerstands im Kleinen wie im Großen. Selbst der als Entschuldigung für Mordtaten herangezogene Befehlsnotstand wurde schon lange als einer der vielen bequemen Nachkriegsmythen entlarvt.

Die angebliche Drucksituation ist aber auch untauglich und unlogisch als Erklärung.

Denn wie könnte das die Wahlergebnisse der NSDAP vor der Diktatur erklären? Woher kamen die 18%, 37% und 33% Prozent Wählerstimmen bei den Reichstagswahlen 1930 und im Sommer und Herbst 1932? Damals „musste“ man doch auch nach der Theorie der geschichtsverfälschenden Großeltern noch kein Nazi sein.

Zum Zweiten würde das nicht die nationalsozialistische Begeisterung der sicher im Ausland lebenden Deutschen oder Deutschstämmigen erklären. Selbst deutsche Auswanderer in den USA konnten 1939 in New York immerhin 22.000 Menschen zu einer doch sehr eindeutigen Versammlung zusammentrommeln.

Auch hier kein Zwang, kein Druck, keine Notlage. Stattdessen Begeisterung für Rassismus, Antisemitismus und Militarismus. Der „Führer“ des Amerikadeutschen Bundes, Fritz Julius Kuhn, wurde später übrigens wegen Veruntreuung eines Teils der Eintrittsgelder für die im Video gezeigte Veranstaltung verurteilt.


Das fiel mir jetzt wieder ein, wo die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken für das Präsidialsystem von Recep Tayyip Erdogan stimmte.

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Frohe Ostern!

Mein kürzlicher aber nicht kurzer Artikel über Südamerika enthielt religionskritische Passagen, bei denen sich einige der religiösen Leser wahrscheinlich gedacht haben: „Na, da übertreibt der Atheist mal wieder heftig.“

Keineswegs und niemals.

Um meinem Punkt zu unterstreichen, musste ich am Samstag Nachmittag nur das Haus verlassen, nachdem die schon dreistündige Prozession vor demselben mit Gesang, Tanz, Trommeln und Trompeten nicht aufhören wollte.

Der Ostermarsch war noch in vollem Gange. In den wenigen Minuten, die ich mich in der scheinbar vom Teufel besessenen Menge aufhielt, marschierten Tausende von weißgekleideten Menschen vorbei.

Ostermarsch.JPG

In den drei Stunden vorher müssen es also Zehntausende gewesen sein. Das vorweg, weil nach dem Lesen der im Folgenden geschilderten Absurditäten einige beschwichtigen werden wollen: „Ach, das ist doch eine kleine Minderheit.“ Ist es nicht.

Auf den Mützen stand übrigens „Cristo viene pronto„, „Jesus kommt bald“.

Die Theologen unter meinen Lesern kritisieren mich manchmal dafür, dass ich ein recht simples Bild von Gott und Gebeten verwende, das zu kritisieren natürlich leicht fällt. Aber was soll ich machen, wenn Millionen von gläubigen Christen (und ihre Pastoren!) eben dieses simple Bild glauben und predigen?

Lassen wir die Christen einfach selbst zu Wort kommen.

Schild Schulden Auto

Dieser Herr bedankt sich daür, dass Jesus seine Schulden von 7000 Dollars gezahlt und ihm dieses Jahr ein Auto geschenkt habe. Außerdem macht er öffentlich kund, dass sich seine ganze Familie auf die „gloriose Entrückung durch Jesus“ freue, wobei er „rapto“ falsch schrieb. Nur ein kleiner Beleg für meine These von der Dichotomie von Bildung und Religion.

Ob sich die Umstehenden darüber ärgerten, dass Jesus ihnen kein Auto geschenkt hat, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, weil die Damen, Herren und Kinder die ganze Zeit „Jesus lebt“ und „Jesus kommt bald“ schrien.

Schild Jesus Kopf

Diese Dame bedankt sich bei Jesus dafür, dass er ihren Kopf operiert habe und dass sie jetzt gesund sei.

Die nächste Dame bleibt ähnlich vage, zählt aber zusätzlich zur Migräne Rheuma, Magenschmerzen und eine kaputte Familie auf, von dem allen sie Gott geheilt habe.

Schild Magenschmerzen

Das fand ich arg an den Haaren herbeigezogen, denn gegen Magenschmerzen hilft schließlich oft eine Nacht Schlaf, ein Coca-Tee, eine Coca-Cola, eine Zigarre oder ein Stuhlgang. Die Verstopfung im Hirn hingegen ist ein schwerwiegenderes Problem.

Schild Wirbelsäule

Dieser Herr bedankt sich bei Jesus dafür, dass seine Wirbelsäule jetzt wieder gesund sei, was sich mit dem von ihm gewählten Fortbewegungsmittel nicht ganz verträgt. Aber Logik war an diesem Tag nicht breit gesäht.

Wenn Ihr nicht mehr wisst als ich wusste, dann seid Ihr oben auch über den Begriff „Entrückung“ gestolpert. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das ein Akt, bei dem Gott und/oder Jesus Menschen aus dem Leben reißt und sie körperlich (!) in den Himmel holt. Und das hat anscheinend etwas damit zu tun, dass Jesus bald kommt.

Eine Dame gab mir dieses Merkblatt, das mit „ACHTUNG!!!“ überschrieben war. Demnach komme „Jesus, der König der Könige“ bald, und der Leser wird gefragt, ob er darauf vorbereitet ist.

Flugblatt1

Für die, wie mich, auf dieses himmlische Ereignis Unvorbereiteten bietet die mit „DRINGEND!!!“ überschriebene Rückseite nähere Informationen.

Flugblatt2

Weiter steht da geschrieben, dass „Millionen von Menschen bald vom Angesicht der Erde verschwinden werden“ und dass dieser Prozess bereits seit Juni 2015 laufe. Seither „geschehen viele übernatürliche Dinge und der Herr habe schon vielen Menschen prophezeit, dass Christus bald komme“. Dies werde übrigens „nicht nur in La Paz und nicht einmal nur in Bolivien, sondern auf der ganzen Welt“ passieren.

Nun verschwinden in Bolivien zwar tatsächlich eine Menge Menschen, aber das meinen die Christen nicht. Sie verweisen stattdessen auf Lahme die gehen können, Blinde die sehen können, geheilte Schwerkranke, „von schmutzigen Geistern“ Befreite sowie, etwas prosaisch, auf „restaurierte Häuser“. Dann folgt der Verweis auf die kircheneigenen Fernseh- und Radiosender. (Danke an die Spender aus Übersee, die glauben, Waisenhäuser oder Schulen zu unterstützen.)

Am Ende dieses Flugblatts beweisen dann aber auch die christlichen Bolivianer den bolivianischen Sinn für Humor. „HINWEIS: Wir wissen nicht, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit die Entrückung stattfindet.“ Wobei eine genaue Uhrzeit bei der hiesigen Unpünktlichkeit auch nicht viel ändern würde.

Humor bewies auch der Typ, der als einziger unter Millionen nicht vollständig in Weiß gekleidet war.

Maske.JPG

Sich in einen Rausch betende und rufende in Weiß gekleidete Menschen, die verkünden, darauf vorbereit zu sein, dass Gott sie möglichst bald von dieser Erde hole, kennt man sonst eigentlich nur von ISIS und anderen Dschihadisten. In Südamerika übernehmen das die Christen.

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Am Abend versammelten sich dann alle vor der Kathedrale, wo ein paar Einpeitscher eine Ostershow abzogen, bei der mir Angst und Bange wurde.

 

(Read these Easter wishes in English.)

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Karfreitag

Karfreitag ist der Tag im Jahr, an dem Katholiken versuchen zu beweisen, dass sie genauso verrückt und durchgeknallt wie die Angehörigen der meisten anderen Religionen sein können. Auf den Philippinen schlagen sich manche Leute blutig, andere spielen die Kreuzigung von Jesus Christus nach.

Philippines flagellation Easter 1

Philippines flagellation Easter 2

Philippines flagellation Easter 3

Philippines flagellation Easter 4

Philippines crucifixion Easter 2

Philippines crucifixion Easter 1

Nein, diese Religion kann nicht gut für die (geistige) Gesundheit sein.

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Tagesnotizen 11

  1. Mohammad Mostafaei, der Anwalt, mit dem ich zusammen im Iran festgenommen wurde, hat jetzt ein Buch geschrieben. Angeblich komme ich darin auch vor, aber bis jetzt ist es nur auf Norwegisch erschienen. 09a99002cd0fb493b443f543649a30db
  2. Kennt noch jemand Paul von Heyse oder Jacinto Benavente? Nein? Tja, das zeigt, wie überbewertet der Literaturnobelpreis ist.
  3. Junge Menschen glauben mir oft nicht, wenn ich erzähle, wie früher das Rauchen im Flugzeug nicht nur erlaubt, sondern normal war. Rauchen Flugzeug
  4. Die lustlosesten Leute arbeiten in Telefonläden, oder? Das scheint überall auf der Welt das Gleiche zu sein.
  5. Als Mark Twain 59 Jahre alt war, war er so pleite, dass er sich zu einer Comedy-Tour bereiterklärte, die ihn um die ganze Welt führte.
  6. In vielen Ländern Südamerikas kommt man übrigens hervorragend ohne die zweijährliche Umstellung auf Winter- bzw. Sommerzeit zurecht.
  7. Wer hätte gedacht, dass eine französische Nationalistin ihr Geld aus Russland und ihre Inspiration aus den USA holt?
  8. Nachdem ich schon über die mexikanischen Nazis geschrieben habe, sollte ich auch die „Legión de Guerrilleros Mexicanos“ erwähnen. Organisiert von Cowboy-Führern stellte diese Freiwilligenarmee während des Zweiten Weltkriegs zwischen 100.000 und 150.000 Männer auf die Beine bzw. auf die Pferde, um die befürchtete Invasion Deutschlands und Japans abzuwehren. 91321322_37426533
  9. Das ist womöglich von Interesse für andere Übersetzer juristischer Texte: Bei EUR-Lex kann man europäischer Rechtsakte und Urteile in bis zu drei Sprachen nebeneinander ansehen. Um die offizielle Terminologie in einer anderen Sprache herauszufinden, ist das zuverlässiger als ein Wörterbuch. eur-lex
  10. Schlechte Nachrichten: Jedes Mal wenn ich einen Halbmarathon laufe, sterben mehr Menschen. Das gibt mir schon über die Konsequenzen meines Handelns zum Denken
  11. Allerdings sind hauptsächlich die Großveranstaltungen wie Marathons in Boston, New York und Berlin das Problem. Mir liegen eher die kleinen Läufe irgendwo in der Natur, in den Bergen oder einer Kleinstadt.
  12. Endlich habe ich ein Lied gefunden, das mein Leben beschreibt: „Secret Action Man“, hier unterlegt mit Szenen aus der TV-Serie Reilly – Ace of Spies über Sidney Reilly.

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