Reise zum Mittelpunkt Europas

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Es ist der 15. Juli 2022. Ein schöner Sommertag. Ich bin früh aufgestanden und losgezogen. Schließlich habe ich einen ungewöhnlichen Ausflug vor mir. Außerdem konnte ich sowieso kaum schlafen. Es wird heiß werden an diesem Tag, aber noch ist es morgendlich-angenehm frisch. Zwischendurch tröpfelt es ein bisschen, aber es ist so ein Sommerregen, vor dem man sich gar nicht versteckt, weil man weiß, dass er bald vorübergeht. Lieber Regen als Raketen.

Es ist Tag 142 des russischen Angriffs auf die Ukraine, und niemand glaubt mehr, dass dieser Krieg bald vorübergeht.

Über eine wackelige Holzbrücke überquere ich den Fluss Theiß. Von Rumänien in die Ukraine.

Ganz legal. Kurze, freundliche Kontrolle auf der rumänischen wie auf der ukrainischen Seite. Keine Warnungen. Keine Vorsichtshinweise. Keine Fragen, was zum Teufel ich mitten im Krieg in der Ukraine will.

Dabei hatte ich mir so eine gute Antwort zurechtgelegt: Ich suche den Mittelpunkt Europas.

„In der Ukraine??“ werden jetzt viele fragen, wo doch bis vor kurzem die meisten (West-)Europäer von diesem Land noch überhaupt nichts wussten. Ukraine, Ural, Ulan-Ude, alles das gleiche. Alles weit weg. Irgendwo bei Sibirien.

Aber zurück zu jenem Tag im Juli 2022. Von Solotwino, dem Grenzort, würden Busse nach Rachiw gehen, hatte ich gelesen. Unterwegs könnte ich in der Nähe von Dilowe aussteigen. Doch der Busbahnhof, eigentlich nur ein Container an der Hauptstraße, ist wie verwaist.

Die Bahnhofsvorsteherin kommt hilfsbereit heraus und sagt, dass die Liste mit den Abfahrtszeiten Makulatur sei. Die Busfahrer sind an der Front, die Busse im Krieg.

Dann muss ich eben trampen. Per Anhalter durch ein Land im Krieg. Gar nicht so einfach, kann ich Euch sagen. Aber, wie immer beim Trampen, schließlich klappt es doch. Nach einer übertrieben rasanten Fahrt durch die wunderschönen Karpaten, immer an der Theiß entlang und nicht ernsthaft behelligt durch die Militärcheckpoints, lässt mich Vasili bei dem Weiler Kruhlyj in der Gemeinde Dilowe im Kreis Rachiw raus – nicht ohne sich zu wundern, was zum Teufel der komische Ausländer hier will.

Der reisende Reporter hingegen kann sein Glück kaum fassen, hat er doch tatsächlich die gesuchte Stelle und Stele gefunden, die den geographischen Mittelpunkt Europas markiert. Errichtet 1887 und schon ziemlich ramponiert.

Errichtet wurde sie beim Bau der nahen Eisenbahnlinie von österreichischen Ingenieuren, denn der Kreis Rachiw gehörte damals zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Überhaupt ist dieser Ort viel europäischer als man denkt. Allein im 20. Jahrhundert gehörte er zu fast einem Dutzend Staaten. (Nacheinander, nicht gleichzeitig.) Die Menschen hier sprachen und sprechen Ukrainisch, Russisch, Deutsch, Yiddisch, Ungarisch, Slowakisch, Rumänisch, Tschechisch, Ruthenisch, Romani und, wie ich für Euch getestet habe, ein klein wenig Englisch.

Historisch, linguistisch und ethnisch ist dieses Tal in den Karpaten also europäischer als Berlin, Paris oder Rom. Aber mehr dazu in einem demnächstigen ausführlichen Artikel über Kruhlyj, in dem ich dann leider die lateinische Inschrift des „locus perennis“ entziffern und mitteilen muss, dass die Welt seit 135 Jahren einem Übersetzungsfehler aufgesessen ist. Die österreichischen Eisenbahningenieure hatten nie behauptet, dass hier der Mittelpunkt Europas sei.

Also muss ich weitersuchen.

Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren in Litauen im Europa-Park schon über die angebliche Mitte Europas gestolpert bin. Auch damals war ich überrascht, diesen Punkt dort zu finden, wo ich die Peripherie Europas verortet hätte.

Mitte1
Mitte2
Mitte3

Die zugrundeliegende Berechnung stammt von 1989.

In 100 Jahren kann ein Kontinent schon mal wachsen, schrumpfen oder sich aufgrund der zwischenzeitlich erfundenen Plattentektonik verschieben. Aber zwischen der Ukraine und Litauen liegen – zumindest geographisch – doch Welten. Weitere Mittelpunktprätendenten liegen in der Slowakei, in Ungarn, in Deutschland, und so weiter. Es müssen also unterschiedliche Berechnungsmethoden angewendet worden sein.

Ein Problem ist die Bestimmung dessen, was Europa ist. Politisch? Das wäre dann das Habsburger-Reich oder die EU. Mit oder ohne Beitrittskandidaten? Ist Großbritannien nicht mehr europäisch? Und wie wirkt sich das mitten im Kontinent liegende schweizerische Loch im europäischen Käse aus? Zählt man die Inseln dazu, die dank der großzügigen Überseepolitik unserer französischen Freunde die EU bis nach Guadeloupe und Neukaledonien erweitern? Sind Französisch-Guyana und Ceuta nicht offensichtlich in Südamerika bzw. Afrika und damit keinesfalls in Europa? Was ist mit Nordzypern? Fragen über Fragen. Gut, dass wenigstens Deutschland alles vom Bismarck-Archipel bis Samoa verloren hat und die Karte der EU nicht noch zusätzlich verkompliziert.

Aber auch bei rein geographischer Bestimmung kann man end- und ergebnislos diskutieren. Wo verläuft die Grenze nach Osten? Was ist mit der Türkei? Was mit dem Kaukasus? Ist Malta europäisch oder afrikanisch? Verbindet man einfach die Extrempunkte, um das Zentrum zu ermitteln? Oder zieht man die Grenzen der Landmasse in Betracht? Womöglich noch gewichtet nach dem Produkt aus Fläche mal Gewicht. Ein Hektar Schweiz wiegt ja viel mehr als ein Hektar Holland. Oder wählt man das Zentrum eines um Europa gezogenen Kreises? Man könnte auch nach der Bevölkerung gewichten, damit sich die skandinavischen Länder nicht so wichtig nehmen. Oder einen ökonomischen Mittelpunkt errechnen, gewichtet nach Bruttosozialprodukt.

Man sieht schon: Wer lange genug mit Zahlen und Methoden herumspielt, findet immer einen Mittelpunkt Europas, der in einem kleinen Dorf liegt, das hofft, dadurch den Tourismus anzukurbeln.

Denn auffällig ist, dass alle bisherigen Mittelpunkte Europas in der Pampa liegen, wo sonst tote Hose ist. Oder, im Falle von Flossenbürg und Braunau am Inn, wo man von etwas anderem ablenken will. Hier die wahrscheinlich nicht vollständige Liste aller Orte, die jemals behauptet haben, der Mittelpunkt Europas bzw. der Europäischen Union zu sein:

  • Polazk, Belarus
  • Wizebsk, Belarus
  • Ivieś am Scho-See, Belarus
  • Viroinval, Belgien
  • Hildweinsreuth bei Flossenbürg, Deutschland
  • Kleinmaischeid, Deutschland
  • Cölbe, Deutschland
  • Gelnhausen-Meerholz, Deutschland
  • Westerngrund, Deutschland
  • Veitshöchheim, Deutschland
  • Mõnnuste auf der Insel Saaremaa, Estland
  • Saint-André-le-Coq, Frankreich
  • Noireterre, Saint-Clément, Frankreich
  • Purnuškės, Litauen
  • Europa-Park, Litauen
  • Braunau am Inn, Österreich
  • Suchowola, Polen
  • Landskrona, Schweden
  • Krahule (Blaufuß), Slowakei
  • Kremnica (Kremnitz), Slowakei
  • der Tillenberg an der deutsch-tschechischen Grenze
  • ein Hügel östlich von Čečelovice, Tschechische Republik
  • Kruhlyj (zwischen Dilowe und Rachiw), Ukraine
  • Tállya, Ungarn

Und hier eine mühsam erstellte interaktive Landkarte. Die blauen Haken kennzeichnen die Orte, an die ich es bereits geschafft habe. Grüne Haken werden bald diejenigen Punkte schmücken, über die ein Artikel auf diesem Blog veröffentlicht wurde.

Diese Karte ist vor allem praktisch, um herauszufinden, ob Ihr zufällig in der Nähe eines dieser Punkte von Weltbedeutung lebt. In diesem Fall könnt Ihr Euch gerne melden, denn ich habe mir in den Kopf gesetzt, alle bisherigen Mittelpunkte Europas zu besuchen sowie darüber zu schreiben. Keinen oberflächlichen Reisebericht, sondern, wie Ihr es von mir gewohnt seid, tief in die Geschichte eintauchend. (Auch wenn Flossenbürg und Braunau am Inn das gar nicht gut finden.) Weil ich meist per Anhalter oder wandernd unterwegs bin, ergibt sich dazwischen hoffentlich noch das eine oder andere Abenteuer. Apropos Abenteuer: Drückt mir die Daumen, dass ich das Visum für Belarus bekomme! Sonst muss ich mich da irgendwie über die Grenze schleichen…

Gerade fällt mir auf, dass das eigentlich ein ziemlich rundes Projekt für ein Buch ist, oder?

Wenn Ihr die Idee interessant findet, so freue ich mich natürlich über jegliche erdenkliche Unterstützung! Vor allem über ein Sofa für ein paar Nächte, wenn Ihr in der Nähe eines der vielen europäischen Mittelpunkte lebt. Oder auf dem Weg dorthin.

Möchtest du eine Postkarte?

Ihr wärt überrascht, herauszufinden, wie schwer es vielerorts geworden ist, noch Postkarten zu finden. Aber für Euch, geschätzte Leserinnen und Leser, mache ich mich auf die Suche nach diesen Relikten vergangener Zeiten.

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Flaute am Flughafen

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Wie hat das 9-Euro-Ticket das Reisen in Deutschland verändert?

Genau so, wie es zu erwarten war: Die Züge und Busse sind spürbar voller, manchmal rappelvoll, wenn auch selten überfüllt. (Und wenn, dann meist wegen denen, die darauf bestehen, ihre Fahrräder mit in den Zug zu nehmen.)

Auf den Straßen und Autobahnen gibt es weniger Staus. Weniger Menschen sterben bei Verkehrsunfällen. Die Leute sind entspannter. Alle sind glücklich.

Und weil sich jetzt jeder die Fahrt mit der gemütlichen, entspannenden und romantische Eisenbahn leisten kann, muss kaum mehr jemand in ein ungemütliches, klaustrophobisches und unzuverlässiges Flugzeug steigen.

Ich wollte herausfinden, wie es angesichts dessen dem Flugverkehr in Deutschland geht. Also spazierte ich vor ein paar Tagen zum Flughafen in Berlin. Mit meinem Gespür für romantische Situationen habe ich es gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang geschafft.

Und dort erwartete mich eine gespenstische Szene: Der Flughafen war fast komplett leer. Er war geöffnet und wartete auf Kunden, die Lichter waren an, aber niemand wollte mehr mit diesen spritschluckenden Monstern fliegen. Keiner der Parkplätze war belegt. Ich konnte zwischen den Terminals herumlaufen, ohne dass sich irgendjemand für mich interessiert hätte. Die Menschen hatten die Rollbahn zum Radfahren, Joggen und Picknicken in Beschlag genommen.

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Auf der Flucht

Ihr könnt es auf dem Foto nicht hören, aber das kleine Mädchen hat geweint.

Fotografiert in Solotwino, Ukraine, im Juli 2022.

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Fliegerviertel

Zum Platz der Luftbrücke in Berlin führt – in einem etwas unpassenden Aufeinandertreffen zweier doch ganz grundverschiedener fliegerischer Philosophien – die Manfred-von-Richthofen-Straße.

Nach der Enola-Gay-Chaussee suche ich noch.

Wahrscheinlich vergeblich, denn die Namenswahl geht auf Hermann Göring persönlich zurück, dessen Entscheidungen in Berlin für alle Zeiten unantastbar zu sein scheinen.

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Graffiti zum Schutz von die Vögel

Im Volkspark Hasenheide, auch genannt Haschischheide, in Berlin-Neukölln liegt der Rixdorfer Teich.

Darin schwimmen Enten, Schwäne und Schrippen.

Letzteres ist zwar nett gemeint, aber nicht gesund, wie ein am Holzgeländer angebrachtes Graffito warnt:

BROT VERSTOPFT DIE VERDAUUNG DER VÖGELS UND LÄSST DIE TEICH KIPPEN.

Genau so steht das da.

Und seither wundere ich mich, wer komplizierte Wörter wie Verdauung sowie Fachbegriffe wie das Kippen eines Gewässers beherrscht, ansonsten aber mit der Grammatik hadert. Vielleicht ein legasthenischer Limnologe.

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Drogendealer mit Ehrenkodex

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Juli 2022. Volkspark Hasenheide in Berlin-Neukölln. Ein großer, grüner Park mit Streichelzoo, Freiluftkino, Hundeauslaufgelände, Baumlehrpfad, geschichtsverfälschendem Trümmerfrauendenkmal, Rosengarten, Minigolfanlage, einem Imbiss, der keine Currywurst im Angebot hat, aber händeringend Mitarbeiter sucht, dem von Friedrich Ludwig Jahn 1811 persönlich angelegten ersten Turnplatz, und dem Sri-Ganesha-Hindu-Tempel, dessen Fertigstellung sich genauso verzögert wie einst die des Berliner Flughafens.

Wo sich die Pfade und Wege kreuzen, stehen Männer auffällig unauffällig herum. Manchmal einer, manchmal zwei, manchmal drei. Von Zeit zu Zeit verschwindet einer von ihnen im Gebüsch und gräbt etwas aus oder ein. Wie ein Eichhörnchen.

Ich vermute ja gerne immer das Beste im Menschen und möchte deshalb annehmen, dass die Männer eine entlaufene Katze suchen. Oder Unterschriften für eines der vielen Berliner Volksbegehren sammeln. (Dasjenige mit dem bedingungslosen Grundeinkommen käme mir sehr entgegen.) Oder an frischer Luft über die Oxymoronität illiberaler Demokratien philosophieren.

Aber da sie mich, der ich doch erkennbar ein volksbegehrensunterzeichnungswilliger und begeistert philosophierender Katzenfreund bin, nicht ansprechen, muss ich den rawlschen Schleier des Nichtwissens abstreifen, der grausamen Realität ins Auge blicken und erkennen, dass diese Männer vermutlich Substanzen feilbieten, die der nur wenige Kilometer entfernt – wenn nicht schon Sommerpause wäre – tagende Gesetzgeber in die Anlage I zu § 1 Absatz 1 des Betäubungsmittelgesetzes und damit in die Illegalität verbannt hat.

Dass ich fast nirgendwo auf der Welt von Haschischhändlern, Drogendealern oder Opiatofferten behelligt werde, liegt wohl daran, dass ich ziemlich brav und anständig, um nicht zu sagen langweilig aussehe. Deshalb sind die Leute auch immer sehr überrascht, wenn sie meine abenteuerlichen Geschichten hören. Wahrscheinlich sind die meisten Drogenkonsumenten viel spießiger als ich. Manche haben vielleicht sogar einen Bausparvertrag. Oder bügeln ihre Hemden.

Eines Abends unterbreche ich das Flanieren und pausiere auf einer Bank, wo ich unverhofft Gesprächsfetzen von der Gruppe auf der nächstgelegenen, etwa 10 Meter entfernten Bank mitbekomme.

Zuerst halte ich sie Konsumenten des oben erwähnten Nahrungsergänzungs- oder -ersatzmittels, aber anscheinend ist örtlich bekannt, dass sie auch in der Produktion oder zumindest im Vertrieb desselben tätig sind.

Drei Jugendliche laufen zuerst vorbei, fassen sich dann ein Herz oder welches Organ auch immer die Sucht steuert, kehren um und fragen die drei Herren, eine Dame und einen Hund, ob man bei ihnen „Gras“ erwerben könne. Ein geschickt gewähltes Codewort, denke ich anerkennend. Schließlich heißt der Park „Hasenheide“, so dass der BKA-Überwachungssatellit beim Wort „Gras“ an nichts Verdächtiges, sondern an putzige, kleine Mümmelmänner denken wird.

„Nee,“ sagt einer der Männer auf der Bank, „wir verkaufen nicht an Kinder.“

„Wir sind keine Kinder,“ entgegnet einer der Jugendlichen, „wir sind Jugendliche.“

„Nach dem Gesetz ist man Kind, bis man 18 ist“, erklärt der Mann auf der Bank. „Und wenn du vor dem Richter stehst, macht es schon einen Unterschied, ob du das Zeug an Erwachsene oder an Kinder vertickt hast.“

Anscheinend hat er bereits Erfahrung mit dem Justizsystem gesammelt, die ihn jedoch nicht von der weiteren Ausführung des Kleingewerbes abhält.

„Kinder verpetzen einen auch immer“, sagt einer der anderen Männer auf der Bank.

„Und wenn sich herumspricht, dass wir an Kinder verkaufen, dann wimmelt es hier bald wieder von Polizei“, ergänzt der dritte Mann. Es hört sich so an, wie wenn er den Volkspark ohne Volkspolizisten angenehmer findet.

„Habt Ihr keinen älteren Bruder?“ fragt die Frau aus dem Quartett auf der Bank. Anscheinend nicht. Das ist sie, die Ungnade der frühen Geburt, die Helmut Kohl gemeint hat.

Ich bekomme leider nicht das gesamte Gespräch mit, aber die Jugendlichen behaupten wohl, schon erwachsen, volljährig oder knapp davor zu sein, denn die Drogendealer antworten: „Dann zeigt uns mal Eure Ausweise!“

Zumindest bei einem von ihnen steht der 18. Geburtstag so nah bevor, dass sich das Drogenkartell erweichen lässt. Die Dealer rollen den Kindern sogar die Joints, weil sie ahnen, dass die Kleinen das niemals so formvollendet hinbekämen.

Ob ein Kauf- oder ein Schenkungsvertrag zustande kommt, kann ich nicht erkennen. Auf jeden Fall bestehen die Dealer darauf, dass die Jugendlichen das Pflanzenprodukt an Ort und Stelle konsumieren. Sozusagen unter Aufsicht Erwachsener. Falls einem der Jungs übel wird.

So uncool haben sich die Kids ihre erste Drogenerfahrung wahrscheinlich nicht vorgestellt. Sie flüstern und kichern verschämt, während sie paffen.

Die Drogendealer kritisieren währenddessen die Bundesregierung für ihre langsame Panzerlieferung an die Ukraine: „Das Schlimme ist, selbst wenn die schnell liefern wollen würden, könnten sie es nicht. Da müssen ja 15 Behörden beteiligt werden, und alles muss in fünffacher Ausfertigung erstellt und von jedem Hinz und Kunz unterschrieben und abgestempelt werden.“ Dabei ist die Ukraine sogar schon volljährig.

Obwohl ich betont unauffällig zuhöre, schlendert einer der Drogendealer betont unauffällig zu mir herüber und dann zurück zu seinen Kumpanen. Wahrscheinlich stört es sie, dass ich eine Zigarre rauche, und sie befürchten, ich könnte ihnen mit diesem erlesenen Tabakprodukt Kunden abspenstig machen.

Die größere Gefahr für ihr Geschäft lauert aber wohl von der angekündigten Legalisierung. Vor wenigen Wochen fand in Berlin die „International Cannabis Business Conference“ statt, wo sich Pharmaunternehmen, Anwaltskanzleien und Unternehmensberater um den Markt balgten. Die Teilnehmer dort haben wahrscheinlich weniger moralische Skrupel als die netten Leute auf der Parkbank.

Anstatt auf die Haschischheide gehe ich jetzt meist in die umliegenden und wunderschönen Friedhöfe. Dort lässt sich keiner von den Drogendealern blicken. Wahrscheinlich verbietet das auch ihr Ehrenkodex.

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BRD GmbH

Da redet man sich den Mund fuselig und schreibt sich die Finger wund, um die Behauptungen der Reichsbürger zu widerlegen, insbesondere jene, die Bundesrepublik Deutschland sei nur eine GmbH im Eigentum der (West-)Alliierten.

Und dann spaziert man nichtsahnend durch Satu Mare und muss bemerken, dass die französische Bankengruppe Société Générale dort gar nicht zu verbergen versucht, wer die tatsächliche Kontrolle über die BRD ausübt.

Das ist ein ziemlicher Schock.

Bis man herausfindet, dass die Abkürzung für „Banca Română pentru Dezvoltare“, mithin für die Rumänische Entwicklungsbank steht, die 1999 von der Société Générale aufgekauft wurde.

Also nichts als ein harmloser Zufall. Aber es würde mich nicht wundern, wenn sich argumentationsarme Reichsbürger und Reichsbürgerinnen bald wie die Aasgeier darauf stürzen würden.

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Frist für Entschädigungsanträge nach StrRehaHomG verlängert

Kürzlich, aber noch rechtzeitig, hatte ich darauf hingewiesen, dass die Frist zur Stellung von Entschädigungsanträgen nach dem StrRehaHomG am 21. Juli 2022 endet.

Das „Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung der nach dem 8. Mai 1945 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen verurteilten Personen“ (StrRehaHomG) ist das Gesetz, nach dem einstmals wegen ihrer Homosexualität verurteilte Männer Entschädigungsansprüche wegen der erlittenen strafrechtlichen Verfolgung geltend machen können.

Von den zwischen 1945 und 1994 in (West-)Deutschland schätzungsweise 69.000 Verurteilten wurden bisher nur 335 Anträge auf Entschädigung gestellt. Die durchschnittliche Entschädigung durch ein von Staats wegen zerstörtes Leben beträgt etwa 3.400 Euro, also weniger als der Staatszuschuss für den Kauf eines Zweit- oder Drittwagens. In Deutschland wird Politik gemacht, wie wenn Autos wählen könnten.

Aber immerhin in einem Punkt ist die Bundesregierung großzügig: Die Frist für die Geltendmachung von Entschädigungsansprüchen nach dem StrRehaHomG wird um fünf Jahre bis zum 21. Juli 2027 verlängert.

Nicht verlängert wird – zumindest nach bisherigem Stand – jedoch das äußerst beliebte und erfolgreiche 9-Euro-Ticket.

Denn, wie Vizevizekanzler Christian Lindner sagt:

„Wer so arm ist, dass er ein 9-Euro-Ticket benötigt, der hat normalerweise genug Zeit, um zu Fuß zu gehen. Die Eisenbahn muss den Leistungsträgern unserer Gesellschaft vorbehalten bleiben.“

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Zurück aus den Karpaten

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In den letzten Monaten war auf diesem Blog erschreckend wenig los. 😦

Zum einen liegt das an meinem Geschichtsstudium, wo ich an einer Hausarbeit über die Geschichte des Arbeitsbegriffs im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit laboriere. Wie bei jedem Thema, in das man tiefer einsteigt, stellt es sich bald als wesentlich komplizierter (und interessanter) heraus, als man anfangs dachte.

Und in den letzten zwei Wochen war ich dann endlich mal wieder unterwegs. Zu meinem Geburtstag zog es mich nach Rumänien und in die Ukraine, von wo ich Euch ein paar (hoffentlich) interessante Geschichten mitgebracht habe. Während ich an diesen schreibe, gibt es hier einen kleinen Vorgeschmack.

Der erste Stopp war in Alba Iulia. Die heimliche Hauptstadt Rumäniens wird einen Auftritt in einer der kommenden Folgen meiner Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“ haben, weil dort im Oktober 1922 ein Hohenzollern-Prinz zum rumänischen König gekrönt wurde. Fast hundert Jahre brauchte ich auch, um die Zitadelle von Alba Iulia zu umrunden. Die ist so riesig, es könnte das größte Verteidigungsbauwerk der Menschheit sein. Vielleicht nach der Chinesischen Mauer.

Außerdem wird es eine Geschichte darüber geben, wie ich im Botanischen Garten eingesperrt wurde, sowie über einen sehr juristischen Kinderspielplatz.

Danach ging es nach Baia Mare, der putzigen Hauptstadt der Maramureș.

Das Reisen zwischen den Städten war nicht nur wegen des Ausblicks auf Berge, Flüsse und die typischen Holzhäuser eine Freude, sondern auch weil ich in den Genuss von architektonischen Glanzstücken wie dem Busbahnhof von Baia Mare kam.

Oder den Bahnhof von Sighet.

Sighet ist für seine Größe eine ziemlich lebendige Stadt. Seine Museen, darunter das für die Opfer des rumänischen Kommunismus und das Geburtshaus von Elie Wiesel, locken Besucher aus aller Welt.

Für mich war Sighet hauptsächlich der Ausgangspunkt, um über diese Holzbrücke in die Ukraine zu kommen.

Für ein Land, das sich gegen einen schweren Krieg wehren muss, ging der Grenzübertritt erstaunlich leicht und unkompliziert vonstatten (und freundlicher als die Einreise nach Deutschland zu Friedenszeiten). Auch die Züge funktionieren noch. Ich musste allerdings per Anhalter kreuz und quer durh die ukrainischen Karpaten kurven, denn ich war auf der Suche nach dem geographischen Zentrum Europas. Und ich fand es tatsächlich!

Der letzte Stopp auf der Reise, zurück in Rumänien, war Satu Mare. Eine sehr freundliche Stadt, wo jeder Zeit für einen Plausch hat. Im Kunstmuseum bot mir sogar die Direktorin höchstpersönlich eine Führung durch die Ausstellung über Aurel Popp dar. Auf Französisch. Es gab erstaunlich wenig Tourismus, obwohl eine Broschüre der Tourismusinformation stolz Direktflüge zwischen Satu Mare und New York erwähnte. (Die Information war veraltet oder war immer nur Ausdruck einer hoffnungsvollen Zukunft gewesen.)

Dabei sollte Satu Mare viel berühmter sein. Es könnte locker die Rolle als heimliche Welthauptstadt des Brutalismus übernehmen.

Und wie immer wird es auch jede Menge Friedhöfe geben.

Und Katzen. Diese beiden habe ich in Solotwino in der Ukraine fotografiert. Ich nehme an, Ihr könnt leicht erraten, wessen Eigentümer noch vor Ort ist, und welche Katze durch Tod oder Flucht ihrer Familie herrenlos geworden ist.

Aber mehr darüber in den kommenden Berichten.

In der Zwischenzeit könnt Ihr in meinen alten Artikeln über Rumänien und über die Ukraine blättern.

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Ihr wärt überrascht, herauszufinden, wie schwer es vielerorts geworden ist, noch Postkarten zu finden. Aber für Euch, geschätzte Leserinnen und Leser, mache ich mich auf die Suche nach diesen Relikten vergangener Zeiten.

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Vor hundert Jahren wanderten zwei Männer aus dem Bayerischen Wald in die USA aus – Juni 1922: die Gebrüder Vogl

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In der Migrationsforschung unterscheidet man, um der Motivation von Auswanderern oder Flüchtenden näher zu kommen, zwischen Push- und Pull-Faktoren. Die ersteren stellen den Anreiz dar, sich von einem Ort aufzumachen und wegzugehen. Häufige Ursachen sind Armut, Krieg, politische oder religiöse Unterdrückung. Die letzteren versuchen zu erklären, warum sich Migranten einen bestimmten Ort als Ziel aussuchen. Das können wirtschaftliche Möglichkeiten oder ein präferiertes politisches System sein, aber auch sprachliche oder kulturelle Nähe, mehr Sonnenstunden oder bereits im Ausland lebende Familienmitglieder.

Aus eigener Erfahrung möchte ich einen oft übersehene Grund hinzufügen, nämlich das Gefühl, dass einem zuhause die Decke auf den Kopf fällt. Oder, um es positiver zu formulieren: Neugier. Abenteuerlust. Fernweh.

Für mich war es immer ganz selbstverständlich, mehr von der Welt sehen zu wollen. Schon als Kind blickte ich sehnsuchtsvoll auf die Weltkarte über meinem Bett, verschlang Reisebücher (damals gab es noch kein Interweb und insbesondere nicht so tolle Weltreiseblogs wie diesen), sammelte Briefmarken aus aller Welt, schlug die Orte im Atlas nach, und lebte jedes Mal auf, wenn ich im Radio oder auf der Straße Fremdsprachen hörte.

Die Unsitte, ein ganzes Leben an einem Ort zu verbringen, erscheint mir angesichts der Vielfalt der Welt widersinnig, ja geradezu unnatürlich. Vielleicht war das noch verständlich zu Zeiten, als die Lebenserwartung 30 magere Jahre betrug, so dass einem nach Abitur, Wehrdienst, Studium und Promotion nur mehr zwei Jahre bis zum Tod blieben. (Wenn man ganz großes Pech hatte, fielen die 30 Jahre auch noch in den Dreißigjährigen, Achtzigjährigen oder Hundertjährigen Krieg.) Aber jetzt werden wir alle 80, 90 oder 100 Jahre alt. Da muss man doch, wenn man nicht vor Langeweile versauern will, spätestens alle sieben Jahre in ein anderes Land ziehen!

Leider hat mich das grausame Schicksal nicht nur in ein kleines, langweiliges Dorf in Bayern, sondern in eine etwas provinzielle Familie verschlagen, für die es überhaupt nicht in Frage kam, mehr als 10 km vom Geburtsort wegzuziehen. Jenseits des nächsten Landkreises war für sie schon Ausland, und Ausland war böse. Selbst Sommerurlaube fanden streng in den Grenzen des Deutschen Bundes bzw. in denen der ersten Strophe des Deutschlandliedes statt.

Ich wollte da immer weg. Wahrscheinlich war es aus dem Motiv der Gegenidentifikation, dass ich zum Weltenbummler und Weltenbürger wurde. Insofern kann ich gut verstehen, dass – um endlich zur eigentlichen Geschichte zu kommen – mein Urgroßonkel Josef Vogl vor genau einhundert Jahren, im Juni 1922, von diesem Bauernhof im Bayerischen Wald in die USA auswanderte.

Das war zwar kein Ereignis der Weltgeschichte, wie es sich die bisherigen Folgen dieser kleinen aber feinen Geschichtsreihe vorgenommen haben. Aber ich möchte Euch trotzdem damit behelligen. Denn zum einen bilden die unzähligen Fälle dieser und ähnlicher Auswanderungen zusammen eben doch Weltgeschichte, im konkreten Fall die millionenfache Auswanderung Deutscher in alle Welt. Zum anderen würde ich Euch gerne mit auf die Spur der Recherche nehmen, denn es würde mich nicht wundern, wenn sich auch in Eurer Familiengeschichte bisher unbekannte Migrationshintergründe verbergen. (Allein in den USA geben 45 Millionen Menschen ihre Hauptabstammung mit „Deutsch“ an, und auch in Kanada, Australien, Südafrika und Lateinamerika trifft man immer wieder auf Leute mit erstaunlich deutsch/österreichisch/schweizerisch klingenden Namen.)

Bei mir begann die Neugier mit zwei Fotos, aufgenommen etwa um 1960, die meinen Vater (der Elvis-Verschnitt), meinen Onkel (der Junge, dem man eine Hitler-Frisur verpasst hatte), den Rest der Großfamilie und einen offensichtlich im Mittelpunkt des Interesses stehenden Mann zeigen.

„Das war der Frank aus Amerika“, sagt mein Vater und spricht den Namen wie „Fränk“ aus. Eigentlich hieß er Franz. Franz Vogl, der jüngere Bruder von Josef Vogl. Beide seien in die USA ausgewandert. Josef sei nach dem Zweiten Weltkrieg einmal zu Besuch gekommen, Franz/Frank zweimal. Jeweils zu Pfingsten, da gibt es in Kötzting immer eine Mordsgaudi. So etwas wie das Oktoberfest, nur mit Pferden.

„Und es gab mordsmäßige Räusche“, erinnert sich mein Vater, „denn der Frank, der hatte Dollar.“

Vielleicht lag es an ebendiesen Räuschen, aber mehr war aus meinem Vater und meinem Onkel nicht herauszubekommen. Sie wussten nicht, wo in den USA ihre Großonkel gelebt hatten. Sie wussten nicht, wann und warum sie ausgewandert waren. Sie wussten – über die auf dem Foto abgebildete Ehefrau von Franz Vogl hinaus – nichts von etwaigen Familien, Nachkommen und damit möglichen Cousins und anderen Verwandten. Sie wussten nicht, ob sie Republikaner oder Demokraten waren. Sie wussten nicht, was sie im Zweiten Weltkrieg gemacht hatten. Gar nichts.

Irgendwann in den 1960er Jahren war der Kontakt abgebrochen.

In unserer Familie gilt als suspekt, wer sich von der heimischen Scholle entfernt und in die weite Welt geht. Reisen gilt als Frivolität, als ketzerischer Versuch, den gottgegebenen Platz auf Erden zu verlassen. Wie gesagt, ich kann schon verstehen, dass der Josef und der Franz weg wollten. Und so bin ich der einzige, der sich für diese Geschichte interessiert. Aber auch bei mir geriet sie in Vergessenheit.

Bis ich mal wieder in New York war und mit der Fähre zur Freiheitsstatue fuhr. Das ist diese Frau mit der Fackel, die ein Gedicht aufsagt, das unter anderem den Aufruf enthält: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen.“

Der Spruch passt ganz gut, denn die Freiheitsstatue war tatsächlich das erste, was die meisten Einwanderer sahen, die mit dem Schiff in die USA kamen. Bevor sie ins Land durften, landeten sie jedoch auf einer Nachbarinsel von Liberty Island, nämlich Ellis Island, wo sich bis 1954 die zentrale Immigrantensammelstelle der USA befand.

Jetzt ist der ehemalige Wartesaal für Einwanderer ein Museum. Man erfährt hier, wie sich die Einwanderungspolitik im Laufe der Zeit gewandelt hat, welche Voraussetzungen die Einwanderer erfüllen mussten, wie die medizinische Untersuchung und die Quarantäne ablief. Ich spazierte durch die Ankunftshalle, die Arztzimmer und die Schlafsäle, in denen meine Verwandten nach der Überfahrt zum ersten Mal wieder festen Boden unter den Füßen spürten.

Übrigens: Bitte unbedingt darauf achten, dass Ihr statt der Fähre nach Liberty Island oder Ellis Island nicht aus Versehen die nach Rikers Island nehmt! Da kommt Ihr nämlich nicht mehr so schnell weg.

Auf Ellis Island gab es auch so neumodische Computerterminals, in denen man nach seinen Verwandten – und eigentlich nach jedem – suchen konnte. Praktisch wie ein Archiv, nur ohne die Romantik des stundenlangen Blätterns in dicken Büchern. Ich wusste herzlich wenig, außer dass es zwei Brüder waren, die Franz und Josef Vogl hießen. Mal sehen, was sich damit finden ließe.

Zuerst erfuhr ich, dass Vogl ein Allerweltsname ist: 827 Treffer. (Meine Urgroßonkel hatten einen anderen Nachnamen als ich, weil sie einer großmütterlichen Linie entstammen und weil die Frauen in meiner Familie bisher nicht emanzipiert genug waren, ihre Nachnamen trotz Heirat zu behalten. Mit meinem eigenen Nachnamen, Moser, gibt es 6377 Treffer. Darunter sogar 9 Andreas Moser, die zwischen 1866 und 1936 in die USA auswanderten. Ach, hätte ich doch nur zufällig einen von denen vor der Abfahrt in der Hafenkneipe getroffen. Dann hätte ich ihnen das Ticket abluchsen können.)

Wenn man das Geburtsjahr, das Auswanderungsjahr oder sonstige Informationen hat, kann man die Suche eingrenzen. Ebenso kann man nach Heimatort und Geburtsort filtern. Warum letzteres keinen Sinn macht, zeige ich aber gleich. Die beiden kamen aus Kötzting im Bayerischen Wald, aber Kötzting ergibt keine Treffer. Ebensowenig Koetzting. Und Kotzting auch nicht. Also muss ich die Liste doch manuell durchsehen und finde die beiden schließlich. Sie haben nicht, wie ich es in New York machen würde, die nächste Stadt, sondern den Namen ihres Dorfes angegeben: Traidersdorf.

Da haben wir sie also: Josef Vogl, ausgewandert 1922, und sein jüngerer Bruder Franz Vogl, ihm nachgefolgt 1923. (Die letzte Spalte enthält den Namen des Schiffes, auf dem sie reisten.)

Ihr könnt diese Suche übrigens nachverfolgen oder nach eigenen Verwandten forschen, denn die Datenbank ist online zugänglich. Sogar kostenlos. (Man muss sich nur registrieren, um alle Funktionen nutzen zu können.)

Wir nehmen uns zuerst Josef Vogl vor, weil der vor genau 100 Jahren den Anlass für das heutige Jubiläum gesetzt hat.

Sofort finde ich heraus, dass er 1893 geboren wurde, dass er am 30. Juni 1922 im Alter von 29 Jahren auf dem Schiff „President Taft“ in New York ankam, und dass er in Bremen in See gestochen war. (Nach zwei Atlantiküberquerungen wurde die „President Taft“ in „President Harding“ umbenannt, lasst Euch von den Bildunterschriften also nicht verwirren.)

Das ist schon ein ziemlich flottes Schiff, nicht mehr so knarzende Windjammer, von denen die Hälfte unterging. 18 Knoten schnell. Platz für 644 Passagiere, jeweils die Hälfte in der ersten, die Hälfte in der dritten Klasse. Das Schiff wurde erst 1922 in Betrieb genommen, wahrscheinlich roch der Lack noch frisch, die Messinggeländer glänzten, und weil es Sommer war, hatte niemand Angst, Eisberge, Eisbären oder Eisbecher zu rammen.

Ich könnte jetzt viel erzählen über den hart umkämpften Markt der Amerika-Auswanderungen, die Kartelle der Reedereien, die Auswanderer-Agenten, die über Land zogen und in Wirtshäusern – bevorzugt in den armen Gegenden Europas – von blühenden Landschaften im Osten und dem Goldrausch im Westen sprachen, ganz so wie wenn es schon 1990 wäre.

Ich könnte davon erzählen, was allein die Reise nach Bremen für jemanden bedeutete, der bis dahin wahrscheinlich nur das nahe Umfeld des elterlichen Bauernhofes im Bayerischen Wald kannte. (Das war vor der Zeit, wo deutsche Männer dank der Wehrmacht die ganze Welt bereisten.) Eigentlich ist es ja nicht weit. Ein oder zwei Tage mit dem Zug, kostet nur 9 Euro. Aber ich glaube, bis heute bin ich der einzige aus der Großfamilie, der es seit den Auswandererbrüdern nach Bremen geschafft hat.

Ich könnte erzählen über die Bedingungen an Bord, die Unterschiede zwischen erster und dritter Klasse, die ruhige See im Sommer, die stürmische See im Winter und die Freude über ein paar Wochen ganz ohne Internet und Fernsehen.

Ich könnte erzählen, dass Josef Vogel beileibe nicht der einzige war, der aus seinem Dorf ausgewandert ist. Es war eine ganze Gruppe von jungen Männern und Frauen, die gemeinsam das Weite suchten.

Aber ich will hier kein Buch schreiben und nicht allzu sehr ausufern, sondern Euch schnurstracks ans andere Ufer, nach New York mitnehmen. Dort wurde an jenem 30. Juni 1922 eine lange Liste aller Neuankömmlinge aufgenommen, an deren Platz 1 unser Josef Vogl steht. Ob das bedeutet, dass er ganz prominent und selbstbewusst als erster von Bord ging, oder ob er von allen am seekränksten war, oder ob es Zufall war, ich weiß es nicht.

Was man erfährt, ist, dass er 1,67 m groß war, helle Haare, graue Augen und 50 Dollar in der Tasche hatte. Das entspräche heute etwa 800 Dollar, kein wahnsinniger Reichtum. Er musste sich wohl bald eine Arbeit suchen.

Eine sehr interessante Spalte ist die der ersten Anlaufstelle, wohin sich der Einwanderer wenden will, bis er auf eigenen Beinen steht. „Friend Josef Sturm – Carroll JA“ steht da. Zum einen legt der Name nahe, dass es sich um einen Freund aus Deutschland handelt. Das wäre zu erwarten, denn die deutschen Einwanderer blieben gerne unter sich. Sie hatten deutsche Schulen, deutsche Kirchen, deutsche Vereine und hunderte deutschsprachiger Zeitungen. In den Städten gab es deutsche Viertel und auf dem Land deutsche Städte, von Bismarck bis Germantown.

Deutsche Zeitungen in Nordamerika

Aus „Carroll JA“ wurde ich nicht schlau, bis ich darauf kam, dass das J ein I sein soll: Carroll, Iowa. Von Traidersdorf nach Carroll, das ist echt vom Regen in die Traufe. Beziehungsweise vom Regen in den Wasserturm, das stolze Wahrzeichen dieser Kleinstadt auf dem arg flachen Land. Na gut, wenn es nicht so flach wäre, bräuchte man ja auch keinen Wasserturm, um den notwendigen Druck auf die Wasserleitungen zu bekommen. Auf dem Bauernhof im Bayerischen Wald kam übrigens noch zu meiner Kindheit (1970er und 1980er Jahre) das eiskalte Wasser aus dem Brunnen vor dem Haus.

In dieses sicher auf seine Weise sympathisches Städtchen müsste ich jetzt reisen, um Archive zu wälzen, alte Zeitungen zu durchforsten und auf dem Friedhof nach Grabsteinen zu suchen, wenn ich die Spur meines Urgroßonkels Josef Vogl aufnehmen wollte.

Müsste ich. Wenn wir es hier nicht mit einem klassischen Fall der Kettenmigration zu tun hätten. Denn Josef holte bald seinen jüngeren Bruder Franz nach. Franz kam, auch das erfahre ich im Online-Archiv von Ellis Island, am 6. Juli 1923 im Alter von 26 Jahren in New York an. Auch er war in Bremen losgefahren, und zwar auf genau demselben Schiff wie sein älterer Bruder, das mittlerweile „President Harding“ hieß. (Dass der 6. Juli mein Geburtstag ist und dass ich mich über jede Unterstützung für diesen Blog freue, sei hier nur ganz leise erwähnt.)

Auch für ihn wurde fein säuberlich alles notiert (Zeile 9). Man merkt, dass es die Zeit der Wirtschaftskrise und Inflation in Deutschland war, denn er hatte nur mehr 20 Dollar bei sich. Dafür gab er an, dass sein Bruder die Überfahrt für ihn bezahlt hatte. Das war nett. Würde ich für meinen Bruder und meine Schwester auch jederzeit machen, wenn sie es zuhause nicht mehr aushalten.

Aber das hilfreichste an diesem Dokument ist die Adresse, die Franz Vogl 1923 als das Ziel seiner Reise angab: „Brother Josef Vogl, 2301 17th Avenue, Altoona PA.“

Volltreffer! Noch bevor ich mich durch alte Kisten im Archiv von Carroll, Iowa, wühlen muss, weiß ich jetzt, dass Josef innerhalb eines Jahres nach Altoona, Pennsylvania, gezogen war und sein jüngerer Bruder Franz ihm dorthin folgte. Altoona ist übrigens auch eine von diesen deutschen Städten; es ist die amerikanisierte Schreibweise von Altona bei Hamburg. Hier gibt es sogar Berge, die Allegheny Mountains.

Außerdem gibt es ganz viel Eisenbahn und Lokomotivfabriken. Als ich das meinem Vater berichte, fällt ihm ein, dass Franz/Frank bei seinem Besuch in Deutschland erzählt hatte, dass er bei der Eisenbahn arbeite. Ihr seht: Es ergibt also durchaus Sinn, auch schon während der Recherche Zwischenergebnisse zu teilen, weil dann den Familienangehörigen doch wieder etwas einfällt, von dem sie gar nicht mehr wussten, dass sie es wissen. Diese „Unknown Knowns“ hat sogar Donald Rumsfeld übersehen.

Aber der größte Fortschritt ist, dass wir nicht nur die Stadt, sondern die exakte Adresse haben. Mehr Bingo geht gar nicht! Und weil die Amerikaner 1775 gegen die Datenschutzgrundverordnung revoltiert haben, wird in den USA jetzt jede Straße fotografiert, gefilmt, von der NSA abgehört und ins Interweb gestellt. Hier ein aktuelles Foto:

Der Kommunistenstern über der Veranda deutet tatsächlich auf eine verwandtschaftliche Verbindung hin. Andererseits sieht das Haus nicht nach den 1920er Jahren aus. Vielleicht sah die Gegend damals ganz anders aus? Vielleicht war die 17th Avenue vor 100 Jahren in einem anderen Teil der Stadt? Vielleicht hat sich jemand bei der Adresse verschrieben?

Um all das herauszubekommen, werde ich einfach mal einen Brief an diese Adresse schreiben. Oder nach Altoona fahren, um vor Ort zu recherchieren. Oder darauf hoffen, dass sich auf die englische Fassung dieses Artikels jemand aus den USA meldet.

Natürlich könnte ich auch in den ganzen Datenbanken suchen. Aber erstens mache ich es lieber zuerst auf die ganz altmodische Art. Und außerdem soll ja noch etwas übrig bleiben für zukünftige Artikel auf der Suche nach den bisher unbekannten Verwandten.

Und Ihr könnt jetzt auch zu recherchieren beginnen! Denn wie Ihr gesehen habt: Selbst wenn man glaubt, die Familie ist sowas von langweilig und lebt seit der Völkerwanderung immer am gleichen Ort, ein paar Verwandte mit Migrationshintergrund verstecken sich in fast jeder Familie.

Aber vertraut der künstlichen Intelligenz nicht allzu sehr! Ihr müsst etwas kreativ in alle Richtungen detektivieren. Ein Beispiel: Erst auf den dritten oder vierten Blick fiel mit bei dem Dokument vom 30. Juni 1922 auf, dass in der Spalte „vorheriger Aufenthalt in den USA“ der Zeitraum 1914-1921 angegeben war.

Nanu? Sollte Josef zum ersten Mal schon 1914, also als 21-Jähriger ausgewandert sein? Ich suchte und suchte, aber konnte keinen Eintrag in der Ellis-Island-Datenbank finden. Der Verzweiflung nahe, erinnerte ich mich daran, wie dumm Computer und wie schlau Menschen sind, suchte nur nach dem Nachnamen, und tatsächlich: Hier steht er als Joseph, nicht als Josef. Und der Geburtsort ist als „Fraidersdorf“ falsch transkribiert worden.

Damals fuhr er von Antwerpen, mit einem Schiff der Red Star Line, in deren einstigen Hafenanlagen jetzt ein Auswanderermuseum ist. Wie es der Zufall so will, war ich auch dort schon.

Aber auch 1914 zog es Josef Vogl schon nach Carroll, und zwar zusammen mit vier anderen Auswanderern zum Neffen von jemandem, dessen Namen ich nicht entziffern kann. Aber es bedeutet, dass er dort womöglich wesentlich länger gelebt hat, als ich bisher annahm. Nun muss ich also doch auch zum Archiv in Carroll, Iowa.

Was besonders interessant wäre: Wie hat er die Zeit des Ersten Weltkriegs verbracht? Mit dem US-amerikanischen Kriegseintritt 1917 machte sich eine antideutsche Stimmung breit. Ob er als junger Mann in eines der Internierungslager verbracht wurde?

German internment WW1

Dass die Auswanderer nach einigen Jahren wieder zurück in ihre Heimat kehrten und später erneut auswanderten, war übrigens nichts Besonderes. Seit die Dampfschiffe die unsicheren Segelschiffe abgelöst hatten und die Reise relativ planbar, sicher und gemütlich geworden war, kehrten Auswanderer immer wieder nach Europa zurück. Zum Heiraten. Um ein Erbe anzutreten. Oder um mit dem ersparten Geld ein Geschäft zu eröffnen. Josef hielt es nur ein Jahr in Deutschland, von 1921 bis 1922.

1924, ein Jahr nach der Migration von Franz Vogl, verschärften die USA die Einwanderungsregeln drastisch und setzten Quoten für bestimmte Herkunftsländer fest. Damit war die massenhafte Zuwanderung beendet. Gut, dass Josef und Franz es rechtzeitig geschafft haben. So blieb ihnen zumindest der Nationalsozialismus erspart.


Ich mache mich jetzt auch aus dem Staub, und zwar nach Rumänien. Dort, genau genommen in Alba Iulia, wird nämlich die Folge für Oktober 1922 spielen. Und dafür scheue ich keine Mühen. Schließlich ist das hier nicht nur ein Geschichts-, sondern auch ein Reiseblog.

Aber in der Zwischenzeit würde ich gerne von Euren eigenen Recherchen hören!

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