Auf schwimmenden Inseln im Titicaca-See

Puno, eine Kleinstadt in Peru. Gelegen auf 3827 Metern über dem Meeresspiegel. Deshalb ist es ziemlich kalt. Ich gehe mit Jacke ins Bett und morgens zum Joggen, um aufzutauen.

Den Menschen hier sind die 3827 Meter egal. Der Ozean ist weit weg. Außerdem haben sie ihr eigenes Meer, direkt vor der Haustür: den Titicaca-See. Man nennt ihn See, weil man das Wasser trinken kann, aber er ist so groß wie ein Meer. So groß wie 15 Bodenseen, drei Saarländer oder neun Berlins.

Auf der Suche nach dem Bahnhof folge ich den Eisenbahnschienen. Stattdessen komme ich zum Hafen. Macht auch nicht viel Unterschied, Dampflok oder Dampfschiff.

Eines der Schiffe will gerade ablegen. Das Schiffshorn röhrt. Ein Mann an Deck ruft mir zu: „Wollen Sie noch mitfahren?“

„Wo geht’s denn hin?“

„Zu den Uros.“

Aha. Ein schwimmender Urologenkongress also. Na gut, vielleicht kann ich eine Gratisprostatavoruntersuchung abstauben. Ich gehe an Bord, Sekunden bevor mir die Gangway unter den Füßen weggezogen wird.

Ganz gratis ist es dann doch nicht, denn Hernan, der anscheinend so etwas wie ein Reiseleiter ist, knöpft mir 70 Soles (= 15 Euro) ab. Na gut, dafür werde ich mich am Buffet satt essen.

Hernan, der Gedanken lesen kann, sagt: „Das Mittagessen auf der Insel kostet 20 Soles extra.“ Na gut, die Aussicht auf eine Insel stimmt mich spendabel. Hernan stellt mir seine Söhne vor: Lionel und Cristobal. Der Junge mit dem Fußballervornamen trägt einen Trainingsanzug mit DFB-Logo. Mit den Kindern zu reden kostet nichts extra.

Es wird ein schöner, sonniger Tag. So ein Tag, der auf Fotos viel wärmer aussieht als er in echt ist. Aber wenigstens kein Sturm. Das Schiff tuckert durch ruhiges, wellenloses Wasser. Wenn man so einen See vor der Tür hat, braucht man echt kein Meer. (Nur die Bolivianer machen immer Drama, seit sie das Meer verloren haben. Dabei gehört ihnen doch die Hälfte des Titicaca-Sees.)

Wir fahren durch Schilf. Beziehungsweise durch einen Kanal, der durch das Schilf führt. So gerade, dass er wohl künstlich angelegt wurde. Wie in Venedig.

An einem Checkpoint, der ganz aus Schilf gebastelt ist, hält das Boot kurz an. Hernan reicht einen Stapel peruanischer Soles hinunter, und wir dürfen passieren. Klar, kein Kanal ohne Kanalgebührenkassiererkontrollpunkt.

„Jetzt sind wir im Gebiet der Uros“, erklärt Hernan.

„Einst lebten sie an Land, aber als die Spanier kamen und die einheimische Bevölkerung zur Arbeit in den Silberminen zwangen, flohen die Uros aufs Wasser.“ Kann ich verstehen, seit ich selbst in einer dieser Minen war.

Sie bauten sich Schiffe aus Schilf und lebten fortan auf dem See, ungestört von den Spaniern. (Die Europäer konnten damals noch nicht schwimmen.) Nachdem sie merkten, dass die Spanier nicht so schnell wieder abzogen, bauten sie sich ganze Inseln aus Schilf. Schwimmende Inseln. Mit Schilfhütten drauf. Keine Ahnung, wie das hält, aber es sieht hübsch aus.

„Ursprünglich hatten sie eine eigene Sprache, Urukilla, das sich aber dann mit Aymara vermischt hat und schließlich ausgestorben ist“, fährt Hernan fort. Das ist traurig, aber besser es stirbt die Sprache als der Mensch. Die Römer haben auch nichts mehr vom Latein.

Andererseits, wenn mehr Menschen ausstürben, wäre es besser für die Umwelt und der Meeresspiegel wäre nicht schon auf über 3800 Meter angestiegen. Aber dafür sind die Uros die falschen Ansprechpartner. Von ihnen gibt es nämlich gar nicht so viele. Etwa 1200 Uros auf 87 Inseln, sagt Hernan.

Jetzt halte sich ihre Population konstant, weil sie pro Familie zwei bis drei Kinder haben, von denen nicht alle auf den Inseln blieben. „Vor fünzig Jahren bekam jede Familie noch eine Fußballmannschaft als Nachwuchs.“

Aha, deshalb ist der schwimmende Fußballplatz verwaist. Vielleicht traut aber auch keine gegnerische Mannschaft dem wackeligen Untergrund.

An einer relativ kleinen Insel legen wir an. Sechs einfache Hütten stehen drauf. Und ein Turm. Der dient der Kommunikation mit den anderen Inseln, mithilfe von Rauch, Flaggen und Spiegeln.

Langsam dünkt mir, dass ich auf einer schwimmenden Kaffeefahrt gelandet bin und dass die etwa 25 Passagiere jetzt die arme Familie auf ihrer kleinen Insel behelligen. Aber die Insel geht nicht unter. Der Boden ist angenehm weich und gibt bei jedem Schritt ein bisschen nach. Dazu das ganz leichte Schwanken. Ich würde mich am liebsten hinlegen und einschlafen.

Aber ich muss aufpassen, denn jetzt erklärt der Inselchef. Auf seiner Insel lebten fünf Familien. Wenn es mal zehn Familien gäbe, erklärt der vom Expansionsdrang getriebene Mann, dann müsse man neuen Lebensraum in Form einer neuen Insel schaffen.

Kein Problem, sagt er, Totora-Schilf gäbe es genug. Man hole es sich aus dem Nationalpark. Er baut ein kleines Modell einer Insel, schwuppdiwupp, so einfach gehe das. Aber weil das Wasser das Schilf angreift, müsse man die Insel alle drei Monate erneuern. Während man darauf wohnt. Das ist so, wie wenn man bei einem Auto während der Fahrt den Motor austauscht.

Apropos Auto: Der Inselchef ist ganz stolz auf seine zwei Boote. Ein kleines und ein großes, prächtiges. „Das sind mein Volkswagen und mein Mercedes-Beng“, wie er ihn nennt.

Außerdem haben sie hier Solaranlagen. Für Fernseher, Radio, Licht. Das ist auf jeden Fall schlauer, als ein Lagerfeuer anzuzünden.

Wofür das Gewehr sei, frage ich, und hoffe auf Geschichten von Piratenüberfällen oder dem Kampf gegen den Kolonialismus.

„Damit schieße ich Vögel“, sagt er martialisch. Er gefällt sich in der Rolle als Verteidiger, Beschützer, Ernährer und Anführer der kleinen Insel. Am Ende werde ich ihn nach seinem Namen fragen und bin kein wenig überrascht, dass er Adolfo heißt. Die anderen Inseln können froh sein, dass er sie noch nicht überfallen hat.

Besonders begehrt ist eine Sorte Vögel, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Wegen ihrer großen Eier. Für Omeletts. In der Ecke der Insel finde ich nur einen toten Vogel. Anscheinend verhungert. Mit einem letzten verzweifelten Schrei im Schnabel.

Als Adolfo beiläufig erwähnt, dass Schilf essbar sei, kann ich mich nicht zurückhalten. Ich hatte kein Frühstück.

Schmeckt wie Sellerie. Es wäre eintönig, aber zur Not könnte ich mich durch eine ganze Insel essen. Ups, jetzt habe ich vergessen, zwischen totem Vogel und Schilfstick die Hände zu waschen. Das passiert mir jedes Mal.

Adolfo bittet uns auf sein Boot. Das große, den „Mercedes-Beng“. Und plötzlich kommen aus allen Hütten die Kinder, die mitfahren wollen.

Ein Verkehr ist hier wie auf den Kanälen von Venedig. Und alles wegen der Touristen. Auch das wie in Venedig.

Wir setzen über zur Hauptinsel des Uro-Gebiets. Hier gibt es Läden, Restaurants, sogar Ferienwohnungen. Und für einen Sol einen Stempel im Pass. Alles auf einem wabernden Stück Schilf. Ein Sturm, und die Hauptstadt ist weg.

Außerdem gibt es hier ein öffentliches Telefon. Falls man die Kinder erreichen will, die zu weit weg für Rauchzeichen oder Spiegelsignale leben.

Rauchzeichen würde am liebsten auch Hernan geben, denn wir müssen weiter. Strenger Zeitplan. Also zurück aufs motorisierte Schiff und weiter hinaus in den See.

Ich sitze neben Ryan aus Alaska. Er ist bei den Adventisten des Siebenten Tags und zeigt mir stolz eine Schule, die seine Sekte auf einer der schwimmenden Inseln betreibt.

„Wir sind in über 200 Ländern vertreten“, sagt er stolz. „Allerdings“, fügt er verwundert hinzu, „tun wir uns leichter in ländlichen Gebieten. In den Städten können wir oft nicht richtig Fuß fassen.“ Klar, wo die Aufklärung noch nicht hingekommen ist, da kann man Geschichten von Jesus erzählen. (Wobei mir in Cochabamba, immerhin einer Millionenstadt, die benachbarte Adventistenkirche jeden Samstag versaut hat. Es war so schlimm, dass ich fast freiwillig nach Sing Sing gegangen wäre, um dem ewig gleichen Singsang zu entkommen.)

Man kann nur hoffen, dass Adolfo seine Flinte bald gegen die Eindringlinge richten wird. Die Dreistigkeit von christlichen Missionaren, in Gebieten aufzutauchen, wo die Bevölkerung von Christen abgeschlachtet, versklavt und vergewaltigt wurde, verdient wirklich eine Salve aus der Schrotflinte.

Aber Ihr wollt nicht meine bösen Tiraden hören, sondern Hernans informationsreichen Ausführungen lauschen. Also: Wir fahren zur Insel Taquile. Fast wie Tequila, aber nicht verwandt oder verschwägert.

Auf der Insel fallen als erstes die Terrassenfelder auf. Die schützen den Boden vor Erosion. Dass das funktioniert, sieht man daran, dass viele Inseln ohne Terrassierung mittlerweile verschwunden sind. Zum Beispiel Atlantis. Die Salomonen und die Malediven sind als nächstes dran.

Die Terrassen stammen noch aus der Zeit der Tiwanaku. Die regierten die Insel vor den Inka. Also eigentlich vor den Kolla, aber diese dann vor den Inka. Über die Tiwanaku könnte ich eigentlich auch mal schreiben, schließlich habe ich mal ihre Hauptstadt besucht. Die heißt auch Tiwanaku, Ihr seht sie im Südosten der obigen Landkarte. Südosten ist unten rechts. Also, wenn Ihr etwas von den Tiwanaku hören wollt, gebt Bescheid. Jetzt aber zurück nach Taquile, sonst werdet Ihr noch ganz kirre vor Ungeduld.

Taquile war der letzte Flecken Südamerikas, der von den Spaniern eingenommen wurde. Erst 1580 eroberten sie die Insel, die damals zum Inkareich gehörte. Die Spanier wollten zeigen, wer der neue Eigentümer ist, und verboten die traditionelle Inkakleidung. Stattdessen mussten sich die Bewohner der Insel wie spanische Bauern anziehen. Diese Tracht tragen sie noch immer und präsentieren sie jetzt als „traditionell“, obwohl es die aufgezwungene Kleidung der Kolonisateure war.

Kleidung ist auf Taquile auf zweierlei Art wichtig.

Zum einen lebt die Insel von der Textilproduktion. Überall sieht man Frauen und Männer weben und stricken.

Zum zweiten darf man Taquile nur mit Hut betreten. Die Torbögen, die die Zugänge zu den bewohnten Teilen der Insel bewachen, machen das unmissverständlich klar.

Die von den Taquileños getragenen Kopfbedeckungen geben allerlei Auskunft. Je nach Form, Farbe und Tragewinkel zeigen sie an, ob man ledig oder verheiratet ist. Ob man ein Baby hat. Ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen ist. Ob man ein Amt in der kommunalen Selbstverwaltung ausübt. Ob man auf der Suche nach einer Freundin ist oder nicht. Und so weiter.

Auch ich bin natürlich kultursensibel mit Hut unterwegs.

Die Insel hat einige Besonderheiten zu bieten. In den 1930er Jahren haben die Inselbewohner zusammengelegt und dem Staat das gesamte Land abgekauft. Und dann wurde das Land unter den ansässigen Familien einigermaßen gleichmäßig verteilt. Gut, das ist jetzt keine Oktoberrevolution. Aber immerhin eine kleine Landreform.

Als der Tourismus wichtiger wurde als die Landwirtschaft, setzten sich aber endlich sozialistische Ideen durch. Man organisierte sich als Genossenschaft und schwor, keine großen Restaurants oder Hotels zu bauen. Vielmehr sollte jede Familie vom Tourismus profitieren. Wenn man auf Taquile übernachten will, kommt man einfach mit dem Boot (ebenfalls von der Genossenschaft aus Taquile betrieben) und teilt an der Rezeption am Kai mit, wieviele Nächte man bleiben möchte. Dann wird man einer Familie zugewiesen, die gerade mit Beherbergen an der Reihe ist. So kommt jeder mal dran.

Auch die Läden, in denen die Textilkunst verkauft wird, gehören der Kooperative. Jeder Produzent kann dort seine Produkte anbieten. Die Preise werden gemeinsam festgelegt. Gehandelt wird nicht. Wer dabei erwischt wird, dass er sich von Touristen runterhandeln lässt, oder wer selbst einen kleinen Verkaufsstand aufbaut, dessen Produkte werden für zwei Wochen aus den Läden genommen.

Weil der Sozialismus bekanntlich bessere Menschen formt, kommen die etwa 2000 Einwohner ohne Polizei aus. Das Gefängnis steht seit 1937 leer.

Leer ist auch der Mittagstisch, denn vor dem Essen kommt die Kunst. Auftritt Ricardo. Mit Hut, mit Gitarre und mit Panflöte. Er ist anscheinend schon länger im Tourismussektor aktiv, denn er spricht ganz gut Deutsch. Oder er ist der Außenminister von Taquile, und das Musizieren ist nur sein Nebenjob. Ein Nebenjob, der, so informiert uns Hernan streng, nicht im Gesamtpreis inkludiert ist. Nachdem mein letzter Schein panflöten geht, hoffe ich inständig, dass die Rückfahrt nach Puno im Preis inbegriffen ist.

Andererseits ist es ganz schön hier. Schade, dass ich wohl nie zum Katzenhüten eingeladen werde. Denn – auch das eine Regel aus der Zeit der Tiwanaku, Kolla und Inka – Katzen und Hunde sind auf der Insel verboten. Schließlich gab es in Südamerika keine Katzen, bevor die Spanier sie mitbrachten. Wahrscheinlich gelten deshalb in Peru noch heute Katzen als Tiere, die man essen kann.

Die Rückfahrt nach Puno dauert drei Stunden. Für die Kinder bedeutet das sechs Stunden Schulweg jeden Tag. Genug Zeit für die Hausaufgaben.

Da zerreisst eine Explosion die Luft. Schwarzer Rauch steigt auf. Wahrscheinlich ein Rechenfehler bei den Chemieaufgaben.

Ich stecke die Zigarre, die ich mir gerade anzünden wollte, besser wieder weg.

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„Sowjetistan“ und „Die Grenze“ von Erika Fatland

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Liegen bei Euch auch so viele Reiseführer von Ländern herum, in die Ihr es dann doch nicht geschafft habt? Ich habe hier einen Lonely-Planet-Reiseführer für Zentralasien. Von 2007. Anscheinend kam in den vergangenen 13 Jahren einiges dazwischen, denn noch immer war ich nicht in Kasachstan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgistan oder Usbekistan.

Weil ich noch ein bisschen sparen muss, bis ich mir das Zugticket nach Samarkand leisten kann, habe ich die Wartezeit mit einem Buch über diese fünf faszinierenden Länder verkürzt. Dankenswerterweise hat die norwegische Autorin Erika Fatland die Strapazen auf sich genommen und ist für ihr Buch „Sowjetistan“ in Diktaturen, Autokratien, karge Steppen und zugige Jurten gereist.

Auch wenn ich am Ende die ganzen -stans noch immer nicht hundertprozentig auseinander halten kann (dafür ist dann doch die intensive persönliche Inaugenscheinnahme erforderlich) und wenn zwischenzeitlich die eine oder andere Revolution die Verhältnisse ein wenig verändert hat, so habe ich doch einen ganz guten Eindruck gewonnen, der das Reisefieber nur verstärkt hat. Fatland verwebt ihre eigenen Erfahrungen mit historischen Einschüben, die, wenn es seitenlang um Dschingis Khan geht, manchmal ein wenig ausufern.

Fatlands neues Buch „Die Grenze: Eine Reise rund um Russland“ setzt die Methode leicht verändert fort, leider mit weniger von dem, was an „Sowjetistan“ stark war, und mehr von dem, was weniger gut war. Hier nimmt das Dozieren überhand, wieder seitenlang über russische Sibirien-Expeditionen oder über Grenzkonflikte, und dafür reichlich wenig Gespräche mit Einheimischen.

Man bekommt bei diesem zweiten Buch den Eindruck, dass Fatland auf eine lange Reise geschickt wurde, um den Erfolg von „Sowjetistan“ auf Teufel komm raus zu wiederholen. Die Autorin gibt selbst zu, dass sie sich aus freien Stücken keine Durchquerung der Nordostpassage für 20.000 $ geleistet hätte. Am interessantesten sind die Berichte von dort, wo man selbst kaum hinkommt, z.B. aus der Donezk-Republik oder aus Südossetien.

Immer wieder scheinen ihre Ungeduld und ihr Missmut durch, wenn ein vereinbarter Interviewtermin sich verzögert, wenn der Taxifahrer nicht auftaucht oder wenn das Internet schlecht ist. In Urumtschi bleibt sie vier Tage nur im Hotel und guckt Serien. Da ist jemand wenig begeistert von der eigenen Reise, die laut Untertitel „durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage“ führen muss.

Das ist einfach zu lang und zu viel für ein Buch.

Für Autoren gilt mein Rat für Reisende noch mehr: Weniger ist mehr. Lieber ein oder zwei Orte, aber dafür richtig eintauchen. Und nie mehr als 50% der Reisezeit verplanen. Der Rest muss offen bleiben für spontane Begegnungen, für Überraschungen, für das, was zu wirklich guten Geschichten führt.

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Eine Postkarte aus Arequipa

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Wenn man sagt, dass man aus Deutschland ist, wird man immer auf Fußball, Autos oder Nazis angesprochen. Manchmal würde ich am liebsten sagen, ich sei aus Litauen oder einem anderen wenig bekannten Land.

Aber in Peru hatte ich ein neues „Ah, du bist aus Deutschland“-Erlebnis.

In einem vegetarischen Restaurant, das den Tierschutz so konsequent nimmt wie peruanische Politiker die Korruptionsbekämpfung, bestelle ich einen mit Hackfleisch gefüllten Rocoto.

Während ich warte, setzt sich Ivan zu mir an den stabilen Holztisch. Er hat einen Bart wie Lenin, Haare wie Bob Ross, und seine dünnen Beine stecken in kurzen Hosen und Trekkingschuhen. Er scheint im Restaurant zu arbeiten oder mitzuhelfen oder einfach nur immer da zu sein.

Als er erfährt, woher ich bin, entfährt es ihm sofort:

„Ah, wie Gunter Hampel!“

Oje, keine Ahnung wo der spielt.

„Und Reinhard Giebel!“

Hm, noch nie gehört.

Ivan zählt mit zunehmender Begeisterung weitere Namen auf: Toto Blanke, Hans Koch, Werner Lüdi.

Alles typische Fußballernamen, aber mir sagt keiner etwas. Vielleicht sollte ich doch einmal im Jahr eine Ausgabe des „Kicker“ kaufen, um ein bisschen mitreden zu können.

Ich will mich gerade für meine sportliche Unkenntnis entschuldigen, als der stürmische Ivan fortfährt: „Deutschland ist die führende Jazz-Nation! Nicht Frankreich. Nicht die USA. Was da bei Euch abgeht, das ist der Wahnsinn!“

Der gefüllte Rocoto ist scharf wie ein brennender Vulkan. Ivan bemerkt meinen Schmerz und bringt dem ungebildeten Deutschen einen großen Krug Limonade.

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Eine Postkarte aus Schiras

Vor der Schah-Tscheragh-Moschee hält mich ein Wächter auf: “Sind Sie Muslim?”

Wahrheitsgemäß verneine ich.

“Ich bedaure, mein Herr, aber heute ist nur für Muslime geöffnet”, erklärt er unter Verweis auf das Aschura-Fest. Hilfsbereit fügt er hinzu, dass morgen für alle geöffnet sei.

Doch heute ist mein letzter Tag in Schiras, früh am nächsten Morgen geht der Flug nach Teheran. Schade, die Moschee mit einem Mosaik aus Millionen Spiegelscherben soll eine der schönsten im Iran sein.

Der Wächter gibt mir den Rat, doch einfach in zehn Minuten wieder zu kommen. Verdutzt wandere ich um den Block. Hat er dann etwa seine Mittagspause?

Nein, er ist noch da. Mit breitem Grinsen fragt er: “Und, sind Sie jetzt Muslim?”

Ich lächle anerkennend über seiner Raffinesse und antworte: “Allahu akbar.“

Mit einer einladenden Handbewegung bittet er mich in die Moschee.

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Eine Postkarte aus …

Manche von Euch behaupten, keine Zeit zur Lektüre meiner längeren Artikel zu haben. Zwar unterteile ich diese schon in bis zu 183 nummerierte Kapitel, damit man sich zwischendurch eine Pizza holen kann und den Wiedereinstieg nicht verpasst.

Aber auch die Vielbeschäftigten, Kinderreichen und Aufmerksamkeitsdefizitären unter Euch sollen an meinen Reisen und Beobachtungen teilhaben. (Ganz ehrlich, ich lese selbst ungern längere Artikel am Bildschirm.)

Deshalb gibt es ab jetzt eine wöchentliche Kurzmitteilung, etwa in Postkartenlänge. Nur eine Anekdote, garantiert selbst erlebt. Mit nur einem Foto. Wie bei einer Postkarte eben.

Gerne könnt Ihr Bescheid geben, von welchen bisherigen Reisen Ihr eine virtuelle Postkarte wünscht.

Unterstützer dieses Blogs erhalten übrigens echte Postkarten von so exotischen Orten wie der Osterinsel, den Azoren oder aus Humberstone. Und Ihr bekommt dann auch die Geschichten zu lesen, die für die Öffentlichkeit und die Zensur zu brenzlig sind.

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„Der falsche Überlebende“ von Javier Cercas

Vor kurzem habe ich eine moderne Adaption von Karl May empfohlen. Aber Hochstapler, die ihr Leben abenteuerlicher darstellen als es ist, existieren nicht nur in Romanen und in Blogs. Manche leben mitten unter uns. Oder drängen, wenn sich Hochstaplerei mit Narzissmus verbrüdert, auf die große Bühne.

Jetzt denken alle an Donald Trump.

Aber viel interessanter wäre doch ein Hochstapler und Narzisst, der zudem intelligent ist. Der sein Leben lang täuscht, sich aber nie bereichert.

So einer wie Enric Marco aus Barcelona.

Marco, der dieses Jahr 100 wird, hatte seinen wohl größten Auftritt 2005, als er zum Holocaust-Gedenktag vor dem spanischen Parlament sprach. Als Vorsitzender einer Vereinigung von Spaniern, die die Konzentrationslager der Nazis überlebt haben. Und als ehemaliger Insasse des KZ Flossenbürg.

Wenige Monate darauf deckte der Historiker Benito Bermejo auf, dass Marco diesen Teil seiner Biografie erfunden hatte. Er war nie in einem KZ interniert gewesen. Zwar war Marco während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland, aber nicht, wie er behauptet hatte, als Widerstandskämpfer, der sich der französischen Résistance angeschlossen hatte. In Wahrheit arbeitete er als Metallarbeiter auf einer deutschen Werft in Kiel, womit er praktischerweise dem Wehrdienst in Spanien entging.

Als es 1943 in Deutschland brenzlig wurde, setzte er sich nach Spanien ab. Die Deutschen suchten ihn nicht, und das spanische Militär zog ihn nicht ein, weil sie dachten, er wäre in Deutschland. Marco gründete eine Familie, der er die Existenz seiner schon bestehenden ersten Familie verschwieg, und wurde Automechaniker.

Ein Leben wie ein Roman.

So verbrachte er die bleierne Franco-Zeit. Nicht gerade im Untergrund, aber unter dem Radar der Behörden. Wenn ihm langweilig war, erzählte er von seinen Heldentaten im Spanischen Bürgerkrieg, immer an vorderster Front, Schulter an Schulter mit den bekannten Köpfen der Anarchisten, bei der versuchten Befreiung Mallorcas, bei der Résistance. Aber nur im kleinen Kreis, denn zu Zeiten der Diktatur waren Antifaschisten nicht en vogue.

Das änderte sich nach dem Tod Francos. Als sich ab 1976 die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT wiedergründete, ging Marco zu den Versammlungen. Dort ergänzte er seine Lebensgeschichte, in der er nun während der Jahrzehnte der Franco-Diktatur im Untergrund für die Sache des CNT gekämpft habe. Deshalb habe er auch aus Spanien fliehen müssen, sei aber in Marseille verraten und festgenommen worden und so ins Konzentrationslager gekommen. Zwar kannte keiner der anderen Gewerkschafter diesen quirligen, lebhaften, energiegeladenen Mann, der so gut erzählen konnte, aber 1977 wählten sie ihn zum Vorsitzenden der katalanischen Sektion des CNT und im folgenden Jahr zum Vorsitzenden auf nationaler Ebene.

Ein Leben wie ein Roman.

Der CNT zerstritt sich zwischen verschiedenen Fraktionen, Marco wurde nicht wiedergewählt und schließlich ausgeschlossen. Seine Kfz-Werkstatt füllte ihn nicht aus, also begann er nebenbei ein Geschichtsstudium. Dabei lernte er eine junge Studentin kennen, die er mit seinen Heldengeschichten von Bürgerkrieg, antifaschistischem Kampf, Flucht und Untergrund beeindruckte. Mit ihr gründete er seine dritte Familie.

Bald war ihm wieder langweilig. Also ließ er sich in den Elternbeirat der Schule seiner Kinder wählen. Wie fast nicht anders zu erwarten, wurde er innerhalb kürzester Zeit stellvertretender Vorsitzender der Elternvereinigung Kataloniens. Er verhandelte mit den Bildungsministern, er hielt Reden, und er drängte sich auf jedes Foto.

Aber irgendwann hatten seine Töchter die Schule beendet, und Marco konnte beim besten Willen nicht mehr in der Elternvereinigung bleiben. Er brauchte eine neue Aufgabe, insbesondere weil er mittlerweile in Rente war. Ein Rentnerdasein ohne Nebenbeschäftigung kann tödlich langweilig sein. Das war nichts für Marco.

Er ging zu Amical de Mauthausen, einer Vereinigung von spanischen KZ-Überlebenden und sagte, dass er ein bisschen mithelfen möchte, die Erinnerung vor dem Verblassen zu bewahren. Er könne hie und da mal einen Vortrag in einer Schule halten. Es wurden mehr als ein paar Vorträge. Bald war Marco der gefragteste Redner der Organisation, er sprach in Schulen im ganzen Land, er trat im Radio und im Fernsehen auf, und – das dürfte jetzt niemanden mehr überraschen – 2001 wurde er Vorsitzender der Amical de Mauthausen.

Ein Leben wie ein Roman.

Javier Cercas, der Autor des Buches „Der falsche Überlebende“, dem ich diese Geschichte entnommen habe, musste gar nichts erfinden. Er konnte einen Roman ohne jegliche Fiktion schreiben, weil der Protagonist für ausreichend Fiktion sorgt.

Und so ist „Der falsche Überlebende“ nicht nur eine Biographie, sondern auch ein Buch über die Recherche, die Cercas und andere über Jahre unternommen haben. Es ist beeindruckend, mit welcher Raffinesse sich Marco seine Legende zusammengebastelt hat, aber ebenso beeindruckend, wie Cercas sie Stück für Stück freilegt. Oft helfen Zufallsfunde in alten Zeitungen oder in Archiven, aber auch Marco selbst ist weiterhin äußerst gesprächig. Seine Geltungssucht geht bis zur Selbstzerstörung. Aber seine Fantasie baut ihn wieder auf. Wie Don Quijote.

Hervorragend an dem Buch fand ich, wie Cercas das Leben Marcos, das echte und das erfundene, in die Geschichte Spaniens einbettet. Vom Bürgerkrieg über das Vergessenwollen bis zum Gedächtnistheater, wie es Max Czollek nennen würde. Marco, der Historiker, der als Augenzeuge berühmt wurde, als Spiegel dessen, wie Spanien mit Geschichte umgeht. Oder nicht umgeht.

Cercas bettet all das in Gedanken über Fiktion und Wahrheit, über Literatur, über Psychologie und Philosophie ein, was allerdings manchmal zu sehr ausufert. Hätte sich der Autor ein wenig zurückgenommen, auf Wiederholungen und überflüssige Details verzichtet, hätte man mindestens 100 Seiten kürzen können. Aber trotzdem bleibt ein interessantes Buch, das einen auch nach der Lektüre nicht so schnell loslässt.

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Vor hundert Jahren war an Weihnachten noch was los – Dezember 1920: Blutweihnacht

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Ich finde es ganz passend, dass für Weihnachten in einigen Bundesländern der Katastrophenfall ausgerufen wurde. Denn für mich war Weihnachten schon immer eine zu vermeidende Katastrophe, der ich meist durch Reisen in möglichst weihnachtslose Länder entkommen bin. Das geht dieses Jahr nicht.

Dieses Jahr können wir nur in der Erinnerung reisen. Spannend war Weihnachten zuletzt 1989, dank der Rumänen, die im Gegensatz zu den Ostdeutschen eine richtige Revolution hingelegt haben.

Ja, so macht Weihnachten Spaß!

Aber heute geht die Zeitreise noch weiter zurück, nämlich genau hundert Jahre, zum 24. Dezember 1920. Um nicht in den Weihnachtsgottesdienst und zum Abendessen bei Oma gehen zu müssen, begannen an jenem Tag einige Italiener einen kleinen Krieg. Und zwar gegen andere Italiener. Um dabei nicht aus Versehen ein Stück von Italien kaputt zu machen, führten sie die Kampfhandlungen auf der gegenüberliegenden Seite der Adria durch. In einer Stadt, die heute Rijeka heißt und in Kroatien liegt. Damals hieß die Stadt Fiume und lag in, naja, das war eben der Streitpunkt.

Aber zuerst eine Rückblende: Erster Weltkrieg. Italien war neutral, weil die Menschen sich mehr für Fußball als für Weltpolitik begeisterten. Nur ein Dichter und Schriftsteller, Gabriele D’Annunzio, hielt flammende Appelle für den Kriegseintritt Italiens gegen Österreich-Ungarn. Zum einen, weil er ein Leben ohne Kriegsabenteuer als kaum lebenswert betrachtete. Zum anderen, weil Österreich-Ungarn ein paar Filetstücke an der östlichen Adria hatte, die D’Annunzio gerne italianisieren wollte. Schließlich hatte Italien aufgrund ungünstiger geographischer Besonderheiten noch nicht genug Küste.

Der italienische König gab schließlich nach, und 1915 trat Italien auf Seiten der Entente in den Krieg ein. D’Annunzio, der nicht so jung, wie er sich fühlte, sondern 52 Jahre alt war, hatte keine Lust auf den zermürbenden Gebirgskrieg. Stattdessen fuhr er mit U-Booten in österreichisch-ungarische Häfen und hinterließ freche Flaschenposten. Dann schulte er zum Piloten um, flog hinter die feindlichen Linien, im August 1918 sogar bis nach Wien, wo er anstatt Bomben Flugblätter mit seinen Gedichten abwarf. Daraufhin kapierten und kapitulierten die Österreicher, und D’Annunzio war ein Held.

Italien bekam als Belohnung Südtirol und Istrien sowie die Zusicherung, dass in jeder Stadt in Deutschland und Österreich mindestens ein italienisches Restaurant eröffnen würde. Aber Rijeka, die Perle der Adria, die die Italiener Fiume nennen, blieb ihnen vorenthalten und erhielt einen komischen neutralen Status, etwa so wie Danzig.

Den Leuten in Rijeka/Fiume war das eigentlich egal, weil sie schon im Habsburger Reich seit 1779 einen Sonderstatus und sich daran gewöhnt hatten. Aber D’Annunzio war außer sich vor Wut: „Was wollen wir mit Triest und all dem Kram? Die besten Ćevapčići gibt es in Rijeka!“

Wütend waren auch die Arditi, italienische Sturmtruppen, die sich um einen Teil des hart erkämpften Sieges gebracht sahen. Sie wählten den schon am Stock gehenden D’Annunzio zu ihrem Führer und schlugen die Einnahme von Fiume vor.

Das war 1919. Weil die Menschen in Rijeka in der Zeitung gelesen hatten, dass der Weltkrieg zu Ende war, waren sie überhaupt nicht darauf vorbereitet. D’Annunzio konnte am 12. September 1919 mit etwa 2500 Freischärlern die Stadt einnehmen.

Aber dann folgte der große Schock: Italien wollte Fiume nicht mehr.

Zumindest nicht auf diese Art und Weise. Italien, schon immer ein Hort der Legalität, insistierte auf der Einhaltung des Völkerrechts und präferierte den Verhandlungsweg im Völkerbund, einem Vorläufer der UNO, sowie mit dem neu entstandenen Jugoslawien.

Nun wäre es an der Zeit gewesen, sich zu entschuldigen („Sorry, war ’ne Kurzschlussreaktion!“), Fiume/Rijeka zurückzugeben, nach Hause zu fahren und Bücher zu schreiben. Aber der kleine Feldzug war dem kleinen Mann zu Kopf gestiegen. Als Italien klar machte, dass D’Annunzio keine Unterstützung zu erwarten hatte und sogar eine Seeblockade gegen das sympathische Städtchen verhängte, rief D’Annunzio einen eigenen Staat aus: Die Italienische Regentschaft in der Kvarner Bucht oder, nach dem italienischen Namen der Bucht, die Italienische Regentschaft am Carnaro.

Diese Republik wird oft als Blaupause für den Faschismus gesehen. Und in der Tat, wenn Ihr das obige Video anseht, erkennt Ihr etliche ästhetische Merkmale, die Mussolini und Hitler später übernahmen. In Carnaro gab es Führerkult mit täglichen Reden und Paraden. Verbot von Opposition. Korporationen statt Parteien. Organisation des Volkes in Massenorganisationen, soweit man in einer Kleinstadt von Masse sprechen kann. Und immer, wenn der Führer vorbei schritt, musste das Volk „Eia, eia, alala“ rufen.

Andererseits sammelten sich in Fiume auch Anarchosyndikalisten, Sozialisten, Dadaisten, Nudisten, Symbolisten, Futuristen, sowie Anhänger von Yoga, Kokain, freier Liebe und Verismus. Aber eben auch Militaristen und Protofaschisten.

Die Zeitung „La Testa di Ferro – Giornale del Fiumanesimo“ definierte den Fiumismus auf jeder Titelsite so: „Ein italienisches Fiume – Stadt des neuen Lebens – Befreiung aller unterdrückten Völker, Klassen, Individuen – geistige anstelle formeller Disziplin – Vernichtung aller Hegemonien, Dogmen, Konservatismen und Parasitismen – das Antlitz alles Neuen -“ und in einem Anflug von Selbstironie „wenige Worte, viele Taten.“

Die wilde Kommune lebte von Schmuggel und Piraterie. Dazwischen gab es abwechselnd Orgien und Fackelzüge. In der kleinen Hafenstadt war mehr los als in Babylon Berlin!

Nur Italien fand das alles nicht so lustig. Im November 1920 schlossen Italien und Jugoslawien den Vertrag von Rapallo, nach dem Fiume ein unabhängiger Freistaat werden sollte. D’Annunzio überreagierte mal wieder und erklärte Italien am 20. Dezember 1920 den Krieg. Ziemlich mutig für einen Stadtstaat mit 2500 Soldaten.

Und so kam es zu der „Blutweihnacht“ von 1920, als italienische Soldaten gegen ehemalige italienische Soldaten kämpften. Pünktlich zum 24. Dezember ging es los, am 29. Dezember hatte Italien die kleine Republik eingenommen. Etwa 60 Menschen waren bei den Kämpfen gestorben. Und all das, weil ein Schriftsteller ein großes Theaterstück aufführen wollte.

Wie ging es weiter mit D’Annunzio? Er floh aus Fiume, und zwar in das Land, dem er eben den Krieg erklärt hatte. Dort bemühte er sich, reichlich selbstbewusst, vom König den Auftrag zur Regierungsbildung zu bekommen, womit er Mussolini zuvorkommen wollte. Aber Mussolini hatte sich nicht nur die faschistische Ästhetik bei D’Annunzio abgeguckt, sondern auch gelernt, dass man einfach Fakten schaffen muss. Im Oktober 1922 marschierte Mussolini nach Rom und übernahm die Macht.

D’Annunzio biederte sich Mussolini an, wurde dafür finanziell reichlich entlohnt, in den Adelsstand erhoben, und bekam eine äußerst pompöse Villa. Ja,das Amphitheater und das Mausoleum auf dem Hügel gehören auch dazu. Und ja, da steht ein Schiff im Wald: der Panzerkreuzer Puglia. Ein krasser Gegensatz zum bescheidenen Alterssitz von Giuseppe Garibaldi, dem wahren Helden der italienischen Geschichte.

Noch heute sind eine Universität und der Flughafen in Brescia nach D’Annunzio benannt. In Italien wird das mit dem Faschismus anscheinend nicht ganz so schlimm gesehen.

Und wie ging es weiter mit Fiume? Der Freistaat wurde gegründet, aber schon im März 1922 übernahmen italienische Faschisten in einem Staatsstreich wieder die Kontrolle. Das war praktisch der Probelauf für den Marsch auf Rom. Im Januar 1924 annektierte Italien die Stadt formell. Den kleinen Krieg zu Weihnachten hätte man sich also sparen können.

Wer im 20. Jahrhundert in Rijeka lebte, konnte, ohne die Stadt einmal zu verlassen, nacheinander sechs verschiedene Staatsangehörigkeiten innehaben: Österreich-Ungarn, die Carnaro-Republik, Freistaat Fiume, Italien (gefolgt von deutscher Besatzung), Jugoslawien und Kroatien. Auch deshalb finde ich die Wahl von Rijeka zur Europäischen Kulturhauptstadt 2020 passend. Leider kam die Corona-Pandemie dazwischen, aber irgendwann werde ich den Besuch nachholen. Man erkundet Kulturhauptstädte sowieso besser vor oder nach dem Trubeljahr.

Frohe Weihnachten! Auch wenn sie wahrscheinlich nicht so interessant werden wie vor hundert Jahren in Fiume.


So, das war also die erste Folge in der neuen Reihe „Vor hundert Jahren …“. Es war eines von Dutzenden von Beispielen, anhand derer ich zeigen könnte, dass der Erste Weltkrieg nicht im November 1918 zu Ende war. Nein, er ging noch etliche Jahre weiter. Bewaffnete Konflikte im „Nachkriegseuropa“ kosteten mehr als 4 Millionen Leben und haben die Weltkarte bis heute geprägt.

Dummerweise habe ich versprochen, jeden Monat eine neue Folge zu liefern, aber im Januar 1921 scheint gar nicht so viel passiert zu sein. Wenn Ihr Vorschläge oder Ideen habt, nur her damit! Wenn nicht, dann lasst Euch überraschen, was ich ausgraben werde.

Und wenn Ihr etwas gelernt habt, freue ich mich über Eure Unterstützung für diesen Blog. Vielen Dank!

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In Spanien ist heute schon Weihnachten

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In vielen Ländern tobt ein Kampf darum, ob der 24. oder der 25. Dezember das eigentliche Weihnachten ist. Ein Kampf zwischen Kapitalisten und Christen, der dieses Jahr besonders heftig geführt wird. Die einen wollen für den Glühweinstand sterben, die anderen für das Singen im Gottesdienst.

Die orthodoxen Kirchen in Osteuropa lassen sich bekanntlich Zeit und feiern erst am 7. Januar, so dass mehr Zeit zum Tannenbaumabsägen und zum Plätzchenbacken bleibt.

Ein Land jedoch tanzt vollkommen aus der Reihe: Das vorgeblich katholische Spanien feiert sein Weihnachten jedes Jahr bereits am 22. Dezember.

Wer jetzt fragt „Warum die Eile? Was soll der Stress?“, dem sei gesagt: Der Weihnachtsstress fängt schon im Juli an. Ab da werden nämlich die Tickets zum großen Fest verkauft.

In jeder Kirche, die ich in Andalusien besichtigte, wollte mir jemand Tickets andrehen. Zuerst am Eingang, dann kam der Mesner, schließlich der Pfarrer. Alle: „Haben Sie schon ein Ticket für Weihnachten?“

Zuerst antwortete ich wahrheitsgemäß, dass ich an Weihnachten gar nicht mehr in Spanien sein würde. Das führte zu keinem Nachlassen der Verkaufsbemühungen: „Das macht nichts, es wird live im Fernsehen übertragen.“

Ich verstand nicht, wieso ich Eintrittskarten für etwas erwerben sollte, das ich gratis im Fernsehen sehen könnte. Irgendwann wurde es mir zu aufdringlich, und ich änderte meine Ausrede: „Oh, vielen Dank, aber ich habe schon ein Ticket.“

Damit sollte ich aus dem Schneider sein, dachte ich.

Weit gefehlt: „Kaufen Sie doch noch eins!“, wurde ich ermutigt.

Eine Aufforderung, der anscheinend das ganze Land folgt, wie die langen Schlangen vor den Verkaufsstellen zeigen.

Irgendwann fand ich heraus, dass Weihnachten in Spanien nicht mit Bäumen, Geschenken und Essen gefeiert wird, sondern mit Glücksspiel. In Spanien ist Weihnachten ein Synonym für die Lotterie.

Und jeder muss mitmachen! „Hast du schon Lose gekauft?“ wurde ich immer wieder gefragt, auch von Freunden, die mir nichts verkaufen wollten.

Um mich nicht auf Diskussionen einzulassen, sagte ich einfach: „Ja.“

Aber da fing die Fragerei erst an: „Welche Nummer hast du?“

„Wieso ist das wichtig?“ wunderte ich mich.

Ich meine, ich verstehe schon das Prinzip einer Lotterie und dass die Nummer wichtig ist für den Gewinn. Aber ich verstehe nicht, wieso meine Losziffer für andere von Interesse sein könnte.

„Na, vielleicht haben wir die gleiche Nummer!“ riefen die Freunde begeistert, wie wenn das eine Art Blutsbrüderschaft bedeutet.

Eine Lotterie, die Lose mit den gleichen Nummern mehrfach verkauft, erschien mir eher wie eine Betrugsmasche. Mir begann zu dämmern, wie der Spanische Bürgerkrieg ausgelöst worden war, als eines Tages zwei Leute mit der gleichen Ziffer den Hauptgewinn abholen wollten.

Aber dann wurde ich aufgeklärt:

Die Spanische Weihnachtslotterie, stolz bestehend seit 1812 und weder durch Welt- oder Bürgerkriege, noch durch unfairerweise nach dem Land benannte Grippewellen unterbrochen, ist die größte, wichtigste, wertvollste und superlativste Lotterie der Welt. Jedes Weihnachten werden mehrere Milliarden (!) Euro ausgespielt.

Aber, Tradition ist Tradition, die Lose dürfen nur fünf Ziffern haben. Somit gibt es nur 100.000 mögliche Losnummern (von 00000 bis 99999). Etwas wenig für ein Land mit 47 Millionen Einwohner, denn schließlich will jeder Bürger mindestens ein Los.

Andere Länder würden auf sechs- oder siebenstellige Losnummern umsteigen, aber Spanien ist kreativer: Man druckt die gleichen Losnummern mehrfach. Und wenn das Los gewinnt, dann teilt man den Gewinn. So einfach geht das. Teilen macht Freude!

Halt! So läuft es beim knausrigen deutschen Lotto. In Spanien hingegen, wo soziale Gerechtigkeit Verfassungsrang hat, führen mehrere Gewinnerlose dazu, dass jeder Losinhaber den vollen Gewinn erhält. Hier wird nicht geteilt, hier wird multipliziert!

Und da die Lotteriegesellschaft dem Staat gehört, schießt der Staat im Notfall einfach das Geld zu. Jetzt wisst Ihr, warum sich Spanien gerade 140 Milliarden Euro aus dem EU-Corona-Aufbaufonds gesichert hat.

Aber ich glaube, es werden immer genug Lose verkauft, um den Topf ausreichend zu füllen. Letztes Jahr wurde jede Nummer 170 Mal ausgegeben, also insgesamt 17 Millionen Lose.

Theoretisch.

Denn jetzt wird es wirklich kompliziert. Ich habe mir das dreimal erklären lassen müssen, um es Euch einigermaßen darlegen zu können. Aber alle Angaben sind ohne Gewähr!

Weil 17 Millionen Lose noch immer nicht für 47 Millionen Einwohner ausreichen, werden die Lose geteilt. Und zwar nicht ideell oder durch Geheimabsprachen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes zerschnippelt. Die Lotteriegesellschaft hat dagegen keine Einwände, sondern bietet jede Losnummer in jeder Serie als Bogen mit zehn Kupons an, die man abtrennen und einzeln kaufen und verkaufen kann.

Die auf diese Kupons entfallenden Gewinne werden jedoch, anders als die auf die gleichen Nummern in verschiedenen Serien entfallenden Gewinne, schon geteilt, und zwar nach dieser Formel:

In Spanien werden vor Weihnachten viele Taschenrechner verkauft.

Dafür kostet jeder Kupon nur ein Zehntel des Preises eines ganzen Loses. Das ist wiederum sehr sozial, denn ein gesamtes Los kostet happige 200 Euro, was sich niemand leisten kann. Also kauft irgendjemand den ganzen Bogen und verkauft neun Zehntellose weiter. Deshalb wird man auch im Bahnhof, im Park, beim Händewaschen, auf dem Flughafen, bei der Verkehrskontrolle und vor allem in jeder Bar angesprochen, ob man nicht einen Kupon erwerben möchte.

So sieht ein Los aus: In der Mitte die fünfstellige Losnummer (00155), rechts oben die Serie (17), darunter die Nummer des Kupons (2 von 10). Und der Preis von 20 Euro, weswegen ich mir den Spaß nie gegönnt habe.

Weil, wie ich schon gejammert habe, 20 Euro noch immer viel Geld sind, werden die Kupons noch einmal geteilt. Da gleiten wir aber vom offiziellen ins inoffizielle Wettgeschäft ab, denn die Kupons darf man nicht noch einmal zerschneiden. Stattdessen trifft man im Park auf Leute, die Fotokopien von ihren Kupons verkaufen und dafür versprechen, einen am Gewinn zu beteiligen. Man kauft also eine Kopie, wobei der Verkäufer natürlich den Beteiligungsquotienten mitteilt, und hinterlässt bei dem fliegenden Händler seine Telefonnummer zur Gewinnbenachrichtigung an Weihnachten.

Die Menschen in Spanien sind sehr ehrlich.

Besonders verbreitet sind diese Partizipationsgeschäfte (die der Idee von Aktienfonds nicht unähnlich sind) unter Gruppen, die am Weihnachtsabend zusammen feiern und fiebern wollen: Familien, Arbeitskollegen, die Stammkundschaft in einer Kneipe, Sportmannschaften, die Besatzung der Internationalen Raumstation, Soldaten im Auslandseinsatz, Gefängnis- oder Altenheiminsassen.

Übrigens gibt es nichts Kompliziertes, was nicht noch komplizierter gemacht werden kann:

Um Fälschungen zu unterbinden, muss die Lotteriegesellschaft einen Überblick behalten, welche Lose mit welchen Nummern von welcher Serie sie an welche der 3.420.591 Verkaufsstellen ausgeliefert hat.

Nun gibt es Leute, die eine bestimmte Losnummer wollen. Vielleicht das Geburtstdatum. Oder die Ziffer, die letztes Jahr gewonnen hat. Oder eine Ziffer, die noch nie gewonnen hat. Oder die Zahlen, die die Wahrsagerin in der Straße hinter der Stierkampfarena weisgesagt hat – natürlich gegen Gewinnbeteiligung.

Weil die Lotteriegesellschaft eine staatliche ist und weil die Verwaltung in Spanien sehr bürgerfreundlich ist, kann man dort anrufen und fragen, an welches Kiosk im großen, weiten Land (zu dem bekanntlich auch Landstriche in Afrika und im Atlantik gehören) die gewünschten Nummern ausgeliefert wurden. Viele Spanier nutzen dann die Sommerferien, die Herbstferien, Streiktage oder die Frühverrentung, um durchs Land zu fahren und die Wunschlose zusammenzukaufen.

Eine weitere Form des Lotterietourismus ergibt sich, wenn eine Verkaufsstelle im letzten Jahr das große, fette Gewinnerlos („El Gordo“) verkauft hat. Ich weiß nicht, warum, aber Hunderttausende von Menschen fahren dann im aktuellen Jahr zu eben jener Verkaufsstelle, um mindestens 20 Euro zu hinterlassen.

Und wenn das Gewinnerlos an einer Tankstelle verkauft wurde, dann verkauft diese Tankstelle im folgenden Jahr kein Benzin mehr, weil niemand 3 Stunden zwischen lauter Glücksrittern anstehen will, um die Tankfüllung zu bezahlen.

In diesem Fall war es besonders krass, weil die Tankstelle auf Teneriffa liegt. Viele Spanier flogen vom Festland extra auf die kanarische Insel. Gott bewahre, wenn das Glückslos mal aus Melilla kommt.

Und heute, am 22. Dezember, ist die Ziehung.

Sie wird live im Fernsehen übertragen, mit Einschaltquoten jenseits derer von Fußball-Weltmeisterschaften, mit Freudenschreien und Herzinfarkten im ganzen Land.

Eine Besonderheit ist, dass die gewinnenden Losnummern sowie der jeweils darauf entfallende Preis von Kindern aus dem San-Ildefonso-Gymnasium in Madrid gesungen werden. Auf die Waisenkinder greift man schon seit mehr als 200 Jahren zurück, weil bei ihnen nicht die Gefahr besteht, von den Eltern zum Schummeln angestiftet zu werden.

So geht das für mehr als 2000 Preise, den ganzen Tag lang. Aber in anderen Ländern machen die Leute ja auch nichts Sinnvolles an Weihnachten.

Übrigens, gute Nachrichten für deutsche Glücksspieler: Seit 2013 wird zwar eine Quellensteuer abgeführt, aber weil in Deutschland Lotteriegewinne steuerfrei sind, können deutsche Glückspilze nach dem deutsch-spanischen Doppelbesteuerungsabkommen diese Steuern zurückfordern. – Vielleicht sollte ich mit diesem Wettbewerbsvorteil in spanischen Parks steuerfreie Gewinnanteile verkaufen?

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„Per Anhalter durch den Nahen Osten“ von Patrick Bambach

Für die Zeit nach dem Ende der Corona-Pandemie freuen sich die Menschen schon auf das Schwimmbad, auf die Eisdiele und auf das Großraumbüro. Ich freue mich am meisten darauf, wieder spontan reisen zu können. Sich einfach wieder an die Straße zu stellen und anstatt des auf diesem Blog überstrapazierten erhobenen Zeigefingers den Daumen rauszustrecken, bei Fremden ins Auto zu steigen und auf der Bundesstraße nach Buxtehude oder über die Balkanroute nach Babylon zu düsen.

„Hui, das ist aber gefährlich“, höre ich die ängstlicheren unter den Leserinnen bei letzterem Vorschlag flöten.

„Ganz und gar nicht“, entgegen ich dann immer, unter Verweis auf verrückte Radikaltramper oder mehr oder weniger empirisch begründeten Optimismus. Ab jetzt kann ich auf ein lesenswertes Buch verweisen: „Per Anhalter durch den Nahen Osten“ von Patrick Bambach. Der hat sich nämlich autostoppend auf die, so der Untertitel, „16.000 Kilometer vom Sauerland über den Iran nach Tel Aviv“ gemacht.

Das Buch ist ein großes Lesevergnügen, wunderbar witzig, ironisch, sarkastisch. Auf jeder zweiten Seite musste ich laut lachen. Da nimmt sich jemand selbst nicht zu ernst, weder in esoterischer Selbstbespiegelung wie in „aWay“, noch als größter Abenteurer aller Zeiten wie in „Warm Roads“, zwei ebenfalls dieses Jahr erschienene Tramperbücher.

Während jene beiden Bücher ziemlich egozentrisch sind, kommt Patrick Bambach als humorvoller und sympathischer Kerl rüber, mit dem man gerne ein paar Stunden im Auto verbringen würde. Und endlich mal jemand, der sich nicht nur so schnell wie möglich von A nach B schnorren möchte, sondern der übers Reisen, über Kulturkontakte, über Politik und über Gastfreundschaft reflektiert.

So ist sich Bambach zum Beispiel des Privilegs bewusst, „über die Konfliktgrenzen springen zu können, von Türken zu Kurden, von der türkischen Polizei zur PKK, von bewaffneten Irakern zu iranischen Polizisten. […] Geschützt hat mich dabei nicht meine Offenheit, sondern die Angehörigkeit zur ‚richtigen‘ Gruppe.“ Wenn ihm Menschen in Israel erzählen, wie gefährlich es ist, im Westjordanland zu trampen, dann bemerkt er zu seinem eigenen Entsetzen, warum es für ihn nicht gefährlich ist: Weil er kein Jude ist.

Und wenn ein besonders hilfsbereiter Gastgeber im Oman den überschwenglichen Dank Bambachs mit der Bemerkung „Ach, das ist doch kein Thema. Wenn ich nach Deutschland reise, würden mich die Menschen schließlich genauso freundlich und zuvorkommend behandeln!“ beiseite wischt, dann weiß der Autor nicht, was er sagen soll. Ihm ist klar, dass ein bärtiger Araber in Deutschland wahrscheinlich nicht so herzlich behandelt wird wie ein weißer Junge überall auf der Welt.

Aber das Buch ist auch voller Abenteuer: unfreiwillige Opiumräusche, Schlägereien in Georgien, ein Ausflug mit den Peschmerga, und immer wieder überraschende Begegnungen mit interessanten Menschen, der Essenz des Trampens. Was mich als Technikskeptiker besonders freut: Bambach hat die Reise – trotz Ingenieursstudium – ohne Smartphone zurückgelegt! Für Interessierte, die sich auch mal ans Trampen wagen wollen, hat er viele praktische Tipps parat, locker in den Text eingestreut.

Ich muss zugeben, ich habe selbst schon manchmal davon geträumt, per Anhalter nach Israel zu reisen. Dass der Weg entweder durch Syrien oder den Irak führt, hat mich bisher immer abgehalten, aber jetzt gibt es kein Halten mehr. Obwohl, Babylon wäre auch interessant… Ach, es gibt so viel zu erleben. Hoffentlich hält jemand an!

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Vor hundert Jahren …

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Bekanntermaßen bin ich manchmal etwas im Verzug mit meinen Artikeln.

So bin ich übrigens zur Geschichte gekommen: Ich wollte über irgendetwas berichten, ich weiß jetzt gar nicht mehr, was es war. Vielleicht der Erste Golfkrieg oder die Landung in der Normandie. Und dann lagen die Notizbücher so lange herum, bis sie Staub angesammelt und sich die Nachrichten in Geschichte verwandelt hatten.

Na gut, dann mache ich aus der Trägheit halt eine Tugend und ein Versprechen für die Leserschaft. Hiermit eröffne ich feierlich eine neue Serie auf diesem Blog: In „Vor hundert Jahren …“ wird es einmal im Monat um eine Geschichte gehen, die sich vor genau hundert Jahren zugetragen hat.

So etwas gibt es zwar schon anderswo, aber meist konzentriert sich das auf ein paar alte Zeitungsmeldungen oder das Abspielen alter Tagesschau-Sendungen. Bei mir hingegen soll es, wie immer, um die größeren Zusammenhänge gehen.

Außerdem widmen sich alle ähnlich gelagerten Projekte meist einem bestimmten Land oder einem bestimmten Großereignis, wie dem Ersten Weltkrieg. Ich hingegen werde die historische Recherche mit Reisen verbinden und aus aller Welt berichten.

Natürlich sind hundert Jahre arbiträr, und man hätte auch siebzig oder fünfzig oder zwanzig Jahre nehmen können. Aber erstens kommen wir dann in zeitliche Gefilde, die viele von Euch noch aus der Jugend kennen. Zweitens wird es schwieriger, die Jahreszahlen zu errechnen. Drittens ist die Zwischenkriegszeit äußerst spannend und – abgesehen von ein paar Stichpunkten wie New Deal oder Nazis – äußerst unbekannt.

Ich weiß, das Konzept klingt noch nebulös und vage. Aber schon in wenigen Tagen erscheint die erste Folge, und dann seht Ihr, wie ich mir das in etwa vorstelle. Im Dezember 1920 wird es um diese draufgängerischen Männer gehen:

Und um einen Staat, der nicht mehr existiert.

Und um Weihnachten!

Apropos Weihnachten: Auch für dieses Projekt bin ich dankbar um jede Unterstützung, sei es auf Steady, auf Patreon, oder auf jegliche andere Art und Weise. Und ich bin gespannt auf Eure Vorschläge für die jeweils kommenden Monate! Es soll hier nicht nur um klassische Geschichte mit Schlachten und Wahlen und Attentaten gehen, sondern auch um Kultur-, Sozial-, Technik- und Rechtsgeschichte. Aber wenn Ihr etwas vorschlagt, von dem Ihr wesentlich mehr Ahnung habt als ich, dann werde ich Euch einladen, den Artikel selbst zu schreiben. 😉

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