„Justizpalast“ von Petra Morsbach

„Justizpalast“ von Petra Morsbach wird als Justizroman verkauft, was das einzige war, das mein Interesse erweckte. Dafür wurde er hochgelobt und mit Preisen bedacht, die immer wieder die mühsame, über neun Jahre dauernde Recherchearbeit der Autorin betonten, mit der sie angeblich ein treffendes Bild der Justiz zeichne. Aber über weite Strecken kam mir „Justizpalast“ eher vor wie ein Frauenroman:

Er kam ihr also aus der Kantine entgegen, während sie auf dem Weg dorthin war. Jahrelang hatte sie ihn nicht gesehen und erkannte ihn doch sofort. Er war mit den Jahren etwas schwerer geworden, aber so eigenartig unkörperlich wie je. Alfred, grauer Cord-Anzug, weißes Hemd, anthrazitfarbene Krawatte, wandelte mit seinem weichen Schritt über das Linoleum des Kantinengangs wie eine Erscheinung, eingesponnen in einen Kokon aus Intelligenz und Würde. Herzklopfen!

Oder sollte ich sagen wie das Klischee eines Frauenromans, denn über Erfahrung verfüge ich in diesem Metier nicht wirklich? Genug Erfahrung mit Gerichten habe ich allerdings, um zu wissen, dass Richter weiße Krawatten tragen. Das hätte einem aber auch auffallen können, wenn man sich bei der Recherche ein paar Verhandlungen angesehen hätte.

buch-justizpalast-100_v-img__16__9__m_-4423061158a17f4152aef84861ed0243214ae6e7Ganz klischeemäßig erlebt die Protagonistin eine überdramatische Kindheit (Nazi-Opa, Schauspielerhalodri-Vater, Brustkrebs-Mama, Restkrebs-Tanten), wie überhaupt alle im Roman Erwachsenen Traumata aus ihrer Kindheit herumschleppen, die alle Probleme und Macken erklären sollen.

Die holzschnittartigen Personen, einschließlich der Protagonistin, die Richterin wird, weil ihr Opa Richter war, lassen keine Begeisterung aufkommen. Sprachlich lief mir kaum etwas über den Weg, was mich vom Hocker gehauen hätte. Bleiben also Handlung und Inhalt. Da zieht der Roman zielstrebig, aber gemächlich durch das Spießerleben der Richterin Thirza Zorniger. Spätestens ab der Hälfte merkt man, dass Morsbach einerseits überrecherchiert hat und zu viele Notizen hat, die sie irgendwie noch unterbringen muss, dass aber andererseits neun Jahre Recherche kein Jurastudium ersetzen.

Denn das Buch strotzt vor Fehlern. Morsbach schreibt wie eine Studentin im zweiten Semester, die Fachbegriffe und Floskeln aufgeschnappt hat und diese in einer Klausur panisch unterbringen will, damit zumindest dem erfahrenen Leser aber nur ihre Unkenntnis demonstriert. Man wundert sich allerdings, wieso der Verlag keinen Juristen lektorieren hat lassen. (Ich hätte Zeit gehabt.)

Geht es um die Schenkung einer Ferienwohnung, schreibt Morsbach:

Den Verwaltungsakt hatte die Witwe vollzogen.

Das tut weh! Eine Schenkung ist kein Verwaltungsakt. Letzterer erfordert, wie man schon ahnen kann, ein Handeln der Verwaltung, nicht der Witwe (die, wenn überhaupt in ihrer Rolle als Erbin, nicht als Witwe rechtlich relevant wäre).

Zur Abschaffung des Verschuldensprinzips bei Ehescheidungen schreibt Morsbach, dass sich „die Rechtsprechung geändert“ habe. Falsch. Das Gesetz wurde geändert.

Ein weiteres Beispiel:

In den fünfziger Jahren erkannte die herrschende Meinung, dass schrankenlose Vertragsfreiheit den Wettbewerb ruiniert.

So wurde eine eigene Gesetzgebung geschaffen,

womit sie UWG und GWB meint. Erstens werden Gesetze verabschiedet und nicht die „Gesetzgebung geschaffen“, denn die Gesetzgebung ist der Akt oder bei wohlmeinender Auslegung vielleicht noch die Legislative als Organ. Eine „eigene Gesetzgebung“ wäre also ein Sonderparlament. Zweitens erkennt „die herrschende Meinung“ nicht plötzlich etwas, sondern es werden verschiedene Meinungen vertreten, von denen vielleicht irgendwann eine langsam zur herrschenden wird. Diese Meinung ist für Studenten wichtig, aber für die Gesetzgebung vollkommen irrelevant. Der BGH hingegen vertritt laut Morsbach „verschiedene Mindermeinungen“, womit schon wieder Kategorien aus Lehre und Judikative vermengt werden.

Wenn es

bei Meldung eines Ordnungsgeldes

statt, wie es richtig wäre, „bei Meidung eines Ordnungsgeldes“ heißt, kann das ein Flüchtigkeitsfehler sein. Oder es zeigt, dass Morsbach die Funktion eines Ordnungsgeldes nicht mal erahnte.

Laut Klappentext hat Morsbach mit mehr als 50 Juristen für ihr Buch gesprochen. Vielleicht waren es die falschen. Wobei mich die Aussage, dass man für das Staatsexamen

tausend Paragrafen […] und alle Artikel des Grundgesetzes

im Kopf haben müsse, daran zweifeln lässt, ob es diese Gespräche gab. Denn dass man im Jurastudium keine Paragrafen auswendig lernt, hätte der Autorin wirklich jeder Student im ersten Semester erzählen können. Warum sollte man auch, wo man die Gesetzestexte doch in der Prüfung dabei hat?

Fazit: Für Nichtjuristen sterbenslangweilig und unverständlich, für Juristen extrem ärgerlich. Wer gute Bücher über die Justiz lesen will, muss weiterhin zu Werken von Juristen greifen. Selbst bei John Grisham oder Scott Turow lernt Ihr mehr. Und auf diesem Blog sowieso.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

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Unsortierte Gedanken (22)

  1. So, so, dieser Carles Puigdemont läuft also wieder frei herum.
    Wo bleiben die Rufe nach „Recht und Ordnung“, nach harten Strafen, nach Abschiebung?
  2. Im Jahr 2017 war ich anscheinend ziemlich träge, denn ich bin keinen einzigen Halbmarathon gelaufen. Da weltweit die Kriegsgefahr steigt, will ich sicherheitshalber wieder fitter werden. Den Anfang machte vorletztes Wochenende ein Halbmarathon bei Pilsen in Tschechien. Laufen im Wald.jpg
  3. Und weil ich schon einmal in der Europäischen Kulturhauptstadt von 2015 war, bin ich gleich eine ganze Woche in Prag geblieben. An dem Artikel darüber arbeite ich schon.
  4. Danke an Dieter Schuffenhauer für Ein Spaziergang im Hindukusch von Eric Newby. Dieser Klassiker der Reiseschriftstellerei ist zurecht einer. 51khey6j3kl-_sx298_bo1204203200_
  5. Wenn wir alle gleichzeitig zum Rauchen aufhörten, würden wir soviel an Gewicht zunehmen, dass die Erde aus der Umlaufbahn geriete.
  6. Oft will man per Anhalter fahren, hat aber kein Pappschild zum Anzeigen des gewünschten Ziels dabei. In letzter Zeit habe ich immer einen Studienbrief der Fernuniversität in der Tasche, dessen Rückseite sich zu diesem Zweck hervorragend eignet: Autostop
  7. Masern sind das Mittel der Evolution gegen Waldorf-Kindergärten.
  8. Es dürfte auf diesem Blog noch nicht vorgekommen sein, dass ich die CSU lobe. Aber die erneute Nominierung von Gerd Müller als Minister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit finde ich gut.
  9. Die weiteren CSU-Entsendungen ins Bundeskabinett sind allerdings unter jeder Kanone. Gibt es eigentlich einen Automatismus, dass der größte Dampfplauderer immer Verkehrsminister wird ?
  10. Danke an Cindy Lewyn für Verschwundene Reiche: Die Geschichte des vergessenen Europa von Norman Davies und vor allem für das Buch ihres Vaters Bert Lewyn, Versteckt in Berlin: Eine Geschichte von Flucht und Verfolgung 1942-194525898092z
  11. Danke an Ana Alves für die Bücher Der stolze Turm: Ein Portrait der Welt vor dem Ersten Weltkrieg 1890-1914 von Barbara Tuchman, Zigeuner: Begegnungen mit einem ungeliebten Volk von Rolf Bauerdick und Rückkehr nach Lemberg: Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Philippe Sands.Zigeuner von Rolf Bauerdick
  12. Ich hoffe, Ihr habt nicht vergessen, am 23. März den Tag des Meeres zu feiern?
  13. Innenminister, die mit „der Islam gehört nicht zu Deutschland“ ihr Amt antreten, tragen mehr zur Radikalisierung deutscher Muslime bei als ISIS oder Al-Qaida.
  14. Und gehört der Atheismus eigentlich zu Deutschland?
  15. Wenn Menschen aus Bolivien oder Tibet in die Niederlande kommen, bekommen sie dann negative Höhenkrankheit?
  16. Danke an Emmily für eine erneute Büchersendung, diesmal Deutschland ab vom Wege: Eine Reise durch das Hinterland von Henning Sußebach und Auf Jesu Spuren: Eine Wanderung durch Israel und Palästina von Nils Straatmann. csm_produkt-13513_2636f031d4
  17. Universitäten, die Studenten erlauben, „Daten“ für Abschlussarbeiten durch Umfragen bei ihren selbstgewählten Facebook-Freunden einzusammeln, gehören eigentlich bombardiert. – Dann könnten die Studenten wenigstens anhand von Flächenbombardements etwas über echte Statistik lernen.
  18. Apropos Facebook: Jetzt, wo mal wieder rauskommt wie schlampig bis kriminell dort gearbeitet wird, hoffe ich auf ein Comeback für Blogs. Auf diesen gibt es meist mehr Substanz, bessere Diskussionen, und man kann besser aufeinaner verlinken. Außerdem findet man bei Facebook, geschweige denn bei Instagraph, kaum etwas (wieder), das mehr als ein paar Tage zurückliegt. Dieser Aktualitätswahn geht auf Kosten der Qualität.
  19. Ich empfehle selten andere Blogs, weil ich nicht will, dass die Leser abwandern. Aber der Geschichte-Blog von Ralf Grabuschnig ist top!
  20. Für meine Frühjahrswanderung spiele ich mit dem Gedanken, den Limes entlang zu wandern. Hat das schon mal jemand von Euch gemacht? image
  21. Wenn ich Lehrling wäre, würde ich auch meine Ausbildung abbrechen. Studieren ist doch viel schöner.
  22. In Bhutan darf man nur fürs Parlament kandidieren, wenn man einen Universitätsabschluss hat.
  23. Wenn mich etwas nervt, dann sind das Leute, die einem einen Kuchen oder so schenken und sich nach zwei Wochen melden: „Hey, wo ist mein Teller/die Tupperbox?“
    Woher soll ich wissen, dass Ihr die Verpackung wieder zurück haben wollt? Die ist natürlich schon lange im Müll. Packt den Kuchen halt in Zeitungspapier ein, verdammt nochmal! Spießerpack!
  24. Vor ein paar Tagen gab es in Amberg-Sulzbach so einen Sonnenuntergang, dass ich schon dachte, ein Atomkraftwerk sei explodiert. Feuerhimmel MO_DSC4949
  25. Ich war von den Paralympischen Spielen viel mehr beeindruckt als von den Olympischen Spielen.
  26. Aber Bolivien feierte den größten Erfolg in seiner olympischen Wintersportgeschichte: Platz 32 im Slalom. Bis dahin hatte Platz 34 im Riesenslalom (erreicht 1984 in Sarajevo) für den Nationalstolz herhalten müssen. Zu den Trainingsbedingungen befragt, erklärt der Athlet, dass Schnee und Berge in Bolivien super sind, aber dass ein Skilift fehlt. – Dabei hatten die Österreicher doch einst den höchstgelegenen Skilift der Welt in Bolivien erbaut.

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Wo war ich 2017 eigentlich überall?

Im vergangenen Jahr bin ich ganz schön herumgekommen. Am Ende fiel sogar mein Pass auseinander, so oft habe ich ihn vorzeigen müssen. Aber anstelle von exotischen Souvenirs habe ich nur Notizbücher mitgebracht, prall gefüllt mit Geschichten, die erzählt werden wollen, und dazu ein paar Fotos. (Ein paar von Euch haben tatsächlich Souvenirs bekommen, aber das ist dem elitären Zirkel der Unterstützer dieses Blogs vorbehalten.)

2018 wird ein viel ruhigeres Jahr werden, mit einem Schwerpunkt auf dem Studium und der Veröffentlichung von Artikeln über vergangene Reisen. Hier gebe ich Euch einen Überblick über das, was 2017 so passiert ist, und Ihr könnt mir gerne mitteilen, was Euch am meisten interessiert.

Begonnen habe ich das Jahr 2017 an einem der schönsten Orte der Welt, am Titicaca-See in Südamerika. Zuerst in Puno auf peruanischer Seite, dann in Copacabana auf der bolivianischen Seite.

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Und Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie glücklich ich war, wieder in Bolivien zu sein. Es bleibt bis heute mein Lieblingsland. Wenn ich mich jemals entscheiden müsste, mein ganzes Leben in einer Stadt zu verbringen, fiele die Wahl auf Cochabamba. Aber da ich diese Stadt des ewigen Frühlings schon gut kannte, zog ich 2017 für ein paar Monate nach La Paz. Dort habe ich zwar ewig gefroren, aber wohl gefühlt habe ich mich trotzdem.

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In die Zeit meines dortigen Aufenthalt fiel auch der 21. Februar, der Jahrestag des Verfassungsreferendums, mit Demonstrationen von beiden Seiten. Ich war natürlich mittendrin.

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Überhaupt habe ich noch nie so viele Proteste, Demonstrationen und Streiks erlebt wie in La Paz. Jeden Tag gab es zwei oder drei davon, und da ich ziemlich zentral wohnte, wurde ich oft von Trommelschlägen und Feuerwerk geweckt bzw. am Einschlafen gehindert.

Leider fast zu spät hingegen fand ich eine sympathische Wandergruppe, Free Trek, mit der ich deshalb nur einmal unterwegs war. Das Valle de las Animas sieht aus wie aus einer anderen Welt, dabei beginnt es nur einen kurzen Fußmarsch von der Stadt entfernt.

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Aber das größte Abenteuer in dieser Zeit war mein Aufstieg auf den Chacaltaya.

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Im April flog ich dann nach Kolumbien, wo mich Bogotá wirklich überraschte. Eine fahrradfreundliche, grüne und kulturell reichhaltige Stadt voller Buchhändler, Ausstellungen und Schachspielern auf den Straßen.

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Aber nach ein paar Tagen musste ich weiterziehen, weil ich schon ein schnuckliges Häuschen im Grünen gemietet hatte.

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Da ich Kolumbien und Südamerika mit dem Schiff verlassen würde, musste ich noch nach Cartagena, der Hafenstadt in der Karibik. Cartagena sieht schön aus, ist aber das genaue Gegenteil von Bogotá: heiß und schwül statt mild und angenehm, hedonistisch statt intellektuell, oberflächlich statt kultiviert. Was in Bogotá die Schachspieler sind, sind in Cartagena die Schönheitsköniginnen.

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Im Mai freute ich mich dann schon wieder auf Europa und auf die Kreuzfahrt. Zwei Wochen auf hoher See waren ein verlockender Ausblick, aber es war dann nicht so entspannend wie meine erste Kreuzfahrt. Vielleicht war es zu viel Cartagena und nicht genug Bogotá.

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Aber so kam ich immerhin auf ein paar Inseln, die ich ansonsten niemals besucht hätte. Auf Sint Maarten/Saint Martin empfing mich sogar eine Freundin, die mir die Insel zeigte und eine Menge Informationen über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und damit einen Blick hinter die Fassade von Sandstrand und Palmen bot. Als wir die Grenze von Sint Maarten nach Saint Martin überfuhren, war ich schon in der EU – und das mitten in der Karibik!

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Ein paar Wochen darauf zerstörte der Hurrikan Irma alles.

Fast das gleiche Schicksal befiel Antigua, wo ich überrascht war, wie britisch-kolonial alles noch aussah, obwohl fast alle Bewohner Nachfahren von Sklaven sind, die übrigens in den 1730er Jahren eine Revolte anzettelten. Das erfuhr ich im Museum in St. John’s, wohin ich mich auf der Flucht vor der Mittagshitze verzogen hatte.

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Der letzte Inselstopp auf der Kreuzfahrt war Madeira. Die Rückkehr nach Europa war so schön wie erhofft, mit einem milden Klima, blühenden Bäumen und endlich einer Stadt, in der man im Park die Zeitungen lesen konnte, ohne der Wumm-wumm-wumm-Musik aller umliegenden Nachbarn in unmenschlicher Lautstärke ausgesetzt zu sein. Am liebsten hätte ich die Kreuzfahrt da schon beendet und wäre länger in Funchal geblieben.

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Aber dann blieb ich doch an Bord, bis wir das Festland von Portugal erreichten. Von Lissabon bekam ich nur einen kurzen aber positiven Eindruck, aber Sintra verschlug mir den Atem. Schlösser, Burgen und Klöster, versteckt im Wald oder auf Bergkuppen thronend, alle verbunden mit Wanderwegen, und mit wunderschönen Parks, romantischen Teichanlagen und mysteriösen Tunnels. Ein magischer Ort!

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Und dann war ich plötzlich wieder in Deutschland. Naja, wenigstens war Sommer, so dass es sonnig, grün und perfekt zum Wandern war. Es war schon eine Erleichterung, dabei einmal nicht auf Anacondas und Piranhas achten zu müssen. Dass manche Leute hier vor Wölfen Angst haben, zeigt ja, dass es keine ernsthaften Gefahren gibt.

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Aber immer, wenn ich ein paar Wochen in Bayern bin, erkenne ich mit Erschaudern, dass ich schon disproportional viel Lebenszeit dort verbracht habe. Dann muss ich wieder weg, denn nichts ist mir so unangenehm wie das Gewohnte und Bekannte. Im Juli bot mein Geburtstag den passenden Anlass für eine Reise in den Kaukasus.

In Tilis in Georgien hatte ich das Glück, in einem Stadteil zu wohnen, der noch nicht modernisiert geworden war. Schöne Innenhöfe mit großen Bäumen, Holzbalkone, Elemente persischer Architektur.

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Es kam mir sofort wie eine Stadt vor, in der ich mir vorstellen könnte, eine Weile zu leben. Aber auch Kutaisi und Zugdidi waren sehr nett.

Jerewan war mehr Beton als grün, hatte aber auch eine sehr kulturelle Atmosphäre. Das Wanderparadies in Armenien war jedoch Dilijan.

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In Ganja in Aserbaidschan war ich fast erschlagen von der Wucht und dem Kontrollwahn der Familienautokratie, während Göygöl, das ehemalige Helenendorf, vollkommen anders war und mich allerfreundlichst empfing.

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Aber die größte Überraschung während der Kaukasusreise war Abchasien. Die Hauptstadt Sochumi verfügt noch immer über die Pracht eines Badeortes am Schwarzen Meer mit langer Tradition. Wegen Krieg, Flucht und Vertreibung ist die Bevölkerung allerdings so dezimiert, dass es selbst zum Höhepunkt der Touristensaison im Sommer niemals überfüllt war.

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Schon länger spiele ich mit dem Gedanken, in ein russischsprachiges Land zu ziehen, um Russisch zu lernen. Da niemand in Abchasien von Ausländern erwartet, dass sie Abchasisch lernen und fast niemand Englisch spricht, erscheint es mir als der perfekte Ort für solch ein Sprachstudium. (Transnistrien wäre eine Alternative.)

Zurück in Deutschland traf ich einen ehemaligen Klassenkameraden, der damals in Großbritannien lebte. Es war schön, zu sehen, wie gut man sich noch verstehen kann, auch wenn man sich mehr als zehn Jahre nicht gesehen und gesprochen hat, und er lud mich ein, ihn in Lytham St. Annes zu besuchen.

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Dieser kleine Ort in Lancashire ist laut seinen Worten eine „Blase der Glückseligkeit“, aber wir hatten auch Zeit, uns das etwas zwielichtige Blackpool und eine Flugschau in Southport anzusehen

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sowie im Lake District Wandern zu gehen.

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Erneut fiel mir auf, wie perfekt Großbritannien für Wanderungen ist. Nicht nur die sanft geschwungene Landschaft, sondern auch eine gute Infrastruktur mit Bus- und Bahnverbindungen an fast jedem Ort, Pubs selbst im kleinsten Dorf, und sogar entlang der Wege stellen freundliche Menschen Aufputschmittel für die Wanderer bereit.

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Im Oktober wurde ich dann Student, und es war aus mit dem Reisen. Zumindest mit den Fernreisen. Immerhin kam ich so mal für eine Woche nach Hagen, angeblich die langweiligste Stadt Deutschlands. Ich fand es ehrlich gesagt gar nicht so schlecht. Aber das lag wahrscheinlich daran, dass ich die ganze Woche Geschichtsvorlesungen- und Seminare hatte.

Jetzt wo sie Rentnerin ist, findet meine Mutter wieder mehr Gefallen am Reisen. So schlug sie spontan vor, im Herbst ein paar Tage nach Prag zu fahren. Es stellte sich als die perfekte Zeit heraus: noch spätsommerlich warm, aber schon alles voll goldener und roter Herbstblätter. Prag ist eine der Städte, die mir nie langweilig wird, egal wie oft ich schon da war.

In Deutschland hingegen wurde es ab November zunehmend deprimierender. Ich musste mal wieder die Flucht ergreifen, und zog für drei Monate nach Kotor in Montenegro. Es hatte mir bei einem früheren Tagesausflug gut gefallen, aber dieser längere Aufenthalt bestätigte, dass Kotor tatsächlich eine der schönsten Städte der Welt ist – sogar im Winter.

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So, und jetzt seid Ihr gefragt. Schreibt mir, was Euch am meisten interessiert, und ich mache mich an die Artikel, Fotos und Videos.

(Click here for the English version of this article.)

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Als Übersetzer zum Millionär

Tivat ist anders als der Rest von Montenegro: glitzernder, glänzender, teurer, angeberischer. Lauter Eigenschaften, an denen mir nichts liegt. Ich fahre eigentlich nur regelmäßig nach Tivat, um das Marinemuseum zu besuchen, das leider jedes Mal geschlossen ist.

Das letzte Mal, als ich vor der Busfahrt zurück nach Kotor ein paar Stunden totschlagen musste (an schönen Tagen bietet sich für diese Strecke übrigens die Wanderung über den Vrmac an), schlenderte ich den Hafen entlang und betrachtete die Schiffe. In Tivat gibt es keine richtigen Schiffe mit Kränen und Containern und Matrosen und Geschütztürmen. Es sind eigentlich nur Spielzeugboote. Teure Spielzeuge zwar, aber sie könnten es nicht einmal mit der Marine von Österreich oder Bolivien aufnehmen.

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“Wer kauft sich so ein Spielzeug?” fragte ich mich, und die Antwort ist die gleiche wie bei anderem Spielzeug wie teuren Autos, Häusern, Telefonen und einer zweiten Handtasche: Leute, die zu viel Geld und einen langweiligen Job haben. Drogenhändler, Geldwäscher, Anwälte wahrscheinlich. Dann fiel mir ein, dass ich auch mal Anwalt gewesen war und dass es vielleicht ganz interessant wäre, sich mit den Bootsbesitzern zu unterhalten.

Also spazierte ich in eine der Hafenbars (wiederum nicht zu vergleichen mit denen in echten Häfen wie Monrovia oder Dar-es-Salaam) und blickte mich nach Leuten um, die wie Eigentümer von Jachten aussahen: Männer, ihre Schuhe und Kleidung zu weiß, wie wenn sie ihre kulturelle Weißheit noch betonen müssten, Pullover in Burgunderrot oder Marineblau über die Schultern geworfen, scheinbar gefesselt von den kleinen Bildschirmen in ihren Händen, aber in Wirklichkeit total gelangweilt, denn sobald ich durch die Tür trat, drehten sie sich alle gleichzeitig um, in der Hoffnung, eine attraktive Frau zu erspähen. Es entging mir nicht, dass mein Aussehen enttäuschte, aber ich war zu schnell. Die Millisekunde des Blickkontakts nützend, grüßte ich sie vergnügt: „Guten Tag, die Herren!“

Zwei von ihnen blickten sofort wieder auf ihre Telefone, aber die anderen beiden waren höflich (vielleicht waren sie noch nicht so lange Millionäre) und erwiderten mit „hallo“ und sogar einem Lächeln. Ich hatte mir keine ausgeklügeltere Herangehensweise ausgedacht und fiel deshalb mit der Tür ins Haus: „Gehören Euch die Boote da draußen?“, obwohl mir klar war, dass vier Jungs kaum die etwa 60 Schiffe im Hafen ihr Eigen nennen würden.

“Ja, die gehören uns”, antworteten sie, nicht ohne Stolz. Menschen sind zum Glück recht einfach gestrickt. Wenn sie etwas besitzen, sprechen sie gerne über ihren Besitz. Ich musste also nur ein paar Fragen stellen, “welches gehört Dir?”, “wohin fährst Du damit?”, “wie lange hast Du das schon?”, “wieviele Leute können da drauf übernachten?”, und sie sprühten allesamt so vor Begeisterung, dass sie mir alles in exakten Knoten, Fäden und Meilen erzählten.

Weil ich neugierig war, wie sie sich ihre Boote leisten konnten, fragte ich: “Was arbeitet Ihr denn, so dass Ihr ständig um die Welt segeln könnt?”, obwol sich später herausstellen sollte, dass sie überwiegend nach Bar oder Herceg Novi segelten, wohin man auch mit dem Bus kommt.

“Wir sind Übersetzer”, antwortete Marko, was mich überraschte, denn auch ich bin Übersetzer, und ich kann mir nicht einmal ein Fahrrad leisten, geschweige denn eine Jacht. Ich erklärte mein Erstaunen, und Mirko, Markos Kollege, fragte mich, welche Sprachen ich übersetze.

“Nur Englisch und Deutsch”, musste ich beschämt zugeben.

Sie sahen mich so mitleidsvoll an, wie wenn sie die Berliner Philharmoniker von 1966 wären und ich ein kleines Mädchen mit einer Flöte, das an die Tür klopft und sagt “Ich möchte auch Musik machen.”

“Und welche Sprachen übersetzt Ihr?” fragte ich, innerlich vorbereitet darauf, dass jeder eine beeindruckende Liste von fünf Sprachen abspulen würde, von Isländisch bis Kasachisch. Aber wie in einem Theaterstück, das sie schon viele Male zuvor aufgeführt hatten, nannte jeder von ihnen nur eine Sprache, abgefeuert wie vier perfekt aufeinanderfolgende Schüsse.

“Kroatisch.”

“Serbisch.”

“Bosnisch.”

“Montenegrinisch.”

“Und natürlich Englisch“, fügte ich hinzu, denn das war die Sprache, in der wir uns unterhielten.

“Oh, wir sprechen auch Deutsch, Französisch und Italienisch”, ergänzte Duško nüchtern, “aber für unsere Arbeit als Übersetzer ist das nicht von Bedeutung. Wir übersetzen nur zwischen Kroatisch, Serbisch, Bosnisch und Montenegrinisch.”

“Aber”, warf ich ein, denn ich hatte mich und meine Leser vor dem Umzug nach Montenegro vorbereitet, “das ist doch alles Serbokroatisch. Jeder, der eine dieser Sprachen spricht, versteht alle anderen. Warum …”

“Halt, halt, halt!” Es war Ivo, der Kroate, der mich unterbrach. “Jede dieser Sprachen ist eine eigenständige Sprache. Jede Nation hat ihr Staatsgebiet, ihr Staatsvolk, eine eigene Geschichte und eine eigene Kultur und Sprache. Bis vor nicht allzu langer Zeit“, fügte er dramatisch hinzu, „starben Menschen im Kampf für das Recht, ihre eigene Sprache zu sprechen.” Sogar zwei seiner Freunde schienen ein bisschen beklommen. Ich dachte mir, dass Menschen oft für ziemlich dumme Dinge sterben, wollte aber niemanden verärgern, der einen Onkel, einen Vater oder ein Bein in einem der vielen jugoslawischen Kriege verloren hatte. Allerdings blickte ich wohl selbst ziemlich verloren drein.

Wummm!

Ivo schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und brach in Gelächter aus: “Hahaha, ist nur ein Scherz, Mann! Setz Dich, und wir erklären es Dir.”

Puhh! Ich war so erleichtert, wie wenn wir gerade das Friedensabkommen von Dayton unterschrieben hätten.

“Rauchst Du?” fragte Mirko und schob eine Zigarettenschachtel über den Tisch. In Montenegro darf man in Restaurants und Bars noch rauchen. “Und lies den Warnhinweis”, wies er mich an, wie wenn ich vor dem Anzünden ernsthaft das Risiko von Lungenkrebs abwägen sollte.

Pušenje ubija” stand da, “Rauchen tötet”. Aber in drei Sprachen. Oder dreimal in der gleichen Sprache?

Das erste ist Bosnisch, das zweite Kroatisch, oder vielleicht andersherum. Das weiß niemand. Könnt Ihr den Unterschied zwischen den beiden erkennen? Nein, ich auch nicht.

Das letzte ist Serbisch in kyrillischer Schrift, sagt aber genau das gleiche: “Pušenje ubija.”

“Du bist alt genug, um Dich an die Kriege in Jugslawien zu erinnern?” fragte Duško, wobei er gnädig meine grauen Haare übersah.

“Ja.”

“Nun, dann weisst Du, dass viele Menschen gestorben sind. Viele haben ihr Zuhause verloren, viele ihre Familien, manche haben sich sogar von ihren Frauen oder Männern getrennt, weil die Serben oder Kroaten waren und sie sich plötzlich nicht mehr verstanden. Bis zu einem Jahr zuvor waren sie noch alle glückliche Jugoslawen, bis sich auf einen Schlag alles änderte und sie ein wunderschönes Land zerstörten. Aber am Ende“, fuhr er fort, während die anderen betroffen ihre Blicke senkten, „blieben all die Grenzen genauso wie zur Zeit Jugoslawiens. Niemand hatte irgend etwas gewonnen.“

“Außer die Unabhängigkeit.”

“Ja, aber Jugoslawien war doch sowieso am Ende, wie die Sowjetunion oder die DDR. Es war eine wirtschaftliche Frage, dafür hätte niemand einen Krieg gebraucht. Aber Menschen kämpfen nicht gegen Inflation oder für Produktivität, sie kümmern sich nicht um Handelsbilanzen oder das Bruttosozialprodukt. Menschen kämpfen nur für Konzepte wie Vaterland oder Muttersprache, obwohl ihre Väter und Mütter zusammen mit den anderen Vätern und Müttern eine gemeinsame Nation aufgebaut hatten.”

“Es begann alles mit Kroatien“, sagte Ivo, fast stolz. “Wir waren die ersten, die das Serbokroatische beziehungsweise das Kroatoserbische, wie wir es immer genannt hatten, ablegten. Natürlich sprachen wir noch genauso wie vorher, aber wir nannten es jetzt Kroatisch und taten so, wie wenn es etwas vollkommen anderes als Serbisch wäre.”

“Und ein paar Unterschied gibt es tatsächlich“, gab Mirko zu, “regionale Variationen, wie man sie auch zwischen britischem und amerikanischem Englisch oder zwischen österreichischem Deutsch und deutschem Deutsch kennt. Man versteht sich trotzdem gegenseitig, aber wärend des Auseinanderbrechens versteiften sich die Nationalisten auf die paar Wörter, die anders waren. Das wäre so wie wenn jemand behauptet, Österreichisch und Deutsch wären zwei vollkommen verschiedene Sprachen, nur weil die Österreicher ‘Paradeiser’ sagen, während Ihr ‘Tomate’ sagt.”

Mir war neu, dass Österreicher ein anderes Wort für ‚Tomate‘ haben, aber ich wusste, dass das betreffende Gemüse auf Serbokroatisch ‘paradajz‘ hieß, womit der lange gehegte Verdacht, dass Österreich schon zum Balkan gehört, bestätigt war.

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“Aber wenn sich die Leute noch untereinander verstanden, wieso sollte jemand Übersetzer benötigen?” fragte ich.

“Weil Nationalisten so dämlich sind, dass sie ihren eigenen Unsinn glauben. Also konnte die kroatische Regierung plötzlich keine Dokumente oder Zeitungen aus Serbien mehr lesen. Kurz danach wollte Bosnien-Herzegowina auch unabhängig werden, nannte seine Sprache Bonisch und konnte von einem Tag auf den anderen nicht mehr Serbisch oder Kroatisch lesen und schreiben.”

“Und da waren wir zur Stelle”, fuhr Marko fort. “Wir kamen aus verschiedenen Teilen Jugoslawiens und studierten in den 1990ern Sprachwissenschaften in Nikšić. Wir waren froh, dass wir in Montenegro waren, denn es war der ruhigste und entspannteste Teil Jugoslawiens. Hier schoss kein Serbe auf einen Kroaten, kein Kroate auf einen Bosniaken, die Leute schossen nicht einmal auf Albaner. Vielleicht lag es an dem guten Bier aus Nikšić, ich weiß nicht. Aber wir standen kurz vor dem Abschluss, und wir wollten auf keinen Fall in Vukovar oder Sarajevo fallen. Rein aus Spaß, vielleicht auch aus Verzweiflung, gründeten wir unsere eigene Übersetzeragentur und boten Übersetzungen für Kroatisch, Serbisch und später Bosnisch an. Eigentlich war es eine Art Protest, um zu zeigen, wie dämlich dieser Sprachennationalismus war.”

“Und Ihr habt Aufträge bekommen?” fragte ich, aber ahnte die Antwort schon, als ich einen Blick auf die im Hafen vertäuten Boote warf.

“Ja!! Wie verrückt! Wir konnten es nicht glauben! Wir schickten unser Angebot an Behörden, Kommunen, Verlage u.s.w. und bekamen fast sofort mehr Arbeit als wir erledigen konnten. Niemand in Kroatien wollte mehr etwas auf Serbisch lesen, also übersetzen wir Gesetze, Ankündigungen, Presseerklärungen, Zeitungen. Dafür mussten wir nur die kyrillische Schrift in lateinische Schrift transkribieren. Natürlich gaben wir diese Arbeit an jüngere Studenten an der Fakultät weiter, denen wir dafür ein bisschen was bezahlten.”

“Und als sich der Krieg auf Bosnien ausweitete, wurde es noch besser. Plötzlich gab es eine dritte Sprache, die im Wesentlichen mit Kroatisch identisch ist. Manchmal veränderten wir absichtlich ein paar Wörter, nur um unsere Rechnungen zu rechtfertigen.”

“Wenn die Sprachen mittlerweile tatsächlich ein paar Unterschiede aufweisen, ist das also Eure Schuld?” scherzte ich.

“Das könnte man sagen.“ Mirko lächelte. „Aber wir haben die gleiche Ausrede wie diejenigen, die Waffen und Munition lieferten: Wenn wir es nicht gemacht hätten, hätte es jemand anders gemacht.“

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“Noch lustiger wurde es nach 1995, als IFOR und SFOR nach Bosnien-Herzegowina kamen. Wir boten unsere Dienste als Dolmetscher an, und sie mussten immer mindestens zwei von uns bezahlen, weil wir zum Beispiel behaupteten, dass einer von uns nur Bosnisch und der andere nur Serbisch verstand. Wir wurden in diesen Humvee-Jeeps rumgefahren und flogen sogar manchmal kurze Strecken mit dem Helikopter. Es war ein Riesenspaß.“

“Bis wir das erste Mal Leichen sahen“, bemerkte Ivo, und der ganze Tisch fiel ins Schweigen.

In einem Versuch, die Stimmung wieder aufzuheitern, erzählte Duško: “Erinnert Ihr Euch an den spanischen NATO-Soldaten, dessen Eltern aus Jugoslawien waren? Er hat uns unsere Geschichte natürlich nicht abgenommen. Am schlimmsten war aber, dass er glaubte, wie selbst wären Nationalisten, die sich weigerten, die anderen ‚Sprachen‘ zu verstehen. Wir mussten ihm gestehen, dass wir das nur wegen des Geldes taten.”

“Zum Glück war er cool. ‚Naja, je mehr Geld diese neuen Länder hier für Übersetzer ausgeben, umso weniger bleibt ihnen für Landminen‘, sagte er. Aber wir mussten ihm etwas abgeben.”

“Ihr müsst die einzigen Leute in Ex-Jugoslawien gewesen sein, die nicht froh waren, als der Krieg vorbei war?“, versuchte ich zu scherzen.

“Glaub mir, da gab es noch etliche, die nicht froh waren, und die haben alle viel mehr als wir verdient.“ Wie naiv meine Frage gewesen war, wie wenig ich wusste und wie verschieden unsere Leben gewesen waren, nur weil ich 1000 km weiter nördlich geboren wurde. Sie hatten Millionen verdient, aber sie hatten ihr Land, ihre Unschuld und den Glauben an die Menschheit verloren.

“Und die Arbeit war ja nicht vorbei. All die neuen Staaten mussten internationale Abkommen neu verhandeln und wollten Übersetzungen der alten, von Jugoslawien abgeschlossenen Abkommen. Dann kam der EU-Beitritt von Kroatien. Und dann kam das Internet, und jede Kleinstadt wollte eine Website. Das beste Geschäft läuft in Bosnien, weil die ihre Internetseiten auf Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und manchmal noch auf Englisch haben wollen. Wir können drei Übersetzungen berechnen.“

“Wir haben da richtige Stammkunden”, fügte Duško an. “Wir haben zum Beispiel einen Vertrag mit der Stadt Mostar. Die haben eine dieser viersprachigen Websites. Die bemerken nicht einmal, dass die Sprachen die gleichen sind, weil der bosnische Bürgermeister nur die bosnische Fassung liest, sein serbischer Kollege nur die serbische Version und der kroatische nur die kroatische Seite. Aber Bosnien-Herzegowina ist sowieso ein verrückter Staat. Wenn die im Park Bäume pflanzen wollen, müssen sie drei Gärtner aus den drei Volksgruppen dafür beauftragen.”

“Und Gott sei Dank für Montenegro!” Marko erklärte es: “2006 war Montenegro der letzte Staat, der unabhängig wurde, und 2009 ergänzten sie das Alphabet um zwei Buchstaben und nannten es ‚Montenegrinisch‘. Natürlich waren wir die ersten, die sich um die Aufträge für die ‚Übersetzungen‘ bewarben, und weil wir in Montenegro studiert hatten, bekamen wir den Zuschlag. Alles was wir machen müssen, ist dem S und dem Z Diakritika hinzuzufügen, und die Republik Montenegro ist glücklich.”

“Gott sei ebenfalls Dank für Kroatien”, fügte Ivo hinzu. “Jetzt wo Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina den EU-Beitritt verhandeln, könnt Ihr dreimal raten, wer darauf bestehen wird, dass alle ihre Unterlagen ins Kroatische übersetzt werden. Wir werden noch jahrelang Arbeit haben.“

“Aber es ziehen dunkle Wolken auf!” Mirko klang beunruhigt. “Eine Gruppe von Linguisten hat gerade ein Manifest veröffentlicht, in dem sie erklären, dass unsere vier Sprachen eigentlich nur regionale Variationen einer einzigen Sprache sind. Sie wiesen sogar ausdrücklich auf die Kosten durch Übersetzungen hin und griffen damit direkt unsere Geschäftsidee an.“

“Und um ehrlich zu sein”, sponn Marko den Gedanken weiter, “sie haben Recht. Aber zum Glück für uns werden solche Entscheidungen nicht von Professoren oder Wissenschaftlern getroffen, sindern von Politikern.”

Živjeli!” Darauf erhoben sie alle ihre Gläser, und ich war froh, dass ich viel gelernt hatte und dass zumindest manche der Profiteure der ex-jugoslawischen Kriege ganz nette Jungs waren. Ich verstand allerdings noch immer nicht, wieso man sich ein Boot kaufte und dann niemals nach Fiji oder auf die Osterinsel fuhr. Aber wenn man in einem Land lebt, das sich ständig zerteilt, hat man vielleicht Angst davor, zu lange weg zu sein.

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Die Kleine wäre gerne eine Harley-Davidson

Harley Davidson

Fotografiert in Funchal auf Madeira.

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Auch Piraten mögen es bunt

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Fotografiert in Marsaxlokk, einem Piratennest auf Malta.

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Dieser Tag verdient nur einen Satz

Den vor erst vier Tagen abgehaltenen oder, soweit ich das überblicken kann, zumindest anberaumten, aber weitgehend nicht aktiv und tatkräftig gefeierten, oder wenn, dann vom Großteil der Bevölkerung nur unwissend, aus Gewohnheit und mangels Alternative oder, gleich dem Ass im Ärmel eines Spielers, der nie oder nicht mehr zum Kartenspiel eingeladen wird, mangels Möglichkeit zur Utilisierung der vorhandenen Alternative(n) begangenen Tag der Muttersprache kann ich mich nicht erinnern, besonders gefeiert zu haben, vielleicht weil ich derzeit, wie fast immer, im Ausland weile, und zwar in einem Ausland, in dem man darüber streitet, ob die Muttersprache Serbokroatisch, Serbisch oder schon Montenegrinisch ist, was neben kuriosen Diskussionen zu angenehmen, ständig sprudelnden und durch Nationalismen angeheizten Einkommensquellen für Übersetzer führt, worüber ich, allerdings weder in meiner Muttersprache noch in einer der an diesem Konflikt als Parteien beteiligten Sprachen, sondern in der Welt- und Allerweltssprache Englisch, jüngst eine Kurzgeschichte verfasst habe, und weil man, womit ich mich selbst oder die Gruppe ähnlich geschichtsbewusster und kultursensibler Deutscher meine, in den einstmals beziehungsweise genau genommen vor erst zwei Generationen und damit durchaus noch im Erinnerungshorizont einiger lebender Zeitgenossen von deutschen Truppen angegriffenen, eroberten, besetzten, ausgeplünderten und misshandelten Ländern, Landesteilen und Landstrichen die diese Phase überlebt habende Bevölkerung nicht einen ganzen Tag mit Deutsch malträtieren möchte, aber als mich heute, am 25. Februar, der Deutschlandfunk oder das Deutschlandradio Kultur, die ich wie die ganzen angeblichen Superhelden aus den Marvel-Comics nie auseinanderhalten kann, aber, ganz anders als die Cartoonfiguren, beide gleichermaßen schätze und die in den fernen und leider weitgehend von deutschsprachigen oder überhaupt internationalen Presseerzeugnissen freien Gefilden die fortgesetzte Verbindung zur deutschen Kultur, die ich damit keinesfalls zur Leitkultur, nicht einmal zu meiner persönlichen, überhöhen möchte, gewährleisten, darüber informierte, dass dieser windige und eiskalte und daher, aber auch wegen einer gefährlich und bedrohlich nahenden Prüfung, dem Studium der Geschichte gewidmete Tag der Tag des Schachtelsatzes sei, machte mein sprachverliebtes Herz aus Freude einen ebensolchen, und der von diesem Herz bis jetzt zuverlässig wie von gewerkschaftlich nicht organisierten römischen Galeerensklaven angetriebene Verfasser ließ den wahrscheinlich sowieso nicht ganz wahrheitsgetreuen Bericht Hans Stadens über den Kannibalismus in Brasilien, einen frühen Vorläufer der Reiseblogs, der jedoch wirtschaftlich ungleich erfolgreicher war als zumindest meiner, ohne viel Widerstand liegen, packte Füller und Schreibblock ein, begab sich zum nächsten Café in Kotor, das sowieso wärmer als die eigene Wohnung war, bestellte eine Sachertorte und eine große Flasche Sprudelwasser und setzte sich mit sportlichem Ehrgeiz das Ziel, in der Zeit, die der Konsum vorgenannten Speis und Tranks benötigen würde, eine den Schachtelsatz, eine der Krönungen und, um im monarchischen Bild zu bleiben, Königsdisziplinen der deutschen Sprache feierne Eloge zu schreiben, wobei dem Autor oder mir, um die bisher nicht gerade handlungsreiche Geschichte durch erneuten Perspektivwechsel aufzulockern, auffiel, dass ich kein über die Grundidee hinausgehendes Konzept eingepackt hatte und deshalb, von der gerüchteweise gehörten Angst vor dem weißen Blatt Papier oder gar der Schreibblockade gänzlich unbehelligt, zwar einfallslos aber unverzüglich auf die Idee verfiel, die Gäste an den anderen Tischen des bei Beginn dieses Kurzprojekts voll besetzten, am Ende aber bis auf den Kellner und den Schreibttäter selbst leeren Cafés zu beobachten, wobei mir auffiel, dass Menschen heutzutage nur als Paar ausgehen, um immer jemanden parat zu haben, der sie fotografiert, die grässlich gestellten Spontanschnappschüsse sogleich online stellt, liked und shared, oder wie man das in unserer Muttersprache auch nennt oder schreibt, und zu diesem Zweck den geduldigen Kellner noch vor einem Blick auf die Speisekarte oder in die Kuchenvitrine mit Fragen nach Passwörtern zu sogenannten Netzwerken nerven, dass Menschen in vom Tourismus heimgesuchten Gebieten eine verzerrte Vorstellung von Mitteleuropäern und Nordamerikanern haben müssen, von denen auffallend viele allergisch gegen Eier, Laktose, Gluten und Glukose sind, aber trotzdem ein natürlich extra für sie von diesen Zutaten befreites Stück Torte wünschen, das wiederum fotografiert und auf Instagraph und SnapApp veröffentlicht wird, um anschließend alle paar Minuten die Reaktionen darauf zu verkünden, die live aus Seattle, Edinburgh oder Heilbronn eintrudeln und die ebenso erwartet wie unkreativ ausfallen („it looks amazing“), dass der dies zwangsweise mithörende Autor, der sich in solchen Momenten der Schaffenskraft trotz Unveröffentlichtheit und Brotlosigkeit seiner Passion als Schriftsteller oder zumindest als Sprachkünstler sieht und dem Vokabular und Syntax so schnell aus der Hand fließen, dass der Füller diese zu Papier zu bringen kaum hinterherkommt, nur müde lächeln kann angesichts der sprachlichen Einfältigkeit, die, wenn man länger zuhört, oft mit intellektueller Einfalt einhergeht, und ich mich nicht zum ersten Mal frage, wieso manche Leute eigentlich reisen (vielleicht für die Fotos fürs Facebook-Profil?), wie man so unvorbereitet und unbelesen sein kann (wer von weit her kommt, müsste doch im Flugzeug erst recht Zeit haben, ein Buch über den Balkan zu lesen) und wieso man sich, nachdem man Tausende von Dollars und Kilometer zurückgelegt hat, lieber über die Kinder der Nachbarn, die neue Tiefgarage beim Krankenhaus oder englischen Fussball unterhalten muss, anstatt das derzeit bereiste Land mit einem über Klischees hinausgehenden Gespräch zu bedenken, werde dann aber versöhnt, als mich zwei Nordamerikanerinnen beim Verlassen der wohlig warmen Kaffeestube mustern und eine der anderen deutlich hörbar anerkennend zuraunt „you don’t see this anymore“, wobei sie vermutlich nicht einen attraktiven Mann, sondern einen Mann, der mit nachdenklicher und angestrengter, von Zeit zu Zeit jedoch von einem für die Außenwelt unverständlichen Lächeln durchzogenen Miene mit einem antik anmutenden Instrument die aus Walblut und Baumrinde gewonnene Tinte auf mittlerweile schon acht Seiten zu einer kommadurchsetzten Symphonie werden lässt und dabei so tut, wie wenn er sie nicht gehört hätte oder kein Englisch verstünde, um den beiden Damen die Illusion eines montenegrinischen Sonderlings zu erhalten, und um sich und damit den Lesern die für diese Erzählung überflüssige Aufklärung darüber zu verweigern, wie die beiden Damen ausgesehen haben, womit ich mich ganz bewusst der Möglichkeit beraubt habe, eine der Damen auf den ersten Blick sympathisch zu finden und ihre Faszination für den Schreiberling schamlos auszunützen, um, nein, nicht was der hollywoodklischeeübersättigte Leser jetzt erwartet, sondern um ein zweites Stück Schachtelsatzsachertorte zu schnorren, womit sich die anfangs selbst gesetzte Zeitgrenze hinausschieben hätte lassen, in Ermangelung der Wahrnehmung dieser Möglichkeit die gleich einer Sanduhr unerbittlich abgelaufene 0,75-Liter-Sprudelflasche jedoch das Ende dieses kleinen Ausflugs ins Satzbaulabyrinth signalisiert, zu dem mir nur mehr bleibt, ein Hoch auf den deutschen Schachtelsatz auszurufen, auf dass er lange wird und lange währt.

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(Dieser Satz erschien auch im Freitag.)

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