Geburtstagswanderung 2020

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Manche Leute freuen sich auf ihren Geburtstag, weil sie dann im Mittelpunkt stehen und wichtig sind. Ich habe diesen Blog und kann mich deshalb jeden Tag des Jahres wichtig und mittelpunktig machen. Zum Geburtstag muss ich also nicht zuhause sitzen und zählen, wie viele Gratulanten anrufen.

Nein, Geburtstag ist für mich traditionell Reisezeit, am besten allein. Wobei allein zu verreisen nicht bedeutet, dass man allein bleibt. Einmal boten mir zwei gitarrespielende Jungs ein Konzert im Park von Tiraspol, und in Ganja begleitete der örtliche Diktator mein Jubiläum.

KLW-Uebersicht

Aus virologischen und ökologischen Gründen geht es diesmal nicht so weit weg. Ab dem 1. Juli werde ich den König-Ludwig-Weg in Bayern wandern. Obwohl ich ein strikter Antimonarchist bin und liebend gerne bei den Revolutionen von 1848 und 1918 mitgemacht hätte, finde ich den Wanderweg ganz reizvoll. Es sind nur etwa 110 km, was ich durch absichtliche Abstecher und unbeabsichtigte Umwege sicher steigern werde.

Die Strecke führt von Berg über Starnberg, Kloster Andechs, Herrsching, Raisting, Dießen, Wessobrunn, Paterzell, Hohenpeißenberg, Rottenbuch, Wildsteig, die Wieskirche, Steingaden, Halblech und Hohenschwangau nach Füssen.

Die Orte sagen Euch wahrscheinlich nichts, deshalb ein paar Fotos zur Vorfreude:

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Und spätestens das Schloss Neuschwanstein, das schon von Weitem sichtbare Ziel der Wanderung, kennt dann doch wieder jeder:

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Mindestens eine Woche werde ich unterwegs sein. Falls jemand von Euch entlang der Route wohnt und ein Sofa frei hat, freue ich mich natürlich über eine Einladung. Und wenn das nicht klappt, dann werde ich halt unter Bäumen schlafen und mich im Fluss waschen. Es gibt Schlimmeres als sich am Abend erschöpft in eine weiche Wiese fallen zu lassen und mit den ersten Sonnenstrahlen mit dem Blick auf ein Königsschloss aufzuwachen.

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Der Taugenichts von Eichendorff hat auch nicht weiter geplant, und am Ende durfte er im Schloss wohnen.

Falls jemand eine Postkarte von unterwegs oder von Schloss Neuschwanstein möchte, gebt Bescheid! Und falls/wenn ich zurückkomme, gibt es natürlich einen ausführlichen Bericht mit Wandertipps, Fotos, hoffentlich interessanten Begegnungen und seitenlangen Ausführungen zum Königreich Bayern und insbesondere zu König Ludwig II.

Gibt es unter den Lesern eigentlich auch welche, die am Geburtstag immer unbedingt weg wollen?

Links:

  • Berichte von früheren Wanderungen.
  • Von Beileidsbekundungen bitte ich abzusehen. Stattdessen freut sich der wandernde Reporter über jede Unterstützung, die diesen Blog ein weiteres Jahr am Laufen halten würde.
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Corona-Profiteure

Die erste gute Nachricht in dieser vor guten Nachrichten nur so strotzenden Geschichte ist, dass man wieder per Anhalter fahren kann. Die Angst vor dem Coronavirus geht sichtbar zurück, zumindest wenn man nicht direkt vor einem Tönnies-Schlachthof den Daumen rausstreckt. Aber Leute, die da arbeiten, haben sowieso keine Daumen mehr. Deshalb sind manchmal so eklige Knorpel in der Wurst.

Ich hingegen stand zwischen Feldern an einer Landstraße und wollte eine sowieso schon kurze Wanderung abkürzen. Gleich das erste Auto hielt. „Früher habe ich immer Anhalter mitgenommen“, sagte der Fahrer, „aber in den letzten Jahren, ich weiß nicht, alles ist viel gefährlicher geworden.“ Ich bin zwar anderer Meinung, könnte das auch mit der Kriminalstatistik belegen, aber als dankbarer Gast im Auto diskutiert man nicht mit dem Fahrer.

Wie es heutzutage so ist, kamen wir irgendwann auf das Coronavirus zu sprechen und ich befürchtete, wie von so vielen, Geschichten von Kurzarbeit, Auftragsrückgang, Arbeitslosigkeit und Insolvenz zu hören.

„Bei mir ist das Gegenteil der Fall“, sagte er, „ich muss mehr arbeiten als vorher.“

„Oh“, ich war neugierig geworden, „was arbeiten Sie?“ Ich vermutete schon Totengräber oder Virologe oder Pizzalieferant, aber der Herr arbeitete bei einem Flugzeughersteller.

„Das wundert mich“, tat ich kund, „ich dachte die Luftfahrt steckt in einer großen Krise?“

„Nur die zivile Luftfahrt“, klärte er mich auf, „aber ich arbeite in der Sparte für Kampfflugzeuge. Seit dem Coronavirus gehen die Bestellungen durch die Decke. Bei den Staaten sitzt das Geld wieder locker.“ Gut zu wissen für das Pflegepersonal, das mit dieser Information doch mal nach besserer Bezahlung fragen könnte.

Diejenigen, die das Coronavirus schon langweilig finden, brauchen sich also nicht zu grämen. Denn wer Bomber kauft, will irgendwann auch Bomben werfen. Es wird also bald wieder spannend auf der Welt.

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Wenn das mal keine guten Nachrichten sind.

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Der Tag, an dem ich alles verlor

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An meinem letzten Tag in Bolivien hatte ich ein Busticket von La Paz nach Puno in Peru gekauft. Als der Bus in Copacabana seine Mittagspause machte und der Fahrer ankündigte „wir fahren um 13:30 Uhr zwei Blocks von hier weiter“, dachte ich mir: „Wunderbar, so bleiben mir zwei Stunden, um ein bisschen durch die Stadt zu spazieren.“ In Copacabana kann man zur Mittagsstunde lustige Zeremonien beobachten.

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Natürlich ließ ich all mein Eigentum und Besitz im Bus. Zum einen ist Bolivien das sicherste Land in Südamerika. Zum anderen bezweifle ich, dass jemand zwei Taschen klaut, die 30 kg wiegen und hauptsächlich mit Büchern, Notizbüchern und Landkarten gefüllt sind.

Um 13:20 Uhr kehre ich zu dem beschriebenen Abfahrtsort zurück, kann den Bus jedoch nicht sehen. Na gut, denke ich mir, vielleicht ist er irgendwo anders.

Den Lesern, die noch keine Bekanntschaft mit Busstationen in Copacabana, Karachi oder Kathmandu gemacht haben, muss ich die Lage vor Ort ein wenig näherbringen: Es gibt eigentlich keine richtigen Haltestellen, die Busse fahren einfach alle auf den Marktplatz. Weil es viel mehr Busse als Marktplatz gibt, füllt sich der Platz schnell, und die Busse quellen über in die Seitenstraßen und von dort in die kleinen Gassen, die von den Seitenstraßen wegführen. Dazwischen sind Hunderte von Fahrscheinverkäufern, kleinen Kiosken, Taxis, Reisebüroangestellte, Musiker, Leute die Lotterielose und die Hoffnung auf Glück verkaufen, Aymara-Priester, ein entlaufenes Lama, ein hinter dem Lama herjagender Metzger, und ein kleiner verlorener Reisender wie ich.

Ich dachte, ich würde den Bus leicht erkennen, weil er bunt war, aber nun muss ich feststellen, dass alle Busse in Bolivien so aussehen, wie wenn sich Friedensreich Hundertwasser an ihnen ausgetobt hätte.

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Die Minuten unter der sengenden Sonne schreiten erbarmungslos voran, und ich werde ernsthaft unruhig.

Ich frage einen der vielen Busfahrer, ob er weiß, wo der 13:30-Uhr-Bus nach Puno abfährt. „Das ist mein Bus. Springen Sie rein, wir fahren gleich ab“, sagt er und verwendet das Wörtchen ahorita für gleich. Im südamerikanischen Spanisch kann das alles bedeuten von „ich wollte gerade die Tür schließen“ bis „zuerst muss ich aber noch zu Mittag essen und dann meine Kinder anrufen, um sie an die Erledigung der Hausaufgaben zu erinnern, bevor ich mich mit den anderen Busfahrern zusammensetze, um zu besprechen, ob der Fonds der Busfahrergewerkschaft etwas an die Witwe eines verunglückten Fahrers ausbezahlen soll, obwohl der mit seinen Beiträgen im Rückstand war und manche Fahrer erzählen, dass er seine Frau sowieso nicht leiden konnte, aber dann geht es wirklich los nach Puno“. Mich stört das nicht, denn ich bin nicht in Eile. Während meiner Zeit in diesem sympathischen Land bin ich bolivianisiert worden und lebe seither viel entspannter.

Was mich jedoch beunruhigt, ist die Tatsache, dass es ein anderer Fahrer mit einem anderen Bus ist. Selbst verwirrt und Verwirrung stiftend frage ich ihn, ob mein Gepäck schon im Bus sei.

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen“, erwidert er, so höflich wie möglich.

„Ich habe mein Gepäck in dem grünen Bus gelassen, mit dem ich diesen Morgen aus La Paz kam, weil ich dachte, der Bus fährt nach Puno weiter“, erkläre ich.

„Oh, nein. Der Bus ist schon wieder auf dem Rückweg nach La Paz.“

Verdammt.

All meine Sachen, mein vollständiges Hab und Gut, mit dem ich ausgewandert bin, alles ist in diesen zwei Taschen. Leuten, die Häuser und Küchengeräte und Wintermäntel und so haben, erscheint das wenig. Aber mein Ziel ist es, die Habe noch weiter zu reduzieren, so dass alles in einen Rucksack passt. Leider mag ich aber keine E-Books.

„Ich muss jetzt abfahren. Möchten Sie einsteigen?“ drängt mich der Fahrer.

Ich habe schon für die Fahrt bezahlt, aber wenn ich erst einmal in Peru bin, wird es noch schwieriger, mein Gepäck wiederzufinden.

„Nein danke.“

Der Fahrer blickt mich an, wie wenn ich etwas dämlich wäre. Und vielleicht bin ich heute wirklich nicht der hellste Stern am Firmament.

Als sich der Bus langsam dem Gewusel der unterschiedlichen Nah- und Fernverkehrsoptionen in Richtung der nahen Grenze entwindet, beginne ich darüber nachzudenken, was ich alles verloren habe. Kleidung habe ich nicht viel, und nichts davon ist etwas wert. Nur der Verlust meines Gabor-Hutes, den ich von einem Roma-Händler in Transsylvanien erworben habe, würde schmerzen. Nicht einmal der Verlust von Computer, Telefon und Kamera würde mich zu sehr aufregen. Schlau wie ich bin, kaufe ich immer den billigsten Elektroschrott.

Nein, worüber ich wirklich trauere, was ich wirklich verfluche, was mich wütend macht, ist der Verlust meiner Notizbücher. Schon seit vielen Jahren sammle ich Gedanken, entwerfe Gedichte und schreibe Geschichten. Vieles davon wurde vor Ort geschrieben, in einem Schloss in Rumänien, auf einem Schiff mitten im Ozean, oder am Ufer des Titicaca-Sees. Situationen, Erinnerungen und Gedanken, die sich beim besten Willen nicht mehr rekonstruieren lassen.

Es ist ein herber Verlust, aber ich würde nicht behaupten, dass alles umsonst war. Denn mir bereitet das Schreiben so viel Freude, fast unabhängig davon, ob es jemals jemand lesen wird. Andererseits erzähle ich gerne von meinen Reisen, vor allem weil ich weiß, dass nicht alle von Euch selbst an all diese Orte kommen. Und wenn, dann werdet Ihr nicht die gleichen Abenteuer erleben, schon aus dem einfachen Grund, dass Ihr nicht ganz so doof seid wie ich.

Weit weniger wichtig für mich, aber wahrscheinlich umso begehrter bei den Lesern dieses Blogs, sind die fast 10.000 unveröffentlichten Fotos vom Iran bis zu den Kanalinseln, alle auf der Festplatte des Computers, der jetzt auf dem Weg zurück nach La Paz ist.

Zum Glück war ich diesen Morgen sehr gesprächig und habe mich mit dem Busfahrer unterhalten. Ich erinnere mich an seinen Namen: Victor. Auf dem Platz, wo all die Busse ankommen und sich vermischen, suche ich nach einem Bus derselben Spedition und frage den Fahrer, ob er Victor kennt.

„Der Kleine mit dem Bauch?“ fragt er.

„Kein außergewöhnlich großer Bauch.“

„Ja, ich kenne ihn.“

Ich erkläre die Situation, und der äußerst freundliche und hilfsbereite Busfahrer ruft Victor an. Der ist schon jenseits der Fähre über die Straße von Tiquina, wo er mein Gepäck leicht an einen anderen Fahrer hätte übergeben können, der in meine Richtung fährt. Aber er wird sich etwas einfallen lassen, verspricht er.

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Der Retter in der Not erkennt, dass ich noch immer nervös bin, und befiehlt mir regelrecht: „Machen Sie sich keine Sorgen! Uns wird schon eine Lösung einfallen. Gehen Sie erst einmal Mittag essen oder Spazieren und kommen Sie um 15 Uhr wieder hierher.“

Von Sorgen geplagt, dass ich mein Schreiben und Fotografieren wieder bei Null beginnen muss – und die verlorene Zahnbürste vermissend -, kann ich die Mittagspause nicht wirklich genießen. Was die Busfahrer nicht wissen, was Ihr noch nicht wisst, und was überhaupt niemand wissen sollte, ist dass der Verlust all meines Besitzes nur eines meiner Probleme an diesem Tag ist: Die letzten paar Monate habe ich ohne gültiges Visum und damit illegal in Bolivien gelebt. Die bevorstehende Grenzkontrolle macht mich also schon nervös genug. Am Ende dieses Tages, wenn die Sonne hinter der Sonneninsel in den Titicaca-See tauchen wird, werde ich vielleicht schon im Gefängnis sitzen und die Sonne für viele Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Um 15 Uhr begrüßt mich der hilfsbereite Fahrer an der Busstation: „Haben Sie etwas zu Schreiben?“ Unter den wenigen Dingen, die ich aus dem Bus mitgenommen habe, sind professioneller- oder wohl doch eher glücklicherweise ein Notizbuch und ein Kugelschreiber, sowie mein Reisepass, Bargeld und In Patagonien von Bruce Chatwin.

„Schreiben Sie sich den Namen auf: José Luis Velasco. Aber niemand kennt ihn unter dem Namen. Wenn Sie nach ihm fragen, fragen Sie nach El Cupo.“ Und: „Er ist klein und hat einen dicken Bauch“, womit er anscheinend all seine Kollegen beschreibt. Er sagt, dass der Mann, der als El Cupo bekannt ist, um 16:30 Uhr in Copacabana eintreffen solle. In seinem Bus sollte sich mein Gepäck befinden, denn alle Fahrer im westlichen Bolivien sind die letzte Stunde an ihren Telefonen gehangen, um herauszufinden, wer wann wohin fährt. Als Victor einen Kollegen fand, der von La Paz nach Copacabana fuhr, hielten sie mitten auf der Autobahn in der Wüste an, trugen zwei schwere Taschen, voll mit Büchern, wobei sie wohl etwas Verdächtigeres vermuteten, von einem Bus zum anderen.

Und Punkt 16:30 Uhr fährt tatsächlich ein Bus der gleichen Busgesellschaft auf den Marktplatz. Ich frage den Fahrer (der weder besonders klein, noch besonders fett ist), ob er El Cupo sei. Er nickt und bedeutet mir, dass ich einfach in den leeren Bus steigen und mein Gepäck holen soll. Es ist alles da.

El Cupo und der hilfsbereite Mittelsmann sitzen zusammen am Marktplatz und trinken Kaffee. Ich bedanke mich ausgiebig und biete eine Einladung zum Abendessen oder eine andere Anerkenntnis an. „Nein, nein, machen Sie sich keine Gedanken“, wischen sie das beiseite und wünschen mir eine schöne Reise.

Bevor ich nach Südamerika zog, wurde ich immer wieder gewarnt, dass ich dort ständig überfallen und ausgeraubt würde. Stattdessen war ich dumm genug, meinen gesamten Habseligkeiten selbst zu verlieren, und vollkommen Fremde taten sich zusammen, telefonierten den ganzen Nachmittag hin und her, nicht nur um meine Taschen zu lokalisieren, sondern sie mir sogar zurückzubringen.

Und diese Geschichte ist nur ein Grund von vielen, warum Bolivien das liebenswürdigste Land der Welt ist. (Die Art, wie die Grenzpolizei damit umging, dass ich mein Visum um vier Monate überschritten hatte, ist ein weiterer.)

Praktische Hinweise:

  • Wann immer Ihr einen Zug nehmen könnt, nehmt den Zug. Züge verschwinden nicht so schnell wie ein Bus. Und Bahnhöfe sind viel organisierter als Busterminals.
  • In Südamerika müsst Ihr wirklich nichts vorab buchen. Ich hatte natürlich den Bus nach Puno vermisst, aber nachdem ich mein Gepäck erhalten hatte, ging der nächste in einer halben Stunde oder so.
  • Viele Reisende machen den Fehler, im Internet nach Bussen zu suchen, wo nur wenige aufgeführt sind. Geht einfach zum Busbahnhof und fragt. Fast immer gibt es einen Bus, der ahorita zu Eurem Wunschziel fährt.
  • Je weniger Gepäck, desto weniger Stress.
  • Wenn ich mich mit dem Busfahrer nicht unterhalten hätte, hätte ich seinen Namen nicht gekannt, und vielleicht hätte ich ihn niemals wieder gefunden. Unterhaltet Euch mit den Menschen! In Euer Handy könnt Ihr auch noch starren, wenn Ihr wieder zuhause seid.

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„Gegenlauschangriff“ von Christoph Hein

Von den etwa 30 autobiographischen Anekdoten aus der DDR-Zeit des Autors hatte ich mir einen Einblick in das Leben in jenem der beiden deutschen Staaten erhofft, den ich nie persönlich kennenlernen durfte. Dafür sind die meisten jedoch zu unergiebig, viele kaum erzählenswert und etliche ziemlich eitel. Nach ein paar Kapiteln ist mir schon klar geworden, wie toll und wichtig Christoph Hein war, das müsste er nicht immerfort betonen. Auch die Abrechnungen mit Kollegen müsste man nicht unbedingt öffentlich machen.

Am interessantesten fand ich den Einblick in den Literaturbetrieb und in die Zensur sowie die geschilderten Auflösungserscheinungen Ende der 1980er.

Was aber am meisten an „Gegenlauschangriff: Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“ nervt, sind die Fehler. Das Buch ist ein gutes Beispiel dafür, wie trügerisch Erinnerungen sein können.

So schreibt Hein über Johannes R. Becher, den er anscheinend nicht ausstehen kann:

Und dieser bewunderte Lyriker Becher war nun Kulturminister der DDR geworden und hatte sich 1948 geweigert, in das „polnisch okkupierte Breslau“ zu fahren.

Das Problem daran ist, dass Becher erst 1954 Kulturminister wurde. Außerdem, und das hätte dem Suhrkamp-Lektor nun wirklich auffallen müssen, konnte es im August 1948 noch gar keinen DDR-Kulturminister geben, weil es noch keine DDR gab.

46993Oder ein Besuch in München im November 1989 (natürlich „auf Einladung eines Verlegers, der mich sprechen wollte“ und überhaupt, weil alle sich immer mit Christoph Hein treffen wollten), an den er sich erinnert:

Zu jener Zeit gab es in Deutschland weder EC-Karten noch Geldautomaten […]

Nun ja, 1989 gab es in Westdeutschland 7.000 Geldautomaten, von denen sicher der eine oder andere in München stand.

Dass Menschen Erinnerungslücken haben oder sich Geschichten zusammen fabulieren, das ist nichts Neues. Als Schriftsteller darf man auch kürzen und straffen und kombinieren, finde ich. Aber bei einem ausdrücklich autobiographischen Buch dürfen solche Schnitzer nicht passieren.

Ganz arg polemisiert Hein gegen die Kirchensteuer, die durch den Einigungsvertrag auch in Ostdeutschland eingeführt wurde:

Diese Goebbels-Anordnung ist nach wie vor geltendes Recht in Deutschland, doch bei den geistlichen und Kirchenführern beider christlichen Konfessionen umstritten.

Dazu wäre im Einzelnen vieles zu sagen, von Art. 137 VI der Weimarer Reichsverfassung bis zu den Staatsverträgen mit den Bundesländern, aber ich mache es kurz: Das stimmt hinten und vorne nicht. Dass die Kirchen selbst sich vehement gegen die Kirchensteuer sträuben, habe ich auch noch nicht vernommen.

Aber Hein wettert faktenresistent weiter:

Gewonnen hat bei diesem Streit nur der Staat, da er nun auch im Osten zusätzliche dreißig Prozent einnehmen kann.

Woher diese astronomisch-abstruse Zahl kommt, bleibt unbegründet.

Zum wiederholten Mal frage ich mich, was Lektoren eigentlich machen. Lassen die das Manuskript nur mehr durch die automatische Rechtschreibkontrolle laufen und glauben, damit sei ihr Job getan?

Ich warte also noch immer auf ein gutes Buch über das Leben in der DDR. Nur her mit Euren Empfehlungen, Genossinnen und Genossen!

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Im litauischen Hochgebirge

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Boyan Stoyanov ist ein Alpinist aus Bulgarien, der sich zum Ziel gesetzt hat, die höchsten Gipfel aller europäischen Länder zu erklimmen. Darunter sind harte Brocken wie der Mont Blanc, der Triglav oder der Elbrus. Zum Glück besucht mich Boyan, als ich in Litauen wohne. Die höchste Erhebung des Landes ist weniger als 300 Meter hoch. Zu dieser Mission kann ich mich gerade noch aufraffen.

Es ist der 18. März 2013. Seit mehr als vier Monaten hat es fast jeden Tag geschneit, die Temperatur lag nie höher als null Grad. Entsprechend weiß und winterlich sieht es aus, als wir in einem kleinen Bus von Vilnius in Richtung Osten fahren. Die Dörfer werden immer kleiner, der Schnee immer tiefer und der Bus immer leerer.

Wir fahren bis nach Medininkai, dem letzten Dorf vor der Grenze zu Weißrussland. Hier ist das Ende der Europäischen Union, das Ende des Schengenraums. Wenn es irgendwo noch ein Überbleibsel des Eisernen Vorhangs in Europa gibt, dann liegt es 2 km von hier. Herüben die Freiheit, drüben die letzte Diktatur Europas. F-16-Kampfflugzeuge der Dänischen Luftwaffe fliegen Patrouille. Litauen hat nur ein einziges Jagdflugzeug, also greifen die NATO-Partner unterstützend ein.

Keine Wolke trübt den blauen Himmel. Die Sonne spiegelt sich in Eis und Schnee. Bilderbuchwetter. Wenn man das Gesicht direkt in die Sonne wendet, kann man auch die minus 10 Grad aushalten. Kein Mensch ist auf den Straßen. Medininkai hat nur 500 Einwohner, ein Bergsteigertourismus hat sich bisher nicht entwickelt.

Kurz nach dem Ortsausgang weist ein Schild schon den Weg: 2 km zum Aukštojo kalnas, 1 km zum Juozapinės kalnas. „Kalnas“ ist das litauische Wort sowohl für Berg als auch für Hügel. Der weitere Verlauf der Expedition wird zeigen, weshalb sich diese mehr als Tausend Jahre alte Sprache mit einem einzigen Wort für geographische Erhebungen unterschiedlicher Ausprägung zufrieden gibt.

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Im Abstand von nur einem Kilometer werden wir also gleich zwei Gipfel besteigen können. Den ersten Berg, den Juozapinės, sehen wir schon:

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„Was, welcher Berg?“ höre ich die enttäuschte Leserschaft aufschreien. Aber seht genau hin und Ihr erkennt ein Holzkreuz auf dem Gipfel. Nach ein paar Minuten stehen wir schon am Fuße des Berges. Hier ist er, in seiner ganzen majestätischen Größe:

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Ich könnte der spürbaren Enttäuschung entgegenzuwirken versuchen, indem ich darauf hinweise, dass dies nicht der höchste Berg Litauens ist. Der Ehrlichkeit halber muss ich aber hinzufügen, dass der Juozapinės bis 2004 als höchster Berg Litauens galt und erst seitdem auf den zweiten Platz relegiert wurde.

Boyan und ich bemühen uns, den Aufstieg möglichst langsam anzugehen, um wenigstens ein bisschen was von einem gebirgigen Gefühl zu bekommen, aber für einen Bulgaren und einen Bayern ist das, was vor uns liegt, nun mal nicht mehr als ein Feld, das etwas höher liegt als die umliegenden Felder. Bei uns würden das allenfalls schlittenfahrende Kinder einen Hügel nennen.

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Damit man den Gipfel auch ja nicht übersieht wenn man über die Felder reitet, wurden ein schwerer Stein hinaufgerollt und einer dieser Totempfähle, die man überall in Litauen sieht, in den Boden gerammt.

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Jetzt endlich, von diesem erhöhten Standort, sehen wir ihn: den Aukštojas, den höchsten Punkt Litauens. Mit einem überdimensionierten Hochsitz wurde etwas nachgeholfen.

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Das ist also unser Ziel. Ein langer, beschwerlicher Aufstieg steht uns bevor. Zeit, um die Geschichte dieser beiden konkurrierenden Berge zu rekapitulieren. Seit Menschengedenken galt der Juozapinės als der höchste Punkt Litauens, bis 1985 (also noch zu Zeiten der Sowjetunion) der Geograph Rimantas Krupickas wagemutig Bedenken anmeldete. Es folgten akademische Auseinandersetzungen zwischen den geographischen Fakultäten der Universitäten Litauens. An der Universität in Vilnius bildete sich die Aukštojas-Fraktion, während die landvermessenden Kollegen in Kaunas überwiegend dem Juozapinės die Treue hielten. Seminare wurden veranstaltet, Magister- und Doktorarbeiten geschrieben, Aufsätze in Fachzeitschriften publiziert. Der Streit eskalierte so sehr, dass sich die Sowjetische Kommission für Gebirgsgeographie seiner annehmen wollte, doch dann zerbrach die UdSSR und Litauen wurde 1991 unabhängig.

Mit der Unabhängigkeit kam der Fortschritt und mit dem Fortschritt kam das GPS. 2004 wurde neu vermessen, und der Aukštojas ging ganz knapp als Sieger hervor. Geographiestudenten sahen sich eines ergiebigen Themas beraubt und mussten sich wieder der Kurischen Nehrung zuwenden. Dafür traten jetzt die Philologen auf den Plan, denn der später so genannte Aukštojas trug damals noch keinen Namen. Schließlich war er noch kein Berg, sondern ein Niemand, ein namenloser Fleck am Waldrand. Ein Wettbewerb zur Benennung des neugefundenen Punktes, auf den sich der Stolz der Nation konzentriert, wurde ausgerufen. Wieder wurde diskutiert, geforscht, gestritten und geschrieben. Sieger dieses Wettbewerbs war Libertas Klimka, Geschichtsprofessor an der Pädagogischen Universität Vilnius, dessen Vorschlag Aukštojas sich von Aukštėjas ableitet, so etwas wie dem litauischen Zeus. Litauen war das letzte Land in Europa, das christianisiert wurde, und das sich durch die Zögerlichkeit seiner Konvertierung einen Kreuzzug einhandelte. Heidnische Kulte sind noch immer weit verbreitet, was man zum Beispiel an den Holzschnitzereien auf dem obigen Totempfahl sieht. Aber ich schweife ab.

Auch der Aukštojas bekam einen Stein verpasst.

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Dazu den Turm, dessen Besteigung fast genauso lang dauert wie die Besteigung des Berges, den er ziert. Endlich packen wir unsere Thermoskanne mit Tee und Schokoladenkekse aus. Wir sind nur mäßig hungrig, und selbst das bisschen Hunger ist eher auf der Busfahrt als während der kurzen Wanderung aufgebaut worden.

Aukstojas Turm

Dieser Aussichtsturm schafft aber auch eine verzerrte Wahrnehmung, denn von dort oben sieht man auf den Juozapinės hinab wie vom Matterhorn auf Zermatt.

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Jetzt kann ich die Lösung des größten geographischen Rätsels der Neuzeit aber nicht mehr länger hinauszögern. Der interessierte Leser hat bereits seit mehreren Absätzen Stift und Notizblock zurecht gelegt, um sich das genaue Ausmaß der vieldiskutierten Erhebungen zu notieren.

Man halte sich fest, bevor man einen Blick auf die nach aktuellen wissenschaftlichen Methoden gewonnenen Werte werfe:

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293,84 m schlägt 293,60 m, aber ein Höhenunterschied von 24 cm lässt die jahrelangen Diskussionen genauso lächerlich erscheinen, wie sie Euer reisender Reporter zu porträtieren versucht hat. Vierundzwanzig Zentimeter! In Nepal oder der Schweiz kennt kein Mensch die Dezimalstellen der höchsten Berge. Vierundzwanzig Zentimeter, das ist weniger als der Höhengewinn beim Umstellen eines Buchs in die nächsthöhere Regalreihe. Wenn einer der Berge sich einen Irokesen wachsen lässt (der Totempfahl ist schließlich schon da) oder einen Hut aufsetzt, muss die Rangliste wieder umgeschrieben werden.

Links:

  • Mehr Berichte aus Litauen.
  • Und mehr Berge, aber diesmal richtige.
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Und noch eine Insel!

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9. Juni, das nach drei Monaten doch herbeigesehnte Ende der unfreiwilligen Robinsonade. Mittlerweile freue ich mich schon wieder aufs Festland. Alle Bücher, die ich dabei hatte, sind gelesen. Alle Zigarren sind schon lange geraucht, und das Schiff hat keinen Nachschub gebracht. In der letzten Woche hatte ich schon dreimal von Zigarren geträumt, so schlimm sind die Entzugserscheinungen.

Aber gestern ging endlich der Flug nach Lissabon. Reisen ist derzeit ziemlich trostlos, weil es überall Einschränkungen und Verbote gibt. Kein Handgepäck, kein Essen im Flughafen, keine Sitznachbarn, ein bisschen wie auf einem Gefangenentransport.

Ich blickte auf den Ozean, auf Faial, auf Pico, São Jorge, auf die Inseln, die ich hinter mir ließ.

flying to Sao Miguel

Und bald döste ich ein, was sollte ich auch sonst machen. Irgendwann weckte mich gleichzeitig eine scharfe Kurve nach backbord sowie die Stimme eines der Typen, die das Flugzeug lenken:

„Meine Damen und Herren, es tut uns leid, aber die Regierung Portugals hat ein Landeverbot für Flüge von den Azoren verhängt.“

Oh scheiße, dann würden wir wohl wieder umkehren müssen.

„Unser Treibstoff reicht nicht aus, um nach Faial zurückzukehren.“

Na, vielleicht würde die Reise doch noch lustig. Zum Glück können die Flugzeuge hier im Wasser landen. Und da kann man sich dann treiben lassen, bis ein Schiff vorbeikommt. Das Meer schien sehr ruhig, ich machte mir also keine großen Sorgen. Nur einschlafen konnte ich nicht mehr.

Aber der Navigator hatte eine andere Lösung:

„Die nächstgelegene Insel, die wir erreichen können, ist São Miguel.“

Noch nie gehört. Aber da leben sicher auch Leute. So schlimm kann es also nicht sein.

Beim Aussteigen fragte ich den Piloten, wann es weiter nach Lissabon ginge.

„Das Landeverbot gilt noch mindestens eine Woche. Am 15. Juni erfahren wir dann mehr.“

Eine Woche. Schon wieder gestrandet auf einer Insel mitten im Atlantik! Und weil ich Dummie all meine Ersparnisse für die Weiterreise von Lissabon nach Wien (es war der billigste Flug) und von dort nach Deutschland ausgegeben hatte, war ich bei der Landung so knapp bei Kasse, dass ich entscheiden musste: Zigarren oder ein Bett?

Es war ziemlich warm. Eine Woche sollte ich es aushalten, im Wald zu schlafen und mich im Meer zu waschen. Vielleicht gibt es hier auch so viele leerstehende Häuser wie auf Faial, dann kann ich mich gut verstecken.

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lighthouse storm

Ich sag’s Euch noch mal: Plant für dieses Jahr keine Reisen! Es wird alles schief gehen.

Mit diesen trüben Gedanken ging ich durch die Stadt, anscheinend etwas trüb dreinblickend, denn aus einem Kosmetiksalon kam eine Dame ganz aufgeregt auf die Straße gelaufen:

„Entschuldigen Sie, sprechen Sie Englisch?“ fragte sie mich, wie wenn sie um Hilfe suchte, dabei wollte sie, ganz im Gegenteil, ihre Hilfe anbieten: „Sie sehen etwas verloren aus. Kann ich Ihnen helfen?“

Ich erklärte die missliche Lage. Sie war mitfühlend, wohl auch weil sie eigentlich in den USA wohnt (wie so viele Azoreaner) und nur für einen Monat nach São Miguel kommen wollte. Aber jetzt steckt sie auch auch schon seit ein paar Monaten fest.

Sie war so typisch amerikanisch-optimistisch, dass sie mich mit ihrem „Don’t worry!“ richtig ansteckte. Sie nahm ihr Telefon und rief einen Bekannten an: „Hey Marcos Flavius, how are you? Hör mal, hier ist ein junger Mann, der ist auf der Insel gestrandet. Du hast doch freie Zimmer, oder?“

Der Mann mit dem Namen eines Volkstribuns traute sich anscheinend nicht, nein zu der überschwenglich-resoluten Dame zu sagen. Mir war das äußerst unangenehm, bis sich herausstellte, dass er gar nicht zu Hause war (wahrscheinlich unfreiwillig auf dem Festland gestrandet) und ich ihm daher nicht zur Last fallen würde. Das Haus war praktischerweise gleich gegenüber, und der Schlüssel lag unter dem Blumentopf.

Marcos („you can call me Flave“) sagte, ich solle einfach mal reingehen und mich umsehen, ob es mir gefalle, und dann entscheiden, ob ich bleiben würde. (Sehr großzügig gegenüber jemandem, der sonst im Freien geschlafen hätte.)

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Es gefiel mir sehr, und so wohne ich jetzt eine Woche unverhofft in einem kleinen Palast in Ponta Delgada, was übrigens gar keine so kleine Stadt ist. Beim Erkundungsspaziergang im Viertel entdeckte ich sogar noch zwei Zigarrenfabriken in unmittelbarer Nachbarschaft.

Na gut, meinetwegen können diese Flüge noch für ein paar Monate ausgesetzt bleiben. Denn falls ich es jemals nach Lissabon schaffen sollte, dann sind die gebuchten Flüge, Züge und sonst alles lange verfallen, und ich werde per Anhalter nach Bayern zurückkehren müssen. Falls Ihr gerade keinen Atlas zur Hand habt: Das ist wirklich weit.

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Eine Chinesin in Wien

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Bei der UNO in Wien lernte ich während irgendeiner Sitzung irgendeines Ausschusses irgendeiner Unterorganisation mal eine junge Frau aus China kennen.

Qian machte ein Praktikum als Simultandolmetscherin für Mandarin und Englisch. Simultandolmetscher sind diese Supergehirne, die auf Englisch verschiedenen Teilnehmern an einer Diskussion über den Atomwaffensperrvertrag zuhören und alle Redebeiträge gleichzeitig (!) ins Chinesische dolmetschen. Am Nachmittag machen sie dann das Gleiche zur Fischereipolitik oder zu einem Zoll- und Handelsabkommen.

Sie schlug vor, dass wir uns mal zum Abendessen oder so treffen sollten.

Weil Qian erzählt hatte, dass sie erst seit wenigen Tagen in Wien sei, und weil mir auf Anhieb nichts Schlaueres einfiel, fragte ich zur Vorbereitung eines Treffpunktes, ob sie sich in der Stadt schon auskenne.

„Ja klar, es ist eh eine ziemlich kleine Stadt.“

Wien hat so um die 2 Millionen Einwohner.

„Ähm, es ist die größte Stadt im Land“, erwiderte ich, eher fragend und verwundert als korrigierend.

„Ach ja, du hast Recht“, sagte sie mit einem Lächeln, „es tut mir leid, ich muss mich noch daran gewöhnen.“ Sie blickte so wie eine Riesin, die in ein Minizwergenland kommt, aus Versehen Menschen tottrampelt und sicht selbst am meisten darüber grämt.

Sie war aus Qingdao, einer Stadt, die mir gar nichts sagte, bis Qian geduldig erklärte, dass es sich dabei um Tsingtau handelt, die Hauptstadt der ehemaligen deutsche Kolonie Kiautschou, und dass es dort noch immer das beste Bier in China gibt. Qingdao hat über 8 Millionen Einwohner.

Es gibt in China Hunderte von Städte, die größer als Wien sind. Dass ich davon nur zwei oder drei aufzählen kann, zeigt, dass trotz aller Weltreiserei noch viele weiße Flecken auf meiner Landkarte bestehen. Und alleine die Provinz Hainan, eine der kleinsten Provinzen Chinas, hat so viele Einwohner wie ganz Österreich.

China map population

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Pizzaberatung

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Ich rief bei der Pizzeria an, um eine Big-American-Pizza zu bestellen.

Die Frau von der Pizzeria nahm die Bestellung nicht, wie sonst üblich, mit Freude entgegen, sondern wurde sehr ernst:

„Also, zu der Big American, da muss ich Ihnen etwas sagen.“

„Ja?“

„Das ist eigentlich keine Kreation von uns. Wir haben die von den vorherigen Eigentümern übernommen. Wir führen sie nur noch auf der Speisekarte, weil wir Kunden haben, die sie noch immer bestellen.“

Ja, das würde ich auch gerne machen, dachte ich.

Aber die Frau warnte mich: „Auf dieser Pizza ist alles drauf, wild durcheinander, vollkommen überfrachtet.“

Ich wusste das, hatte mich anhand der Speisekarte dementsprechend informiert und die Entscheidung aufgrund großen Hungers getroffen.

Noch während ich überlegte, worauf sie hinauswollen könnte, wurde sie deutlich: „Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen gerne eine Big-American-Pizza zubereiten. Es ist Ihre Entscheidung. Aber ich glaube einfach nicht, dass diese Pizza zu Ihnen passt.“

Ich hatte eigentlich nicht den Eindruck, dass sie mich gut kannte, denn wir hatten uns nur kurz ein paar Mal gesehen, als ich vorherige, übrigens unproblematisch bestellte, Pizzas abgeholt hatte. Ich mache das immer selbst, weil ich diese ganze Lieferei als überheblich-großbürgerlich empfinde. Es gibt kaum eine sichtbarere Herabwürdigung eines Menschen zum reinen Arbeitstier, als jemanden Essen durch Sturm und Wind herumfahren zu lassen, ungeduldig die Tür zu öffnen, einen kurzen Einblick in die warme Stube zu gewähren, und ihn nach Entwendung des warmen Kartons unverzüglich in die menschliche und meteorologische Kälte hinauszuschicken. Zudem wohne ich hier auf Faial an einem sehr steilen Weg, den ich keinem Fahrradboten zumuten will, zumal der Pizzalieferant, sollte er das derzeit von mir okkupierte kleine Häuschen verpassen, geradewegs auf einen gefährlichen Vulkan zusteuern würde. Ich bin nicht der Meinung, dass meine Zeit wertvoller ist als die eines anderen Menschen, und deshalb soll sich niemand anders abstrampeln, nur damit ich mir eine halbe Stunde Fußweg spare. Außerdem mag ich es nicht, zuhause zu warten und in der Zeit nicht entspannt auf die Toilette gehen zu können.

„Wie gesagt, es ist Ihre Entscheidung“, unterbrach die Pizzabäckerin meinen sozialkritischen Gedankengang.

Ich orderte dann eine Bacon-Pizza, holte sie ab, ging damit auf ein Feld, lehnte mich an einen Heuballen und aß sie genüsslich beim Blick aufs Meer und auf die den Bacon geliefert habenden Kühe.

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Wahrscheinlich war in der Pizzeria nur der Mais ausgegangen.

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Flaschenpost von den Azoren

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Wenn man lange genug auf einer Insel im Atlantik festsitzt, kommen einem Geschichten von Edgar Allan Poe, Jules Verne und Astrid Lindgren in den Sinn. Insbesondere wenn die Postschiffe anscheinend nicht fahren, weil noch kein Rettungspaket mit Büchern und Zigarren eingetroffen ist.

Wie die Schiffbrüchigen in Romanen habe auch ich – was für ein Zufall – noch etwas Papier und Tinte und eine gerade geleerte Schnapsflasche zur Hand. Da ich bekanntermaßen allem Technisch-Modernen gegenüber eher skeptisch bin, liegt die Idee nahe, eine gute alte Flaschenpost zu schreiben und zu versenden.

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Schon als Kind habe ich mit diesem Gedanken gespielt, nachdem ich im Atlas, diesem ständigen Entfacher von Fernwehträumereien, eruiert hatte, dass der Ammerbach in die Vils, die Vils in die Naab, die Naab in die Donau und die Donau ins Schwarze Meer fließt. Was für ein romantischer Gedanke, eine Nachricht an Unbekannte zu schreiben, die nach einigen Monaten in Sewastopol, in Samsun oder in Sochumi aus dem Meer gefischt würde. Damals sammelte ich noch Briefmarken und hoffte auf eine entsprechend bunt frankierte Antwort.

Leider musste ich feststellen, dass schon der mickrige aus dem Dorf führende Bach von Wehren, Schleusen und Staudämmen in seinem freien Fluss blockiert wurde und die mit weitschweifiger Prosa gefüllte Flasche immer wieder hängen- und steckenblieb. „Was für eine hämische Metapher auf meine eigene Gefangenschaft in dieser meereslosen Provinz“, beklagte sich das damals etwa achtjährige Ich, wie eben Kinder so sprachen, bevor es Internet gab und man seine Ausdrucksweise noch an echten Büchern schärfte.

Aber jetzt weile ich auf den Azoren, mitten im Atlantik. Nichts steht dem freien Reisen der Flasche entgegen, die ich hier den Wellen übergebe. Die thermohaline Zirkulation des Nordatlantikstroms kann sie bis nach Island, Norwegen, Grönland und Spitzbergen tragen. Aber vielleicht ergreift sie auch der Golfstrom, der Azorenstrom und der Kanarenstrom und trägt sie zu den Kapverdischen Inseln oder an die Küste Mauretaniens oder nach Dakar, wo andere Leute umständlich mit dem Auto hinfahren.

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Zwar trinke ich literweise Cola, aber eine Plastikflasche erscheint mir zu stillos für dieses Projekt. Und vielleicht schwirrt die Post so lange über die Weltmeere, dass beim Empfang Plastik schon verboten sein wird. Zum Glück habe ich gerade eine Flasche Anisschnaps geleert, deren Etikett sogar auf die Azoren hinweist.

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Jedenfalls schreibe ich einen kurzen Brief und gehe runter an die Küste, um die Flaschenpost auf ihre Erdumlaufbahn zu bringen. Das ist gar nicht so einfach. An den meisten Stellen bin ich so hoch über dem Meer, dass die Flasche wahrscheinlich an den Felsen zerschellt, wenn ich sie ins Wasser werfen will. Ich bin ja kein Weitwurfweltmeister.

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So wandere ich, auch das eine Metapher für mein Leben, für diese kleine Projekt mit sehr geringen Erfolgsaussichten kilometerweit und stundenlang die Küste entlang, bis ich den mir geeignet erscheinenden Ort erspähe.

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Ja, hier kann ich die Klippen nach unten klettern, von Felsen zu Felsen springen und dann vom vordersten Außenposten der Insel die Flasche ins Meer befördern.

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Dem Ozean gefällt die Idee allerdings überhaupt nicht. Immer wilder und heftiger tobt es. Als die Drohgebärden nicht ziehen, umspült es mich von allen Seiten. Ich bin gerade dabei, den Brief in die Buddel zu stecken, als mein sicher geglaubter Vorposten vom Wasser vollkommen überspült wird.

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„Vielleicht ist das doch ein wenig gefährlich“, würde ich mir denken, wenn ich noch denken könnte. Aber jetzt geht es ums reine Überleben. Ich halte die Flasche, wegen der ich heute schließlich mein Leben riskiere, fest, als ich mich ins Wasser fallen lasse. Und zwar genau als die nächste Tsunamiwelle über mich hinwegfegt in der Hoffnung, so wenigstens an die Klippen anstatt aufs offene Meer geschwemmt zu werden.

Was soll man sonst tun? Es weiß ja keiner, wann die nächste Ebbe kommt. Und wenn man bis zur Dunkelheit auf einem vom Festland abgeschnittenen Felsen herumsitzt, dann wird einem womöglich noch langweilig und man kommt – ganz ausschließen lässt sich das nicht – auf dumme Ideen.

Um es kurz zu machen: Ich habe überlebt, es war sogar irgendwie erfrischend. Aber die Anisflasche ist zerschellt, und mir bleibt nur eine aufgeschnittene rechte Hand. Zum Glück hatte ich im Rucksack noch eine Bierflasche. Die ist zwar weit weniger repräsentativ. Und ob der wiederaufgepfropfte Kronkorken bis in die Antarktis hält, das bezweifle ich. Aber sie geht zumindest nicht unter, bis ich sie aus den Augen verliere.

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Und jetzt heißt es, Geduld zu haben. Der Rekord für die am längsten treibende und schließlich aufgefundene Flaschenpost liegt bei 132 Jahren. Davon hätte ich dann nichts mehr, aber mit mit meinen 44 Jahren oder so kann ich mich relativ entspannt zurücklehnen.

Ich kürze jetzt die mühsame Kletterei über die Klippen ab. Als ich erschöpft und am Ende meiner Kräfte in der Wiese liege, wo mich die Sonne schnell trocknet, ärgere ich mich noch immer über die verlorene Flasche. Zuhause habe ich noch Gurken- und Pepperonigläser, fällt mir ein. Die müssten mit ihrem Schraubverschluss doch ganz sicher wasserdicht sein. Aber die nächsten Briefe werde ich in Horta ins Wasser werfen, da gibt es einen Hafen und sogar einen kleinen Strand.

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Falls Ihr nicht auf den Zufall vertrauen wollt, meine Flaschenpost zu finden, oder nicht am Meer wohnt, schicke ich Unterstützern dieses Blogs auch gerne eine Postkarte von den Azoren.

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„Moby Dick“, ein Meisterwerk

Es gibt so Bücher, von denen weiß jeder vage, wovon sie handeln. An der Jagd auf den weißen Wal hatte ich nie sonderlich Interesse, weil ich in Dokumentarfilmen über Greenpeace schon genug von dem blutigen Spektakel gesehen hatte. Und Macho-Abenteuer starker Männer auf rauer See sind auch nicht gerade mein Lieblingsgenre.

Aber dann zog es mich auf die Azoren, ehemals ein Walfängerstützpunkt, und zwei Bücher über diese Inselgruppe empfahlen unabhängig voneinander, aber eindringlich, „Moby Dick“ ins Reisegepäck zu stecken. Wann sonst hat man auch die Zeit, ein Buch zu lesen, das selbst so kolossal wie das Meeressäugetier ist? In der Taschenbuchausgabe des Aufbau-Verlags hat es 664 Seiten, und wenn Ihr nach dieser Rezension zugreifen wollt, so empfehle ich eindringlich, keine der grausam verstümmelten Kurzfassungen zu kaufen, die sich auf „das Wesentliche“ beschränken. Eine schreckliche Unsitte bei vom Urheberrecht nicht mehr geschützten Klassikern. Wenn sich das Kind ein Pony wünscht, schenkt Ihr ihm ja auch kein Skelett und sagt: „Da hast du das Wesentliche vom Pferd.“

Moby Dick

Erst einmal kann ich vom Ausguck Entwarnung rufen: „Moby Dick“ ist kein Haudrauf-Abenteuerroman. Die Walfangfahrt bietet nur den Rahmen für ein reichhaltiges Gemisch aus fast allen Genres der Literatur. Darunter ist zwar auch Enzyklopädisches über Wale und ein Handbuch für die unappetitliche Verwertung aller Teile des erlegten Tieres, aber die Stärke liegt in der Tiefsinnigkeit und Vielfältigkeit des Romans.

Am Anfang muss Ismael, der Ich-Erzähler, das Bett in einer Gaststätte mit einem Harpunier teilen, der sich als rundherum tätowierter, schwarzer „Kannibale“ von einer Südseeinsel herausstellt. Er ist entsetzt ob des Aussehens und der Bräuche des Fremden, hat Angst vor ihm, bis er merkt:

Wozu habe ich einen solchen Aufstand gemacht? dachte ich bei mir; der Mann dort ist ein Mensch, und ich bin einer: er hat genau soviel Grund, vor mir Angst zu haben, wie ich Grund habe, ihn zu fürchten. Besser, mit einem nüchternen Kannibalen schlafen als mit einem betrunkenen Christen.

Für uns hört sich das aufgeklärt-selbstverständlich an, aber bei der Lektüre muss man immer bedenken, dass das Buch 1851 veröffentlicht wurde. Wahrscheinlich lag es nicht nur an der homo-erotischen Nacht mit Quiqueg, sondern auch an anderen im Roman geäußerten Gedanken, dass „Moby Dick“ am Anfang überhaupt kein großer Erfolg war. Die Leser waren von Herman Melville Abenteuergeschichten gewohnt und konnten wenig damit anfangen, wenn der Walfänger die Kannibalen unter Verweis auf den menschlichen Fleischverzehr in Schutz nimmt.

Und nun geht einmal am Samstagabend auf den Fleischmarkt und guckt euch das Gewimmel lebendiger Zweifüßer an, die da zu den langen Reihen toter Vierfüßer hinaufstarren. Erscheint euch nicht bei solch einem Anblick der Kannibale in versöhnlicherem Licht? Kannibalen – wer ist denn keiner?

Ein Appell für eine vegetarische Diät, das war im 19. Jahrhundert wohl noch etwas verfrüht. Aber „Moby Dick“ ist keine Moralpredigt, sondern auch, und das war die größte Überraschung für mich, außerordentlich lustig. Lesen wir die vorzitierte Passage weiter:

Ich sage euch: dem Fidschi-Insulaner, der sich in seinem Keller für kommende Notzeiten einen dürren Missionar einpökelt – diesem vorsorglichen Fidschi wird es am Tage des Gerichts erträglicher gehen als dir, du höchst gesitteter, höchst aufgeklärter Fresser, der du Gänse an den Boden pflöckst, auf daß ihnen die Leber schwelle […]

Andererseits bricht Melville eine Lanze für den Walfang. Ein ganzes Kapitel widmet er der moralischen Verteidigung dieser Praxis, nicht ohne Verweis darauf, dass die hochverehrten Generale viel mehr Blut auf dem Gewissen haben als alle Walfänger zusammen.

Das Buch trieft streckenweise auch von Blut. Da gibt es grausame und ekelhafte Details über das Ausschaben des Gehirns und die Verwendung der Gedärme, und man muss ein bisschen schneller lesen. Aber insgesamt profitiert das Buch enorm davon, dass Melville selbst auf einem Walfangschiff gearbeitet hatte. Und sogar wenn er 16 Seiten über die Zoologie und Taxonomie der Wale schreibt, so ist das amüsant.

Mir ist bekannt, daß bis zu unserer Zeit die Lamantin und Dugong genannten Fische (Schweinsfisch und Saufisch) von vielen Naturforschern zu den Walen gerechnet werden. Da diese Schweinsfische aber eine plattnasige, mickrige Sippschaft sind, meist in Flußmündungen herumdösen und nasses Heu fressen, und vor allem, da sie keinen Strahl ausspritzen, erkenne ich ihr Beglaubigungsschreiben nicht an; ich stelle ihnen hiermit ihre Pässe zu, damit sie sich aus dem Königreich Walkunde für immer hinwegheben.

An dieser Stelle ein großes Lob an das Übersetzerehepaar Alice und Hans Seiffert. Die erstmals 1956 in der DDR erschienene Übersetzung ist eine Meisterleistung für sich. Die erste deutsche Übersetzung erschien übrigens erst 1927, was zeigt, wie lange „Moby Dick“ in der Versenkung verschwunden war. Und dann kürzte jener Übersetzer den Roman auf ein Drittel herab.

Kapitän Ahab ist wahrscheinlich ein Begriff, er ist der Kommandant des Schiffes und auf einer persönlichen Rachemission gegen den weißen Wal, der ihm ein Bein abgebissen hat. Immer verrückter, immer grausamer, immer verbohrter wird Ahab auf dieser Jagd, bis er mehr Monster ist als der Wal.

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Das ist natürlich alles schon totinterpretiert worden. Ist es eine Geschichte über Rache? Oder über den Kampf des Menschen gegen die Natur? Oder das Dreieck zwischen Mensch, Natur und Technik? Melville hatte das wohl geahnt, denn er verwahrt sich im Roman dagegen, dass dieser als „eine unleidliche, scheußliche Allegorie“ verhöhnt werde.

Ich selbst lese „Moby Dick“ als Appell gegen Spießertum („Dutzendmenschen“ nennt er sie) und Geschäftigkeit. Die Waljagd ist ein Riesenaufwand für Nichts und wieder Nichts. Die Motivation für die Reise ist, dass Ismael an Land die Decke auf den Kopf fällt. Er will nichts verdienen, er will nur weg.

Das ersetzt mir den Pistolenschuß.

Kann ich verstehen. Es geht Melville/Ismael nicht um Geld, nicht um Walfleisch oder -fett. Es scheint ihm darum zu gehen, etwas Neues zu erfahren, mehr zu lernen. Dabei hat der Ich-Erzähler schon ziemlich viel Zeit in Bibliotheken verbracht, wie es scheint.

Die Gelehrsamkeit des Buches tat vielleicht ihr Übriges, es sich mit den Lesern zu vergraulen. Da erzählt ein Matrose und rekurriert auf die Justinianischen Pandekten, auf Marius und Sulla, auf die Teilung Polens, und er vergleicht die Schnitzereien der Harpuniere auf den erbeuteten Walknochen mit den Holzschnitten „eines anderen Wilden, des alten herrlichen Deutschen Albrecht Dürer“. Das mag das nordamerikanische Publikum 1851 überfordert haben. Mir gefällt das. Damit eleviert Melville die Männer auf dem Schiff in die Welt der Literatur, der Geschichte, der Theologie, der Philosophie.

Immer wieder stößt man auf Passagen, die heute, 170 Jahre später, überraschend, ja fast schon schockierend aktuell sind. In einem ganzen Kapitel sinniert er über die Frage nach, ob die Menschen die Wale ausrotten werden.

Die Geschichte von Jona nimmt er zum Anlass, über die Ungleichbehandlung von Reichen und Armen in der Migration zu dozieren:

In dieser Welt, Kameraden, darf die Sünde, die sich bezahlt macht, frei und ohne Paß reisen, während die Tugend, wenn sie von Almosen lebt, an jeder Grenze aufgehalten wird.

Und was er über das aus dem Wal gewonnene Öl schreibt, hätte er auch übers Petroleum schreiben können:

Nicht eine Gallone Öl verbrennt ihr, für die nicht ein Tropfen Menschenblut vergossen wurde.

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Ihr merkt, ich bin begeistert von „Moby Dick“. Es ist ein Buch, aus dem sich so viel gewinnen lässt, auch wenn die Handlung in wenigen knappen Sätzen erzählt werden könnte. Für mich steht diese Walfangsaga auf einem Niveau mit dem „Zauberberg“. Aber humorvoller. Ein großartiges Buch!

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