Der Tag, an dem ich alles verlor

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An meinem letzten Tag in Bolivien hatte ich ein Busticket von La Paz nach Puno in Peru gekauft. Als der Bus in Copacabana seine Mittagspause machte und der Fahrer ankündigte „wir fahren um 13:30 Uhr zwei Blocks von hier weiter“, dachte ich mir: „Wunderbar, so bleiben mir zwei Stunden, um ein bisschen durch die Stadt zu spazieren.“ In Copacabana kann man zur Mittagsstunde lustige Zeremonien beobachten.

way of the cross to Calvary in Copacabana

Natürlich ließ ich all mein Eigentum und Besitz im Bus. Zum einen ist Bolivien das sicherste Land in Südamerika. Zum anderen bezweifle ich, dass jemand zwei Taschen klaut, die 30 kg wiegen und hauptsächlich mit Büchern, Notizbüchern und Landkarten gefüllt sind.

Um 13:20 Uhr kehre ich zu dem beschriebenen Abfahrtsort zurück, kann den Bus jedoch nicht sehen. Na gut, denke ich mir, vielleicht ist er irgendwo anders.

Den Lesern, die noch keine Bekanntschaft mit Busstationen in Copacabana, Karachi oder Kathmandu gemacht haben, muss ich die Lage vor Ort ein wenig näherbringen: Es gibt eigentlich keine richtigen Haltestellen, die Busse fahren einfach alle auf den Marktplatz. Weil es viel mehr Busse als Marktplatz gibt, füllt sich der Platz schnell, und die Busse quellen über in die Seitenstraßen und von dort in die kleinen Gassen, die von den Seitenstraßen wegführen. Dazwischen sind Hunderte von Fahrscheinverkäufern, kleinen Kiosken, Taxis, Reisebüroangestellte, Musiker, Leute die Lotterielose und die Hoffnung auf Glück verkaufen, Aymara-Priester, ein entlaufenes Lama, ein hinter dem Lama herjagender Metzger, und ein kleiner verlorener Reisender wie ich.

Ich dachte, ich würde den Bus leicht erkennen, weil er bunt war, aber nun muss ich feststellen, dass alle Busse in Bolivien so aussehen, wie wenn sich Friedensreich Hundertwasser an ihnen ausgetobt hätte.

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Die Minuten unter der sengenden Sonne schreiten erbarmungslos voran, und ich werde ernsthaft unruhig.

Ich frage einen der vielen Busfahrer, ob er weiß, wo der 13:30-Uhr-Bus nach Puno abfährt. „Das ist mein Bus. Springen Sie rein, wir fahren gleich ab“, sagt er und verwendet das Wörtchen ahorita für gleich. Im südamerikanischen Spanisch kann das alles bedeuten von „ich wollte gerade die Tür schließen“ bis „zuerst muss ich aber noch zu Mittag essen und dann meine Kinder anrufen, um sie an die Erledigung der Hausaufgaben zu erinnern, bevor ich mich mit den anderen Busfahrern zusammensetze, um zu besprechen, ob der Fonds der Busfahrergewerkschaft etwas an die Witwe eines verunglückten Fahrers ausbezahlen soll, obwohl der mit seinen Beiträgen im Rückstand war und manche Fahrer erzählen, dass er seine Frau sowieso nicht leiden konnte, aber dann geht es wirklich los nach Puno“. Mich stört das nicht, denn ich bin nicht in Eile. Während meiner Zeit in diesem sympathischen Land bin ich bolivianisiert worden und lebe seither viel entspannter.

Was mich jedoch beunruhigt, ist die Tatsache, dass es ein anderer Fahrer mit einem anderen Bus ist. Selbst verwirrt und Verwirrung stiftend frage ich ihn, ob mein Gepäck schon im Bus sei.

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen“, erwidert er, so höflich wie möglich.

„Ich habe mein Gepäck in dem grünen Bus gelassen, mit dem ich diesen Morgen aus La Paz kam, weil ich dachte, der Bus fährt nach Puno weiter“, erkläre ich.

„Oh, nein. Der Bus ist schon wieder auf dem Rückweg nach La Paz.“

Verdammt.

All meine Sachen, mein vollständiges Hab und Gut, mit dem ich ausgewandert bin, alles ist in diesen zwei Taschen. Leuten, die Häuser und Küchengeräte und Wintermäntel und so haben, erscheint das wenig. Aber mein Ziel ist es, die Habe noch weiter zu reduzieren, so dass alles in einen Rucksack passt. Leider mag ich aber keine E-Books.

„Ich muss jetzt abfahren. Möchten Sie einsteigen?“ drängt mich der Fahrer.

Ich habe schon für die Fahrt bezahlt, aber wenn ich erst einmal in Peru bin, wird es noch schwieriger, mein Gepäck wiederzufinden.

„Nein danke.“

Der Fahrer blickt mich an, wie wenn ich etwas dämlich wäre. Und vielleicht bin ich heute wirklich nicht der hellste Stern am Firmament.

Als sich der Bus langsam dem Gewusel der unterschiedlichen Nah- und Fernverkehrsoptionen in Richtung der nahen Grenze entwindet, beginne ich darüber nachzudenken, was ich alles verloren habe. Kleidung habe ich nicht viel, und nichts davon ist etwas wert. Nur der Verlust meines Gabor-Hutes, den ich von einem Roma-Händler in Transsylvanien erworben habe, würde schmerzen. Nicht einmal der Verlust von Computer, Telefon und Kamera würde mich zu sehr aufregen. Schlau wie ich bin, kaufe ich immer den billigsten Elektroschrott.

Nein, worüber ich wirklich trauere, was ich wirklich verfluche, was mich wütend macht, ist der Verlust meiner Notizbücher. Schon seit vielen Jahren sammle ich Gedanken, entwerfe Gedichte und schreibe Geschichten. Vieles davon wurde vor Ort geschrieben, in einem Schloss in Rumänien, auf einem Schiff mitten im Ozean, oder am Ufer des Titicaca-Sees. Situationen, Erinnerungen und Gedanken, die sich beim besten Willen nicht mehr rekonstruieren lassen.

Es ist ein herber Verlust, aber ich würde nicht behaupten, dass alles umsonst war. Denn mir bereitet das Schreiben so viel Freude, fast unabhängig davon, ob es jemals jemand lesen wird. Andererseits erzähle ich gerne von meinen Reisen, vor allem weil ich weiß, dass nicht alle von Euch selbst an all diese Orte kommen. Und wenn, dann werdet Ihr nicht die gleichen Abenteuer erleben, schon aus dem einfachen Grund, dass Ihr nicht ganz so doof seid wie ich.

Weit weniger wichtig für mich, aber wahrscheinlich umso begehrter bei den Lesern dieses Blogs, sind die fast 10.000 unveröffentlichten Fotos vom Iran bis zu den Kanalinseln, alle auf der Festplatte des Computers, der jetzt auf dem Weg zurück nach La Paz ist.

Zum Glück war ich diesen Morgen sehr gesprächig und habe mich mit dem Busfahrer unterhalten. Ich erinnere mich an seinen Namen: Victor. Auf dem Platz, wo all die Busse ankommen und sich vermischen, suche ich nach einem Bus derselben Spedition und frage den Fahrer, ob er Victor kennt.

„Der Kleine mit dem Bauch?“ fragt er.

„Kein außergewöhnlich großer Bauch.“

„Ja, ich kenne ihn.“

Ich erkläre die Situation, und der äußerst freundliche und hilfsbereite Busfahrer ruft Victor an. Der ist schon jenseits der Fähre über die Straße von Tiquina, wo er mein Gepäck leicht an einen anderen Fahrer hätte übergeben können, der in meine Richtung fährt. Aber er wird sich etwas einfallen lassen, verspricht er.

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Der Retter in der Not erkennt, dass ich noch immer nervös bin, und befiehlt mir regelrecht: „Machen Sie sich keine Sorgen! Uns wird schon eine Lösung einfallen. Gehen Sie erst einmal Mittag essen oder Spazieren und kommen Sie um 15 Uhr wieder hierher.“

Von Sorgen geplagt, dass ich mein Schreiben und Fotografieren wieder bei Null beginnen muss – und die verlorene Zahnbürste vermissend -, kann ich die Mittagspause nicht wirklich genießen. Was die Busfahrer nicht wissen, was Ihr noch nicht wisst, und was überhaupt niemand wissen sollte, ist dass der Verlust all meines Besitzes nur eines meiner Probleme an diesem Tag ist: Die letzten paar Monate habe ich ohne gültiges Visum und damit illegal in Bolivien gelebt. Die bevorstehende Grenzkontrolle macht mich also schon nervös genug. Am Ende dieses Tages, wenn die Sonne hinter der Sonneninsel in den Titicaca-See tauchen wird, werde ich vielleicht schon im Gefängnis sitzen und die Sonne für viele Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Um 15 Uhr begrüßt mich der hilfsbereite Fahrer an der Busstation: „Haben Sie etwas zu Schreiben?“ Unter den wenigen Dingen, die ich aus dem Bus mitgenommen habe, sind professioneller- oder wohl doch eher glücklicherweise ein Notizbuch und ein Kugelschreiber, sowie mein Reisepass, Bargeld und In Patagonien von Bruce Chatwin.

„Schreiben Sie sich den Namen auf: José Luis Velasco. Aber niemand kennt ihn unter dem Namen. Wenn Sie nach ihm fragen, fragen Sie nach El Cupo.“ Und: „Er ist klein und hat einen dicken Bauch“, womit er anscheinend all seine Kollegen beschreibt. Er sagt, dass der Mann, der als El Cupo bekannt ist, um 16:30 Uhr in Copacabana eintreffen solle. In seinem Bus sollte sich mein Gepäck befinden, denn alle Fahrer im westlichen Bolivien sind die letzte Stunde an ihren Telefonen gehangen, um herauszufinden, wer wann wohin fährt. Als Victor einen Kollegen fand, der von La Paz nach Copacabana fuhr, hielten sie mitten auf der Autobahn in der Wüste an, trugen zwei schwere Taschen, voll mit Büchern, wobei sie wohl etwas Verdächtigeres vermuteten, von einem Bus zum anderen.

Und Punkt 16:30 Uhr fährt tatsächlich ein Bus der gleichen Busgesellschaft auf den Marktplatz. Ich frage den Fahrer (der weder besonders klein, noch besonders fett ist), ob er El Cupo sei. Er nickt und bedeutet mir, dass ich einfach in den leeren Bus steigen und mein Gepäck holen soll. Es ist alles da.

El Cupo und der hilfsbereite Mittelsmann sitzen zusammen am Marktplatz und trinken Kaffee. Ich bedanke mich ausgiebig und biete eine Einladung zum Abendessen oder eine andere Anerkenntnis an. „Nein, nein, machen Sie sich keine Gedanken“, wischen sie das beiseite und wünschen mir eine schöne Reise.

Bevor ich nach Südamerika zog, wurde ich immer wieder gewarnt, dass ich dort ständig überfallen und ausgeraubt würde. Stattdessen war ich dumm genug, meinen gesamten Habseligkeiten selbst zu verlieren, und vollkommen Fremde taten sich zusammen, telefonierten den ganzen Nachmittag hin und her, nicht nur um meine Taschen zu lokalisieren, sondern sie mir sogar zurückzubringen.

Und diese Geschichte ist nur ein Grund von vielen, warum Bolivien das liebenswürdigste Land der Welt ist. (Die Art, wie die Grenzpolizei damit umging, dass ich mein Visum um vier Monate überschritten hatte, ist ein weiterer.)

Praktische Hinweise:

  • Wann immer Ihr einen Zug nehmen könnt, nehmt den Zug. Züge verschwinden nicht so schnell wie ein Bus. Und Bahnhöfe sind viel organisierter als Busterminals.
  • In Südamerika müsst Ihr wirklich nichts vorab buchen. Ich hatte natürlich den Bus nach Puno vermisst, aber nachdem ich mein Gepäck erhalten hatte, ging der nächste in einer halben Stunde oder so.
  • Viele Reisende machen den Fehler, im Internet nach Bussen zu suchen, wo nur wenige aufgeführt sind. Geht einfach zum Busbahnhof und fragt. Fast immer gibt es einen Bus, der ahorita zu Eurem Wunschziel fährt.
  • Je weniger Gepäck, desto weniger Stress.
  • Wenn ich mich mit dem Busfahrer nicht unterhalten hätte, hätte ich seinen Namen nicht gekannt, und vielleicht hätte ich ihn niemals wieder gefunden. Unterhaltet Euch mit den Menschen! In Euer Handy könnt Ihr auch noch starren, wenn Ihr wieder zuhause seid.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Der Tag, an dem ich alles verlor

  1. Pingback: The Day I Lost Everything I Owned | The Happy Hermit

  2. Jutta Simowski schreibt:

    Hallo, ich habe eine ähnliche Erfahrung am Flughafen von Guatemala gemacht. Der Flughafen war vollgestopft mit Menschen, die in alle möglichen Richtungen abfahren wollten. Um in das Flughafengebäude zu kommen, mußte man eine Sicherheitskontrolle passieren mit Band für die Taschen und das Gepäck. Ein Träger war mit meinem Koffer zum Check-in Schalter vorgelaufen und ich hatte Angst, mein Koffer verschwindet. Dabei vergass ich meine Handtasche auf dem Band, mit Tiket, Geld, Pass und allem Wichtigen. Den ganzen Aufenthalt in Guatemala hindurch hielt ich Geld und Pass getrennt, jetzt kurz vor dem Rückflug war alles in meiner Handtasche. Am Schalter bemerkte ich das Desaster, hetzte zurück zum Eingang und dort bekam ich von dem Sicherheitsbeamten meine Handtasche zurück. Es fehlte nichts und ich konnte in meinen Flieger steigen. Auch ich war gewarnt worden vor Dieben und Überfällen, das Gegenteil habe ich erfahren, freundliche und hilfsbereite Menschen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Das ist doch wunderbar!

      All die Menschen, die einen warnen, dass X wahnsinnig gefährlich sei, frage ich seither immer, wann sie das letzte Mal in X gewesen waren. Meist waren sie noch nie dort.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vom Ende her betrachtet schon.
      Aber die paar Stunden mittendrin war ich schon ein bisschen verzweifelt. Und wütend auf mich selbst, denn alle anderen Passagiere haben es ja irgendwie gewusst, dass die Busse wechseln.

    • deingruenerdaumen schreibt:

      Ich sehe das so: Du hast durch diesen Fehler eine wunderbare Erfahrung gemacht. Ohne ihn hättest Du nicht erfahren, wie ehrlich und hilfsbereit die Menschen in Bolivien wirklich sind. Das Vertrauen in das Gute dieser Leute hat sich ja wohl gestärkt. Wenn man, so wie Du auf ein Minimum reduziert und mit wenig Sicherheit unterwegs ist, ist Vertrauen und Intuition ein kostbares Kapital. Man ist geschützt, wenn man redlich handelt und an das Gute in den Menschen glaubt. Liebe Grüße und eine gesegnete Reise! Du bist geschützt.

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