„Gegenlauschangriff“ von Christoph Hein

Von den etwa 30 autobiographischen Anekdoten aus der DDR-Zeit des Autors hatte ich mir einen Einblick in das Leben in jenem der beiden deutschen Staaten erhofft, den ich nie persönlich kennenlernen durfte. Dafür sind die meisten jedoch zu unergiebig, viele kaum erzählenswert und etliche ziemlich eitel. Nach ein paar Kapiteln ist mir schon klar geworden, wie toll und wichtig Christoph Hein war, das müsste er nicht immerfort betonen. Auch die Abrechnungen mit Kollegen müsste man nicht unbedingt öffentlich machen.

Am interessantesten fand ich den Einblick in den Literaturbetrieb und in die Zensur sowie die geschilderten Auflösungserscheinungen Ende der 1980er.

Was aber am meisten an „Gegenlauschangriff: Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“ nervt, sind die Fehler. Das Buch ist ein gutes Beispiel dafür, wie trügerisch Erinnerungen sein können.

So schreibt Hein über Johannes R. Becher, den er anscheinend nicht ausstehen kann:

Und dieser bewunderte Lyriker Becher war nun Kulturminister der DDR geworden und hatte sich 1948 geweigert, in das „polnisch okkupierte Breslau“ zu fahren.

Das Problem daran ist, dass Becher erst 1954 Kulturminister wurde. Außerdem, und das hätte dem Suhrkamp-Lektor nun wirklich auffallen müssen, konnte es im August 1948 noch gar keinen DDR-Kulturminister geben, weil es noch keine DDR gab.

46993Oder ein Besuch in München im November 1989 (natürlich „auf Einladung eines Verlegers, der mich sprechen wollte“ und überhaupt, weil alle sich immer mit Christoph Hein treffen wollten), an den er sich erinnert:

Zu jener Zeit gab es in Deutschland weder EC-Karten noch Geldautomaten […]

Nun ja, 1989 gab es in Westdeutschland 7.000 Geldautomaten, von denen sicher der eine oder andere in München stand.

Dass Menschen Erinnerungslücken haben oder sich Geschichten zusammen fabulieren, das ist nichts Neues. Als Schriftsteller darf man auch kürzen und straffen und kombinieren, finde ich. Aber bei einem ausdrücklich autobiographischen Buch dürfen solche Schnitzer nicht passieren.

Ganz arg polemisiert Hein gegen die Kirchensteuer, die durch den Einigungsvertrag auch in Ostdeutschland eingeführt wurde:

Diese Goebbels-Anordnung ist nach wie vor geltendes Recht in Deutschland, doch bei den geistlichen und Kirchenführern beider christlichen Konfessionen umstritten.

Dazu wäre im Einzelnen vieles zu sagen, von Art. 137 VI der Weimarer Reichsverfassung bis zu den Staatsverträgen mit den Bundesländern, aber ich mache es kurz: Das stimmt hinten und vorne nicht. Dass die Kirchen selbst sich vehement gegen die Kirchensteuer sträuben, habe ich auch noch nicht vernommen.

Aber Hein wettert faktenresistent weiter:

Gewonnen hat bei diesem Streit nur der Staat, da er nun auch im Osten zusätzliche dreißig Prozent einnehmen kann.

Woher diese astronomisch-abstruse Zahl kommt, bleibt unbegründet.

Zum wiederholten Mal frage ich mich, was Lektoren eigentlich machen. Lassen die das Manuskript nur mehr durch die automatische Rechtschreibkontrolle laufen und glauben, damit sei ihr Job getan?

Ich warte also noch immer auf ein gutes Buch über das Leben in der DDR. Nur her mit Euren Empfehlungen, Genossinnen und Genossen!

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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17 Antworten zu „Gegenlauschangriff“ von Christoph Hein

  1. Katja Kubiak schreibt:

    Ein Lektor hat nicht unbedingt das Recht am Text etwas zu verändern. Es gibt tatsächlich reine Rechtschreiblektoren 😉

    • Andreas Moser schreibt:

      Natürlich kann der Lektor nicht einfach ändern, aber er kann/sollte das Manuskript mit Anmerkungen und Fragen retournieren.
      Und wenn ein Autor wilde Behauptungen aufstellt, dann sollte der Lektor nachfragen. Denn offensichtlich hat sich der Autor in Einigem getäuscht. Es sollte auch in seinem Interesse sein, das vor Druck noch korrigieren zu können.

    • Katja Kubiak schreibt:

      Wenn er es unwissend geschrieben hat. Schwer vorstellbar, normalerweise recherchiert man doch ordentlich? Ich zumindest 😀 schreib ihn doch mal an.😅

    • Andreas Moser schreibt:

      So wichtig ist es dann auch nicht. (Aber vielleicht liest es der Suhrkamp-Verlag und lädt mich als Lektor ein.)

      Ich selbst recherchiere auch ziemlich weit und tief, was mich dann vom eigentlichen Schreiben abhält, weil ich in der Bibliothek oder den Archiven vom Hundersten aufs Tausendste komme.

    • Katja Kubiak schreibt:

      Ich recherchiere mich auch dumm und dusselig..ich kenn das gut.

  2. Andreas schreibt:

    „Und dieser bewunderte Lyriker Becher, der sich noch 1948 geweigert hat, in das „polnisch okkupierte Breslau“ zu fahren, war nun Kulturminister der DDR geworden.“
    Würde der Satz so besser sein? Als Laie würde ich sagen, einem Autor kann das passieren, der Lektor hätte es ausbügeln müssen.
    Zum Thema DDR empfehle ich Daniela Dahn. Die hat sich am Thema Einheit und DDR Dämonisierung abgearbeitet, obwohl sie sich aktiv in der Bürgerbewegung zur Wendezeit betätigte. Aber Vorsicht, es gibt da keine Denkverbote mehr bei ihr. Die Dame hat sich radikalisiert ;-). Ich habe ihr aktuelles Buch hier rumliegen. Wenn Bedarf besteht…wohin soll ich es schicken?

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh ja, wenn du es nicht mehr brauchst, würde mich das tatsächlich sehr freuen!

      Meine Adresse:
      Andreas Moser
      Kolpingstr. 12
      92260 Ammerthal

      Vielen Dank schon mal!

  3. Dirk Bindmann schreibt:

    Wenn du Literaturempfehlungen über das Leben in der DDR wünschst, solltest du beachten, dass es das Leben in »der« DDR so wenig gab wie das Leben in »der« BRD oder »dem« Österreich. Die DDR hat recht lange existiert: 41 Jahre. Die Lebensumstände in den 50er Jahren waren natürlich völlig andere als in den 80er Jahren. Dazu kommen die Milieu-Unterschiede: ein Bauer lebt anders als ein Balletttänzer.

    Christoph Heins »Gegenlauschangriff« habe ich nicht gelesen, weil ich schon ahnte, wie schlecht dieses Buch sei. Dennoch halte ich Christoph Hein für empfehlenswert, wenn man etwas über das Leben in der DDR (der mittleren Jahre) lesen möchte. Zum Beispiel seinen Roman »Horns Ende«.

    Über das Leben auf dem Lande in der frühen DDR: »Ole Bienkopp« von Erwin Strittmatter.

    Über die DDR und andere Gefilde aus feministischer Sicht: »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« von Irmtraud Morgner.

    Intellektuellenleben in den 80er Jahren: »Sommerstück« von Christa Wolf.

    Abiturientenleben 1989: »Wasserfarben« von Thomas Brussig.

    Oder Literatur von zwei Österreichern, die in der DDR gelebt haben. Maxi Wander: »Guten Morgen, du Schöne« (Tonbandprotokolle, die in der DDR zum Bestseller wurden). Fred Wander: »Das gute Leben oder Von der Fröhlichkeit im Schrecken« (seine Autobiographie).

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, danke für die vielen und dazu noch begründeten Empfehlungen!

    • Edwina Engelmann schreibt:

      Ja, Christa Wolf ist mir auch auf Anhieb eingefallen. Ist zu empfehlen. Und ich grübele gerade noch über den Titel eines Romans nach, der meine ich von Martin Walser war. Anmerkung: Die thematische Einordnung war richtig, allerdings ist Walser am Bodensee geboren worden, daher ist die Authentizität fragwürdig.

    • Dirk Bindmann schreibt:

      Welcher Roman von Martin Walser das sein könnte, weiß ich nicht. Walser ist mir immer fremd geblieben. Es gibt allerdings einen BRD-Autor, dessen Schreiben über die DDR mir recht authentisch vorkommt: „Das Steinerne Herz“ von Arno Schmidt.

    • Edwina Engelmann schreibt:

      Das Buch klingt interessant, daher speichere ich es in meiner Leseliste. Dankeschön!

      Dorle und Wolf hieß der Roman, aber nachdem ich die Inhaltsangabe nochmal gelesen habe, bin ich der Meinung, dass ich noch eine andere Geschichte gedanklich verschmolzen habe, da ich eine Spionagegeschichte in Erinnerung hatte.

  4. Katja Kubiak schreibt:

    ich habe die ersten 14 Jahre meines Lebens in der DDR verbracht. Als Kind von den damals verbotenen Zeugen Jehovas. Ich habe Sachen erlebt, die glaubt keiner der es nicht auch so erlebt hat, also die wenigsten. Vlt. mach ich mir die Mühe und schreib es nieder…

  5. Kay Radtke schreibt:

    Als späte Literaturempfehlungen von mir: Lutz Seiler „Kruso“ (Zeit kurz vor dem Mauerfall) und „Stern 111“ (direkt danach) vom selben Autor. Vieles darin hat mich an eigenes Erleben erinnert. Manches hat mir auch jetzt, 30 Jahre danach, noch eine ganz andere Sicht gegeben auf das, was ich glaubte zu erinnern.
    In dem 2008 gehypeten „Turm“ von Tellkamp konnte ich nicht viel Eigenes wiederkennen. Er beschreibt ein Paralleluniversum, das es wohl gab, aber in das ich nicht gelangt bin in meiner Studentenzeit in Dresden in den 80ern.
    Seiler ist tiefer und subtiler, für mich.

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Kay,
      nicht ist hier jemals verspätet, außer dass ich mich endlich mal für deine sehr großzügige Spende bedanke. Wirklich vielen, vielen herzlichen Dank!

      Und danke für die Empfehlungen. Schön langsam bildet sich eine ausgiebige Liste von Büchern, die ich einpacken werde, wenn ich mich mal auf die angestrebte Wanderung durch Ostdeutschland machen werden.

      Den „Turm“ habe ich damals nur kurz begonnen, aber dann wieder weggelegt. Eigentlich sollte man nie irgendwas lesen, das gehypt wird, sondern ein paar Jahre warten, um zu sehen, ob es den Test der Zeit übersteht. (Ich mache das sogar bei E-Mails so. 🙂 )

      Sehr interessant finde ich deine Bemerkung, dass du jetzt anders auf die eigene Erinnerung blickst. Hast du da konkrete Beispiele?

  6. Kay Radtke schreibt:

    Hallo Andreas,

    ich bin aufgewachsen im Süden von Berlin, im November 1989 war ich 23 Jahre alt, ein Student in Dresden. Ich hatte sehr lange Zeit Heimweh, selbst nur 1,5 Stunden mit dem Zug von zuhause entfernt (bin nicht von Natur aus ein Reisender, habe es gelernt). Nach 1995 ungefähr habe ich mich mit der damaligen Zeit nicht mehr stark beschäftigt, ich war darauf konzentriert, in Frankfurt am Main ein neues Zuhause und eine Heimat zu finden.

    Nun merke ich, dass was ich bis 1989 nur für fremd oder ‚rustikal‘ hielt, in Wahrheit einfach kaputt, schlecht und im Niedergang begriffen war. Vielen Menschen wurde materielle Dinge, die ich für ‚DDR-Standard‘ gehalten hatte, vorenthalten. Das meint nicht nur Waren usw. sondern auch Infrastruktur (die maroden Städte, die weiten schlechten Wege) und Versorgung (Ärzte, Kultur, überhaupt Dienstleistungen). Aber als junger Mensch kannte ich oft auch noch gar nicht den Bedarf an solchen Dingen, oder ahnte nicht was möglich gewesen wäre (zum Beispiel beim Zahnarzt).

    Und damit wird nicht das harsche Urteil der meisten nach 1989 und die starke Anlehnung an die politischen Kräfte des Westens, speziell die CDU, zur Abweichung von meiner ‚richtigen‘ Einschätzung, die eher links war, sondern meine persönliche Sichtweise ist beschränkt und getrübt gewesen, ich hatte ein (relativ gesehen) viel zu positives Bild von dem Land als Ganzes.
    Als Heimwehanfälliger war für mich die Ostseeküste schon sehr weit. Und ja, auch ich hatte Sehnsucht nach Orten weit draußen auf dem Meer (Greifwalder Oie zum Beispiel) und die Länder dahinter. Was ich damals aber wie den Rand meiner Welt empfand, war für viele Menschen wohl immer noch quälend mittendrin. Aber klar, auch ich wollte, dass die DDR endet – und dass es geschah, ist für mich immer noch ein Glück.

    Die Neubewertung der Vergangenheit ist natürlich nicht auf ein untergegangenes Land beschränkt. Es geschieht, wenn man älter wird und mehr eigene Eindrücke und fremde Geschichten aufgenommen hat, und nicht aufhört, über die Welt und sich selbst darin nachzudenken. Dabei helfen oft Bücher, und natürlich ein Blog wie deins. (Und da die meisten Bücher Geld kosten, ist es nur gerecht, wenn man die besten Blogs auch materiell unterstützt.)

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank für den Einblick in deine Lebensgeschichte!
      Ich habe ja immer bereut, dass ich 10 Jahre jünger bin und deshalb in dieser spannenden Zeit ab 1989 zur Passivität und zum Schulbesuch verdonnert war. Und dann bin ich 1995, nicht aus Heimatverbundenheit, sondern aus reiner Fantasielosigkeit zum Studium nach Regensburg, also 60 km von zuhause, gegangen. Ich ärgere mich immer noch, dass ich damals nicht nach Jena oder Greifswald oder Dresden gegangen bin, wo es Mitte der 1990er sicher spannender war als in Bayern.

      Aber die Zahnärzte waren 1990 übrigens auch im Westen sehr grausam! Das erste Mal, dass ich einen netten Zahnarzt mit modernem Gerät erlebte, war interessanterweise in Litauen.

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