Gefängnisse in Bolivien

Ups. Mein Touristenvisum ist abgelaufen und ich bin noch immer in Bolivien.

Also ein weiteres Land, dessen Gefängnisse ich aus erster Hand kennenlernen werde. Im Fall von Bolivien ist der Justizvollzug sogar besonders interessant.

Viele Gefängnisse in Bolivien haben nur außerhalb der Mauern Personal. Drinnen organisieren die Häftlinge alles selbst. Wie eine autonome Kleinstadt, die nur ganz selten von Wärtern oder der Polizei besucht wird.

Es herrscht eine lebendige Marktwirtschaft, denn seine Zelle muss man sich selbst mieten oder kaufen. Wer das Geld dafür nicht hat oder nicht erarbeiten kann, schläft eben auf dem Boden.

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Aber Geld zu verdienen ist kein Problem, denn Arbeit gibt es genug. Alternativ kann man seinen eigenen Laden aufmachen. Es gibt alles von Restaurants über Schreinereien bis zu einem Internet-Café. Mir bliebe wohl nichts anderes übrig, als meinen Lebensunterhalt als Englisch- oder Deutschlehrer zu verdienen. Oder die harten Jungs werden mich dafür bezahlen, dass ich Geschichten erzähle.

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Das San-Pedro-Gefängnis in La Paz wird von Coca Cola gesponsort. Ernsthaft.

Ein weiterer interessanter Aspekt bolivianischer Gefängnisse: Die Frauen und Kinder vieler Häftlinge ziehen zu diesen ins Gefängnis, so dass die Familie auch in schweren Zeiten zusammenbleibt. Der Partner und die Kinder dürfen das Gefängnis natürlich verlassen, wann immer sie wollen. Sie gehen tagsüber zur Arbeit oder in die Schule und kommen abends zurück.

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„Wenigstens haben wir eine spannende Kindheit.“

Leider Zum Glück habe ich weder Familie noch Kinder. Aber das macht nichts, denn auch Freunde können einen besuchen. Nach dieser Preisliste des Palmasola-Gefängnisses in Santa Cruz könnt Ihr für eine kleine Gebühr sogar über Nacht bleiben. Für deutsche Verhältnisse ist die Miete nicht einmal hoch. Und dazu bekommt Ihr kostenlose Konversationsübungen in Spanisch.

carcel Palmasola prices

Das San-Pedro-Gefängnis in La Paz verfügt angeblich sogar über ein oder zwei Hotels. Manche Touristen besuchen das Gefängnis mit einer geführten Tour, andere schauen vorbei, um Drogen einzukaufen. Das Gefängnis hat das beste Kokainlabor im ganzen Land.

Ihr braucht gar nicht versuchen, Euch Ausreden dafür auszudenken, warum Ihr mich nicht besucht. Es ist wirklich einfach und kein bißchen gefährlich. Wenn ein ganzes Kamerateam diese beiden deutschen Gefangenen besuchen und filmen kann, dann werdet Ihr ja wohl ein paar Bücher für mich ins Gefängnis schmuggeln können.

Aber jetzt im Ernst:

  • Diese Gefängnisse sind gefährliche Orte, an denen Mord, Vergewaltigung und Folter an der Tagesordnung sind.
  • Das hier sind drastische Beispiele, aber eigentlich ist es überall so: Gefängnisse sind eine Brutstätte für mehr Verbrechen und eine Univerität, an der Kleinkriminelle die richtig harten Dinge lernen.
  • Ich halte absolut nichts davon, wie sich der Staat hier heraushält, aber mir gefällt die Möglichkeit des Familienzusammenlebens. Das hilft bei der Resozialisierung. In anderen Ländern kann sich ein Häftling so gut führen wie er will; wenn bei seiner Entlassung die Frau abgehauen ist, dann fällt er wieder in ein tiefes Loch, gerade dann, wenn er jede erdenkliche Unterstützung gebrauchen könnte.
  • Wenn irgendjemand Freunde oder Verwandte in einem Gefängnis in Bolivien hat und meinen Besuch organisieren kann, bin ich sehr interessiert!
  • Wenn Ihr mal ein paar Wochen nichts von mir hört, wißt Ihr, wo Ihr suchen müsst.

(Read this article in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Gefängnisse in Bolivien

  1. Pingback: Prisons in Bolivia | The Happy Hermit

  2. American Viewer schreibt:

    Warum braucht man als Deutscher ein Touristen-Visum in Bolivien? Haben die Bolivianer Angst, dass Millionen Deutsche in Bolivien einfallen, dort nur von Sozialhilfe leben und das Land nie wieder verlassen? Erscheint logisch.

    • Andreas Moser schreibt:

      Man benötigt kein Visum vorab, sondern bekommt am Flughafen ein kostenloses Visum für einen Monat. Das kann man dann zweimal um jeweils einen Monat verlängern. Danach ist man illegal, so wie ich jetzt.

      Bolivien hat im 20. Jahrhundert übrigens tatsächlich eine Menge deutsche Flüchtlinge aufgenommen, und zwar zuerst Juden und später die Nazis. Und dann gibt es noch ca. 150.000 Mennoniten, eine deutschsprachige und etwas integrationsverweigernde Minderheit.

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