Auf schwimmenden Inseln im Titicaca-See

Puno, eine Kleinstadt in Peru. Gelegen auf 3827 Metern über dem Meeresspiegel. Deshalb ist es ziemlich kalt. Ich gehe mit Jacke ins Bett und morgens zum Joggen, um aufzutauen.

Den Menschen hier sind die 3827 Meter egal. Der Ozean ist weit weg. Außerdem haben sie ihr eigenes Meer, direkt vor der Haustür: den Titicaca-See. Man nennt ihn See, weil man das Wasser trinken kann, aber er ist so groß wie ein Meer. So groß wie 15 Bodenseen, drei Saarländer oder neun Berlins.

Auf der Suche nach dem Bahnhof folge ich den Eisenbahnschienen. Stattdessen komme ich zum Hafen. Macht auch nicht viel Unterschied, Dampflok oder Dampfschiff.

Eines der Schiffe will gerade ablegen. Das Schiffshorn röhrt. Ein Mann an Deck ruft mir zu: „Wollen Sie noch mitfahren?“

„Wo geht’s denn hin?“

„Zu den Uros.“

Aha. Ein schwimmender Urologenkongress also. Na gut, vielleicht kann ich eine Gratisprostatavoruntersuchung abstauben. Ich gehe an Bord, Sekunden bevor mir die Gangway unter den Füßen weggezogen wird.

Ganz gratis ist es dann doch nicht, denn Hernan, der anscheinend so etwas wie ein Reiseleiter ist, knöpft mir 70 Soles (= 15 Euro) ab. Na gut, dafür werde ich mich am Buffet satt essen.

Hernan, der Gedanken lesen kann, sagt: „Das Mittagessen auf der Insel kostet 20 Soles extra.“ Na gut, die Aussicht auf eine Insel stimmt mich spendabel. Hernan stellt mir seine Söhne vor: Lionel und Cristobal. Der Junge mit dem Fußballervornamen trägt einen Trainingsanzug mit DFB-Logo. Mit den Kindern zu reden kostet nichts extra.

Es wird ein schöner, sonniger Tag. So ein Tag, der auf Fotos viel wärmer aussieht als er in echt ist. Aber wenigstens kein Sturm. Das Schiff tuckert durch ruhiges, wellenloses Wasser. Wenn man so einen See vor der Tür hat, braucht man echt kein Meer. (Nur die Bolivianer machen immer Drama, seit sie das Meer verloren haben. Dabei gehört ihnen doch die Hälfte des Titicaca-Sees.)

Wir fahren durch Schilf. Beziehungsweise durch einen Kanal, der durch das Schilf führt. So gerade, dass er wohl künstlich angelegt wurde. Wie in Venedig.

An einem Checkpoint, der ganz aus Schilf gebastelt ist, hält das Boot kurz an. Hernan reicht einen Stapel peruanischer Soles hinunter, und wir dürfen passieren. Klar, kein Kanal ohne Kanalgebührenkassiererkontrollpunkt.

„Jetzt sind wir im Gebiet der Uros“, erklärt Hernan.

„Einst lebten sie an Land, aber als die Spanier kamen und die einheimische Bevölkerung zur Arbeit in den Silberminen zwangen, flohen die Uros aufs Wasser.“ Kann ich verstehen, seit ich selbst in einer dieser Minen war.

Sie bauten sich Schiffe aus Schilf und lebten fortan auf dem See, ungestört von den Spaniern. (Die Europäer konnten damals noch nicht schwimmen.) Nachdem sie merkten, dass die Spanier nicht so schnell wieder abzogen, bauten sie sich ganze Inseln aus Schilf. Schwimmende Inseln. Mit Schilfhütten drauf. Keine Ahnung, wie das hält, aber es sieht hübsch aus.

„Ursprünglich hatten sie eine eigene Sprache, Urukilla, das sich aber dann mit Aymara vermischt hat und schließlich ausgestorben ist“, fährt Hernan fort. Das ist traurig, aber besser es stirbt die Sprache als der Mensch. Die Römer haben auch nichts mehr vom Latein.

Andererseits, wenn mehr Menschen ausstürben, wäre es besser für die Umwelt und der Meeresspiegel wäre nicht schon auf über 3800 Meter angestiegen. Aber dafür sind die Uros die falschen Ansprechpartner. Von ihnen gibt es nämlich gar nicht so viele. Etwa 1200 Uros auf 87 Inseln, sagt Hernan.

Jetzt halte sich ihre Population konstant, weil sie pro Familie zwei bis drei Kinder haben, von denen nicht alle auf den Inseln blieben. „Vor fünzig Jahren bekam jede Familie noch eine Fußballmannschaft als Nachwuchs.“

Aha, deshalb ist der schwimmende Fußballplatz verwaist. Vielleicht traut aber auch keine gegnerische Mannschaft dem wackeligen Untergrund.

An einer relativ kleinen Insel legen wir an. Sechs einfache Hütten stehen drauf. Und ein Turm. Der dient der Kommunikation mit den anderen Inseln, mithilfe von Rauch, Flaggen und Spiegeln.

Langsam dünkt mir, dass ich auf einer schwimmenden Kaffeefahrt gelandet bin und dass die etwa 25 Passagiere jetzt die arme Familie auf ihrer kleinen Insel behelligen. Aber die Insel geht nicht unter. Der Boden ist angenehm weich und gibt bei jedem Schritt ein bisschen nach. Dazu das ganz leichte Schwanken. Ich würde mich am liebsten hinlegen und einschlafen.

Aber ich muss aufpassen, denn jetzt erklärt der Inselchef. Auf seiner Insel lebten fünf Familien. Wenn es mal zehn Familien gäbe, erklärt der vom Expansionsdrang getriebene Mann, dann müsse man neuen Lebensraum in Form einer neuen Insel schaffen.

Kein Problem, sagt er, Totora-Schilf gäbe es genug. Man hole es sich aus dem Nationalpark. Er baut ein kleines Modell einer Insel, schwuppdiwupp, so einfach gehe das. Aber weil das Wasser das Schilf angreift, müsse man die Insel alle drei Monate erneuern. Während man darauf wohnt. Das ist so, wie wenn man bei einem Auto während der Fahrt den Motor austauscht.

Apropos Auto: Der Inselchef ist ganz stolz auf seine zwei Boote. Ein kleines und ein großes, prächtiges. „Das sind mein Volkswagen und mein Mercedes-Beng“, wie er ihn nennt.

Außerdem haben sie hier Solaranlagen. Für Fernseher, Radio, Licht. Das ist auf jeden Fall schlauer, als ein Lagerfeuer anzuzünden.

Wofür das Gewehr sei, frage ich, und hoffe auf Geschichten von Piratenüberfällen oder dem Kampf gegen den Kolonialismus.

„Damit schieße ich Vögel“, sagt er martialisch. Er gefällt sich in der Rolle als Verteidiger, Beschützer, Ernährer und Anführer der kleinen Insel. Am Ende werde ich ihn nach seinem Namen fragen und bin kein wenig überrascht, dass er Adolfo heißt. Die anderen Inseln können froh sein, dass er sie noch nicht überfallen hat.

Besonders begehrt ist eine Sorte Vögel, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Wegen ihrer großen Eier. Für Omeletts. In der Ecke der Insel finde ich nur einen toten Vogel. Anscheinend verhungert. Mit einem letzten verzweifelten Schrei im Schnabel.

Als Adolfo beiläufig erwähnt, dass Schilf essbar sei, kann ich mich nicht zurückhalten. Ich hatte kein Frühstück.

Schmeckt wie Sellerie. Es wäre eintönig, aber zur Not könnte ich mich durch eine ganze Insel essen. Ups, jetzt habe ich vergessen, zwischen totem Vogel und Schilfstick die Hände zu waschen. Das passiert mir jedes Mal.

Adolfo bittet uns auf sein Boot. Das große, den „Mercedes-Beng“. Und plötzlich kommen aus allen Hütten die Kinder, die mitfahren wollen.

Ein Verkehr ist hier wie auf den Kanälen von Venedig. Und alles wegen der Touristen. Auch das wie in Venedig.

Wir setzen über zur Hauptinsel des Uro-Gebiets. Hier gibt es Läden, Restaurants, sogar Ferienwohnungen. Und für einen Sol einen Stempel im Pass. Alles auf einem wabernden Stück Schilf. Ein Sturm, und die Hauptstadt ist weg.

Außerdem gibt es hier ein öffentliches Telefon. Falls man die Kinder erreichen will, die zu weit weg für Rauchzeichen oder Spiegelsignale leben.

Rauchzeichen würde am liebsten auch Hernan geben, denn wir müssen weiter. Strenger Zeitplan. Also zurück aufs motorisierte Schiff und weiter hinaus in den See.

Ich sitze neben Ryan aus Alaska. Er ist bei den Adventisten des Siebenten Tags und zeigt mir stolz eine Schule, die seine Sekte auf einer der schwimmenden Inseln betreibt.

„Wir sind in über 200 Ländern vertreten“, sagt er stolz. „Allerdings“, fügt er verwundert hinzu, „tun wir uns leichter in ländlichen Gebieten. In den Städten können wir oft nicht richtig Fuß fassen.“ Klar, wo die Aufklärung noch nicht hingekommen ist, da kann man Geschichten von Jesus erzählen. (Wobei mir in Cochabamba, immerhin einer Millionenstadt, die benachbarte Adventistenkirche jeden Samstag versaut hat. Es war so schlimm, dass ich fast freiwillig nach Sing Sing gegangen wäre, um dem ewig gleichen Singsang zu entkommen.)

Man kann nur hoffen, dass Adolfo seine Flinte bald gegen die Eindringlinge richten wird. Die Dreistigkeit von christlichen Missionaren, in Gebieten aufzutauchen, wo die Bevölkerung von Christen abgeschlachtet, versklavt und vergewaltigt wurde, verdient wirklich eine Salve aus der Schrotflinte.

Aber Ihr wollt nicht meine bösen Tiraden hören, sondern Hernans informationsreichen Ausführungen lauschen. Also: Wir fahren zur Insel Taquile. Fast wie Tequila, aber nicht verwandt oder verschwägert.

Auf der Insel fallen als erstes die Terrassenfelder auf. Die schützen den Boden vor Erosion. Dass das funktioniert, sieht man daran, dass viele Inseln ohne Terrassierung mittlerweile verschwunden sind. Zum Beispiel Atlantis. Die Salomonen und die Malediven sind als nächstes dran.

Die Terrassen stammen noch aus der Zeit der Tiwanaku. Die regierten die Insel vor den Inka. Also eigentlich vor den Kolla, aber diese dann vor den Inka. Über die Tiwanaku könnte ich eigentlich auch mal schreiben, schließlich habe ich mal ihre Hauptstadt besucht. Die heißt auch Tiwanaku, Ihr seht sie im Südosten der obigen Landkarte. Südosten ist unten rechts. Also, wenn Ihr etwas von den Tiwanaku hören wollt, gebt Bescheid. Jetzt aber zurück nach Taquile, sonst werdet Ihr noch ganz kirre vor Ungeduld.

Taquile war der letzte Flecken Südamerikas, der von den Spaniern eingenommen wurde. Erst 1580 eroberten sie die Insel, die damals zum Inkareich gehörte. Die Spanier wollten zeigen, wer der neue Eigentümer ist, und verboten die traditionelle Inkakleidung. Stattdessen mussten sich die Bewohner der Insel wie spanische Bauern anziehen. Diese Tracht tragen sie noch immer und präsentieren sie jetzt als „traditionell“, obwohl es die aufgezwungene Kleidung der Kolonisateure war.

Kleidung ist auf Taquile auf zweierlei Art wichtig.

Zum einen lebt die Insel von der Textilproduktion. Überall sieht man Frauen und Männer weben und stricken.

Zum zweiten darf man Taquile nur mit Hut betreten. Die Torbögen, die die Zugänge zu den bewohnten Teilen der Insel bewachen, machen das unmissverständlich klar.

Die von den Taquileños getragenen Kopfbedeckungen geben allerlei Auskunft. Je nach Form, Farbe und Tragewinkel zeigen sie an, ob man ledig oder verheiratet ist. Ob man ein Baby hat. Ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen ist. Ob man ein Amt in der kommunalen Selbstverwaltung ausübt. Ob man auf der Suche nach einer Freundin ist oder nicht. Und so weiter.

Auch ich bin natürlich kultursensibel mit Hut unterwegs.

Die Insel hat einige Besonderheiten zu bieten. In den 1930er Jahren haben die Inselbewohner zusammengelegt und dem Staat das gesamte Land abgekauft. Und dann wurde das Land unter den ansässigen Familien einigermaßen gleichmäßig verteilt. Gut, das ist jetzt keine Oktoberrevolution. Aber immerhin eine kleine Landreform.

Als der Tourismus wichtiger wurde als die Landwirtschaft, setzten sich aber endlich sozialistische Ideen durch. Man organisierte sich als Genossenschaft und schwor, keine großen Restaurants oder Hotels zu bauen. Vielmehr sollte jede Familie vom Tourismus profitieren. Wenn man auf Taquile übernachten will, kommt man einfach mit dem Boot (ebenfalls von der Genossenschaft aus Taquile betrieben) und teilt an der Rezeption am Kai mit, wieviele Nächte man bleiben möchte. Dann wird man einer Familie zugewiesen, die gerade mit Beherbergen an der Reihe ist. So kommt jeder mal dran.

Auch die Läden, in denen die Textilkunst verkauft wird, gehören der Kooperative. Jeder Produzent kann dort seine Produkte anbieten. Die Preise werden gemeinsam festgelegt. Gehandelt wird nicht. Wer dabei erwischt wird, dass er sich von Touristen runterhandeln lässt, oder wer selbst einen kleinen Verkaufsstand aufbaut, dessen Produkte werden für zwei Wochen aus den Läden genommen.

Weil der Sozialismus bekanntlich bessere Menschen formt, kommen die etwa 2000 Einwohner ohne Polizei aus. Das Gefängnis steht seit 1937 leer.

Leer ist auch der Mittagstisch, denn vor dem Essen kommt die Kunst. Auftritt Ricardo. Mit Hut, mit Gitarre und mit Panflöte. Er ist anscheinend schon länger im Tourismussektor aktiv, denn er spricht ganz gut Deutsch. Oder er ist der Außenminister von Taquile, und das Musizieren ist nur sein Nebenjob. Ein Nebenjob, der, so informiert uns Hernan streng, nicht im Gesamtpreis inkludiert ist. Nachdem mein letzter Schein panflöten geht, hoffe ich inständig, dass die Rückfahrt nach Puno im Preis inbegriffen ist.

Andererseits ist es ganz schön hier. Schade, dass ich wohl nie zum Katzenhüten eingeladen werde. Denn – auch das eine Regel aus der Zeit der Tiwanaku, Kolla und Inka – Katzen und Hunde sind auf der Insel verboten. Schließlich gab es in Südamerika keine Katzen, bevor die Spanier sie mitbrachten. Wahrscheinlich gelten deshalb in Peru noch heute Katzen als Tiere, die man essen kann.

Die Rückfahrt nach Puno dauert drei Stunden. Für die Kinder bedeutet das sechs Stunden Schulweg jeden Tag. Genug Zeit für die Hausaufgaben.

Da zerreisst eine Explosion die Luft. Schwarzer Rauch steigt auf. Wahrscheinlich ein Rechenfehler bei den Chemieaufgaben.

Ich stecke die Zigarre, die ich mir gerade anzünden wollte, besser wieder weg.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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2 Antworten zu Auf schwimmenden Inseln im Titicaca-See

  1. danysobeida schreibt:

    Este relato me resulto muy ameno y divertido, debieran contratarte en el Ministerio de Turismo para promover el sector.

    • Andreas Moser schreibt:

      Si, definitivamente!
      Mi sueno es caminar por toda la costa del lago Titicaca, en los dos paises, visitar las islas, pasar tiempo con la gente vivendo ahí, grabar historias y escribir un libro sobre esta region más linda del mundo.

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