Bolivien vermisst das Meer

In jedem Land Südamerikas gibt es einen Aspekt, mit dessen Erwähnung man selbst den langatmigsten Gesprächspartner sofort zum Schweigen – und oft zum Weinen – bringen kann. In Brasilien genügt es, die Zahlenkombination 7-1 laut auszusprechen. In Bolivien lobt man die Schönheit des Landes, die Vielfalt der Natur vom Hochgebirge bis zum Amazonas, bevor man unschuldig hinzufügt: „Schade, dass Ihr das Meer nicht mehr habt.“ Der Bolivianer wird, je nach Charakter, in tränenersticktes Schluchzen, in tiefes Grübeln oder in Hasstiraden auf Chile verfallen.

Auch junge Bolivianer, die den Verlust des Meeres keinesfalls selbst erlebt haben können, sprechen über den Salpeterkrieg, wie wenn man ihnen den Zugang zum Pazifik persönlich aus den Händen gerissen hätte. In diesem Krieg, der in Bolivien nur Pazifischer Krieg heißt, kämpfte Chile auf der einen Seite gegen Peru und Bolivien auf der anderen Seite. Chile gewann den Krieg und zwackte sich von den beiden Verlierern ein schönes Stück Land ab. Peru wurde dadurch kleiner, und Bolivien hatte seine Pazifikküste verloren.

Ach ja, das ganze passierte übrigens schon zwischen 1879 und 1884.

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Bolivien hat mit dem Titicaca-See zwar ein wesentlich schöneres Gewässer als die Brühe, die vor den Küsten der anderen Länder des Kontinents tote Fische und Plastikmüll anschwappt. Aber für den Ex- und Import wäre ein gemeinsames Meer mit China wichtiger. Bolivien leidet wirtschaftlich tatsächlich unter seiner Lage als Binnenland, das einzige auf beiden amerikanischen Kontinenten (Paraguay hat über den Fluss Paraná Zugang zum Atlantik). Für jeden Rohstoffexport müssen Verträge mit den Nachbarn ausgehandelt werden, die natürlich die Preise drücken, Profit abzwacken und alles komplizierter machen. Die Schweiz und Österreich können froh sein, dass sie nichts exportieren müssen, sondern dass Schwarzgeld und Touristen ganz von selbst kommen.

In Bolivien wiegt die von den Weltmeeren abgeschiedene Lage besonders schwer, weil das Land davon lebt, Gas, Erze und Edelmetalle nach China zu verkaufen. Diese Exporte sind schwer mit dem Flugzeug zu transportieren. Auch die Kokainproduzenten hätten gerne eine Küste mit U-Boot-Häfen anstatt den Stoff durch den zika- und malariaverseuchten Dschungel karren zu müssen.

Optisch leidet Bolivien eigentlich nicht unter der Meereslosigkeit, denn die Küste um den Titicaca-See gehört zu den Schönsten Landschaften Südamerikas. Dass hier keine bekifften Surfer rumhängen ist dem Genuss nicht abträglich. Ich wage zudem die These, dass Bolivien deshalb intellektueller als die meisten Nachbarstaaten ist, weil sich Bolivianer mangels Sandstrand nicht ständig Gedanken um ihre Muskeln, Brüste, Pos und Bademode machen müssen. So bleibt mehr Zeit für Literatur und Kunst.

Dennoch, am 23. März eines jeden Jahres wird in Bolivien kollektiv gewehklagt. Am Tag des Meeres (Dia del Mar) wird die Staatsflagge durch eine maritime Version ersetzt. Durch die Straßen werden Replikas versunkener Schiffe wie sonst nur die Monstranz getragen.

Dazu spielen Militärkapellen traurige Lieder wie „Vaya, vaya, aqui no hay playa. Vamos a La Haya!“ („Oje, oje, hier gibt es keinen Strand. Wir müssen nach Den Haag!“). Im Fernsehen laufen den ganzen Tag Seefahrerfilme (Der Sturm, Titanic, Piraten der Karibik, Wickie und die starken Männer).

Irredentismus hat in Bolivien Verfassungsrang. Artikel 267 erklärt die volle Souveränität über die – geographisch nicht bestimmte – Pazifikküste zum Staatsziel. Wenn Präsident Morales ausländische Staatsoberhäupter empfängt oder besucht, schenkt er ihnen ein Buch, das den Anspruch Boliviens auf Zugang zum Pazifik erläutert. Das Geschenk wird dann wahrscheinlich dort abgelegt, wohin man die Broschüren der ähnlich hartnäckigen Zeugen Jehovas entsorgt.

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Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, unterhält Bolivien eine Marine. Nicht nur irgendeine Marine, sondern die größten Seestreitkräfte eines Binnenstaates weltweit. Mangels Meer müssen die etwa 60 Schiffe bisher im Titicaca-See herumtuckern, von wo aus niemand weiß, wie man sie im Kriegsfall zum Pazifik brächte. Vielleicht kann man sie zerlegen, mit dem Zug transportieren und wieder zusammenbauen?

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Das alles mag übertrieben erscheinen, ist aber die Reaktion auf einen strategischen Fehler im Pazifischen Krieg: Damals hatte Bolivien gar keine Marine.

An martialischen Drohungen mangelt es nicht. Am Titicaca-See befindet sich dieses Gemälde eines bolivianischen Soldaten, der einem chilenischen Soldaten das Bajonett in den Hals sticht. Darüber der Spruch „Was uns einmal gehörte wird uns wieder gehören“.

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Was wohl chilenische Touristen darüber denken?

Die Gefahr eines Krieges erscheint mir dennoch gering. Bisher beschränkt sich Morales auf große Reden: „Die ganze Welt vernimmt den berechtigten Ruf des bolivianischen Volkes nach Beseitigung dieser imperialistischen Ungerechtigkeit“ u.s.w., denn nach Morales‘ Wortwahl ist jeder und alles imperialistisch, der nicht macht, was er gerade will.

Bolivien beschränkt sich zur Freude meiner bolivianischen Anwaltskollegen auf Gerichtsprozesse. Zuerst rief Bolivien den Völkerbund, zuletzt den Internationalen Gerichtshof an (auf dem Foto nachgestellt von putzigen Kindern). Die Besessenheit mit der Pazifikküste führt dazu, dass in dem Binnenland Bolivien mehr Magister- und Doktorarbeiten über Seerecht geschrieben werden als in allen anderen Ländern Südamerikas zusammen.

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Auch wenn das für mich alles danach aussieht, wie wenn die Regierung von tatsächlichen Problemen ablenken will und alle Probleme von Infrastruktur über Bildung bis zum Wassermangel auf die „imperialistischen Chilenen“ aus dem 19. Jahrhundert schiebt (meine ungarischen Leser kennen das von den Tiraden gegen Trianon, und die älteren deutschen Leser erinnern sich daran, dass der Versailler Vertrag an allem Übel Schuld war), so hat sich der Wunsch nach dem Zugang zum Meer doch tatsächlich bei vielen Bolivianern festgesetzt.

Bücher über den Krieg des Pazifik sind der Renner. Beliebt ist die These, dass der Friedensvertrag nicht „fair“ war und dass das Land von bolivianischen Politikern verraten wurde; also die bolivianische Dolchstoßlegende.

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Wenn Bolivianer in Chile Urlaub machen, nehmen sie Fahnen mit. Dieses Ritual ist das bolivianische Äquivalent zur Pilgerfahrt nach Mekka. Einmal im Leben muss man sich das gönnen.

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Wenn jetzt der Eindruck entstanden ist, dass sich ganz Bolivien in einem nationalen, irredentistischen Rausch befände, so wäre das allerdings falsch. Wie ich schon seit einem Jahr mitzuteilen versuche, ist Bolivien ein durchweg sympathisches und humorvolles Land. Wenn man sich länger unterhält, stimmen die meisten Bolivianer zu, dass man nicht alle Kriege rückabwickeln kann. „Sonst könnten ja auch die Spanier kommen und alles wieder haben wollen.“

Ein Land, in dem sich Marineoffiziere auf Schiffen aus bemalten Bettlaken durch die Straßen fahren lassen, muss man doch irgendwie mögen.

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(Read this article in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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7 Antworten zu Bolivien vermisst das Meer

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