Vor hundert Jahren suchte man den Mittelpunkt Brasiliens – September 1922: Brasília

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Bekanntlich bin ich zur Zeit auf der Suche nach dem geographischen Mittelpunkt Europas, was mich die nächsten Monate in obskure Dörfer von der Ukraine bis nach Schweden, von Frankreich bis Belarus, von Estland bis Belgien führen wird.

„Warum macht man das?“ werden sich manche fragen, bis sie erfahren, was die noch sinnloseren Alternativen gewesen wären.

Aber so ein geographischer Mittelpunkt kann auch praktische Relevanz haben, wie wir heute anhand des Beispiels Brasilien erfahren werden. Brasilien ist, wie Deutschland, Österreich, Mexiko, die USA und eine Reihe anderer Länder, eine Bundesrepublik. Wie in vielen Bundesrepubliken sind sich die einzelnen Bundesländer/Bundesstaaten nicht ganz grün. Beziehungsweise manche sind manchen zu grün. Oder zu liberal. Oder zu konservativ. Oder zu rückständig. Oder zu urban.

Oft gehen diese Differenzen auf die Geographie zurück.

Wie zum Beispiel in Deutschland, wo Bayern darauf hinweist, dass es keine Windräder aufstellen kann (wegen der Berge), keine Solarparks bauen kann (wegen der Berge), keine Bahnlinien bauen kann (wegen Andreas Scheuer), keinen Atommüll aufnehmen kann (wegen des Tourismus) und Bundesgesetze weitgehend ignorieren kann (wegen der Tradition). Aber meckern und schimpfen, das kann Bayern.

In Brasilien gab und gibt es große Meinungsunterschiede zwischen ländlichen Regionen (wo Großgrundbesitzer sich wie Gutsherren aufspielen) und Städten (wo Menschen sich ihrer Bürgerrechte bewusst sind). Zwischen Bergbaugebieten (Minas Gerais hat die Minen schon im Namen), die Quecksilber in die Flüsse leiten, und den Kaffee-Staaten, die sauberes Wasser brauchen. Zwischen den Holzabbaustaaten und den Strandstaaten, die bei zu viel Tropenabholzung um die Touristen fürchten. Zwischen germanisch dominierten Bundesstaaten wie Santa Catarina und afrikanisch dominierten Bundesstaaten wie Bahia.

In Deutschland oder in Österreich arten diese Streitigkeiten selten aus, denn früher oder später blickt jemand auf den Globus und erkennt, dass wir absolute Bibsiländer sind. Global irrelevant. Brasilien ist 100-mal so groß wie Österreich. Und 24-mal so groß wie Deutschland.

Brasilien ist sogar älter. 1822 errang es die Unabhängigkeit von Portugal und wurde zum Kaiserreich Brasilien. Fast 50 Jahre vor der deutschen Reichsgründung.

Kaiser wurde übrigens der Sohn des portugiesischen Königs, dem es im Urlaub in Brasilien so gut gefallen hatte, dass er nicht mehr nach Portugal zurückkehren wollte. Das Kaiserreich dauerte zwei Kaiser lang, Pedro I und Pedro II, bis 1889, als ein Militärputsch die Republik einführte. (30 Jahre bevor Deutschland endlich Republik wurde.) Glücklicherweise hatte kurz vorher Kronprinzessin Isabel noch die urlaubsbedingte Abwesenheit ihres Vaters genutzt, um als Regentin die Sklaverei abzuschaffen.

Das ist mal ein sinnvoller Akt eines Thronfolgers. Nicht so dämliche Attentate wie der Österreicher in Sarajevo. Ganz zu schweigen von den Hohenzollern, die Wahlkampf für die NSDAP betrieben. Zu letzteren wird es übrigens Ende September eine lustige Veranstaltung geben, bei der wir uns endlich persönlich kennenlernen können. Kommt zahlreich und in guter Laune!

Aber zurück nach Brasilien: Weil die neue Republik eine Bundesrepublik war („die Vereinigten Staaten von Brasilien“ hießen sie offiziell), gab es Streit um die Hauptstadt. Bis dahin waren Salvador und Rio de Janeiro die Hauptstädte gewesen, jeweils für etwa 200 Jahre. Aber die waren/sind natürlich auch die Hauptstädte ihrer jeweiligen Bundesstaaten, Rio de Janeiro (jetzt meine ich den gleichnamigen Bundesstaat, nicht die Stadt) bzw. Bahia.

Rio de Janeiro kenne ich nicht persönlich. Ich bin kein Fan solch großer Städte. Aber in Salvador sieht man, dass es einmal Hauptstadt war. Allerdings merkt man auch, dass diese Epoche seit 1763 vorüber ist. Langsam blättert die Farbe vom Putz, die Bäumchen wachsen aus dem Dach, und die Geschichte wird vergessen. Bis dieser Blog sie wieder zum Leben erweckt.

Links neben dem Haus auf dem letzten Bild habe ich übrigens gewohnt. War günstig.

Weil Rio de Janeiro, Salvador, São Paulo und viele andere Städte sich um die Hauptstadtwürde stritten, fragte man, wen man im Streitfall immer fragen sollte: die Juristen. Die schrieben 1891 in die Verfassung, dass eine neue Hauptstadt auf neutralem Gebiet errichtet werden sollte, das zu keinem Bundesland gehört. Das ist eine bewährte Lösung. So entstanden zum Beispiel Canberra in Australien oder Washington in den USA, die ebenfalls zu keinem der Bundesstaaten gehören.

Und wo sollte diese neue Hauptstadt sein?

Na klar, genau in der Mitte des Landes.

Was die Juristen nicht wussten, weil sie, anders als ich, keine welt- oder zumindest brasilienreisenden Juristen waren: In der Mitte Brasiliens sieht es so aus.

Wer natürlich immer in Florianópolis, Blumenau oder Pomerode rumhängt, kann sich das gar nicht vorstellen. So machte sich die Mittelpunktfindungskommission an die Arbeit, was dadurch erschwert wurde, dass Brasilien immer mal wieder seine Nachbarstaaten überfiel und von Paraguay, Uruguay, Ecuador, Kolumbien und Bolivien Land abzwackte. (Besonders tragisch war das für Bolivien, das im Laufe seines langen Lebens ständig Land und sogar das Meer an seine Nachbarstaaten verlor.)

Warum gerade so ein großes Land glaubt, noch mehr Land besitzen zu müssen, weiß ich nicht. Vielleicht kann Russland das beantworten.

Jedenfalls fanden die brasilianischen Geographen einen ungefähren Mittelpunkt, der natürlich mitten im Grünen und weit entfernt von allen Städten, Menschen und Politikern lag. Dort sollte die neue Hauptstadt, Brasília, entstehen. Dafür wurde, dem ursprünglichen Sinn entsprechend, ein neues Territorium erschaffen, das keinem Bundesstaat angehört, sondern direkt der Bundesregierung untersteht. So wie der District of Columbia in den USA oder das Australian Capital Territory in Australien. Wie der deutsche Föderalismus ohne so etwas auskommt, ist mir schleierhaft.

Aus der Armee meldeten sich zwei Freiwillige, um den Weg zum noch nicht existenten Brasília freizukämpfen.

Jair Bolsonaro, ein eher schlichtes Gemüt, war Feuer und Flamme: „Ich brenne diesen ganzen Scheißwald nieder!“

Cândido Rondon, indigener Abstammung, Ingenieur und Positivist, war ebenfalls begeistert: „Ich werde die Suche nach dem Mittelpunkt dazu nutzen, um nebenbei Telegraphenleitungen zu verlegen, das Land zu vermessen, bisher unbekannte im Amazonas lebende Indigene aufspüren, ihnen von den Segnungen der Republik berichten und so das Land vereinen.“

Zum Glück bekam Rondon den Auftrag.

Er zog 24 Jahre lang durch die entlegensten Gegenden Brasiliens und verlegte 4000 Meilen Telegraphenleitungen. Weil er schon dabei war, legte er die Leitungen auch nach Bolivien und Peru. Als Nachbarschaftshilfe, sozusagen. Er traf immer wieder auf indigene Gemeinschaften, für die er der erste Vertreter des brasilianischen Staates war, mit dem sie in Kontakt kamen. Bolsonaro hätte sie einfach abgeknallt; Rondon baute ein Grammophon auf und spielte ihnen die brasilianische Nationalhymne vor, um sie als gleichberechtigte Bürger in der Republik zu begrüßen. Er gründete eine Stiftung und einen Nationalpark zum Schutz der indigenen Völker und ihrer Lebensgrundlagen.

Dazwischen galt er ein paar Jahre als im Urwald verschollen, vermittelte einen Friedensschluss zwischen Kolumbien und Peru, kartographierte neu entdeckte Flüsse, sammelte Pflanzen und Tiere für die Forschung und rettete Theodore Roosevelt das Leben. Ein Mensch wie aus einem Roman.

Tragisch war nur, dass, als Rondon nach 24 Jahren Telegraphenverkabelungsmission aus dem Urwald zurückkehrte, das Radio erfunden worden war. Kaum jemand brauchte noch einen Telegraphen.

Am 7. September 1922, zum hundertjährigen Jahrestag der Unabhängigkeit Brasiliens, wurde an dem ausgemessenen Punkt der Grundstein für die neue Hauptstadt Brasília gelegt.

Und dann geschah – nichts.

Der Verfassungsauftrag, eine neue Hauptstadt zu bauen, wurde genauso ignoriert wie in Deutschland Artikel 15 des Grundgesetzes ignoriert wird.

Jahrzehntelang war Brasilien anderweitig beschäftigt. Militärputsch. Fußball-Weltmeisterschaft. Wieder ein Putsch. Karneval. Dazwischen rang Brasilien im Zweiten Weltkrieg die Nazis nieder. (Das wissen viele nicht.) Wieder Militärputsch. Bis 1956 – also 34 Jahre nach der Grundsteinlegung – endlich mit dem Bau der neuen Hauptstadt begonnen wurde. Die Stadt war mutig und modern geplant, aber leider waren die 1950er Jahre überall auf der Welt das Zeitalter des Autos. Stadtplaner dachten damals nicht an Menschen, sondern an Kraftfahrzeuge. Es gab also ewig weite Wege zwischen den Gebäuden, ausreichend Parkplätze, aber keine Straßenbahn. Erst im Jahr 2001 wurde endlich eine U-Bahn errichtet.

Wie gesagt, ganz modern. Aber irgendwie künstlich und steril, so wie die trostlosen Neubaugebiete in Berlin-Mitte oder Bremen-Überseestadt. Keine Eckkneipen, keine Spätis, keine Räume für Kultur, für ungezwungene Treffen, keine Rückzugsgebiete in überwucherten Parks, nichts, was die Seele oder das Herz berührt.

Selbst ein Militärputsch, wie 1964, sieht da irgendwie lächerlich aus.

Vielleicht war es aber auch nur ein Putsch gegen die trostlose Architektur?

Aber ich will nicht zu hart urteilen, schließlich war ich selbst noch nicht in Brasília. Wenn Ihr schon einmal dort wart, würden mich Eure Eindrücke sehr interessieren!

Oscar Niemeyer, der Architekt, sagte jedenfalls 2001: „Dieses Experiment war nicht erfolgreich.“

Aber wenn schon scheitern, dann doch bitte stilvoll. So wie in Salvador.

Übrigens, falls Euch die 34 Jahre von der Grundsteinlegung bis zum Baubeginn lange vorkommen: Die Putschisten, die 1889 den Kaiser stürzten und die Republik ausriefen, legten fairerweise fest, dass letztendlich das Volk über die Regierungsform (Monarchie oder Republik) abstimmen sollte. Dieses Referendum fand 1993 statt. Also lediglich 104 Jahre später. Die Republik gewann gegen die Monarchie mit 7:1.


Ein anderes Ereignis, das sich diesen Monat zum hundertsten Mal jährt, ist der Brand von Izmir, die Katastrophe von Smyrna.

Das wäre eine gute Gelegenheit, um die ganze osmanisch-hellenisch-türkisch-griechische Geschichte aufzurollen. Wenn sich da jemand von Euch auskennt und erzählen möchte, traut Euch! Wie Ihr seht, sind in dieser Reihe auch ungewöhnliche und persönliche Zugänge zu komplexen Themen gerne gesehen. Ebenso für Oktober 1922, wenn jemand etwas über den faschistischen Marsch auf Bozen oder auf Rom schreiben will. Oder zur Entdeckung von Tutanchamun im November 1922. Ich kann mich ja nicht überall selbst auskennen.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Vor hundert Jahren suchte man den Mittelpunkt Brasiliens – September 1922: Brasília

  1. Pingback: Vor hundert Jahren … | Der reisende Reporter

  2. Bene schreibt:

    Letztendlich haben wir mit dem Land Berlin ja sowas ähnliches. Ist zwar nicht bundesunmittelbar, aber zumindest gibt es keine (funktionierende) Ebene darunter 😬

    • Andreas Moser schreibt:

      Haha!
      Eigentlich hätten wir das Saarland dafür nehmen können, dann hätte es beim dortigen Referendum 1955 noch eine weitere Option gegeben.
      Oder vielleicht eine rotierende Hauptstadt? So wie früher die Kaiser, die umherzogen, und de Reichstage, die immer woanders waren.

    • Bene schreibt:

      Unser Bundespräsident verlagert sein Büro ja gelegentlich für ein paar Tage an andere Orte. Man müsste also einfach nur seinen aktuellen (bzw. letzten inländischen) Aufenthaltsort als Hauptstadt definieren…

    • Andreas Moser schreibt:

      Oder jeden Monat neu auslosen. In einer großen Fernsehshow.

      Wenn die Bundesliga langweilig ist, dann muss eben die Politik für Abwechslung sorgen!

  3. Pingback: One Hundred Years Ago, they were looking for the Center of Brazil – September 1922: Brasília | The Happy Hermit

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