Meine Nachbarschaft in Salvador, Brasilien

Die meisten Touristen, die es nach Salvador, die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Bahia, verschlägt, besuchen nur Pelourinho, das restaurierte und herausgeputzte historische Zentrum. Dort haben die meisten der alten portugiesischen Häuser einen neuen Anstrich verpasst bekommen, die Straßen wurden ausgebessert, und zur Erbauung des Sicherheitsgefühls der Touristen tummelt sich eine Menge Polizei. Ausländer, die länge hier bleiben, lassen sich meist im Bezirk Barra nieder, in der Gegend um den Leuchtturm und entlang der Strandpromenade.

Ich habe mir hingegen das Viertel Nazaré ausgesucht, das gleich neben der Altstadt liegt. Es verfügt über eine ähnliche Architektur wie Pelourinho, aber viele der Häuser sehen so aus, wie wenn nichts mehr repariert wurde seit die Portugiesen abgezogen sind.

Dies ist der Blick von meinem Balkon.

balcony view

balcony view evening

Das ist im Zentrum Salvadors, einer Stadt mit 3,3 Millionen Einwohnern, aber viele der Häuser in der Nachbarschaft sind verlassen oder verfallen. Sogar die Vegetation holt sich diesen Teil der Stadt schon wieder zurück. Und das ist nur wenige Minuten entfernt vom Zentrum des Tourismus, dort wo Ihr die Kirchtürme seht. Tolle Aussicht, aber leider bedeutet das auch, dass ich mir die ganzen Konzerte, Samba-Festivals und Trommeln anhören muss, und zwar jeden Tag und jede Nacht.

Aber jetzt kommt doch einfach mal mit auf eine Tour durch das Viertel. Dabei bleiben wir möglicherweise nicht immer ganz streng in den administrativen Grenzen von Nazaré, sondern geraten auch ein wenig in angrenzende Stadtteile.

Das ist die Rua da Poeira, die Straße, in der ich wohne.

Rua da Poeira

Das ist das Nachbarhaus.

Rua da Poeira ruins

Ich muss an dieser Stelle wahrscheinlich erwähnen, dass dies keine favela oder ein Elendsviertel ist. Dies ist ein zentral gelegenes Stadtviertel mit vielen Läden, in dem Menschen mit einfachen Jobs leben. Meine Vermieterin ist zum Beispiel Lehrerin. Es kommt mir nicht besonders gefährlich vor, obwohl sich in manchen der verlassenen Häuser vielleicht manchmal Drogenhändler aufhalten. Bei dem Haus oben erkennt Ihr die behelfsmäßige Tür aus Holzplatten. Manchmal steht sie offen, und junge Männer verbringen dann ihre Zeit in dem Haus oder sitzen auf bequemen Bürostühlen davor.

In der Straße, in der Auto parkt, kann man manchmal junge Friseure sehen. Die Kunden setzen sich auf einen Betonblock, wie man ihn für Straßensperren verwendet, und dann wird unter freiem Himmel das Haar geschnitten. Vielleicht kann ich mir dort mal meinen Bart abrasieren lassen, der sich bei der Hitze nämlich als unangenehm herausstellt.

Viele der Häuser hier stehen zum Verkauf.

for sale Rua da Poeira

Noch mehr Häuser könnte man sich einfach so unter den Nagel reissen.

closed houses Nazareempty house Rua da Poeira

Nur eine Straße weiter findet man dann schon interessante Kombinationen von alt und modern.

old and modernold and modern 2

Um Euch zu zeigen, dass das hier wirklich kein dubioses Elendsviertel ist, hier eines der wichtigsten Gerichtsgebäude, das nur ein paar Gehminuten von meiner Wohnung entfernt liegt. Meinen Juristenkollegen habe ich natürlich schon einen Besuch abgestattet, und jeder ist hilfsbereit und freundlich. Wenn ich denn mal jemanden treffe, der Englisch spricht, bekomme ich hier alle Fragen beantwortet, aber dazu mehr in einem späteren Bericht.

Forum Ruy Barbosa

Und das schöne Zentrum für portugiesische Literatur. Der Park gleich daneben dient eher als Schlafplatz für Obdachlose, vor allem so ab 18 Uhr.

Portuguese literature 1Portuguese literature 2

Natürlich gibt es auch eine Reihe an Kirchen der verschiedensten Epochen, Stile, Glaubensrichtungen und baulichen Zustände.


Auch die Historische Gesellschaft hat einen schönen Turm.

Historical society Salvador Bahia

Diese Kino scheint jedoch derzeit leider geschlossen zu sein.

cinema closed

Auf meinen Fotos sieht die Stadt leerer aus als sie ist, weil ich meist darauf achte, Menschen nicht ohne ihre Zustimmung zu fotografieren, aber in Wirklichkeit ist es sehr geschäftig und lebhaft. Und laut! Viele der Markthändler schreien ihre Angebote in die Menge, und einige Läden stellen in der Annahme, dass Lärm Kunden anlockt, riesige Lautsprecher auf.

Salvador Bar Association

street Nazare

Und zwischen dem Markttrubel und den Geschäften, die Kleidung verkaufen, die man kaum Kleidung nennen kann, findet sich dann plötzlich wieder ein Gebäude wie ein Palast. Das Eisentor ist verrostet und mit einer Kette verschlossen, die Treppe sieht nicht danach aus, dass irgendjemand sie in den letzten Jahrzehnten beschritten hat. Erst später am Abend konnte ich in zwei der Fenster im obersten Stockwerk Licht erkennen. Die Inschrift besagt, dass dies ein von Franziskanern betriebenes Heim für Arme sei, aber ich weiß nicht, ob das der derzeitigen Nutzung entspricht. Auf jeden Fall müssen diese religiösen Orden ziemlich heftiges Fundraising betrieben haben, wenn sie sich solche Paläste bauen konnten.

Lassen wir den Rundgang ausklingen mit ein paar zufällig zuammengewürfelten Eindrücken, die ich auf Spaziergängen in meiner Nachbarschaft eingefangen habe.

Oh, und Ihr müsst Euch auf jeden Fall noch die Feuerwache ansehen, die genausogut als Schloss in Disneyland herhalten könnte.

fire station bombieros Salvador

Manche meiner Leser haben geschrieben, dass sie die Fotos an Havanna in Kuba erinnern. Nachdem ich ein paar Tage zu allen Tages- und Nachtzeiten herumspaziert bin, fiel mir endlich ein, woran mich dieses Viertel in Salvador erinnert: an Mogadischu in Somalia, vor allem die kleinen Straßen wie meine, die alten Prachtbauten im Kolonialstil, der Lärm und die Gerüche.

(Read this article in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Meine Nachbarschaft in Salvador, Brasilien

  1. Pingback: My Neighborhood in Salvador, Brazil | The Happy Hermit

  2. Superlapse schreibt:

    Sehr toller und detaillierter Bericht mit sehr guten Fotos! Danke dafür.

    Ich selbst war zwar auch schon in Brasilien (habe auch Fotos auf meinem Blog. Falls es dich interessiert: https://superlapsedeluxe.wordpress.com/2015/09/11/fototagebuch-brasilien-rio-de-janeiro/ ) aber ich war nur sehr wenig abseits der Touristenorte unterwegs, sodass ich relativ wenig vom „echten“ brasilianischen Flair mitbekommen habe. Gerade wenn man sich den Unterschied zu einem Favella anschaut, liegen da ja Welten dazwischen.

    Nochmals Danke für den tollen Bericht!
    Dein Superlapse

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!
      Und danke für Deine Fotos. Ich selbst werde gar nicht nach Rio kommen, weil große Städte nicht so meine Sache sind. Für die nächsten drei Wochen werde ich im Nationalpark Chapada Diamantina sein, um nach der Großstadt und dem Trubel wieder etwas Ruhe zu bekommen.

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