Ein neues Zuhause in Chemnitz

To the English version.

Seit August wohne ich in Chemnitz, das den älteren unter uns noch als Karl-Marx-Stadt in Erinnerung ist. Sowohl außer- aber überraschenderweise auch innerhalb der Stadt führt diese Nachricht meist zu einem entgeisterten „Warum Chemnitz??“

Nachdem ich jetzt schon etwa hundertmal erklärt habe, weshalb ich mich gerade, ausgerechnet und bewusst in Chemnitz niedergelassen habe, kam mir endlich ein naheliegender Gedanke. Ich habe ja diesen kleinen Blog, der sowieso schon viel zu viel Persönliches von mir preisgibt. Und da kann ich die Gedankengänge, die zur Wahl von Chemnitz als Lebensmittelpunkt geführt haben, einfach aufzählen und fürderhin bequem, gemütlich und galant auf diesen Artikel verweisen, wenn ich zum hundertersten und fortfolgenden Male gefragt werde.

Zuerst sei daran erinnert, wie und wo ich die vergangenen Jahre gelebt habe:

Heute hier, morgen dort. Ein Leben aus dem Rucksack. Ohne materiellen und persönlichen Ballast. Nicht wissen, wo man in zwei Monaten sein wird, ist für mich der Inbegriff von Freiheit.

Aber so schön das Herumvagabundieren ist, es hat auch seine Schattenseiten.

Nein, ich meine nicht diesen angenehmen Schatten, den der märchenhafte deutsche Wald auf den müden Wandersmann wirft.

Am meisten gelitten unter dem unsteten Lebenswandel hat mein Geschichtsstudium. So lehrreich es ist, alle paar Monate woanders zu sein und sich in die dortige Geschichte zu vertiefen, so interessant die Museen in Bogotá und die Archive in Montenegro sind, so wenig kann ich eine Hausarbeit schreiben, wenn ich ständig auf dem Sprung bin und immer nur wenige Bücher mitnehmen kann. Angeblich gibt es schon Bibliotheken im Interweb, aber ich bin halt eher der altmodische Lerntyp.

In der Online-Bibliothek gibt es außerdem kein Bier.

Auch die Arbeit als Haus- und Katzensitter, die mich von Spanien bis Stockholm, von Kanada bis Kiew an viele interessante Orte gebracht und mir die Aufwendungen für Miete erspart hat, habe ich jetzt schon wieder fünf Jahre gemacht. Wie Ihr wisst, bin ich der Meinung, dass ein gesunder Lebenswandel unbedingt erfordert, alle 5 bis 7 Jahre etwas vollständig Neues anzufangen.

Und schließlich habe ich die letzten Jahre so viel Gastfreundschaft genossen, dass ich endlich etwas davon zurückgeben will. Ich bin beim Couchsurfing immer lieber Gastgeber als Gast gewesen und wollte gerne wieder eine Wohnung haben, wo Freunde und Fremde für ein paar Tage vorbeikommen und Geschichten (und Schnaps) aus aller Welt mitbringen.

hiking with Matt and Hunter
Die beiden Jungs aus Virginia brachten sogar Zigarren mit. Top!

Die Entscheidung, in welchem Land ich mich niederlasse, fiel zwangsweise leicht: Zwar wären Rumänien, Bolivien oder Abchasien für mich interessanter als Deutschland.

Aber leider habe ich nichts Praktisches wie Maler oder Schreiner oder LKW-Fahrer gelernt, von dem man überall auf der Welt leben könnte. Weil ich nicht so gute Noten hatte, musste ich auf die Rechtswissenschaftliche Fakultät, von der ich mit zwei lausigen Juristischen Staatsexamen entlassen wurde. Immer wenn ich damit zum Hafen in Piräus, in Odessa oder in Daressalam gegangen bin und auf einem Schiff anheuern wollte, wurde ich verspottet. „Der kann ja nicht einmal einen Topsegelschotstek„, lachten die Matrosen und zeigten keinerlei Interesse an einem Vortrag über die Geschichte des Seerechts.

Also musste ich wieder nach Deutschland ziehen, dem einzigen Land, in dem ich als Rechtsanwalt arbeiten kann. (Die wenigen deutschen Juristen, die im Ausland arbeiten, machen so dubiose Sachen wie Steuerhinterziehung auf karibischen Inseln. Das ist nichts für mich.)

Außerdem sind karibische Inseln langweilig. (Hier Sint Maarten / Saint Martin, aber die sehen alle gleich aus.)

Wenn schon Deutschland, dann aber bitte eine Region, die ich vorher noch überhaupt nicht kannte. Auch beim Weltreisen hat mir das immer am besten gefallen, wenn man wo neu ankommt, nichts und niemanden kennt, bei Null anfängt und sich neue Freundschaften und Kontakte aufbauen muss. Wenn ich zu lange an einem Ort bin und verstehe, wie alles läuft, dann fühle ich mich irgendwie unterfordert.

Nachdem ich schon oft kritisiert habe, wie wenig sich die Westdeutschen für Ostdeutschland interessieren, und weil ich finde, dass die Verwirklichung der deutschen Einheit in der Verantwortung eines jeden einzelnen Bürgers liegt, war eine Entscheidung klar: Als Wessi würde ich auf jeden Fall nach Ostdeutschland ziehen. Und zwar richtig Ostdeutschland, nicht Berlin oder Potsdam oder wo sonst die Westmillionäre sich einkaufen.

Weil ich flache Landschaften fade finde, schieden Mecklenburg-Vorpommern und eigentlich alles nördlich von Leipzig aus. Ich verstehe schon, dass ebene Felder praktisch sind für den Anbau von Mais, für Traktorenwettrennen und fürs Bruttosozialprodukt. Aber ich bin bin eher Landstreicher als Landwirt, und deshalb brauche ich Berge.

Außerdem wollte ich in eine mittelgroße Stadt. Nichts gegen Großstädte, aber wenn man hauptsächlich Studieren und Schreiben will, dann lockt in Leipzig oder Dresden zu viel Abwechslung. Zu klein darf es aber auch nicht sein. Annaberg-Buchholz und Bad Schandau sind schon putzig, aber da hat man nach ein paar Monaten das Gefühl, nichts Neues mehr entdecken zu können. Görlitz ist wunderbar, aber seit dem weitgehenden Verlust Schlesiens einfach zu sehr Randlage. Da lohnt sich das Deutschlandticket kaum, und für Polnisch fehlt mir das Talent. Außerdem sollte die Stadt mindestens eine Universität haben, und zwar eine richtige, nicht nur einzelne Fakultäten wie in Freiberg oder Tharandt.

Immer wieder kam mir Chemnitz in den Sinn, weil die Stadt schon seit ihrer Wahl zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 in meinem Hinterkopf waberte. 2025 ist, wenn ich richtig gerechnet habe, in zwei Jahren. Und weil ich für mindestens drei Jahre sesshaft bleiben will, passt das ganz wunderbar. So bekomme ich das ganze Programm mit, von den hektischen Vorbereitungen, den Milliardeninvestitionen, dem Besucheranstrom aus aller Welt und anschließend den erneuten Fall in die Bedeutungslosigkeit. Oder hoffentlich etwas Nachhaltigeres. Jedenfalls kann das spannend werden!

Ich bin in meinem Leben schon so oft umgezogen, und meist habe ich einfach übers Internet eine Wohnung gemietet, ohne dass ich die Stadt oder auch nur das Land vorher kannte. Das hat manchmal super funktioniert, manchmal weniger gut.

Diesmal wollte ich es richtig professionell angehen und dachte: „Ich fahre nach Chemnitz, laufe einen Tag ziellos durch die Stadt und sehe, wie ich mich fühle.“ Ich finde das viel aussagekräftiger, als wenn Leute Statistiken wälzen, welche Stadt angeblich lebenswert wäre, wo das Klima am besten und die Umweltverschmutzung am niedrigsten ist, wo man am meisten verdient und am wenigsten Miete zahlt. Obwohl letzteres tatsächlich für Chemnitz spricht, aber dazu später mehr.

Schon die Zugfahrt von Leipzig nach Chemnitz ist eine Wucht: Über waghalsige Viadukte nähert man sich der immer wilder und romantischer werdenden Landschaft. In den alten Zügen, mit dem gemütlichen Sechserabteil, wo man jedes Mal neue Bekanntschaften schließt und in denen man noch die Fenster öffnen und mit der Dampflok um die Wette rauchen kann.

Wenn man in Chemnitz ankommt, ist die erste Frage: „Wo ist denn jetzt die Stadt?“ Anders als beispielsweise in Köln, wo einen gleich beim Aussteigen aus dem Hauptbahnhof der blöde Dom erschlägt, tritt man hier unter ein freies Firmament.

Ich fühle mich von Anfang an wohl in Chemnitz, aber es dauert ein bisschen, bis ich verstehe, warum: In dieser Stadt ist man nirgendwo eingeengt. Es gibt keine verwinkelten Gassen, keine dunklen Ecken und keine tiefen Hochhausschluchten. Die Straßen sind so breit wie die Champs Élysées. Mindestens. Wohin man auch geht, überall fühlt es sich frei, offen, weit und luftig an.

Ich habe einen Standard-Test: Wenn ich mitten am Tag bei rot über die Hauptstraße gehen kann, ohne überfahren zu werden, dann gefällt mir die Stadt. (Wenn nein, dann nicht.)

Es mag auch andere Städte geben, in denen man dieses Gefühl von Freiheit im öffentlichen Raum genießt. Das wunderschöne Eisenhüttenstadt zum Beispiel. Aber dort wohnt ja niemand mehr. In Chemnitz hingegen leben 250.000 Menschen. In dieser Größenordnung solch eine großzügige Stadtplanung hinzubekommen, das ist absolute Weltklasse. Damit steht Chemnitz architektonisch in einer Reihe mit Minsk, Pjöngjang oder Brasília.

Manche Leute fühlen sich in solchen Weiten wie Mongolei, Atacama oder Chemnitz verloren. Mir gefällt es. Wer die Ruhe und Weite sucht, muss also nicht mehr die beschwerliche Reise zum Nordkap oder nach Alaska auf sich nehmen. Steigt einfach in den Bus nach Chemnitz und wähnt Euch in einer Stadt, die ganz allein für Euch erbaut wurde.

Und wenn Ihr bei der Ankunft denkt „wow, was für ein futuristischer Omnibusbahnhof“, dann seid Ihr schon in der richtigen Stimmung für einen Rundgang durch die Stadt der Moderne. Mit Architektur, wie man sie sonst nur aus Science-Fiction-Filmen und aus Jugoslawien kennt.

Der historischen Fairness halber muss erwähnt werden, dass Chemnitz nicht ganz freiwillig so modern geworden ist, wie es sich heute zeigt. Vielmehr bedurfte es der städteplanerischen Nachhilfe der alliierten Luftstreitkräfte, die Chemnitz 1945 die Chance auf einen Neubeginn verschafften.

Die damit beabsichtigte Entnazifizierung gelang langfristig leider nicht. Aber architektonisch ist Chemnitz aus diesen Ruinen auferstanden wie einst Karl Marx aus der Asche. Insbesondere entlang der Straße der Nationen, einer wahren Prachtstraße, um die uns Weltstädte wie New York, Paris oder Buenos Aires beneiden würden, wenn sie je davon gehört hätten, fühlt man sich in die 1950er und 1960er Jahre zurückversetzt. (Buenos Aires ist sowieso nicht gut auf Chemnitz zu sprechen, nachdem herauskam, dass der Tango eigentlich aus Chemnitz stammt.)

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Vielleicht ist das nicht „schön“ im klassisch-kitschigen Sinne, so wie Rothenburg oder Marienbad schön sind. Aber ich finde es phantastisch, dass ganze Straßenzüge jene Zeit konservieren, bis hin zu den Schriftzügen an den Cafés, Hotels und Buchhandlungen. Ein Spaziergang durch Chemnitz ist wie das Gefühl, wenn man in einem Antiquariat eine Kiste mit alten, vergilbten Postkarten findet, die einen an die Kindheit erinnern.

Ostmoderne heißt das hier, obwohl in jener euphorischen Zeit des Atomzeitalters im Westen ähnlich gebaut wurde. Nur wurde es dort nach 30 Jahren wieder abgerissen, weil der Kapitalismus laut Schumpeter immer alles zerstören muss.

Chemnitz war sogar schon modern, bevor es 1953 zu Karl-Marx-Stadt wurde. Ich weiß gar nicht, wieso Dessau und Weimar und Tel Aviv so mit dem Bauhaus angeben, und Chemnitz immer übersehen wird. Wenn Ihr die Architektur der Moderne, das Neue Bauen, das Bauhaus, die Neue Sachlichkeit aber auch den Gemeindebau, wie Ihr ihn aus Wien kennt, erleben wollt, dann werdet Ihr auf einem Spaziergang durch Chemnitz etliche Kleinode erblicken.

Beziehungsweise, und da muss ich gleich eine Besonderheit von Chemnitz ansprechen, während eines Spaziergangs werdet Ihr fast nichts sehen. Das ist vermutlich der Grund, warum viele Menschen, die nur für ein paar Stunden auf der Durchreise sind, enttäuscht weiterziehen. Denn Chemnitz ist riesig! 221 Quadratkilometer, genauso groß wie Bukarest, Amsterdam oder Düsseldorf. Größer als Stuttgart, Hannover, Stockholm, Helsinki, Nürnberg, Mailand, Kopenhagen oder Lissabon. Mehr als doppelt so groß wie Paris! Und das sind ja auch keine Städte, wo man mal zwei Stunden herumläuft und dann glaubt, alles gesehen zu haben.

Ich gehe jeden Tag spazieren, schon um die Luft dieser Industriestadt mit feinstem Zigarrenduft zu verfeinern. Und nach sechs Monaten in Chemnitz entdecke ich noch immer vollkommen neue Stadtviertel.

Außerdem ist Chemnitz wunderbar grün. Der Schlossteich oder der Stadtpark entlang des gleichnamigen Flusses laden zum Flanieren ein. Die Friedhöfe und der Park der Opfer des Faschismus laden zum Nachdenken über die Geschichte ein.

Im Zeisigwald findet man auf stundenlangen Wanderungen alte Vulkankegel, versteckte Seen und schattige Biergärten.

Im Küchwald mit Pioniereisenbahn, Freilichtbühne und Raumfahrtzentrum fühlt man sich wie in Akademgorodok. Oder zumindest wie im Vingis-Park in Vilnius.

Und die Vororte haben sowieso alle ihren eigenen Charakter. Rabenstein mit der Burg. Klaffenbach mit dem Wasserschloss. Einsiedel mit der Brauerei. Der Adelsberg mit dem markanten Aussichtsturm.

Überhaupt könnte ich über die ganze Region ins Schwärmen geraten, über die Burgen und Schlösser, die endlosen Wälder und das Zschopautal. Die Region wird in das Kulturhauptstadtjahr 2025 mit einbezogen, so dass man vor Ausflugs- und Wanderideen schier untergeht. Langweilig wird es hier nicht, und das Deutschlandticket wird voll genutzt.

Aber für heute will ich bei Chemnitz selbst bleiben.

Nichtsahnend, wo das eigentliche Zentrum liegt, bin ich beim ersten Besuch falsch abgebogen und auf dem Sonnenberg gelandet. Das ist ein wunderbares Gründerzeitviertel, und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Jedes Haus ein Schmuckstück, mit aufwendigen Giebeln, bunt und farbenfroh, mit Deckengemälden und Stuck in den Eingängen. Wie in Sankt Petersburg vor der Revolution, falls sich noch jemand erinnert.

Und das Beste, zumindest für Menschen wie mich, die eine Wohnung suchen: Noch in keiner anderen Stadt dieser Größe habe ich so viele „zu vermieten“-Zettel in den Fenstern gesehen. Der gesamte Wohnungsmarkt steht hier Kopf. Das ist wirklich angenehm im Vergleich zu Metropolen wie Berlin oder München, wo sich fast alle Gespräche nur mehr um Wuchermieten und Immobilienhaie drehen. In Chemnitz kann man währenddessen für unter 5 Euro pro Quadratmeter ganz entspannt leben.

So eine riesige Wohnung hätte ich mir sonst nirgendwo leisten können.

Das Mantra, dass man die Wohnungsnot nur durch Bauen, Bauen, Bauen lösen könne, gerät hier ins Wanken. Vielleicht haben wir ausreichend Wohnraum, aber ein Verteilungsproblem. Gerade bei Leuten, die von zuhause arbeiten, oder bei Studenten verstehe ich nicht, wieso man unbedingt in München oder Frankfurt wohnen will, wo ein Großteil der Lebenszeit drauf geht, um den Reichtum des Vermieters zu mehren. Schlaue Studenten gehen nach Chemnitz, Cottbus oder Halle, haben ein entspanntes Leben und immer genug Geld für Partys und Interrail in der Tasche. (Und ja, ich habe selbst in der Provinz studiert: Regensburg, Milton Keynes und Hagen.)

In Chemnitz gibt es zudem noch Tausende, ja Zehntausende an Wohnungen, Häusern und Palästen, in die man ohne Mietvertrag einziehen kann.

Gerade der Sonnenberg erinnert mich schon sehr an die Bronx. Abbruchhäuser. Crack-Häuser. Menschen, die im Sommer ihr Wohnzimmer auf die Straße verlegen. Die stets leicht alkoholisierten Männer vor dem Ghetto-Netto stehen zwar nicht um brennende Ölfässer herum, aber sie zünden Pappkartons an und verwenden einen umgedrehten Einkaufswagen als Grill. Und wer am Morgen als erster aus dem Haus geht, stolpert über Schnaps- und andere Leichen.

Wer es etwas gediegener haben möchte (und wer horrende Mieten von bis zu 6,50 Euro pro Quadratmeter bezahlen kann), der zieht auf den Kaßberg. Das ist eines der größten zusammenhängenden Gründerzeit- und Jugendstilviertel Europas. Sehr nobel.

Mir persönlich wäre das zu bourgeois. Da wohnt man wahrscheinlich neben lauter Rechtsanwälten und so Schnöseln. Die ersten drei Monate habe ich in der Wohnung eines Bekannten auf dem Sonnenberg gewohnt. Einerseits eine wirklich spannende Gegend, da hätte ich sicher eine Menge Mandanten gefunden. Aber weil ich lieber studiere und schreibe, als zu arbeiten, war es mir dann doch wichtiger, ein ruhiges Plätzchen zu finden.

Also bin ins Yorckgebiet gezogen. Das hat so einen schönen Osteuropa-Charme, mit Plattenbauten, Kleingartenkolonien und Garagensiedlungen, was nostalgische Reminiszenzen an meine Zeit in Vilnius, in Targu Mureș und in Kiew weckt.

Beim Anblick der prächtigen Häuser auf dem Kaßberg habt Ihr wahrscheinlich schon gedacht: Chemnitz muss mal richtig reich gewesen sein! In der Tat. Eisenbahnbau, Maschinenbau und Textilindustrie machten Chemnitz um 1900 zu der Stadt mit dem höchsten Gewerbesteueraufkommen im Deutschen Reich. „Sächsisches Manchester“ wurde die Stadt genannt, aber auch „Ruß-Chemnitz“.

Ernst Ludwig Kirchner: Chemnitzer Fabriken (1926)

Für Freunde der Industriegeschichte ist Chemnitz ein Paradies. Viele der Fabrikgebäude stehen leer und warten darauf, von „Lost Places“-Fotografen entdeckt zu werden. Andere werden kreativ nachgenutzt, zum Beispiel für das Staatsarchiv, das Stasi-Unterlagen-Archiv, die Universitätsbibliothek oder eine Kaffeerösterei.

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Wenn man den kurzen Weg von den alten Fabrikgebäuden zum Karl-Marx-Monument geht, kann man auf den Gedanken verfallen, Chemnitz sei das Produkt einer unüberlegten, aber dafür umso intensiveren und durchaus aufrichtigen Affäre zwischen Detroit und Pjöngjang. Und ich meine das als Kompliment, denn so eine einmalige Kombination muss man erst einmal hinbekommen.

Aber auch diejenigen, die eher traditionelle Stadtansichten schätzen, kommen in Chemnitz auf ihre Kosten:

Ich mag Städte, die in der zweiten Reihe stehen und die oft übersehen werden. Nicht umsonst waren Targu Mureș und Cochabamba neben Vilnius bisher die Städte, in denen ich mich am wohlsten gefühlt habe. Sehr sympathisch finde ich auch, wenn die Bewohner sich selbst und ihre Stadt nicht ganz so wichtig nehmen und nicht ständig herumposaunen, dass sie in der schönsten Stadt der Welt wohnen, egal ob berechtigt (Rom) oder unberechtigt (München).

In Chemnitz tendieren die Leute eher zum gegenteiligen Extrem.

Wenn ich die Stadt lobe und erzähle, wie gut es mir gefällt, folgt im besten Fall ein zweifelnder Gesichtsausdruck und die Frage, ob ich sie verarschen wolle. Im schlimmsten Fall kommt eine pauschale Aussage wie „Chemnitz ist eine Scheißstadt“, in einer Art vorgetragen, die keinen Widerspruch duldet.

Stets unermüdlich für die Freiheit des Wortes kämpfend, widerspreche ich trotzdem und zähle einige der Vorteile und lieblichen Seiten von Chemnitz auf. Daraufhin überlegt der Chemnitzer kurz und sagt so etwas wie „wir haben nicht einmal einen Strand“, „unser Fußballverein spielt nur Regionalliga“, „gestern kam der Bus nach Hilbersdorf fünf Minuten zu spät, das Land geht total vor die Hunde“ und – ganz beliebt – „ach, das mit der Kulturhauptstadt wird sowieso nichts“.

Man merkt dann schnell, dass es bei solchen Leuten überhaupt nicht um Chemnitz geht, sondern gegen alles und jeden, gegen die Energiewende und den Rundfunkbeitrag, gegen Ausländer und Schwiegereltern, gegen die Stadt und den Erdkreis. Solche Leute wären anderswo auch nicht glücklicher. Warum es gerade in Chemnitz mehr griesgrämige Grundstimmung als anderswo gibt, das kann ich noch nicht sagen. Jedenfalls fällt man hier echt auf, wenn man nur normal gut gelaunt ist und lächelnd durch die Stadt spaziert.

So wird es aus Chemnitz und aus dem Erzgebirge über die nächsten Jahre immer mal wieder etwas zu berichten geben. Und für diejenigen, die diesen Blog lieber wegen der Weltreisen lesen, macht Euch keine Sorgen! Ich habe noch Hunderte von Geschichten auf Lager, von Abchasien bis zu den Azoren, von Estland bis Ecuador, von Schweden bis Sizilien. Und genau aus dem Grund, diese Erinnerungen endlich zu Papier zu bringen, wollte ich mich schließlich für ein paar Jahre an einem Ort niederlassen.

Die Wohnung habe ich allein wegen dieses Blicks vom Schreibtisch gewählt.

Außerdem geht das Projekt „Reise zum Mittelpunkt Europas“ weiter. Zudem habe ich noch ein Projekt zu den Europäischen Kulturhauptstädten im Kopf. Wie immer zu viele Ideen, zu wenig Zeit. Bitte drückt mir die Daumen, dass sich die Menschen gut vertragen und ihre Probleme selbst lösen, so dass ich wenig Arbeit als Rechtsanwalt und viel Zeit zum Schreiben haben werde.

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Über Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
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87 Antworten zu Ein neues Zuhause in Chemnitz

  1. Anonymous schreibt:

    Sehr fein geschrieben. Und ja, es gibt die typische, schlecht gelaunte Chemnitzer Fresse 🙂

  2. Stefan schreibt:

    Hallo Andreas,
    ein sehr schön Text. Deine Beschreibungen haben mich Dresdner durchaus positiv überrascht ;). Ja in Sachsen hat Chemnitz, was den Ruf angeht, schon immer einen schweren Stand; der Dialekt ist noch spezieller, die Leute griesgrämiger und es ist für eine relativ große Stadt wenig los.
    Das ist nach den langjährigen Erkenntnissen zweier dort wohnender Freunde von mir wirklich etwas das Problem: Chemnitz ist zwar keine Kleinstadt, aber gerade nicht groß genug, um mehr in Richtung Kultur, Gastronomie etc zu bieten. Quasi genau unter der Schwelle;). Und durch die Weite (eine schöne Erkenntnis deines Textes) sieht die Stadt eben immer etwas leer aus. Aber gut – um in Ruhe zu studieren, ist das womöglich genau richtig. Viele Grüße, Stefan

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich höre hier auch oft, dass sich die Leute mit Dresden und Leipzig vergleichen und dann sagen „boh, hier ist nichts los“ oder „Dresden ist viel schöner“.
      Aber man ist halt auch in einer Stunde in beiden Städten, und jeden Abend geht man jetzt ja doch nicht auf Veranstaltungen oder Konzerte oder Lesungen. (Und es ist ja nicht so, dass in Chemnitz gar nichts los wäre.)

      Aber es stimmt schon, durch die Weite fühlt es sich leerer an. Das ist die Schattenseite der Freiheit und Luftigkeit.
      Ich gehe manchmal zum Lernen in die Unibibliothek und bin immer erstaunt, wie wenige Studenten dort sind. (Mir bereitet das immer gleich Angst, dass es jemandem in der Univerwaltung auffällt und sie die Bibliothek schließen. 😀 )

  3. Anetts Bücherwelt schreibt:

    Was für ein toller Beitrag zu Chemnitz 🧡
    Ich lebe gern hier und verteidige die Stadt immer mal wieder, hadere aber auch immer wieder mit ihr.
    Aber dein Blick auf die Stadt und die wunderschönen Fotos finde ich großartig!
    Liebe Grüße Anett.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!
      Ich habe mit dem Niederschreiben der bisher nur ersten, flüchtigen Eindrücke extra gewartet, um zu sehen, ob die anfängliche Euphorie verfliegt. Aber jetzt bin ich schon sechs Monate hier und fühle mich richtig wohl.
      Ein Hoch auf die Kulturhauptstadt schon deshalb, weil ich sonst vielleicht nie an Chemnitz gedacht hätte!

  4. gorgeousgudrun schreibt:

    Hallo Herr Moser, Ganz herzlichen Dank für die Berichte von unterwegs und den Blog, auf dem ich jetzt im Winter sicher noch länger stöbern werde.

    Das klingt alles sehr interessant. Ich bin selbst so eine Neugierige, die gern herumbummelt, i.d.R. per Fahrrad, da ich weniger gut laufen kann. Und als Wessi verstehe ich auch nicht, warum es hier immer noch Leute gibt, die niemals in die sog. FNL fahren – nach einer spontanen Busreise nach Leipzig 1990 während des Wahlkampfs um die letzte DDR-Regierung bin ich in alle paar Jahre da und erfahre sowohl die Veränderungen als auch den Spirit dieser Stadt. Eins meiner Radreiseprojekte heißt „Rund um Deutschland“. Es begann im ersten Urlaub 2008 in Basel, dann pendelte ich zwischen Schwarzwald und Elsass, z.Bl Müllheim – Neuf-Brisach – Emmendingen – Strasbourg, später an Mosel, Our etc, entlang, durch den deutschsprachigen belgischen Kanton und im Norden durch die emsländischen und ostfriesischen Städte, aber auch in die niederlind. Festung Bourtange, von Cuxhaven per Boot nach Helgoland. So begebe ich mich immer wieder über die Grenzen in die Nachbarländer, auch übers Wasser (in späteren Jahren DK, N, S und Polen. Zwischendurch gabs andere Projekte, ein Kulturhauptstadtjahr bei uns im Ruhrpott (2010- da war was los!), eins in Wroclaw 2026 (aber da war nicht viel los, hab ein bisschen „Ahnenforschung“ betrieben), aber immerhin habe ich es an der Oder von Swinemünde über Szczecin/Stettin nach Schwedt geschafft.

    Ihre Berichte aus EISENHÜTTENSTADT und jetzt aus CHEMNITZ mach mic neugierig: vermutlich muss ich auch noch mal Schleifen zu den polnischen Nachbarn, aber auch ins Sächsische hinein drehen….

    Gudrun Fürtges, Mülheim an der Ruhr

    >

    • Andreas Moser schreibt:

      So Riesen- und Langzeitprojekte finde ich hervorragend. Da hat man immer etwas zu tun, und wenn man nach Hause kommt, freut man sich schon auf die nächste Etappe.

      Gerade wenn Sie lieber Fahrrad fahren, eignet sich ja der Oder-Neiße-Radweg. Da kommen Sie durch Eisenhüttenstadt (und Kloster Neuzelle ganz in der Nähe, ein vollkommen deplatziert wirkendes barockes Kloster) sowie durch Guben und Görlitz, zwei sehr interessante deutsch-polnische Städte.

      Im Erzgebirge oder gar in der Sächsischen Schweiz wird es dann schon hügeliger, da weiß ich als Nichtfahrradfahrer gar nicht, wie das machbar ist.

      Ach ja, und diesen Sommer war ich in Sachsen-Anhalt beim Bundesradfahrerdenkmal: https://andreas-moser.blog/2023/07/01/bad-schmiedeberg/ Ich glaube, da muss man als Fahrradfahrerin unbedingt hin. 😉

  5. Anonymous schreibt:

    Hallo Andreas,

    du hast meine Heimatstadt sehr schön beschrieben, so wie ich das immer in Hamburg mache.
    Auch ich plane in demnächst mich wieder auf die Reise nach Chemnitz zu begeben und in naher Zukunft zu meinen Wurzeln heimzukehren. Genau wie du es beschreibst – es ist die Weite, die Natur, die Berge- all das sind Gründe, warum ich in Chemnitz „erden“ kann und dem Großstadtmoloch Hamburg entfliehen kann.
    Danke für deine Lobeshymne!!
    Weihnachtliche Grüße,
    Monika Zschorn

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich finde den Norden durchaus interessant, aber wenn man aus der Stadt spaziert und den ganzen Tag nur ebenerdig wandelt (oder vom Wind hin- und hergeweht wird), dann fehlt mir irgendwas.

      Zumindest für mich gilt: Im Hügelland oder im Gebirge wohnen, ans Meer für kurze Besuche.

  6. elkeunterwegs schreibt:

    Dein Bericht über deine neue Wahlheimat ist ein spannender Kontrast zu allem, was ich bisher über Chemnitz gehört und gelesen habe. Das nächste Frühjahr kommt bestimmt, und von Berlin aus ist die Stadt ja in einem Katzensprung zu erreichen. Danke für die Anregung! Diese Stadt hatte ich bisher nicht wirklich auf dem Zettel.

    • Andreas Moser schreibt:

      Selbst mit den Regionalzügen (ich bin ja so ein Sparfuchs) sind es von Berlin aus nur um die 4 Stunden.

      Jetzt im Winter ist es natürlich nicht so schön, aber im Frühjahr kann ich einen Besuch wirklich empfehlen.
      Aber nimm dir ein paar Tage Zeit, weil die Stadt echt weitläufig und alles andere als kompakt ist. Man braucht eine Weile, um so richtig reinzufinden.

  7. sori1982 schreibt:

    Das erste Foto mit den Plattenbauten zeigt aber nicht Chemnitz, sondern Erfurt.
    (Nur witzig, dass ich mich während des Lesens gefragt hatte, warum Sie sich auch nicht für Erfurt entschieden haben.)
    Ansonsten eine schöne, lesenswerte Reportage über eine Stadt, die ich bisher noch nicht besucht habe.
    Herzliche Grüße aus Wien!

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich dachte mir, das merkt niemand, weil „im Osten eh alle Städte gleich aussehen“. 😉
      Das eine Bild habe ich tatsächlich aus dem Internet, weil ich so ein Übersichtsbild aus der Luft haben wollte. Vielleicht nehme ich es wieder raus, um Verwirrungen zu vermeiden.

      Erfurt war auch auf der Liste, aber dann hat mir Chemnitz gleich von Anfang an zugesagt, so dass ich gar nicht weiter gesucht habe.
      Und so bin ich, muss ich leider gestehen, noch immer nicht in Erfurt gewesen. 😦
      Allerdings viele Male in Wien, einer von jeglicher Konkurrenz unangetasteten Stadt, die ich herzlich und sehnsüchtig zurückgrüße.

    • sori1982 schreibt:

      Ach, lassen Sie das Foto noch eine Weile drinnen. Den Chemnitzer:innen müsste es doch auffallen 😉
      Ich lebe seit 20 Jahren in Wien und habe mittlerweile einen anderen Blick auf die Stadt, liebe sie aber für den Wienerwald.
      Besuchen Sie doch Erfurt, es ist immer eine Reise wert. Gerne verrate ich Ihnen, wo sich die Wohnscheibe mit dem markanten Graffiti befindet. (Leider strahlen die Farben nimmer so kräftig wie auf dem Foto.)

    • Andreas Moser schreibt:

      Jetzt fällt mir ein, dass mich mal beim Trampen ein Paar aus Erfurt mitgenommen und sehr von der damaligen Bundesgartenschau vorgeschwärmt hat:

      Autostöppeln, eine Odyssee mit 50 Ave Marias (Teil 3 von 3)

      Insofern eine noch größere Schande, dass ich noch nicht dort war. :/

  8. Anonymous schreibt:

    Vielen Dank für deine Sicht auf Chemnitz. Sie macht mich nachdenklich, denn auch ich hege keine großen Sympathien für die Chemnitz in der ich seit nunmehr 45 Jahren lebe. Auch ich habe mich ehrlicher Weise gefragt „Na, ob er sich das gut überlegt hat?“, freue mich aber sehr, durch dich mal eine andere Sichtweise zu bekommen. Der verlinkte Artikel ist auch super. Bei mir liegt die Abneigung wohl weniger an der Architektur oder der fehlende Kneipenkultur und den nicht vorhandenen Späties (was aber echt mal cool wäre), sondern wohl eher an den Menschen mit ihrer (gefühlt) permanent ruppigen Art und der grassierenden Unfreundlichkeit – wie du es ja schon ausgiebig erlebt hast (ich hoffe, du hast deine Fußmatte mit Smiley mittlerweile mal entsorgt ;).
    Besonders heftig ergreift mich das Gefühl, wenn ich mal wieder auf einer Reise war und nach Hause komme. Das Wahlergebnis in meinem Wahlkreis bei den letzten beiden Wahlen lag bei über 30% AFD zzgl. 7-9% REP. Und das in einer Gegend mit vielen Einfamilienhäusern – also nicht den sozial benachteiligtsten Bürgern der Stadt. Wir sind also permanent von vielen Menschen umgeben, die frustriert felsenfest überzeugt sind „abgehangen“ worden zu sein.. warum auch immer.
    Dass man da eine gewisse Fluchttendenzen entwickelt, möge man mir nachsehen. Ich werde aber auf jeden Fall versuchen in Zukunft einen wohlwollenderen Blick auf meine Stadt zu werfen. PS: Ich möchte anmerken, dass ich den Rundfunkbeitrag auch freiwillig zahlen würde und die Energiewende viel schneller vorantreiben würde, wenn ich könnte. Und: Danke für „die Älteren unter uns“ 😉

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich zähle mich ja auch zu jenen Älteren, weil ich in den 1980er Jahren durch den James-Bond-Film „Octopussy“ zuerst von Karl-Marx-Stadt gehört habe. 🙂

      Ich habe echt lange gehadert, ob ich das mit der ruppigen Art erwähnen soll, weil ich befürchtete, dass es ein völlig subjektiver Eindruck ist. Vielleicht war ich als Süddeutscher auch verwöhnt, was Freundlichkeit angeht, dachte ich.
      Aber dann passiert es halt immer wieder, und jetzt erfahre ich aus den vielen Kommentaren, dass da etwas dran zu sein scheint.

      Nur der Grund für das alles, der bleibt ein Rätsel.
      Vielleicht es doch das Radon im Boden?

      Lustigerweise hat die allgemeine Griesgrämigkeit auf mich, der ich sonst selbst eher nachdenklich und negativ, manchmal fast schon depressionsgeneigt bin, einen positiven Effekt.
      Ich merke dann, wie gut es mir eigentlich geht und will gegen die schlechte Laune gegenhalten. (Vielleicht habe ich mich auch deshalb in Osteuropa immer so wohlgefühlt, während ich in so Ländern, wo alle immer singen und tanzen, unwohl fühle. – Krass, wie alt man werden muss, um zu beginnen, sich selbst zu verstehen.)

  9. Anonymous schreibt:

    Ich hätte Sorge, dass jetzt jemand wegen dem schönen bunten Hochhaus nach Chemnitz zieht und am Ende noch enttäuscht ist.. Aber sag mal, wo genau ist denn der sowjetische Ufo auf dem Berg gelandet? Der sagt mir überhaupt nichts.

  10. Anonymous schreibt:

    Dieser Blick auf Chemnitz ist ganz nach meinem Geschmack. Ich habe die Chemnitzer noch nie verstanden, die kein gutes Fleckchen an unserem Chemnitz lassen. Dafür ist es doch viel zu schön und was noch nicht passt, können wir gemeinsam doch noch passend machen.
    Fühl Dich jedenfalls wohl bei uns und vielleicht regt Dein Artikel manche Einheimische mal zum Nachdenken an, wenn jemand, der die Welt gesehen hat, so über Chemnitz urteilt.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!

      Wie ich geschrieben habe, glaube ich, dass ein Teil der Negativität gar nichts mit Chemnitz zu tun hat. Manchmal ist es eher so ein allgemeines „Früher war alles besser“, wobei diese Leute das in Gelsenkirchen oder Wyoming wahrscheinlich genauso sagen würden.
      Die finden einfach alles mies, seit Kati Witt keine Goldmedaillen mehr gewinnt.
      (Komisch finde ich nur, dass sie dann so neumodische Dinge wie das Internet dazu nutzen, um jedem aufs Auge zu drücken, dass vor der Erfindung des Internets alles besser war.)

  11. Chrisamar schreibt:

    Chemnitz wirkt auf mich fremd und exotisch. Obwohl ich als Hamburger Ghettokind natürlich eine große Liebe zum Plattenbau habe. Vielen Dank für die wunderschönen Fotos und die unterhaltsamen Worte.
    Mit adventlichem Gruß!

    • Andreas Moser schreibt:

      Es ist doch wunderbar, dass es auch im eigenen Land Orte und Regionen gibt, die fremd und exotisch auf einen wirken.
      Zum Teil finde ich das spannender als eine Auslandsreise.

      Das größte Plattenbauviertel von Chemnitz, das Heckert-Gebiet, habe ich noch gar nicht richtig erkundet und deshalb auch nicht abgebildet.
      Aber da kommt noch was!

  12. Anonymous schreibt:

    Danke, danke, danke, dass Du meine Heimatstadt so schön beschrieben hast. Ich habe nie verstanden, warum Chemnitz so einen schlechten Ruf hat. Man liebt seine Heimatstadt sowieso, aber abgesehen davon hat man wenige Städte dieser Größe mit so viel Grün. Ich wohne jetzt in Dresden, aber wenn ich meine Freundin besuche, nehme ich mir immer die Zeit, die alten Wege zu gehen und in Erinnerungen zu schwelgen. Schau Dir mal die Annenschule an (früher Ernst-Thälmann-Schule), mit Klassenzimmern mit Zugang zur Terrasse, großer Aula, großer Turnhalle… Die Chemnitzer sprechen leider ein besonders abgefahrenes Sächsisch, nicht so einen melodischen Singsang wie die Dresdener, das verleitet den Rest Deutschland zu der Annahme, das alle in bisschen doof sind. Dabei ist Chemnitz die Stadt der Ingenieure. Ich wünsche Dir eine schöne Zeit.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich habe kürzlich jemanden getroffen, der sagte, Chemnitz habe für ihn „zu viel Grün“.
      Für mich klingt das so, wie wenn sich jemand beklagt, es gäbe „zu viel Kuchen“ oder er habe „zu viel Geld“. (Aber ich glaube, er wollte stattdessen überall Parkplätze.)

      Aber für mich ist das Grün ein ganz wichtiger und positiver Faktor.
      Städte können noch so imposante Bauwerke haben; wenn es nicht ausreichend Parks für eine Pause gibt, dann hat das für mich keine Lebensqualität.

      Zum örtlichen Dialekt sage ich mal lieber nichts. 😉
      Interessanterweise merke ich, dass ich, seit ich in Sachsen wohne, wieder betonter Süddeutsch spreche. Vielleicht ein unbewusster Schutzmechanismus gegen eine schleichende Versächsung.

      Dass man seine Heimatstadt sowieso liebt würde ich nicht fordern und auch persönlich nicht unterschreiben. Ich habe zB zu Amberg, wo ich aufgewachsen bin, keinen emotionalen Bezug. Für mich ist das eher ein Zufallsort, an den ich ohne eigenes Zutun in die Welt wurde. Das richtige Leben beginnt dann eigentlich erst mit dem eigenständigen Erkunden der Welt und dem Herausfinden, was einem zusagt (wobei sich das im Laufe des Lebens natürlich ändert).
      Ich nehme dann automatisch einen objektivierenden Blick ein und blicke auch auf meine Heimatstadt mit den Augen von jemand Fremden, der sich eine neue Stadt ansieht. Und da ist Amberg halt eine ganz normale Kleinstadt. Nicht hässlich, aber auch nichts, was einen vom Hocker haut. Und dann muss ich da auch nicht mehr hin.

  13. AUGnerin schreibt:

    Danke für diesen Beitrag. Hat mich neugierig gemacht, nächstes Jahr einmal per Bahn nach Chemnitz zu fahren.

  14. Anonymous schreibt:

    Hallo Andreas,
    habe mir Chemnitz diesen Sommer leider nur kurz angesehen und war auch begeistert. Leider ist es natürlich die Gefahr zum zweiten „Hypezig“ zu werden, da jetzt stark die Werbetrommel gerührt wird in den Social Media.
    Erst Berlin in den Nullerjahren, dann Leipzig 10 Jahre später, und jetzt Chemnitz?
    Kann nur hoffen, dass der große Ansturm ausbleibt, damit z.b. der Charme groß und die Mieten niedrig bleiben…

    Grüße Max

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich finde es immer schwierig, es als Gefahr zu bezeichnen, wenn andere Menschen die eigene Begeisterung für etwas teilen und teilnehmen möchten.
      Das ist wie bei den Urlaubszielen, wo sich die Touristen über die anderen Touristen beklagen.

      Solange keine Gefahr besteht, dass man zu einem zweiten Venedig wird, würde ich sagen: Chemnitz ist für alle da.

      Und falls jetzt doch jemand nach Chemnitz ziehen will: Bitte gebt Bescheid, denn mein Vermieter hat noch etliche leere Wohnungen und zahlt mir Provision, wenn ich einen neuen Nachbarn werbe. 😉

  15. Anonymous schreibt:

    Was für ein wunderschönes Portrait der Stadt!

  16. Anonymous schreibt:

    Vielen Dank, Sie haben mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Es ist toll zu lesen wie Sie unsere Stadt sehen und ich muss sagen….genau so ist sie.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!
      Zu Beginn dachte ich, es ist so eine sommerliche Euphorie. Aber nachdem ich mich jetzt auch bei Kälte und Regen und grau noch sehr wohl in Chemnitz fühle, weiß ich, dass es passt.

  17. Anonymous schreibt:

    Ich habe mich beim Lesen sehr amüsiert.
    Du hast nach einem halben Jahr Recherche diese Stadt sehr treffend resümiert. Respekt!

    Btw: Ich liebe diese Stadt und möchte nirgendwoanders leben. Auch das gibt’s.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!
      Aber „Recherche“ ist ein allzu großes Wort dafür, dass ich planlos herumlaufe, in den Parks herumlungere und mich die ganze Zeit frage: Warum gefällt es mir so gut?

      Jetzt muss ich mich mal daran machen, die Stadt planvoll und geordnet zu erkunden, Viertel für Viertel.

  18. Anonymous schreibt:

    Ein toller Artikel, der ziemlich oft den Nagel auf den Kopf trifft.

    Ich bin ursprünglich aus dem Chemnitzer Umland, mittlerweile 20 mal umgezogen und lebe jetzt seit 15 Jahren in der Pfalz. Zwischendurch waren auch mal 4 Jahre Dresden dabei… ja, Dresden hat für mich deutschlandweit den ersten Platz, was das rein kulturelle angeht… aber der Weihnachtsmarkt in Chemnitz bleibt für mich bundesweit der schönste und ich genieße ihn jedes Jahr, wenn ich über Weihnachten bei meinen Eltern ein paar Tage im Chemnitzer Norden verbringe. Die Weihnachtsmärkte im Erzgebirge sind noch ein wenig uriger, aber ich mag dieses spezielle Flair. Der Dresdner Striezelmarkt ist mir viel zu groß und zu kommerziell. Den habe ich im Studium gern mal unter der Woche besucht, wo deutlich weniger Touristen da waren. Aber wenn mich jetzt jemand aus dem Freundes- oder Kollegenkreis fragt, wie ich den Striezelmarkt finde, kann ich nur jedem abraten und auf dem Chemnitzer Weihnachsmarkt verweisen.

    Viel Spaß noch im Rußchamtz beim Entdecken der schönen Ecken!

    ps: der Untergrund von Chemnitz soll auch ziemlich interessant sein 😉

  19. Anonymous schreibt:

    Vielen vielen Dank für den Beitrag über eine Stadt, in die es auch mich als Südwestdeutsche vor vielen Jahren mal für eine Weile verschlagen hat. Ich musste sehr über deine Beschreibungen lachen und habe den Artikel gleich allen weitergeleitet, die mich in der damaligen Zeit in freundschaftlicher Verbundenheit besucht haben. Ja, die latente Unfreundlichkeit und das konsequente Anreden in der dritten Person an der Supermarktkasse ( „wolln‘ ma noch een Beuddel?“) sind auch mir im lebhafter Erinnerung. Und lassen mich auch zurück in Südwestdeutschand jeden Chemnitzer erkennen.😂

  20. Anonymous schreibt:

    Lieben Dank für diesen sehr interessanten und noch mehr erheiternden Beitrag zu der Stadt, die ich meine Heimatstadt nennen müsste, in der ich geboren und aufgewachsen bin (auf meinem Perso steht stolz Karl-Marx-Stadt!), die mir aber ein Leben lang fremd blieb. So fremd, dass ich sie 1991 gen Berlin verließ. In all den Jahren danach dachte ich oft nur mit Grauen an Chemnitz, bin selten da gewesen und habe erst in den letzten Jahren einen anderen Blick auf die Stadt bekommen, dank Erforschung familiärer Historie, aber auch dank Facebook. Wie ich mittlerweile weiß, hatte mein Trauma (ich würde es tatsächlich so nennen) nichts mit Chemnitz oder Sachsen, sondern mit persönlichem Erleben zu tun. Ich stelle heute überrascht fest, wie schön die Stadt vor der Zerstörung im 2.WK war und wie viel zum Guten sich baulich geändert hat. Das Zentrum mit der Zentralhaltestelle als Beispiel. Ja: ich fahre wieder gerne nach Chemnitz und lerne Ecken kennen, die damals an mir vorbeigingen. Der jüdische Friedhof in etwa, aber auch die Brücken am Fluss Chemnitz, der Schlosspark usw.
    Ich stelle ebenfalls fest…das hatte ich völlig vergessen…, dass es in Chemnitz ungleich anstrengender als in Berlin ist, sich per Fahrrad durch die Stadt zu bewegen, was hauptsächlich an den Bergen liegt. Ständig gehts steil bergauf, das kenne ich aus Berlin natürlich nicht. Als Ausgleich ist das Radwegnetz hier das Wort wert.
    Was die Unfreundlichkeit der Chemnitzer betrifft, so kann ich das nicht bestätigen, da bin ich aus Berlin anderes gewohnt. Berliner Humor? Berliner Schnauze? Unfreundlichkeit wurde noch nie so schön umschrieben. Insofern ist es nahezu ein Genuss in Sachsen.

    Mein Fazit: die eigene Sichtweise auf Orte, aber auch Menschen ist immer abhängig vom eigenen Blickwinkel, oftmals reicht eine kleine Nachjustierung und die Sichtweise ändert sich. Hiermit meine ich ganz speziell auch die öffentliche Meinung der Chemnitzer zu Migranten. Auch da bin ich anderes gewohnt und ganz ehrlich? Ich verstehe es nicht. Wenn man den Leuten Glauben schenken will, ist die Innenstadt in fester Hand ausländischer Mitbürger, Araber genannt. Man traut sich nicht mehr ins Zentrum, früher war alles besser weil mehr Lametta.

    P.S. Reinsberg ist eine Reise wert, zumindest von der Landschaft her. Außerdem die Johannishöhe in Tharandt, dito die Gegend um Freiberg, Seiffen usw.
    PPS: ein Bekannter hat Jura studiert, wollte eigentlich Rechtsanwalt werden, aufgrund schlechtem Durchschnitt ist er Steuerberater geworden, hat super gut verdient und kann seit Jahren von seinen Zinsen leben. Unmoralisch, aber reich!

    Herzliche Grüße, Silvia Strauß

    Der Beitrag zum Nazi Aufmarsch 2018 (?) vorm Karl Marx Kopp: hat sich seitdem etwas geändert?

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich finde, du hast absolut Recht, dass es oft eher das Persönliche ist, was uns mit Orten warm werden oder sie verdammen lässt. Deshalb ist auch meine Meinung von der objektiv hohen Lebensqualität in Chemnitz natürlich vollkommen subjektiv. 😉

      Vom Schlosspark immer den Fluss entlang durch den Stadtpark, das ist tatsächlich ein wunderbarer Spaziergang. Wie die Grünen Hauptwege in Berlin.
      Und den jüdischen Friedhof habe ich auch entdeckt (ein Foto ist ja dabei), war aber noch nicht ausgiebig drin. Ich gehe gerne und viel auf Friedhöfe, wegen der Kombination aus Natur und Geschichte, und werde wohl mal einen gesonderten Artikel über die Chemnitzer Friedhöfe schreiben.

      Die Hügel – oder aus Radlersicht sogar Berge – im Stadtbild von Chemnitz finde ich als Fußgänger wahnsinnig bereichernd. Das macht die Stadt viel interessanter und abwechslungsreicher, auch weil man dadurch weite Blicke hat. Vom Schlossberg sieht man den Zeisigwald, vom Sonnenberg die Kirche im Lutherviertel, und von meinem Balkon im Yorckgebiet erspähe ich sogar das Heckert-Viertel am Horizont.

      Die Leute, die auf Facebook immer stänkern, dass man angeblich nirgendwo hingehen könne, weil es so gefährlich ist, wollen das glauben, habe ich den Eindruck.
      Ganz abgesehen davon, dass ein Araber nicht gefährlicher ist als ein Österreicher oder ein Kirgise, war ich im Sommer jeden Abend in den öffentlichen Parks, nach dem Kino auch oft vor der Stadthalle, und das ist null bedrohlich oder gefährlich.

      Danke für die Ausflugstipps!
      Um Freiberg und Tharandt war ich schon Wandern, das ist wirklich ganz traumhaft.

      Und Steuerrecht ist nicht nur unmoralisch, sondern auch langweilig. 😉

      Die Montagsdemonstranten haben im Moment ihre Reichsflaggen gegen die russische Trikolore eingetauscht, aber die sind ja eh sehr flexibel mit ihren Themen. Hauptsache dagegen!

  21. Anonymous schreibt:

    Ich war wegen des hervorragenden Opernhauses schon mehrere Male in Chemnitz zu Besuch und kann das alles sehrgut nachvollziehen. Mir hat es dort immer gut gefallen, bis auf die griesgrämigen Bewohner vielleicht. Interessanterweise sind die vielen, schönen Bilder nur eine kleine Auswahl selbst der frühmodernen Architektur, es gibt da zum Beispiel noch das fantastische Cammann-Hochhaus in Chemnitz-Furth. Und die tollen Museen, das Industriemuseum etwa oder das wunderbare Schloßbergmuseum mit den sächsischen Skulpturen des Mittelalters. Und selbst der Weihnachtsmarkt gefällt mir deutlich besser als der in Dresden.

  22. Anonymous schreibt:

    Hallo Andreas, ich finden deinen Bericht echt toll, es weckt viele Erinnerungen, ich bin in Karl-Marx -Stadt groß geworden, wohne jetzt aber schon lange weit weg. Komme aber immer gerne nach Hause.
    Übrigens gibt’s auch gut gelaunte (Ex)- Chemnitzer🙂.
    Hast du schon die Wohngebiete Am Flughafen und das „Heckert“ entdeckt?
    Vg und danke für Deinen Bericht

    • Andreas Moser schreibt:

      Im Heckert-Viertel war ich noch nicht so richtig, aber das wird bald nachgeholt.
      Um den Flughafen herum war ich tatsächlich schon. Ich finde auch toll, dass das frühere Flughafengebäude noch so relativ frei und erkennbar steht.

      Und ohne die gut gelaunten Chemnitzerinnen und Chemnitzer würde ich es auch nicht aushalten. 🙂
      Oft reicht ja auch eine freundliche Begegnung, um die vorherigen Griesgrame wettzumachen.

  23. Anna schreibt:

    Nice article. And yes, the rent is dirty cheap 😅

    • Andreas Moser schreibt:

      Which means we need to work less and are more relaxed. 🙂

      By the way, I am still working on the English version of the article, but it should be online this weekend.

  24. Anonymous schreibt:

    Hallo, ich lebe seit meiner Kindheit in Chemnitz und ich glaube mittlerweile, du hast schon mehr von Chemnitz gesehen als ich 😀

  25. Anonymous schreibt:

    Vielen lieben Dank fuer den schoenen Beitrag ueber meine Heimatstadt. Ich bin 2002 zum Studium nach Berlin gegangen und nun ueber Leipzig und Seoul in NYC gelandet. Das ist zwar schoen aber immer wieder zieht es mich in die Heimat, wegen der Eltern auf der einen Seite, aber auch wegen dieser Stadt die sich immer weiter veraendert. Klar gibt es den Mecker Chemnitzer, aber die meisten die weggegangen sind und dann wieder kommen sehen das ganze anders.
    Meine Frau ist amerikanische Chinesin und sie mag Chemnitz sehr, wegen dem vielen Gruen aber eben auch wegen der Bodenstaendigkeit der Menschen. In Leizpig und Dresden wird sich oft etwas auf die Staedte eingebildet und das nervt. In Chemnitz ist das nicht der Fall.
    Ich hoffe diese Kulturhauptstadtgeschichte hilft der Stadt um ordentlich Fahrt aufzunehmen. Man merkt das in Chemnitz an jeder Ecke, dass es voran geht.
    Danke fuer diesen tollen Beitrag und die wundervollen Bilder. Der Blick vom Adelbsbergturm oder Katzenbuckel auf Chemnitz ist auch fantastisch (nur als kleiner Tip.) Alles Gute!

    • Andreas Moser schreibt:

      Danke für den Tipp mit dem Katzenbuckel, den kannte ich noch nicht!
      Ich bin schon zweimal von der Kirche im Stadtteil Adelsberg zum eigentlichen Adelsberg gelaufen, das ist auch ein schöner Spaziergang. Und wenn man mal da oben ist, kann man in alle Richtungen blicken und wandern.

      Dieses Eingebildetsein auf die eigene Stadt, wie bei Leipzig oder Dresden, nervt mich auch. Von dort höre ich oft wahnsinnig Negatives über Chemnitz, und wenn ich dann nachfrage, stell sich heraus, dass sie Menschen seit 30 Jahren nicht mehr hier waren.
      Wobei New Yorker schon auch ein bisschen eingebildet sind, oder? 😉
      Obwohl ich mein Praktikum in New York super spannend fand, war es – im Nachhinein gesehen – eine der größten Reise-Fehlentscheidungen meines Lebens:

      Meine größte Reise-Fehlentscheidung

  26. Siewurdengelesen schreibt:

    Sag nicht, Du wurdest nicht gewarnt;-)

    Die Chemnitzer haben schon manchmal eine echte „Dreckfresse“. Meist ist das aber gar nicht so gemeint und im Vergleich ist neben Zwickau Chemnitz halt auch die Arbeiterstadt schlechthin, Dresden die Kulturmetropole und Leipzig eher so das wirtschaftliche Zentrum dank Messe und natürlich auch musikalisch wie Dresden durch seine Chöre bereits lange eine gewisse Hochburg.

    Wobei ich den oft sehr gedehnten Leipziger Dialekt für „schlimmeres“ Sächsisch halte als wie den Chemnitzer oder Dresdner. Und subjektiv haben zumindest die meisten Chemnitzer nicht so dieses von „oben herab“ wie die Kaffeesachsen oder die Elbflorenzer. Aber das sieht sowieso jeder anders, ich bekenne mich hiermit auch zu meinen provinziellen Vorurteilen und ich mag Städte so oder so nicht;-)

    Die sind mir durch die Bank zu nervig, egal wo.

    Letzten Endes musst Du dort klarkommen und wenn Du Dich wohl fühlst, ist doch alles ok.

    • Andreas Moser schreibt:

      Das stimmt, das „von oben herab“ gibt es in Chemnitz überhaupt nicht, und das sagt mir echt zu.

      Und für eine Großstadt ist Chemnitz echt gemütlich, weil eben alles so auseinander gezogen ist und man selten wirklich viele Menschen auf einem Haufen sieht. (Vielleicht am Weihnachtsmarkt, aber Weihnachten ist eh nicht so meine Sache.)

      Wenn ich nach ein paar Jahren in Chemnitz wieder in ein Land ziehe, wo alle Menschen immer nett, freundlich, fröhlich und lustig sind (so wie Bolivien), dann bekomme ich wahrscheinlich einen Schock. 🙂

  27. Anonymous schreibt:

    Als ich die Ueberschrift sah dachte ich sofort, aha das ist doch die Stadt wo Gewalt gegen Auslaender, Juden, Linke, etc an der Tagesordnung ist. Habe nicht viel wieder darueber gehoert

    Muss mich hier auch gleich verteidigen, ich bin/war Westdeutscher, lebe im Ausland. bin 2 km von der „Zonengrenze“ aufgewachsen, war des oefteren vor/nach dem Grenzfall in der DDR/Ostdeutschland, meine Frau war nicht begeistert wie das so aussah und wie man sie angeschaut(gestarrt) hat, usw.

    Die Stadt als solches sieht doch generell ganz gut aus alt und modern. Hoffe es wird ok sein.

  28. danysobeida schreibt:

    Ya has recibido demasiados elogios. Bonita vista desde la ventana.

  29. Pingback: Mundi alii |

  30. sinnlosreisen schreibt:

    Erstaunlich, wie ein Ausflug in die Vergangenheit. Schön, dass du dich dort wohl fühlst.Ich kann gut verstehen, dass du nicht gerne einen Anwalt als Nachbarn erträgst, das sind manchmal schon eigenartige Menschen 😉.

  31. Anonymous schreibt:

    Ach, Chemnitz . . . so reich warst Du einst, und was ist aus Dir geworden ? * * * https://www.google.com/search?client=safari&rls=en&q=spirited+away+rollihng+heads+gif&ie=UTF-8&oe=UTF-8#vhid=cUSXJMAE903QKM&vssid=l — daran muss ich denken, als ich ein Bild vom Marxkopf sehe

  32. Pingback: Home Sweet Home | Der reisende Reporter

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  34. Annette schreibt:

    Ein schöner Bericht! Muss ich wohl auch mal wieder hin, am besten, bevor alles totgehyped ist. Deiner anekdotischen Evidenz vom grantigen Chemnitzer kann ich aber eine sehr gegensätzliche entgegensetzen: Bei einer Führung durchs Industriemuseum traf ich einmal auf den stolzesten Chemnitzer aller Zeiten, der ständig auf die großen Errungenschaften seiner Stadt hinwies. Aber auf eine gar nicht doof-stolze Weise, sondern sehr sympathisch, zum Beispiel ist mir seither das tolle Wort „fischelant“ in Erinnerung geblieben (Grundeigenschaft aller Chemnitzer Ingenieure aus Gründerzeiten natürlich…) Frage mich aber ein bisschen, ob da Wort tatsächlich im Einsatz ist oder eher so die Wortwahl von Museumsguides?? Achja, und für dein Mitte-Projekt ist es ja auch ein guter Standort, oder?

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja genau! Wahrscheinlich ist Chemnitz der wahre Mittelpunkt Europas, wenn man den geographischen Durchschnitt aus allen anderen Mittelpunkten errechnet. 🙂

      „Fischelant“ habe ich noch nicht gehört. Es hat mich gleich an „das französische „vigilant“ erinnert – vielleicht weil ich gerade eine französische Fernsehserie gucke -, und tatsächlich scheint es daher zu kommen.

  35. Anonymous schreibt:

    Guten Tag Herr Moser. So gerne habe ich Ihren Blog zu diesem Thema gelesen. Auch ich bin (im Oktober 2022) nach Chemnitz gezogen. Davor habe ich in der Schweiz gelebt, wo ich aufgewachsen bin. Ich finde mich in Ihren Zeilen wieder – die Reaktionen sind doch sehr verblüfft. Aber ich fühle mich immer wohler und entdecke wertvolle Orte und lerne tolle Menschen kennen. Ich wünsche Ihnen alles Gute hier in dierer Stadt und sage vielen Dank. Vieles war mir neu. Liebe Grüsse

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen herzlichen Dank Ihnen, und es freut mich zu hören, dass es auch anderen Zugezogenen gut geht.

      Den Aspekt der Sprache habe ich ausgeklammert, weil das ja recht subjektiv ist. Aber wenn es nach mir ginge, würde ich gerne mehr Schweizerisch als Sächsisch hören, wenn ich durch die Stadt laufe. 🙂

  36. Pingback: Weiße Weihnachten im Plattenbau | Der reisende Reporter

  37. Anonymous schreibt:

    Lieber Andreas, ein wunderbarer Beitrag der mir als gebürtigem „Karl-Marx-Städter“ aus der Seele spricht! Unsere Stadt ist so vielseitig und liebenswert und ich bin guter Dinge, dass mit der Kulturhauptstadt mehr Selbstvertrauen einziehen wird. Gerade wir Chemnitzer haben es in der Hand, gut über unser zu Hause und alle guten Seiten zu berichten und ich bin sehr dankbar für Deine Zeilen, die zeigen, dass ein positiver Blick auf Chemnitz durchaus lohnt! Vielen Dank!

    • Andreas Moser schreibt:

      Dir auch vielen Dank für deinen Kommentar!

      Ich bin schon gespannt, wie das wird, wenn Hunderttausende von Besuchern aus aller Welt kommen, begeistert sind und von Chemnitz schwärmen, und die (hoffentlich weniger werdenden) Miesmacher unter der örtlichen Bevölkerung sich immer mehr anstrengen müssen, ihre schlechte Laune aufrecht zu erhalten. 🙂

  38. Guten Tag,

    die alten Gemäuer, die schon zerfallen, gefallen mir am besten. Ganz schön viel Mühe.

    Auf Wiedersehen

  39. Anonymous schreibt:

    Danke, ein super Beitrag! (Bitte Foto „Adelsbergturm“ korrigieren 😉 zeigt bulgarisches Monument) habe gelacht, vor mich hin genickt, gestaunt, begeistert weitergelesen … schön zu wissen, dass die Fans von C mehr werden 👍

  40. Anonymous schreibt:

    Hallo Andres Moser,

    ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Ich war beim lesen, voll dabei, als wäre ich selbst durch Chemnitz gelaufen. Ich habe Chemnitz noch nie so gesehen, aber ab heute, werde ich mit mehr Achtsamkeit durch die Straßen gehen. Super schön geschrieben.

  41. Anonymous schreibt:

    Lieber Andreas,

    vielen Dank für diesen Beitrag und die Fotos über „mein“ Chemnitz. 🫶

    Ich bin hier aufgewachsen, habe einen kurzen Abstecher nach Frankfurt am Main gemacht und bin vor 22 Jahren zurück gekehrt. Ich liebe meine Stadt mit all ihren Menschen und Gesichtern und ich kann dir sagen: Es gibt in dieser Stadt Menschen die LÄCHELN können.

    Ich bin EINE davon.

    Wenn mir ein Mensch mit „Grummelgesicht“ entgegen kommt, dann lächle ich ihn an und Zack ist eine kleine mitmische Veränderung zu sehen. Ja, ich gestehe, es klappt nicht immer…aber immer öfter. 🍀

    Vielleicht sieht man sich ja mal.

    Ich bin die mit dem gelben VW BulliT2

    Ich wünsche Dir viel Erfolg für deine weiteren Projekte und eine schöne Zeit in Chemnitz.

    Luftgekühlte Grüße

    „Bullifranzi „✌️

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!
      Und ich mache das auch: Einfach in der Öffentlichkeit gute Laune verbreiten. Ganz frech und ohne Erlaubnis, Genehmigung oder Lizenz.

  42. Pingback: Ein Blinder zeigt mir den Weg | Der reisende Reporter

  43. Anonymous schreibt:

    So ein toller Blog mit wirklich schönen Geschichten! Ich beneide dein Leben, weil ich es mir aufgrund chronischer Krankheit finanziell überhaupt nicht leisten könnte, aber so viele schöne Fleckchen Erde zu entdecken und darüber zu schreiben, das klingt wunderbar. Danke, dass du diese tollen Eindrücke meiner neuen Wahlheimat teilst!

    Als jemand, der selber erst seit kurzer Zeit in Chemnitz wohnt und ursprünglich aus NRW stammt, finde ich die versteckte Nazikeule im Text und in den Kommentaren (auf die ich mich im folgenden teils beziehe) allerdings einfach nur traurig. Da erhält man den Eindruck, man hat es entweder mit einem Ideologen oder jemandem, der vor lauter Reisen nichts vom Alltag in den Städten mitbekommt zu tun. So ist bspw. selbstverständlich und laut offizieller Kriminalstatistik die Wahrscheinlichkeit in Deutschland von einem Araber Gewalt auf der Straße zu erfahren wesentlich höher als von einem Deutschen, Russen, Vietnamesen oder Inder, sofern von allen gleich viele unterwegs wären. Gerade in der Innenstadt ist das höhere Gewaltpotenzial deutlich zu erkennen.

    Wer unabhängig recherchiert, was zugegeben sehr aufwendig aber lohnenswert ist und nur abseits des Mainstream funktioniert, wird schnell feststellen, dass es hier keine Hetzjagden gegeben hat. Wer mit offenen Augen durchs Zentrum geht, wird Schwierigkeiten haben, einen Neonazi auszumachen, aber mitunter mit aggressiven Migranten konfrontiert, wird aber unbewusst immer wieder größeren Migrantengruppen ausweichen, um keinen Ärger zu bekommen. Die jüngsten Ereignisse des krankenhausreif geprügelten Klinikdirektors, mit Schusswaffen bedrohter Kinder und eines von Drogendealern vor einen Müllwagen gehetzten jungen Mannes bestätigen diesen Eindruck, dank willfähriger Medien kann man das alles aber auch wunderbar verdrängen, denn diese Fälle Sorgen für keine deutschlandweiten Aufschreie oder Skandale.

    Die langen Ausführungen halte ich für notwendig und kann verstehen, wenn du den Kommentar hier nicht freischalten wirst, aber selbst als Zugezogener finde ich das ständige Framing, wenn es um diese Stadt geht, unerträglich. Ja, auch ich habe in Chemnitz und Umgebung Menschen getroffen, die für viele Probleme die Migranten verantwortlich machten, lässt man sich dann aber auf ein Gespräch ein, statt denjenigen abzustempeln, geht es in aller Regel eben doch nicht darum, integrierte Mitbürger mit Migrationshintergrund loszuwerden, sondern in erster Linie darum, Integrationsunwillige und Kriminelle abzuschieben. Man sorgt sich – nicht zu Unrecht – um die hohen Kosten für die Migrationspolitik und den auch damit verbundenen Wohlstandsverlust in der Arbeiterschicht, sowie die immer schlechter werdenden Sozialleistungen. Als mir mein ehemaliger Hausmeister erzählte wie fürchterlich er das alles findet und dass man unbedingt mehr abschieben müsse, obwohl ich gar nicht danach gefragt hab, dachte ich auch der sei vielleicht ein Ausländerfeind voller Vorurteile. Beim nächsten Treffen stellte er mir dann seinen Enkel vor, von dem er zuvor so geschwärmt hatte. Sein Name war Mohammed und sein Vater ein Migrant. So leicht kann man sich in Menschen täuschen!

    Natürlich gibt es hier zu viele Neonazis, aber es gibt auch zu viele kriminelle Migranten, die unsere Innenstadt wesentlich unsicherer machen als die inzwischen zum Glück erwachsenen gewordenen Dumpfbacken. Als gestandener Mann bekommt man die Probleme an belebten Plätzen allerdings nicht so sehr zu spüren wie die jungen Frauen, die sich dort belästigen lassen müssen und die Innenstadt heute mehrheitlich meiden. Das ist mittlerweile allerdings auch in allen anderen Großstädten so. Einige wie Leipzig haben das Glück, dass sich das Problem aus der belebten Innenstadt in Nebenstraßen verlagert. Vormittags, Sonntags und mit Blick auf den Boden sind die Probleme allerdings nicht vorhanden, was es Träumern leicht macht, die Probleme zu verdrängen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Das Weltreisen muss gar nicht so teuer sein, und ich würde sogar sagen, mit wenig Geld ist es noch viel aufschlussreicher und interessanter.

      So bin ich mangels Geld viel getrampt, habe in Friedhöfen, Parks oder einfach bei Fremden auf der Couch übernachtet. Und die letzten Jahre habe ich als Housesitter gearbeitet, das hat praktisch gar nichts gekostet. (Außer Lebensmittel, aber die muss ich zuhause ja auch kaufen.)
      Das Schöne dabei ist (zumindest aus meiner Sicht), dass ich so meist länger an einem Ort bleiben, richtig eintauchen, die Leute und das Land kennenlernen konnte.

      Aber chronische Krankheit ist natürlich doof. 😦

    • Andreas Moser schreibt:

      Chemnitz ist ja eigentlich die sicherste Großstadt Ostdeutschlands: https://www.allianzdirect.de/hausratversicherung/gefaehrlichste-staedte-deutschland-ratgeber/

      „Schwierigkeiten, einen Neonazi auszumachen“ habe ich (leider) keine. Dazu muss man nur in eine Stadtratssitzung gehen. Oder auf den Flohmarkt in der Sachsen-Allee gehen, wo Wehrmachtsdevotionalien verkauft werden. Und im Sommer, wenn die Tätowierungen wieder sichtbar werden, kann man ein Kennzeichen-verfassungswidriger-Organisationen-Bingo spielen.

      Aber natürlich ist das kein besonderes Chemnitz, sondern ein deutschlandweites Problem.

      Die nach Nationalitäten gegliederten Kriminalitätsstatistiken sind, solange sie nicht um andere kriminalitätsrelevante Faktoren bereinigt werden, wenig aussagekräftig.

      Die Hauptfaktoren für Kriminalität sind – so viel erinnere ich noch aus dem Kriminologiestudium – Männlichkeit, Alter zwischen 15 und 35 sowie Armut.
      Mit anderen Worten: Dass Deutsche, die zu einem Drittel aus Rentnern bestehen, weniger Einbrüche begehen oder Drogen verticken als Nationalitäten, die durchschnittlich extrem jung sind, ist logisch und erwartbar.

      Deshalb gibt es auch (per capita) in Ostdeutschland mehr Straftaten als in Westdeutschland (obwohl es in Westdeutschland einen wesentlich höheren Ausländeranteil gibt): Weil es im Osten mehr Männer und mehr Arbeitslose gibt.
      https://www.welt.de/politik/deutschland/article196787711/Kriminalitaet-Im-Osten-auf-dem-Land-mehr-Straftaten-als-im-Westen.html

      Wobei man natürlich eigentlich, wenn man wirklich kriminologisch sinnvoll arbeiten will, auch noch den Schaden der Straftaten dazurechnen müsste.
      Wie mir mal ein Polizist in New York auf die Frage, was der gefährlichste Teil New Yorks sei, sagte: „Wenn Sie nach der Anzahl der Straftaten gehen, ist es die Bronx. Wenn Sie nach der Schadenssumme gehen, ist es die Wall Street.“

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