Mal wieder ein Drohanruf

Ich weiß schon, warum ich keine Stadtfeste mag. Wenn man Pech hat, wird man dort nämlich schwuppdiwupp erstochen. So passiert in Chemnitz.

Weil Chemnitz in Sachsen ist, reagieren die Menschen aber nicht mit normaler Trauer, Blumen und Kerzen, sondern mit Randalen und Gewalt. Am liebsten und fast schon traditionsgemäß gegen „Ausländer“ bzw. Menschen, die der Mob dafür hält. Das zweite Video ist auch deshalb verstörend, weil ein Prügelwilliger nicht mitprügeln darf, weil ihn seine Freundin ständig mit dem Befehl „nein, Hase, Du bleibst hier“ zurückhält. Andererseits findet die Freundin des Neonazi-Hasen die Hetzjagd auf Dunkelhäutige dann doch wieder so toll, dass sie das Video ins Internet stellt.

Und woran denkt man, wenn man solche Bilder sieht? Genau. Wer alt genug ist, denkt natürlich an die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen. Ich wollte nachsehen, wann diese genau waren, und siehe da, was für ein Zufall: Sie jährten sich genau am vergangenen Wochenende.

Das veranlasste mich zu einem gleichermaßen ernsten und auf zynische Art doch irgendwie lustigen Tweet. Wie es eben so meine unverkennbare Art ist:

Das kann man geschmacklos finden, das kann man provokant finden, das kann man unangebracht finden. Man kann es aber auch als Denkanstoss ansehen. Oder man kann es ignorieren.

Ein Mann war jedoch so aufgebracht, dass er sich die Mühe machte, meine Telefonnummer herauszufinden und mich wenige Minuten nach Veröffentlichung des Tweets um kurz vor 22 Uhr anrief.

Ich: Andreas Moser, guten Abend.

Er: Haben Sie gerade über Chemnitz und Rostock-Lichtenhagen getwittert?

Ich: Ja.

Er: Sie sind AndreasMoser007 auf Twitter?

Ich: Genau, der bin ich.

Er: Wir sind vom deutschen Verfassungsschutz, und wir fordern Sie auf, diesen Tweet umgehend zu löschen.

Ich [kann ein Lachen nicht unterdrücken]: Wieso das denn?

Er: Sie müssen diesen Tweet löschen, sofort.

Ich [verdutzt]: Ja, aber warum denn?

Er: Sie wissen gar nicht, was hier los ist. Wir haben alle Hände voll zu tun. [Ruft ins Abseits:] Ja, ich komme gleich. [Wieder zu mir:] Löschen Sie den Tweet sofort, OK?

Ich: Ich wüsste eigentlich nicht, wieso.

Er: Ich habe jetzt keine Zeit, das zu erklären. Hier ist gerade so viel am Laufen. [Wieder ins Abseits:] Ja, ich komme schon! [Zu mir:] Ich habe jetzt keine Zeit mehr.

Und dann legte er auf.

Macht Euch keine Sorgen: Das mit dem Verfassungsschutz habe ich natürlich keine Sekunde geglaubt. Und nicht nur, weil er mit einer schweizerischen Mobiltelefonnummer (+41-791-924-438) anrief.

Aber jemanden am Sonntagabend um 22 Uhr anzurufen und ziemlich fordernd das Löschen eines Tweets zu verlangen, ist schon frech. Wenn jemand sich diese Mühe macht und damit wohl auch zeigen will, dass er wisse, wer ich bin und wie ich zu erreichen bin, dann liegt darin schon eine gewisse Bedrohung.

Also tat ich das, was ich bei Drohanrufen immer mache. Ich veröffentliche sie sofort, damit man für den Fall, dass ich erschossen werde, wenigstens einen Hinweis hat.

Wie Ihr seht, setzte ich diesen Tweet um 22:03 Uhr, also nur 10 Minuten nach dem ursprünglichen ab. So schnell reagierten der „Verfassungsschutz“ und ich.

Diesmal klingelte das Telefon sofort. Wirklich innerhalb von Sekunden. Und nun war der V-Mann in Panikstimmung.

Sagen Sie mal, sind Sie wahnsinnig? Löschen Sie sofort den letzen Tweet! Sind Sie denn verrückt, meine Nummer zu veröffentlichen? Sie müssen das sofort löschen! Das ist eine Geschäftsnummer. Sie sind ja vollkommen übergeschnappt! Was denken Sie denn, was Sie da machen? Löschen Sie das sofort!

Ich kam kaum zu einer Antwort, und es blieb eine sehr einseitige Konversation, allerdings mit steigender Lautstärke und Aggressivität als der Anrufer merkte, dass er mich bis dahin noch nicht so beeindruckt hatte.

Sind Sie lebensmüde? Sie löschen jetzt unverzüglich den Tweet oder ich werde Sie suchen. Ich werde Sie suchen bis an Ihr Lebensende, und wenn ich Sie finde, werden Sie um Ihr Leben betteln. Sie sind ab jetzt nicht mehr sicher, hören Sie? Nirgendwo. Ich werde Sie finden! Löschen Sie den Tweet!

Hier musste ich dann doch einwerfen, dass es wirklich nicht schwer sei, mich zu finden, weil ich mich ja nicht einmal verstecke. Aber der Typ war so in Rage, dass er nicht zu amüsieren war. Wie ein typischer Reichs- oder Wutbürger schrie er immer wieder die gleichen Sätze in einem fordernen Befehlston. Ach, wenn er nur geahnt hätte, dass er mit einer Entschuldigung oder mit Humor viel mehr erreichen hätte können.

Nur einen weiteren Versuch hatte er noch auf Lager:

Wir wollten Ihnen Insider-Informationen zuspielen, ein ganz großer Coup. Aber Sie sind so blöd, gleich alles zu veröffentlichen, nur für ein paar Likes auf Twitter.

Tja, deshalb habe ich keinen Pulitzer-Preis im Regal stehen. Als ich fragte, worum es denn ginge, begann die Tirade von Neuem, aber mittlerweile hatten wir (einseitig) vom „Sie“ zum „Du“ gewechselt, wie wenn eine Flasche Bier anstatt einer Todesdrohung zwischen uns auf dem Tisch stünde.

Vergiss es. Jetzt ist alles zu spät. Jetzt kann ich nicht ruhen, bis ich dich finde, und dann wirst du alles bereuen. Du bist nicht mehr sicher, nirgendwo. Lösch den verdammten Tweet, das ist deine letzte Chance. Du weisst ja gar nicht, was du angerichtet hast, du Dummkopf. Du musst alles löschen!

Und so weiter, und so weiter, bis er auflegte.

Auch das publizierte ich sofort. Sicher ist sicher. Denn nun war es unmissverständlich eine Drohung gewesen, übrigens eine Straftat, genauso wie die versuchte Nötigung.

Ein dritter Anruf kam bisher nicht.

Wahrscheinlich war der Wutbürger beschäftigt damit, mich zu finden. Da ich zur Zeit in Österreich wohne, wird er sich allerdings schwertun, denn hier wimmelt es nur so von Andreas Mosers. Aber an alle Menschen, mit denen ich in den letzten Jahren Kontakt hatte, ergeht sicherheitshalber die Bitte: Vorsicht bei unangemeldeten Besuchen. Nie mehr ohne Waffe aus dem Haus gehen. Am besten umziehen. Ich selbst werde mich wohl in eine Hütte in den Bergen verziehen.

Ein Kollege aus der Schweiz kam übrigens auf die geniale Idee, die Telefonnummer auf WhatsApp zu suchen. Dort hat der Anrufer ein Profilfoto. Ich überlege derzeit noch, ob ich das ebenfalls veröffentlichen soll. Vielleicht erkennt ihn jemand. Aber den Kameraden in Chemnitz kann ich schon mal sagen: Falls jemand von Euren Kumpels ein WhatsApp-Profilfoto mit einer rosa Plüschente im Swimmingpool hat, dann arbeitet er in Wirklichkeit für den Verfassungsschutz.


UPDATE 1: Am nächsten Morgen erhielt ich von besagter Nummer eine SMS mit folgendem Wortlaut:

Morgen Herr Winkeladvocat. Haben sie mit ihrer dramatisierenden Version erfolgreich ihre Opferrolle gefröhnt um ein paar Follower zu gewinnen? Auf einmal bekommen sie Aufmerksamkeit, da ist ihnen jedes Mittel recht um ihrer Selbstdarstellung eine Bühne zu bieten. Dramatisieren sie nicht, alles halb so wild. Verleumdung und Rufschädigung ist übrigens auch nicht ohne. Also leben sie ihren Geltungsdrang auf konstruktive Weise aus. Dankeschön

Dazu will ich nur sagen, dass ich nicht um nächtliche Drohanrufe gebeten hatte. Und wenn der Anrufer vorher mehr Zeit auf die Lektüre meines Blogs verwendet hätte, wäre ihm das mit der Selbstdarstellung aufgefallen. Deshalb schreibe ich ja einen Blog.


UPDATE 2: Ein Grund zur Veröffentlichung des Anrufs war, dass ich erahren wollte, ob es gestern Abend ähnliche Anrufe auch bei anderen Personen gegeben hat. Und tatsächlich war ich nicht das einzige Opfer:


UPDATE 3: Und dann war plötzlich im Blick, der größten Boulevardzeitung der Schweiz, ein Artikel.

Blick über Drohanruf.JPG

So schnell kann es gehen.


UPDATE 4: Am nächsten Abend, fast genau 24 Stunden nach dem ersten Anruf, klingelte wieder das Telefon. Die gleiche Nummer. Eigentlich wollte ich gerade aus dem Haus gehen, um eine Zigarre zu rauchen und im Anblick des Vollmondes meinen Gedanken nachhängen, aber die Neugier obsiegte.

Dieses Gespräch kann ich nicht wörtlich wiedergeben, denn es dauerte etwa 20 Minuten. Der Herr, der mich am Abend zuvor zensieren wollte, entschuldigte sich nun. Er habe gestern ganz eindeutig überreagiert und es war eine „Kurzschlussreaktion“.

Ganz ehrlich, ich habe seine Motivation nicht verstanden, obwohl wir uns diesmal ganz respektvoll und ruhig unterhielten. Er versicherte, dass er überhaupt nichts mit den Rechten am Hut habe, und dass es ihm um Deeskalation gegangen war.

Als ich fragte, wieso ihn mein Tweet so erregt habe, dass er deshalb meine Telefonnummer heraussuche, antwortete er, dass er meine Telefonnummer schon vor langer Zeit gespeichert hatte, weil er mich mal zu einem meiner Artikel über den Klimawandel anrufen wollte. Das fand ich, gelinde gesagt, wenig glaubwürdig, auch weil ich von seinem obigen Anruf bei Frau Deme wusste. Obwohl, vielleicht hat sie auf ihrem Blog ja auch mal etwas zum Klimawandel geschrieben? Und gerade gestern hatte der aufmerksame Leser mal Zeit, all seine Lieblingsbloggern anzurufen?

Dann erzählte er, dass er den ganzen Tag Anrufe erhalte, die meisten anonym. (Er selbst wollte übrigens weiterhin anonym bleiben, obwohl er mir eingie Details aus seinem Leben und über seine Familie erzählte.) Die große Mehrheit der Anrufer sei kritisch und beschimpfe ihn, aber einige unterstützen ihn auch. Beängstigend fand ich, dass sich auch jemand (vorgeblich) von der Identitären Bewegung in Österreich gemeldet und angeboten hat, mich in Wien zuerst ausfindig und dann platt zu machen.

Unmittelbar nach den Drohanrufen hatte ich wirklich Angst. Deshalb hatte ich sie auch öffentlich gemacht. Aber jetzt, einen Tag später und nach dem großen Neonazoaufmarsch in Chemnitz, habe ich mehr Angst um Deutschland als um mich. Diese kleine Geschichte hier lenkt dabei von den wirklich wichtigen Fragen ab, und ich würde es deshalb nun auf sich beruhen lassen. Der Drohanrufer hatte einen stressigen Tag, wird vielleicht noch ein paar Anrufe mehr erhalten, aber ich habe in dem heutigen längeren Gespräch den Eindruck gewonnen, dass er Ähnliches nicht mehr unternehmen wird. Und wenn ich mal in Zürich bin, werde ich mich persönlich mit ihm unterhalten.


UPDATE 5: Sicherheitshalber muss ich jetzt dennoch Wien verlassen, und werde in ein kleines Dorf in den spanischen Bergen ziehen, wo ich die einzige Zufahrtstraße von weitem überblicke und mit einer Flinte auf meine Feinde warten kann.

Das ist schon traurig, denn Wien war für mich die bisher schönste und lebenswerteste Stadt in Europa. Aber selbst die lebenswerteste Stadt ergibt nur einen Sinn, wenn man am Leben bleibt (obwohl der Zentralfriedhof auch beeindruckend ist).

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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13 Antworten zu Mal wieder ein Drohanruf

  1. Pierpaolo schreibt:

    Vielen Dank für Ihre Zivilcourage. Weiter so.
    Ich würde jedenfalls die Morddrohungen nicht länger beachten. Allein die Tatsache, dass der Depp seine eigene Telefonnummer vor dem Anruf nicht versteckt hatte, sagt schon viel über seine HIrnfähigkeiten. Viel mehr Sorgen würde ich mich an Ihrer Stelle üm die Datenschutzmaßnahmen bei Twitter machen: Nicht zu fassen, dass irgendjemand so schnell an Ihrer Telefonnummer kommen konnte.
    Liebe Grüße
    Pierpaolo

    • Andreas Moser schreibt:

      Ab heute morgen ist er übrigens auf das Schreiben von SMS umgestiegen, so dass es noch leichter zu dokumentieren ist. 🙂

      Dass jemand meine Telefonnummer herausfindet, ist allerdings nicht die Schuld von Twitter. Die steht unvorsichtigerweise auf meinem eigenen Blog. Grundsätzlich habe ich ja auch keine Probleme damit, wenn mich jemand anruft. Das ist mir lieber, als wenn jemand plötzlich vor der Tür steht. (Deshalb werde ich jetzt wohl wieder umziehen müssen, wahrscheinlich in eine Hütte in den Bergen.)

  2. Wow, in welchen Zeiten sind wir (wieder) gelandet. Dass jemand sich die Mühe macht, die Telefonnummer aufgrund eines Tweets herauszufinden und dann sogar noch mehrmals anzurufen, spricht für viel fehlgeleitete Energie. Teilweise schon ein bisschen lustig, zu lesen, wie dämlich Leute sein können, aber dann doch wieder zu schockierend, um wirklich darüber zu lachen.
    Abgesehen davon ist es wirklich erschreckend, wie schnell sich im Osten Menschen zusammenrotten, um Krawall zu machen. Es wird alles getan, um Unruhe, Ressentiments und Hass zu schüren. Ich weiß nicht, was man dagegen tun kann. Diskutieren bringt mal gar nichts, da die Idioten eh ihre Meinung nicht ändern.

  3. nö jetzt mal nicht schreibt:

    lieber nicht das Foto veröfdentlichen, da könnte er womöglich auf Unterlassung klagen… halt… dann müsste er ja… seine Identität…

    ha… ha… ha… (Schurkenlachen)

    (allerdings könnte er den Inhalt des Anrufes ja auch einfach abstreiten).

    • Andreas Moser schreibt:

      Genau das war mein Hintergedanke! 😉
      Er kann sich juristisch nur wehren, wenn er seine Identität preisgibt.

      Und heute Morgen hat er eine SMS geschickt, es wird ihm also immer schwerer fallen, alles abzustreiten.

      Mittlerweile habe ich auch von einer weiteren Person erfahren, die er gestern zur gleichen Zeit angerufen hat.

      Heute Abend werde ich den Artikel mit all diesen Updates versehen, wahrscheinlich auch mit dem Foto, um die Suche zu intensivieren.

  4. Bin aus Sachsen! schreibt:

    Weil Chemnitz in Sachsen ist, reagieren die Menschen aber nicht mit normaler Trauer, Blumen und Kerzen, sondern mit Randalen und Gewalt.
    ———————-
    Also alle Sachsen sind dumpfe Nazischläger? Warum diffamieren Sie ein ganzes Bundesland? Vielleicht weil es grade en Vogue ist? Können Sie nicht anders? Haben Sie sich mitreißen lassen?
    Letztendlich pflegen Sie nur Vorurteile und sind nicht besser als jeder andere AFD Heini.

    • Andreas Moser schreibt:

      Weil mein Artikel, wie mein ganzer Blog, in einem humorvollen Ton gehalten ist, wozu auch Überspitzungen gehören.

    • Andreas Moser schreibt:

      Aber ich sollte wohl wirklich mal nach Sachsen kommen, und mir das selbst ansehen. Bisher war ich nur einmal in Hohenstein-Ernstthal, und das auch nur zu einem Gerichtstermin (als Rechtsanwalt, nicht als Angeklagter, keine Sorge).

      Im November komme ich voraussichtlich für ein paar Tage nach Leipzig, zu einem Seminar der Fernuniversität über „Arbeit und Ungleichheit im vorindustriellen Europa“.

  5. Gerry schreibt:

    Ob der Anrufer Agent Moser kennenlernen möchte?

  6. Pingback: Sport- und Fitnessblogs am Sonntag, 02.09.2018 – Eigenerweg

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