Österreich in der Zwischenkriegszeit

Dass man in jedem Land am meisten über die Geschichte des betreffenden Landes lernt, ist verständlich. Aber dass wir uns in Deutschland bei der Betrachtung der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zum Nationalsozialismus fast ausschließlich auf die Weimarer Republik konzentrieren, ohne zumindest ein bisschen europaweit oder gar weltweit zu vergleichen, greift dann doch zu kurz.

So lese ich mich gerade in die österreichische Geschichte der Zwischenkriegszeit ein. Vorsicht, ich bin erst ganz am Anfang der Lektüre, so dass der folgende Schnelldurchlauf vor Vereinfachungen, Auslassungen und wahrscheinlich auch Fehlern nur so strotzt. Aber auf jeden Fall wird deutlich, dass die Probleme der Weimarer Republik nicht so singulär waren. Ja, im Vergleich zu Österreich in jener Zeit erscheint die Weimarer Republik fast langweilig. Hier in aller Kürze nur die wichtigsten Punkte:

  • Österreich will nach 1918 Teil Deutschlands werden, aber die Allierten erlauben das nicht („Anschlussverbot“ im Friedensvertrag von Saint Germain).
  • Kaiser Karl will nicht abdanken, wird daraufhin rausgeworfen bzw. von den Briten in die Schweiz eskortiert.
  • Heimlich kommt er 1921 wieder zurück, fährt nach Ungarn und will dort König werden. Horthy, der ihm eigentlich nur den Platz warmhalten sollte, ist nicht so begeistert.
  • Der Kaiser zieht ab, aber seine ehrgeizige Frau Zita drängt auf den Job. Also fliegen die beiden erneut nach Ungarn, es kommt zu ein paar Scharmützeln und Kämpfen, aber der Kaiser bleibt thronlos.
  • Dafür bindet das ganze die ungarischen Truppen, so dass sich Österreich das Burgenland schnappen kann (das ihm nach dem Ersten Weltkrieg zugesprochen wurde, aber unter der faktischen Kontrolle ungarischer Guerillas stand).
  • Ach ja, in Kärnten dauert der Krieg übrigens auch noch ein weiteres Jahr an, gegen Jugoslawien.
  • Der Kaiser wird schließlich nach Madeira verschifft.
  • In Österreich ab 1923 Straßenschlachten und Kämpfe zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten, die im „Roten Wien“ ein Modell des Dritten Wegs („Austromarxismus“) aufbauen. Beide Seiten verfügen über bewaffnete Einheiten (Heimwehr bzw. Schutzbund).
  • 1927 brennt der Justizpalast und die Polizei erschießt 90 Demonstranten.
  • Natürlich auch große Wirtschaftskrise und allenthalben Antisemitismus, wie in der Zeit so üblich.
  • 1931 ein Putschversuch von Rechts, gescheitert.
  • Ab 1933 Entmachtung des Parlaments (durch formellen Fehler des Parlamentspräsidiums?) und Errichtung von „Anhaltelagern“ (KZs light).
  • 1934 dann ein kurzer Bürgerkrieg.
  • Nazi-Putschversuch mit Festnahme der Regierung, scheitert aber letztendlich. Der Bundeskanzler wird beim Fluchtversuch erschossen.
  • Hitler distanziert sich vom Putsch und beteuert die Selbständigkeit Österreichs, aber die Nazis unterwandern weiter den österreichischen Staat.
  • Österreich orientiert sich immer mehr am faschistischen Italien („Austrofaschismus“), auch in Abgrenzung zu Deutschland.
  • Aber 1936 Abkommen mit dem Deutschen Reich und Aufnahme von einzelnen Nationalsozialisten in die Regierung, darunter Innenminister Seyß-Inquart.
  • Im Februar 1938 fährt Bundeskanzler Schuschnigg, auch er Diktator, zu Hitler, der mit einer militärischen Intervention droht.
  • Die beiden Seiten des österreichischen Bürgerkriegs von 1934 überlegen kurz, ob man zur Abwehr der hitlerischen Gefahr zusammenarbeiten könne.
  • Schuschnigg setzt eine Volksbefragung über Unabhängigkeit oder Anschluss an. Beide Lager mobilisieren sich, denn jetzt geht es um alles.
  • In der Krise sieht das Kaiserhaus seine Chance, und Otto Habsburg fordert den Bundeskanzler auf, ihm die Führung des Landes anzuvertrauen. Davon hält Schuschnigg nichts.
  • Hitler hingegen hält nichts von der Volksabstimmung. Der österreichische Innenminister setzt dem österreichischen Bundeskanzler im Auftrag Hitlers ein Ultimatum, die Volksbefragung abzusetzen. Schuschnigg knickt ein.
  • Hitler legt jetzt noch eine Forderung drauf: Schuschnigg soll zurücktreten, und Seyß-Inquart soll Bundeskanzler werden. Schuschnigg knickt wieder ein. Die Nazis fühlen sich bestärkt, Hakenkreuzfahnen werden aufgezogen, der Bürgermeister von Wien wird verhaftet.
  • Bundespräsident Niklas weigert sich zuerst, den neuen Kanzler zu ernennen, gibt aber dann nach. Er hofft, dass damit die Unabhängigkeit Österreichs gesichert ist, weil jetzt alle Forderungen Hitlers erfüllt wurden.
  • Aber so funktioniert das nicht. Die deutsche Wehrmacht marschiert am 12. März 1938 in Österreich ein und, schwupp, gibt es kein Österreich mehr.

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Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade österreichische Schriftsteller in dieser Zeit erstaunlich prophetische Bücher schrieben, z.B. Hugo Bettauer (Die Stadt ohne Juden, 1922) und Joseph Roth (Das Spinnennetz, 1923).

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Österreich in der Zwischenkriegszeit

  1. Na, da hast du ein bis zwei Jahre österreichischen Schulstoff auf einer Seite zusammengefasst (mit ein paar Absätzen wären es vielleicht sogar zwei geworden 😉 ). Die einzige große Sache, die du nicht erwähnt hast, ist noch Schattendorf 1927, als Heimwehr und Schutzbund erstmals richtig aneinandergeraten sind.

    Wenn ich mich recht erinnere (ohne das jetzt zu prüfen) geschah die sogenannte „Selbstausschaltung des Parlaments“ wegen eines Formalfehlers. Bei einer Abstimmung traten alle drei Parlamentspräsidenten nach der Reihe zurück, um auch abstimmen zu können, bis dann keiner mehr übrig war. Dann hätte man einfach neu wählen müssen, das hat Dollfuß aber durch eine Polizeisperre des Parlaments am nächsten Tag verhindert.

    • Andreas Moser schreibt:

      ​Ich wollte das in einem Absatz runterschreiben, um die atemlose Entwicklung zu dokumentieren. (Am besten liest man es mit dem Lärm von Gewehren im Hintergrund. 😉 )
      Aber ich sehe ein, dass es so schwer zu lesen war, und habe es jetzt geändert.

      Danke auch für den ergänzenden Hinweis auf Schattendorf 1927!

      Heinz Fischer hat übrigens die Idee Deines Podcasts kopiert und eine vierteilige Radiosendung über die Erste Republik gemacht. Weil der ORF die Sendungen nur eine Woche online hat, habe ich leider nur den vierten Teil erwischt. Es gibt zwar alle Sendungen auf CD, aber der Preis ist etwas happig.

    • Achso! Mann, hätte ich das gewusst. Dann hätte ich noch schnell einen Flug in irgendein Kriegsgebiet gebucht!
      Oh, das klingt aber nett! Heinz Fischer ist sicher ein netter Erzähler. Wobei ich dir schon zustimme. 36€ lege ich dafür nicht hin..

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich werde mich mal umhören, wo in Wien der Park ist, in dem man nach Einbruch der Dunkelheit raubkopierte CDs kaufen kann.

  2. Flat Decider schreibt:

    Hallo, ich mag die Hahnenschwanzler auch nicht, aber das ist trotzdem falsch: „zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten … Beide Seiten verfügen über bewaffnete Einheiten (Heimwehr bzw. Schutzbund)“

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