Vor hundert Jahren blieb der Schwejk unvollendet – Januar 1923: Jaroslav Hašek

Vielleicht habt Ihr es schon mitbekommen: Es ist mal wieder Krieg in Europa.

Wenn die Soldaten eine Verschnaufpause bekommen, dann sitzen sie vielleicht auf einer Bank neben einem Kameraden aus Bronze oder Messing oder was immer die Schmelzerei noch übrig hatte. Denn auch in der Ukraine, z.B. in Lemberg, in Skelivka, in Luzk, in Uschhorod, in Kiew und in Odessa gibt es Denkmäler für den Soldaten Josef Schwejk, der selten mit Karabiner oder Kanone, aber dafür umso häufiger mit Pfeife oder Bierkrug abgebildet wird.

Dieser böhmische Soldat in der österreichischen Armee des Ersten Weltkriegs starb vor hundert Jahren, am 3. Januar 1923. Also, eigentlich starb an jenem Tag der Schriftsteller Jaroslav Hašek, aber dies ist einer jener Fälle, wo man zwischen Schöpfer und Schöpfung keinen trennscharfen Schützengraben ziehen kann.

Das war aus zwei Gründen tragisch: Zum einen starb Hašek mit nur 39 Jahren. Zum anderen starb er während der Arbeit an dem Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, der damit unvollendet blieb. Unvollendet wie viele große Kunstwerke, von Musils Mann ohne Eigenschaften bis Gaudis Basilika in Barcelona, von Gustav Mahlers 10. Symphonie bis zur A46 zwischen Hagen und Wuppertal.

Das ist die Basilika, nicht die Autobahn. Aber die wird sicher auch mal so hübsch.

Möglicherweise habt Ihr schon genug vom Krieg. Das ist ja so ein Gefühl, das meistens diejenigen befällt, die gar nicht betroffen sind, aber ihre kleinbürgerlichen, sekundären oder tertiären Einschränkungen zum großen Weltschmerz hochstilisieren und darüber offene Briefe verfassen müssen.

Jedenfalls wollt Ihr jetzt nicht das zehnte Buch über Kriege und Schlachten und Bomben und Soldaten lesen. Sondern etwas Heiteres, etwas Lustiges, etwas Amüsantes, etwas Erbauliches. Und, auch wenn es der Titel nicht vermuten lässt, für all jene Leserwünsche sind Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk genau das Richtige!

Österreich-Ungarn war zum Zeitpunkt des Ersten Weltkriegs bekanntlich ein Vielvölkergefängnis, und Schwejk entstammt einem der sympathischsten dieser vielen Völker, nämlich den Tschechen. Er hat keine große Lust auf Krieg und Militärdienst, aber trotz attestierter Blödheit und vorgetäuschtem Rheuma wird er eingezogen. Dabei hat er insofern Glück, als er zuerst Assistent eines Militärpfarrers und – weil der Pfarrer ihn beim Kartenspielen verwettet – bald Offiziersdiener wird.

Das sind lockere Aufgaben, vor allem wenn es den Offizieren eher um die Besorgung von Alkohol, Tabak, frischen Wurstwaren oder um das Überbringen von Liebesbriefen geht.

Schwejk geht mal der Truppe abhanden, so dass er zum Landstreicher wird. Dann findet er eine russische Uniform, zieht sie aus Neugier an und wird als vermeintlicher russischer Spion verhaftet und zum Tod verurteilt. In letzter Minute wird er gerettet, weil seine ursprüngliche Einheit sich meldet.

Es geht beim Schwejk sehr launig und lustig drunter und drüber, weshalb manche Leser das Buch als Komödie oder gar eine Ansammlung von Slapstick-Episoden abtun. Aber weit gefehlt. Schwejk ist kein Clown, und ob er wirklich dumm ist, auch wenn er sich selbst so bezeichnet, das wage ich zu bezweifeln. Vielmehr ist der Roman von einer satirisch-politischen Dimension, die jedoch ohne jede Schwere daherkommt. Es ist geradezu ein anarchischer Text, der nicht nur den Irrsinn der kaiserlich-königlichen Militärmaschinerie offenlegt, sondern eine Anleitung zum zivilen Ungehorsam gibt.

Schwejks Methode ist dabei nicht der offene Widerstand, sondern die aktive, übertrieben geflissentliche Befolgung von Befehlen, womit er den Behördengang lahmlegt oder aushebelt. Ich habe selten Zwist mit Behörden, aber wenn, dann ist der Schwejk ein guter Ratgeber.

Auch nach 800 Seiten sind Schwejk und seine Einheit noch immer nicht an die Front gelangt, weil die Truppe ständig verlegt, abkommandiert, ausgebildet, trainiert, neu ausstaffiert und zurückgezogen wird oder Zwangstopps einlegen muss, weil eine Lokomotive oder ein schriftlicher Befehl vom Generalstab fehlt. So sieht Schwejk zwar viel von Osteuropa, bis hinein in die Ukraine, was dem Roman zum Jubiläum eine unerwartete Aktualität verleiht, aber ich glaube, es fällt kein einziger Schuss.

Es ist also eine ewige Reise, wie bei Kafkas Das Schloss. Das ist ja auch unvollendet. Schade, dass sich diese Tschechen immer totsaufen. Oder sie kommen ins Gefängnis, wie Václav Havel. Oder sie werden Präsident, auch wie Václav Havel. Man weiß kaum, was schlimmer ist für einen Schriftsteller. Im Gefängnis hast du wenigstens Zeit. Als ich im Knast war, gab es allerdings kein Papier, keine Stifte, nichts. Da wird einem die Zeit doch ziemlich lang, und man wäre fast lieber Präsident. Aber nur fast. In Rumänien, ja, da zählt Literatur noch etwas, und sogar im Gefängnis gibt es Förderprogramme für Schriftsteller. Da gibt es aber auch Politiker, die, wenn schon nicht Präsident, so zumindest Wirtschaftsminister waren und während dieser Zeit ziemlich gute Bücher schrieben. Viele meiner rumänischen Freunde sagen jedoch, dass Varujan Vosganian auch ins Gefängnis gehört, womit sich der Kreis schließen würde (und wo er etliche seiner ehemaligen Kabinettskollegen wieder treffen könnte).

Habe ich schon erzählt, dass Hašek auch in die Politik strebte? Nein, ich glaube, ich habe noch gar nichts über ihn erzählt, sondern verzettele mich gerade wieder in Exkursen.

Also: Jaroslav Hašek wurde nur 39 Jahre alt, aber er war ein Prachtexempel für die These, dass ein Leben nicht lang, sondern vielseitig sein muss. Er war Journalist, Schriftsteller, Landstreicher (deswegen auch immer wieder im Gefängnis), Hundeverkäufer (mit gefälschten Stammbäumen für die auf der Straße eingefangenen Hunde), Drogist, Bankangestellter, Selbstdarsteller, Schachspieler, Anarchist, Redakteur einer zoologischen Zeitschrift (sehr erfolgreich, wurde aber gekündigt, als schließlich herauskam, dass er viele der besprochenen exotischen Tierarten frei erfunden hatte), Parlamentskandidat, Satiriker und Politkommissar.

Und Soldat. Im Böhmischen Infanterie-Regiment Nr. 91, genau wie Schwejk. An der Ostfront, genau wie Schwejk. Wohin sich der Roman noch entwickelt hätte, kann man erahnen, wenn man Hašeks Erlebnisse im Ersten Weltkrieg rekapituliert. Er ließ sich beim ersten Feindkontakt ohne Gegenwehr von der russischen Armee gefangen nehmen. Als Tscheche hatte er nicht viel übrig für die Habsburger, und da war er nicht der einzige. Tatsächlich desertierten so viele Tschechen und Slowaken, dass die französische, italienische und russische Armeen im Ersten Weltkrieg eigene Tschechoslowakische Legionen aufstellten.

Die tschechischen und slowakischen Exilpolitiker waren da auch arg dahinter, weil sie zeigen wollten, dass sie nicht nur einen eigenen Staat verdient hatten (Selbstbestimmungsrecht der Völker und so), sondern dass sie auch einen tatkräftigen Beitrag zum Niederringen der Mittelmächte leisteten. Insgesamt dienten etwa 140.000 Mann in diesen Legionen (noch) ohne Staat. Dazu kamen Zigtausende von Exiltschechen und -Slowaken, die in den Armeen Großbritanniens und der USA kämpften.

Und dafür wurde, zum wohlverdienten Dank, aus der Konkursmasse des Habsburgerreiches 1918 die Tschechoslowakei gegründet. Ein Staat übrigens, das ist vielen nicht bewusst, der in der Zwischenkriegszeit zu den wenigen stabilen Demokratien in Europa gehörte. Während es in Deutschland (Weimarer Republik, Inflation und Nazis), Österreich (Bürgerkrieg) und Italien (Faschismus) nur so drunter und drüber ging, entwickelte sich die Tschechoslowakei ganz ruhig und sachlich zu einem hoch entwickelten Industrieland.

Also alles super gelaufen, könnte man meinen?

Nun ja. Bei den Tschechoslowakischen Legionen in Russland war es ein bisschen komplizierter.

Die kämpften also auf Seite Russlands (und damit als Alliierte von Frankreich, Großbritannien und den USA) gegen Deutschland und Österreich, allerdings mit dem Wunsch, eine eigenständige Tschechoslowakei zu schaffen. Weil das russische Zarenreich auch ein Vielvölkergefängnis war (fragt nur mal die Ukrainer), trauten viele russische Generäle den tschechoslowakischen Soldaten nicht ganz. Und umgekehrt. Natürlich hätten die meisten tschechoslowakischen Soldaten lieber in der US-Armee gedient. Schon allein, weil es dort die gute Verpflegung der aus Tschechien stammenden Familie Kroc gab, die in den USA die McDonald’s-Kette gegründet hatte (siehe Kapitel 25 meines Berichts aus Pilsen). Aber was soll man machen, wenn man an der Ost- anstatt an der Westfront ist?

Die Begeisterung der Tschechen für die US-Armee ist noch immer größer als für die Rote Armee. Überall im Land gibt es General-Patton-Museen (siehe Kapitel 47 meines Berichts aus Pilsen), General-Patton-Monumente (siehe Kapitel 23 meines Berichts aus Marienbad) und ein alljährliches Befreiungsfestival. Beide Städte sind immer einen Besuch wert, aber wenn Ihr es Euch für Anfang Mai einrichten könnt, dann könnt Ihr an diesem Höhepunkt des erinnerungspolitischen Jahreszyklus teilhaben.

Patton museum.JPG
Patton

Aber zurück zum Ersten Weltkrieg in Russland, wo irgendwo unser Held herum irrt.

Die Tschechoslowakischen Legionen bewährten sich, wurden immer größer (vor allem durch Überläufer wie Hašek) und gewannen eine Schlacht nach der anderen. (Wenn man für sein eigenes Land kämpft, dann kämpft man irgendwie besser als wenn es um den Kaiser oder Erzherzog geht.)

Aber dann setzte im Herbst 1917 dummerweise jemand eine Revolution an. Mitten im Krieg. Die Oktoberrevolution hat echt niemand brauchen können, aber wenn die Zarenfamilie mal erschossen ist, dann gibt es halt kein zurück. Und die Tschechoslowakischen Legionen standen jetzt ohne Oberbefehlshaber da. Beziehungsweise mit neuen Oberbefehlshabern, den Bolschewisten um Lenin, die aber erstens bei weitem nicht das ganze Land kontrollierten, und zweitens gar nicht mehr Krieg führen wollen. Denn Lenin war ja schließlich vom deutschen Verfassungsschutz als V-Mann nach Russland geschleust worden. Die ganze Oktoberrevolution, um einen weiteren Beleg dafür zu liefern, dass die Deutschen wirklich an jedem einzelnen Unheil in der Menschheitsgeschichte schuld sind, wurde aus deutschen Steuergeldern finanziert. (Lenin im Sonderzug durch ganz Europa kutschieren, aber für die Fortsetzung des 9-Euro-Tickets fehlt angeblich das Geld.)

„Ein Hoch auf die Deutsche Bahn AG!“

Dem Verfassungsschutz war es peinlich, aus Versehen die Kommunisten unterstützt zu haben, weshalb er später überwiegend Neonazis protegierte.

Lenin jedenfalls schloss mit den Mittelmächten (Deutschland und Österreich-Ungarn) ganz schnell Frieden; das war der Frieden von Brest-Litowsk vom März 1918. Bereits im Februar 1918 hatte die Ukrainische Volksrepublik einen eigenen Friedensvertrag ausgehandelt. Die Ukraine sicherte darin die Lieferung von Nahrungsmitteln an das von einer Hungersnot geplagte Deutschland und Österreich zu. Im Gegenzug sicherten die Mittelmächte der Ukraine militärischen Beistand gegen Russland zu. – Ich erwähne das nur, weil immer wieder jemand behauptet, die Ukraine sei kein eigener Staat mit eigener Geschichte. Aber irgendwo ruft ein Österreicher gerade ganz laut: „Uns geht das nichts an. Wir sind neutral!“

Die Tschechoslowakischen Legionen verstanden sich jedoch als Teil der Entente, die den Krieg gegen Deutschland und Österreich fortsetzen wollten. Verkompliziert wurde diese komplizierte Situation dadurch, dass in Russland mittlerweile ein Bürgerkrieg ausgebrochen war. Das war, etwas vereinfacht, ein Krieg von jedem gegen jeden, insbesondere zwischen Bolschewisten, Menschewiken, dem Rat der Volkskommissare, Zaristen, Sozialrevolutionären, Liberalen, dem Großbürgertum, Intellektuellen, Materialisten, Reformern, Sozialdemokraten, der Sozialistischen Internationale, Syndikalisten, Anarchisten, Pazifisten, Monarchisten, Vegetariern, Antivivisektionisten, Heterokephalen, Autokephalen und Akephalen sowie nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in Finnland, in Estland, in Lettland, in Litauen, in der Ukraine, in Abchasien, in Bessarabien, in der Volksrepublik Tannu-Tuwa und – am abenteuerlichsten – in der Mongolei.

Alles klar?

Ein Tipp fürs Geschichtsstudium: Besucht niemals, niemals die Vorlesung über den Russischen Bürgerkrieg! Das ist wie ein vierdimensionales Labyrinth mit spiegelverkehrten Wurmlöchern. Ihr findet da nicht mehr raus.

Die Tschechoslowakischen Legionen waren mittendrin.

Zum Glück konnten die tschechoslowakischen Exilpolitiker mit allen 37 Bürgerkriegsparteien ein Abkommen schließen, in dem die Tschechoslowakischen Legionen Neutralität zusicherten. (Aber echte Neutralität, nicht so eine waffenverkaufende, schwarzgeldhortende, bestechungsgeldempfangende Pseudoneutralität wie Österreich oder die Schweiz.)

Tschechoslowakische Diplomaten sind überhaupt die besten Diplomaten der Welt, weswegen später eine von ihnen Außenministerin der USA wurde. Hier ist sie beim Begräbnis von Vaclav Hável, den ich, glaube ich, schon erwähnt hatte, oder? Ach, hier hängt schon wieder alles mit allem zusammen, und ich weiß gar nicht mehr, was ich wo unterbringen soll. Zum Glück gibt es hier keine Zeichenbegrenzung, wie bei den bemitleidenswerten Kollegen von der Printpresse. Und jetzt wird auch noch das Papier teurer. Nur der 10-Euro-Schein kostet noch immer 10-Euro, das lobe ich mir, insbesondere, wo sich dieses Jahr die große Inflation zum hundertsten Mal jährt und deshalb wahrscheinlich bald eine eigene Folge in dieser launigen Geschichtsreihe bekommt.

Im Gegenzug für die Zusicherung der Neutralität und im Dank für die geleisteten Dienste sollten die Tschechoslowakischen Legionen freien Abzug aus dem Bürgerkriegskuddelmuddel genießen. Nur wohin? Die Tschechoslowakei gab es ja noch nicht.

Die Tschechen und Slowaken wollten weiter gegen Deutschland und Österreich kämpfen. Wenn nicht mehr an der Ostfront, dann halt an der Westfront. (Endlich McDonald’s!) Also wurde vereinbart, dass sie aus Russland nach Frankreich abziehen durften.

Da gab es nur ein Problem: Zwischen Russland und Frankreich lag Deutsch- und damit Feindesland. Und die Tschechen und Slowaken wollten auch nicht unbedingt durch Gebiete laufen, wo gerade heftigst gebürgerkriegt wurde. Außerdem würde bald Polen entstehen, das sofort in den Russisch-Polnischen Krieg verwickelt werden würde.

Und hier beginnt eines der größten Abenteuer des Ersten Weltkriegs. Denn was ist, wenn der direkte Weg unmöglich ist, die zweitschnellste Route von Russland nach Frankreich?

Genau: Einmal um die ganze Welt!

Der Plan war, dass die Tschechoslowakischen Legionen von Kiew oder Moskau aus nach Osten reisen würden, durch ganz Sibirien. Dorthin war gerade – im Oktober 1916 – eine Eisenbahn fertiggestellt worden, die noch nicht vom internationalen Tourismus entdeckt worden war. Es gab also noch ausreichend Fahrscheine, sogar zu erschwinglichen Preisen. In Wladiwostok sollten sie Schiffe besteigen und über Hawaii nach Nordamerika reisen. Durch die USA und durch Kanada wieder mit dem Zug. Dann mit dem Schiff über den Atlantik und schließlich nach Frankreich.

Wahrscheinlich dachten alle: „Bis die in Frankreich ankommen, ist der Krieg vorbei.“ Es war ja schon Frühjahr 1918.

Aber vorher – vielleicht solltet Ihr Euch immer eine Tasse Tee oder so zubereiten, wenn Ihr Euch einen meiner langen Artikel vornehmt, fällt mir jetzt erst ein – passierte noch einiges. Weil nur alle paar Tage ein Zug mit wenigen Waggons fuhr, dauerte die Reise durch Sibirien viele Monate. Sibirien ist wirklich groß, aber die Tschechoslowakischen Legionen waren halt auch groß. Also waren die ersten schon in Wladiwostok, während die anderen noch nicht einmal einen Fahrschein hatten. Die Tschechoslowaken verteilten sich letztendlich über die gesamte Bahnstrecke.

Im Mai 1918 gab es einen Zwischenfall in Tscheljabinsk, das ist im Ural. Anscheinend hatten die Tschechoslowaken jemanden erschossen, den sie nicht erschießen hätten sollen. Die Bolschewisten nahmen ihnen das übel. Die Tschechoslowaken verschanzten sich in der Stadt. Da verfügte Leo Trotzki trotzig, dass alle Tschechoslowaken entwaffnet und an der Weiterfahrt gehindert werden sollten.

Die Tschechoslowaken widersetzen sich und wurden damit zur Kriegspartei. Weil sie bereits überall entlang der Bahnstrecke positioniert waren, konnten sie die Transsibirische Eisenbahn einnehmen und sichern.

Das war wichtiger, als man vielleicht denkt. Damit war der Nachschub für Russland über den Pazifik sowie die Verbindung zum rohstoffreichen Sibirien abgeschnitten. Das war zu jener Zeit besonders dramatisch, weil die Bolschewisten keinen Zugang zum Schwarzen Meer und zur Ostsee hatten. An ersterem lagen die Ukrainer und die Weiße (zarentreue) Armee, an letzterem waren britische und französische Truppen gelandet.

Die Kämpfe zwischen den Tschechoslowaken und den Bolschewisten mitten in Sibirien dauerten noch bis 1919. In Frankreich und an der Westfront, wohin sie eigentlich ausreisen sollten, war schon lange Waffenstillstand. Die Tschechoslowakei, die sie gründen wollten, war schon gegründet worden. Aber erst von Januar bis September 1920 konnten sie mit Schiffen von Wladiwostok in ihr neues Vaterland fahren. (Der Umweg über die USA war nicht mehr notwendig, jetzt ging es um Indien herum und durch den Suez-Kanal. Die Strecke ist auf der obigen Landkarte ebenfalls eingezeichnet.)

Bei diesen Scharmützeln gingen zwei Dinge verloren:

Erstens das Zarengold. Es gibt da viele böse Gerüchte, bis zu dem, dass der sowjetische Einmarsch in Prag 1968 der Wiedererlangung des einstigen Staatsschatzes diente. Aber Gerüchte und Gold interessieren uns nicht.

Der zweite Verlust war schmerzlicher. Es war Jaroslav Hašek.

Er hatte nämlich erneut die Seiten gewechselt, die Tschechoslowakischen Legionen verlassen und war – aus Sympathie zur Weltrevolution aller Arbeiter der Stirn und Faust – 1918 zu den Kommunisten übergelaufen. Die erkannten sein Talent, machten ihn zum Politkommissar der 5. Sibirischen Armee und bald zum Stadtkommandanten von Bugulma.

Deshalb gibt es hier keine Schwejk-, sondern eine Hašek-Figur. Aber die kommt wahrscheinlich bald weg, wenn jemand in Russland den Sinn des Romans versteht. In Russland kommt ja derzeit viel weg. Oder fällt vom Balkon im 4. Stock, obwohl der Betreffende im Erdgeschoss wohnt.

Ach ja, das mit der Politik, das wollte ich ja vorhin schon erzählen.

Bereits 1904, also lange vor dem Großen Krieg, denn hier wird kreuz und quer durch die Zeitachse gehopst wie ein quietschfideler junger Hund, hatte Jaroslav Hašek eine Partei gegründet. Die „Partei für gemäßigten Fortschritt im Rahmen der bestehenden Gesetze“, was in Verbindung mit Hašeks wenig gemäßigtem und wenig gesetzestreuen Charakter auf den satirischen Charakter dieses Projekts hinweist.

1911 kandidierte Hašek für den österreichischen Reichsrat und hielt nach eigenen Angaben über 1.000 Wahlveranstaltungen ab. Jede Rede verlief anders, weil der Kandidat frei assoziierte, mit einem Thema begann, sogleich zum nächsten sprang, Ernstes mit Unernstem, Fakten mit Erdachtem verband.

Ich habe lange versucht, ein paar amüsante Passagen aus einer Wahlrede – sowie aus dem Roman – zu zitieren, aber es ist gerade das Mäandernde, Abschweifende, Sprunghafte, Assoziative, das die unterhaltsame Wirkung erzielt. Deshalb sind verkürzte Zitate wenig repräsentativ, und Ihr müsst das einfach selbst lesen. Oder nicht. Wie Ihr wollt.

Jedenfalls erkenne ich eine gewisse Wesensverwandtschaft im Stil, eine Neigung zu abschweifenden Anekdoten, was die Vorgesetzten von Schwejk auf die Palme und die Leserinnen und Leser je nach Anlass und Veranlagung zur Ekstase oder zur Verzweiflung treibt. Aber richtig schlimm wird es erst nächsten Monat, falls ich mir wieder so eine Extravaganz wie letzten Februar einfallen lasse. Mal sehen. Ich weiß am Anfang eines Artikels ja selbst nicht, wohin er führt.

Hašek bekam bei der Wahl 38 Stimmen, aber alle Spaßparteien dieser Welt stehen in seinem Schatten, auf seinen Schultern und in seiner Schuld. Leider muss man konstatieren, dass die Qualität der Satire sich nicht unbedingt im Rahmen des gemäßigten Fortschritts entwickelt hat.

Während der Zeit als Kommunist, Kommissar und Kommandant in Sowjetrussland heiratete Hašek und zog 1920 zurück nach Prag. Das sorgte nur insoweit für Irritationen, als er dort bereits verheiratet war, aber solche Privatangelegenheiten gehen uns nichts an. Oder wenn, dann nur als Beleg für meine These, dass Schriftsteller gefälligst etwas erleben sollen, bevor sie schreiben. Auch dafür war Jaroslav Hašek ein Prachtexempel.

Kurz bevor Schwejk in den Krieg zieht, trifft er eine Vereinbarung, die berühmt wurde: „Also dann“, ruft er seinem Saufkumpanen zu, „nach dem Krieg um halb sechs im Kelch!“

Jetzt muss bloß noch der Krieg enden.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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29 Antworten zu Vor hundert Jahren blieb der Schwejk unvollendet – Januar 1923: Jaroslav Hašek

  1. sinnlosreisen schreibt:

    „vierdimensionales Labyrinth mit spiegelverkehrten Wurmlöchern“, herrlich!
    Ich habe langsam den Verdacht, du bist die Reinkarnation dieses Hasek, Stichwort Mäandern. Hast du nicht zufällig manchmal so komische Erinnerungen?

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich habe zumindest immer, wenn ich in Tschechien bin, so ein Gefühl, zuhause zu sein, obwohl ich kaum ein Wort verstehe. Das kommt mir schon manchmal komisch vor, vor allem weil es sich auch auf andere Gebiete von Österreich-Ungarn erstreckt.
      Kennst du das auch, so ein Gefühl, wenn man irgendwo hinkommt, wo man garantiert noch nie war, wo man niemanden kennt, die Sprache nicht spricht, aber man fühlt sich zuhause? Ja eigentlich besser als zuhause.

      Früher dachte ich immer, mir liegt Deutschland nicht, weil ich mich an vielen anderen Orten wohler fühle. Aber eigentlich kenne ich ja nicht einmal ganz Deutschland. Das ist mir erst letzte Woche wieder gekommen, als ich mit dem Zug von Belgien zurück nach Bayern fuhr. (Früher wäre ich das getrampt, aber es war echt Sauwetter. Sowohl in Belgien als auch in Deutschland. Nicht einmal in Luxemburg war es besser, obwohl die ja das Geld dazu hätten. Dafür sind dort, das habe ich jetzt erst gelernt, die Tabakprodukte wesentlich billiger.) Naja, und da fuhr ich durch das Saarland, und mir fiel auf: „Ich bin zum ersten Mal im Saarland.“ Das ist eigentlich traurig, nicht wahr? Ich meine, die haben sich schließlich echt angestrengt, um zu Deutschland zu gehören. Das wissen ja viele von den jungen Menschen hier nicht mehr, die ganzen Geschichten mit Völkerbund und Volksabstimmung, und dass das Saarland ein eigenes Team bei der Fußball-WM 1954 hatte.
      Völklingen sieht ein bisschen aus wie Detroit. Man muss aber zugeben, dass viele Städte vom Zug aus sich nicht von ihrer besten Seite zeigen. Das ist ein bisschen so, wie wenn man ein Haus nach dem Hinterhof beurteilt.

      Dieses Mäandern jedenfalls, das liegt mir. Mir kommt das ganz natürlich, und so ist es auch die einfachste Art zu schreiben. Und wenn etwas zu einfach ist, dann denkt man: Das ist keine Kunst, das ist gar nichts.
      Und so war es natürlich eine Freude, den Hašek zu entdecken, und zu sehen: Hoppla, zumindest vor 100 Jahren war das Kunst. Aber gut, es hat sich viel geändert in 100 Jahren. Und jetzt mit Twitter und so, da bekommt man ja kaum mehr einen ganzen Satz raus. Sogar auf den Anrufbeantwortern wird man nach 5 Minuten abgeschnitten. Früher, da gab es noch keine digitalen, sondern mit Band, und dann haben sich meine Bekannten immer aufgeregt, wenn ich eine Geschichte hinterlassen habe, weil sonst niemand mehr anrufen konnte. Also, anrufen schon, aber eben keine Mitteilung machen. Wie wenn die irgendwelche wahnsinnig wichtigen Nachrichten empfangen würden, dachte ich mir, diese Wichtigtuer.

      Ich hatte mal eine Freundin, die hat das mit dem mäandernden Erzählstil gar nicht verstanden. Die war dann immer ganz verwirrt und hat, wenn ich mal eine Pause gemacht habe, gefragt: „Worum geht es jetzt eigentlich?“ Die konnte aber auch selbst nicht so gut erzählen, und dann war es eh vorbei. Sie war aber auch sauer, weil ich auf diese Insel im Atlantik gezogen bin. Dabei waren es nur ein paar Monate, und ich weiß nicht, warum die Leute so viel Wirbel machen, wenn man mal ein paar Monate weg ist. Naja, dann kam sowieso Covid, und dann hätte man sowieso nicht mit jemandem zusammen wohnen wollen, die keinen Sinn für Geschichten hat.

      Kaiserslautern sieht vom Zug aus auch nicht besonders hübsch aus, aber das ist ja nicht mehr im Saarland.

    • sinnlosreisen schreibt:

      Eindeutig mäandernd, sogar deine Kommentare 😂😂. Hast du schon mal überlegt, den Schwejk zuende zu schreiben?
      So etwa 5.000 Seiten?

    • Andreas Moser schreibt:

      Hmm, das ist so eine Idee, die einmal eingepflanzt, kaum mehr eingeht, obwohl alle Sorten von Pflanzen sonst in meiner Obhut schnell zugrunde gehen.

      Ich mache ja oft Housesitting, wo ich mich nicht nur um Katzen, sondern auch um die Blumen kümmern muss.
      Beim ersten Auftrag, in Wien-Ottakring, vielleicht dem coolsten Stadtteil von Wien, und angenehm nah zu den Steinhofgründen, dem wahrscheinlich schönsten Teil von Wien, über den ich schon lange mal schreiben oder zumindest ein paar Fotos veröffentlichen wollte, gingen mir in einer reich und komplex bepflanzten Wohnung drei Pflanzen ein.
      Am letzten Tag kaufte ich bei einer Pflanzengallerie Ersatz, aber natürlich waren die Orchideen nicht ganz deckungsgleich mit den Verblichenen.
      Ich habe es den Auftraggebern dann offen und frei gesagt, als sie zurückkamen, und darauf hingewiesen, dass es wirklich ein ungewöhnlich heißer Sommer war. (Was den Tatsachen entsprach.) Zum Glück ist den meisten Menschen ihre Katze wichtiger, so dass es kein Problem war. (Die Familie hat mich danach auch noch mehrfach eingeladen, was mich immer freut, weil Wien wahrscheinlich die angenehmste Stadt in Europa ist.)

      Aber, um auf deine Idee zurück zu kommen: Das muss ein Tscheche machen. Eindeutig.

    • sinnlosreisen schreibt:

      Ich grüble gerade, was eine komplex bepflanzte Wohnung ist?

    • Andreas Moser schreibt:

      Komplex ist alles, wo verschiedene Pflanzen verschiedene Gießrhythmen haben. Und noch schlimmer, wenn manche gerne Licht mögen, andere aber nicht.
      (Wobei ich mich immer wundere, woher Menschen die Selbstgewissheit nehmen, für Pflanzen zu entscheiden, was diese „mögen“.)

      Am liebsten sind mir Wohnungen, wo man einmal in der Woche durch die Wohnung geht, in jeden Topf ein bisschen Wasser schüttet, und gut ist es.

  2. tim schreibt:

    Schöner Artikel zum heutigen Start des Ocean Race!

    • Andreas Moser schreibt:

      Haha! 😀
      Das ist ein Zusammenhang, den ich wirklich nicht beabsichtigt hatte – und den zu erkennen ich einen ganze Weile benötigt habe.

      Aber ich glaube, diese Segler dürfen unterwegs nicht den Zug nehmen, oder?
      Dürfen die überhaupt wo halt machen? Aber wahrscheinlich sind das so Speed-Segler, die würden auch nicht halten, wenn sie dürften. Kein Gespür für die Kultur auf all den Inseln, keine Wertschätzung für ein Steak in der Hafenkneipe, sehr schade, dieser Geschwindigkeitswahn.

      Als ich auf Faial lebte, da kamen immer die Atlantiksegler vorbei. Das war gerade während des Beginns der Corona-Pandemie. Die Schiffe mussten dann mit gelber Flagge zwei Wochen im Hafen liegen bleiben, und die Besatzung durfte nicht von Bord. Die Hafenbehörde brachte zweimal am Tag Essen, Toilettenpapier und wahrscheinlich auch Schnapps.
      Ich war einerseits beeindruckt, wie streng das gehandhabt wurde. So eine kleine Insel kann man ja durchaus schützen, und es gab zu dem Zeitpunkt auch keine Flüge oder Fährverbindungen mehr.
      Andererseits, wenn Leute gerade erst ein paar Wochen auf dem Atlantik waren, dann schleppten sie gewiss kein Virus aus China ein. Nur Kolumbus glaubte, dass China am Atlantik liegt. In der im Text verlinkten Wahlkampfrede beruft sich Hašek übrigens auch auf Kolumbus, und schon wieder zeigt sich, dass wenn man lange genug assoziiert und mäandert, man doch wieder einen Zusammenhang herstellt bzw., um metaphorisch zu sprechen, die Weltumsegelung geschafft hat. Aber das war Magellan, nicht Kolumbus.

  3. Xeniana schreibt:

    Schwejk stand bei uns im schwarzen Raumteiler, der das kleine Wohnzimmer in der Platte , trennte. Als Kind erschien mir dieses Bücherregal riesig und das Buch vom braven Soldaten Schwejk auch.
    Ich war fünf , als ich das erste Mal die Bilder betrachtete. Schön hier noch mal auf dieses Buch zu treffen. Vielleicht schaue ich mal, wo ich es mir bestellen kann.

    • Andreas Moser schreibt:

      Aus deinem Blog habe ich den Eindruck, dass du in Berlin wohnst. Da findest du den Schwejk auf jeden Fall in den Antiquariaten.
      Ich war letzten Sommer in Kreuzberg, zum Katzensitting, und habe ein Antiquariat in der Bergmannstraße, gegenüber von der Markthalle mit all dem ungesunden Essen, entdeckt. Das war der Hammer! Die hatten wirklich alles, selbst zu den obskursten Themen – ich suchte zB etwas über Japan -, und ziemlich günstig.
      Und in Berlin gibt es ja noch viel mehr Antiquariate:
      https://www.tip-berlin.de/lifestyle/shopping/12-antiquariate-in-berlin-wo-man-gut-alte-buecher-kaufen-kann/
      Oje, ich sehe schon, ich muss vorsichtig sein, wenn ich ab nächster Woche wieder nach Berlin komme, diesmal für zwei Monate Housesitting. Aber diesmal bin ich ganz weit draußen, in Müggelheim. Wenn ich da durch den Wald spaziere, komme ich hoffentlich nicht jeden Tag mit neuen Büchern nach Hause.

      Am U-Bahnhof Südstern fand ich sogar den offenen Bücherschrank gut. Sonst sind da ja meist nur lauter Konsaliks oder Grishams oder „Maschinenschreibkurs für die Oberschule“ oder so drin, aber bei demjenigen, da konnte man durchaus interessante Literatur finden. Vielleicht kann man einiges über das Viertel erfahren, wenn man die öffentlichen Bücherschränke analysiert.

      Einmal, in Kanada, fand ich die Gesammelten Werke von William Somerset Maugham in so einem Bücherschrank, da habe ich lange davon gezehrt.

      Weil du die Platte erwähntest: Ich hatte da zwar keinen Raumteiler, aber ich fand die Plattenbauten, in denen ich gewohnt habe (ein Jahr in Litauen, ein Jahr in Rumänien), die gemütlichsten Wohnungen überhaupt!
      Und wenn man dann zu Freunden oder Nachbarn eingeladen wird, dann merkt man zwar, dass der Grundriss gleich ist, klar, aber dass sich doch jeder ganz individuell eingerichtet hat. Eigentlich viel individueller als bei den ganzen weißen Würfelhäusern in den Neubaugebieten heutzutage, die alle gleich aussehen.
      Ich bin zur Zeit auf der Suche nach einer (zumindest teil-) möblierten Wohnung, weil ich mal ein paar Jahre Pause vom ewigen Vagabundieren benötige, und finde es schade, dass immer, wenn wo so eine schöne, gemütliche Plattenbauwohnung frei wird, gleich alles rausgeworfen und „saniert“ wird.
      Naja, vielleicht muss ich nach Armenien oder so ziehen, um noch gemütlich wohnen zu können. Da habe ich in Dilijan mal eine Ferienwohnung gemietet, und die Frau hat mir dann das ganze Haus überlassen und ist für die Zeit zur Nachbarin gezogen. Aber jeden Morgen brachte sie frische Pfirsiche und so. Alles war aus Holz, alles ein bisschen schief, wie so ein Märchenhäuschen, wunderschön! Und mit Federbetten am Balkon. Aber, obwohl Juli war, war es mir nachts zu kalt draußen – ich habe es probiert.
      Als ich nach ein paar Tagen weiterzog, war die Vermieterin ganz enttäuscht, dass ich die Wodka-Flasche im Kühlschrank nicht geleert hatte.

    • Xeniana schreibt:

      Danke für deinen spannenden Kommentar. Das Antiquariat in der Bergmannstrasse probiere ich auf jeden Fall aus.
      Ich bin zur Zeit einmal im Monat in Berlin und überlege dorthin zu ziehen. Arbeit gibt es genug in meinem Bereich, aber Wohnung könnte ein ernsthaftes Problem werden. Ich hätte tatsächlich Lust auf Marzahn oder Spandau. Ich komme am 28, Januar wieder für eine Woche nach Berlin zum Probearbeiten und Vorstellungsgesprächen, in der Woche wird auch die Entscheidung fallen.
      Ich freue mich sehr auf die Schwejksuche.
      Dein Leben klingt so, wie ich mir meines immer gewünscht habe.
      Ich sag dir Bescheid, wenn ich etwas von einer teilmöbilierten Wohnung lese. Hast du bestimmte Bezirke die du bevorzugen würdest?

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, ich will auf keinen Fall nach Berlin ziehen!
      Das wäre mir zu teuer, und vor allem viel zu viel Ablenkung. Und außerdem will ich niemandem die Wohnung wegnehmen, der/die tatsächlich in Berlin leben muss.

      Ne, ich suche eher in einer mittelgroßen Stadt. Obwohl ich noch nie dort war, habe ich irgendwie ein Auge auf Chemnitz geworfen, zum einen wegen der Kulturhauptstadt 2025, zum anderen weil die dortige Universität auch Geschichte anbietet, so dass ich eine gute Bibliothek vor Ort hätte.
      Aber eigentlich bin ich ziemlich flexibel, solange es eine günstige Stadt ist, einen Bahnhof und eine Bibliothek gibt, und nicht gerade ruhrpotthässlich ist.

      Ich bin ab 24. Januar in Berlin-Müggelheim. Wenn dir arg langweilig ist, können wir uns gerne mal treffen. Dann kann ich dir erzählen, dass mein Leben doch gar nicht so toll ist bzw., wie jedes Lebensmodell, seine Vor- und Nachteile hat.)
      Auf jeden Fall viel Glück für Probearbeiten, Vorstellungsgespräche und Wohnungssuche! (Alles drei Sachen, vor denen ich enormen Bammel habe. Wirklich, für mich ist es weniger furchterregend nach Turkmenistan zu trampen als eine Bewerbung zu schreiben. Dabei können die Menschen in Turkmenistan nicht einmal meinen Blog lesen, weil er dort der Internetzensur zum Opfer fällt.)

    • Xeniana schreibt:

      Ja sehr gern:) und mehr schreibe ich morgen. Hab Frühschicht und die Uhrzeit liegt mir leider gar nicht. Wäre gespannt etwas von deinem Leben zu hören. Sehr.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich müsste eigentlich auch gerade an einer Übersetzung arbeiten.
      Wer schreibt, braucht ja schließlich einen Brotjob. Leider.

  4. Anke schreibt:

    „Bei Regen findet der Krieg im Saale statt.“ Ist das auch aus dem Buch? Oder eine Erfindung meines Vaters, der das immer sagte? Mir dreht gerade etwas der Kopf, nach all deinen Abschweifungen. Interessant sind sie aber! Obwohl der Bezug bzw. die Einleitung, dass nämlich Krieg ist, ein verdammt beschissener ist.
    PS: Juli Zeh? Echt jetzt?

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich habe versucht zu recherchieren, aber ich finde nicht heraus, woher dieser Spruch kommt, muss ich zugeben.
      Meine eigene Lektüre des Schwejk liegt schon ein bisschen zurück. Ich lese Bücher gerne „vor Ort“, und auch wenn ich nicht die ganze Route abgefahren bin, so ein Freak bin ich dann doch nicht, so habe ich den Schwejk doch gelesen, als ich vor ein paar Jahren länger in Tschechien war.

      Aber das ist auch eines der Bücher, die man nach ein paar Jahren noch einmal lesen kann. Und sei es nur, um wieder in den Erzählduktus zu verfallen. Was man liest, beeinflusst ja doch, wie man schreibt. Zumindest bei mir. Wenn ich zB schon am Morgen Max Goldt lese, dann schreibe ich viel humorvoller, kreativer. Wenn ich hingegen mit Thomas Mann beginne, dann werden die Gedanken schwerer und die Sätze länger. Und dann kommen so Ergebnisse heraus wie zum Tag des Schachtelsatzes.

      Das mit dem Krieg gegen die Ukraine, nun ja, mal will ja irgendwie aktuelle sein. Wobei man auch sagen muss: Irgendwo ist immer Krieg. Es interessiert halt nur mehr, wenn das Benzin teurer wird. Leider.

      Was soll ich zu Juli Zeh sagen? Ich finde, sie sollte schreiben, aber weniger Interviews geben. Manche ihrer Bücher finde ich ziemlich gut. „Unter Leuten“ zB ist ein gut konstruierter Roman, auch spannend. Vielleicht in der autofiktionalen Pferdefrau ein bisschen zu viel „Ich bin ja aus Bonn und habe Jura studiert und spreche Fremdsprachen, könnte also überall auf der Welt arbeiten. Sogar in New York! Aber, ach Gottchen, im Osten sind die Grundstücke noch soooo billig, das ist ja ein Schnäppchen! Wenn nur die Leute nicht so beschränkt wären, die haben hier ja nicht mal Rhabarber-Bagles….“-Wessi-Überheblichkeit.
      Ihr Reisebuch über Bosnien ist sprachlich hervorragend, auch wenn ich persönlich die Beschreibung der vielen Toilettenbesuche weggelassen hätte. Aber wenn sie sich in Weltpolitik einzumischen versucht oder den Bundeskanzler mit offenen Briefen nervt, tja, dann wird sie eben arg nervig.

    • Anke schreibt:

      Da lese ich so schnell nichts mehr von Frau Zeh. „Unter Leuten“ und der ganze Hype um sie und das Buch hatten mich gereizt. Ich habe es mit großem Interesse gelesen, ja, es war gut konstruiert und spannend. Zur Verstärkung habe ich mir noch die Verfilmung reingezogen, aber das war mir dann doch zu düster. Dass sie selbst ein bisschen in der Pferdefrau steckte, wusste ich nicht, aber irgendwie unsympatisch waren die Figuren alle auf ihre Art. Ist doch aber löblich, wenn auch die Wessiearroganz mal literarisch gezeichnet und für die Nachwelt dokumentiert wird. 😉
      Der Brave Soldat Schwejk reizt mich jetzt aber auch. Hundertprotzentig hatten ihn auch meine Eltern in der Schrankwand im ostdeutschen „Altneubau“ stehen. Nun muss ick neu danach suchen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich habe mal ein Interview mit ihr gehört, da hat sie fast die ganze Zeit über ihre Pferde gesprochen, und dass sie wegen der Pferde halt einen SUV benötige, und so weiter.
      Ohne das Interview hätte ich das auch nicht geahnt. Aber sie hat ja auch mindestens ein ausdrückliches Pferdebuch geschrieben.
      Die nervigsten Passagen im Interview, wo mir fast der Hut hoch gegangen wäre, wenn ich nicht gerade ganz entspannt auf den Azoren gewesen wäre, waren aber die, wo sie immer wieder erwähnt: „Ich müsste ja eigentlich gar nicht schreiben. Ich bin ja Juristin!“ Nichts gegen Juristen, ich bin ja auch einer, aber man muss das nicht immer und ständig erwähnen, vor allem nicht in so einem Ton, der von allen anderen untertänige Ehrfurcht erwartet.

      Wenn ich in Ostdeutschland bin, sage ich manchmal, ich sei aus Österreich, damit mich die Menschen nicht für einen jener Besserwessis halten.
      So wie US-Amerikaner, die sich, wenn sie im Nahen Osten oder in Südamerika Urlaub machen, als Kanadier ausgeben.

      Ich musste googeln, was „Altneubau“ bedeutet. Sieht aus wie die typischen Genossenschafts- oder Arbeitersiedlungen der Nachkriegszeit, wie sie auch in der BRD in den 1950ern gebaut wurden. Meine Oma hat in so einem gewohnt. Jahrzehnte später hatte ich mal einen Mietrechtsprozess, in dem es genau um die gegenüberliegende Wohnung in der gleichen Stiege und auf dem gleichen Flur ging. So ein Zufall!
      Leider habe ich den Prozess verloren. Also, liebe Leserschaft, kommt mir bitte keinesfalls mit Mietrechtsfragen!

      Aber der Schwejk ist wirklich uneingeschränkt zu empfehlen!

    • Anke schreibt:

      Siehste, konnte ich dir einen altneuen Begriff unterjubeln! Aber warte mal, beim Googeln steht da „viergeschossige“ Wohnhäuser. Unseres war dreigeschossig. Du siehst es, mit noch original ostdeutschem Wandgemälde, hier: http://tuttopaletti.com/2020/10/08/meine-deutsche-einheit/
      Nimmt man dir den Österreicher denn ab? So von der Sprache her?

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich spreche ja eh mit süddeutschem Akzent, das geht schon. Und notfalls backe ich schnell einen Kaiserschmarrn.

      Dass dein Haus es in eine ZDF-Dokumentation geschafft hat, ist aber auch dufte!

    • Anke schreibt:

      Haha!
      Na klar, Strausberg war Vorzeige-Osten, was privilegiertes Wohnen und agitatorische, realsozialistische Wandgemälde betraf. 😂

  5. Kain Schreiber schreibt:

    Gerade ausgehört: „die Bibliothekarin“, die sich in Auschwitz mit „Der Brave Soldat Schwejk“ „über Wasser hielt“ und zu den selben Schlüssel kam wie du gerade: er war nicht dumm, ganz im Gegenteil und auch die Editha aus dem o.g. Buch versucht, sich bei Schwejk den Umgang mit der Obrigkeit, den Nazis abzuschauen.
    Interessant, dass du mir heute zeigst, dass es so viele Statuen von ihm gibt.
    Dankeschön!

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja, man findet den Schwejk vielerorts, aber hauptsächlich in Osteuropa.
      In Westeuropa oder im Rest der Welt scheint er nicht so bekannt zu sein, und Deutschland ist wie immer in der Mitte.

      Oh, das ist aber schwere Kost!
      Und selbst da gibt es noch eine tragische Verbindung, weil Grete Reiner, die Übersetzerin des Schwejk ins Deutsche, im KZ Auschwitz ermordet wurde. 😦

      Sich in Auschwitz „über Wasser halten“, das erinnert mich an den Roman „Jakob, der Lügner“ von Jurek Becker. Da erfindet ein Häftling den Besitz eines Radios, um seine Mitgefangenen mit erfundenen Nachrichten (v.a. über die herannahende Rote Armee) zu erfreuen.
      Ein wunderbares Buch!
      Wenn du gerne hörst, im Deutschlandfunk kam vor kurzem eine Lange Nacht über Jurek Becker, die fand ich sehr interessant:
      https://www.deutschlandfunkkultur.de/schriftsteller-jurek-becker-froehlich-wie-selten-100.html

    • Kain Schreiber schreibt:

      Ich werd gleich mal deinem Grete Reiner Link folgen. Radiobeiträge sind ja nicht so meins, aber ich schau mal, ob ich „Jakob..“ finde. Kann es sein, dass es davon einen Film gibt?

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja, es gibt zwei Filme davon.
      Eine DEFA-Produktion von 1974, der einzige Film aus der DDR, der eine Oscar-Nominierung erhielt.
      Und eine Hollywood-Neuverfilmung von 1999.

      Ich habe beide nicht gesehen, weil mir das Buch so nah gegangen ist, dass ich das nicht durch einen Film zerstören will. (Ich mache das oft so. Gerade lese ich „Jenseits von Eden“ von John Steinbeck, das die meisten wahrscheinlich auch vom Film mit James Dean kennen. Aber ich finde das Buch so stark, so wuchtig, so enorm, dass ich mir keinesfalls einen Film ansehen werde.)

      Aber bei einem Seminar an der Uni hat mir ein Kommilitone aus der DDR versichert, dass die DEFA-Verfilmung von „Jakob der Lügner“ ganz gut sei.
      Das Seminar war eigentlich über die Verbrechen der Wehrmacht und die Wehrmachtsausstellungen, aber bei so einem Seminar kommt man halt auch immer vom Hundertsten ins Tausendste.
      Aber dass ich mal ein Praktikum bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung der NS-Verbrechen gemacht habe, habe ich schon irgendwo mal erwähnt, so dass ich Euch jetzt diesen Exkurs erspare. Der würde sich wirklich ins Unendliche strecken. Kürzlich habe ich meinen damaligen Praktikumskollegen im Deutschlandfunk gehört, er ist jetzt Professor. Da sieht man mal, wie wenig weit ich es gebracht habe. :/

  6. Andreas Moser schreibt:

    Ein Leser auf Twitter hat eine weitere Buchempfehlung:

    Ich gebe diese Empfehlung gerne weiter, weil Herr Müller eigentlich immer gute Empfehlungen hat. Außerdem kann er erzählen, das ist so ein lebendes Beispiel dafür, dass die falschen Leute Blogs schreiben und diejenigen, die eigentlich schreiben sollten, nicht eitel genug dafür sind.

    Wir haben uns mal getroffen, als ich in der Lausitz war, und da hatte ich so ein Glück beim Trampen, das ist unfassbar. Ich glaube, das habe ich schon einmal erzählt, im Zusammenhang mit NordStream2 und Pipelines, weil der Fahrer die große Druschba-Pipeline zusammengeschweißt hat. Das muss also in dem Artikel über Rapallo gewesen sein.

    Herr Müller ist auch so ein Schwejk, denn er hat mir erzählt, wie er sich dem Wehrdienst in gleich zwei Armeen entzogen hat und stattdessen zur Bahn ging, nur wegen der Freifahrtscheine, die in ganz Europa galten, wie er mit dem Faltboot den Weißmeerkanal entlang gefahren ist, auf der Krim in Höhlen gewohnt hat, mit einem Opel Kadett, von dem absehbar war, dass er den nächsten TÜV nicht schaffen würde, nach Sibirien und zurück fuhr (nur wegen einer Wette mit dem Autoverkäufer), als LKW-Fahrer Hilfstransporte in die atomar verseuchte Zone um Tschernobyl brachte, mit Lukaschenko auf dessen damaliger Kolchose selbstgebrannten Schnapps trank und im Garten von Gorbatschow gezeltet hat.

    Dazwischen gab es – der Herr ist ein wandelndes Lexikon und Archiv! – Erläuterungen über die Architektur von Tomsk, die sächsisch-preußische Grenzziehung, sowjetische Science-Fiction-Filme, die Autokephalie der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die Umweltverschmutzung in Norilsk, um Iwanowo, die Stadt mit dem höchsten Frauenüberschuss, sorbische Grammatik, tschechische Minderheitenpolitik und die Herstellung von synthetischem Wasserstoff.

    Dazu gab es selbstgemachte Samsa aus Usbekistan, ein Paket Zigarren aus Nicaragua, irgendeine Erläuterung dafür mit Sandinisten, Revolution und einem Fallschirmabsprung aus einem Segelflugzeug, sowie nicaraguanischen Rum, der dazu geführt haben mag, das ich einige Geschichten durcheinander gebracht habe.

    Leider habe ich große Angst vor Hunden, deshalb konnte ich nicht mitschreiben, weil ich Angst hatte, der Hund beißt mir die Hand ab. Dabei hatten sie auch eine ganz süße, liebe Katze, die gar keine Angst vor dem riesigen Hund verspürte. Wahrscheinlich könnte sogar diese Katze bessere Geschichten erzählen als ich.
    Aber Katzen nehmen sich nicht so wichtig.

  7. Xeniana schreibt:

    machst du das housesitting über eine agentur

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