Vor hundert Jahren legten Deutschland und Russland den Grundstein für den Zweiten Weltkrieg – April 1922: Rapallo

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Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass man den Begriff „Entdecken“ oder „Entdecker“ nur verwendet, wenn ein Weißer zum ersten Mal ein Gebiet betritt, das von nicht-weißen Menschen schon lange bewohnt wurde? Und diese falsche Entdeckerehre wird selbst jenem Seefahrer zuteil, der betrunken über die Weltmeere torkelte und sich dabei vollkommen verfuhr.

Die Rede ist natürlich von Christoph Kolumbus, der, weil er auf seinen Reisen auch Marketingexperten an Bord hatte, es irgendwie schaffte, alle früheren Entdeckungen Amerikas aus dem Weltgedächtnis zu tilgen. Die Wanderung der Asiaten über die Beringstraße, die Wikinger, die Polynesier, die Phönizier, König Abu Bakr II. aus Mali, Prinz Madoc aus Wales, die von der EU geförderte portugiesischdänischdeutsche Gemeinschaftsexpedition von 1473, sowie der Tunnel von Ägypten nach Mexiko. Warum sonst sollte es dort ebenfalls Pyramiden geben? Alles vergessen, verdrängt, verschwiegen.

Diese Vorrede ist ein kleines Zugeständnis an die Leserinnen und Leser, die sich weniger für das 20. Jahrhundert, sondern für die noch weiter im Geschichts- und Mythensumpf zurückliegenden Menschheitsepochen interessieren, die auf diesem Blog sträflich vernachlässigt werden. Aber man soll darüber schreiben, wo man sich auskennt, und das ist bei mir – wenn überhaupt – die Neuzeit. So dient der Exkurs über Christoph Kolumbus hier nur der Erwähnung, dass dieser aus Genua stammte.

Zu Zeiten Kolumbus‘ war Genua eine Republik. (Genau, deshalb machte er auch Amerika zur Republik. Gut kombiniert!) Später wurde die Hafenstadt französisch und schließlich – durch die heldenhaften Taten des im Gegensatz zu Kolumbus tatsächlich uneingeschränkt bewunderungswürdigen Giuseppe Garibaldi – italienisch.

Dort, im italienischen Genua, trafen sich im April 1922, mithin vor genau hundert Jahren, die Mächte dieser Welt, um die Nachkriegsordnung festzuzurren. Insbesondere ging es den 34 anwesenden Staaten um Wirtschafts- und Finanzfragen. Dominiert wurde die Konferenz von zwei drängenden Problemen.

Erstens: Russland. Während alle anderen Staaten unter liberalen bis kapitalistischen Wirtschaftssystemen litten, hatte sich das russische Volk im Oktober 1917 bekanntlich eine neue Wirtschaftsverfassung gegeben, nach der alles allen gehörte. Dieser Sozialismus oder Kommunismus war damals noch ziemlich neu und stieß weltweit auf Interesse, aber die Kapitalisten hatten den internationalen Staatenlenkern eingeredet, dass es Teufelszeug sei.

Übrigens, falls hier jemand eine schlaue Anmerkung anbringen wollte: Es ist schon korrekt, von Russland und noch nicht von der Sowjetunion zu sprechen, weil letztere erst im Dezember 1922 gegründet wurde. Dazu wird es zu gegebener Zeit wahrscheinlich eine gesonderte Folge geben. Denn ansonsten muss ich zum Dezember 1922 über die Gründung des Irischen Freistaats oder den Nobelpreis für Albert Einstein schreiben, was beides viel zu komplizierte Themen sind, als dass ich mich auch nur annähernd einarbeiten könnte.

Zweitens: Deutschland. Insbesondere ging es damals um die Nachverhandlungen der Reparationszahlungen, die Deutschland als rechtlich allein für den Ersten Weltkrieg verantwortlicher Staat (Art. 231 des Versailler Vertrages) begleichen sollte. Deutschland macht zwar sonst gerne auf dicke Hose, aber zu jener Zeit jammerte Deutschland, dass man die Reparationen auf keinen Fall zahlen könne, dass man vollkommen pleite sei, und dass das doch alles so ungerecht sei, heul, schnief, schluchz.

Diese beiden Staaten waren also gewissermaßen die Geächteten der internationalen Ordnung. Für die russische Delegation hatte sich in Genua nicht einmal ein Hotel bereitgefunden, weshalb die Bolschewisten im 30 km entfernten Rapallo unterkommen mussten. Und zwar im Hotel Imperiale, das für diese Folge persönlich in Augenschein zu nehmen zwar angebracht gewesen wäre, aber mein Fünfjahresplanbudget gesprengt hätte.

Wenn Ihr selbst in der Schule, an der Universität oder auf der Arbeit schon einmal den Pariastatus genossen habt, dann wisst Ihr ja selbst, wie das so läuft: Wenn zwei Leute ausgegrenzt werden, dann tun sie sich irgendwann zusammen. Und sei es nur aus Langeweile.

Nach ein paar Tagen Konferenz fiel den russischen und deutschen Delegationen allabendlich die Hoteldecke auf den Kopf, während sich die anderen Staaten zum Tanzen, im Kino oder zum Glücksspiel trafen. Jeden Abend allein Pizza zu essen, das kann ziemlich öde werden, auch wenn Essen für Russen damals durchaus ein ungewohntes Vergnügen war. Also luden die Russen die Deutschen nach Rapallo ein und fragten, mangels diplomatischer Erfahrung etwas ungelenk: „Sagt mal, wenn niemand anders mit uns spielen will, wollen wir nicht Freunde sein?“

Die Deutschen beratschlagten ein bisschen, aber schließlich setzte sich der Konsens durch: Besser einen dubiosen Freund als gar keinen Freund. (Das ist immer so ein Problem mit Leuten, die nicht allein sein und einfach den ganzen Abend mit einem Buch genießen können. Von solchen Menschen geht alles Unheil dieser Welt aus.)

Deutschland und Russland verband aber auch eine gemeinsame Abneigung. Und zwar gegen Polen. Dieser lustige Staat hatte die Angewohnheit, mal zu verschwinden, dann wieder aufzutauchen, mal geteilt, dann wieder vereint zu werden, mal nach Osten und dann nach Westen verschoben zu werden. Selten war es die Schuld der Polen selbst. Sie hatten, wie so viele osteuropäische Staaten und Völker, einfach das Pech, zwischen den Großmächten Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich zu liegen und von diesen als Aufmarschgebiet für ihre Kriegsspiele missbraucht zu werden.

Hier eine bewegte Übersicht zur bewegten polnischen Geschichte:

Alles klar?

Ich hoffe nur, dass Ihr nicht den Polnisch-Ukrainischen Krieg, der von 1918 bis 1919 zwischen Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Rumänien einerseits und der West-Ukraine, der Ukrainischen Volksrepublik, der Hutsul-Republik und der Komancza-Republik andererseits um Galizien, die Karpatenukraine, Wolhynien und die Bukowina ausgetragen wurde, sowie den Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921 übersehen habt. Aufmerksame Leserinnen und Leser fragen jetzt, wie es einen sowjetischen Krieg gegeben haben kann, wo Ihr doch oben erfahren habt, dass die Sowjetunion erst im Dezember 1922 gegründet werden sollte. Tja, es gab aber bereits Sowjetrussland und die Sowjetukraine, die in diesem Krieg gemeinsam gegen Polen, Lettland und die Ukrainische Volksrepublik kämpften (und verloren).

Merkt Euch diesbezüglich einfach nur zwei Dinge: Erstens, und das ist einer der Dauerbrenner in dieser Geschichtsreihe, der Erste Weltkrieg war 1918 noch lange nicht zu Ende. Zweitens, die Ukraine war auch vor hundert Jahren kein Teil Russlands. (Ich weiß, das ist alles schrecklich kompliziert. Aber das heißt nicht, dass derjenige Recht hat, der behauptet, dass alles ganz einfach sei. Ganz im Gegentum, solche Typen wollen Euch höchstwahrscheinlich verarschen.)

Aber jetzt zurück ins schöne Rapallo.

Nach viel Wodka, Wein und Grappa zog der russische Außenminister Georgi Tschitscherin einen Vertrag aus der Tasche, legte ihn seinem deutschen Kollegen Walther Rathenau vor, und sagte: „Unterschreib da mal.“

Rathenau war eigentlich ein bisschen skeptisch, aber der erste Artikel des kurzen Vertrags sah einen beiderseitigen Verzicht auf alle Reparationen und andere Schadensersatzansprüche vor. Rathenau war bei der FDP, deshalb konnte man ihn mit Ausgabenbegrenzungen immer locken. Alles andere würde der Markt regeln. Also unterschrieb er.

Ansonsten sah der Vertrag die Aufnahme von diplomatischen, konsularischen und vor allem wirtschaftlichen Beziehungen vor. Wirtschaft war das Hauptmotiv deutscher Außenpolitik, und die deutschen Exporteure standen schon Schlange. (Irgendwie hatten sie bereits vor Unterzeichnung von dem Vertragsentwurf erfahren.)

Ganz wichtig für die deutsch-russische Freundschaft war Erdöl. Deutschland lieferte das Know-How zum Betrieb der Ölquellen im Kaukasus und verpflichtete sich im Gegenzug, in Deutschland Autobahnen, Tankstellen und Autos zu bauen, auf dass Deutschland vom russischen Erdöl und später Erdgas abhängig werden sollte. Der Bau von Pipelines wurde als Freundschafts- und Friedensprojekt verkauft und mit entsprechenden Kampagnen begleitet. Deutsche Jugendliche entflohen mit Freude der Enge ihrer kleinbürgerlichen Elternhäuser, um in der sowjetischen Taiga mit Jack-London-Klondike-Romantik Wälder zu roden und Rohre zu verlegen.

Letzten Herbst war ich in Sachsen unterwegs, wie so oft per Anhalter. In Bautzen nahm mich ein älterer Mann mit, der eigentlich nach Dresden musste, aber für mich einen Riesenumweg nach Bernsdorf fuhr. Er erzählte aus seinem Ingenieursleben, in dem er wirklich viel von der Welt gesehen hatte. Aber der Höhepunkt für ihn blieb der Einsatz auf der Druschba-Trasse.

Wenn eine ganze Generation von DDR-Bürgern und -Bürgerinnen an der Pipeline der Freundschaft mitgeschschraubt, -geschweißt und -geschwitzt hat, erklärt das schon eine gewisse emotionale Verbundenheit, die den Menschen in Westdeutschland abgeht. Bei uns in der BRD dachte man eher strategisch: „Wenn wir mehr Benzin brauchen, müssen die USA halt wieder irgendein Land ‚befreien‘.“

Die Rohre für das Ostblockprojekt kamen übrigens aus Westdeutschland, Italien und Japan. Wirtschaftlich lief die Kooperation auch während des Kalten Kriegs super. Am Vertrag von Rapallo wurde nicht gerüttelt.

Als viel verheerender sollte sich die militärische Komponente der deutsch-russischen und bald deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit erweisen. Diese ist im Vertrag von Rapallo nicht ausdrücklich erwähnt, hatte aber bereits im Jahr zuvor, 1921, begonnen und wurde nach dem Schulterschluss an der ligurischen Küste intensiviert.

Auch hier lohnt ein Blick auf die Ausgangslage:

Die russische Armee war veraltet. Man setzte noch auf Pferde, wie Ihr aus der Folge über den Kavalleristen erinnert, der das Königreich Mongolei gründete. Russland hatte 1905 den Krieg gegen Japan verloren. Dass eine europäische Großmacht gegen einen asiatischen Inselstaat verlor, war bis dahin undenkbar gewesen. Russland hatte 1920 den Krieg gegen Polen verloren (siehe oben), ein Land, das nach über hundertjähriger Abwesenheit von der Weltbühne gerade erst wieder gegründet worden war. Das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte sank einfach so. Alles sehr peinlich.

Russland musste also, wenn es demnächst alle Nachbarländer von Finnland bis zur Ukraine angreifen wollte, dringend sein Militär modernisieren.

Deutschland hatte das technische Wissen, die Rüstungsindustrie und an allen Stellen Menschen ohne moralische Skrupel. Also eigentlich perfekte Bedingungen zur Aufrüstung.

Allerdings gab es da den Versailler Vertrag. Dieser hatte zum Ziel, Deutschland militärisch klein zu halten (Art. 159-213). So durfte Deutschland beispielsweise nicht mehr als 100.000 Soldaten und nicht mehr als 36 Kriegsschiffe haben. Deutschland durfte über keine Panzer, keine U-Boote und keine Luftwaffe verfügen. Die Wehrpflicht war verboten, ebenso wie die Entwicklung chemischer Kampfstoffe.

Das deutsche Militär sollte praktisch auf den Stand des russischen Militärs zurechtgestutzt werden.

Was machte die Reichswehr?

Wer ganz aufmerksam den Artikel zum Januar 1921 gelesen hat, weiß es schon: Das deutsche Militär scherte sich einen Dreck um den Versailler Vertrag und baute eine Luftwaffe und eine Panzerstreitmacht auf. Nicht offen, sondern heimlich.

Und wo konnte Deutschland seine Luftwaffe und seine Panzer am besten verstecken?

Da kommt Ihr nie drauf: Die geheime Kampffliegerschule und Erprobungsstätte der Reichswehr lag in Lipezk. Die geheime Panzerschule Kama lag bei Kazan. Der geheime Kampfmittel-Versuchsplatz Tomka lag bei Wolsk. In Fili, Charkiw, Samara, Jaroslawl und Rybinsk wurden gemeinsame Flugzeugwerke errichtet. Mitten in der Sowjetunion, weit entfernt von den Augen der Weltöffentlichkeit und der noch nicht erfundenen Satelliten, rüstete Deutschland entgegen aller vertraglichen Zusagen auf, bildete Piloten und Panzerfahrer aus, entwickelte neue Militärtechnik und erprobte Angriffstaktiken.

Deutschland finanzierte all diese Einrichtungen, durfte eigene Piloten, Panzerfahrer u.s.w. dort ausbilden, musste aber auch sowjetische Soldaten und Offiziere an den Lehrgängen teilnehmen lassen. Ungeachtet möglicher politischer Rhetorik gegen den jeweils anderen Staat ging die militärische Kooperation munter weiter. Praktisch wie bei Ronald Reagan.

Erst unter Hitler beendete Deutschland im September 1933 die Kooperation. Nicht so sehr aus ideologischen Differenzen, sondern weil die Nazis die Verletzung des Versailler Vertrages gar nicht mehr verbergen wollten. Die Revision, ja der Bruch dieses Friedensvertrages war schließlich Regierungsprogramm.

Die Sowjetunion behielt allerdings die Giftgasentwicklungsstelle bei Wolsk/Schichany bei. Im dortigen Zentralen Wissenschaftlich-Technischen Institut der Chemischen Truppen wurde das Nervengift Nowitschok entwickelt, das wir mittlerweile aus dem russischen Staatsterrorismus, unter anderem gegen Alexei Nawalny, kennen. Deswegen war Deutschland nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum Tomka-Vertrag auch verpflichtet, die lebensrettende Behandlung zu übernehmen.

Apropos geheimes Zusatzprotokoll: Das Deutsche Reich und die Sowjetunion schlossen in der Folgezeit weitere Verträge, von denen der folgenreichste der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war. Nach den jeweiligen Außenministern ist er auch als Molotow-Ribbentrop-Pakt bekannt. Unterzeichnet wurde er am 24. August 1939, was ganz praktisch war, denn eine Woche später würde Deutschland Polen überfallen und schon wieder einen Weltkrieg auslösen. (Kann das beim Dritten Weltkrieg bitte jemand anders machen, damit nicht wieder Deutschland als Buhmann dasteht?)

„Nichtangriffspakt“ war eine etwas irreführende Bezeichnung für diesen Vertrag. Zwar versicherten Deutschland und die Sowjetunion, sich nicht gegenseitig anzugreifen, aber ein geheimes Zusatzprotokoll sah allerhand Angriffe auf allerhand andere Staaten vor: auf Polen, auf Litauen, auf Estland, auf Lettland, auf Finnland und auf Moldawien. Auch die militärische Kooperation wurde wieder aufgenommen. So stellte die Sowjetunion dem Deutschen Reich von 1939 bis 1940 einen geheimen U-Boot-Stützpunkt bei Murmansk zur Verfügung. Sowjetische Eisbrecher bahnten deutschen Zerstörern den Weg. Der Zweite Weltkrieg war Teamwork.

Verträge zu Lasten Dritter sind immer eine unangenehme Sache, das kennt man ja vom Münchner Abkommen 1938. Außerdem sind sie rechtlich unwirksam, aber wenn man eine Grenze mit Deutschland oder der Sowjetunion hatte – oder heute eine Grenze mit Russland hat -, hilft einem das Völkerrecht nicht viel. Da helfen nur Waffenlieferungen, wie auch die Sowjetunion feststellen musste, als sie 1941 ganz überraschend von Nazi-Deutschland angegriffen wurde.

„Aber wir haben doch einen Nichtangriffspakt“, wunderte sich Stalin darüber, dass die deutschen Flugzeuge und Panzer, die einst in der Sowjetunion gebaut wurden, jetzt sowjetische Städte bombardierten und beschossen.

Stalin war überhaupt ein bisschen doof. Denn ab 1941 hätte man all die sowjetischen Offiziere und Soldaten, die zusammen mit den Deutschen studiert, manövriert und geübt hatten, hervorragend für die Rote Armee brauchen können. Wer den Feind kennt, kann seine Technik und Taktik besser einschätzen. Nur leider hatte Stalin 1936/37 all diese Offiziere hinrichten lassen, weil er niemandem traute, der einmal mit einem Deutschen im gleichen Raum gesessen hatte. (Ich glaube, er hat auch alle Leute hinrichten lassen, die ihn im Internet als doof bezeichneten. So ein Weichei war das.) Dass er später selbst den Pakt mit den Deutschen schloss, naja, wie gesagt, Stalin war nicht der Hellste. Man wundert sich wirklich, wie solche Leute alle vier Jahre wiedergewählt werden.

Das geheime Zusatzprotokoll war so geheim, dass Michail Gorbatschow erst im Dezember 1991 dessen Existenz zugab. Überhaupt war die sowjetische und ist die postsowjetische Geschichtspolitik ein bisschen geschichtsklitternd. So tun z.B. Denkmale nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Nachfolgestaaten der UdSSR so, wie wenn der Zweite Weltkrieg erst 1941 begann.

1941-1945 groß
1941-1945 Cenotaph
1941-1945 (1)
1941-1945

(Die Fotos stammen aus Uman, aus Kiew und aus Odessa in der Ukraine sowie aus Sochumi in Abchasien.)

Deshalb glauben dort viele Menschen, dass der Zweite Weltkrieg bzw. die Große Vaterländische Militärische Spezialoperation erst im Juni 1941 mit dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion begann. Die gleichen Menschen glauben auch gerne, dass die Sowjetunion keinerlei amerikanische Panzer und Flugzeuge und sonstige Unterstützung erhielt, sondern den Krieg allein gewann. Dafür glauben in Amerika wiederum viele Menschen, dass die Soldaten, die im Juni 1944 in der Normandie landeten, ganz persönlich Berlin befreit haben. Und niemand denkt je an die brasilianische Division. Dass die Welt rund ist und deshalb gleichzeitig an mehr als einer Front gekämpft werden kann, scheint für viele zu komplex zu sein.

Die Wahrheit ist, dass auch die Sowjetunion seit September 1939 im Krieg war. Sie überfiel zuerst Polen und besetzte den Osten des Landes. Zwei Monate später griff sie Finnland an, 1940 schnappte sie sich Estland, Lettland, Litauen und Teile Rumäniens.

Wenn Wladimir Putin den Hitler-Stalin-Pakt verteidigt, dann wisst Ihr jetzt, was er meint. Auch in Osteuropa, in all den Staaten, die so oft unter ihrer Lage zwischen Deutschland und Russland gelitten haben, weiß man das.

Nur im Westen, insbesondere in Deutschland, wo man so stolz darauf ist, „die Lehren aus der Geschichte“ zu ziehen, wollte niemandem auffallen, wie Rapallo-Molotow-Ribbentrop-mäßig sich die osteuropäischen Staaten vor den Kopf gestoßen fühlten, als Russland und Deutschland eine neue Pipeline in Betrieb nahmen, die alle anderen umging und ausschloss.

Gerade in Deutschland, wo man schnell „die besondere historische Verantwortung“ erwähnt, will nur wenigen auffallen, dass Deutschland keine besondere historische Verantwortung gegenüber dem russischen Staat, insbesondere nicht dem heutigen Mafiastaat, sondern gegenüber allen osteuropäischen Völkern hat, die unter der deutschen Besatzung gelitten haben. Ebenso gegenüber jenen, die in der Roten Armee gegen den Nazi-Faschismus gekämpft und unsere Konzentrationslager befreit haben. Neben Russen, Tataren, Kirgisen, Kasachen, Georgiern, Abchasen, Inguscheten, Osseten, Belarussen und so weiter waren das eben auch Ukrainer. Millionen von Ukrainern. Weswegen in jedem kleinen Dorf in der Ukraine ein Ehrenmal für die Sowjetsoldaten steht, immer gepflegt und mit frischen Blumen davor.

Die Lehre aus dem blutigen deutsch-russischen Jahrhundert? Die Großmächte müssen aufhören, andere Staaten wie Verfügungsmasse zu behandeln. Aber auch wir Menschen in Mittel- und Westeuropa müssen anders denken über Osteuropa.

Die Ukraine ist keine Kuh, aus der man sich Filets herausschneidet. Polen ist kein Pufferstaat. Das Baltikum ist kein Randgebiet. Der Balkan ist kein Pulverfass. Ebensowenig der Kaukasus. Rumänien ist kein Reservoir für billige Arbeitskräfte. Belarus ist kein Transitland. Alle Staaten, von Montenegro bis Moldawien, von Abchasien bis Albanien, sind wahnsinnig interessante Länder, die alle ein Recht auf eine eigene, selbstbestimmte, souveräne Existenz haben. Inklusive eigener Entscheidung, ob sie bei der EU, der NATO oder der FIFA mitspielen wollen.

corniche sukhumi.JPG

Und seid ruhig mal ein bisschen kreativer bei der Urlaubsplanung! Peleș ist schöner als Neuschwanstein. Sochumi ist wie Nizza, nur dass Ihr es für Euch allein habt. Die Fjorde in Montenegro sind fast so beeindruckend wie die in Norwegen, aber man ist nach zwei Bier nicht gleich pleite. Ganz zu schweigen von Odessa.

Apropos pleite: Ich freue mich über jegliche Unterstützung für diesen kleinen Blog. Und über Gastautoren! Gibt es für Mai 1922 jemanden, der/die sich auskennt mit dem Völkerbund-Protektorat für Albanien? Oder dem Bürgerkrieg in Paraguay? Oder Oberschlesien? Obwohl, besser nicht, bei letzterem Thema kommen immer so Großdeutsch-Ewiggestrige aus der Gruft.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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13 Antworten zu Vor hundert Jahren legten Deutschland und Russland den Grundstein für den Zweiten Weltkrieg – April 1922: Rapallo

  1. sinnlosreisen schreibt:

    So spannend und lustig kann Geschichte sein! Obwohl, eigentlich ist nicht die Geschichte an sich lustig, sondern deine Erzählung.
    Das mit den Entdeckern ist mir auch schon aufgefallen. Und dann geben diese Leute den Gegenden auch noch Namen wie Kolumbien oder Amerika, obwohl die Länder von ihren bisherigen Bewohnern längst andere Namen bekommen haben. Sehr anmaßend.

    • Andreas Moser schreibt:

      Bei diesem Thema konnte ich nicht allzu lustig werden. Das ist immer eine Gratwanderung, von der man auch auf die eine oder andere Seite abrutschen kann.

      Ich freue mich schon wieder auf richtig unverfängliche Themen wie die Mallory-Everest-Expedition im Mai 1922 oder die schwedische Volksbefragung zum Alkoholverbot im August 1922.
      (Ja, hier wird richtig vorausgeplant. Warum ich die Artikel dann doch immer auf den letzten Drücker schreibe, bleibt ein Geheimnis wie das um Tutanchamun, der im November 1922 entdeckt werden wird.)

    • sinnlosreisen schreibt:

      Aber die Gratwanderung gelingt bisher sehr gut. Freue mich schon auf die nächsten Beiträge

  2. Christoph schreibt:

    Zur Einleitung die passende Karte: http://www.radicalcartography.net/discoveries.html

  3. Pingback: One Hundred Years Ago, Germany and Russia laid the Foundation for World War II – April 1922: Rapallo | The Happy Hermit

  4. Ingwer schreibt:

    Hat dies auf Here you are! rebloggt und kommentierte:
    Der Beitrag Andreas Mosers fasst geschichtliches Wissen zusammen und erklärt einige Zusammenhänge, das man sooo in dieser komprimierten Art sonst nicht findet.
    Dankeschön!

  5. Jens Philip Höhmann schreibt:

    Einfach klasse!

  6. danysobeida schreibt:

    Necesito volver a leerlo es muy interesante las fotografías, los mapas antiguos y también los nuevos claro, algo que me agrada en particular de tu blog ademas de de la lectura.

    • Andreas Moser schreibt:

      Gracias!
      Pienso que es importante incluir mapas cuando escribo sobre ciudades o paises no tan conocidos en todo el mundo.
      Debería hacerlo más en mis articulos de viaje también.

  7. Pingback: Vor hundert Jahren erfanden die Deutschen den organisierten Rassismus – Mai 1922: Schwarze Schmach | Der reisende Reporter

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