Vor hundert Jahren hatten Schiffe noch Katzen, und Flugzeuge verschwanden nicht nur im Bermuda-Dreieck – Januar 1921: Carroll A. Deering

To the English version.


Nach dem fulminanten und vielversprechenden Start der neuen Reihe „Vor hundert Jahren …“ stehe ich nun unter Druck, jeden Monat eine lustige Geschichte zu liefern. Das Problem: Geschichte ist nicht immer lustig.

Den ganzen Monat habe ich gegrübelt, ob ich (a) anhand der Pariser Konferenz über die von Deutschland zu begleichenden Reparationszahlungen den Mythos der Dolchstoßlegende sowie der finanziellen Überforderung Deutschlands durch die Versailler Verträge aufgreifen oder (b) mittels der Leipziger Prozesse die deutschen Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg in Erinnerung rufen und einen Bogen zu den Nürnberger Prozessen schlagen soll.

Ich finde beides spannend, aber damit stehe ich wohl allein auf weiter Flur. Also wähle ich (c) Katzen.


Vor hundert Jahren hatten die Menschen noch Umweltbewusstsein, weshalb relativ wenig geflogen wurde (und wenn, dann nur für dubiose Zwecke). Beliebte Alternativen waren Eisenbahnen, lange Spaziergänge nach Italien und Schiffe.

Um letztere soll es heute gehen.

Und zwar um einen fünfmastigen Gaffelschoner, wie wir Seemänner das nennen. Also ein Segelschiff. Ein wunderbar elegantes, vollständig aus Holz gefertigtes Segelschiff, das jedoch zum Transport von Kohlen eingesetzt wurde. Nach der Tochter des Reeders erhielt es den Namen Carroll A. Deering.

Seit 1919 fuhr das Schiff zwischen dem Heimathafen in Virginia (USA), Puerto Rico, Brasilien und Spanien hin und her, was gefährlicher war als es sich anhört. Denn genau das ist die vom Bermudawarndreieck markierte Stelle, die eigentlich weiträumig umsegelt werden sollte.

Aber es war wie immer: Der Reeder wollte Kohle mit der Kohle machen und verbot dem Kapitän jeglichen Umweg.

Am 9. Januar 1921 verließ das Schiff die Karibikinsel Barbados, nachdem der Kapitän seinen Ersten Offizier durch Hinterlegung einer Kaution aus dem dortigen Gefängnis freigekauft hatte.

Ziel der Fahrt war Virginia, wobei ich mir nicht sicher bin, ob auf direktem Kurs oder Rum-bedingt auf Schlingerkurs. Denn die erste Sichtung der Carroll A. Deering vor der US-amerikanischen Küste erfolgte erst am 29. Januar 1921. Unser Segelschiff fuhr auf der Höhe von North Carolina an einem Feuerschiff vorbei und nahm Kontakt mithilfe eines Megafons auf.

Ach ja, ein Feuerschiff ist so etwas wie ein schwimmender Leuchtturm, der fest verankert und idealerweise auf Seekarten verzeichnet ist. Bitte fragt jetzt nicht „wozu?“, Ihr Landratten. Oder lest bei Siegfried Lenz nach.

Diesem Feuerschiff rief also ein Mann von der Carroll A. Deering zu, dass sie im Sturm die Anker verloren hätten, was bitte telegraphisch der Reederei übermittelt werden solle. Der Kapitän des Feuerschiffes notierte im Logbuch seine Verwunderung, dass der Zuruf nicht vom Kapitän, nicht vom Ersten Offizier, sondern von einem einfachen Matrosen erfolgte. Außerdem konnte er keinen der Offiziere an Bord sehen.

Mysteriös. Aber die Carroll A. Deering segelte schon wieder weiter, Kurs auf Cape Hatteras.

Dort wurde sie das nächste Mal gesichtet, am 31. Januar 1921. Jetzt waren nicht nur Kapitän und Offiziere unsichtbar, sondern die gesamte Mannschaft. Die Carroll A. Deering war auf einer Sandbank aufgelaufen. Die Segel waren gesetzt, die Rettungsboote waren verschwunden.

Wegen eines tobenden und tosenden Sturms dauerte es vier Tage, bis die tapferen Männer und Frauen von der Küstenwache, die damals wahrscheinlich nur Männer waren, endlich an Bord der Carroll A. Deering gelangten.

Sie trafen niemanden an. Keine Menschenseele. Keine Nachricht. Kein Logbuch.

Nur eine Katze.

Die Küstenwache suchte noch eineinhalb Monate die Gewässer ab, aber fand keine Spur von den Rettungsbooten oder der Besatzung. Niemand hat sie je wieder gesehen. Niemand hat je wieder von ihnen gehört.

Theorien gab es viele:

  • Meuterei, nicht zuletzt weil das Feuerschiff keinen Offizier an Bord der Carroll A. Deering gesehen hatte.
  • Alkoholschmuggel, denn in den USA war seit einem Jahr die Prohibition in Kraft, und das Schiff kam aus der Karibik (Rum, Mojito, Daiquiri). Aber wieso würde dann nie mehr jemand von der Mannschaft auftauchen?
  • Verlassen des Schiffes aufgrund des Sturmes. Aber warum sollte man das tun? In den kleinen Rettungsbooten war die Überlebenschance viel geringer. Das Schiff selbst war nicht zerstört.
  • Vielleicht ein Piratenüberfall. Aber es gab keine Spuren eines Kampfes.
  • Die wildeste Theorie: Das Schiff sei von Kommunisten gekapert worden, die es nach Russland bringen wollten. Tatsächlich brachte eine Durchsuchung der Parteizentrale der Vereinigten Russischen Arbeiterpartei in New York derartige Pläne zum Vorschein. 1920 hatte der deutsche Kommunist Franz Jung einen Dampfer gekapert, um nach Murmansk zu fahren und Lenin einen Besuch abzustatten, was, wenn diese Reihe etwas früher begonnen hätte, sicher in einer separaten Folge gewürdigt worden wäre.

Die Katze, die als einzige die Wahrheit wusste, schwieg beharrlich.


„Was macht eine Katze auf einem Schiff?“ fragt Ihr, und jetzt beginnt der eigentlich lehrreiche Teil:

Bis in allerjüngste Zeit waren Katzen auf Schiffen nicht nur nichts Ungewöhnliches, sondern vorgeschrieben. Insbesondere auf Handelsschiffen, aber auch Kriegsschiffe wagten kaum, ohne Katze auszulaufen. Und so kamen die Katzen mit Kolumbus nach Amerika.

Die Rechtsquellen reichen zurück bis ins Mittelalter: Die Rôles d’Oléron, ein französischer Seerechtskodex aus dem 13. Jahrhundert. Das Black Book of the Admiralty aus dem 14. Jahrhundert. Das Gesetzbuch des Konsulats von Valencia aus dem 15. Jahrhundert. Sie alle schreiben vor, dass der Schiffseigner auf Schadensersatz haftet, wenn er versäumt, eine Katze mitzuführen und dadurch Waren an Bord von Ratten beschädigt werden. Falls die Katze unterwegs stirbt, muss im nächsten Hafen eine neue Katze an Bord genommen werden.

Nach einem schottischen Gesetz aus dem 13. Jahrhundert blieb ein gestrandetes Schiff solange im Eigentum des Reeders, solange sich darauf noch ein lebender Mann, ein lebender Hund oder eine lebende Katze befanden. Die Katze verhinderte also, dass das Schiff zum herrenlosen Schiffswrack wurde, an dem sich jeder Strandspaziergänger bedienen konnte.

Frankreich bestand ab der Zeit des Merkantilismus in allen Handelsverträgen darauf, dass jedes Schiff mindestens zwei Katzen führen müsse. Andernfalls gelte es nicht als seetauglich.

Erst 1975 verbannte die Royal Navy Schiffskatzen von ihren Kriegsschiffen, und es ist wohl kein Zufall, dass damit das endgültige Ende des britischen Weltreichs einherging. Ich sage nur Seychellen, Salomonen und Gilbert- und Ellice-Inseln.


Von den Schiffskatzen könnte ich jetzt überleiten auf die Entwicklung des Seerechts, den U-Boot-Krieg, die Titanic oder zur Seeschlacht vor dem Skagerrak.

Aber ich kehre zurück zum Bermuda-Dreieck.

Dort verschwinden nicht nur Schiffe, sondern auch reihenweise Flugzeuge. (Deshalb fliegen die meisten US-Amerikaner nicht direkt nach Kuba, sondern zuerst nach Mexiko und dann von Westen auf die Karibikinsel, um das Bermuda-Dreieck zu umgehen.)

Weil diese Reihe anstatt „Vor hundert Jahren …“ auch „Vom Hundertsten ins Tausendste“ heißen könnte, erinnern mich die in der Sargassosee verschwindenden Flugzeuge an Flugzeuge, die zu der in dieser Reihe behandelten Zeit in Deutschland verschwinden. Ganz ohne Bermuda-Dreieck, aber auf ebenso mysteriöse Weise.

Dazu halte ich mich jetzt aber kurz und gebe nur einen Zeitungsartikel aus der Freiheit, einer linken Berliner Tageszeitung, also so etwas wie dem Vorläufer der taz, vom 29. Dezember 1920 wieder:

Unter der Überschrift „Die geheimnisvollen Flugzeuge“ steht da:

Das Reichsverkehrsministerium richtet an die Öffentlichkeit einen Appell, die Flugzeuge abzuliefern, die noch immer in der Bevölkerung versteckt gehalten werden. Da die Arbeiterschaft nicht über Scheunen, Waldbestände, Schuppen und ähnliche Aufbewahrungsorte verfügt, so kann man von ihr nicht gut die Ablieferung noch immer versteckt gehaltener Flugzeuge verlangen. Wo sind also die Verstecke? Nun, in den Gehegen der Großagrarier auf dem Lande, und es ist seltsam dass ausgerechnet immer die Ententemissionen solche Verstecke aufstöbern und dann der deutschen Regierung die größten Ungelegenheiten bereiten.

Erst neulich sind wieder, wie das Reichsverkehrsministerium zugeben muss, mehrere Flugzeuge, die irgendwo versteckt gehalten worden sind, nach Polen geflogen. Die Regierung hat die Verpflichtung, sich so harmlos zu stellen, als ob sie diese Spielerei mit Flugzeugen lediglich für Schiebemanöver und finanzielle Spekulation halte. In Wahrheit handelt es sich natürlich um die Waffenlager der Orgesch und der mit ihr verwandten Organisationen, die ihre Waffenvorräte bald hierhin bald dorthin verschieben, um sie nach Möglichkeit den Augen der Ententemission zu entziehen.

[…]

Das gäbe Anlass zu mindestens drei weiteren Themen:

  • Der Kampf rechter Kräfte gegen die Republik begann nicht 1933, auch nicht 1923 mit dem Hitler-Putsch, sondern mit dem Tag der Republikgründung. Vielleicht sollte man deshalb genauer hinsehen, wenn bei Bundeswehr und Polizei ständig rechtsradikale Netzwerke offengelegt werden. Früher verschwanden Flugzeuge, heute verschwinden Waffen, Sprengstoff und Munition.
  • Wahrscheinlich habt Ihr Euch gewundert, warum deutsche Flugzeuge nach Polen geflogen wurden. Nun, das ist ein bisschen wie in Fiume: Weder mit dem Waffenstillstand, noch mit den Friedensverträgen war der Erste Weltkrieg wirklich beendet. In Polen tobte noch an allen Fronten Krieg, und die Flugzeuge aus Deutschland wurden wahrscheinlich zur Unterstützung der Deutschen in Oberschlesien eingesetzt. Alles ganz inoffiziell, versteht sich.
  • Nach dem Versailler Vertrag war Deutschland der Aufbau einer Luftwaffe verboten. Was machte die Reichswehr? Na klar, sie baute heimlich eine Luftstreitkraft auf. Und zwar in der geheimen Kampffliegerschule und Erprobungsstätte in – das werdet Ihr nie erraten – Lipezk. Das war in der Sowjetunion. Die intensive deutsch-sowjetische Zusammenarbeit (es gab auch eine gemeinsame geheime Panzerschule in Kasan) wurde erst 1933 beendet. Aber die Grundlagen für den Hitler-Stalin-Pakt waren gelegt.

Jeder dieser Komplexe verdient schon wieder einen eigenen Artikel. Aber für heute war das genug Geschichte, denke ich. Also verschwinde ich jetzt in meinem Bermuda-Dreieck und lasse Euch raten, wo auf der Welt wir im Februar 1921 wieder auftauchen werden.


Falls jemand an der Vertiefung der nur angeschnittenen Themen interessiert ist: kein Problem. Mit ein bisschen Unterstützung für diesen Blog könnte ich durchaus mehrere Themen pro Monat bearbeiten. Dafür bekommt Ihr die perfekten Referate für den Geschichtsunterricht präsentiert.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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11 Antworten zu Vor hundert Jahren hatten Schiffe noch Katzen, und Flugzeuge verschwanden nicht nur im Bermuda-Dreieck – Januar 1921: Carroll A. Deering

  1. Pingback: Vor hundert Jahren: Katzen auf Schiffen und zu hohe Mieten – Archivalia

  2. Pingback: A Hundred Years Ago, Ships still had Cats, and Planes did not only disappear in the Bermuda Triangle – January 1921: Carroll A. Deering | The Happy Hermit

  3. Michael Müller schreibt:

    Da du schon so Tiere auf Kriegsschiffen erwähntest ….. Eine meiner tierisch-militarischen Lieblingsgeschichten spielt an Land.
    Korporal Wojtek von der 22. Transportdivision des zweiten polnischen Armeekorps
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wojtek_(B%C3%A4r)

    Dauert aber noch bis zum 100jahrigen Jubiläum

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, das ist eine tolle Geschichte!
      Und dann könnte man auf die Polen im Iran kommen und wie der Iran polnische Flüchtlinge aufnahm. Interessanter Kontrast zum heutigen Polen.

  4. Die Bermudadreieckskatze, sicher ein Alien, fraß die Besatzung… Aber abseits von derlei realistischen Möglichkeiten: die Frage beginnt doch schon beim einsitzenden ersten Offizier. Warum, für was? Vielleicht begannen hier schon die kriminellen Aktivitäten, die irgendwann die ganze Besatzung umfassten.
    Wobei das geheimnisvolle Schiffeverschwinden (z.B. moderner: die München) und bestimmt schon vor dem Fliegenden Holländer das Verschwinden der Besatzung immer wieder vorkommt. Das Meer, die Seefahrt bleiben egal mit welcher Technik geheimnisvoll und gefährlich.

    • Andreas Moser schreibt:

      Aber die Katze guckt so unschuldig!

      Soweit ich das gelesen habe, war der Erste Offizier nur wegen einer kleinen Schlägerei oder öffentlicher Trunkenheit im Knast auf Barbados. Also nichts seemanuntypisches, wenn man die diesem Berufsstand anhaftenden Klischees glauben will.

      Von dem Unglück der „München“ wusste ich noch gar nichts, habe mich jetzt erst schlau gemacht.
      Vor solchen Stürmen hatte ich vor meinen Atlantiküberquerungen (beide Male auf einem Kreuzfahrtschiff) auch Angst, aber dann war es ganz ruhig. Fast langweilig.

    • Übern Atlantik mit dem Schiff, ganz klassisch! Ist das dann noch ein Kreuzfahrtschiff, oder schon ein Liner, wie es Cunard ja für die Queen Mary gern und traditionsbewußt behauptet.
      Was Katzen anbelangt: Verschiedene Seiten und Comics im Internet behaupten, dass diese mörderischen Ungeheuer nur den Tod ihrer Dosenöffner planen. Habe ich bei unseren Katzen nie verifizieren können, trotz mancher Kratzspuren. Aber es stimmt, seit wir keine mehr haben sind viel mehr Vögel im Garten! Und als wir mal kleine Kätzchen hatten, ach, waren die süß, begannen die im Garten die Schmetterlinge zu jagen und mit glücklich aufgerissenen Augen zu zerfetzen… Gut, für eine ganze Schiffsbesatzung hätte es vielleicht eher eine Groß-, keine Kleinkatze gebraucht.

    • Andreas Moser schreibt:

      „Aber die wollen doch nur spielen“, wie die Hundebesitzer immer sagen, wenn mich ihre Bestien anfallen.

      Das war eher so ein Billigkreuzfahrtschiff, das schon fast auseinander fiel. Nichts luxuriöses.

    • Ja, das ist immer wieder lustig: ich hab mir auch extra das unter Hundehaltern beliebte T-Shirt angeschafft (vorne steht drauf: der tut nichts! Und hinten: ups, das hat er noch nie gemacht!) – aber das lenkt nur vom Seefahrtsthema ab. Wie hieß das Schiff noch, Titanic?

    • Andreas Moser schreibt:

      Vom eigentlichen Thema, falls es ein solches überhaupt gibt, abzulenken, ist die Spezialität dieses Blogs und deshalb höchst willkommen und freudig begrüßt, so wie die Titanic mitsamt ihrer Katze Jenny im Falle des Überlebens begrüßt worden wäre.

      Ich habe mal wieder gemerkt: Es gibt zu fast allem einen Wikipedia-Eintrag.
      https://en.wikipedia.org/wiki/Animals_aboard_the_Titanic

  5. Pingback: Vor hundert Jahren … | Der reisende Reporter

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