Vor hundert Jahren war an Weihnachten noch was los – Dezember 1920: Blutweihnacht

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Ich finde es ganz passend, dass für Weihnachten in einigen Bundesländern der Katastrophenfall ausgerufen wurde. Denn für mich war Weihnachten schon immer eine zu vermeidende Katastrophe, der ich meist durch Reisen in möglichst weihnachtslose Länder entkommen bin. Das geht dieses Jahr nicht.

Dieses Jahr können wir nur in der Erinnerung reisen. Spannend war Weihnachten zuletzt 1989, dank der Rumänen, die im Gegensatz zu den Ostdeutschen eine richtige Revolution hingelegt haben.

Ja, so macht Weihnachten Spaß!

Aber heute geht die Zeitreise noch weiter zurück, nämlich genau hundert Jahre, zum 24. Dezember 1920. Um nicht in den Weihnachtsgottesdienst und zum Abendessen bei Oma gehen zu müssen, begannen an jenem Tag einige Italiener einen kleinen Krieg. Und zwar gegen andere Italiener. Um dabei nicht aus Versehen ein Stück von Italien kaputt zu machen, führten sie die Kampfhandlungen auf der gegenüberliegenden Seite der Adria durch. In einer Stadt, die heute Rijeka heißt und in Kroatien liegt. Damals hieß die Stadt Fiume und lag in, naja, das war eben der Streitpunkt.

Aber zuerst eine Rückblende: Erster Weltkrieg. Italien war neutral, weil die Menschen sich mehr für Fußball als für Weltpolitik begeisterten. Nur ein Dichter und Schriftsteller, Gabriele D’Annunzio, hielt flammende Appelle für den Kriegseintritt Italiens gegen Österreich-Ungarn. Zum einen, weil er ein Leben ohne Kriegsabenteuer als kaum lebenswert betrachtete. Zum anderen, weil Österreich-Ungarn ein paar Filetstücke an der östlichen Adria hatte, die D’Annunzio gerne italianisieren wollte. Schließlich hatte Italien aufgrund ungünstiger geographischer Besonderheiten noch nicht genug Küste.

Der italienische König gab schließlich nach, und 1915 trat Italien auf Seiten der Entente in den Krieg ein. D’Annunzio, der nicht so jung, wie er sich fühlte, sondern 52 Jahre alt war, hatte keine Lust auf den zermürbenden Gebirgskrieg. Stattdessen fuhr er mit U-Booten in österreichisch-ungarische Häfen und hinterließ freche Flaschenposten. Dann schulte er zum Piloten um, flog hinter die feindlichen Linien, im August 1918 sogar bis nach Wien, wo er anstatt Bomben Flugblätter mit seinen Gedichten abwarf. Daraufhin kapierten und kapitulierten die Österreicher, und D’Annunzio war ein Held.

Italien bekam als Belohnung Südtirol und Istrien sowie die Zusicherung, dass in jeder Stadt in Deutschland und Österreich mindestens ein italienisches Restaurant eröffnen würde. Aber Rijeka, die Perle der Adria, die die Italiener Fiume nennen, blieb ihnen vorenthalten und erhielt einen komischen neutralen Status, etwa so wie Danzig.

Den Leuten in Rijeka/Fiume war das eigentlich egal, weil sie schon im Habsburger Reich seit 1779 einen Sonderstatus und sich daran gewöhnt hatten. Aber D’Annunzio war außer sich vor Wut: „Was wollen wir mit Triest und all dem Kram? Die besten Ćevapčići gibt es in Rijeka!“

Wütend waren auch die Arditi, italienische Sturmtruppen, die sich um einen Teil des hart erkämpften Sieges gebracht sahen. Sie wählten den schon am Stock gehenden D’Annunzio zu ihrem Führer und schlugen die Einnahme von Fiume vor.

Das war 1919. Weil die Menschen in Rijeka in der Zeitung gelesen hatten, dass der Weltkrieg zu Ende war, waren sie überhaupt nicht darauf vorbereitet. D’Annunzio konnte am 12. September 1919 mit etwa 2500 Freischärlern die Stadt einnehmen.

Aber dann folgte der große Schock: Italien wollte Fiume nicht mehr.

Zumindest nicht auf diese Art und Weise. Italien, schon immer ein Hort der Legalität, insistierte auf der Einhaltung des Völkerrechts und präferierte den Verhandlungsweg im Völkerbund, einem Vorläufer der UNO, sowie mit dem neu entstandenen Jugoslawien.

Nun wäre es an der Zeit gewesen, sich zu entschuldigen („Sorry, war ’ne Kurzschlussreaktion!“), Fiume/Rijeka zurückzugeben, nach Hause zu fahren und Bücher zu schreiben. Aber der kleine Feldzug war dem kleinen Mann zu Kopf gestiegen. Als Italien klar machte, dass D’Annunzio keine Unterstützung zu erwarten hatte und sogar eine Seeblockade gegen das sympathische Städtchen verhängte, rief D’Annunzio einen eigenen Staat aus: Die Italienische Regentschaft in der Kvarner Bucht oder, nach dem italienischen Namen der Bucht, die Italienische Regentschaft am Carnaro.

Diese Republik wird oft als Blaupause für den Faschismus gesehen. Und in der Tat, wenn Ihr das obige Video anseht, erkennt Ihr etliche ästhetische Merkmale, die Mussolini und Hitler später übernahmen. In Carnaro gab es Führerkult mit täglichen Reden und Paraden. Verbot von Opposition. Korporationen statt Parteien. Organisation des Volkes in Massenorganisationen, soweit man in einer Kleinstadt von Masse sprechen kann. Und immer, wenn der Führer vorbei schritt, musste das Volk „Eia, eia, alala“ rufen.

Andererseits sammelten sich in Fiume auch Anarchosyndikalisten, Sozialisten, Dadaisten, Nudisten, Symbolisten, Futuristen, sowie Anhänger von Yoga, Kokain, freier Liebe und Verismus. Aber eben auch Militaristen und Protofaschisten.

Die Zeitung „La Testa di Ferro – Giornale del Fiumanesimo“ definierte den Fiumismus auf jeder Titelsite so: „Ein italienisches Fiume – Stadt des neuen Lebens – Befreiung aller unterdrückten Völker, Klassen, Individuen – geistige anstelle formeller Disziplin – Vernichtung aller Hegemonien, Dogmen, Konservatismen und Parasitismen – das Antlitz alles Neuen -“ und in einem Anflug von Selbstironie „wenige Worte, viele Taten.“

Die wilde Kommune lebte von Schmuggel und Piraterie. Dazwischen gab es abwechselnd Orgien und Fackelzüge. In der kleinen Hafenstadt war mehr los als in Babylon Berlin!

Nur Italien fand das alles nicht so lustig. Im November 1920 schlossen Italien und Jugoslawien den Vertrag von Rapallo, nach dem Fiume ein unabhängiger Freistaat werden sollte. D’Annunzio überreagierte mal wieder und erklärte Italien am 20. Dezember 1920 den Krieg. Ziemlich mutig für einen Stadtstaat mit 2500 Soldaten.

Und so kam es zu der „Blutweihnacht“ von 1920, als italienische Soldaten gegen ehemalige italienische Soldaten kämpften. Pünktlich zum 24. Dezember ging es los, am 29. Dezember hatte Italien die kleine Republik eingenommen. Etwa 60 Menschen waren bei den Kämpfen gestorben. Und all das, weil ein Schriftsteller ein großes Theaterstück aufführen wollte.

Wie ging es weiter mit D’Annunzio? Er floh aus Fiume, und zwar in das Land, dem er eben den Krieg erklärt hatte. Dort bemühte er sich, reichlich selbstbewusst, vom König den Auftrag zur Regierungsbildung zu bekommen, womit er Mussolini zuvorkommen wollte. Aber Mussolini hatte sich nicht nur die faschistische Ästhetik bei D’Annunzio abgeguckt, sondern auch gelernt, dass man einfach Fakten schaffen muss. Im Oktober 1922 marschierte Mussolini nach Rom und übernahm die Macht.

D’Annunzio biederte sich Mussolini an, wurde dafür finanziell reichlich entlohnt, in den Adelsstand erhoben, und bekam eine äußerst pompöse Villa. Ja,das Amphitheater und das Mausoleum auf dem Hügel gehören auch dazu. Und ja, da steht ein Schiff im Wald: der Panzerkreuzer Puglia. Ein krasser Gegensatz zum bescheidenen Alterssitz von Giuseppe Garibaldi, dem wahren Helden der italienischen Geschichte.

Noch heute sind eine Universität und der Flughafen in Brescia nach D’Annunzio benannt. In Italien wird das mit dem Faschismus anscheinend nicht ganz so schlimm gesehen.

Und wie ging es weiter mit Fiume? Der Freistaat wurde gegründet, aber schon im März 1922 übernahmen italienische Faschisten in einem Staatsstreich wieder die Kontrolle. Das war praktisch der Probelauf für den Marsch auf Rom. Im Januar 1924 annektierte Italien die Stadt formell. Den kleinen Krieg zu Weihnachten hätte man sich also sparen können.

Wer im 20. Jahrhundert in Rijeka lebte, konnte, ohne die Stadt einmal zu verlassen, nacheinander sechs verschiedene Staatsangehörigkeiten innehaben: Österreich-Ungarn, die Carnaro-Republik, Freistaat Fiume, Italien (gefolgt von deutscher Besatzung), Jugoslawien und Kroatien. Auch deshalb finde ich die Wahl von Rijeka zur Europäischen Kulturhauptstadt 2020 passend. Leider kam die Corona-Pandemie dazwischen, aber irgendwann werde ich den Besuch nachholen. Man erkundet Kulturhauptstädte sowieso besser vor oder nach dem Trubeljahr.

Frohe Weihnachten! Auch wenn sie wahrscheinlich nicht so interessant werden wie vor hundert Jahren in Fiume.


So, das war also die erste Folge in der neuen Reihe „Vor hundert Jahren …“. Es war eines von Dutzenden von Beispielen, anhand derer ich zeigen könnte, dass der Erste Weltkrieg nicht im November 1918 zu Ende war. Nein, er ging noch etliche Jahre weiter. Bewaffnete Konflikte im „Nachkriegseuropa“ kosteten mehr als 4 Millionen Leben und haben die Weltkarte bis heute geprägt.

Dummerweise habe ich versprochen, jeden Monat eine neue Folge zu liefern, aber im Januar 1921 scheint gar nicht so viel passiert zu sein. Wenn Ihr Vorschläge oder Ideen habt, nur her damit! Wenn nicht, dann lasst Euch überraschen, was ich ausgraben werde.

Und wenn Ihr etwas gelernt habt, freue ich mich über Eure Unterstützung für diesen Blog. Vielen Dank!

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Über Andreas Moser

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16 Antworten zu Vor hundert Jahren war an Weihnachten noch was los – Dezember 1920: Blutweihnacht

  1. Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

    ja ,das stimmt mit der rumaenischen Revolution ,da war etwas los,leider mit unnuetzen Opfern,denn die Revolution wurde vom Osten,unter Leitung Ion Iliescu, unterschlagen und noch heute taumeln die Rumaener unter dieser Niederlage…FROHE WEIHNACHTEN!

    • Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

      wie die Erdrevolution etwa?( kann dem prophezeiten Polsprung zufolge auch enden)…Revolution war das nicht , sondern einfach nur ein PUTSCH mit Hilfe der Securitate.

    • Andreas Moser schreibt:

      Naja, die Tausenden, vielleicht Zehntausenden von Menschen auf den Straßen, in vielen verschiedenen Städten, das sah schon nach Revolution aus.

      Vielleicht gab es auch einen Putsch, der der Revolution den Wind aus den Segeln nahm. Aber dann war der Putsch die Reaktion auf die (begonnene) Revolution.

      Die Putsch-These übersieht auch die globale Dimension. 1989 war nicht nur in Rumänien ein Umsturz, sondern überall von China (zwar erfolglos) bis Ost-Berlin. Einen Monat vorher war die Mauer gefallen.
      Es wäre geradezu komisch gewesen, wenn die Rumänen als einzige nicht auf die Straße gegangen wären, sondern sich gedacht hätten „Revolution? Ne, keine Lust. So schlimm sind die Ceausescus auch nicht.“

    • Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

      das war Revolte gegen das Regime und gegen das Morden in Temeswar ,gegen Hunger und Not,die Leute waren es endlich satt und wurden immer mehr auf den Strassen bis die Armee und die Sekuristen Chaos schafften und den Plan des „Frontul Eliberarii „alias Ion iliescu ermoeglichten.ich wohnte damals in sibiu 5meter entfernt von dem Gebaude der Sekuritate,hab alles wie im richtigen Film mitbekommen.darum kann ich auch heute nicht einfach alles gelten lassen…es haette eine Revolution sein koennen aber sie wurde unterschlagen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ana Gertrud, immer mitten im Geschehen! 🙂
      Wobei das ja eigentlich auch verdächtig ist, gleich neben der Securitate-Zentrale zu wohnen, oder? 😛

      Aber ganz im Ernst: Vielen Dank für den Einblick!
      Also eine Revolte, die dann von einem Putsch überholt wurde. Aber ich finde, man darf den ersten Teil und die Intiative aus der Bevölkerung nicht unter den Tisch fallen lassen.

  2. Pingback: Dezember 2020: Blutweihnacht – Archivalia

  3. Anke schreibt:

    Danke für den interessanten Beitrag. Ich bin, obwohl ich schon länger in Italien lebe, in Sachen Italienische Geschichte historisch bedingt nicht ganz so bewandert. Aber als ich gerade las, stand meine Tochter neben mir, die gerade D’Annunzio und den „Volo su Vienna“ im Geschichtsunterricht behandelt hat (Terza Media). Das passte perfekt!
    Herzliche Grüße aus Norditalien!

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Anke,
      das ist ja ein toller Zufall!

      Ich muss allerdings zugeben, bis ich den Artikel schrieb, wusste ich auch kaum etwas von D’Annunzio. :/
      Durch diese neue Serie werde ich jetzt jeden Monat gezwungen, mich tiefer in ein Thema einzuarbeiten, von dem ich bis dahin keinerlei Ahnung hatte.
      Mal sehen, wann wieder etwas aus Italien dran kommt…

    • Anke schreibt:

      Man lernt nie aus, und oft wirklich Interessantes dazu, wenn man Themen aus einem bestimmten Blickwinkel näher beleuchtet. Ich habe mal abonniert, dann verpasse ich den nächsten Beitrag zu Italien nicht. 😊

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank fürs Abonnieren und viel Vergnügen beim Lesen!

      In der Rubrik „Italien“ sind noch ein paar ältere Artikel aus der Zeit, als ich mal in Italien gewohnt habe. Sechs Monate auf Sizilien und sechs Monate in Bari.

    • Anke schreibt:

      Oh, die schau ich mir mal an. Danke für den Hinweis!

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