Die Insel des Generals

2e92bfc3ff314105680c892740da9ee0-giuseppe-garibaldi-blouse-stylesIm November 1860 hätte Giuseppe Garibaldi alles haben können. Er hatte einen Feldzug mit weniger als tausend Mann begonnen, aber marschierte von Sieg zu Sieg. Er hatte Begeisterung entfacht für eine Idee, die bis dahin unrealistisch schien: ein vereintes Italien. Dafür war er zum Tode verurteilt worden, dafür war er geflohen, dafür hatte er Jahre im Exil verbracht, um jedes Mal wieder nach Italien zurückzukehren und zu kämpfen.

Ohne Garibaldi gäbe dieses Italien nicht, und ohne Garibaldi wäre Victor Emmanuel II. nicht König dieses Landes geworden.

Also fragte der König den General, was er sich als Belohnung für seine Lebensleistung wünschte. Einen Kabinettsposten? Die Herrschaft über eine Provinz? Ein Schloss? Einen Adelstitel?

„Gebt mir einen Sack Kartoffeln, damit ich eine Landwirtschaft beginnen kann“, antwortete der 53-Jährige, bestieg ein Boot und segelte nach Caprera, einer kleinen, eher unwirtlichen Insel nördlich von Sardinien.

Die Reise nach Caprera bietet viel Gelegenheit für Seekrankheit, denn zuerst muss man von Italien nach Sardinien, von Sardinien nach La Maddalena und zuletzt von La Maddalena nach Caprera. Immer kleiner werden die Inseln, und immer kleiner werden die Boote. Aber um für Euch herauszufinden, weshalb sich „die einzige uneingeschränkt bewundernswerte Person in der modernen Geschichte“ (so der Historiker Alan Taylor) auf eine Insel mit ein paar Pferden und Eseln zurückzog, muss ich den Weg auf mich nehmen.

Für das letzte Stück braucht man mittlerweile kein Boot mehr. Zwischen La Maddalena und Caprera wurde eine 600 Meter lange Straße gebaut, die durch eine Brücke von (kleinen) Booten durchquert werden kann. Gerade zischt ein ziviles Schnellboot hindurch und an dem ehemaligen Marinestützpunkt vorbei. Ich hingegen zische mit einem Fahrrad auf die Insel des Nationalhelden. Schließlich bin ich heute hauptsächlich unterwegs, um in der Geschichte des 19. Jahrhunderts zu stöbern, und halte ein vormodernes Fahrzeug daher für angebrachter.

Kiefern und ein paar Eukalyptusbäume spenden Schatten. Als Garibaldi nach Caprera zog, war die Insel fast vollkommen kahl, weil wie überall im Mittelmeer die rodenden Römer gewütet hatten. (Ein Glück, dass sie niemals den Amazonas entdeckten.) Jetzt spielt der Wind mit den Kiefern, ansonsten herrscht Stille. Nur wenige Vögel zwitschern.

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An einem Rastplatz trägt eine aus Holz gezimmerte Bar den Namen „il barono rosso“. Hoffentlich ist sie nicht benannt nach dem ebenfalls so bezeichneten Flieger aus dem Ersten Weltkrieg. Zwischen den Kiefern sind Hängematten gespannt.

Die Straße gabelt sich. Links geht es zum Garibaldi-Museum, rechts zur Garibaldi-Gedenkstätte. Erst einmal rechts. Je höher ich mich strample, desto niedriger werden die Kiefern, desto größer werden die Latschensträuche, desto weniger werden die Fußgänger. Auf dem Gipfel ist ein rifugio für müde Wanderer. Praktischerweise liegen eine Menge Kiefernzapfen zum Grillen herum. Warum findet man die größten und meisten Butzelkühe immer da, wo man wegen Waldbrandgefahr kein Feuer machen kann?

Vom Garibaldi-Komplex fällt die Aussicht auf ein Meer, das blauer ist als in der Karibik. Überhaupt kann sich die Karibik sparen, wer Sardinien schon kennt. (Und ja, ich habe die Mühe auf mich genommen, die Karibik persönlich zu erkunden, bevor ich diesen Ratschlag erteile.)

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Die Gedenkstätte ist in einer alten Festung, dem Forte Arbuticci, untergebracht, die bis zum Zweiten Weltkrieg in Gebrauch war und auf die jetzt ein im Vergleich dazu kleines Museum aufgepfropft wurde. Klein, aber fein. Das Museum ist modern, multimedial, informativ und interessant. Aber die meisten Informationen sind nur auf Italienisch. Insofern ist es gut, dass Ihr mich hingeschickt habt, der ich alles für Euch übersetze.

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Gut ist auch, dass ich allein unterwegs bin, denn in solch einem Museum lese ich alle Tafeln, studiere alle Karten und mache mir seitenweise Notizen. Die anderen Besucher rauschen durch, schauen ein paar Filmchen an, setzen sich ins Auto und düsen weiter. Ich kann hier Stunden verbringen. Vielleicht auch weil kein Auto, sondern nur ein Fahrrad und die heraufziehende Mittagshitze auf mich warten.

Ich gebe Euch mal die Zusammenfassung: Geburt in Nizza, Seefahrt, Reisen bis nach Russland, Aufstand in Piemont, Verurteilung zum Tod, Flucht über Marseille nach Südamerika, Revolution in Brasilien, Flottenkommando für Uruguay im Krieg gegen Argentinien, Rückkehr 1848 zur Revolution in Sizilien, Anführer der Revolutionsarmee, nach Scheitern der Revolution Flucht nach Tangier und New York, Reisen nach China, Australien, Peru, Chile, Schiffbruch, erneute Rückkehr nach Italien, Kämpfe in den Alpen, Befreiung Siziliens, Eroberung Neapels, Kampf gegen den Papst, Verwundung, Gefängnis, Kampf auf Seiten Frankreichs im Krieg gegen Preussen 1870/71.

Ein Leben wie ein Roman von Karl May.

Ach ja, im Alter schrieb Garibaldi selbst noch drei Romane.

Noch beeindruckender als das ganze Segeln und Schießen und Schlachten finde ich die politischen Ideen Garibaldis. Er setzte sich ein gegen die Todesstrafe, für das allgemeine Wahlrecht, für die Emanzipation der Frauen, für eine europäische Förderation, für die Selbstbestimmung der Völker auf dem Balkan, für die Abschaffung des Papsttums.

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Während des Bürgerkriegs in den USA verhandelten die Nordstaaten mit Garibaldi, dem zuerst ein Generalsrang, dann der Oberbefehl über die gesamten Truppen angeboten wurde. Aber Garibaldi machte zur Bedingung, dass der Krieg mit dem ausdrücklichen Ziel der Abschaffung der Sklaverei geführt würde. Dazu war Präsident Lincoln zu jenem Zeitpunkt noch nicht bereit.

„Held zweier Welten“ wurde Garibaldi genannt, weil er in Europa und in Amerika kämpfte. Wenn ihn jemand über die Lage im Kongo oder im Kaschmir informiert hätte, wäre er wahrscheinlich auch dorthin geeilt. Selbst Einheiten, die gar nichts mit Garibaldi zu tun hatten, benannten sich nach ihm, wie die Garibaldi Guard im US-amerikanischen Bürgerkrieg, das Garibaldi-Bataillon im spanischen Bürgerkrieg, die kommunistischen Garibaldi-Brigaden in Italien während des Zweiten Weltkriegs und die Garibaldi-Partisanendivision in Jugoslawien.

toscano-garibaldiNach ein paar Stunden weiß ich jetzt also bis ins privateste Detail, wer dieser Garibaldi war, von dem es überall in Italien Hunderte von Statuen und Gedenktafeln gibt. Jedes Dorf hat mindestens eine Garibaldi-Straße und einen Garibaldi-Park. Das beste Denkmal sind meiner Meinung nach aber die Garibaldi-Zigarren von Toscano, die es zum Glück ebenfalls in fast jedem Dorf gibt. Und nicht einmal teuer. Aber ich schweife schon wieder schmauchend ab, obwohl der Leser wünscht, dass ich stattdessen meinen Blick von der Festung über die Insel schweifen lasse.

Caprera ist eher karg. Steinig. Windig. Die Kiefern, die jetzt die Insel schmücken, wurden erst von Garibaldi angepflanzt. Er selbst hatte also noch nicht viel davon. Eine schöne Küste zum Wandern, aber für den Lebensabend? Da muss einer die Menschheit schon ziemlich satt gehabt haben.

Die Dame von der Gedenkstätte empfiehlt mir einen Weg zurück, aber auf der Landkarte habe ich schon eine Abkürzung entdeckt: einen Wanderweg, den man laut Schild auch mit Fahrrad oder zu Pferd beschreiten darf. Vorbei an militärischem Sperrgebiet und Ferienanlagen. Beides ist verlassen. Die Gebäude verfallen, in den Ferienanlagen sind ein paar Plastikstühle umgestürzt, es sieht so aus, wie wenn seit Monaten niemand hier war. Sehr gespenstisch.

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Gerade im Süden Italiens habe ich nie kapiert, wieso sich der Tourismus auf zwei Monate im Sommer beschränkt und im Rest des Jahres fast alles leer steht. Ich bin im Mai unterwegs, es ist warm, sogar schon heiß, aber meine italienischen Freunde sind ganz entsetzt: „Niemand fährt jetzt nach Sardinien! Wir fahren da alle erst im August hin.“ Auch Familien ohne Kinder, die von den Sommerferien unabhängig wären, fahren alle pünktlich zum 15. August eines jeden Jahres los, am liebsten in die schon seit Jahrzehnten gleiche Ferienwohnung am gleichen Ort. Die Schwiegereltern mieten die Ferienwohnung nebenan, und man trifft sich jeden Tag zum Mittagessen mit den Menschen, die man schon von zuhause kennt. Individualismus scheint in Italien keinen hohen Stellenwert zu haben. Auch deshalb ist es nicht ganz das richtige Land für mich.

Aber heute bin ich allein und frei wie ein Revolutionär.

Obwohl ich mich nach dem Besuch der Gedenkstätte schon sehr gut informiert fühle, radle ich als nächstes zum Museum, das im ehemaligen Wohnhaus Garibaldis untergebracht ist. Es zieren eine Lokomotive, ein Fass für die Weinproduktion, landwirtschaftliche Produktionsmittel, eine Mühle und Sicheln. Wie ein kleines Heimatmuseum sieht es aus.

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Im Wohnhaus stehen eine Kutsche und ein kleines Piano und hängen vier Säbel, fünf Bajonette, Gemälde, Landkarten, neun Musketen. Bequem und stilvoll, aber nicht prunkvoll. Das beste ist der Ausblick durch die hohen Fenster. Der Wind kühlt die Räume. Im Kinderzimmer stehen die gleichen Betten wie im Schlafzimmer der Erwachsenen. Egalität!

Zwei Museumswärter passen auf, dass ich im Haus keine Fotos mache.

Im Raum, in dem Garibaldi starb, stehen gepolsterte Krücken und Medizin neben dem Bett. Vom Sterbebett aus blickt man auf das nahe Korsika. Kalender und Uhr zeigen den 2. Juni 1882 um 6:20 Uhr an.

Die Führung strebt jetzt konsequenterweise zum Grabstein im Garten, wo man wieder fotografieren darf. Auch hier ist Schlichtheit angesagt. Der General wünschte keinen Firlefanz. Seine Frau und Kinder haben wenigstens geschliffene Grabsteine mit Inschriften, Garibaldi hat sich unter einem unbehauenen Granitbrocken zur ewigen Ruhe gelegt.

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Und das war’s auch schon. Die Besuchergruppe wurde regelrecht durch das Haus gejagt. Bei der Gedenkstätte habe ich wesentlich mehr erfahren als im Museum, und das in entspannterer Atmosphäre.

Nachdem ich im Weißen Haus Garibaldis nicht so lange verweilen durfte, wie ich dem Ort gerne Ehre erwiesen hätte, weite ich meine Fahrradtour um die Insel aus. Bis ganz zur Südspitze Capreras komme ich über hügelige Straßen und Wege, und das letzte Stück zu Fuß. Eine Bucht ist schöner als die andere. Manche mit Sandstrand,

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andere mit Felsen,

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aber fast alle menschenleer.

Endlich finde ich ein schattiges Plätzchen für ein Picknick. Etwas schüchtern stupst mich plötzlich von hinten jemand an: ein Schwein.

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Da Garibaldi angeblich Tierfreund und Vegetarier war, lasse ich es leben. Ausserdem ist es ruhig und freundlich, passend zur Insel und zum ganzen Tag.

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Praktische Hinweise:

  • Nach Caprera geht kein Flugzeug und kein regelmäßiger Schiffsverkehr. Ihr müsst also von Sardinien mit der Fähre von Palau nach La Maddalena fahren. Die Fähre geht fast jede Stunde und kostet 9 Euro hin und zurück.
  • Nach Palau kommt man mit dem Zug aus jeder größeren Stadt Sardiniens.
  • Unterkünfte findet man in La Maddalena außerhalb der Sommersaison problemlos.
  • Überhaupt sollte man nicht gerade im Juli und August nach Sardinien fahren: überfüllt, ausgebucht, zu teuer und zu heiß. Ich war im Mai, und es war perfekt.
  • Beide Inseln sind wunderbar zum Wandern und Radfahren, wobei man zu Fuß näher an der Küste entlang gehen kann.
  • Ein gutes Fahrrad kostete 10 Euro pro Tag, aber für zwei Tage bekam ich es für 15 Euro. Der Laden an der Via Amendola (gleich gegenüber dem Fährhafen) vermietet auch Vespas und Quads. Telefon 0789-737606, E-Mail mgmega@tiscali.it. Es gibt ein paar Hügel auf der Insel, aber nichts, was man mit dem Fahrrad nicht überwinden könnte.
  • Angeblich gibt es auf La Maddalena einen Bus, der auch nach Caprera fährt. Da viele Besucher von La Maddalena nach Caprera fahren, dürfte es auch kein Problem darstellen, per Anhalter hin und zurück zu kommen.
  • Das kombinierte Ticket für beide Museen auf Caprera kostet 10 Euro bzw. 5 Euro für 18-25-Jährige. Wie so oft in Italien ist der Eintritt für Jugendliche und für Senioren (ab 65 Jahren) kostenlos.
  • Die Gedenkstätte ist nur von Donnerstg bis Sonntag und nur von 9 bis 14 Uhr geöffnet. Das Wohnhaus Garibaldis hat von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 20 Uhr offen.
  • Sonnencreme und Hut nicht vergessen! Insbesondere auf La Maddalena gibt es kaum Bäume und kaum Schatten.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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Eine Antwort zu Die Insel des Generals

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