Karl May mit Humor

Als Kind fand ich die Bücher von Karl May so spannend, dass ich den Orientzyklus sogar in Frakturschrift verschlang. Die dadurch erworbene Fähigkeit sollte mir Jahrzehnte später im Wilden Westen das Leben retten. In Winnipeg war ich in eine Gruppe von Mennoniten geraten, die testen wollten, ob ich, wie ich vorgab, wirklich aus dem gleichen alten Kontinent wie sie kam. Gespannt gab mir einer der Brüder eine ledergebundene Bibel und forderte mich auf, daraus vorzulesen – mit voller Gewissheit, dass mich die altdeutsche Fassung der Heiligen Schrift sogleich als Aufschneider und Heiden überführen würde. Ich schlug das Buch, das vor Jahrhunderten mit den Auswanderern über den Atlantik gesegelt war, auf und las so fließend aus dem Johannes-Evangelium vor, wie wenn ich direkt aus dem 19. Jahrhundert käme. Die Mennoniten nahmen mich auf in ihren Kreis, und ich überlebte die Reise durch die Prärie.

Als ich 2016 in Cochabamba in Bolivien lebte, entdeckte ich im Viertel Queru Queru zu meiner freudigen Überraschung eine deutsche Bibliothek. Die verwaltete anscheinend die Nachlässe von anderen deutschen Auswanderern, die bei der Flucht vor den Nazis auch ihre Bücher für schützenswert befunden hatten.

Dort fand ich den Karl-May-Band „In den Kordilleren“, dessen Handlung im Gran Chaco spielt, einem unwirtlichen Gebiet, das nach einem unsinnigen Krieg – übrigens mit deutscher Beteiligung – zwischen Paraguay, Bolivien und den Mennoniten aufgeteilt wurde. Ich kannte diese Gegend, hatte dort nach Gold gesucht, aber nur Gräber gefunden.

Gespannt las ich also nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder ein Buch von Karl May. Es war nicht schlecht, aber nicht so fesselnd wie früher. Der besondere Reiz ergab sich eher daraus, ein Buch über das Land zu lesen, in dem damals lebte. Es war beeindruckend, wie treffend May die Landschaft des Gran Chaco beschrieb, obwohl er bekanntermaßen nie dort war.

Aber jetzt gibt es Abhilfe für alle von Karl-May-Nostalgie Befallenen! Philipp Schwenke hat einen Roman über den Meister verfasst. „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ nimmt Karl May, relativ nah an den wahren Begebenheiten, auf seine erste Orientreise, die er im letzten Lebensabschnitt endlich antrat, noch immer behauptend, dass er schon oft durch die Wüsten gezogen sei, mit Beduinen gekämpft habe und 1200 Sprachen spreche. In Wirklichkeit steigt er in Beirut im „Deutschen Hof“ ab.

Dazwischen verwebt Schwenke geschickt die Lebens- und Publikationsgeschichte, wobei für meinen Geschmack das Ehedrama zu breit ausgewalzt wird. Interessanter ist das Drama des Schriftstellers, der selbst an seine Geschichten glaubt, obwohl sich unaufhaltsam die Gerüchte vom Gegenteil verdichten. Die Leserbriefe dazu, die Schwenke aus der Frankfurter Zeitung von 1899 ausgegraben hat, sind zum Schreien komisch.

Überhaupt ist der Roman wunderbar witzig, etwas das beim Original-Karl-May kläglich fehlt. Schwenke trifft immer den richtigen Ton, macht den Protagonisten nie lächerlich, spricht manchmal die Leser direkt an, und versetzt sogar seinen Humor in die Zeit um die Jahrhundertwende. Auf dem Schiff nach Ägypten fordern einige der Passagiere May zum Beleg seiner angeblichen Sprachkenntnisse auf. Die Lage eskaliert, Köpfe werden hochrot, Beleidigungen fliegen hin und her. Schwenke kommentiert trocken: „Ähnlich hätte wohl nur die Anwesenheit von Sozialdemokraten die erste Klasse erregen können.“

Aber dann gibt es auch wieder kleine Seitenhiebe auf den Orientalismus und den heutigen Tourismus. „Na gut, dass die Beduinen Postkarten verkaufen und tanzen, dachte Karl, das stört schon ein wenig die Ursprünglichkeit.“ Außerdem stören natürlich die anderen Touristen, wie bei denen, die heute ihre ganz individuellen Instagraph-Fotos machen wollen.

„Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ ist so spannend und witzig, dass es mich einige Abende bis spät in die Nacht wachgehalten hat. Und da ist es dann wieder, das wohlige alte Karl-May-Gefühl.

Eine absolute Empfehlung!

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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