Der deutschen Geschichte entkommt man auch in Bolivien nicht

Heute morgen in Santa Cruz de la Sierra im Osten Boliviens:

Der Orient-Express aus San José de Chiquitos noch weiter im Osten Boliviens hatte eine Stunde Verspätung, so dass ich mich beeilen musste, zum Flughafen zu kommen, um zurück nach Cochabamba zu fliegen. In der Innenstadt suchte und fragte ich vergebens nach der Haltestelle der Buslinie 135. Die Zeit rannte, und ich musste in den sauren Apfel beissen und ein teures Taxi heranwinken.

Eine der ersten Fragen des Fahrers ist natürlich, woher ich komme.

„Aus Deutschland“, sage ich noch immer, obwohl ich schon seit sieben Jahren nicht mehr dort gewohnt habe. Aber bei ersten oder flüchtigen Gesprächen hat Einfachkeit Trumpf.

„Oh, mein Vater war auch aus Deutschland“, ruft der Chauffeur, ebenso begeistert über den Zufall wie ich. „Aber kein Nazi!!“ fügt er hinzu, wedelt dabei mit dem Zeigefinger der rechten Hand und sieht mich im Rückspiegel an, um zu überprüfen, ob diese für ihn sehr wichtige Klarstellung angekommen ist.

Ich gebe meine nachträgliche Zustimmung zum Widerstand des Vaters des Taxifahrers gegen das NS-Regime zum Ausdruck, da erzählt er schon weiter, dass sein Vater ein deutscher Jude war, irgendwo aus der Gegend von Frankfurt war, in verschiedenen Konzentrationslagern war, dort seine gesamte Familie verlor, als einziger knapp überlebte, nach Bolivien auswanderte, eine Bolivianerin heiratete und eine Familie gründete.

„Das war ein verdammtes Massaker, das dieser Hitler angestellt hat“, bemerkt der Taxifahrer, sichtlich noch immer erregt über das Schicksal seines Vaters. So gut das in der Kürze der Zeit, im morgendlichen Berufsverkehr und mit meinen begrenzten Spanischkenntnissen möglich ist, versuche ich zu erklären, dass man den Zehntausenden von Mittätern und den Millionen von Mitläufern Unrecht tut, wenn man ihren Beitrag am Holocaust kleinredet und so tut, wie wenn ein Mann im Alleingang zwölf Jahre lang im industriellen Ausmass völkermorden kann.

Obwohl ich schon mehr als genug Arbeit dieser Art habe, starte ich spontan zu meiner persönlichen Wiedergutmachungsoffensive: „War Ihr Vater noch Deutscher als Sie geboren wurden? Dann hätten Sie nämlich auch die deutsche Staatsbürgerschaft.“ Das ist schließlich eines meiner juristischen Spezialgebiete. Auf Art. 116 II GG muss ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal eingehen.

Carlos, so heißt der potentielle Deutsche, will eigentlich gar nicht nach Deutschland, freut sich aber trotzdem über die Aussicht auf einen deutschen Pass: „Dann kann ich endlich meine Kinder in den USA besuchen, ohne ein Visum beantragen zu müssen.“ Wir vereinbaren, dass wir in Kontakt bleiben, dass er mir mehr Details zu seiner Familiengeschichte e-mailt und dass ich den Fall prüfen werde. Vom Fahrpreis von 70 Bolivianos lässt er mir trotzdem nichts nach.

jüdische Einwanderer in Bolivien

jüdische Emigranten in Bolivien

Die Informationsstelle Lateinamerika bietet einen guten Überblick über die jüdische Emigration nach Bolivien. Auch das Buch Hotel Bolivia von Leo Spitzer ist zu empfehlen.

Ganz besonders interessant ist die Geschichte des Ortes Chulumani, der versteckt in den fast unzugänglichen Yungas-Wäldern liegt. Hieher flohen einige der Juden aus Deutschland, weil sie sich in der abgeschiedenen Bergwelt Schutz erhofften. Aus dem gleichen Grund floh nach dem Zweiten Weltkrieg eine andere Gruppe Deutscher nach Chulumani: Hochrangige Nazis versteckten sich hier vor der Strafverfolgung. Zeitweise lebten Klaus Barbie (der bolivianische aber ebenfalls deutschstämmige Diktatoren beriet und währenddessen für den BND arbeitete) und angeblich auch Adolf Eichmann und Josef Mengele im gleichen Ort wie die Juden, die vor ihnen geflohen waren. Für die Bolivianer war es unerklärlich, dass sich diese Einwanderer untereinander nicht vertrugen, waren sie doch aus deren Sicht alle Deutsche.

Chulumani

(Read this article in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Der deutschen Geschichte entkommt man auch in Bolivien nicht

  1. Pingback: German history follows me all the way to Bolivia | The Happy Hermit

  2. Dante schreibt:

    Für die Bolivianer war es unerklärlich, dass sich diese Einwanderer untereinander nicht vertrugen, waren sie doch aus deren Sicht alle Deutsche.

    Eben drum, kennt man doch. Da will man ’nen schönen Platz am Strand, und da liegt schon ein fremdes Handtuch.
    Scherz beiseite: Ich verstehe das Nichtverstehen nicht. Bolivien hatte doch auch mal eine Militärdiktatur. Wenn man nun irgendwo hinzieht und feststellt, dass da jemand wohnt, der ihm seinerzeit Elektroschocks verpasst hat. Kann gar nicht, wieso die sich nicht gut verstehen sollten, sind doch beides Bolivianer…

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