„Imperium“ von Christian Kracht

Imperium Christian KrachtDie Titelgestaltung von Imperium erinnert frappierend an die der Abenteuercomics von Tim & Struppi, und im Falle dieses Rezensenten ist das eine positiv besetzte Assoziation. Der Roman erfüllt die dadurch aufgebaute Erwartungshaltung: Imperium ist tatsächlich eine Abenteuergeschichte. Das allein ist zwischen all den Wende-, Vampir- und sexuell überexpliziten Romanen, die sonst die Bestsellerlisten belegen, schon eine Wohltat. Die Wohltat wird im Falle von Imperium zum Genuß, ja zur Labsal, sowohl wegen der phantastischen Geschichte als auch wegen der Virtuosität der Sprache, mit der Christian Kracht sie erzählt. Die Charaktere sind lebendig, die Beschreibungen humorvoll und flüssig, obwohl der Verlag nicht vor dem Abdruck von sich über eine gesamte Buchseite auf gelungene und unterhaltende Weise hinziehenden Sätzen zurückschreckte. Fast das gesamte Buch las ich mit einem ständigen, anerkennenden Schmunzeln, das erst im letzten Kapitel dem Entsetzen ob des dramatischen Endes weichen musste.

Imperium erzählt die Geschichte von August Engelhardt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Nürnberg auswanderte und eine kleine Insel in der Südsee erwarb, um dort nicht nur eine Kokosnussplantage, sondern eine regelrechte Kokosnussreligion zu August_Engelhardt_und_Max_Lützowbegründen. Engelhardt, der wie andere Charaktere des Romans tatsächlich und zumindest teilweise wie im Roman beschrieben lebte, war zu dem Schluss gekommen, daß die Kokosnuss die einzige Frucht sei, die der Mensch benötige. Sie spende ihm Nahrung, Flüssigkeit, Kokosfasern für Kleidung, Öl und vieles mehr.

Der Vegetarier und Nudist wollte der geistigen Enge des Deutschen Reiches zur Zeit Kaiser Wilhelms II. entfliehen und wählte dafür, ohne die darin liegende Ironie zu bemerken, eines der von diesem Kaiser und dessen Expansionspolitik geschaffenen deutschen „Schutzgebiete“ im Südpazifik. Engelhardts Meinung über Deutschland und seine Landsleute wird schon bei der Beschreibung seiner deutschen Mitpassagiere auf der Dampfschiffüberfahrt deutlich:

Bläßliche, borstige, vulgäre, ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde Deutsche lagen dort und erwachten langsam aus ihrem Verdauungsschlaf, Deutsche auf dem Welt-Zenit ihres Einflusses.

Aufgrund meiner eigenen Auswanderung aus Deutschland und sogar aus dem gleichen Landstrich, den Engelhardt vor 100 Jahren verlassen hatte, resoniert das Thema bei mir besonders, obwohl ich mir kein ähnlich verrücktes Ende wünsche. Denn Engelhardts Plan ging nicht auf. Der anti-deutsche Auswanderer konnte in Neupommern im Bismarck-Archipel kein erfolgreicher Kolonialist werden. Der Gesundheitsfetischist wurde schwerkrank, der Vegetarier wurde schließlich zum Kannibalen, der Liberale gar zum Antisemiten:

Ja, so war Engelhardt unversehens zum Antisemiten geworden; wie die meisten seiner Zeitgenossen, wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.

Über die Andeutungen hinaus will ich nichts weiter von der Geschichte verraten, da Ihr die 242 Seiten selbst an einem Tag lesen und genießen könnt. Nach der viel zu früh beendeten Lektüre wünschte ich, daß es eine Langversion dieses Romans gäbe. Wenn Ihr irgendwann Karl May gelesen und genossen habt, so könnt Ihr Euch mit Imperium in diese Zeit zurückversetzen, allerdings auf einem erheblich höheren sprachlichen Niveau und mit mehr Humor. Dies ist der beste Abenteuerroman seit Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann.

Und jetzt werde ich eine Kokosnuss essen.

Über Andreas Moser

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4 Antworten zu „Imperium“ von Christian Kracht

  1. Andreas Moser schreibt:

    Anschließend habe ich übrigens versucht, Christian Krachts „Faserland“ zu lesen, aber noch im zweiten Kapitel aufgegeben. Das ist uninteressanter Müll. Lest lieber ein zweites Mal „Imperium“!

  2. Pingback: Bundestagswahl 2013: Ich wähle mit. | Der reisende Reporter

  3. Andreas Moser schreibt:

    Danke an Stefan Baur, der mich darüber aufklärte, dass der Cover-Zeichenstill „Ligne claire“ heißt!

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