Bomben, Explosionen und mein Besuch in Beirut

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Die Explosion im Hafen von Beirut letzte Woche weckte nicht nur die Leute, die gerade ihren Mittagsschlaf machten, sondern auch Erinnerungen an meinen Besuch in jener Stadt. Es war eine kurze Visite, kaum ausreichend für einen ersten Eindruck, und sie liegt viele Jahre zurück. Damals machte ich weder Fotos noch Notizen. Es war in der dunklen, alten Zeit bevor ich das Schreiben entdeckte, und noch als Rechtsanwalt schuftete und schwitzte. Aber lasst mich versuchen, ein paar Fragmente aus der Erinnerung zu reaktivieren.

Es war im Jahr 2005, und Beirut, oder eigentlich der ganze Libanon, war gerade von einer anderen massiven Explosion erschüttert worden, die Rafik Hariri, den Premierminister getötet hatte. Zu jener Zeit explodierte im Libanon alle paar Wochen etwas, und damit war es das perfekte Reiseziel für mich. Ich bin einfach nicht der Typ für einen langweiligen Strandurlaub.

Raketenangriff

Das war in Israel, aber vielleicht kam die Rakete aus dem Libanon.

Ich habe noch den Lonely-Planet-Reiseführer für Libanon und Syrien, 2. Auflage von 2004, und ich blättere ihn jetzt durch. Ich hätte den Ort meiner Unterkunft im Stadtplan markieren sollen. Da ich das nicht habe, nehme ich an, dass ich damals ziemlich optimistisch bezüglich meiner Orientierungsfähigkeit war. Weil ich das System der Busse nicht auf Anhieb verstand, ging ich überall hin zu Fuß. Außerdem ist zielloses Herumschlendern die beste Art, eine Stadt zu erkunden.

Nur bei der Ankunft hatte ich ein Taxi vom Flughafen genommen. Es war schon dunkel, und entweder es gingen an dem Abend keine Busse mehr oder einer der Taxifahrer war zu schnell und geschickt darin, mich von der Straße wegzufangen. Ich erinnere mich an eine Menge Schlaglöcher, so groß, dass sie kaum von normaler Abnutzung entstanden sein konnten, und an Panzer am Straßenrand.

Es gibt so ein bestimmtes Reisegefühl, das ich liebe: Zum ersten Mal in einem Land ankommen, ohne jemanden zu kennen, ohne die Sprache zu sprechen, nicht zu wissen, wo ich unterkommen werde, und keine Ahnung, was als nächstes passiert. Und aufsteigender Rauch, Panzer in den Straßen, Gewehrsalven, die den Nachthimmel erleuchten. Es herrscht eine gewisse Anspannung, klar, vielleicht ist man auch ein bisschen besorgt, aber Aufregung und Neugier gewinnen mit großem Vorsprung. Wahrscheinlich musste ich die ganze Fahrt über grinsen.

„Wohin soll ich Sie fahren, Sir?“

„Ich suche nach einer günstigen Unterkunft, vielleicht so um die 20 $ pro Nacht.“ Das war die Grenze zwischen billig und nicht billig im Lonely-Planet-Reiseführer, zumindest damals. Und weil alles neu für mich sein würde, war es mir eigentlich egal, in welchem Viertel ich unterkommen würde.

Ich erinnere mich, dass wir die ganze Zeit geradeaus fuhren, was zeigte, dass es sich um einen fairen Taxifahrer handelte, und dann bog er rechts ab, und wir waren schon da. Er brachte mich in den zweiten oder dritten Stock eines Wohnblocks, läutete an der Tür und erklärte mein Anliegen.

„Für wie viele Nächte?“ fragte ein älterer Herr.

„Drei Nächte“, sagte ich spontan. Ich hatte insgesamt nur eine Woche, und den Rückflug hatte ich aus Damaskus gebucht, so dass ich noch nach Syrien musste. Ich empfehle grundsätzlich, Flüge so zu buchen, weil man dann eine grobe Route hat. Aber alles dazwischen würde ich frei lassen und einfach mit dem füllen, was so auf dem Weg liegt.

Es muss schon nach 23 Uhr gewesen sein, denn der Eigentümer der Herberge brachte mich sofort zu Bett, für das er nur 6 $ pro Nacht veranschlagte. Ich teilte das Zimmer mit 5 anderen Männern. Nun stört mich die nahöstliche Geräuschkulisse aus Sirenen, Muezzin und Scharfschützen nicht, aber wenn jemand schnarcht, dann bekomme ich kein Auge zu. Die Männer sahen alle aus wie Bauarbeiter, und sie schnarchten wie Bären. Ich schlief wirklich schlecht, falls überhaupt, außer in den letzten Morgenstunden, weil die Zimmergenossen ganz früh gehen mussten, um ein Gebäude zu reparieren, das explodiert war. Als ich endlich aufstand, merkte ich, dass ich in einer ganz gewöhnlichen Wohnung war, die zu einem Hostel umfunktioniert worden war. Das war AirBnB vor dem Computerzeitalter. Es geht also auch ohne den ganzen Technikschnickschnack.

Am nächsten Tag begann ich mit dem ziellosen Herumstreunen. Ich kam an den Platz, wo Rafik Hariri ermordet worden war und sah, was für eine enorme Bombe das gewesen sein musste.

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Überall in der Stadt hatten die Gebäude noch Narben vom libanesischen Bürgerkrieg, über den ich als Kind so viel in der Tagesschau gesehen hatte, ohne jemals etwas davon zu verstehen. Außer dass es gefährlich und kompliziert war, was wahrscheinlich meine Faszination für Beirut begründet hatte.

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Wenn man an der Corniche, der Strandpromenade, entlang ging, fühlte man sich wie in einer normalen Mittelmeerstadt. Die Leute schlenderten auf und ab, die Wellen überschlugen sich, Männer verkauften geröstete Nüsse, Kinder schrien vor Vergnügen, Jugendliche sahen so attraktiv wie möglich aus. „Paris des Ostens“ war die Stadt vor dem Bürgerkrieg genannt worden. Wenn ich mir die Gebäude ansah, konnte ich nichts davon erblicken. Aber wenn ich die Leute ansah, dann erkannte ich es.

Ich hatte keine Zeit gehabt, um mich auf die Reise vorzubereiten. Am Flughafen in Istanbul war ich am Flugsteig nach Beirut der einzige Weiße unter lauter Orientalen, wie man vor Edward Said gesagt hätte. Einer von ihnen fragte mich ganz besorgt: „Sind Sie sicher, dass Sie nach Beirut wollen?“ Nun ja, einen Ersatzplan hatte ich nicht. Eine junge Frau, sehr attraktiv, die für die UNO in Wien arbeitete und wegen Weihnachten nach Hause flog, gab mir eine Menge Tipps und Ratschläge, wohin ich gehen solle. Ich schrieb alles auf, aber sie empfahl nur Bars, Diskotheken und andere Party- und Paarungsplätze. Als sie aufstand, sagte einer der Männer: „Ich glaube, die junge Dame hat den Zweck Ihrer Reise nach Beirut missverstanden“, und lächelte vielsagend verschwörerisch. Ich warf die Notizen später weg, obwohl ihr Name und ihre Telefonnummer darauf standen. Aber was soll’s, ich hatte ja sowieso kein Telefon.

Die fehlende Vorbereitung führte wahrscheinlich dazu, dass ich eine Menge schöner Orte verpasste. Aber einen, den ich nicht übersehen konnte, war der Campus der Amerikanischen Universität in Beirut. Mit einem eigenen Strandabschnitt sah es wie an einer Universität in Kalifornien auf. Vielleicht sollte ich mir diese Universität für ein Auslandssemester aussuchen. Ich meine die in Beirut, nicht in Kalifornien. In den USA sind mir die Leute zu verrückt, und alle tragen Waffen.

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Ich erinnere mich auch, wie ich die Grüne Linie entlang spaziert bin, die während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 zeitweise als Demarkationslinie gedient hatte. Jetzt war es einfach nur eine gewöhnliche Straße. Nichts daran war gefährlich, obwohl die Leute sagten, dass im südlichen Abschnitt die Hisbollah wohne. Ich hatte denjenigen meiner Pässe ohne Stempel aus Israel dabei, also machte ich mir keine Sorgen. Woran ich merken würde, wo die Hisbollah-Zone beginne, fragte ich. „Mehr Typen mit Waffen“, sagte jemand. „Du wirst es daran erkennen, dass dort die Müllabfuhr funktioniert“, scherzte ein anderer, und ich verstand, warum Menschen eine Partei wählen, die anderswo als Terrororganisation eingestuft wird.

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Jetzt ist es nicht mehr so grün. Frieden ist schlecht für die Natur.

Immer wenn ich einen Laden betrat, wünschten mir die Menschen „Frohe Weihnachten“, und ich hatte echt Probleme, das mit der Abwesenheit jeglichen Schnees, mit den warmen Temperaturen und mit den arabischen Schriftzeichen in Einklang zu bringen. Viele Leute, die noch nicht im Nahen Osten waren, stellen sich die Region als monoreligiös muslimisch vor, aber so ist es nicht. Es gab eine Reihe von Kirchen, die die Tore weit offen hatten, so dass ich im Vorbeigehen die Chöre und Gesänge hörte. Und vor jeder Kirche stand mindestens ein Panzer mit Soldaten.

Weil ich damals noch nicht schrieb, machte ich vieles anders als ich es jetzt tun würde. Anstatt in die Kirche zu gehen, ging ich ins Kino und guckte „Lord of War“, einen Film über einen Waffenhändler. Kein besonders guter Film, aber ich fand ihn irgendwie passend für den Ort.

Wenn ich mit Leuten ins Gespräch kam, fragten sie mich natürlich, woher ich kam und was ich beruflich machte. Als ich, ganz der Wahrheit verpflichtet, sagte, dass ich ein Rechtsanwalt aus Deutschland sei, weiteten sich die Augen, die Menschen wurden noch höflicher und einmal sagte eine Frau in einem Falafel-Laden darauf: „Für Sie kostet es nichts. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!“

Erst am zweiten oder dritten Tag, als ich die örtliche Zeitung Daily Star las, verstand ich, warum ich mit so unangebrachter Ehrfurcht behandelt wurde. Ihr erinnert Euch an den libanesischen Premierminister, der ein paar Monate vorher ermordet worden war? Die Untersuchung der libanesischen Behörden verlief im Sand, und deshalb ernannte die UNO einen Sonderermittler. Dieses Amt übernahm Detlev Mehlis, ein deutscher Staatsanwalt, und seine Untersuchung war zu dem Zeitpunkt noch im Gange. Er wurde im Libanon hochgeschätzt, und die Menschen setzen große Hoffnung in die internationale Untersuchung. Und wenn sie in Beirut einem deutschen Juristen begegneten, nahmen sie anscheinend automatisch an, dass dieser zu seinem Team gehörte.

Aber die Menschen waren überhaupt sehr freundlich. Als ich am Abend in die Wohnung zurückkam, fragte mich der Sohn des Eigentümers, ob alles in Ordnung sei. Ich sagte, halb im Scherz, dass ich besser tagsüber schlafen und nachts spazieren gehen sollte, um den schnarchenden Männern in meinem Zimmer zu entgehen.

„Oh, das tut mir leid!“ entschuldigte er sich für etwas, wofür er nichts konnte. „Lass mich mit meinem Vater sprechen, vielleicht finden wir ein separates Zimmer für dich.“

Das waren gute Nachrichten, und ich sagte ihm, dass ich dafür natürlich mehr zahlen würde.

Er sprach kurz mit seinem Vater und informierte mich: „Wir hätten für die nächsten zwei Nächte ein privates Zimmer für dich. Das kostet allerdings 20 $ pro Nacht, wäre das akzeptabel?“

Es war äußerst akzeptabel.

Und als er mir das Zimmer zeigte, merkte ich, dass es das Schlafzimmer des Vaters war, der für zwei Nächte auf die Couch im Wohnzimmer umzog, nur damit ich mich richtig ausruhen konnte. Ich fühlte mich nicht gut darüber, einen Greis aus seinem Bett verdrängt zu haben, und wollte schon anbieten, dass stattdessen ich im Wohnzimmer schlafen könne. Aber auch da lagen schon mehrere Leute, und vielleicht hätte ich wieder keinen Schlaf bekommen.

Die Wohnung war in der Nähe des Busbahnhofes Charles Helou, nur 300 Meter von dem Hafen, der letzte Woche vollständig zerstört wurde. Natürlich frage ich mich jetzt, was aus den Leuten geworden ist, bei denen ich damals wohnte. Wenn sie überlebt haben, räumen sie wahrscheinlich gerade auf, so wie es die ganze Bevölkerung macht und damit das staatliche Vakuum füllt.

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Wenn Ihr an den Libanon denkt, vergesst übrigens nie, dass dieses von Kriegen, Bürgerkriegen, Währungsverfall, Inflation und Lebensmittelknappheit geplagte Land pro Kopf die größte Zahl an syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat. Wenn dieses kleine Land mit so vielen Problemen einen Flüchtenden für vier seiner Einwohner aufnehmen kann, dann können auch wir Europäer ein bisschen großzügiger sein.

Aber 2005 sah das niemand kommen. Ganz im Gegentum, am letzten Tag ging ich zum Busbahnhof Charles Helou und fragte nach einem Bus, der mich nach Syrien bringen würde. „Zahl auf keinen Fall mehr als 10 $“, hatte mich mein Gastgeber angewiesen, besorgt, dass mich jemand übervorteilen würde. Aber der Busbahnhof war gespenstisch leer und windig.

„Die Busse fahren nicht mehr, weil in den Bergen zwischen dem Libanon und Syrien ein Schneesturm tobt.“ Das war schlecht, denn in drei Tagen musste ich den Flug aus Damaskus erwischen. Aber die abenteuerliche Geschichte, ob und wie ich es nach Syrien geschafft habe, hebe ich für ein anderes Mal auf…

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Bomben, Explosionen und mein Besuch in Beirut

  1. Pingback: Bombs, Explosions and my Time in Beirut | The Happy Hermit

  2. Kain Schreiber schreibt:

    ich mag deine Reiseberichte sehr, obwohl deine art zu reisen, so gar nicht meine ist…

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank, das freut mich!
      Ursprünglich war die Motivation hinter Reiseberichten, andere zu motivieren, indem ich zeige, dass es gar nicht so kompliziert oder gefährlich ist, ein bisschen Abenteuer zu erleben.
      Aber von den Rückmeldungen habe ich den Eindruck, dass ich viel mehr Leser wie dich habe, die selbst nicht oder anders reisen, und das ist eigentlich auch ganz schön. Mich freut es enorm, wenn jemand ein Land oder Leute sozusagen durch meine Augen kennenlernt.

      Wie reist du denn?

      Ich selbst würde jetzt aber auch ganz anders reisen als noch zum Zeitpunkt dieser Geschichte. Ich würde vorher viel mehr lesen, schon versuchen, Kontakte zu knüpfen. Und ich würde auf keinen Fall für nur eine Woche wohin fliegen. Ein Monat oder so müsste es mindestens werden, sonst fühle ich mich gehetzt.
      Schade, dass Syrien dazwischen liegt, sonst würde ich vielleicht mal per Anhalter nach Beirut fahren. 🙂

    • Kain Schreiber schreibt:

      hallo andreas!
      ich reise schon hin und wieder und im moment ist meine größte freude, dass ich/wir letztes jahr in paris waren – was ein langgehegter traum war. jetzt – mit corona – scheint es mir als könne man selbst dorthin nicht mehr sicher reisen. und das ist wohl der entscheidende unterschied: ich reise sicher bzw. abgesichert: kein luxusurlaub, aber immer mit sicherer unterkunft und klaren weg->ziel-beschreibungen. durchgeplant mit vorausbestellten tagestickets für öffentliche verkehrsmittel und niemals würde ich mich in unsichere länder wagen.
      also in deinen augen wohl langweilig…
      danke für deine einblicke!
      hab ein schönes wochenende!

  3. Pingback: Per Anhalter gegen die Skeptiker | Der reisende Reporter

  4. benwaylab.com schreibt:

    Schöner Text. Beirut ist eine der Städte, die mich am meisten faszinieren. Ich habe sogar mal mit dem Gedanken gespielt, mir dort einen Job zu suchen.

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