Per Anhalter gegen die Skeptiker

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„Niemand wird dich mitnehmen, schon wegen des Coronavirus.“

„Ich glaube nicht, dass das klappt.“

„Heutzutage fährt niemand mehr per Anhalter.“

„Ist das überhaupt erlaubt?“

So die skeptischen Stimmen, als ich verkündete, von Ammerthal nach Wien, also eine Strecke von über 500 km, zu trampen.

Ammerthal ist ein kleines Dorf in Bayern, abseits aller Verkehrsströme. Diejenigen, die hier ihre Häuschen bauen und sich gerade das ausgiebige Wochenendfrühstück zubereiten, freuen sich über die Ruhe, die damit einhergeht. Diejenigen, die gerne in die weite Welt wollen, leiden darunter. Wie soll man je nach Timbuktu, Tiflis oder Tiraspol kommen, wenn die Straßen hier nach Götzendorf oder Weiherzant führen?

Karte Trampen Ammerthal-Wien

Und heute ist noch weniger los, weil Samstag ist. Samstagmorgen um 8 Uhr. Nicht irgendein Samstag, sondern Maria Himmelfahrt. In der Süddeutschen Zeitung habe ich am Morgen noch ein sehr schwurbeliges Interview mit einem Pfarrer gelesen, der Maria Himmelfahrt als „Sieg der Individualisierung über jeden Versuch der Entindividualisierung“ erklären wollte.

Die Leute, die an der Straße nach Ursensollen, wo eine Bundesstraße die Verbindung zur Außenwelt verspricht, nicht anhalten, haben das mit der Individualisierung wohl zu ernst genommen. Oder ganz falsch verstanden. Mehr als eine halbe Stunde stehe ich in dem Dorf, in das mich das böse Schicksal verschlagen hat, und niemand hält an. Manche Fahrer winken. Manche tun, wie wenn sie so blind sind, dass man ihnen eigentlich die Fahrerlaubnis entziehen sollte.

„Was machst du, wenn niemand anhält?“ wird man als Tramper manchmal gefragt. Die Standardantwort: „Wenn man lange genug wartet, hält immer jemand.“ Auch aus Ammerthal würde ich irgendwann wegkommen, da bin ich mir sicher. Aber die Bundesstraße ist nur 6 km entfernt, also mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Natürlich halte ich unterwegs immer wieder den Daumen raus, aber hohe christliche Feiertage scheinen die Hilfsbereitschaft der überwiegend katholischen Landbevölkerung nicht zu fördern.

Sogar im Regen lassen sie mich stehen beziehungsweise gehen. Als ich durch ein Dorf namens Kotzheim laufe, fühle ich mich genauso. Das ist kein guter Start in den Reisetag.

Andreas Moser hitchhiking B299

Auch an der B299 fahren die Autos Richtung Kastl oder Neumarkt an mir vorbei. Nur die polnischen Fahrer bremsen ab und deuten entschuldigend auf die mit Kindern und Reisetaschen gefüllten Rücksitze. Ich winke dankend zurück. Niemand hat die Pflicht, für mich anzuhalten, das ist mir schon klar. Aber etwas Kommunikation von Mensch zu Mensch, das tut einfach besser als all die Fahrer, die stur geradeaus blicken, wie wenn sie mich nicht sehen. Das sind so Menschen, die wahrscheinlich auch an Obdachlosen vorbeigehen oder Katzen überfahren.

Eine junge Frau fährt vorbei, ohne anzuhalten. Dafür habe ich sogar volles Verständnis. Ich kenne zwar auch Frauen, die alleine trampen, aber man sollte die zusätzlichen Gefahren nicht kleinreden. Das gilt insbesondere in Amberg und Umgebung, wo die Ermordung der Tramperin Sophia Lösche im Jahr 2018 noch besonders im Gedächtnis ist.

Aber da passiert etwas Ungewöhnliches: Die junge Frau, die eben vorbeigefahren ist, hat umgekehrt. „Entschuldigung, aber ich war so überrascht, dass ich nicht sofort angehalten habe.“ Ich halte vielen Fahrern zugute, dass sie einfach nicht schnell genug reagieren. Ein weiterer Grund für Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Seit das Trampen nicht mehr so verbreitet ist, denkt man als Autofahrer natürlich auch nicht daran, dass plötzlich Menschen mit Rucksack neben der Straße stehen. „Sie sind der erste Anhalter, den ich jemals gesehen habe“, sagt auch die junge Frau verwundert.

Sie ist Redakteurin beim örtlichen Fernsehsender Oberpfalz TV und fährt bis nach Neumarkt, wo ich hoffe, auf die A3 zu gelangen. Sie schwärmt regelrecht von der Corona-Zeit, weil die Journalisten endlich mal eigene Themen setzen können, anstatt Terminen und Einladungen und Veranstaltungen hinterherzuhetzen. Mehr Reportagen, mehr Hintergründe, weniger Vereinssitzungen. „Aber jetzt, wo sich alles wieder lockert, merke ich, dass wir schon wieder in den alten Trott zurückfallen. Leider.“ Das geht vielen so, scheint mir, sowohl beruflich als auch privat. Ich wünsche mir deshalb fast eine richtig lange und heftigere Pandemie, damit es die Chance auf ein richtiges Umdenken gibt. Weg vom Konsum, weg von der Geschwindigkeit, hin zum bewussten Leben.

In Neumarkt fährt sie mich noch extra zum Autohof in Berg, der direkt an der Autobahnauffahrt liegt. Ein Umweg für sie, aber eine große Hilfe für mich. Nach dem deprimierenden Morgen bin ich nun frohen Mutes für den weiteren Tag. Eine erfolgreiche, freundliche Fahrt hebt das ganze Gemüt. Sogar der Regen hat aufgehört. Und wenn auf Oberpfalz-TV mal eine Reportage übers Trampen kommt, dann wisst Ihr, wer den Anstoß dazu gegeben hat.

Ich packe das zuhause höchst professionell und artistisch vorbereitete Schild aus und stelle mich an die Ausfahrt des Rasthofes. Hier ist richtig viel los, zumindest im Vergleich zu den Feldwegen, die mein Dorf allenfalls notdürftig mit der Zivilisation verbinden.

Fahrer aus Rumänien und der Türkei halten an, nur um mir zu sagen, dass sie leider in die falsche Richtung fahren. Eine Familie aus Polen hält an, um mir zu sagen, dass leider das Auto voll sei. Es ist tatsächlich proppenvoll. Eine attraktive Frau aus Großbritannien hält und ist sichtlich enttäuscht, dass ich nach Südosten anstatt nach Nordwesten will. (Nächster Plan nach der Corona-Krise: Trampen ohne festes Ziel.)

Bald hält ein junges Paar. Die Beifahrerin kurbelt das Fenster herunter: „Du willst nach Österreich? Wir auch. Steig ein!“

Na, so ein Zufall! Zuerst geht eineinhalb Stunden gar nichts, und dann kommt gleich jemand, die ebenfalls Urlaub in unserem sympathischen Nachbarland machen und mich den ganzen Weg mitnehmen können. Jule und Chrissi fahren für ein paar Tage an einen Ort, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, von dem ich aber sowieso nicht weiß, wo er liegt. Ich kenne mich in österreichischer Geographie schlechter aus als in australischer. Keine Ahnung, wo Innerschmirn oder Sellrain liegen.

„Und wo musst du hin?“

„Nach Linz.“ Also eigentlich nach Wien, aber aus Linz hatte sich ein niederländisches Paar gemeldet, das meinen Blog liest und mich eingeladen hat, bei ihnen ein paar Tage Pause zu machen. Es gibt wirklich gute, selbstlose Menschen auf dieser Welt.

„Wo ist das?“

„So zwischen Passau und Wien. Ich denke, da werden wir schon vorbeikommen. Wenn wir erst in Österreich sind, können wir ja mal auf der Karte nachsehen.“

Jule nimmt die Geographie zum Glück nicht so auf die leichte Schulter und sieht gleich nach. Zum Entsetzen aller, die Österreich bisher als kompakten Kleinstaat abgetan haben, ist Österreich auch nach dem Vertrag von Saint Germain noch immer ziemlich groß und unübersichtlich. Linz ist überhaupt nicht in der Richtung vom Brenner, die die beiden einschlagen müssen. Stattdessen trennen sich die für uns jeweils sinnvollen Autobahnen schon in Regensburg, so dass sie mich in Parsberg am Autohof rauslassen.

Jule und Chrissi

Hui, das war knapp. Fast wäre ich so falsch gefahren wie jemand, der nach Bayreuth möchte und in Beirut landet.

In Parsberg ist etwas weniger Verkehr, aber die Stimmung lockerer. Die Leute wachen langsam auf. Ein Motorradfahrer hält an und fragt, ob ich einen Helm dabei habe. Leider nicht. Eine LKW-Fahrerin macht ein Foto von mir fürs Trucker-Instagraph. Die Polizei fährt vorbei, ohne mich zu verhaften. (So wie Männlichsein die Gefahr verringert, beim Trampen ermordet oder vergewaltigt zu werden, so reduziert weiße Hautfarbe die Gefahr, von der Polizei erschossen zu werden. Es schadet nicht, sich seiner unverdienten Privilegien bewusst zu werden.)

Zwei indische Frauen mit einem Auto voller Kinder halten und bieten an, mich bis nach Regensburg mitzunehmen. Weil ich dann in der Stadt stehe und stattdessen auf eine Fahrt mindestens bis nach Passau hoffe, lehne ich dankend ab.

Schon als sie wegfahren, bereue ich es. Das war der Fehler des Tages.

Auf eine Fahrt in einem indischen Auto zu verzichten, nur weil man auf ein zügigeres Fortkommen hofft, das darf nicht passieren. Vor allem nicht, wenn man über die Reise schreibt. Ich könnte mich grün und blau ärgern, Euch diesen Kulturkontakt vorenthalten zu haben.

Und ich ärgere mich noch länger, weil ab diesem Zeitpunkt, wie um mich zu bestrafen, gar niemand mehr hält. Wird sich Parsberg als ein ähnliches Provinznest wie Ammerthal herausstellen, aus dem ich nicht mehr herauskomme? Ich bin schon seit drei Stunden unterwegs und gerade erst im Nachbarlandkreis.

Erst nach 20 Minuten hält ein junger Mann, der trotz meiner gegenteiligen Aufforderung beim Sie bleibt. Er fährt schon vor Regensburg von der Autobahn, kann mich aber an einem Parkplatz an der Autobahn rauslassen. Mangels Tankstelle ist hier nicht so viel los, aber dafür kann man Leute ansprechen, wenn sie Dehnübungen machen oder von der Toilette kommen.

Aber wie Ihr schon wisst, bin ich schüchtern, so dass ich mich erst einmal stumm mit meinem Schild neben den Parkplatz stelle. Ich inspiziere die Autokennzeichen, eines ist aus Passau. Das liegt genau auf dem Weg und würde mich bis an die Grenze bringen. Die Fahrerin erblickt mich, steigt aus und ruft mir zu:

„Wo wollen’s denn hin?“

„Passau wäre super.“

„Na, dann steigen’s halt ein.“

So einfach geht das.

Die ältere Frau ist auf dem Rückweg aus Metz in Lothringen, wo ihr französischer Mann wohnt. Manchmal lebt das Paar dort, manchmal in Passau, manchmal gönnen sie sich etwas Ruhe voneinander, und einmal im Jahr fahren sie in den Urlaub nach Italien, seit 20 Jahren in das gleiche Hotel. „Nicht immer zusammen zu wohnen macht die Ehe erträglich“ gibt sie mir und damit den Leserinnen und Lesern einen wichtigen Rat fürs Leben mit.

Um 12 Uhr fahren wir durch Regensburg, etwa 70 km von dem Ort entfernt, von dem ich um 8 Uhr aufgebrochen bin. „Da sind Sie aber nicht weit gekommen heute“, stellt die Frau gnadenlos fest. Aber jetzt geht es gut voran, immer entlang der Donau, die für die Frau aus Passau eine zwiespältige Sache ist. Dort laufen Donau, Inn und Ilz zusammen, was regelmäßig zu Hochwasser und Überschwemmungen führt.

„2013 war am schlimmsten“, erzählt sie fast stolz. „Das Erdgeschoss war komplett überflutet, und im ersten Stock stand das Wasser 1,80 Meter hoch. Die Bücher waren verklebt wie Beton, absolut unbrauchbar. Nur die Schallplatten konnte ich wieder trocknen, die funktionieren noch immer.“

hochwasser-luftbild-binder

Im Autoradio läuft gerade „Life is live“. Sie dreht lauter und klopft mit den Händen auf dem Lenkrad den Takt mit.

„Wer hatte denn die Idee, an so einem Ort eine Stadt zu bauen?“ wundere ich mich, aber sie weiß es auch nicht. Mir scheint das ein ähnlich trotziges Projekt wie Manaus am Amazonas. Am Rückspiegel baumelt ein Holzkreuz aus Altötting, vielleicht ruht darauf alle unbegründete Hoffnung.

Sie lässt mich raus am Rastplatz Donautal, der gerade nicht überflutet ist. Hier muss ich mein Schild ändern, das unkonkrete „Ö“ in „LINZ“ konkretisieren. Gerade nehme ich diese Arbeit in Angriff, da kommt ein Mann in zerschlissener Kleidung und mit großer Einkaufstüte mit wenigen leeren Flaschen darin. Er fragt mich, ob ich ihm nicht einen Euro geben können.

Linz

„Sehen Sie, ich bin ganz zerschlissen“, sagt er, wie wenn ich das übersehen hätte können. Er arbeite den ganzen Tag auf dem Parkplatz, aber heute habe er erst sechs Flaschen gesammelt. (Oder er hat seine bisher gefundenen Schätze schon in seinem Auto deponiert.)

Ich öffne das Portemonnaie, wo nur 2-Euro-Münzen drin sind, was mir etwas viel erscheint.

„Das passt schon. Zwei Euro sind üblich hier“, sagt er gewitzt und so selbstsicher, wie wenn irgendwo eine Satzung mit seinen Gebühren aushinge.

„Ich habe selbst nicht allzu viel“, sage ich. „Sonst wäre ich doch nicht per Anhalter unterwegs.“

„Sie haben sicher mehr als ich“, entgegnet er, zurecht etwas angesäuert über den gar nicht zerlumpten Schreiberling, der auf mittellos macht, um Material für eine Geschichte zu sammeln, während er Flaschen zum Überleben sammelt.

„Da haben Sie wahrscheinlich Recht“, gestehe ich und überlege noch, ob ich ihm die absolut angebrachte Zurechtweisung mit zwei Euro vergüten soll.

Aber er denkt schon weiter: „Wo wollen Sie denn hin?“

„Nach Linz.“

„Da, der junge Mann in dem roten Auto, der fährt nach Linz. Der nimmt Sie sicher mit.“

Ich gehe zu dem jungen Mann in dem roten Auto, einem alten Opel Corsa oder so.

„Fährst du nach Linz?“

„Ja.“

„Könntest du mich mitnehmen?“

„Ja klar.“

Ich will mich noch bei dem hilfsbereiten Flaschensammler bedanken, aber er ist schon weitergegangen und spricht mit neuen Kunden.

„Wieso sucht der sich keine Arbeit?“ werden viele denken, wenn sie einen Mann im löchrigen gelben T-Shirt sehen, der tief in Mülleimer greift. Aber seine Recycling-, Gesprächs- und Vermittlungsdienstleistungen sind wertvoller als die sogenannte Arbeit von Marketing Key Account Executive Assistants oder Handyhüllenhändlern.

Der junge Mann, der aus Bonn nach irgendwo in Österreich zu seiner Freundin fährt, braucht sich hingegen seit der Explosion im Hafen von Beirut keine Sorgen mehr machen, dass jemand den Wert seiner Arbeit geringschätzt. Er ist Chemiker und forscht und promoviert zu Detektionsmethoden für gefährliche Stoffe in Schiffscontainern.

Es ist schön, auf einen Naturwissenschaftler zu treffen, der ebenso skeptisch wie ich gegenüber technischen Lösungen für die Probleme der Menschheit ist, von Energie bis zum Klimawandel.

Zweimal rammen fette SUVs fast das kleine rote Auto, wie wenn deren Fahrer ahnen, dass wir uns über die Naivität derjenigen echauffiert haben, die glauben, dass ein Elektro- oder gar ein heuchlerischer Hybridantrieb etwas an der Energieineffizienz ändert, ein 2-Tonnen-Gefährt zum Bewegen einer 80-kg-Person zu verwenden.

Leute mit kleinem Auto ohne Klimaanlage, wo bei Regen die Fenster von innen beschlagen, weil es irgendwo undicht ist, nehmen übrigens öfter Tramper mit als Leute in SUVs, die alles außerhalb ihrer Blechkiste als feindliche Welt betrachten und mit ihren Tanks am liebsten über die Schützengräben in Westflandern wälzen würden.

Ich bin fast traurig, als wir am Rasthof in Ansfelden südlich von Linz ankommen, weil es so eine interessante Unterhaltung war, von Recycling bis zu Rechtsextremismus, von Vielfliegerei bis zum Völkermord. Darüber habe ich ganz vergessen, nach dem Namen des jungen Mannes zu fragen, der unsere Seehäfen sicherer und unsere Straßen sympathischer macht. Aber seine Buchempfehlung habe ich mir gemerkt: „Die Menschheit schafft sich ab“ von Harald Lesch, sicherlich besser als das ähnlich lautende Buch von Thilo Sarrazin.

In Ansfelden warte ich nur 5 Minuten, bis mich zwei Schüler die restlichen 10 km in die Innenstadt von Linz mitnehmen. Sie fahren zur Wohnung der urlaubenden Oma, um die Pflanzen zu gießen. Schade, dass nicht mehr Leute wissen, dass es dafür Profis wie mich gibt, so dass sich die Enkel stattdessen auf die Matura vorbereiten könnten.

Louise und Luuk, die beiden Niederländer, die mich nach Linz eingeladen haben, hatten auch angeboten, mich von unterwegs abzuholen. Auch sie waren ein wenig skeptisch, was das Autostoppen anbelangt, wie es in Österreich heißt. Gar nicht skeptisch hingegen sind sie bezüglich Gastfreundschaft. Obwohl sie von mir nur ein paar Artikel kannten, laden sie mich in ihr Haus ein, verbringen das Wochenende mit mir, gewähren mir ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad, und kochen auch noch von früh bis spät.

Dabei hätten sie eigentlich genug zu tun, denn sie sind (auch) Autoren und Übersetzer. Luuk hat unter anderem die Graphic Novel „Jeden Tag Sterben“ über den Ersten Weltkrieg gezeichnet und geschrieben, beziehungsweise aus Originaldokumenten von Soldaten exzerpiert. Louise hat sie ins Deutsche übersetzt. Sie schreiben und editieren die Seiten www.HoeVrouwenDenken.nl und www.HoeMannenDenken.nl. Außerdem hängt noch das ganze Haus voll selbstgefertigter Kunst.

„Ist das nicht komisch, wenn man einfach bei fremden Menschen auftaucht?“ werde ich manchmal gefragt. Theoretisch könnte es das sein, aber auch diesmal stellt sich nach wenigen Minuten das unerklärliche Gefühl ein, wie wenn man sich schon ewig kennt. Manche Gastgeber haben ein Talent dafür. Und so sitzen wir lange Abende im Garten, reden, rauchen, und ich trinke mir mit Chili-Schnaps heftige Kopfschmerzen an. Außerdem nehme ich einige Kilo zu, weil Louise nicht nur gut und viel kocht, sondern mir auch noch die Reste für unterwegs einpackt.

Nur mit Hinweis auf den anstehenden Besuch in Mauthausen, wo ich wahrscheinlich nicht so viel Appetit haben werde, kann ich verhindern, Lasagne, fünf Tafeln Schokolade, belegte Brote und einige frisch gebratene Souvlakispieße, komplett mit Pommes und Salat, eingepackt zu bekommen.

Aber sie bestehen darauf, mich nach Mauthausen zu fahren, worum ich ehrlich gesagt ganz dankbar bin, denn aus der Großstadt (wozu wir Linz gnädig zählen wollen) rauszutrampen ist immer das Schwierigste.

Obwohl sich dieser Blog sonst nicht scheut, vollkommen Unzusammenhängendes in einen konstruierten Zusammenhang zu bringen, ist hier eine Grenze erreicht, die nicht überschritten werden sollen. Der Besuch der KZ-Gedenkstätte in Mauthausen bleibt deshalb einem separaten, ernsten Artikel vorbehalten. (Wenn es Euch interessiert, vermerkt es doch bitte im Kommentarbereich, so dass ich weiß, ob hier überhaupt Interesse an schweren Themen besteht.) Hier muss genügen, dass Louises und Luuks Einschätzung, dass man in der Gedenkstätte locker einen halben Tag verbringen könne, absolut richtig lag. Den ganzen Vormittag war es passend grau und trüb, und wie immer an solchen Orten gleichzeitig schockierend und erhellend. Egal, wie viel man zu wissen glaubt, man lernt doch immer noch eine Menge dazu.

Erst als ich mich nachmittags wieder auf den Fußweg runter in die Kleinstadt Mauthausen mache, kommt die Sonne hervor, und zwar so kräftig, wie wenn sie den verpassten Vormittag mit aller Kraft nachholen möchte. Die mich überholenden Fahrradfahrer sehen mein WIEN-Schild am Rucksack und rufen „Viel Glück!“

Wien

Gleich an Mauthausen fließt die Donau vorbei. Da das Autostoppen fast keine Herausforderung mehr darstellt, kommt mir die Idee, stattdessen eine nautische Mitfahrgelegenheit zu ergattern. Tatsächlich biegt gerade ein Kahn um die Kurve. Leider fährt er in die falsche Richtung, stromaufwärts. Danach ist Flaute auf dem Fluss.

Na gut, dann bleibe ich eben doch wieder neben der Straße stehen. Das Thermometer vor der Apotheke zeigt 36º an. Die Eisdiele, bei der das Thermometer mehr Sinn ergäbe, ist geschlossen. Ich schmelze so schnell wie die Polkappen, nur dass man unter mir keine Bodenschätze finden wird.

Nach etwa 5 Minuten hält ein älterer Herr mit Brille und weißem Kurzarmhemd, Typ pensionierter Lehrer, und sagt: „Ach, junger Mann, hier stehen Sie noch ewig.“ Er mag Recht haben, denn Mauthausen ist nördlich der Donau, aber die A1 nach Wien verläuft südlich der Donau. „Da bringe ich Sie doch besser zur Autobahnauffahrt.“

Wir unterhalten uns darüber, wo ich herkomme und wohin ich will. Der Herr kennt Amberg, war schon ein paarmal dort und lobt die große Kirche auf dem Marktplatz. Er musste übrigens gar nicht zur Autobahn und fährt die 40 km Umweg nur wegen mir.

„Aber jetzt sind Sie doch mal ehrlich“, fordert er mich auf: „Sie hören sich so an, wie wenn Sie studiert haben.“ Anscheinend ist er schockiert, dass auch Akademiker trampen, und ich gestehe, dass ich Jus und Philosophie studiert habe und derzeit Geschichte studiere.

„Jus, Philosophie und Geschichte!“ entfährt es ihm anerkennend. „Da könnten Sie ja eigentlich Minister werden.“

„Ich warte auch schon die ganze Zeit auf den Anruf“, gebe ich vor, wobei das Telefon in Wirklichkeit ausgeschaltet im Rucksack liegt, weil ich nicht so scharf auf Büro- und Gremienarbeit bin.

„Wenn Sie Geschichte studieren, dann wird Sie interessieren, wo wir gerade vorbeifahren. Hier haben die Römer einen großen taktischen Fehler begangen. In Albing war ein römisches Legionslager und ein großes Kastell, so ab 170 nach Christus. An der Donau verlief ja der Limes, die Grenze des Römischen Reiches. Und nördlich davon lauerten die Germanen, eigentlich die Markomannen. Aber in der Donau liegt an dieser Stelle eine Insel, auf die die Markomannen heimlich vordrangen, und von dort das römische Lager angreifen konnten. Ein großer Fehler! Die Römer hätten eben auch diese Insel sichern müssen.“

Seine Sympathien sind auf Seiten der italienischen Invasoren, soviel wird klar.

„Die Römer haben sich dann letztendlich zurückgezogen und errichteten mit Lauriacum einen neuen Standort. Neben Carnuntum war das die bedeutendste Römersiedlung im jetzigen Österreich. Daraus entstand dann schließlich die Stadt Enns.“

Limes Österreich

„Auf diesem Weg wurden Österreich und Bayern christianisiert“, fährt er fort, ohne mir Zeit für mehr als ein anerkennendes „oh“ zu gestatten. „Das Christentum kam von Rom nach Norden, dann über Lauriacum nach Passau, was einst die größte Diözese im Heiligen Römischen Reich war. Sogar Oberösterreich gehörte damals zu Passau.“

Auf meine Frage, ob er ebenfalls Geschichte studiert hat, erklärt er: „Nicht richtig studiert, aber früher war ich viel mit meinem Bruder unterwegs. In ganz Europa“, und fügt träumend an: „Ach, es gibt so viele schöne und interessante Orte!“ Und während der Reisen hat er sich immer in die örtliche Geschichte eingelesen.

Das beschreibt meinen Modus Operandi ganz gut, nur dass ich nicht über solch ein gutes Gedächtnis wie der Privatgelehrte verfüge und die Details schnell wieder vergesse. Da ich während der Fahrten keine Notizen mache, ist auch die hiesige Vorlesung nur bruchstück- und vielleicht sogar fehlerhaft wiedergegeben.

„Da vorne sehen Sie eine schöne romanische Kirche. Das ist Rems.“ Er spricht es aus wie das französische Reims.

Er fährt mich direkt zur Auffahrt auf die A1, die nach Wien führt. In Österreich ist die Straßenplanung noch am Menschen, nicht nur am Auto orientiert, und ein breiter Seitenstreifen bietet Platz für Tramper und anhaltende Fahrer.

Auffahrt A1

Ich warte nur etwa 5 Minuten, bis ein Ehepaar aus der Slowakei anhält. Marko ist Maschinenbauingenieur, hat in der Slowakei und in Deutschland studiert und war gerade zu einem Vorstellungsgespräch in Österreich. Für ihn war es gar keine Frage, dass er für mich anhielt: „Als ich in Magdeburg studierte, bin ich immer per Anhalter aus der Slowakei und zurück gefahren. Normalerweise habe ich zwei Tage für die Strecke gebraucht.“ Und mit der Präzision eines Ingenieurs: „An einem Tag schafft man zwischen 350 und 600 km.“

Seine Frau ist Anwältin. „Aber die letzten 6 Jahre habe ich nicht gearbeitet, weil wir in China lebten.“ Wie ich zu meinem Leidwesen selbst erlebt habe, verliert ein Jura-Abschluss mit Grenzübertritt schlagartig an Nützlichkeit.

Der Ingenieur ist ganz begeistert von China, von der Organisation, von der Infrastruktur. Auch die Ein-Kind-Politik findet der zweifache Vater aus ökonomischen und ökologischen Gründen richtig.

Die Anwältin hingegen bemängelt den Mangel an Freiheit und bedauert, dass sie in China nicht offen über Politik oder Menschenrechte sprechen konnte.

Er: „Aber schau mal, wie effizient China auf das Coronavirus reagiert hat.“

Sie: „Und sie kontrollieren effizient jegliche Berichterstattung darüber.“

Er: „Unsere Politiker reden immer über Menschenrechte und so, aber die sollen erst einmal Straßen und Krankenhäuser und Flughäfen wie in China bauen.“ (Mir persönlich ist unterwegs allerdings nicht aufgefallen, dass es zu wenig Straßen gäbe.)

Sie: „Man kann doch auch bauen, ohne die Uiguren einzusperren.“

Er: „Das stört in China aber niemanden.“

„Ja, so sind die Chinesen“, sagt die Frau traurig und im Bemühen, einen Konsens herzustellen. „Das Wichtigste für sie ist, dass es der Familie gut geht und dass sie genug verdienen. Für Politik interessieren sie sich überhaupt nicht.“

„Das ist aber nichts spezifisch Chinesisches“, mische ich mich ein. „Ich war gerade in Mauthausen, und genauso haben die Deutschen und Österreicher vor 80 Jahren auch gedacht. Und ich fürchte, die meisten würden es wieder tun.“

Vielleicht sind doch die Menschen das Problem, nicht die Chinesen oder die Deutschen.

Damit habe ich die Stimmung im Artikel und im Auto auf den Gefrierpunkt gebracht, und weil ich keine Schokolade zum Verteilen dabei habe, schlage ich einen radikalen Themenwechsel ein: „Marko, konntest du schon Deutsch, bevor du zum Studium nach Magdeburg gegangen bist?“

„Nein“, lacht er und erzählt die Geschichte seines Fremdsprachenerwerbs.

„Ich konnte weder Englisch noch Deutsch. Wir waren auf dem Gymnasium, als die Tschechoslowakei aufgelöst wurde und der Sozialismus endete. Bis dahin hatten wir Russisch als Fremdsprache gelernt. Nach den Sommerferien waren die Russischlehrer plötzlich Englischlehrer. Sie hatten sich irgendwo ein Buch besorgt, vielleicht auch Tonbänder, und sollten uns nun etwas beibringen, was sie selbst nicht konnten. Sie waren uns im Buch immer nur ein oder zwei Lektionen voraus.“

„Ich habe in der Schule null Englisch gelernt, wusste aber, dass ich es brauchen würde. Also bin ich nach dem Abitur mit einem Klassenkameraden in die USA geflogen, wo wir bei McDonalds gearbeitet haben. So wollten wir Englisch lernen.“

Ach ja, die wilden 1990er Jahre!

„Wir arbeiteten am Grill, Hunderte von Hamburgern am Tag, vielleicht Tausende. Und dann wurde mein Freund vom Grill an die Kasse befördert. Oh, ich war so neidisch, weil er sich nun mit den Kunden unterhalten konnte und sein Englisch viel schneller verbessern konnte.“

„Aber weißt du, was passiert ist? Es hat ihm gar nichts gebracht, weil man an der Kasse immer nur die gleichen fünf Sätze sagt: ‚Wie geht’s Ihnen?‘ ‚Zum hier Essen oder zum Mitnehmen?‘ und so weiter. Da lernt man gar nichts. Aber ich war am Grill und hatte keinen slowakischen Kollegen mehr, also musste ich mit allen auf Englisch sprechen, mit den Negern, mit den Brasilianern, mit den Mexikanern. Und deshalb ist mein Englisch jetzt so gut.“ Selbstbewusstsein hat er, auch wenn er Begriffe verwendet, die ein wenig aus der Mode gekommen sind.

„Und dein Deutsch?“ frage ich, denn das spricht er tatsächlich sehr gut.

„Mit Deutsch war es genauso. Die Europäische Union schrieb Stipendien aus, und ich wurde nach Magdeburg zugeteilt. Also machte ich in den Sommerferien einen Deutschkurs, aber verzweifelte an der Grammatik. Wirklich, ich habe null kapiert. Ich dachte mir, ach, in Deutschland kommt man sicher auch mit Englisch durch, das ist ja ein westliches Land. Aber Magdeburg war erst seit kurzem Westen. Die konnten noch kein Englisch, und ich hatte nie richtig Russisch gelernt. Ich ging also in alle Deutschkurse, die es gab: an der Fachhochschule, an der Otto-von-Guericke-Universität, an der Volkshochschule, ich hörte mir alles dreimal an, und weil ich die Sprache überall las und hörte, hat es schon langsam geklappt.“ Da ist er jetzt aber bescheiden, denn anscheinend war sein Deutsch innerhalb eines halben Jahres gut genug für eine Stelle am Fraunhofer-Institut.

Als mich die lustigen Slowaken in Wien am Bahnhof Perchtoldsdorf absetzen, kann ich selbst kaum glauben, aber: Es hat geklappt!

All die Zweifler und Skeptiker, die sagten, dass man während der Pandemie nicht trampen kann, dass so etwas sowieso nicht funktioniert, dass es das gar nicht mehr gäbe oder dass es verboten sei, die müssen sich etwas anderes zum Zweifeln oder Skeptizieren aussuchen. Oder einfach mal selbst probieren.

Louise aus Linz sagte, als ich vom Trampen erzählte: „Das hört sich nach einer guten Therapie für ängstliche Menschen an. Wer immer nur Schreckensmeldungen liest und glaubt, dass die ganze Menschheit schlecht und böse sei, und dass an jeder Ecke das Verbrechen lauert, der muss eigentlich nur mal einen Tag mit dir unterwegs sein.“ Eine gute Idee!

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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7 Antworten zu Per Anhalter gegen die Skeptiker

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  3. Juri Nello schreibt:

    Ich hatte mich damals beim Tramperschild verschrieben. Irgendein Spaßvogel hat mir dann eine Flasche Wein überreicht. Marke: Pennerglück.

    • Andreas Moser schreibt:

      Haha, das ist ja wirklich Glück!

      Mir geht oft am Ende des Schildes der Platz aus. Man sieht es, glaube ich, bei „LINZ“. Und dabei hatte ich diesmal noch kurze Ortsnamen. Nicht auszudenken, wenn ich mal nach Krasnojarsk oder Dnipropetrowsk will.
      Und, sehr peinlich, mein erster Versuch des großen W für „WIEN“ schlug fehl. :/ Ich musste dann im Schreibblock eine Skizze anfertigen.

  4. Juri Nello schreibt:

    Ich hätte auch nicht gedacht, dass mir sowas passieren könnte. 😉

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  6. Jana schreibt:

    Danke für diesen tollen Blog. War sehr interessant zu lesen. Weiter so.

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