Fliegerangriff auf die Orthographie

An der alten Bahnstrecke zwischen Ursensollen und Lauterhofen steht ein Kreuz, das laut Inschrift „Zum Gedenken an die Opfer des Fliegerangriff’s auf den Personenzug (Amberg – Ursensollen – Lauterhofen) am 20. 02. 1945 um 12:15 Uhr“ dient.

Leider kann ich der Opfer nie still gedenken, weil mich der Angriff des unangebrachten Genitiv-Apostrophs so in Rage bringt, dass ich mir einen erneuten Fliegerangriff wünsche, der den Fehler ausmerzt. Mit der Entnazifizierung hätten die Alliierten auch die Grammatifizierung nach Deutschland bringen müssen.

Neben dem Kreuz steht eine Tafel mit einer Zeitungsseite der Amberger Zeitung vom 19. Februar 2005, aus deren Zeilen ganz deutlich der in jener Zeit verstärkt auftretende Wunsch trieft, dass die Deutschen auch mal Opfer sein dürfen. „Schrecken und Tod“ kamen „ganz nahe in unsere Heimat.“ „Eine Woche nach dem verheerenden Feuersturm auf Dresden …“ Der „Angriff auf die Lokalbahn“ sei „von langer Hand geplant“ gewesen. „Der Tod kam um die Mittagszeit.“ Tja, das ist schon ungeheuerlich, dass die Deutschen, die ganz Europa in Schutt und Asche legten, Millionen ermordeten und Millionen versklavten, nun beim Mittagessen gestört wurden.

Dazu sollte man erklären, dass im Februar 1945 ein Weltkrieg am Laufen war und in Bayern noch heftig gekämpft wurde. Das nur 50 km entfernte Nürnberg wurde erst zwei Monate später nach einer fünf Tage dauernden Schlacht eingenommen. Das war also nicht die richtige Zeit für einen Ausflug mit der Eisenbahn. Außerdem sind Züge, so sie nicht erkennbar mit einem roten Kreuz markiert sind, ein vollkommen legitimes Angriffsziel. (Zur Einordnung für die entsetzten Angehörigen: Selbst die Versenkung der Wilhelm Gustloff im Januar 1945 war kein Kriegsverbrechen.)

Der Bericht in der Lokalzeitung insinuiert mit dem in Lokalzeitungen üblichen Lokalpatriotismus, dass die US-amerikanischen Bomber und Kampfflugzeuge extra wegen der Bummelbahn nach Ursensollen geflogen wären. Eine kurze Recherche ergibt, dass am 20. Februar 1945 zur Mittagszeit insgesamt 1191 schwere Bomber der US-Luftwaffe Angriffe auf Nürnberg und Umgebung flogen. Hauptziele der Angriffe in diesen Tagen waren Bahnanlagen. Dass dabei die Kleinbahn durch den Wald nicht übersehen wurde, ist in meinen Augen kein Gund für lokale Larmoyanz, sondern für Bewunderung ob der Gründlichkeit und Präzision.

Und weil in anekdotischen Erzählungen immer wieder die Geschichten aufkommen, dass alliierte Tiefflieger sogar auf Pferdefuhrwerke oder gar Radfahrer geschossen hätten: Auch das war vollkommen legitim und verständlich. Die Wehrmacht war 1944/45 so ausgezehrt, dass der Krieg auf dem Heimatboden hauptsächlich zu Fuß oder mit beschlagnahmten Fuhrwerken stattfand. Insbesondere der Volkssturm hatte selten bessere Vehikel als Fahrräder zur Verfügung. Wer kaum als Kombattanten erkennbare Kinder auf Fahrrädern in den Krieg schickt, darf sich nicht wundern, wenn der Gegner Nichuniformierte auf Fahrrädern beschießt.

Dazu gibt es ein hervorragendes Interview mit John Zimmermann über die Kriegsführung 1944/45, in dem er immer wieder auf Ursache und Wirkung hinweist und die deutsche Mythen- und Legendenbildung in der Nachkriegszeit zu diesem Thema dekonstruiert.

Der Personenverkehr auf dieser Bahnstrecke fiel übrigens nicht dem allierten Beschuss, sondern 1962 der Rationalisierung zum Opfer. Deshalb stehe ich jetzt, wenn ich Richtung Kastl oder Neumarkt muss, nicht mehr am Bahnhof mit den Einschusslöchern, sondern mit erhobenem Daumen neben der Bundesstraße 299.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Fliegerangriff auf die Orthographie

  1. Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

    Dieses Buch hat mich geholfen kommt von „Da werden Sie geholfen“?(smile)

  2. Frank Hole schreibt:

    Ich bin gestern auf dem Radweg auf der Bahnstrecke an der Gedenktafel vorbeigekommen und habe anschließend noch etwas recherchiert. Dabei stieß ich auf Ihren Blog.
    Lange habe ich mir überlegt, ob ich einen Kommentar dazu verfassen soll und habe mich dafür entschieden.
    Ihren Blog empfinde ich in fast jeder Hinsicht als völlig unangemessen, Herr Moser.
    Bei dem Angriff auf den Personenzug sind damals nach meinen Informationen 18 Menschen ums Leben gekommen. Ich kenne die Zusammensetzung (Alter, Beruf / Funktion) der Todesopfer nicht, den Quellen zufolge war aber ein 13-jähriger Junge darunter.
    1) Wie kommen Sie darauf, dass es sich um „einen Ausflug mit der Eisenbahn“ gehandelt hat? Zu diesen Zeiten hat in Deutschland sicherlich niemand mehr einen Ausflug unternommen. Stellen Sie sich einfach vor, die Menschen wollten vielleicht einfach Essen kaufen oder von der Schule zurückfahren. Auch andere Möglichkeiten sind denkbar.
    2) Sie wünschen sich einen zweiten Fliegerangriff wegen eines Genitiv – ’s? Überlegen Sie sich bitte genau, was Sie sich wünschen. Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein. Und witzig ist etwas anderes.
    3) „Legitimes Angriffsziel“: es mag in vielleicht im streng juristischen Sinne legitim sein, einen Personenzug im Krieg anzugreifen, das nicht mit einem roten Kreuz gekennzeichnet ist. Oder ein großes Schiff wie die von Ihnen erwähnte Wilhelm Gustloff mit Tausenden von überwiegend zivilen Flüchtlingen an Bord zu versenken. Dennoch: richtig ist das nicht, denn alle waren wehrlos. Weder von dem Personenzug noch von dem Schiff ging eine Gefahr aus. Im Falle des Personenzugs: es wäre alternativ sicher kein Problem gewesen, einfach die Strecke zu bombardieren und somit zu unterbrechen – das hätte sicher mehr bewirkt im Sinne der Schwächung des Gegners.
    4) „Dass dabei die Kleinbahn durch den Wald nicht übersehen wurde, ist in meinen Augen kein Grund für lokale Larmoyanz, sondern für Bewunderung ob der Gründlichkeit und Präzision.“
    Wenn Sie hier Bewunderung empfinden angesichts des Ergebnisses, 18 Tote, dann gehen Sie bitte nochmal in sich. Bewunderung würde ich dann empfinden, hätte die Aufklärung im Vorfeld so weit gereicht zu erkennen, dass dort auch unschuldige Menschen getroffen werden könnten und man deswegen davon absieht, einen Zug mit Menschen anzugreifen. Und stattdessen eine gezielte Streckenunterbrechung herbeiführt.
    Übrigens wurde der Massenmord an Juden und anderen, damals als unerwünscht erklärten Menschen auch mit Gründlichkeit und Präzision vorbereitet und durchgeführt: Das ist sicher kein Grund zur Bewunderung. Angesichts der Ungeheuerlichkeit des Verbrechens verbieten sich jegliche rein technische Kategorien. Hier geht es um Mitfühlen mit den Opfern, um Konsequenzen zur Lösung und Vermeidung aktueller und für künftiger Konflikte. Das gilt auch für die Opfer des Angriffs auf den Personenzug – es verbietet sich, hier die Präzision zu bewundern. Es ist kein Ruhmesblatt der Menschheit, das Töten zu perfektionieren.
    5) Es ist unsägliches Leid in diesem Kriege verursacht worden. Zunächst von den Deutschen, die mit allen Mitteln die Weltherrschaft erringen wollten. Im weiteren Fortgang der Kämpfe haben in etlichen Ländern Kollaborateure ebenfalls für viel Leid gesorgt. Und je weiter der Krieg fortschritt, desto mehr wurde aus einem legitimen Abwehrkampf gegen das deutsche NS-Regime und einem ebenso legitimen Angriff zur Besiegung dieses Regimes auch ein Kampf, der den Tod von vielen Zivilisten in Kauf nahm oder vielleicht sogar als Mittel zur Abschreckung eingesetzt wurde. Auch auf Seiten der „Guten“ gibt es listenweise Kriegsverbrechen (können Sie alles in Wikipedia nachlesen). Damit ist in keinster Weise die Schuld der Deutschen NS-Fanatiker kleingeredet oder aufgerechnet. Es ist lediglich zur Kenntnis zu nehmen, dass zumindest in der Endphase die Opfer auch Verbrechen begangen haben. Ich kann zwar verstehen, dass angesichts der unfassbaren Grausamkeiten eines Teils der Deutschen die Nerven bei den Angegriffenen blank lagen, aber dennoch: es ist Unrecht und Grausamkeit von beiden Seiten begangen worden.
    Wenn Sie lediglich die Deutschen pauschal als die Bösen und Alleinschuldigen sehen, und alle anderen als die Guten und Opfer, dann übersehen Sie die Wirklichkeit, die deutlich differenzierter zu beurteilen ist.
    Jede unnötige Gewalt, die begangen wird, ist Unrecht, auch wenn sie einem guten Zweck dient.
    Hier in unserem Fall ist ein gefühltes Unrecht begangen worden: 18 Menschen verloren ihr Leben, und das hätte nicht sein müssen. Es wäre vermeidbar gewesen. Die Angehörigen und der Ort haben ein Recht zu trauern. Sie wurden nicht „beim Mittagessen gestört“. Sie wurden schlicht getötet. Ohne Not.

    Ich kann übrigens auch nicht erkennen, dass die Presse oder der Ort Ursensollen sich als Opfer sieht oder sich aufplustert, bloß weil ein Pilot eines Kampfflugzeugs es für wichtig genug befunden hat, es ins Visier zu nehmen. Ich erkenne Betroffenheit und Trauer und den tiefen Wunsch, dass es nie wieder Krieg geben darf. Und das ist die richtige Haltung: keine Schuldzuweisung, aber Lernen aus den Fehlern, aus dem Ungeheuerlichen. Damit es in Zukunft friedlich bleibe.

    • Andreas Moser schreibt:

      Guten Abend Herr Hole,

      ich bin froh, dass Sie sich zum Kommentieren entschieden haben. Zum einen, weil Kommentare wie Ihrer mich durchaus zum Nachdenken anregen. Zum anderen, weil ich so einen anderen Bahnfreund, und ausweislich Ihrer Website einen viel erfahreneren, kennenlerne. Ich hoffe, dass Sie trotz der Verärgerung, die der vorliegende Artikel bei Ihnen ausgelöst hat, unter meinen anderen Eisenbahngeschichten etwas finden, was Sie unter Freunden des schienengestützten Reisens milder stimmt.

      Aber ich will auch, soweit möglich, auf Ihre einzelnen Punkte eingehen:

      1) Es stimmt, ohne weitere Nachforschungen weiß niemand von uns, was der Zweck der Zugfahrt als solche war, und noch weniger, was die jeweils individuellen Reisezwecke waren. Es war ein Dienstag Mittag, also wahrscheinlich tatsächlich weniger Ausflügler.

      Dass 1945 in Deutschland niemand mehr zum Spaß Zug gefahren ist, möchte ich nicht unterschreiben, ohne das näher zu recherchieren. In dieser ländlichen Region in Bayern ging das Leben für viele Menschen bis fast zum Kriegsende relativ normal weiter. Sowohl Ost- als auch Westfront waren noch weit weg. Im Februar 1945 hatten die Alliierten weder den Rhein, noch die Oder überschritten.
      Und nach ziemlich genau 2.000 Tagen Zweiter Weltkrieg hatte man sich einfach schon daran gewöhnt. Wir übersehen das aus der Retrospektive gerne, weil Krieg für uns etwas so Außergewöhnliches ist. (Ich hatte vor kurzem mal über Schlachtfeldtourismus nach dem Ersten Weltkrieg recherchiert und war selbst schockiert, dass der Tourismus zu den Schützengräben teilweise schon während des Ersten Weltkriegs begann!)

      2) Das war hoffentlich erkennbar, nicht zuletzt durch den Neologismus „Grammatifizierung“, humoristisch gemeint. Überhaupt sollte der ganze Text eher süffisant geschrieben sein, was man angesichts des Themas für unangebracht halten kann, weshalb aber nicht jeder einzelne Begriff auf die Goldwage gelegt werden sollte.

      3) Dass von Zügen oder Schiffen keine Gefahr ausgeht, kann der Gegner nicht annehmen. Er muss während eines Krieges davon ausgehen, dass damit (auch) Soldaten und/oder riegswichtiges Material transportiert wird. Auch Fabriken, Bergwerke u.s.w. sind legitime Ziele während eines Krieges.

      Warum der Zug beschossen anstatt bombardiert wurde, wissen wir nicht.
      Es kann sein, dass es ein Jagflugzeug war. Es kann sein, dass die Bomben schon anderswo abgeworfen worden waren. Es kann sein, dass sich der Bordschütze sicherer war, so den Zug zu treffen. Vielleicht dachte die Besatzung, dass die zerbombte Strecke schnell wieder repariert werden würde.
      Ich weiß, das hört sich alles sehr kaltherzig und menschenverachtend an, aber wir sprechen hier eben über Krieg. (Ich empfehle zu dem Thema wirklich das verlinkte Interview mit John Zimmermann, einem Offizier und Historiker.)

      4) Gründlichkeit und Präzision bei der Befreiung eines Kontinents vom Faschismus sind schon etwas anderes als Gründlichkeit und Präzision beim Völkermord.
      Aber es gibt tatsächlich hundert andere Eigenschaften, die bewunderswerter sind, da haben Sie Recht.

      5) Ich sehe und erkenne an, dass Sie nichts relativieren wollen, aber man muss schon Ursache und Wirkung betrachten. Und die Alliierten mussten kämpfen und bomben bis zuletzt, weil das Deutsche Reich sich weigerte, zu kapitulieren, obwohl die Aussichtslosigkeit der Lage im Februar 1945 allen Führungspersonen klar gewesen sein muss. (Historiker streiten eigentlich nur darum, ob dies schon 1943 oder erst 1944 der Fall war, aber allerspätestens im Juni 1944 nach der Etablierung des west-alliierten Brückenkopfes in der Normandie.)

      Zum Abschluss noch einmal herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar! Und ich hoffe, Sie haben den Radweg genossen. Ich bin vor kurzem mal auf dem Bayerisch-Böhmischen Freundschaftsweg gewandert, der auch ein Radweg auf einer ehemaligen Bahntrasse ist. Eine sehr schöne Gegend!

  3. maxrheub schreibt:

    Der apostrophierte Geninitv dürfte übrigens sogar tatsächlich der US-Grammatifizierung entsprungen sein.

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