„Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno

Der Skandal um Claas Relotius ist bekannt, und der Spiegel hat einen umfangreichen Abschlussbericht veröffentlicht. Was muss man dazu noch ein Buch lesen?

Muss man nicht, aber mich hat interessiert, was Juan Moreno, der Journalist, der den Skandal aufgedeckt hat, dazu sagt. „Tausend Zeilen Lüge“ ist ein sehr detaillierter, aber auch ziemlich spannender Bericht, der Schritt für Schritt aufzeigt, wie der freie Mitarbeiter dem preisgekrönten Star-Journalisten auf die Schliche kam – und wie er immer wieder gegen Mauern rannte, weil ihm niemand glaubte.

Wenn sich das Buch teilweise zu minutiös liest und ganze E-Mail-Wechsel abgedruckt anstatt zusammengefasst werden, dann spricht daraus eben immer noch die Verzweiflung von jemandem, der weiß, dass sein Kollege lügt, dass der Spiegel vor einer großen Blamage steht (Moreno wollte die Veröffentlichung der Reportage, an der die beiden gearbeitet haben, noch verhindern), und sehen muss, dass alle anderen Beteiligten in der Redaktion mit Karacho auf die Katastrophe zusteuern.

Moreno hätte jeden Grund, sauer zu sein auf den Spiegel. Insofern ist sein Buch von bewundernswerter Ausgewogenheit. Zum Beispiel die Dokumentation, die Abteilung, die beim Spiegel die Artikel auf sachliche Fehler überprüft. Die Dokumentation hat im Fall Relotius versagt, ganz klar. Aber Moreno weist darauf hin, dass sich der Spiegel als eines der ganz wenigen Medienhäuser überhaupt eine Dokumentationsabteilung leistet. Grundsätzlich ist die Überprüfung von Fakten in deutschsprachigen Medien viel weniger verbreitet als in Großbritannien oder den USA. Es gibt dazu ein wunderbares Buch, das US-amerikanisches „fact-checking“ anhand nur eines Artikels zeigt, der sieben Mal zwischen Reporter und Dokumentar hin- und hergeht.

Aber dazu braucht man eben Zeit. Moreno spricht den Zeitdruck an, weil die fragliche (und fragwürdige) Geschichte über den Flüchtlingstrek aus Guatemala und Honduras erscheinen sollte, bevor er die Grenze mit den USA erreichen würde. Aber meiner Meinung nach stellt er diesen Punkt nicht genug heraus. Andererseits erscheinen auch ständig Bücher mit sachlichen Fehlern, wo eine Menge Zeit zum Nachprüfen oder Nachfragen gewesen wäre, und gewinnen trotz erheblicher Mängel Preise.

Und Moreno stellt klar, dass Claas Relotius ein ganz besonderer Einzelfall ist, der keinesfalls für den Journalismus und nicht einmal für den Spiegel steht. Relotius ist ein notorischer Lügner, der sich aus jeder Lüge mit weiteren Lügen herausredet. Es scheint normal für ihn zu sein, auch wenn es ihm gar keinen Vorteil bringt. Das krasseste Beispiel: Als der Spiegel Relotius zum ersten Mal eine Festanstellung anbot, lehnte Relotius mit der Begründung ab, er müsse seine kranke Schwester pflegen. Nur: Relotius hatte nie eine Schwester. Wenn ihm der Spiegel Reisen in die Südsee bezahlt, lässt er die Tickets verfallen und bleibt lieber zuhause, von wo aus er angebliche Reportagen aus Kiribati schreibt.

Für „Lügenpresse“-Vorwürfe liefert dieses Buch also keine Nahrung.

Und jetzt wird es persönlich: Mich hat der Skandal beim Spiegel auch deshalb erschüttert, weil ich schon mit vielen Medien zu tun hatte. Von allen Zeitungen und Magazinen, Radiostationen und Fernsehsendern, die mich bisher interviewt haben, war der Spiegel mit Abstand das professionellste Medium. Der Reporter des Spiegel, Sven Röbel, hatte sich gut vorbereitet, nahm sich einen ganzen Tag Zeit für das Gespräch, fragte kritisch nach, überprüfte, wollte Unterlagen sehen. In den Tagen nach dem Gespräch meldete er sich mit Rückfragen. Vor Redaktionsschluss rief er mich an und gab mir den geplanten Text, soweit er mich betraf, Satz für Satz durc. So konnten wir noch zwei missverständliche Kleinigkeiten ausbessern. Das war alles höchst professionell.

Ach so, hier ist die Geschichte, um die es damals ging.

Links:

  • Mehr zum Thema Journalismus.
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  • Mehr Bücher, einschließlich meiner bescheidenen Wunschliste (für den nächsten Aufenthalt im Gefängnis).
  • Und mehr aus dem Iran, falls der Bericht Euer Interesse geweckt hat. Da fällt mir ein, dass noch irgendwo das Manuskript rumliegt, das ich damals unmittelbar nach der Rückkehr aus dem Iran angefertigt habe…

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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2 Antworten zu „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno

  1. Helma schreibt:

    Ich habe das Buch auch so verstanden: Relotius ist auch ein Hacker/Social Engineer. Er hat sich die Zuneigung der Menschen verschafft und dann ihre Schwächen ausgenutzt. Mit plumpen Lügen wäre er sicherlich nicht so weit gekommen.

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