Vor hundert Jahren überlebte der weibliche Robinson Crusoe nur dank einer Katze – August 1923: Ada Blackjack

To the English version.

Aus Gründen der globalen Ungerechtigkeit tummeln sich der Großteil und die Mehrzahl der Leserschaft dieses Blogs auf der Nordhalbkugel, wo sie derzeit unter der Sommerhitze leiden, vor Waldbränden fliehen oder – je nach Weltanschauung und persönlichen Prioritäten – einfach nur froh sind, dass der Golfplatz noch genügend Trinkwasser abbekommt, um den Rasen grün zu halten.

Vielleicht deshalb erfreuen sich diejenigen meiner Berichte größter Beliebtheit, die mit kühlender Wirkung in den Schnee, ins Eis und in die Arktis abdriften, so wie schon die Fram-Expedition von Fridtjof Nansen, der Polar-Zeppelin von Umberto Nobile oder die waghalsige Besteigung des Hochgebirges im tiefsten Winter durch den Autor dieser Zeilen, der sich, weil es ihm an Phantasie mangelt, immer selbst die Zehen abfrieren und Höhenkrankheit durchleiden muss, bevor er über etwas schreiben kann. Nicht jeder ist ein Karl May. Oder ein Karl Marx. Aber das ist ein anderes Thema, wenn auch eines, auf das ich sicher bald zurückkomme, weil ich mich kürzlich und auf absehbare Zeit in Karl-Marx-Stadt häuslich niedergelassen habe. Wegen Wohnungssuche, Umzugsstress und ähnlichem kleinbürgerlichen Klimbim war diesen Sommer auch ein bisschen Flaute auf dem Blog. Aber jetzt geht es bergauf, vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Jedenfalls habe ich, während es 30 Grad im Schatten hat, wieder eine erfrischende Expedition an einen kühlen Ort für Euch ausgegraben. Auf der Wrangel-Insel hat es jetzt im Sommer etwa null Grad.

„Wrangel wer?“ fragt Ihr, und so muss ich zu Beginn nicht nur die in dieser Reihe versprochenen einhundert, sondern gleich zweihundert Jahre zurückgehen. Im Jahr 1823 begann – abgesehen von so langweiligen Disziplinen wie Geologie, Ur- und Frühgeschichte oder Paläontologie, die nicht einmal einen Eisbären vom Hocker hauen – die Geschichte dieser Insel.

Ferdinand Baron von Wrangel war einer jener Deutschbalten, die ich in einer anderen (und leider blutrünstigeren) Folge bereits vorgestellt habe. Er arbeitete als Geograph, Forschungsreisender und Landvermesser für den russischen Zaren, der wissen wollte, was es im großen Sibirien so alles an Nützlichem (Gold, Holz, Pelze) und Unnützem (Schnee und Eis) gab.

Wenn Ihr mal kurz innehalten und ein paar Entdecker und Entdeckungsreisen rekapitulieren wollt, bin ich sicher, dass Ihr auf Christoph Kolumbus, James Cook, Alexander von Humboldt, Vasco da Gama, Henry Morgan Stanley, Hernán Cortés, Roald Amundsen, Ernest Shackleton und all ihre Reisen um die Weltmeere, die Suche nach der Nordwestpassage, die Fußmärsche zum Südpol, die Eroberung Amerikas, Afrikas und Australiens kommt – aber dass Sibirien ein weißer Fleck auf der mentalen Landkarte bleiben wird. (Selbst die von Alexander von Humboldt durchgeführte Russland- und Sibirien-Expedition ist weitgehend unbekannt.)

Dabei war Russland nach dem Mittelalter genauso Kolonialmacht wie die meisten anderen europäischen Mächte. Nur musste es halt keine Flotten nach Übersee schicken, weil es gleich nebenan die größte Landmasse der Welt hatte, die man erobern, ausplündern und unterjochen konnte.

Ein weiterer Unterschied zu Portugal, Spanien, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland ist, dass in Russland die koloniale Attitüde noch heute die Politik bestimmt.

Auf der Karte über die russische Expansion könnt Ihr rechts oben schon die Wrangel-Insel erspähen. Nicht erspähen konnte sie 1823 Baron von Wrangel, weil entweder das Wetter, die See oder er zu benebelt war. Aber während der Kartographierung der Küste Sibiriens erzählten ihm die einheimischen Tschuktschen, dass nördlich von Sibirien eine Insel läge. Der Vogelflug bestätigte dies, denn Vögel fliegen normalerweise nicht sinnlos ins Eismeer, sondern auf eine Insel zu, wo sie sich ausruhen können. Diese Vögel sind gar nicht blöd.

Man wundert sich ja immer, wie die Polynesier zum Beispiel die klitzekleine Osterinsel im riesengroßen Pazifik entdecken konnten. Aber eigentlich musst du nur solange auf dem Meer herumgurken, bis du Vogelschwärme siehst. Und dann einfach den Vögeln folgen, schon hast du eine Insel mit mysteriösen Männchen entdeckt und kannst fürderhin vom Tourismus leben.

Da fällt mir ein, dass der Bericht von meinem Besuch auf der Osterinsel noch aussteht. Vielleicht schreibe ich den im Nieselnovember, wenn Ihr Euch nach Sonne und Südsee sehnt. Nicht nur antizyklisch reisen, sondern auch antizyklisch schreiben.

Baron von Wrangel sah also niemals die Insel, die nach ihm benannt wurde. Deswegen muss man ihn aber jetzt nicht übermäßig bemitleiden; er hatte trotzdem ein spannendes Leben. Er umsegelte mehrmals die Welt und wurde 1829 Generalgouverneur von Russisch-Amerika, später noch Admiral, Seeminister und allerhand Wissenschaftsjobs.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Russisch-Amerika. Es ist ja eigentlich auch logisch: Wenn man ganz Sibirien kolonialisiert hat, dann hält einen so eine Beringstraße auch nicht mehr auf und man erobert den nächsten Kontinent. Wie die anderen Kolonialmächte mit ihren Ostindien-Kompanien, so setzte auch Russland mit der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie ganz auf die Privatisierung von Gewinnen bei Sozialisierung der Kosten und ließ einen Staat im Staate heranwachsen, der die Politik vor seinen Gewinninteressen hertrieb. (So wie heute Tank & Rast oder Sanifair.)

Dass Alaska russisch war, bis es 1867 an die USA verkauft wurde, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass die Russisch-Amerikanische Handelskompanie mit Fort Ross auch einen Stützpunkt in Kalifornien hatte, den man heute noch besuchen kann.

Fort Ross wurde 1841 nicht an die USA, sondern an Herrn Sutter aus der Schweiz verkauft, der mit Neu-Helvetien so etwas wie eine Privatkolonie errichtete. Aber diese Geschichte, die verdächtig nach Karl May klingt, kennen zumindest die älteren von Euch bereits aus dem Kino. Nur komisch, dass der Schweizer im Film zum Deutschen wird.

Noch weniger bekannt ist, dass sich die Russisch-Amerikanische Handelskompanie auch Hawaii einverleiben wollte und zu diesem Zweck einige Stützpunkte dort errichtete. Auch daran war wieder ein Deutscher maßgeblich beteiligt. Die deutsch-russische Zusammenarbeit zur Unterwerfung und Aufteilung der Welt hat halt Tradition. Deshalb bitte nicht wundern, wenn irgendwann die russische Pazifikflotte vor Hawaii auftaucht und sagt „Ihr wart schon immer russisch, und deshalb müssen wir Euch jetzt bombardieren“. Ist eigentlich eine komische Logik, dass man die Menschen beschießt und tötet, die angeblich zum eigenen Land oder Volk gehören.

Deshalb schnell zurück in die tiefe Vergangenheit, als alle Menschen Brüder waren.

Die Wrangel-Insel wurde immer wieder von Walfängern oder Forschungsreisenden gesichtet, die Küste kartographiert und spätestens ab 1881 auch betreten. Aber niemand wollte länger als auf ein Glas Grog bleiben, denn so richtig einladend sah die Insel nicht aus. Sibirien halt. Nur nördlicher. Und von eiskaltem Wasser umgeben.

Keine Insel, um die es sich zu streiten lohnt.

Vor allem nicht zwischen Staaten, die schon Millionen, ach Milliarden Hektar an weitem und leerem Land haben. Die 7.600 km2 der Wrangel-Insel sind zwar nicht nichts, aber aus Sicht der USA, Kanadas und Russlands bzw. der Sowjetunion ist so ein dreifaches Saarland oder die halbe Steiermark eigentlich nicht der Rede wert.

Tja, da kennt Ihr die Großmächte schlecht!

Die sind so streitsüchtig wie Rentner mit Rechtsschutzversicherung.

Den ersten Zug machte Kapitän Calvin Hooper, der 1881 die Insel betrat und eine US-amerikanische Flagge in den Boden rammte. Hooper mag ein guter Kapitän und ein netter Mensch gewesen sein (dazu liegen mir keine Informationen vor), ein Völkerrechtler war er nicht. Sonst hätte er gewusst, dass es zur Besitznahme von Inseln schon ein bisschen mehr bedarf als einer windigen Fahne.

Aber wahrscheinlich hatte er es auch gar nicht so ernst gemeint, denn weder er, noch die Marine der Vereinigten Staaten kehrte in den folgenden Jahrzehnten auf die Insel zurück. Stattdessen kam 1911 ein russischer Eisbrecher vorbei, schichtete einen Steinhaufen auf und fuhr dann weiter. Auch damit gewinnt man langfristig keine Insel.

Auch der Mond wurde so nicht amerikanisch.

Die nächsten Besucher kamen unfreiwillig. Im Januar 1914 sank die Karluk, das Flaggschiff der Kanadischen Arktisexpedition. Die Schiffbrüchigen schafften es auf die Wrangel-Insel. Der Kapitän, Robert Bartlett, machte sich mit einem Kollegen auf den Fußweg nach Sibirien (das Meer war ja zugefroren) und auf dem Festland weitere 1100 Kilometer durch Sibirien bis zur Beringstraße, um ein Schiff nach Alaska zu bekommen.

Von dort sandte er ein Rettungsschiff zur Wrangel-Insel, und wenn Ihr die King & Winge seht, dann wird klar, warum damals viele der Arktisexpeditionen mit im Packeis zerquetschten Schiffen endeten. Aber die Rettungsmission war erfolgreich, zumindest für diejenigen, die die neun Monate auf der Wrangel-Insel überlebt hatten.

Der Leiter der Kanadischen Arktisexpedition, Vilhjálmur Stefánsson, hatte einen ganz schlechten Charakterzug, der absurderweise von manchen Menschen, insbesondere in Personalabteilungen, als positiv angesehen wird: Er war ehrgeizig.

Nachdem immerhin die Mehrheit seiner Truppe auf der Wrangel-Insel überlebt hatte, dachte er sich: „Diese Insel muss ich für König und Vaterland in Besitz nehmen!“ Das Vaterland war Kanada, der König war der britische, weil Kanada damals noch nicht richtig unabhängig war. – Soweit ich weiß, glauben die Kanadier noch immer an den britischen König. Ich habe einen Bekannten, der schon seit Ewigkeiten in Kanada lebt, der sich aber weigert, die kanadische Staatsangehörigkeit anzunehmen, weil er dann einen Eid auf den König schwören müsste. Ich persönlich finde das ein wenig pedantisch, vor allem weil er Brite ist. Er hat den König also sowieso schon an der Backe, ob er will oder nicht. Das ist ja gerade das Wesen eines Königs.

Aber zurück zu Stefánsson. 1921 organisierte er eine Expedition, die diesmal nicht aus Schiffbruchnot, sondern planmäßig auf der Wrangel-Insel landen, dort ein Jahr leben und damit das unbewohnte Eiland für Kanada in Besitz nehmen sollte. Das war schon ein besserer Plan als die früheren Ausflüge, die nur kurz eine Flagge in den Schnee steckten und dann wieder abzogen. Zumindest in der Theorie.

Stefánsson scharrte vier junge Männer um sich (Allan Crawford, Frederick Maurer, Milton Galle und Errol Lorne Knight). Allesamt unter 30, frisch von der Universität und genauso ehrgeizig wie der Expeditionsleiter. Wahrscheinlich waren sie schon zusammen in der Jungen Union gewesen.

Weil die Kanadier und Amerikaner natürlich höchstwichtige Forschung betreiben sollten, konnten sie sich keinesfalls mit profanen Aktivitäten wie Jagen, Kochen oder Nähen von Zelten und Winterkleidung beschäftigen. Dafür heuerte Stefánsson einige Inuit-Familien an, von denen er dachte: „Die leben eh im Eis, die schupfen das schon.“

Als sich die ganze Truppe am 9. September 1921 im Hafen in Alaska einfand, um mit der Silver Wave in See zu stechen, gab es zwei Überraschungen.

Erste Überraschung: Die Inuit bemerkten sofort, dass sie es mit einem Haufen unerfahrener Schnösel zu tun hatten, dass die Ausrüstung unzureichend war, und dass für den Fall von Lebensmittelknappheit der Plan zu sein schien, dass die Eskimos als Nahrung für die Weißen herhalten sollten.

Die Inuit sagten also in letzter Minute ab. Mit einer Ausnahme, einer 23-jährigen Frau namens Ada Blackjack. Sie war verwitwet, hatte einen tuberkulosekranken Sohn und wusste, dass dieser ohne das monatliche Expeditionssalär von 50 Dollar wahrscheinlich sterben würde. Weil Ada Blackjack kochen und nähen konnte, dachten die Forscher: „Na, dann reicht das Mädchen. So sparen wir sogar noch das Geld für die anderen.“

Zweite Überraschung: Im Hafen teilte der große Expeditionsplaner Stefánsson seinen Männern mit, dass er sie leider nicht begleiten könne – „zu viel Arbeit im Büro, Ihr wisst schon“ -, dass er aber im kommenden Jahr mit einem weiteren Schiff zu ihnen stoßen würde, um sie zu besuchen, möglicherweise sogar abzuholen.

Vielleicht bin ich etwas übersensibel, aber für mich wäre in diesem Moment eine ganz große Warnlampe angegangen!

Nicht so für unsere jungen Helden, weswegen die vier Männer und eine Frau allein loszogen. (Plus Schiffsbesatzung natürlich, aber die würde ja nicht mit auf die Insel kommen.)

Ach ja, auf der Überfahrt gab es dann die dritte Überraschung: Sie sollten zwar ein Jahr auf der Wrangel-Insel bleiben, hatten aber nur Nahrung für sechs Monate dabei. Um Geld zu sparen, hatte der schlaue Stefánsson ausgerechnet, dass die Inuit genügend Tiere jagen würden, damit alle in Saus und Braus leben könnten. Nur, die Jäger waren nicht mitgekommen.

Am 16. September 1921 wurden die vier Männer und Ada auf der Insel ausgesetzt. Der Kapitän versprach, im Sommer 1922 wiederzukommen, um nach dem Rechten zu sehen. Das eine Jahr müssten sie halt durchstehen, „für König und Vaterland“.

Am Anfang lief es nicht einmal schlecht. Sie bauten Zelte für sich und Fallen für die örtliche Fauna. Die Männer lernten jagen – wohl oder übel, denn der Erasco-Feuertopf wird auf Dauer auch fad. Ada kochte und nähte aus den Fellen der Robben und Füchse – an die Eisbären trauten sie sich nicht – Pelze und Decken. Zur Abwechslung erfanden sie ein Kartenspiel, dem sie den Namen ihrer Köchin gaben.

Der Winter 1921/22 war hart; wie nicht anders zu erwarten. Aber auch der kälteste Winter lässt sich überstehen, wenn man weiß, dass im kommenden Sommer das erlösende Schiff kommen wird.

Mittlerweile könnt Ihr Euch wahrscheinlich denken, was die nächste Überraschung ist: Der Sommer 1922 war außergewöhnlich kalt. Das Meer um die Wrangel-Insel taute selbst im Sommer nicht auf, und das Rettungsschiff blieb irgendwo auf dem Weg im Eis stecken.

„Sicher nur eine kleine Verspätung“, dachten sich die vier Männer und Ada im August 1922 und warteten auf den September.

„Vielleicht kommen sie nach den Sommerferien“, dachten sich die vier Männer und Ada im September und warteten auf den Oktober.

„Wahrscheinlich dauert es länger, weil sie unterwegs noch jemanden retten mussten“, dachten sich die vier Männer und Ada im Oktober und warteten auf den November.

„Vielleicht wollen sie uns zu Weihnachten überraschen?“, dachten sich die vier Männer und Ada im November und warteten auf den Dezember.

„Oder zu Neujahr“, dachten sich die vier Männer und Ada im Dezember und warteten auf den Januar.

„Scheiße, da kommt wohl niemand mehr“, dachten sich die vier Männer und Ada gegen Ende Januar 1923 und entschieden, zu Fuß zum sibirischen Festland zu laufen. Es war ja Winter, und das Meer war zugefroren.

So wie hier in Litauen.

Einer der Männer, Errol Lorne Knight, war jedoch so stark erkrankt, dass er nicht mehr reisefähig war. Er litt an Skorbut, einer Mangelerscheinung, die überwiegend Nordamerikaner befällt, wenn sie nicht regelmäßig Fast Food, Fett und Zucker zu sich nehmen. – Tja, die lustige Truppe hätte sich eben auf den McDonald-Inseln absetzen lassen sollen, haha.

In solchen Ausnahmesituationen hilft es, wenn man einen klaren christlich-konservativen Wertekompass hat. Für die anderen drei Männer war deshalb sofort klar: „Ada, du bleibst bei dem todkranken Typen, und wir machen uns vom Acker.“ Natürlich versprachen sie auch Ada und Knight, dass sie Hilfe holen würden, aber dieses Versprechen hatten mittlerweile alle zur Genüge gehört. Das ist so, wie wenn ich verspreche, dass ich mich „diese Woche darum kümmere“. Da könnt Ihr gleich eine Wiedervorlage für die nächste Eiszeit eintragen, vorher wird das nichts.

Weil Knight nicht mehr aufstehen konnte, musste Ada jetzt ganz allein auf Jagd gehen. Mangels Erfahrung fing sie oft tagelang überhaupt nichts, dann wieder nur ein Kaninchen. Trotz absolut unzureichender Nahrungsaufnahme und obwohl Knight den ganzen Tag auf dem Sofa lag wie so ein Pascha, konnte Ada ihn noch weitere fünf Monate durchpäppeln. Erst am 22. Juni 1923 starb er.

Crawford, Maurer und Galle, die drei Männer, die sich auf den Weg zum Festland gemacht hatten, starben auch. Allerdings weiß niemand, wo oder wann oder wie. Sie sind verschollen, und man hat nie auch nur ein Fitzelchen von ihnen gefunden.

Ada Blackjack war jetzt ganz allein im Eismeer.

Ihr war so langweilig, dass sie 140 verschiedene Wörter für „Schnee“ erfand und damit die Inuit-Sprache zur Verzückung nachfolgender Linguistengenerationen unheimlich bereicherte.

Habe ich gerade gesagt, dass sie ganz allein auf der Insel war?

Eigentlich stimmt das nicht.

Vielleicht ist es Euch oben auf dem Foto der Expeditionsgruppe schon aufgefallen. Wenn nicht, seht noch einmal genau hin:

Genau! Die Männer, die ansonsten nichts auf die Reihe brachten und alles falsch machten, hatten eines richtig gemacht. In guter Seefahrttradition hatten sie eine Katze mitgenommen.

Die Katze hieß Victoria und war äußert süß, putzig, liebenswürdig, schlau, kollegial, lustig, einfühlsam und überhaupt der perfekte Begleiter in allen Lebenslagen. Außerdem erwies sie sich als sehr anpassungs- und widerstandsfähig und spornte die Menschen, die natürlich manchmal ihre Depri-Phasen hatten, zum Weiterleben an.

Ja, man muss eindeutig festhalten: Ohne die Katze hätte Ada nicht überlebt. Und all den Expeditionen, die vorher und nachher gescheitert sind – egal ob in der Arktis oder Antarktis, im Himalaya oder im Weltall -, mangelte es wahrscheinlich an einer Katze.

Und so hielten Ada und Victoria durch bis zum 20. August 1923, als endlich die Donaldson eintraf, um die beiden einzigen Überlebenden nach fast zwei Jahren im Eis einzusammeln.

Weil die Donaldson dachte, eine prosperierende kanadische Kolonie vorzufinden, hatte sie gleich einen Schwung neuer Siedler mitgebracht. Charles Wells und zwölf Inuit stiegen frohgemut von Bord und – waren die Leute früher alle doof? – ließen sich nicht dadurch entmutigen, dass außer Ada und der Katze alle tot waren.

Und Stefánsson, der unsympathische Organisator des ganzen? Der behauptete, dass die Insel nun ihm – nicht dem König – gehörte und verkaufte sie.

Ganz schön frech, könnte man denken. Bis man ein bisschen nachdenkt und mit Jean-Jacques Rousseau erkennt, dass der ganze Kapitalismus auf dieser Frechheit gründet:

Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‚Das ist mein‘ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: ‚Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid alle verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde keinem.‘

Zum Glück war zwischenzeitlich gleich ums Eck von der Wrangel-Insel ein Staat entstanden, der diesen Irrweg rückgängig machen wollte, dabei im Lauf der weiteren Geschichte jedoch ganz eigene Irrwege beschritt. Die Sowjetunion erneuerte den schon 1916 vom Zaristischen Russland erhobenen Anspruch auf die Insel, diesmal nicht für König und Vaterland, sondern für die Arbeiter, Bauern und Soldaten.

Die UdSSR entsandte schon 1924 das Schiff Roter Oktober (nicht das aus dem Film), eröffnete den Amerikanern, dass die Gaudi jetzt vorbei sei, und brachte sie von der Insel. Und dann machten die Sowjets den gleichen Unfug wie zuvor Amerikaner und Kanadier: Sie entsandten Kolonisten auf die Insel, überließen sie wieder für Jahre sich selbst, weil die Versorgungsschiffe nicht durchs Eis kamen.

Nur machten die Sowjets einen zusätzlichen Fehler: Sie hatten keine Katze dabei.

Deshalb drehte der Gouverneur der Insel, Konstantin Sementschuk, in den 1930er Jahren irgendwann durch und ließ alle anderen Bewohner ermorden, verfolgen, vergiften und verhungern. Die Geschichte ist zu krass, um die Details auszubreiten. Andererseits ganz normal für die Sowjetunion unter Stalin, wo eh jeden Tag und in jedem Leben das ganz große Drama ablief. Man muss eigentlich froh sein, dass nicht noch jemand eine Atombombe auf der Insel zündete.

Stalin starb 1953 – vermutlich, weil er keine Katze hatte.

Ab da entwickelte sich auf der Wrangel-Insel fast ein normales Leben, wenn auch nie mit mehr als ein paar hundert Menschen. Aber die Eisbrecher waren besser geworden, also kamen regelmäßig Schiffe mit Zeitungen und Tabak. Der Ort Uschakowskoje wurde gegründet, mit Schule, Krankenhaus, Kaufhaus, Flughafen und sogar einer Bibliothek.

Wenn Ihr jetzt denkt „super, da mache ich mal Urlaub“, dann seid Ihr allerdings zu spät. Denn 1997 wurde die Siedlung aufgegeben. Die älteren Einwohner weigerten sich zwar, wegzuziehen. Man kennt das ja von den renitenten Rentnerinnern. Aber die letzte von ihnen wurde 2003 von einem Eisbären gefressen.

Jetzt sieht es dort so aus, und nur mehr ein Wildhüter hält die Stellung:

Und was lernen wir aus all diesem Schlamassel?

Wahrscheinlich, wie wichtig Katzen für die seelische Gesundheit und fürs Überleben in harten Zeiten sind.

alice nap

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“. – Euch ist wahrscheinlich aufgefallen, dass ich erst im September Zeit für die August-Folge gefunden habe, aber für September 1923 wird es auch noch eine Folge geben. Entweder über das Bauhaus, zum Militärputsch in Spanien oder über Bayern. Das würde zu den dort anstehenden Landtagswahlen passen.
  • Noch mehr Geschichte.
  • Und mehr über Katzen.
  • Nachdem ich den Artikel bereits veröffentlich hatte, entdeckte ich dieses fantastische Foto-Album mit Hunderten an historischen Aufnahmen von der Wrangel-Insel.

Über Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Kanada, Russland, USA abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

36 Antworten zu Vor hundert Jahren überlebte der weibliche Robinson Crusoe nur dank einer Katze – August 1923: Ada Blackjack

  1. Pingback: Vor hundert Jahren … | Der reisende Reporter

  2. Pingback: One Hundred Years Ago … | The Happy Hermit

  3. Kasia schreibt:

    Okay, eine der wenigen Gelegenheiten, bei der ich mich bis zum Ende des ganzen Artikels durchgekämpft habe. Und dann läuft das Ganze auf eine Katze hinaus? Irgendwie charmant. Unter Umständen ist die Idee eine reifliche Überlegung wert. Und die Wrangeinsel ist seitdem russisch, soweit ich gesehen habe. Sieht ganz nett da aus. Die Hütten sind (fast) noch ganz, Eisbären, die einen in kalten Nächten wärmen 🙂

    • Andreas Moser schreibt:

      Und so karge Landschaften haben etwas, sonst würden die Leute nicht scharenweise nach Island fliegen.
      Wie wenn es in Europa keine hübscheren Inseln gäbe…

      Und so Reisekatzen gibt es wirklich.
      In Schweden habe ich mal eine Katze gehütet, deren Besitzer sie sonst im Wohnmobil mitnahm. Die Katze konnte dann überall frei herumlaufen und kam abends (oder bei Hunger) wieder zurück.

      Überhaupt sind Katzen wahrscheinlich viel schlauer, als wir denken. Ich habe zB noch nie gesehen, dass eine Katze ihr Geld im Lotto verspielt oder beim Fußball verwettet.

    • Kasia schreibt:

      Ich denke, die meisten Menschen haben Angst, dass ihnen die Katze abhaut und nicht wieder kommt. Aber mal ehrlich, man muss auch mal den freien Willen des Tieres respektieren 😉

      Ich mag raue Landschaften. Es ist eine frage der Prioritäten: was erwarten die Menschen von einem Reiseziel? Für viele soll es schön sein, für einige steht „schön“ hinter „interessant“. Ich bin ein irrer Sammler der weißen Flecken auf der Weltkarte. Na, so irre vielleicht nicht, sonst hätte ich inzwischen mehr davon. Länder wie der Kosovo oder Moldawien interessieren mich. Länder mit einer spannenden Geschichte. Länder, in denen es potentiell gefährlich sein könnte (aber bitte nicht so gefährlich, dass wirklich was passiert…). Und schroffe, raue Inseln. Island mag überlaufen sein, aber zurecht, die Landschaften sind grandios.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich werde wohl nie nach Island kommen, einfach weil es so teuer ist. 😦

      Aber ansonsten bin ich auch für spannend/interessant vor schön/idyllisch.

      Was Inseln angeht, sind die Nord- und die Ostsee ja auch voll mit interessanten Eilanden.
      Ich hatte mal fast ein Housesitting auf den Hebriden ergattert und mich schon wahnsinnig gefreut, vorbereitet und eingelesen. Leider wollte die Familie dann, dass ich die Nebenkosten für den Winter übernehme, womit ich armer Schlucker aus dem Rennen war. 😦 Vor allem, weil niemand vorher weiß, wie viel so ein Schloss an Heizkosten verursacht. Am Ende hätte ich noch den ganzen Tag Holz hacken oder Torf stechen müssen.

      Kosovo und Moldawien war ich schon. Da muss man sich auch wirklich für Politik, Geschichte und die Menschen interessieren, sonst sind das nicht gerade die hübschesten Länder. :/
      Obwohl, dem Kosovo tue ich damit vielleicht Unrecht, da gibt es ja immerhin Berge. Wahrscheinlich bin ich zu viel in Mitrovica herumgehangen, anstatt Wandern zu gehen.
      Und Chisinau ist als Stadt ganz schön, noch so richtig tolles Sowjetfeeling. Da war im Hotel noch auf jedem Flur eine alte Dame an einem Schreibtisch, die überwacht hat, wer kommt und geht.

    • Kasia schreibt:

      In Kosovo war ich auch schon, aber eher auf der Durchreise. Irgendwie fühlt sich das nicht „fertig“ an. In den Bergen wandern fehlt mir zum Beispiel zu meinen Glück 🙂 Ansonsten fand ich das Land anders als gedacht. Alles war neu, alles war sauber, neue Häuser und neue Autos. Ich hatte so ne Art zerschossener Nachkriegsumgebung im Hinterkopf. Es war eine Überraschung.

    • Andreas Moser schreibt:

      Für zerschossene Nachkriegsumgebung muss man nach Belgrad, weil die sich dort sehr bemühen, auf keinen Fall aufzuräumen und somit jeden Besucher auf die Kriegsschäden hinzuweisen:

      Belgrad im Zeichen der Kriege

      Aber vielleicht hat sich das mittlerweile auch überholt, meine Informationen und Anekdoten sind ja oft um Jahre veraltet und überholt.

      Im Kosovo war ich vor allem überrascht, wie jung das Land ist. Mir schien, wie wenn die große Mehrheit der Menschen zwischen 15 und maximal 40 war.
      Aber vielleicht verstecken sich dort die Alten einfach zuhause oder auf der Datscha und laufen nicht mehr durchs Stadtbild.

  4. Michael Müller schreibt:

    Was? So viel Text über die Wrangel-Insel und es kommen keine Mamuts darin vor? Die lebten da noch ganz friedlich, als in Ägypten die Pyramiden (und das mittlere Reich) schon bröckelten….

    Naja, vermutlich sind Mamuts nicht so niedlich wie Katzen….🤣

  5. Siewurdengelesen schreibt:

    „weil ich mich kürzlich und auf absehbare Zeit in Karl-Marx-Stadt häuslich niedergelassen habe.“

    Oje!

    Sag nicht, dass nicht gewarnt wurde;-)

    Da empfiehlt sich der Gang zur TU zu den Linux-Tagen, nach Hilbersdorf in das Eisenbahnmuseum und in das ehemalige Kaufhaus Schocken, welches jetzt ein Museum ist. Wer auf Architektur steht, findet viele Häuser aus der Gründerzeit und auch das Industriemuseum ist lohnend – Richard Hartmann lässt grüßen. Da gibt es auch hin und wieder Kunstausstellungen und Schloßteich und Kaßberg sind auch nett.

    Der Brühl ist ja nur noch ein Schatten seiner selbst und das Gelände um die Zentralhaltestelle ist auch eher so naja. Mit den ganzen Einkaufstempeln haben sie es aus meiner Sicht versaut; der architektonische Sondermüll ist zwar Zeitgeist, könnte aber in jeder anderen Großstadt auch sein. Da lieber um die Ecke gegangen auf den Markt, das Rathaus und den Rosenhof. Da gibt es wenigstens Marx-Bier.

    Und ein Leben ohne Katzen ist möglich, aber…

    …oder so ähnlich.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich bin ja jetzt schon ein paar Monate hier und finde es absolut wunderbar!

      Wo sonst findet man die Architektur und Sozialstruktur der Bronx (Sonnenberg) und von Pjöngjang (Straße der Nationen) so nah beinander? Dann noch der Detroit-Vibe mit all den leerstehenden Fabriken.

      Und Chemnitz ist nirgendwo erdrückend oder eng, sondern überall weit, offen, grün, frei. Ich finde das sehr angenehm, wirklich. Zeisigwald (da wohne ich gleich daneben), Küchwald, Schlosspark, Stadtpark, die Wege am Fluss entlang, hier ist wirklich viel Grün in der Stadt.

      Und in der Umgebung gibt’s reihenweise Burgen und Schlösser, schöne Flusstäler und Ausflugsziele, das meiste bestens mit den Öffis zu erreichen.

    • Siewurdengelesen schreibt:

      Die Gegend hat wirklich Einiges zu bieten.

      Mit den Öffis relativiert sich das allerdings schnell, sobald man in die „richtige“ Provinz fährt.

    • Andreas Moser schreibt:

      Und das ist auch kein großes Problem, ich bin ja gut zu Fuß.

      Aber ich finde die ÖPNV-Verbindungen eigentlich ganz gut. Selbst kleine Orte im Zschopautal oder im Zwönitztal sind mit dem Zug erreichbar. Und sogar auf den Fichtelberg kommt man mit der Eisenbahn.

      Nur Colditz ist komischerweise vom Schienenverkehr abgeschnitten: https://andreas-moser.blog/2023/06/04/colditz-3/ , aber da hat es mit dem Trampen geklappt.

  6. Qniemiec schreibt:

    Ist das Foto mit den Golfspielern und dem Waldbrand im Hintergrund echt oder ’ne Fotomontage (eine Frage, die mann/frau sich im Zeitalter von KI wohl künftig öfter stellen muss)? Ansonsten: toller Text, wieder so’n Ding, wo’s schwer ist, außer dass einen die Physiologie dazu zwingt, den nicht im Stück durchzulesen.
    Qniemiec

    • Andreas Moser schreibt:

      He, was für eine Frage!
      Auf diesem Blog ist ALLES echt, dafür bürge ich.

      Hier die Quelle:
      https://edition.cnn.com/2017/09/07/us/golf-wildfire-trnd/index.html

      Wenn die Physiologie nicht wäre, wären meine Artikel auch noch mindestens fünfmal so lang.
      Exkurse zu wilden Gouverneuren auf einsamen Inseln und davon zur Meuterei auf der Bounty böten sich an. Außerdem wurde Ada Blackjack auch für die Expedition ausgewählt, weil sie Englisch sprach. Das hatte sie auf einer Missionsschule gelernt. Diese Schulen sind ein ganz trauriges Kapitel in der kanadischen Geschichte, weil dort den indigenen Kindern bis in die jüngste Vergangenheit ihre eigene Sprache, Herkunft und Identität abtrainiert werden sollte. Und dazu natürlich all der Missbrauch, der mit christlichen Schulen einhergeht.
      Aber dann wäre es ein Buch geworden.

  7. Qniemiec schreibt:

    Na ja, mit dem „ALLES echt“ muss mann/frau mit Blick darauf, was uns da mit der KI heraufdämmert, vorsichtig sein: mann/frau kann allenfalls noch dafür bürgen, nicht _selbst_ wissentlich irgendwas hinzu oder hinweg getan zu haben, und momentan stehen wir dabei gerade erstmal nur im Foyer dessen, was noch kommt. Weil dieses Foto ja eigentlich schon alles sagt, und wenn’s dann auch noch „nur“ ein Foto ist, keine Grafik oder Fotomontage, bei der jemand nochmal, die Schockwirkung zu potenzieren, nachgeholfen hat, wird das ganze dadurch nochmal umso grusliger. Wenn ich manchmal im Wald Holz kleinsäge, wundere ich mich auch immer wieder, mit welchem Gleichmut Käfer, Spinnen oder Ameisen, die da auf dem Holz, das ich säge, das auf sie zukommende Sägeblatt ignorieren, meist erst im letzten Moment dann doch noch die Flucht ergreifend. Mal schauen, ob uns das auch noch beizeiten gelingt…
    Bin ja gespannt, was nun noch so alles vor 100 Jahren passiert sein wird, war ja eine sehr bewegte Zeit.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja, gerade 1923 war wirklich eine Menge los.
      Nicht umsonst gibt es einen ganzen Haufen Bücher, die sich nur mit diesem Jahr beschäftigen: https://www.perlentaucher.de/stichwort/1923/buecher.html

      Themenmangel ist in den wenigsten Monaten ein Problem. Leider muss ich viele Themen liegen lassen, weil ich keine Zeit habe oder weil ich mich nicht auskenne.

      Oft bin ich baff erstaunt, wie aktuell das Geschehen von vor hundert Jahren ist. Und wenn man da nur ein bisschen einsteigt, kann man auch den Spruch von der „zunehmend komplexer werdenden Welt“ nicht mehr hören. In den 1920er Jahren gab es jede Woche irgendwo einen Putsch, eine Revolution, ganz zu schweigen von dem an Komplexität nicht zu überbietenden Russischen Bürgerkrieg mit seinen Nachwirkungen.

      Hier gibt es übrigens eine Übersicht über alle bisher erschienenen Folgen:

      Vor hundert Jahren …

    • Qniemiec schreibt:

      Na ja, nicht zuletzt war 1923 das Geburtsjahr meiner Mutter, ohne die ich diesen tollen Blog – schmeichel, schmeichel! – nicht lesen könnte. 😉 Und was die Komplexität der Welt angeht: die selbst wird in der Tat, so glaube auch ich, keinen Deut komplexer, nur dass wir davon immer mehr mitkriegen, m.a.W. ihre „gefühlte Komplexität“ mit jeder Weitung des Tellerrands größer wird. Früher konnte man in aller Ruhe mit seinem Pferdchen die Furchen seines Ackers ziehen, bis hinterm nächsten Hügel die Silhouetten irgendwelcher Truppen heraufzogen, die mal eben den Weg übers eigene Dorf hin zu ihrer „final destination“ gewählt hatten, und man selber denen im Wege und/oder Ressource zur Auffühlung ihres Proviants war. Heute dagegen erfährt man von denen schon 200 Meilen eher, ggf. sogar dann, wenn die einen selber gar nicht auf dem Kieker haben. Das macht das Hier und Jetzt nicht eben entspannter. Je mehr man, sei’s auch nur geistig, kontrollieren will, desto mehr Stress handelt man sich damit durch die Hintertür ein.
      Und ja, die Zeit zwischen 1918 und 1939 wird inzwischen von vielen Historikern – und im polnischen Sprachgebrauch eh schon lange – lediglich als „Zwischenkriegszeit“ gesehen, bevor’s ein weiteres Mal zur Schlachtbank ging, man also die Zeit 1914-1945 inzwischen als quasi zweiten Dreißigjährigen Krieg mit besagter Atempause zwischendrin – es musste ja eine Generation Soldaten nachwachsen – sieht…
      Bin ja gespannt, was Sie als nächstes am Haken haben… 🙂

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich finde diese Betrachtungsweise von 1914-1945 als einen Zeitraum einerseits interessant. Schließlich argumentiere ich in dieser Reihe selbst immer wieder, dass der Erste Weltkrieg keinesfalls 1918 abgeschlossen war.

      Andererseits sehe ich auch die Gefahr, über die Zwischenkriegszeit hinwegzugehen, so wie wenn sie ganz automatisch und unvermeidlich in den Zweiten Weltkrieg münden musste.

      Ich finde diese Zeit auch für sich genommen wahnsinnig interessant, lebendig, lebhaft. Ja, natürlich auch chaotisch und gefährlich (die ganzen Putsche und faschistischen oder anderen Diktaturen), aber es gab ja auch durchaus Staaten in Europa, die ganz stabil geblieben wären, wenn nicht die Nachbarländer sie malträtiert hätten. Das beste Beispiel in Mitteleuropa wäre vielleicht die Tschechoslowakei.

      Ich mache vor dem Jahr immer eine recht ausführliche Liste mit Ideen für das kommende Jahr, bin dann hellauf begeistert, vor allem weil ich zu einigen historischen Schauplätzen noch selbst reisen könnten.
      Auch Polen war in den letzten Jahren schon mehrfach auf der Liste, kann ich mich erinnern. Volksabstimmungen in Oberschlesien, die Schlacht um Annaberg, und das ganze Kuddelmuddel mit Litauen. (Das wäre super interessant gewesen, weil ich mal ein Jahr in Vilnius/Wilno gewohnt habe.)
      Aber dann läuft wieder die Zeit davon mit irgendwelchem Alltagsunfug. 😦

      So kommt Polen bisher nur am Rande von Rapallo vor:

      Vor hundert Jahren legten Deutschland und Russland den Grundstein für den Zweiten Weltkrieg – April 1922: Rapallo

  8. Pingback: One Hundred Years Ago, the female Robinson Crusoe only survived thanks to a cat – August 1923: Ada Blackjack | The Happy Hermit

  9. sinnlosreisen schreibt:

    Wie immer sehr unterhaltsam! Hätte gar nicht gedacht, dass die Wrangel Insel Stoff für einen ganzen Beitrag hergibt.
    Und du bist nicht übersensibel. Ich hätte da auch dankend abgelehnt.

    • Andreas Moser schreibt:

      Genau aus diesem Grund werden wir niemals berühmte Polarforscher werden. 😦

      Und je kleiner und unbekannter ein Ort, desto besser für mich, weil ich dann ins Fabulieren kommen kann.
      So Städte wie Berlin oder Kiew oder New York erschlagen mich einfach mit der Fülle des zu Sehenden und Lesenden, und dann habe ich nur eine Schreibblockade.

      Wenn ich nicht schon genug zu tun hätte, würde ich die Leserschaft bitten, die ihrer Meinung nach langweiligsten Orte der Welt aufzulisten, von denen ich dann zu beweisen versuchen würde, dass überall fantastische Geschichten schlummern.

    • sinnlosreisen schreibt:

      Andreas Moser und Schreibblockade schließen sich gegenseitig aus 😉😇😂

    • Andreas Moser schreibt:

      Es ist eher eine allgemeine Arbeits- und Produktivitätsblockade. 😀

      Mir geht es aber wirklich oft so, dass ich frohen Mutes in meine Schreibstube gehe, vor dem Billy-Regal mit den aus aller Welt mitgebrachten Notizbüchern, Landkarten, Museumsprospekten und so weiter stehe und überlege, worüber ich zuerst schreiben sollte.

      Im abwägenden Zwiespalt zwischen der Vorstellung meines neuen Lebensmittelpunktes und der baldigen Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz, Tipps zum kostenlosen Besuch der Alhambra in Granada, dem seit mehr als 100 Jahren nicht mehr bestehenden aber ganz sympathischen Staat Neutral-Moresnet, universitären Exkursionen nach Auschwitz und Ypern, waghalsigen Art-Deco-Kathedralen in Belgien, einem Winter in Kiew, Trampen in Armenien, einer Woche im Evin-Gefängnis, dem Zweistromland zwischen Weser und Wümme, der Drogenpatrouille mit dem „Bear Clan“ in Winnipeg, der Waldbrandbekämpfung in Brasilien, der Wanderung auf dem Jesu-Pfad als Atheist, dem dramatischen Schicksal der Osterinsulaner, der deutsch-kaiserlichen Transatlantikkabelgesellschaft auf den Azoren, der Bierstadt Budweis, Bad Münstereifel eine Woche vor der Flut, dem Besuch bei den Hohenzollern mit schwäbischen Kommunisten, dem überraschend sicheren Bogotá, dem Treffen mit dem Außenminister der Republik Abchasien und Hunderten von weiteren Themen geht dann der ganze Tag vorbei, ohne dass ich eine Zeile geschrieben habe. (Wobei mich ehrlich gesagt das Bearbeiten der Fotos viel mehr blockiert als das Schreiben. Am liebsten würde ich nur schreiben, ganz ohne Fotos. Aber das liest ja dann niemand.)

      Zu diesen Themen kommen noch Ideen für historische Artikel, juristische Leckerbissen oder romantische Kurzgeschichten.
      Und natürlich ständig Ideen für neue Reisen.
      Das ist ein Fass ohne Licht am Ende der Fahnenstange. :/

      Ach ja, Ecuador habe ich oben ganz vergessen. Da habe ich in Cuenca im Park einen Mann getroffen, der mit Vornamen „Rommel“ hieß. Er war nicht sehr glücklich darüber, aber sein Vater war wohl ein großer Fan.
      Auf dem Rückweg nach Peru hat mich dann die Lehrerin, mit der ich eigentlich verabredet war, nicht an der Grenze abgeholt, weil ihr eingefallen war, dass sie verheiratet war.
      Es ging kein Bus, und die Grenze ist im Nirgendwo. Also musste ich mit Benzinschmugglern nach Piura fahren.

      So Geschichten sind mir eigentlich am liebsten, weil es davon natürlich keine Fotos gibt. Die hätten mich sonst ja abgeknallt.

      Überhaupt ist Ecuador mittlerweile gefährlicher als Kolumbien. Wegen diesen blöden Drogen.
      Da fällt mir ein, dass ich noch etwas zu den Cannabis-Legalisierungsplänen schreiben wollte.
      Naja, vielleicht morgen…

  10. sinnlosreisen schreibt:

    Na, dann freue ich mich auf viele lustige Artikel

  11. Anonymous schreibt:

    An der Spiegelbezahlschranke ab- und hernach von den freundlichen Google-Mitarbeiter*innen hierherverwiesen hat Ihr Artikel mich, obgleich Hundeperson sehr erfreut. Ich habe zwar nicht jeden Satz gelesen (Adhs), aber diejenigen welche fand ich gut.“Flotte Schreibe“ sagt man da wohl zu.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank, das freut mich sehr!

      Und eine Bezahlschranke wird es hier wohl nie geben, schon weil ich selbst technisch vollkommen überfordert damit wäre. Wahrscheinlich würde ich mich aus Versehen selbst ein- oder aussperren.

  12. Pingback: Ein neues Zuhause in Chemnitz | Der reisende Reporter

  13. Anonymous schreibt:

    Ada war geschieden, nicht verwitwet.

    Dieser Text ist ein furchtbares Chaos an historischen Unwahrheiten und Aneinanderreihung von nicht zusammenhängenden Fakren. Karl-Marx-Stadt gibts ja schon lange nicht mehr.

    Vielleicht hadt du deiner Katze uj viel Futter weggefressen!!

    • Andreas Moser schreibt:

      „Furchtbares Chaos an historischen Unwahrheiten und Aneinanderreihung von nicht zusammenhängenden Fakten“ könnte ich eigentlich in die Reklame für meinen Blog übernehmen.

    • danysobeida schreibt:

      Es ist geschmacklos und unethisch, mögliche fehler aus der Anonymität heraus zu erkennen.

      Es de mal gusto y poco ético observar posibles errores desde el anonimato.

Hinterlasse einen Kommentar