„Der falsche Überlebende“ von Javier Cercas

Vor kurzem habe ich eine moderne Adaption von Karl May empfohlen. Aber Hochstapler, die ihr Leben abenteuerlicher darstellen als es ist, existieren nicht nur in Romanen und in Blogs. Manche leben mitten unter uns. Oder drängen, wenn sich Hochstaplerei mit Narzissmus verbrüdert, auf die große Bühne.

Jetzt denken alle an Donald Trump.

Aber viel interessanter wäre doch ein Hochstapler und Narzisst, der zudem intelligent ist. Der sein Leben lang täuscht, sich aber nie bereichert.

So einer wie Enric Marco aus Barcelona.

Marco, der dieses Jahr 100 wird, hatte seinen wohl größten Auftritt 2005, als er zum Holocaust-Gedenktag vor dem spanischen Parlament sprach. Als Vorsitzender einer Vereinigung von Spaniern, die die Konzentrationslager der Nazis überlebt haben. Und als ehemaliger Insasse des KZ Flossenbürg.

Wenige Monate darauf deckte der Historiker Benito Bermejo auf, dass Marco diesen Teil seiner Biografie erfunden hatte. Er war nie in einem KZ interniert gewesen. Zwar war Marco während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland, aber nicht, wie er behauptet hatte, als Widerstandskämpfer, der sich der französischen Résistance angeschlossen hatte. In Wahrheit arbeitete er als Metallarbeiter auf einer deutschen Werft in Kiel, womit er praktischerweise dem Wehrdienst in Spanien entging.

Als es 1943 in Deutschland brenzlig wurde, setzte er sich nach Spanien ab. Die Deutschen suchten ihn nicht, und das spanische Militär zog ihn nicht ein, weil sie dachten, er wäre in Deutschland. Marco gründete eine Familie, der er die Existenz seiner schon bestehenden ersten Familie verschwieg, und wurde Automechaniker.

Ein Leben wie ein Roman.

So verbrachte er die bleierne Franco-Zeit. Nicht gerade im Untergrund, aber unter dem Radar der Behörden. Wenn ihm langweilig war, erzählte er von seinen Heldentaten im Spanischen Bürgerkrieg, immer an vorderster Front, Schulter an Schulter mit den bekannten Köpfen der Anarchisten, bei der versuchten Befreiung Mallorcas, bei der Résistance. Aber nur im kleinen Kreis, denn zu Zeiten der Diktatur waren Antifaschisten nicht en vogue.

Das änderte sich nach dem Tod Francos. Als sich ab 1976 die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT wiedergründete, ging Marco zu den Versammlungen. Dort ergänzte er seine Lebensgeschichte, in der er nun während der Jahrzehnte der Franco-Diktatur im Untergrund für die Sache des CNT gekämpft habe. Deshalb habe er auch aus Spanien fliehen müssen, sei aber in Marseille verraten und festgenommen worden und so ins Konzentrationslager gekommen. Zwar kannte keiner der anderen Gewerkschafter diesen quirligen, lebhaften, energiegeladenen Mann, der so gut erzählen konnte, aber 1977 wählten sie ihn zum Vorsitzenden der katalanischen Sektion des CNT und im folgenden Jahr zum Vorsitzenden auf nationaler Ebene.

Ein Leben wie ein Roman.

Der CNT zerstritt sich zwischen verschiedenen Fraktionen, Marco wurde nicht wiedergewählt und schließlich ausgeschlossen. Seine Kfz-Werkstatt füllte ihn nicht aus, also begann er nebenbei ein Geschichtsstudium. Dabei lernte er eine junge Studentin kennen, die er mit seinen Heldengeschichten von Bürgerkrieg, antifaschistischem Kampf, Flucht und Untergrund beeindruckte. Mit ihr gründete er seine dritte Familie.

Bald war ihm wieder langweilig. Also ließ er sich in den Elternbeirat der Schule seiner Kinder wählen. Wie fast nicht anders zu erwarten, wurde er innerhalb kürzester Zeit stellvertretender Vorsitzender der Elternvereinigung Kataloniens. Er verhandelte mit den Bildungsministern, er hielt Reden, und er drängte sich auf jedes Foto.

Aber irgendwann hatten seine Töchter die Schule beendet, und Marco konnte beim besten Willen nicht mehr in der Elternvereinigung bleiben. Er brauchte eine neue Aufgabe, insbesondere weil er mittlerweile in Rente war. Ein Rentnerdasein ohne Nebenbeschäftigung kann tödlich langweilig sein. Das war nichts für Marco.

Er ging zu Amical de Mauthausen, einer Vereinigung von spanischen KZ-Überlebenden und sagte, dass er ein bisschen mithelfen möchte, die Erinnerung vor dem Verblassen zu bewahren. Er könne hie und da mal einen Vortrag in einer Schule halten. Es wurden mehr als ein paar Vorträge. Bald war Marco der gefragteste Redner der Organisation, er sprach in Schulen im ganzen Land, er trat im Radio und im Fernsehen auf, und – das dürfte jetzt niemanden mehr überraschen – 2001 wurde er Vorsitzender der Amical de Mauthausen.

Ein Leben wie ein Roman.

Javier Cercas, der Autor des Buches „Der falsche Überlebende“, dem ich diese Geschichte entnommen habe, musste gar nichts erfinden. Er konnte einen Roman ohne jegliche Fiktion schreiben, weil der Protagonist für ausreichend Fiktion sorgt.

Und so ist „Der falsche Überlebende“ nicht nur eine Biographie, sondern auch ein Buch über die Recherche, die Cercas und andere über Jahre unternommen haben. Es ist beeindruckend, mit welcher Raffinesse sich Marco seine Legende zusammengebastelt hat, aber ebenso beeindruckend, wie Cercas sie Stück für Stück freilegt. Oft helfen Zufallsfunde in alten Zeitungen oder in Archiven, aber auch Marco selbst ist weiterhin äußerst gesprächig. Seine Geltungssucht geht bis zur Selbstzerstörung. Aber seine Fantasie baut ihn wieder auf. Wie Don Quijote.

Hervorragend an dem Buch fand ich, wie Cercas das Leben Marcos, das echte und das erfundene, in die Geschichte Spaniens einbettet. Vom Bürgerkrieg über das Vergessenwollen bis zum Gedächtnistheater, wie es Max Czollek nennen würde. Marco, der Historiker, der als Augenzeuge berühmt wurde, als Spiegel dessen, wie Spanien mit Geschichte umgeht. Oder nicht umgeht.

Cercas bettet all das in Gedanken über Fiktion und Wahrheit, über Literatur, über Psychologie und Philosophie ein, was allerdings manchmal zu sehr ausufert. Hätte sich der Autor ein wenig zurückgenommen, auf Wiederholungen und überflüssige Details verzichtet, hätte man mindestens 100 Seiten kürzen können. Aber trotzdem bleibt ein interessantes Buch, das einen auch nach der Lektüre nicht so schnell loslässt.

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Über Andreas Moser

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10 Antworten zu „Der falsche Überlebende“ von Javier Cercas

  1. Das ist ein richtig toller Buchtipp! Was es für verrückte Leute gibt! Danke, das werde ich mir mal besorgen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich hatte es leider aus der Bibliothek, sonst hätte ich dir gleich mein Exemplar geschickt.

      Enric Marco hingegen würde es dir – mit einer persönlichen Widmung – nichtsdestotrotz schicken und weinend zur Bibliothek laufen und von einem Überfall berichten, bei dem er nur knapp mit dem Leben davon kam, aber leider, leider wurde ihm das Buch entwendet. Dann würde er von Büchern im Allgemeinen und von dieser Bibliothek im Besonderen schwärmen, und die Bibliothekarin würde ihn heiraten.

    • Muss eine wahnsinnige Ausstrahlung gehabt haben. Zum Glück war er kein Radikaler.

    • Andreas Moser schreibt:

      In dem Buch ist ein Brief eines Jugendlichen abgedruckt, der in der Schule einen Vortrag von Enric Marco gehört hat.
      Darin schreibt er, dass er sich eigentlich umbringen wollte, aber Marco habe ihm durch seine Erzählung die Augen geöffnet, was wirklich Schlimmes auf der Welt passiert, und wie minimal seine persönlichen Probleme im Vergleich dazu sind.

      In einer anderen Episode diskutiert er mit einem jugendlichen Neonazi, bis dieser seine Position aufgibt.

      Das macht es so schwer, ihn komplett zu verdammen. Andererseits nutzt er das auch, um seine Täuschung herunterzuspielen und sich moralisch dennoch auf der richtigen Seite zu fühlen.

      Keine Sorge übrigens, das Buch bleibt trotz dieser Spoiler spannend, vor allem die detektivische Arbeit des Autors.

    • Es gibt so Leute, die kann man mit den üblichen Maßstäben nur schwer erfassen, dieser Mann scheint dazu zu gehören.

  2. Pingback: Der falsche Überlebende – Archivalia

  3. Andreas Moser schreibt:

    Falls jemand (allerdings sehr schnelles) Spanisch kann:

  4. benwaylab.comT schreibt:

    Eine interessante Geschichte. Dieses Phänomen ist auch als Wilkomirski-Effekt, nach dem Hochstapler Benjamin Wilkomirski benannt.
    Ist das eigentlich Jorge Semprun, der da auf dem einen Bild neben ihm sitzt?

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja! Das ist Jorge Semprún, der schon skeptisch zu blicken scheint.

      In dem Buch kommen viele ehemalige Weggefährten Marcos zu Wort, die sagen, sie hätten ihm die Geschichte eigentlich nie abgenommen. Unter anderem, weil er, anders als wirkliche KZ-Überlebende, zu offen und frei und gerne darüber gesprochen habe.
      Aber niemand hat sich getraut, etwas gegen den engagierten und allseits beliebten Mann zu sagen.

      Schon komisch, dass historische Hochstapler immer Adelige oder Holocaust-Überlebende sein wollen.

  5. Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

    wenn man die 100kuerzung- Seiten weglasst ist das Filmszenarium bereit…

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