„Desintegriert euch!“ von Max Czollek

Integrationsgipfel, Integrationsministerium, Integrationsplan und so weiter. „Fehlende Integration“ ist angeblich die Wurzel allen Übels, und Integration das Endziel von allem. Dabei ist oft Assimiliation gemeint, wenn Integration gefordert, verlangt und regelrecht befohlen wird.

Max Czollek hält davon gar nichts, wie schon der Titel seines Buches „Desintegriert euch!“ nahelegt. Stattdessen fordert er eine „Gesellschaft der radikalen Vielfalt“, was ich gar nicht so radikal finde, denn alles andere als Vielfalt wäre ja langweilig. Und wie der Autor in Erinnerung ruft:

Bis auf ein gutes Jahrzehnt Anfang der Dreißiger- bis Mitte der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts ist Deutschland niemals eine monokulturelle Gesellschaft gewesen.

Wer eine Leitkultur will, will aber nicht nur ein langweiliges Deutschland, er will ausgrenzen. Denn früher oder später kommt der Satz „Wem es nicht passt, der kann ja gehen“, was insbesondere gegenüber Deutschen oder in Deutschland geborenen Menschen ein reichlich absurder Vorschlag ist.

Ein Problem mit dem Integrationsparadigma ist, dass es dabei immer einen erstrebenswerten „Normal“zustand und einen (noch) nicht integrierten „Außenseiter“zustand gibt, ein „wir“ und „ihr“. Das eine ist gut und richtig, das andere falsch und minderwertig.

Um nicht offen zu sagen, dass es im Kern gegen Ausländer und/oder Muslime geht, wird immer wieder die angeblich „christlich-jüdische Kultur“ bemüht, was insbesondere in Deutschland eine ziemliche Dreistigkeit ist.

Und so kommt Czollek auf das, was die Stärke des Buchs ist, nämlich die Entlarvung der „Vergangenheitsbewältigung“ als „Gedächtnistheater“, in dem es um das Begehren der deutschen Gesellschaft nach Gutwerdung geht. Und die Rolle der Juden ist dabei klar definiert: Sie sollen den Deutschen bitte den Erfolg der „Wiedergutmachung“ bestätigen.

Seine eigene Sicht auf die Dinge ist pointiert anders:

Will man für die Jahrzehnte nach 1945 von einer Integrationsleistung sprechen, dann bestand sie in der Integration ehemaliger Nationalsozialist*innen. […] Die frühe Bundesrepublik sorgte sich weitaus intensiver um das Schicksal verurteilter nationalsozialistischer Straftäter*innen als um die Opfer des untergegangenen verbrecherischen Systems.

Tja, Nationalsozialismus war anscheinend nicht unvereinbar mit der deutschen Leitkultur.

Seine kritische Sicht der Weizsäcker-Rede von 1985 hingegen teile ich nicht unbedingt, denn ich bin mir nicht sicher, ob man aus dem Zusammenhang der Rede interpretieren kann, Weizsäcker hätte mit dem Wort „Befreiung“ insinuiert, die Deutschen wären (nur) Opfer gewesen. Schließlich kann man auch unfreiwillig befreit werden. Oder aus einer selbstverschuldeten Lage befreit werden.

Wirklich wild wird es dann bei der Vermutung, dass die DDR gerade dann zusammenbrach, als die Nazigeneration am Abtreten war:

Die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung hatte den kommunistischen Antifaschismus anscheinend nur so lange gebraucht, wie er sie vom Nationalsozialismus abschirmte […]. 1989 hatte der sozialistische Staat seine Aufgabe schließlich erfüllt.

Wer das Ende der DDR aus der deutschen Geschichte und ohne Blick auf das weltweite Revolutionsjahr 1989 erklären will, der greift wirklich zu kurz. Da spielten Gorbatschow, Tiananmen und Solidarność schon eine größere Rolle als (fehlender) deutscher Antifaschismus.

Und so geht es eigentlich durch das ganze Buch. Viele interessante Punkte, wichtige Einwürfe, aber dann wieder provokante Polemik. Und ich sage das durchaus als Teilzeit-Polemiker. Aber zu viel davon eingesetzt, und es nützt sich ab. Manchmal sticht die feine Feder besser als der Rammbock.

Was vollkommen außen vor bleibt, in diesem Buch sowie in fast jeder Debatte um Integration und/oder Ausgrenzung, ist die Klassenfrage. Dabei wäre das durchaus interessant. So störten Frauen mit Kopftuch anscheinend niemanden, solange sie „nur“ Toiletten putzten oder am Markt Gemüse verkauften. Erst wenn sie Anwältinnen oder Lehrerinnen werden, dann regt sich Protest. Und Ausländer, die sich weigern, Deutsch zu lernen, scheinen auch kein Problem zu sein, wenn sie für dubiose Investmentbanken oder IT-Unternehmen arbeiten.

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Über Andreas Moser

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3 Antworten zu „Desintegriert euch!“ von Max Czollek

  1. danysobeida schreibt:

    Deberías pensar en la docencia universitaria, eres bastante analítico. Claro! No quieres pasar tus días encerrado en una oficina pendiente del trabajo por hacer, pero eso se compensaría con el hecho de que estas sembrando en las mentes jóvenes de tu país.

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