Auf den Spuren des Königs (Tag 9) Schloss Neuschwanstein

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Neuschwanstein liegt hoch über dem Tal, auf einem Felsen, der sich eigentlich gar nicht zur Bebauung eignet. Das hätte die Baubehörde niemals genehmigen dürfen. Was da an Schmiergeld geflossen sein mag? Zu Fuß braucht man deshalb vom Tal zum Schloss mindestens 30 Minuten.

Man könnte natürlich die Pferdekutsche nehmen, wobei in der Pferdekutsche heimlich der Elektromotor summt.

„Mama, ich habe Seitenstiche“, beklagt sich ein kleines Mädchen.

„Macht nichts“, antwortet die Mama herzlos. Sie will zum Schloss, das Kind nervt jetzt nur.

Ein Restaurant am Wegesrand bietet Quarkbällchen als „something like a sweet donut“ an.

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An den Aussichtspunkten machen die Paare Paarfotos, die sie nach der Trennung wegwerfen können. Nur manche sind gewieft genug, Fotos von sich selbst zu verlangen. Da ist die Beziehung schon auf dem absteigenden Ast. Am kompliziertesten sind die lateinamerikanischen Frauen, die ganz genaue Vorstellungen und Instruktionen für ihre Männer haben, die sie anscheinend nur zu diesem Zweck mitgenommen haben. Kitsch-Schlösser ziehen Möchtegern-Prinzessinnen magisch an.

Am glücklichsten sieht der alte Mann aus, der keine Kamera, kein Telefon, gar nichts zückt. Er genießt einfach die Blicke auf Schloss Hohenschwangau, den Alpsee und die Alpen. Und er grinst von einem Ohr zum anderen, wie wenn er sich einen lebenslangen Traum erfüllt hat.

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Hinter und über dem Schloss spannt sich die Marienbrücke über die Pöllatschlucht.

Für diesen akrophobischen Blick muss man aber selbst in diesem Coronavirus-Sommer anstehen.

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie das in normalen Jahren aussieht, wenn 1,5 Millionen Touristen kommen. Und ich kann auch nicht ganz verstehen, wieso sich das jemand antut, nur um danach auf einer wackeligen Konstruktion zu stehen, wo man doch einfach auf den Wanderwegen durch die Berge schlendern kann und so das Schloss aus jedem Blickwinkel betrachten kann.

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Das Schloss sieht irgendwie falsch aus, wie aus Gips. Die Kanten noch scharf, die Wände ohne Dellen oder Flecken, niemals beschossen und wie niemals bewohnt. Schön geplant, aber seelenlos, wie so ein überkandidelter, überschnörkelter und übererkerter Neubau in Beverly Hills.

Oder wie der Prospekt eines chinesischen Reiseanbieters schreibt:

Unter blauem Himmel und weißen Wolken, von Dunst umhüllt, werfen milchfarbene Mauern güldenes Licht zurück, und graue Spitzen recken sich ins Firmament – dies ist Neuschwanstein, das Vorbild für Disneyland!

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Die Führungen finden im 5-Minuten-Takt statt. Auf einer Leuchttafel werden die Gruppennummern angezeigt. Zudem werden sie aufgerufen wie am Bahnhof.

Während ich im Innenhof und in der Hitze auf die 13:30-Uhr-Tour warte, kann ich noch ein paar Fotos machen, aber im Schloss ist es wieder verboten. Vielleicht, weil es ziemlich unaufgeräumt aussieht. Kabeltrommeln und Staubsauger stehen herum. Teile des Mobiliars sind mit Plastikplanen abgedeckt. Gerüste stehen in den Fluren. Ich fühle mich wie bei einer Baustellenbesichtigung.

Und eigentlich passt das ja, denn Neuschwanstein ist nur zu einem kleinen Teil ausgebaut. Von den geplanten mehr als 200 Räumen sind 15 fertiggestellt und möbliert worden. Der Rest steckt in einem Zwischenstadium wie die Rohbauten, die man im Kosovo sieht und bei denen man nicht weiß, ob das Geld ausging oder die Eigentümer erschossen wurden. Genauso wie bei König Ludwig II.

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Wenn Ihr angesichts der obigen Fotos gedacht habt, dass das Schloss ein bisschen übertrieben aussieht mit all seinen Türmchen und Erkerchen, dann lasst Euch gesagt sein, dass dies die abgespeckte Version ist.

Ursprünglich war es noch größer und bombastischer geplant:

Und wozu das alles?

Das Besondere an Schloss Neuschwanstein ist, dass es ohne jegliche politische, staatsmännische oder repräsentative Zielsetzung gebaut wurde, sondern als ganz privater Rückzugsort beabsichtigt war. So behauptete es zumindest Ludwig II., wobei ich mich frage was dann der Thronsaal sollte. Oder habt Ihr so etwas bei Euch zuhause?

Ganz wichtig war auch der allerneueste technische Schnickschnack, also Telefon, eine Heißluft-Zentralheizung, eine elektrische Rufanlage für Diener, eine Seilbahn und ein Landeplatz für das Flugtaxi.

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Die Räume, die in Neuschwanstein fertig wurden, wirken auf mich viel düsterer und dunkler als die in Schloss Hohenschwangau.

Der Thronsaal ist, ganz bescheiden, der Hagia Sophia nachempfunden.

Obwohl Bayern schon parlamentarisiert war und eigentlich das Kabinett und nicht der König regierte, sah sich Ludwig II. als König von Gottes Gnaden. Die Wände werden gesäumt von Bildern heiliggesprochener Könige. Der Leuchter hat die Form einer byzantinischen Kaiserkrone. Den Boden ziert das aufwendigste Mosaik Deutschlands, mit 1,5 Millionen Einzelteilen.

Einen „Rückzugsort aus der Realität“ nennt die Führerin den Raum, und man fragt sich, ob der König jemals überhaupt in der Realität weilte. Andere Könige mischen sich angeblich verkleidet und unerkannt unters Volk, um herauszufinden, was die Umfragen des ZDF-Politbarometers verschweigen. Ludwig II. wäre beim Gedanken daran wohl vor Angst gestorben.

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Im Thronsaal hängt ein Gemälde, das Sankt Georg beim Drachenschlachten zeigt. Im Hintergrund sieht man eine Burg, die man natürlich als Neuschwanstein identifiziert.

Und schon wieder liegt man falsch.

Das ist nicht Neuschwanstein, sondern Falkenstein, ein weiteres von Ludwig II. geplante Schloss. Warum man noch mehr Schlösser braucht, obwohl man schon eines hat, und warum man schon neue Schlösser plant, solange die bisherigen nicht fertig sind, das ergibt keinen Sinn. Vielleicht war der König tatsächlich verrückt. Andererseits hat sich gerade dieser Immobilienwahn bis heute gehalten. Dabei ist Privateigentum an Grund und Boden, den niemand geschaffen hat, ein vollkommen absurdes Konzept. Wer an diesen Schabernack glaubt, sollte wirklich entmündigt wurden.

Auf dem Falkenstein steht jetzt nur eine Ruine, die allerdings immer wieder von Schatzssuchern heimgesucht wird. Zum einen gibt es die Legende, dass Ludwig II. vor seiner Entführung (siehe Kapitel 170) dort einen Schatz vergraben hat. Zum anderen hat angeblich die SS von Oktober 1944 bis März 1945 den Zugang zum Berg abgesperrt und einen Nazischatz von München auf Deutschlands höchstgelegene Burgruine (auf 1267 m) gebracht.

Nazi-Schätze gab es natürlich auch auf Schloss Neuschwanstein, aber dazu mehr in Kapitel 181.

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Ach, das Schloss auf dem Falkenstein sollte nach den Wünschen von Ludwig II. übrigens so aussehen:

Als der Architekt wagte, darauf hinzuweisen, dass auf den kleinen Felsen kein monströses Schloss passt, wurde er gefeuert.

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Überhaupt muss ich irgendwann auf die ganzen anderen Schlösser und Schlösserpläne von Ludwig II. kommen. Nicht nur, um gegen die ungerechtfertigte Dominanz von Neuschwanstein anzukämpfen, sondern weil der Bauwahn für das Ende des Königs entscheidend war (siehe Kapitel 135-138).

Weil die Leserschaft auf die Fortsetzung des Rundgangs im hiesigen Schloss drängt, deshalb nur im Schnelldurchlauf ein kurzer Überblick über die neben Neuschwanstein keinesfalls verblassen sollenden Hinterlassenschaften des bayerischen Königs:

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Auf dem Schachen ließ Ludwig II. ein bescheidenes Königshaus bauen. Von außen sieht es aus wie eine etwas größere Holzhütte, in die sich der König insbesondere zu seinen Geburtstagen gerne zurückzog – eine Marotte, die ich während dieser Geburtstagswanderung gut nachvollziehen kann und zur Nachahmung empfehle.

Innen sieht es in der Königshütte dann aber doch anders aus als in meiner Walden-Hütte von vorvorgestern (Kapitel 104). Der Türkische Saal wurde nach dem Vorbild von Schloss Eyüp bei Istanbul gestaltet.

Bauen ohne Kitsch war des Königs Stärke nicht.

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Schloss Linderhof war für Ludwigs Verhältnisse richtig klein, fast putzig, schaffte es dafür aber auch zur Fertigstellung. Es ist das einzige Schloss, in dem Ludwig II. tatsächlich längere Zeit wohnte.

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Schloss Herrenchiemsee auf einer Insel im Chiemsee hingegen sollte das bayerische Versailles werden. Nur größer, natürlich. Bei diesem Schloss sticht es weniger ins Auge, aber es wurde ebenfalls nicht fertig.

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Und dann gab es noch die Bauprojekte, die mit dem König zusammen beerdigt wurden und womöglich der Grund für seinen frühen Tod waren:

Schloss Falkenstein habe ich schon in den Kapiteln 155 und 156 angesprochen.

Darüber hinaus verfolgte Ludwig II. Pläne für einen byzantinischen Palast, der sich wunderbar in die alpine Umgebung einfügen würde,

und ein chinesisches Schloss, das dem Pekinger Winterpalast nachempfunden war.

Nicht auszudenken, wie viele Chinesen dann erst kämen!

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Apropos chinesische, japanische, amerikanische und andere Touristen: Ich zähle die Alternativschlösser auch deshalb auf, um die von weit anreisenden Besucher darauf hinzuweisen, dass Ihr nicht unbedingt nach Neuschwanstein fahren müsst. Immer wieder erhalte ich Fragen, wie man von Hamburg oder Rostock an einem Tag nach Neuschwanstein und zurück kommt. Lasst das, es wäre der pure Stress! Deutschland ist voll von Burgen und Schlössern, alle 20 km steht eins. Mietet Euch einfach ein Auto, fahrt gemütlich eine Landstraße entlang, und Ihr werdet links und rechts genügend Burgen sehen.

Bei den anderen Burgen müsst Ihr auch nicht um Tickets anstehen. Oft ist der Eintritt sogar frei.

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Die Verwegenen unter den Verzweifelten, die keine Eintrittskarten mehr bekommen haben, springen mit Fallschirmen ab, um so ins Schloss zu gelangen oder, falls ihnen dieses Kunststück nicht gelingt, zumindest die Aussicht zu genießen.

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Aber jetzt wollt Ihr mehr über Neuschwanstein erfahren, also weiter im Rundgang, den man wahrscheinlich mehr zu schätzen weiß, wenn man sich in Wagners Opern auskennt, was beim Autor dieser Zeilen aufgrund seines guten Musikgeschmacks nicht der Fall ist.

Das Schlafzimmer ist gestaltet wie eine gotische Kathedrale. An den Wänden und am Kachelofen wird die tragische Liebesgeschichte von Tristan und Isolde ausgewalzt, die sich Ludwig II. dergestalt zu Herzen genommen hat, dass er niemals geheiratet hat. (Ein oft übersehener Faktor, der zugunsten der geistigen Klarheit des Königs spricht.)

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Das Thema des Wohnzimmers ist die Lohengrin-Saga. Überall flattern, schwimmen und drohen Schwäne. Schwäne auf der Tapete. Schwäne auf der Suppenterrine. Schwäne auf dem Teppich. Schwäne auf den Gemälden. Türklinken in Schwanenform.

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Man verlässt das Wohnzimmer durch eine künstlich angelegte Tropfsteinhöhle, angeblich eine Hommage an die Tannhäuser-Oper.

Von Tannhäuser zur Wartburg ist es nur ein kleiner logischer Sprung, und da der König ein Mann der eher kurzen Gedankensprünge war, ist der größte Saal im Schloss, der Sängersaal, eine Kopie der Wartburg.

Umrahmt von Bildnissen des Parzival wollte der König hier Privatvorstellungen seiner Lieblingsfilme genießen. Ludwig II. wird oft als Förderer von Kultur und Kunst dargestellt, aber in Wirklichkeit ging es ihm um sein Privatvergnügen. Das Volk hatte nichts davon, wenn Hunderte von Schauspielern für einen Mann sangen und tanzten und operten. Auch das Nationaltheater in München blockierte Ludwig II. mehr als 200 Mal für Separatvorstellungen.

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Und das war’s. Eine recht kurze Führung, wesentlich kürzer als dieser Artikel. Aus Shanghai würde ich dafür nicht herfliegen. Vor allem jetzt, wo es meinen Blog auch auf Chinesisch gibt.

Als ich mir das Schloss nochmal von außen ansehe, fällt mir ein, wie man Neuschwanstein beschreiben könnte: „Das Ganze lebt überhaupt nicht: es ist zusammengesetzt, gerechnet, künstlich, ein Artefakt.“ So hatte Nietzsche über Wagner geurteilt.

Und dafür mussten beim Bau 39 Menschen sterben.

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Eine Besucherin, die sich auch mehr Informationen wünscht, fragt, wer den ganzen Firlefanz finanziert hat.

„Das hat Ludwig II. alles persönlich bezahlt“, sagt die Führerin.

„Naja“, wage ich einzuwerfen, und sie wird ein bisschen konkreter.

„Er hat es aus seiner Apanage bezahlt“, also aus Steuergeldern, „und er benötigte natürlich Kredite, die die Wittelsbacher nach seinem Tod alle zurückgezahlt haben.“

Die Zahlungen von Bismarck (Kapitel 87 und 137) erwähnt sie nicht.

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Die Zeitgenossen nahmen die Finanzen nicht so auf die leichte Schulter. Ganz im Gegentum, der Bauwahn brach dem König das Genick, im wörtlichen Sinn.

In der letzten Episode (Kapitel 137 und 138) fasste ich zusammen, wie die bayerische Regierung plante, Ludwig II. loszuwerden und zu welch schäbigen Tricks sie dabei griff. Wir waren am 7. Juni 1886, als der Ministerrat ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gab, das der Psychiater Gudden praktischerweise am 8. Juni 1886 fertig hatte.

Wir steigen am 9. Juni 1886 wieder in die Geschichte ein. Eine Regierungskommission begibt sich nach Schloss Neuschwanstein, um dem König mitzuteilen, dass seine Dienste fürderhin nicht mehr benötigt würden. Sie dringt jedoch nicht zu Ludwig II. vor. Anscheinend weiß das königstreue Lager, was gespielt wird, und das königliche Personal, örtliche Gendarmen und die Feuerwehr verwehren der Regierungskommission den Zutritt zum König und sperren die Vertreter der Regierung, darunter den Außenminister, sogar für einige Stunden ein.

Ludwig II. berät sich mit seinen Leuten, die ihm empfehlen, entweder nach München zu reisen und direkt zum Volk zu sprechen, oder ins Ausland zu fliehen. Der König bleibt trotzig: „Hier ist mein Schloss, und hier sind meine Spielsachen. Hier bleibe ich.“ Man kennt das ja, so Leute, die sich lieber im Unglück suhlen, als sich helfen zu lassen.

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Am Abend des 11. Juni 1886 reist eine zweite Regierungskommission nach Neuschwanstein, diesmal mit einem verschärften Auftrag, weshalb sie auch als „Fangkommission“ bezeichnet wird. Diese besteht nicht mehr aus Beamten und Ministern, sondern aus Ärzten und Pflegern, für ihre Brutalität und Erbarmungslosigkeit berüchtigte Berufsgruppen. Chef dieser Einsatzgruppe ist der uns schon bekannte Bernhard von Gudden.

Wir wissen nicht genau, was auf Schloss Neuschwanstein vorging und wieviel Gewalt notwendig war, aber in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1886 entführt dieses Sonderkommando Ludwig II. nach Schloss Berg am Starnberger See, das Ihr noch aus den Kapiteln 2, 3 und 10 erinnert.

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„Ist ja okay, dass Ihr mich entmachten wollt. Aber wieso darf ich nicht auf Schloss Neuschwanstein wohnen bleiben und Wagner-Opern gucken?“ fragte Ludwig II. und fragt sich die Leserschaft.

Der Gründe sind mindestens zweierlei:

Zum einen war der König sehr besitzergreifend bezüglich Schloss Neuschwanstein. Nicht nur sollte niemand anders es jemals betreten oder gar bewohnen. Es ging auch das Gerücht um, Ludwig II. hätte verfügt, Schloss Neuschwanstein sei nach seinem Tod zu sprengen. Da deutsche Führer gerne etwas durchdrehen, wenn sich die Karriere dem Ende neigt, war solch eine Überreaktion nicht auszuschließen.

Zum anderen fand die bayerische Regierung Neuschwanstein zwar ästhetisch und finanziell grauenvoll, hatte aber schon neue Pläne für den Prunkbau.

Bis dahin waren Burgen Zweckbauten gewesen, die der Verteidigung, dem Wohnen, dem Regieren, zumindest aber dem Repräsentieren dienten. In einer alten Burg konnte man notfalls ein Amtsgericht oder ein Gymnasium unterbringen. Neuschwanstein war jedoch für keinen dieser Zwecke geeignet, weil die Grenze nach Österreich schon durch die Alpen verteidigt wurde – außerdem: wer hat schon Angst vor Österreich? -, und weil in der Nähe des Schlosses niemand wohnte. Außerdem war ein Gericht oder eine andere Behörde, die für ein paar Monate wegen tiefen Schnees nicht erreichbar war, unpraktisch.

Was sollte man also mit Neuschwanstein anfangen? Als Filmkulisse vermieten, war die naheliegende und gute Idee, bis ein langweiliger Beamter einwarf, dass der Film 1886 noch nicht erfunden war.

Wie schon beim Sängersaal (Kapitel 166) diente auch bei der Nachnutzungsfrage die Wartburg als Inspiration. Diese war, obwohl nur teilweise für Besucher zugänglich, ein beliebtes Ausflugs- und Reiseziel geworden. Ein paar Jahre vorher hatte in jener Burg ein Gasthof eröffnet. Fremdenzimmer beherbergten Besucher aus ganz Europa, die ab 6 Uhr morgens durch die Burg geführt wurden.

Es war die Geburtsstunde des Burgentourismus.

Was uns jetzt vollkommen normal erscheint, kam damals einer Revolution gleich. Menschen aus dem gewöhnlichen Volk, ja sogar Ausländer, konnten durch fürstliche und königliche Gemächer wandeln. Und die Fürsten- und Königshäuser waren von den Eintrittsgeldern abhängig. Sie mussten Schlüsselanhänger und Schnitzel verkaufen, um ihren Lebenssstil zu wahren. Der Tourismus war der Vorläufer der Revolution, kann man sagen.

Und die bayerische Regierung erkannte diese Chance.

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Die bayerische Regierung erkannte auch, dass ein Schloss mit Mythos sich noch besser vermarkten ließe als ein reines Schloss. Und spätestens damit war das Todesurteil gefällt.

Am Abend des 13. Juni 1886, also nur einen Tag nach seiner Entführung, geht Ludwig II. angeblich am Ufer des Starnberger Sees spazieren. Angeblich in Begleitung von Dr. Gudden.

Wieso jemand friedlich mit dem Psychiater spazieren gehen sollte, der ihm den Thron, seine Macht und sein Schloss entrissen hat, das erschließt sich mir nicht. Aber uns bleibt nicht viel Zeit, über dieser Frage zu sinnieren, denn schon fällt ein Schuss.

Ihr erinnert Euch an die Stelle am Starnberger See, wo Ludwig II. angeblich ertrunken ist (Kapitel 4). Schon verdächtig, dass man gerade dort freies Sicht- und Schussfeld hat, nicht war?

Wenn sich jemand selbst ertränken wollte, wieso täte er das gerade an so einer weit einsehbaren Stelle? Außerdem ist der See an der Stelle wirklich flach. Man kann im Wasser stehen. Und es war Juni, das Wasser war also auch nicht zu kalt.

Nein, wahrscheinlich war Ludwig II. nicht sofort tot, sondern schleppte sich noch zum See und wollte – man handelt in solchen Situationen ja nicht immer ganz rational – fortschwimmen. Aber bald gingen ihm die Kräfte aus.

Und Dr. Gudden? Hatte er den König wissentlich zu dieser Stelle geführt? Oder war er selbst geschockt und verstand plötzlich, dass auch er eine Marionette war? Um dies zu überlegen bleibt ihm und uns keine Zeit, denn da fällt ein zweiter Schuss. Der Psychiater ist tot.

Sechs Wochen später wird Schloss Neuschwanstein für Besucher geöffnet.

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Das Tragische an der Geschichte ist, dass die Schlösser, für die der König hingerichtet wurde, mittlerweile eine lukrative Einnahmequelle für den Freistaat Bayern sind. Auf lange Sicht haben sie sich rentiert. Aber dafür musste ihr Erbauer erst sterben. Nur 15 Jahre nach seinem Tod waren die Schulden alle abbezahlt.

Heute sind die Steine des Anstoßes das bekannteste Bild Bayerns, ja sogar Deutschlands, in der Welt. Niemand will das Hohenzollern-Schloss sehen, und nach Bismarck ist nur ein Fisch benannt. Ludwig II. würde darüber süffisant lächeln.

Wenn Wagner so talentiert wie Shakespeare gewesen wäre, hätte er ein Königsdrama daraus gemacht.

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Nach dem pompösen Schloss und der dramatischen Geschichte steht mir der Sinn nach Natur. Das Wasser im Alpsee ist glasklar. Man kann bis zum Grund sehen. Meine morgendliche Wäsche gestern (Kapitel 116) hat keine bleibende Gewässerverunreinigung hinterlassen.

Aber sogar beim König-Ludwig-II-Gedächtnis-Selbstmord-in-den-See-Springen muss man Schlange stehen. Dieser Harakiri erfreut sich insbesonderen bei japanischen Touristen großer Beliebtheit.

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Umgetrieben von offenen Fragen und der Furcht, diese der detailverliebten Leserschaft nicht beantworten zu können, gehe ich an das am Alpsee gelegene Haus der Bayerischen Könige.

In diesem Museum herrschen Einschränkungen, wie wenn man den König selbst besucht. Sogar die Kamera muss ich wegsperren, bevor ich die Ausstellung betreten darf. Was ich auf den Führungen in den Schlössern noch vollkommen verstand, ärgert mich in einem weit weniger frequentierten Museum. Ich fotografiere nämlich gerne die Tafeln mit den Erklärungen, um sie später in Ruhe zu lesen. Stattdessen muss ich mir jetzt alles aufschreiben, wozu ich bald die Lust verliere.

Und es ist schade, weil man von der Galerie im ersten Stock einen schönen Blick auf den Alpsee und auf Schloss Hohenschwangau hat.

Auch das Gebäude an sich ist interessant, außen alt, innen modern. 2012 erhielt es den Preis des deutschen Stahlbaus.

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Im Hausmuseum der Wittelsbacher wird natürlich stolz darauf hingewiesen, dass es sich dabei um eine der ältesten Dynastien der Welt handelt, die seit dem 11. Jahrhundert in der Politik mitmischt.

Durch eine zielstrebige Heiratspolitik herrschten sie als Könige von Schweden, Norwegen, Dänemark, Griechenland und Ungarn und als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Wittelsbacherinnen saßen auf dem Thron von Frankreich, Österreich, Schweden, Böhmen, Neapel (nicht Nepal) und Brasilien.

Könige von Bayern wurden sie allerdings erst 1806 dank Napoleon. Die Leute, die Angst vor einem Bundeskanzler aus Bayern haben, müssen sich also erst Sorgen machen, wenn sich Emmanuel Macron ebenso in die deutsche Politik einmischt wie er es im Libanon macht.

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Aber das Museum ist kein Ort der unreflektierten Lobhudelei. Über Ludwig II. heißt es: „Der sachlich unvorbereitete Monarch stieß bald an die Grenzen seiner politischen Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten“.

Der übertriebene Schlösserbau wird im Museum ebenso dargestellt, wie weitere Hirngespinste des Monarchen, z.B. der fliegende Pfauenwagen, der ihn über den Alpsee zu Schloss Hohenschwangau bringen sollte.

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Wer nur wegen des Kitsch-Schlosses hier ist, hat schon lange abgeschaltet, und so kann ich für die verbleibenden Geschichtsfreaks unter den Leserinnen und Lesern noch etwas über die Wittelsbacher im 20. Jahrhundert lernen. Aber vorher fällt mir ein, dass ich nachsehen wollte, was es mit dem angeblichen Nero-Befehl (Kapitel 171) auf sich hat.

„Gibt es hier ein Archiv?“ frage ich einen der königlichen Aufseher.

„Ja, aber das ist geheim.“

„Was?“

„Das Geheime Hausarchiv der Wittelsbacher ist zwar organisatorisch eine Abteilung des Bayerischen Hauptstadtarchivs, aber die Bestände gehören dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds oder stehen im Privatbesitz von Mitgliedern des königlichen Hauses.“

Er sagt tatsächlich „königliches Haus“. Vielleicht musste ich beim Eintritt die Kamera abgeben, um den Mittelaltermief nicht zu stören.

„Wenn Sie darin Akten einsehen möchten, benötigen Sie nach der Sondervereinbarung zwischen dem Haus Wittelsbach und dem Freistaat Bayern von 1923 die Zustimmung des Familienobersten des Hauses Wittelsbach.“

„Und wer hat den gewählt?“ bin ich versucht, zu fragen, aber ich gebe verzweifelt auf. Kein Wunder, dass der Tod von König Ludwig II. noch nicht aufgeklärt ist, wenn die Verwandten die Daumen auf den Akten halten. Gibt es eigentlich andere Länder, die so doof waren, ihren früheren Herrschern nach der Revolution Sonderrechte nicht nur über Grundbesitz und Schlösser, sondern sogar über die Geschichtsschreibung einzuräumen?

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So kann ich auch nicht überprüfen, was hier über die NS-Zeit behauptet wird: „Die Mitglieder der Familie Wittelsbach waren aus innerster Überzeugung Gegner der Nationalsozialisten, auch wenn sie in keiner Widerstandsgruppe aktiv waren.“ Das hört sich ein bisschen nach Durchlavieren an. Kronprinz Rupprecht gab auch während des Nationalsozialismus seine Hoffnung auf Wiedereinführung der Monarchie nicht auf.

Das wiederum fanden die Nazis nicht so toll. Sie befürchteten, dass Rupprecht zur Identifikationsfigur des Widerstandes werden würde. Der Verhaftung entzog er sich durch Flucht nach Florenz. Seine Frau Antonia, die Kinder und Erbprinz Albrecht, die er bei der Flucht irgendwie vergessen hatte, kamen in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau und Flossenbürg und in das SS-Sonderlager „Alpenhotel Ammerwald“.

Aber Ihr müsst Euch keine Sorgen um die Prinzen und Prinzessinnen machen. Sie hatten Sonderhäuser in den Konzentrationslagern, wo es ihnen vergleichsweise gut ging. Alle Mitglieder der Familie überlebten, anders als die Ostjuden, deren Ausweisung aus Bayern Kronprinz Rupprecht in den 1920er Jahren angeregt hatte. So ein Anti-Nazi war der Prinz nämlich gar nicht.

Aber das erfahre ich nicht im Museum, sondern muss es mir nachher mühsam anlesen. Ein Beispiel: Rupprecht schrieb 1923 in einer von ihm selbst verbreiteten Denkschrift: „Der Antisemitismus ist gegenwärtig aus begreiflichen und nicht ungerechtfertigten Gründen stärker denn je. Die Minimalforderung ist die Ausweisung der Ostjuden, die unbedingt erfolgen muss, denn diese Elemente haben vergiftend gewirkt.“

Vielleicht kein Zufall, denn 1923 versuchte sich Rupprecht zurück auf den Thron zu putschen, vorgeblich, um den Nationalsozialisten zuvorzukommen. Das klappte nicht, aber 1946 war er schon wieder zur Stelle. Er legte der amerikanischen Besatzungsmacht nahe, dass nur ein König die Garantie gegen das Fortleben des Nationalsozialismus gewähren könne.

Da hing jemand wirklich an der Macht.

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Den bleibendsten Eindruck scheinen die Konzentrationslager auf Prinzessin Irmingard hinterlassen zu haben. Als 19-jährige hatte sie noch versucht, allein über die Alpen in die Schweiz zu fliehen, wurde aber von der Gestapo verhaftet. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie als Autorin und in Gemälden.

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Die Nazis hatten nicht nur ein Auge auf die Königsfamilie, sondern auch auf deren Schlösser geworfen.

Neuschwanstein diente während des Zweiten Weltkriegs als Depot für Beutekunst. Es war perfekt dafür geeignet, weil es hunderte von leerstehenden Räumen gab, weil eine Heizung installiert war, und weil es so weit weg von der Front wie nur möglich lag. Außerdem hätten amerikanische Flieger niemals Bomben auf ein Gebäude geworfen, das sie aus den Disney-Filmen als das Schloss von Cinderella erkannten.

Die Nazis raubten bekanntlich Kunst sowohl von ermordeten Juden und anderen Zivilisten, als auch aus den Museen in den besetzen Ländern. Schloss Neuschwanstein war das Hauptdepot des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg, wo hauptsächlich aus Frankreich geraubte Kunst aufbewahrt wurde.

Als sich im Mai 1945 die Westalliierten den Alpen näherten, sollte die SS Neuschwanstein sprengen, um zu verhindern, dass es in ausländische Hände fällt. (Diejenigen, die sich gegen ausländische Besucher aussprechen – siehe Kapitel 119 –, stehen also in einer unseligen Tradition.) In den allerletzten Kriegstagen merkten aber auch die allerletzten SS-Männer, dass sich der Wind gedreht hatte. Und so verweigerte der eingesetzte SS-Gruppenführer die Sprengung, und die schon herannahenden „Monuments Men“ der US-Armee konnten die Schätze in Besitz nehmen, katalogisieren und weitgehend restituieren.

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Was hingegen niemals gefunden wurde, ist der Goldschatz der Deutschen Reichsbank, der am Ende des Zweiten Weltkriegs auf Schloss Neuschwanstein eingelagert wurde, in den letzten Kriegstagen aber an einen unbekannten Ort verbracht wurde.

Deswegen wird noch immer danach gebuddelt (siehe Kapitel 155), wobei mich nicht wundern würde, wenn darauf mindestens so ein derber Fluch liegt wie auf Tutanchamun.

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Als ich aus dem Museum trete, begegne ich wieder dem Herrn aus Fulda, den ich in der Schlange vor dem Ticket-Center kennengelernt habe (Kapitel 123). Überhaupt ist es nicht so touristenüberfüllt, fällt mir auf, denn ich erkenne immer wieder die gleichen Leute an den verschiedenen Schlössern, an den Rastplätzen, im Bus. Wahrscheinlich war 2020 wirklich die beste Möglichkeit für einen relativ entspannten Besuch in Hohenschwangau und Neuschwanstein.

Für die kommenden Jahre empfehle ich stattdessen die lange Wanderung.

Andererseits, wenn wir Glück haben, dauert die Pandemie noch einige Jahre.

E N D E

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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