„Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ von Daniela Dahn

Dass ich 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ein Buch aus ostdeutscher Perspektive lese und (als Westdeutscher) viel Neues – interessanterweise auch über Westdeutschland – erfahre, zeigt, wie wichtig solche Bücher noch immer sind.

Daniela Dahn legt gleich zu Beginn den Ton fest:

Die Einheit war eine feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen. Für die Sieger war das schönste an der friedlichen Revolution, dass sie nichts revolutionierte.

Okay, subtil wird es hier also nicht. Das stört mich nicht. Was allerdings ein bisschen stört ist, dass die Autorin für ihr Buch „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute: Die Einheit – eine Abrechnung“ die Methode des Gedankenstroms wählt, von dem sie selbst zugesteht, dass dieser gelegentlich in Stromschnellen, Strudel oder Seitenarme gerät.

Was man schon bei Swetlana Alexijewitsch lesen konnte, und was sich Viele im Westen bis heute nicht vostellen können, bestätigt Dahn: Der Wunsch nach Demokratie ging nicht unbedingt mit dem Wunsch nach Kapitalismus einher. Sogar Lothar de Maizière, der Vorsitzende der Ost-CDU, hatte sich nach dem Mauerfall für einen – natürlich reformierten – Sozialismus ausgesprochen. Ein schöner Satz diesbezüglich: „Die Zweitrangigkeit von Geld war unser Kapital.“ Es erleichterte den gesellschaftlichen Zusammenhalt und sparte Zeit und Lebensenergie, die man anderweitig, z.B. in Abenteuerreisen, investieren konnte.

Sehr instruktiv fand ich die Ausführungen zur unterschiedlichen Geschichtspolitik in Ost und West sowie ab 1990. Man kann die ostdeutsche Wut schon verstehen, wenn man liest, wie mit Ost-Professoren umgegangen wurde, nur um sie dann durch West-Professoren mit SS-Vergangenheit zu ersetzen. Warum musste der DDR-Rundfunk unbedingt durch einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier abgewickelt werden? Und warum mussten alle antifaschistischen Straßennamen getilgt werden, während Bundeswehrkasernen nach Nazi-Generälen benannt blieben? Warum kürzte das vereinigte Deutschland den Kämpfern gegen den Faschismus die in der DDR ausbezahlte Sonderrente, zahlte (und zahlt) aber Renten an ausländische ehemalige SS-Kämpfer?

Auch mit dem Mythos, in der DDR habe es keine Aufarbeitung des Holocaust gegeben, räumt Dahn auf, nicht zuletzt unter Verweis auf Tausende von Büchern und Filmen, schon lange bevor 1979 die Serie „Holocaust“ westdeutsche Fernsehzuschauer wachrüttelte. Nach der Wiedervereinigung wurde der staatlich verordnete Antifaschismus gestrichen. Stattdessen wurden die Ostdeutschen der Hitler-Obsession von Guido Knopp, Stern und Spiegel ausgesetzt, schreibt Dahn provokant, aber ich glaube, da ist etwas Wahres dran.

Zum Teil repräsentiert Dahn die Fakten aber tendenziös oder missversteht absichtlich etwas. Naturgemäß fällt mir dies am ehesten auf, wenn es um juristische Aspekte geht:

So war § 1300 BGB (Entschädigung für Geschlechtsverkehr nach Auflösung des Verlöbnisses) tatsächlich antiquiert. Nur verschweigt die Autorin, dass er genau deshalb seit den 1970er Jahren nicht mehr angewendet und 1998 gestrichen wurde.

Die Behauptung, die deutsche Einheit wäre fast an der Debatte um den § 218 StGB (Schwangerschaftsabbruch) gescheitert, erscheint mir auch überzogen. Dieser galt in den fünf neuen Ländern anfangs gar nicht. Nach dem Einigungsvertrag galt das DDR-Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft weiter. Das verschweigt die Autorin.

Mit der Aussage, Westdeutschland sei „der einzige Staat, der das Völkerstrafrecht gegen den Nazismus nie anerkannt hat“, kann ich gar nichts anfangen. Und dass die Alliierten in Westdeutschland die Diskussion um die Wirtschaftsordnung quasi verboten haben, stimmt auch nicht. Dazu muss man nur in Art. 15 des Grundgesetzes schauen. Das Grundgesetz war und ist einer sozialistischen Wirtschaftsordnung gegenüber ausdrücklich offen, was leider wenig bekannt ist.

Ein aufmerksames Lektorat hätte vieles ausbügeln können, aber dafür ist im Kapitalismus anscheinend kein Geld mehr da.

Dabei kritisiert Dahn durchaus zu Recht den westdeutschen Umgang mit dem Nationalsozialismus, die immer verspätete, halbherzige, zögerliche und oft nicht aufrichtige Aufarbeitung. Sie gesteht auch zu, dass sich beide deutschen Staaten nicht mit Ruhm bekleckert haben. Die DDR verspürte keine Verpflichtung gegenüber den nach Israel oder in den Westen ausgewanderten Juden. Und die BRD verweigerte Zahlungen an die Opfer in Osteuropa.

Nach zwei sehr interessanten ersten Teilen folgt im dritten Teil leider viel außenpolitische Schwurbelei mit Sympathien für 9/11-Verschwörungstheoretiker, für russische Propagandasender und für Slobodan Milošević. Der Gedankenstrom gerät teilweise in dubioses Fahrwasser (wie sich auch Daniela Dahn in dubiose Gesellschaft begibt). Den letzten Teil könnt Ihr aber auch getrost ignorieren, denn ich glaube irgendwie nicht, dass der Krieg im Jemen für das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen besonders wichtig ist.

Trotz vereinzelter Kritik empfand ich dieses Buch insgesamt als Gewinn.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ von Daniela Dahn

  1. Kain Schreiber schreibt:

    wenn ich nur mehr Zeit zum Lesen hätte….

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich glaube, ich lese so viel, weil es mich von den Dingen ablenkt, die ich eigentlich tun sollte. 🙂

      Aber was ich an Tricks empfehlen kann:
      – So wenig wie möglich Internet, insbesondere Facebook, Twitter, YouTube. Ich blockiere diese Seiten manchmal für mehrere Tage.
      – Ich habe kein internetfähiges Telefon. Wann immer ich aus dem Haus gehe, nehme ich ein Buch mit. Für den Zug, fürs Wartezimmer, für Pausen.
      – Keine Freunde, keine Beziehung, keine Familie. Die meisten Menschen sind auf Dauer eh nicht so interessant wie Bücher.
      – Und so wenig wie möglich Arbeit. Oder eine Arbeit, bei der man lesen kann (Nachtportier, Bibliotheksaufsicht).

    • Kain Schreiber schreibt:

      ja, das dachte ich mir schon, dass dein leben so ist und so sein kann. leider unterliege ich anderen zwängen z.bsp. der arbeit, die große teile meiner zeit beansprucht.
      vielleicht kommt irgendwann noch eine andere zeit für mich!
      so lange freue ich mich an u.a. deinen empfehlungen!

  2. Andreas schreibt:

    Schön, dass du das Buch mit Gewinn gelesen hast.
    Ich gestehe, dass ich auf deine Reaktion in Bezug auf Ganser gespannt war. Ich gehöre ja zu denen, die mit Verschwörungstheorien groß geworden sind. In der Schule haben wir gelernt, dass der Reichstag von den Nazis angezündet wurde, nach 1990 galt das dann als Verschwörungstheorie. Dass jetzt in meinem Commie Blättl Junge Welt stand, dass sich tatsächlich Zeugenaussagen gefunden haben, die die Verschwörung unter Eid bestätigten, ändert nur rein gar nichts mehr am jetzt herrschenden Narrativ.
    Ich kann nicht beurteilen, wie populär Ganser hier in Sachsen ist, aber er wird gerade von Menschen, die keine Rassisten und Fremdenfeinde sind eher positiv bewertet. Zumindest habe ich auch von solchen Ganser Youtube Links geschickt bekommen (die ich mir dann doch nicht ansah ;-)). Besonders wurde ich überrascht, als mich meine Tochter nach Ganser fragte.
    Sie bekam 2019 folgende Hausaufgabe im Geschichtsunterricht: Mehrperspektivität in Bezug auf den Ukraine Konflikt. Vergleiche verschiedener Quellen, zb. Zeitung / Fernsehen mit z.B. Ganser oder Sputnik ;-). Der Geschichtslehrer ist ein jüngerer Mann, der u.a. in Prag Geschichte studiert hat. Ein gläubiger bürgerlicher Humanist (wie der Ganser?) lenkt unsere Kinder in die Arme des Feindes ;-).
    Ganser trat übrigens nun schon zum zweiten mal im Rahmen der angesehenen Dresdner Jazztage auf (Jazzfreunde eher liberal und weltoffen?). Die Gegner kläfften etwas, dann war Ruhe. In Bautzen ist eine zugezogene Westgrüne Amok gelaufen, weil ein Ganser Vortrag auch von den örtlichen Honoratioren besucht wurde. Sie hat es unter Kampf gegen Rechts eingeordnet, Twitter Tobsuchtsanfall bekommen, Gegner gesperrt…wie man heute diskutiert halt ;-). Am Ende ist sie wieder in den Westen gezogen. Die Dame (noch sehr jung) wusste vielleicht nicht, dass wir 1990 mit Schlagwörtern wie Pluralismus und Meinungsfreiheit (und nicht nur mit Bananen) ins Land gelockt wurden.
    2019 hat Hans Eckardt Wenzel (Hallo Herr Kulturbanause, zu Liedern gehören Texte, wenn die eine gewisse Qualität haben, sind sie schon Literatur, oder? ;-)) den Kamenzer Lessingpreis erhalten. In seiner Rede (absolut hörenswert übrigens) äußerte er den Verdacht, dass heute unter dem Schlagwort „Verschwörungstheorie“ kritische Ansichten delegitimiert werden (er hat das schöner und schärfer ausgedrückt, aber leider gibt es die Rede nur auf Papier oder als Audio). Bei einer Lesung diesen Februar (ja, das waren noch Zeiten) sagte Daniela Dahn fast wörtlich das gleiche. Nun sind Dahn und Wenzel Persönlichkeiten, denen ich voll vertraue…wie nennt man das? Moralische Instanzen ;-). Habe mich gefragt (damals hatte ich das Buch noch nicht), auf wen und was sie das bezieht und mir fiel nur der Ganser ein.
    Den kann ich hier leider nicht verteidigen, da ich nicht viel von ihm kenne. Außerdem scheint er ein ziemlich guter Selbstvermarkter zu sein, weshalb er mir als Wissenschaftler an einer renommierten Universität seriöser vorkam. Seine Theorien?
    Sagen wir es mal so, alles was er so in Hinblick auf den 11.9.2001 und über die Stay behind Geschichten sagte finde ich plausibel. Oder anders, denen, die er beschuldigt, traue ich eh grundsätzlich alles zu. Ob am 11. September eine false flag gezündet wurde, oder dieser Anschlag als Anlass genommen wurde, einen von Lügen durchsetzten, nunmehr fast 20 jährigen war on terror mit unzähligen Opfern zu beginnen (wird jetzt niemand ernsthaft bestreiten), spielt aber eigentlich keine Rolle (weshalb ich Ganser dann doch nicht gelesen habe). Es sind die ersten 3000 von ein paar Millionen Opfern eines Krieges, der nicht aufhören will. Diejenigen, die die Lügen dieser Kriegstreiber aufdeckten, was damals noch in den großen Blättern des Westens publiziert wurde, verschimmeln heute in Belmarsh oder beantragen gerade die russische Staatsbürgerschaft.
    Abgesehen davon widert es mich an, dass wegen 3000 Amerikanern ein Riesenbohei gemacht wird, während die Opfer im Irak und in Afghanistan und anderswo als Untermenschen (nicht wörtlich, aber faktisch) nicht zur Kenntnis genommen werden. Ja, mein Verhältnis zum Westen hat sich seit dem Beginn des war on terra extrem abgekühlt, das lese und höre ich auch bei Dahn und Wenzel und anderen heraus.
    In der Folge kam dann der seltsame Begriff auf. Verschwörungstheorie auf, mittlerweile auch Verschwörungsideologie.
    Nur, als Ostdeutscher krieg ich da regelmäßig einen Lachanfall, wenn in staatstragenden Medien vor „Verschwörungsideologie“ gewarnt wird. Das klingt wie Politbüro in den letzten Zügen. Mit solchen Buzzwords wurden wir damals auch gewarnt, nicht auf die Sirenengesänge der feindlicher Propaganda hereinzufallen. Heute ist jeder, der Schwachsinn verbreitet gleich Verschwörungsideologe (wo ist der westliche Pluralismus geblieben?). Früher waren das einfach (tolerierte) Irre und Spinner und trotzdem auch (geachtete?) Grünenwähler (Esos, Impfgegner..oh, was sind eigentlich Oberpälzer Katholiken, die an das Märchen von Therese von Konnersreuth glauben?). Ganser in diesen Zusammenhang zu stellen ist erkennbar eine Beleidigung und Erniedrigung (für ihn und seine Leser). Du bist keine Opposition oder Gegner, du bist Abschaum!
    Noch ein paar Bemerkungen zur Lage hier vor Ort ;-).
    Hier im Osten hat es ja die NATO schwer, die Ministerpräsidenten sind alle verkappte Russenfreunde, selbst bei CDU und FDP scheinen die Sympathien eher im Osten zu liegen (Lokalmeldung im Frühjahr: CDUler wollen Tag der Befreiung stärker würdigen und zum Feiertag machen). Wenn nun, wie zum Beispiel Ingo Schulze beklagt, die Ostler in den Führungspositionen (auch in der Verwaltung) krass unterrepräsentiert sind, so kann das ja durchaus begründbar (aber nicht sagbar) sein. Hier gibt es einfach zu viele unsichere Kantonisten, die sich denken, der Westen hat Macht und Geld, wir haben unsere Überzeugungen, also geht scheißen (weil, werden können wir in dem Staat offenbar eh nichts?). In dem Zusammenhang fällt mir „Wie ich meine Zeitung verlor: Ein Jahrebuch.“ von Birk Meinhardt ein. Ein Buch, welches von der Entfremdung des Autors von der SZ (der Münchner), wo er als Edelfeder lange Jahre arbeitete, handelt, dass sowohl in der Jungen Welt als auch in meiner SZ (der sächsischen ;-)) positiv rezensiert wurde. Könnte man mal lesen ;-).

    • Andreas Moser schreibt:

      Gut, die (Oberpfälzer) Katholiken reden tatsächlich genauso wirres Zeug, da stimme ich dir zu. Aber im Gegensatz zu Verschwörungstheorien will Religion meist niemand anderen als Urheber allen Übels darstellen (mit Ausnahme des christlichen Antijudaismus, der sich dann zu antisemitischen Verschwörungstheorien weiterentwickelt hat – weshalb ich auch nicht die Meinung teile, dass „Verschwörungstheorie“ so ein neuer Begriff oder gar, wie Frau Dahn schreibt, von der CIA erfunden worden sei).

      Verschwörungstheorien bezüglich Terroranschlägen, die etwa 3000 Tote vor den Augen der Weltöffentlichkeit nach sich gezogen haben, halte ich mangels faktischer Anhaltspunkte und weil dann doch erstaunlich viele Leute dicht halten müssten, für absurd.
      Dass sich die damalige US-Regierung die Anschläge zunutze gemacht hat, um endlich Saddam Hussein auszuschalten, der damit (ich glaube, das ist mittlerweile unumstritten) nichts zu tun gehabt hatte, ist eine andere Tatsache. Aber das begründet keinen Verdacht der Partizipation an den Anschlägen. (Und in Deutschland findet die deutsche Beteiligung an der Irak-Massenvernichtungswaffen-Geschichte [„Curveball“] erstaunlich wenig Beachtung, wobei ein baldiger Kinofilm das vielleicht ändern wird.)

      Dass Länder wegen eigener Opfer auf eigenem Territorium immer einen größeren Bohei machen als um Opfer anderswo, ist nichts USA-Typisches. Wir trauern auch mehr um abgesoffene Keller an der Elbe als um ertrunkene Menschen im Mittelmeer.

      Den Tag der Befreiung zum Feiertag zu machen, findet auch meine Zustimmung:
      https://andreas-moser.blog/2020/05/08/schlussstrich/

      Zurück zu dem Buch „Schnee von gestern“: Ich fand die ersten zwei Abschnitte so wichtig, dass ich es schade fand, dass sie mit dem damit eigentlich nicht zusammenhängenden dritten Abschnitt in einen Topf geworfen wurden.
      Gerade heute habe ich wieder an die Umbenennungswelle 1990 gedacht, auf die ich erst durch dieses Buch aufmerksam wurde, als ich einen Podcast über die kommunistische Widerstandskämpferin Ilse Stöbe hörte. In der DDR war immerhin eine Berufsschule nach ihr benannt, die dann in Friedrich-List-Schule umbenannt wurde.

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