Zeit für einen Schlussstrich! Nein! Doch! Warum?

Pünktlich zum 75. Jahrestag des 8. Mai 1945 läuft zum 75. Mal die Diskussion, ob es ein Tag der Befreiung und/oder/auch ein Tag der Niederlage war, wie man (sich) daran erinnern soll und ob der 8. Mai ein Feiertag werden soll. Letzteres ist für mich die einfachste Frage. Feiertag ist immer besser als kein Feiertag.

Und dann gibt es noch diejenigen, die gar nicht erinnert werden wollen, sondern finden, dass es Zeit für einen Schlussstrich sei. Mit denen muss ich, auch weil ich mich auf diesem Blog oft mit deutscher Geschichte beschäftige, manchmal diskutieren. Um Euch das entweder zu ersparen oder Euch für ähnliche Diskussionen zu rüsten, gebe ich den Verlauf solcher Diskussionen im Folgenden wörtlich wieder.


Ich: Heute, am 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation…

Schlussstrich-Mensch: Nicht schon wieder! Irgendwann muss doch mal Schluss sein.

Naja, es war doch Schluss am 8. Mai 1945. Zumindest offiziell. Das ist ja genau das, was wir jetzt feiern oder in Erinnerung rufen.

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Scheiß auf die Erinnerung. Wie lange sollen wir uns denn noch schämen für das, was passiert ist, als meine Großeltern Jugendliche waren? Nimmt das denn nie ein Ende?

Es verlangt doch gar niemand, dass Sie sich schämen. Sie können sich fühlen, wie Sie wollen. Wenn Sie Grund zum Schämen verspüren, dann ist das Ihre persönliche Entscheidung.

Überhaupt nicht schäme ich mich! Ganz im Gegentum. Auch wir Deutsche können stolz auf unsere Geschichte sein.

Worauf denn genau?

Auf Goethe und Schiller.

Das waren Schriftsteller. Was haben die mit Geschichte zu tun?

Auf Luther.

So, so, gerade auf den alten Antisemiten.

Auf Barbarossa.

Oh, da könnte ich jetzt einiges zum Angriffskrieg, zum rassistisch motivierten Vernichtungskrieg, zu Kriegsverbrechen und zum Holocaust sagen.

Aber ich nehme mal zu Ihren Gunsten an, dass Sie den Typ mit dem Bart meinten.

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Ja, den meinte ich.

Der im Fluss ertrunken ist, weil er zu doof war, die Ritterrüstung auszuziehen? Aber egal, ich will auf etwas Ernstes hinaus:

Merken Sie, dass Sie nur Beispiele gewählt haben, die sehr lange zurück liegen?

Na und? Deutschland hat eben eine tausendjährige Geschichte. Mindestens.

Das liegt aber alles viel länger zurück als der Nationalsozialismus. Wenn Sie also einen Schlussstrich verlangen, weil es „schon so lange her“ sei, dann muss der Schlussstrich doch erst recht für Goethe, Schiller, Luther und dubiose Kaiser aus dem 12. Jahrhundert gelten.

Aber darüber hört man nie etwas! Immer nur Nazis und Krieg, ständig und überall.

Also, für das, was Sie lesen, hören und sehen, sind Sie doch selbst verantwortlich. Es gibt ja nun wirklich keine Knappheit an Informationen. Jede Bibliothek hat genügend Bücher übers Mittelalter oder über Bismarck, da können Sie Ihr ganzes Leben lang lesen, ohne über ein einziges Konzentrationslager zu stolpern.

Aber schalten Sie doch mal den Fernseher an. Was sehen Sie? Immer die gleiche Nazischeiße. Ich kann es nicht mehr hören!

Ich sehe im Fernsehen auch viel, das ich kaum ertragen kann: Fußball, Volksmusik, Autorennen, Karneval, Börsenberichterstattung und allerhand anderen Unfug. Dann schalte ich halt ab oder um. Welche Artikel aus der Zeitung ich lese, entscheide ich. Welches Buch ich aus der Bibliothek hole, entscheide ich. Mit welchem Thema ich mich befasse, entscheide ich.

Und den Lesern, die sich beschweren, dass es hier oft um schwere Geschichte anstatt um leichte Geschichten geht, muss ich sagen: Ja, ich studiere Geschichte, ich interessiere mich dafür, und deshalb ist das hier auch ein Geschichtsblog. Wenn Euch das nicht gefällt, geht halt zu einem Reiseblog, zu einem Fußballblog oder meinetwegen zu einem Katzenblog.

Aber es fängt ja schon in der Schule an. Unsere Kinder werden indoktriniert. Sie werden regelrecht zum Selbsthass erzogen. Wir sind das einzige Volk, dass sich bis zur Selbstzerstörung moralisch im Dreck suhlt, weil wir einen Krieg verloren haben.

Niemand wird zum Hass erzogen, sondern zum Nachdenken. Und wie unser Gespräch zeigt, können Menschen, die durchs gleiche Schulsystem gegangen sind, durchaus mit ganz anderen Auffassungen dabei herauskommen. Das spricht gegen die These von der Indoktrination.

Ich sehe auch keine „Selbstzerstörung“ und kein „im Dreck suhlen“. Da gilt das Gleiche, was ich vorher zum Schämen gesagt habe. Wenn Sie denken, dass Sie Anlass dazu haben, dann liegt das bei Ihnen. Im Übrigen, das ist ein großes Missverständnis, geht es nicht darum, dass das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg verloren hat. Es geht darum, dass es ihn begonnen hat, wie es ihn geführt hat, und es geht vor allem um den Holocaust.

Warum hackt die ganze Welt immer nur auf Deutschland herum? Alle anderen haben auch schlimme Sachen gemacht.

Erstens nicht alle. Zweitens ist nichts mit dem Holocaust vergleichbar. Drittens gehen der Zweite Weltkrieg und der Völkermord nun wirklich unbestreitbar auf das Konto Deutschlands.

Und dieses angebliche „Herumhacken“ auf Deutschland erkenne ich auch nicht, weder im politischen Rahmen, noch persönlich, wenn ich in andere Länder fahre. Selbst in Ländern, wo erst vor 80 Jahren deutsche Soldaten eingefallen sind und gemordet und geplündert haben, hat mir das noch nie irgendjemand persönlich vorgehalten. Überall, von Polen über Litauen bis in die Ukraine und Jugoslawien bin ich herzlich empfangen worden.

Ha, sehen Sie: Sie machen schon wieder unsere Soldaten herunter!

Wieso „unsere“? Sie sehen gar nicht so alt aus, wie wenn Sie zur Generation Volkssturm gehören. Und ja, ich sehe tatsächlich nicht ein, wieso Soldaten, die einem verbrecherischen Regime gedient haben und dabei verbrecherische Taten begangen haben, Respekt verdienen.

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Die haben nur ihre Befehle befolgt.

Ach, die alte Eichmann-Verteidigung.

Ich weiß, dass sich beides in der Bevölkerung hartnäckig hält (und halten will), aber sowohl der Mythos von der sauberen Wehrmacht als auch der Mythos vom Befehlsnotstand sind widerlegt.

Die einzigen, die Respekt verdienen, sind Deserteure, Widerständler und diejenigen, die menschlich blieben. Dafür gibt es ja auch Beispiele, wenn Sie schon auf irgendjemanden stolz sein wollen.

Sehen Sie, es war nicht alles schlecht!

Genau. Auch im Frühjahr 1945 schien die Sonne und sangen die Vögel, trotz 12 Jahren Nazi-Herrschaft.

12 Jahre, Sie sagen es! Das ist doch ein Fliegenschiss in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.

Keine Ahnung, wie Sie gerade auf 1000 Jahre deutscher Geschichte kommen. (Obwohl, doch, eine gewisse Ahnung habe ich.) Und das mit dem „erfolgreich“ geht mir auch nicht so ganz ein.

Aber das Zitat des AfD-Fraktionsvorsitzenden belegt, dass absolut keine Zeit für einen Schlussstrich unter die Geschichte ist. Denn in allen deutschen Parlamenten sitzen wieder Faschisten. Angehörige von Minderheiten werden wieder bedroht, angegriffen und ermordet. Rechtsradikale unterwandern Polizei und Militär. Der Antisemitismus ist überhaupt nicht zurückgedrängt. Menschenverachtende Rhetorik breitet sich aus. Und die ständige Forderung nach einem „Schlussstrich“ gehört zu dieser nationalistischen Ideologie. Und was soll so ein Schlussstrich eigentlich für die noch Lebenden signalisieren, die als Kinder in Konzentrationslagern oder in Gestapo-Gefängnissen waren?

Aber mit dem „Denkmal der Schande“ hat Höcke doch Recht. Warum gibt es keine Mahnmale für die Verbrechen der Alliierten?

Stellen Sie halt eins auf, wenn Sie wollen.

Dieser Ausspruch zeigt übrigens ganz deutlich, dass es um Geschichtsrevisionismus geht. Eine Verfälschung der Tatsachen. Da soll eine künstliche Version von Geschichte erschaffen werden, wo alles funkelt und glänzt, so wie man es im 19. Jahrhundert machte, um Nationalgefühl zu schaffen. Das ist eine vollkommen antiquierte, überholte, unwissenschaftliche Auffassung von Historiographie. Das ist Geschichte auf Kindergartenniveau.

Und was ist das eigentlich für ein Patriotismus, der die Geschichte des eigenen Landes bis zur Unkenntlichkeit verkürzen und verfälschen muss, um es erträglich zu finden?

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Wieso darf ich nicht einfach sagen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein? Alle anderen Nationen auf der Welt können das sagen, ohne dass man ihnen gleich einen Nazi-Vorwurf macht.

Natürlich dürfen Sie das sagen. Ich glaube, das mit dem Nazi-Vorwurf bilden Sie sich wieder nur ein.

Es ergibt nur keinen Sinn, auf etwas stolz zu sein, wozu man nichts beigetragen hat. Ich nehme an, Sie wurden als Deutscher geboren.

Natürlich!

Tja, dann ist das keine Leistung. Stolz kann man sein, wenn man einen Marathon läuft. Meinetwegen auch einen Halbmarathon. Stolz kann man vielleicht sein, wenn man ein schönes Bild gemalt hat. Oder wenn man nach langem Üben den slawonischen Tanz Nr. 8 von Dvořák fehlerfrei spielen kann. Oder wenn man den Ärmelkanal durchschwimmt. Ich bin manchmal stolz, wenn mir ein Artikel gelungen ist, aber selbst das finde ich schon fraglich. Denn kann ich etwas für mein Talent? Vielleicht ist es einfach nur Glück, so wie Ihr und mein deutscher Pass.

Wenn überhaupt jemand stolz darauf sein kann, Deutscher zu sein, dann derjenige, der sich auf den langen Weg aus Afghanistan hierher gemacht hat, durch die Ägäis geschwommen und über die Alpen gewandert ist, Deutsch gelernt hat und dann nach vielen Jahren Deutscher wird. Das ist eine Leistung! Bei uns beiden war es nur Zufall. Hundert Kilometer weiter südlich, östlich, nördlich oder westlich, und wir wären Dänen, Schweizer, Luxemburger oder Polen.

Dann könnte ich wenigstens stolz sein auf mein Land!

Ah, dann geht es also gar nicht um Deutschland? Ihnen liegt am Stolz auf die Nation als solches, (fast) egal welche?

Jawohl!

Dazu hat der große National- und Vaterlandsphilosoph Schopenhauer schon das Wichtigste gesagt:

Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.

So ein Verräter!

Übrigens, eine Sache wollte ich noch zum Ihrem „12 Jahre“-Zitat sagen. Das ist auch eine bewusste Verfälschung, die nahelegen soll, dass bis 1933 alles super war in Deutschland und dann, wie aus heiterem Himmel, Herr Hitler vorbeikam, die Deutschen irgendwie verführte oder zwang, und nach 12 Jahren war wieder alles gut. Ein Ausrutscher gewissermaßen.

Das ist natürlich vollkommen falsch. Der Nationalsozialismus begann lange vor 1933. Der Antisemitismus begann lange vor dem 20. Jahrhundert. Der Rassismus gegen Sinti und Roma hatte eine Tradition über Jahrhunderte. Ebenso das Überlegenheitsgefühl gegenüber Slawen. Der Nationalsozialismus fiel nicht „auf fruchtbaren Boden“, wie man so verharmlosend sagt, er entstand aus der Breite der Gesellschaft.

Und dass der Mythos von den 12 Jahren als Ausnahmezeit so viel Anklang findet, zeigt dass wir noch viel mehr über die Geschichte sprechen müssen.

Noch mehr? Es läuft doch schon jeden Abend etwas auf N24.

Ich meine nicht den oberflächlichen, sensationsheischenden Klimbim über „Hitlers Wunderwaffen“ oder „Hunde an der Front“.

Viel wichtiger fände ich die Hintergründe und Zusammenhänge, die bis heute relevant sind. Wie entsteht Faschismus? Was sind die ersten Warnzeichen? Warum hält sich Antisemitismus in einem Land, in dem dessen schlimmste Auswüchse jedem bekannt sind? Warum finden selbst Leute, die keine Rassisten sein wollen, nichts dabei, abfällig über „Zigeuner“ zu sprechen? Was lernen wir für die Flüchtlingspolitik aus den Millionen von Deutschen und Österreichern, die vor zwei oder drei Generationen fliehen mussten? Warum werden in sozialpolitischen Debatten Nazi-Begriffe wie „asozial“ oder „arbeitsscheu“ verwendet? Gibt es geistige Kontinuitäten vom T4-Programm zu denjenigen, die die Alten dem Coronavirus opfern wollen, damit die Wirtschaft boomt?

Also, das wird mir jetzt alles zu kompliziert.

Und es wird noch schlimmer für Sie. Auch wenn Sie Ihren Nationalstolz aus anderen historischen Epochen ziehen wollen, so werden Sie da allerhand dunkle Flecken finden. Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg, Kreuzzüge. Kolonialismus. Völkermorde in Afrika.

Ach, mir reicht’s. Sie haben mir den Nationalstolz so versaut, ich besinne mich jetzt nur mehr auf meine christlich-abendländische Identität.

Aber feiern Sie bitte kein Weihnachten! Dabei geht es nämlich um ein Ereignis von vor 2000 Jahren. Und da ist wirklich mal ein Schlussstrich angebracht, nicht wahr?


Tja, irgendwann führt so ein Gespräch nicht mehr weiter. Wenn Ihr mit so Leuten sprecht, werdet Ihr ziemlich bald merken, dass sie objektive Aufarbeitung der Geschichte für ein ärgerliches Hindernis auf dem Weg zu nationaler Größe halten. Dabei ist ironischerweise gerade die etwas kritische Herangehensweise an die eigene Geschichte das, worauf man noch am ehesten stolz sein könnte.

Wann hat diese Schlussstrichdebatte eigentlich angefangen? Ich vermute, und das meine ich nicht einmal ironisch, es war am Morgen des 9. Mai 1945. Der deutsche Opfermythos ward geboren, noch bevor alle Toten aus den Konzentrationslagern begraben wurden. Schon zur ersten Bundestagswahl plakatierte die FDP so:

Schlußstrich_drunter_-_FDP_election_campaign_poster,_Germany_1949

Links:

  • Eine ähnliche, aber inhaltlich ergiebigere Diskussion habe ich mit einem Reichsbürger geführt. Da kann man wirklich noch etwas lernen. (Von mir, nicht von ihm.)
  • Und Vorsicht, hier gibt’s noch mehr Geschichte.
  • Viele Punkte, die ich in diesem Gespräch nur angerissen habe, würden eine Vertiefung verdienen. Wenn Ihr daran interessiert seid, freue ich mich über jede Unterstützung für diesen Blog! Und falls sich wieder so viele „patriotische“ Hobbyhistoriker melden wie auf meinen Artikel über Babi Jar hin, dann werde ich mir von den Spenden eine Flasche Ouzo kaufen müssen, um das zu ertragen.
  • Dieser Artikel erschien auch als Gastbeitrag auf „Alles über Litauen“, einem sehr guten Litauen-Blog von Andreas Kuck. Da erfahrt Ihr nicht nur alles Wichtige für die Reise in dieses sehr empfehlenswerte Land, sondern auch Hintergründe zur Geschichte, Gesellschaft, Kultur und Literatur.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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30 Antworten zu Zeit für einen Schlussstrich! Nein! Doch! Warum?

  1. Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

    haha,die haben schon damals erkannt,dass in Dt.wenige wissen,was liberal bedeuted,deshalb lieber ‚freiheitliche partei’….da kann sich vieles verkriechen…

    • Andreas Moser schreibt:

      Und die FDP war gerade zu Beginn der Bundesrepublik ziemlich nationalistisch. Sie stellte sich nicht nur gegen die Entnazifizierung, sondern forderte die Freilassung aller inhaftierter Nazi-Kriegsverbrecher.
      In den 1960er Jahren hat sich die Partei geändert, aber es gab immer wieder nationalliberale Flügel oder Gruppierungen. Und vor kurzem sahen wir ja in Thüringen, dass viele in der FDP auch kein Problem in der Zusammenarbeit mit Faschisten sehen, solange nur die Steuern niedrig bleiben.

  2. Carla Primavera schreibt:

    Ein Graffiti, das ich in Griechenland entdeckte, drückt das Thema etwas weniger vornehm als Schopenhauer, aber eindringlich aus: „Nationalismus ist wie der (sorry) Furz. Bringt Erleichterung und stinkt fürchterlich“.
    Nur ein Beispiel dafür, dass Nationalismus überall auf der Welt präsent ist. Was ja auch bei internationalen Sport-Events ganz gut zu beobachten ist.
    Wer als Deutscher in einem Land lebt, das durch die Nazi-Besatzung unzählige Opfer zu betrauern hatte, wird auch nach 75 Jahren noch mit selbiger in einen Topf geworfen. Auch und gerade deshalb kann von Schlussstrich keine Rede sein.

    • Andreas Moser schreibt:

      Mich würde interessieren, wie das für dich persönlich aussieht.
      Denn wie ich geschrieben habe, ist mir persönlich noch nie die deutsche Besatzung übel genommen worden. Obwohl ich in vielen Ländern war, die schrecklich darunter gelitten haben. Insbesondere in Osteuropa habe ich leider oft das Gegenteil erlebt, nämlich dass Litauer oder Esten die deutsche Besatzung gelobt haben, weil die ja „so anständig waren“. Das hängt dann mit dem dortigen Antisemitismus zusammen, der die Juden nicht als Bestandteil der eigenen Nation anerkennt, und natürlich auch mit der viel längeren Sowjetbesatzung, mit der ein Vergleich gezogen wird.
      Anti-deutsche Ressentiments habe ich in Italien erlebt, aber ich hatte den Eindruck, dass es da eher um die Finanzpolitik in der EU ging.

  3. Moritz Wessels schreibt:

    Wunderbares Plakat mit formvollendeten Doppel-SS.
    Einrahmen und im sächsischen Landtag aufhängen.

  4. Benjamin Franz schreibt:

    Aber mit dem „Denkmal der Schande“ hat Höcke doch Recht. Warum gibt es keine Mahnmale für die Verbrechen der Alliierten?

    Stellen Sie halt eins auf, wenn Sie wollen.

    Klasse Punkt. Könnte man in der Tat machen. Nur kann man bspw. das Erschießen von SS-Leuten in kanadischer Kriegsgefangenschaft eben nicht verstehen, ohne aufzuzeigen, was die SS war und was sie so ’schönes‘ (an u. a. Kanadiern) getrieben hat.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich dachte, ob ich das Dresden-Beispiel ansprechen soll. Wo man dann auch auf den totalen Krieg, auf den fatalistischen Durchhaltewillen und darauf hinweisen muss, dass es in Deutschland keinen Aufstand gegen das Regime gab, selbst als der Krieg offensichtlich verloren war.

    • Benjamin Franz schreibt:

      Auch ein sehr gutes Beispiel, welches ich mit meinem heutigen LEGO-Modell, implizit anspreche.

      Ach diese Doku zu „Hunde an der Front“ gibts die wirklich? Gibt ja alles. Letztens gab es im ZDF was zum Walfang in der NS-Zeit.

    • Andreas Moser schreibt:

      Die „Hunde an der Front“ sollten ein Witz sein. Aber ich bin 100% sicher, dass es das schon gab!

      Das mit dem Walfang haut mich um. Gerade gestern habe ich „Moby Dick“ ausgelesen und habe wegen des bösen Endes schon schlecht genug geschlafen. Und jetzt kommen auch noch Nazi-Waljäger dazu!

    • Andreas Moser schreibt:

      Vor kurzem haben wir uns noch über Tiere lustig gemacht, jetzt ist ein Buch dazu erschienen: „Tiere im Nationalsozialismus“ von Jan Mohnhaupt.

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  7. Frank Schulze schreibt:

    Ich musste schmunzeln. Nicht nur 1x.

    • Veronika Freh schreibt:

      Ich bin mit dir einer Meinung. Geschmunzelt hab‘ ich zweimal, (da zweimal gelesen)und weil dies wieder einmal ein hervorragender Beitrag war und ist, der unbedingt einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden soll.

      Grosses Kompliment und Lob an dieser Stelle an Andreas Moser !* 👍😉❤️

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, vielen Dank, Veronika und Frank! Dann hat sich die Mühe gelohnt. Es würde mich natürlich auch freuen, wenn Ihr den Artikel ein wenig teilt und herumschickt.

  8. Veronika Freh schreibt:

    Bei uns in Österreich ist der heutige Tag kein Feiertag, sehr wohl aber ein Gedenktag mit zahlreichen Veranstaltungen.

    Ich gehe davon aus, dass es heute zahlreiche Beiträge zu diesem Thema geben wird, aber ich möchte es nicht unerwähnt lassen 😉
    Heute vor 75 Jahren:
    8. Mai 1945: Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. In der Nacht vom 8. auf den 9 Mai wurde die Kapitulationsurkunde der Deutschen Wehrmacht unterzeichnet.
    Österreich feiert diesen Tag außerdem als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus.
    Am Wiener Heldenplatz findet seit 2013 das „Fest der Freude“ statt, allerdings ist es dieses Jahr ein virtuelles Fest. Das Fest, das dieses Jahr zum 8. Mal stattfindet, wird vom Mauthausen Komitee veranstaltet. Die Wiener Symphoniker geben jedes Jahr ein Gratiskonzert in diesem Rahmen und Zeitzeugen halten eine Rede.
    Warum gibt es dieses Fest erst so kurz, da doch das Kriegsende schon 75 Jahre her ist?
    Kurzgefasst – zuvor gab es an diesem Tag andere Feierlichkeiten: Seit den 1990er-Jahren fand das Totengedenken mit Kranzniederlegung des Wiener Korporationsringes vor der Krypta des Äußeren Burgtores statt. Diese Krypta war in den 1930er-Jahren als Gedenkraum für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs geschaffen worden.
    Ab 2002 gab es Verbotsdiskussionen darüber und schlussendlich setzte sich die Meinung durch, dass am 8. Mai nicht die Niederlage der deutschen Wehrmacht betrauert werden sollte. Seit 2013 hält das österreichische Bundesheer nun am 8. Mai eine Mahnwache vor dem Äußeren Burgtor für die Opfer des Nationalsozialismus ab.
    Stattdessen feiert man seit 2013 das Ende des Krieges – es soll ein freudiger Tag sein.
    Zitat: „Der 8. Mai ist ein Tag der Freude über das Ende der NS-Herrschaft in Europa und ist dem Gedenken an die Opfer der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gewidmet.“ (Quelle: Mauthausen Komitee; https://www.festderfreude.at/de/das-fest/der-8-mai)

    • Frank Schulze schreibt:

      Man möchte sich nicht ausmalen wie Europa heute aussehen würde, hätten die Nazis die Sowjetunion besiegt. Vermutlich ähnlich wie Nordkorea.

    • Veronika Freh schreibt:

      Gottlob ist das „….was wäre, wenn…“ Spiel für alle – *sorry* „Beteiligten“ so ausgegangen, wie wir es jetzt schon 75 Jahre lang erleben dürfen…👍

      Wir Österreicher waren dann ja noch in vier Besatzungs – Schutzzonen ( wenn man diese so nennen darf) ein- und aufgeteilt. Franzosen, Engländer, Russen und Amerikaner haben aufgepasst, das nix mehr „passiert“, ehe es dann 10 Jahre später, am 15.Mai 1955 zum Staatsvertrag kam und im Spätherbst der letzte Besatzungs -Soldat unser Land verlassen hat.( Staatsfeiertag : 26. Oktober )

  9. wie kann man über einen Schlussstrich diskutieren ohne ihn vorher zu definieren?

    • Frank Schulze schreibt:

      Es wird ja oft gesagt „Schlussstrich weil schon so lange her“. Für Geschichte gibt es aber keinen Schlussstrich. Ganz im Gegenteil. Man versucht sie so detailreich wie möglich zu dokumentieren. Entsprechende Beispiele zu historischen Figuren, die man eben nicht wegdenken kann, nennt ja auch der Text.

    • naja, ich denke so kann man den Begriff nicht sinnvoll definieren, weil das immer für alle historischen Ereignisse gilt. Auch die Punischen Kriege werden von Fachhistorikern so detailreich wie möglich dokumentiert. In dieser Definition gibt es keine Schlussstriche und eine Diskussion darüber ist per se unsinnig. Auch in dem Beitrag werden die Argumentationsstränge nicht sauber getrennt. M.E. kann eine „Schlussstrich“ Diskussion sinnvoll nur in dem Sinne kontrovers geführt werden, wenn man fragt, ob und für welche historische Ereignisse sich aus der historischen Forschung heute andere politische Handlungsanweisungen ableiten lassen. Das ist doch die Kontroverse und nicht ob irgendeiner nicht mehr an irgendetwas erinnert werden will. Die politische Instrumentalisierung (die berühmte Lehre aus der Geschichte) ist die kontroverse Frage. Wenn eine politische Entscheidung für die Zukunft französischer Kinder richtig ist, warum soll sie dann aus historischen Gründen für die Zukunft deutscher Kinder falsch sein?

    • Frank Schulze schreibt:

      Genau. Geschichte kann man nicht ausblenden oder irgendwelche Schlussstriche ziehen. Daher kann es auch keine „sinnvolle Diskussion“ über das Weglassen oder Beschönigen von historischen Tatsachen geben. Das hätte nichts mehr mit Wissenschaft zu tun sondern wäre genau die Form von politischer Einflussnahme die Sie hier angeblich anprangern.

    • ?? ich habe doch mit keinem Wort über das Weglassen oder Beschönigen historischer Tatsachen gesprochen. Das ist eine ganz andere Diskussion über den Wahrheitsbegriff in der Geschichtswissenschaft. Geschichte muss notwendiger Weise auswählen, d.h. weglassen, da das Vergangene in seiner Komplexität nicht darstellbar ist. Es wird ausgewählt, was der jeweilige Historiker für wichtig hält und das ist werturteilsgebunden, d.h. subjektiv.
      Die Schlusstrich Diskussion ist die, der „besonderen Verantwortung“. Was heißt denn das? Derjenige, der die besondere Verantwortung nicht hat, hat mehr und andere Handlungsoptionen in der Zukunft und das läßt sich durchaus sinnvoll diskutieren. Aus den Punischen Kriegen folgt für Italien nichts, aus dem 2.Weltkrieg oder der Shoah für Deutschland schon. Folgt für Frankreich oder China aus dem 2.WK und der Shoah etwas anderes als für Deutschland. Wenn ich sie richtig verstanden habe, sind das für sie keine sinnvollen Fragestellungen, das ist für mich erläuterungsbedürftig.

  10. Carla Primavera schreibt:

    Lieber Andreas,
    Danke für das Feedback. Ich weiss leider nicht wie ich dies als Antwort auf deine Antwort losschicken kann, deshalb neuer Kommentar.
    Ein Vorfall, der die hiesigen Ressentiments gegen Deutsche deutlich macht, war wohl 2017 bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Massakers von Distomo, als Zoi Konstantopoulou versuchte, den deutschen Botschafter an der Kranzniederlegung zu hindern:
    https://www.dw.com/en/greek-politician-blocks-german-ambassador-at-wwii-memorial/a-39200230.
    Ausserdem muss ich unweigerlich an Schäubles und Palmers letzte Äusserungen zum Sinn und Wert des Lebens im Zusammenhang mit der Behandlung des Coronavirus bzw an die Kommentare zur diesbezüglichen Berichterstattung in den griechischen Medien denken, die gelegentlich suggerierten, es sei kein Wunder, wenn Deutsche solche Ansichten äussern.
    Nun könnte ich darauf verzichten, mich bei ähnlichen Vorfällen und Kommentaren angesprochen zu fühlen, genauso wie ich als Halbdeutsche mich nicht unwohl fühlen muss, wenn deutsche Medien griechische Ereignisse und Situationen kommentieren.
    Mein persönliches Empfinden, ob gerechtfertigt oder nicht, hat sicherlich nichts mit dem Jahrestag 8. Mai zu tun. Ich wollte nur deine Frage nicht unbeantwortet lassen. Ich freue mich auf die nächsten Blogs!

    • Andreas Moser schreibt:

      Danke für diese Beobachtungen!
      Dass die Äußerungen von Palmer zu den Alten mit gewissen Aspekten der deutschen Geschichte in Zusammenhang gebracht wurden, nehme ich als Bestätigung, dass es keine übersensible Überreaktion meinerseits war, als ich es ebenso empfand:

  11. da]v[ax schreibt:

    Oh wow. Ich habe echt ziemlich viel verpasst in den letzten Jahren. Deine Artikel sind noch viel besser geworden, als sie das eh schon waren. Danke für alles.

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, vielen Dank für das Kompliment!
      Ich würde eher sagen, die Qualität hier ist ein ewiges Auf und Ab, und du bist gerade bei einem Artikel eingestiegen, der jahrelang aufgestauter Wut ensprungen ist und dementsprechend von Herzen kommt.

      Aber durch jahrelange Abstinenz hast du jetzt wenigstens ausreichend Lesestoff für die nächste Quarantäne. 😉

    • da]v[ax schreibt:

      „Aber durch jahrelange Abstinenz hast du jetzt wenigstens ausreichend Lesestoff für die nächste Quarantäne. 😉 “

      Wenn ich jetzt bloß noch Internet hätte 😦 Der Umzug des DSL-Anschlusses ging leider grandios in die Hose und jetzt sitze ich hier mit 3GB Daten (privat) bzw 8GB (geschäftlich) und versuche damit über die Runden zu kommen. Was geschäftlich leider nicht geht, weil ich alleine für die ganzen Remote Desktop Dinge ca 1GB pro Tag verbrate :-/ Naaaja.

    • Andreas Moser schreibt:

      Oje!
      Das ehrt mich, dass du dann einen Teil des Datenvolumens für diesen Kommentar verbraten hast.

      In solchen Situationen ärgere ich mich immer über all die passwortgeschützten WLANs und erinnere mich sehnsüchtig an Rumänien, wo ich ein Jahr lang gar kein eigenes Internet hatte, weil genügend der Nachbarn ihre Netzwerke nicht passwortgeschützt hatten. (Was der Vermieter anscheinend meinte, als er sagte: „Ja klar hat die Wohnung Internet.“)

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