Jeder kann zum Flüchtling werden

Auf Reisen nehme ich gerne Lektüre mit, die in dem jeweiligen Land spielt.

So sitze ich im prächtigen Garten des Palácio Fronteira in Lissabon, zwischen noch winterlich eingemotteten Springbrunnen aber unter schon sommerlich warmer Sonne, mit dem Blick auf ein hübsches Schlösschen, und lese „Die Nacht von Lissabon“ von Erich Maria Remarque.

Palacio Fronteira water fountain in front of palace

Der Erzähler blickt sehnsüchtig auf ein Schiff, das im Tejo liegt:

Jedes Schiff, das in diesen Monaten des Jahres 1942 Europa verließ, war eine Arche. Der Berg Ararat war Amerika, und die Flut stieg täglich. Sie hatte Deutschland und Österreich seit langem überschwemmt und stand tief in Polen und Prag; Amsterdam, Brüssel, Kopenhagen, Oslo und Paris waren bereits in ihr untergegangen, die Städte Italiens stanken nach ihr, und auch Spanien war nicht mehr sicher. Die Küste Portugals war die letzte Zuflucht geworden für die Flüchtlinge, denen Gerechtigkeit, Freiheit und Toleranz mehr bedeuteten als Heimat und Existenz. Wer von hier das Gelobte Land Amerika nicht erreichen konnte, war verloren. Er musste verbluten im Gestrüpp der verweigerten Ein- und Ausreisevisen, der unerreichbaren Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen, der Internierungslager, der Bürokratie, der Einsamkeit, der Fremde und der entsetzlichen allgemeinen Gleichgültigkeit gegen das Schicksal des einzelnen, die stets die Folge von Krieg, Angst und Not ist. Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gültiger Pass alles.

Noch wenige Jahre zuvor saß der deutsche Flüchtling in seinem Häuschen, ging in die Arbeit und konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals fliehen müsste. So schnell kann es gehen. Kein Land ist davor gefeit, genauso wenig wie bestimmte Länder immer nur Flüchtlinge verursachen und keine aufnehmen.

Zu eben jener Zeit, in der der Emigrationsroman von Remarque spielt, hätte es neben Nord- und Südamerika noch weitere sichere Häfen gegeben: Hunderttausende Europäer fanden im Mittleren Osten, unter anderem in Syrien und im Iran, Zuflucht vor den Nazis und Sowjets.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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2 Antworten zu Jeder kann zum Flüchtling werden

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