Das Mädchen mit dem Buch

Lissabon, im Garten des Palácio Fronteira, spätnachmittags.

Unter einem Baldachin aus Blauregen sitzt ein Mädchen und liest ein Buch. Es ist gleichzeitig ein schöner und beruhigender Anblick. Wie gut, dass Menschen die Muße haben, sich dem Alltagsstress zu entziehen. Wie weise, dass ihnen solitäre Lektüre wichtiger ist als oberflächliche Gesellschaftigkeit. Ach, wenn doch mehr Menschen erkennen würden, dass ein Buch die eigene Attraktivität viel mehr steigert als teure Handys oder Schuhe.

Verstohlen mache ich ein Foto.

Palacio Fronteira girl with book

Ich will sie nicht stören, aber das Fräulein hat mich inspiriert, und unter dem Glyziniendach versteckt sich die einzige Sitzgelegenheit im Park. Rücksichtsvoll setze ich mich ganz ans andere Ende der Bank, packe ebenfalls ein Buch aus und lese den romantischen Schluss von Remarques „Die Nacht von Lissabon“.

Wir wechseln kein Wort.

Wir wechseln keinen Blick.

Dabei würde mich interessieren, was sie liest.

Nur einmal höre ich, wie ihre Handykamera klickt. Wahrscheinlich hat sie ein Foto von mir gemacht, ebenfalls verstohlen, weil ihr sonst niemand glaubt, dass es noch mehr öffentliche Leseratten gibt. Ich tue so, wie wenn ich es nicht gemerkt habe, und lese unbewegt weiter.

So verbringen wir eine halbe Stunde in der nicht mehr allzu starken, aber noch ausreichend wärmenden Sonne. Jeden Strahl und jede Seite saugen wir auf. Bis die Dame, der das Schloss gehört, vorbeikommt und verkündet, dass sie den Park nun schließen werde, weil es gleich 17 Uhr sei.

Das Mädchen geht vor mir durch das Labyrinth aus Hecken und dreht sich noch einmal neugierig um, als sie durch das große Tor auf die Straße tritt. Wieder gebe ich vor, es nicht zu bemerken. Dann geht sie in die eine, ich in die andere Richtung.

Selten gehen Mann und Frau so glücklich und erfüllt auseinander. Vielleicht sollten wir all unsere Kontakte so abwickeln. Dann gäbe es auch keine Überbevölkerung.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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7 Antworten zu Das Mädchen mit dem Buch

  1. Pingback: The Girl with the Book | The Happy Hermit

  2. Eine kleine Geschichte voller Wärme. Zwar sind die Blumen nicht Flieder, sondern Glyzinien, die wunderbar duften, was zum Glück beigetragen haben dürfte. Liebe Grüsse, Elisa

    • Andreas Moser schreibt:

      Danke, sowohl für das Kompliment als auch für den botanischen Hinweis!

      Zum Glück nennt man Glyzinien anscheinend auch Blauregen, was poetischer klingt, so dass ich die Geschichte entsprechend ändern kann.

      Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich vor kurzem gehört habe, deren Quelle ich aber leider vergessen habe:
      Ein Dichter geht mit einem Freund spazieren, da entdeckt der Freund eine Blume und ist ganz bgeistert: „Oh, sieh mal, das ist die Blume, über die du ein Gedicht geschrieben hast?“
      „Ach ja?“, erwidert der Dichter, „Ich wusste gar nicht, wie sie aussieht. Ich habe sie nur wegen des schönen Namens gewählt.“

  3. Blauregen – wunderschön! Elisa

  4. Anonymous schreibt:

    Im Gedenkjahr von Hölderlin mutiert Andreas zum Romantiker. Ist das der Beginn einer inneren Wandlung? Ja, lass das Herz sprechen. Vielleicht findest Du auf diesem Weg auch endlich das, wonach Du suchst. Dazu musst Du jedoch nicht weit gehen – es ist bereits in Dir. Nun ist es an der Zeit, es raus zu lassen. Ich wünsche Dir noch mehr emotionale Begegnungen – in Zeiten wie diesen wollen sich die Menschen wieder berühren lassen (trotz der körperlichen Distanz)..
    Von Herzen die besten Grüße und Wünsche – bleib stets behütet – otto

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Otto,

      das ist schön, von dir zu lesen!

      Ich würde sagen, dass ich schon lange ein Romantiker war, aber eher im Sinne des Eichendorff’schen Taugenichts oder Thoreaus Walden statt im kitschigen Hollywoodklischee-Sinn, weshalb viele Leute diese Seite an mir nicht erkennen.

      Von Hölderlin habe ich nicht gar nichts gelesen, aber nachdem ich mir die Zusammenfassung von Hyperion angesehen habe.

      kann ich zumindest mit jenem Werk Einiges anfangen. Aber 36 jahre im gleichen Turm in Tübingen zu sitzen wie Hölderlin, das wäre nichts für mich.

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