Der beste und gleichzeitig schlechteste Pass der Welt

Für Weltreisende ist der deutsche Pass der nützlichste Pass, den man haben kann: 177 Länder lassen sich damit visumsfrei oder mit einem bei der Ankunft erhältlichen Visum bereisen. Das erspart Geld, Zeit, Aufwand und Unsicherheit. So kann man spontan in ein Flugzeug nach Tuvalu oder in die Mongolei steigen, während die Inhaber anderer Pässe Wochen vorher einen Packen Dokumente an das jeweilige Konsulat schicken müssen. Das erklärt wohl auch einen Teil der Nachfrage nach dem deutschen Pass.

Nachdem man seit Februar 2017 sogar visumsfrei (wenn auch nur für einen Kurzaufenthalt) nach Weißrussland reisen kann, bleibt Russland das einzige Land in Europa, für das wir Deutsche ein Visum benötigen. Kleiner Tipp am Rande: Studentenvisa für Russland sind kostenlos. Wenn Ihr statt des tatsächlichen Reisegrundes (Transsibirische Eisenbahn) also angebt, dass Ihr an der Staatlichen Agraruniversität der Bergvölker in Wladikawkas studieren wollt, spart Ihr 60 Euro. („Dieser Blog ist bares Geld wert und verdient unsere Unterstützung!“ ruft die begeisterte Menge in den Träumen des Autors aus.)

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Der deutsche Pass hat aber noch weitere Vorteile. Selbst in Ländern, in die andere Nationalitäten auch visumsfrei reisen dürfen, wird man als Deutscher oft besser behandelt. So habe ich in Südamerika immer wieder von US-Amerikanern gehört, die an der Grenze zurückgewiesen wurden weil sie keinen Impfpass dabei hatten. Ich hatte einen, musste ihn aber nie vorweisen. Es gibt einfach mehr Antiamerikanismus als Antigermanismus auf der Welt. In Bolivien saß ich mal in einem Park in Sucre als die Polizei die Pässe aller ausländisch aussehenden Personen kontrollierte, die Visatage genau nachrechnete und einige Jungs (aus Argentienien, glaube ich) abführte. Als ich meinen Pass überreichte, fragte der Polizist nur „Alemania?“ und gab ihn mir auf meine bejahende Antwort sofort zurück. (Mein Visum war schon abgelaufen und ich war illegal in Bolivien.)

Gerade im Mittleren Osten ist man mit dem deutschen Pass wesentlich entspannter unterwegs als mit dem US-amerikanischen oder gar israelischen Pass. Man vergleiche nur, wie lange unschuldige US-Amerikaner und Briten im Iran im Gefängnis sitzen und dass ich (nicht ganz so unschuldig) nach nur einer Woche freigelassen wurde. Dabei verwies der iranische Richter ausdrücklich auf die enge historische Verbundenheit zwischen dem Iran und Deutschland: „Wir sind doch alle Arier.“

Selbst in Konfliktregionen wird man als Deutscher fast nie zum Ziel, denn im Zweifel beliefern deutsche Rüstungsfirmen beide Seiten mit Waffen. Noch ein Tipp: Lasst Euch vor der Reise ein paar Heckler-&-Koch-Visitenkarten drucken, und Ihr werdet von Homs bis Kabul überall eingeladen und fürstlich bewirtet.

Aber der deutsche Pass hat auch einen entscheidenden Nachteil: Er ist von wirklich saumäßig schlechter handwerklicher Qualität. Während man Cornflakes und Schokolade auch weit jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießen kann, hält ein deutscher Pass bei intensivem Reisen niemals die angegebenen zehn Jahre. Von wegen „deutsche Qualität“.

Schon diesen Sommer hatte ich bei der Einreise in Armenien Probleme, weil sich der Stoffüberzug vom Rücken meines Passes gelöst hatte und die akribisch kontrollierenden Grenzer nicht glauben konnten, dass das ein echter deutscher Pass sei. Und jetzt, auf dem Weg nach Montenegro, löste sich auch noch die Plastikkarte. Was nützen einem all die Chips, Fingerabdrücke und biometrischen Fotos, wenn die Bundesdruckerei keinen richtigen Klebstoff verwendet?

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Dieser Pass hat wohlgemerkt noch nicht einmal 60% des versprochenen Haltbarkeitszeitraums hinter sich.

Der Grenzer am Flughafen in Podgorica holte einen Kollegen und dann den Chef, die mir wiederum die Vermutung aussprachen, dass dies ein gefälschter Pass sei. (Ich weiß nicht, wieso jemand so eine schlechte Fälschung anfertigen sollte.) So könne ich leider nicht einreisen, ich müsse am Flughafen warten und werde mit dem nächsten Flugzeug nach Deutschland zurückgeschickt. (Eigentlich eine komische Androhung für jemandem, dem irgendwie vorgeworfen wird, kein richtiger Deutscher zu sein, aber das ist ja nicht das Problem von Montenegro.)

Nur durch mein überzeugendes und höfliches Auftreten, den Hinweis auf eine schon für zweieinhalb Monate in Montenegro gemietete Wohnung, den Verweis auf einen früheren Besuch in Montenegro und den seither tief in meinem Herzen verankerten Wunsch, dieses schönste Land Europas doch mal intensiver kennenzulernen, führte schließlich zu dem ersehnten Einreisestempel. Aber jetzt muss ich wohl doch endlich einen neuen Pass beantragen, sonst bleibe ich irgendwann im Niemandsland zwischen Mazedonien und Kosovo stecken oder spätestens am ungarischen Grenzzaun hängen.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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2 Antworten zu Der beste und gleichzeitig schlechteste Pass der Welt

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  2. Pingback: Wo war ich 2017 eigentlich überall? | Der reisende Reporter

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