„Moby Dick“, ein Meisterwerk

Es gibt so Bücher, von denen weiß jeder vage, wovon sie handeln. An der Jagd auf den weißen Wal hatte ich nie sonderlich Interesse, weil ich in Dokumentarfilmen über Greenpeace schon genug von dem blutigen Spektakel gesehen hatte. Und Macho-Abenteuer starker Männer auf rauer See sind auch nicht gerade mein Lieblingsgenre.

Aber dann zog es mich auf die Azoren, ehemals ein Walfängerstützpunkt, und zwei Bücher über diese Inselgruppe empfahlen unabhängig voneinander, aber eindringlich, „Moby Dick“ ins Reisegepäck zu stecken. Wann sonst hat man auch die Zeit, ein Buch zu lesen, das selbst so kolossal wie das Meeressäugetier ist? In der Taschenbuchausgabe des Aufbau-Verlags hat es 664 Seiten, und wenn Ihr nach dieser Rezension zugreifen wollt, so empfehle ich eindringlich, keine der grausam verstümmelten Kurzfassungen zu kaufen, die sich auf „das Wesentliche“ beschränken. Eine schreckliche Unsitte bei vom Urheberrecht nicht mehr geschützten Klassikern. Wenn sich das Kind ein Pony wünscht, schenkt Ihr ihm ja auch kein Skelett und sagt: „Da hast du das Wesentliche vom Pferd.“

Moby Dick

Erst einmal kann ich vom Ausguck Entwarnung rufen: „Moby Dick“ ist kein Haudrauf-Abenteuerroman. Die Walfangfahrt bietet nur den Rahmen für ein reichhaltiges Gemisch aus fast allen Genres der Literatur. Darunter ist zwar auch Enzyklopädisches über Wale und ein Handbuch für die unappetitliche Verwertung aller Teile des erlegten Tieres, aber die Stärke liegt in der Tiefsinnigkeit und Vielfältigkeit des Romans.

Am Anfang muss Ismael, der Ich-Erzähler, das Bett in einer Gaststätte mit einem Harpunier teilen, der sich als rundherum tätowierter, schwarzer „Kannibale“ von einer Südseeinsel herausstellt. Er ist entsetzt ob des Aussehens und der Bräuche des Fremden, hat Angst vor ihm, bis er merkt:

Wozu habe ich einen solchen Aufstand gemacht? dachte ich bei mir; der Mann dort ist ein Mensch, und ich bin einer: er hat genau soviel Grund, vor mir Angst zu haben, wie ich Grund habe, ihn zu fürchten. Besser, mit einem nüchternen Kannibalen schlafen als mit einem betrunkenen Christen.

Für uns hört sich das aufgeklärt-selbstverständlich an, aber bei der Lektüre muss man immer bedenken, dass das Buch 1851 veröffentlicht wurde. Wahrscheinlich lag es nicht nur an der homo-erotischen Nacht mit Quiqueg, sondern auch an anderen im Roman geäußerten Gedanken, dass „Moby Dick“ am Anfang überhaupt kein großer Erfolg war. Die Leser waren von Herman Melville Abenteuergeschichten gewohnt und konnten wenig damit anfangen, wenn der Walfänger die Kannibalen unter Verweis auf den menschlichen Fleischverzehr in Schutz nimmt.

Und nun geht einmal am Samstagabend auf den Fleischmarkt und guckt euch das Gewimmel lebendiger Zweifüßer an, die da zu den langen Reihen toter Vierfüßer hinaufstarren. Erscheint euch nicht bei solch einem Anblick der Kannibale in versöhnlicherem Licht? Kannibalen – wer ist denn keiner?

Ein Appell für eine vegetarische Diät, das war im 19. Jahrhundert wohl noch etwas verfrüht. Aber „Moby Dick“ ist keine Moralpredigt, sondern auch, und das war die größte Überraschung für mich, außerordentlich lustig. Lesen wir die vorzitierte Passage weiter:

Ich sage euch: dem Fidschi-Insulaner, der sich in seinem Keller für kommende Notzeiten einen dürren Missionar einpökelt – diesem vorsorglichen Fidschi wird es am Tage des Gerichts erträglicher gehen als dir, du höchst gesitteter, höchst aufgeklärter Fresser, der du Gänse an den Boden pflöckst, auf daß ihnen die Leber schwelle […]

Andererseits bricht Melville eine Lanze für den Walfang. Ein ganzes Kapitel widmet er der moralischen Verteidigung dieser Praxis, nicht ohne Verweis darauf, dass die hochverehrten Generale viel mehr Blut auf dem Gewissen haben als alle Walfänger zusammen.

Das Buch trieft streckenweise auch von Blut. Da gibt es grausame und ekelhafte Details über das Ausschaben des Gehirns und die Verwendung der Gedärme, und man muss ein bisschen schneller lesen. Aber insgesamt profitiert das Buch enorm davon, dass Melville selbst auf einem Walfangschiff gearbeitet hatte. Und sogar wenn er 16 Seiten über die Zoologie und Taxonomie der Wale schreibt, so ist das amüsant.

Mir ist bekannt, daß bis zu unserer Zeit die Lamantin und Dugong genannten Fische (Schweinsfisch und Saufisch) von vielen Naturforschern zu den Walen gerechnet werden. Da diese Schweinsfische aber eine plattnasige, mickrige Sippschaft sind, meist in Flußmündungen herumdösen und nasses Heu fressen, und vor allem, da sie keinen Strahl ausspritzen, erkenne ich ihr Beglaubigungsschreiben nicht an; ich stelle ihnen hiermit ihre Pässe zu, damit sie sich aus dem Königreich Walkunde für immer hinwegheben.

An dieser Stelle ein großes Lob an das Übersetzerehepaar Alice und Hans Seiffert. Die erstmals 1956 in der DDR erschienene Übersetzung ist eine Meisterleistung für sich. Die erste deutsche Übersetzung erschien übrigens erst 1927, was zeigt, wie lange „Moby Dick“ in der Versenkung verschwunden war. Und dann kürzte jener Übersetzer den Roman auf ein Drittel herab.

Kapitän Ahab ist wahrscheinlich ein Begriff, er ist der Kommandant des Schiffes und auf einer persönlichen Rachemission gegen den weißen Wal, der ihm ein Bein abgebissen hat. Immer verrückter, immer grausamer, immer verbohrter wird Ahab auf dieser Jagd, bis er mehr Monster ist als der Wal.

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Das ist natürlich alles schon totinterpretiert worden. Ist es eine Geschichte über Rache? Oder über den Kampf des Menschen gegen die Natur? Oder das Dreieck zwischen Mensch, Natur und Technik? Melville hatte das wohl geahnt, denn er verwahrt sich im Roman dagegen, dass dieser als „eine unleidliche, scheußliche Allegorie“ verhöhnt werde.

Ich selbst lese „Moby Dick“ als Appell gegen Spießertum („Dutzendmenschen“ nennt er sie) und Geschäftigkeit. Die Waljagd ist ein Riesenaufwand für Nichts und wieder Nichts. Die Motivation für die Reise ist, dass Ismael an Land die Decke auf den Kopf fällt. Er will nichts verdienen, er will nur weg.

Das ersetzt mir den Pistolenschuß.

Kann ich verstehen. Es geht Melville/Ismael nicht um Geld, nicht um Walfleisch oder -fett. Es scheint ihm darum zu gehen, etwas Neues zu erfahren, mehr zu lernen. Dabei hat der Ich-Erzähler schon ziemlich viel Zeit in Bibliotheken verbracht, wie es scheint.

Die Gelehrsamkeit des Buches tat vielleicht ihr Übriges, es sich mit den Lesern zu vergraulen. Da erzählt ein Matrose und rekurriert auf die Justinianischen Pandekten, auf Marius und Sulla, auf die Teilung Polens, und er vergleicht die Schnitzereien der Harpuniere auf den erbeuteten Walknochen mit den Holzschnitten „eines anderen Wilden, des alten herrlichen Deutschen Albrecht Dürer“. Das mag das nordamerikanische Publikum 1851 überfordert haben. Mir gefällt das. Damit eleviert Melville die Männer auf dem Schiff in die Welt der Literatur, der Geschichte, der Theologie, der Philosophie.

Immer wieder stößt man auf Passagen, die heute, 170 Jahre später, überraschend, ja fast schon schockierend aktuell sind. In einem ganzen Kapitel sinniert er über die Frage nach, ob die Menschen die Wale ausrotten werden.

Die Geschichte von Jona nimmt er zum Anlass, über die Ungleichbehandlung von Reichen und Armen in der Migration zu dozieren:

In dieser Welt, Kameraden, darf die Sünde, die sich bezahlt macht, frei und ohne Paß reisen, während die Tugend, wenn sie von Almosen lebt, an jeder Grenze aufgehalten wird.

Und was er über das aus dem Wal gewonnene Öl schreibt, hätte er auch übers Petroleum schreiben können:

Nicht eine Gallone Öl verbrennt ihr, für die nicht ein Tropfen Menschenblut vergossen wurde.

reading Moby Dick on Faial

Ihr merkt, ich bin begeistert von „Moby Dick“. Es ist ein Buch, aus dem sich so viel gewinnen lässt, auch wenn die Handlung in wenigen knappen Sätzen erzählt werden könnte. Für mich steht diese Walfangsaga auf einem Niveau mit dem „Zauberberg“. Aber humorvoller. Ein großartiges Buch!

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Über Andreas Moser

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