Nur ein Satz zum Faschingsdienstag

Mit guten, aufrichtigen und angesichts des sich schon längere Zeit ohne das Ablegen von Prüfungsleistungen hinziehenden Geschichtsstudiums durchaus notwendigen Vorsätzen im Herzen, im Kopf oder wo auch sonst Vorsätze sitzen, wenn sie sich nicht verstecken, sowie mit Unterlagen zur Geschichte der Arbeit im vorindustriellen Europa, die ein gutes Beispiel dafür sind, was universitäre Studien im besten Fall erreichen, weil sie über Homer und Hesiod, Cato und Cicero, die Benediktiner und Berthold von Regensburg, Menius und Marx hinausgehend und epochenübergreifend immer wieder die Rolle von Arbeit in der Gesellschaft zu thematisieren versuchen, was durchaus nicht unaktuell ist, in der Hand

mache ich mich auf den Weg in die Provinzialbibliothek in Amberg, die dank der Säkularisation eine staatliche Bibliothek geworden und es seither geblieben ist, so dass ich mich in der Pracht des einst kirchlich durch Vorgaukelung des Bestehens von Himmel und Hölle und des vollkommen unseriösen Angebots, einen Weg in ersteren zu bieten, das mit der tatkräftig geschürten Furcht vor letzterer einherging, finanzierten und unten abgebildeten Lesesaals jetzt ganz ohne Ordens-, Kirchen- oder Sektenzugehörigkeit wohlfühlen kann beziehungsweise könnte,

wenn nicht meine zielgerichteten Schritte wenige Zentimeter vor der Tür durch ein an derselben angebrachtes und das Nichtöffnen derselben erklärendes Schild gestoppt würden und ich mich stattdessen mit der Erklärung zufrieden geben muss, dass das Bücherdepot am Faschingsdienstag ganztägig geschlossen sei, was mich zuerst erschaudern lässt, weil ich „Faschistendienstag“ gelesen und eine feindliche Übernahme der Bibliothek befürchtet habe, dann ratlos darüber lässt, was der Zusammenhang zwischen Fasching und Bibliotheksschließung sein soll, wo doch gerade an Tagen mit so nervigen und absurden Umzügen, Kostümen und Tralala ein Refugium der Vernunft dringend geboten wäre,

und mir schließlich und glücklicherweise einfällt, dass der 25. Februar auch ein viel höherer und in meinem Wertesystem sogar meinen eigenen Geburtstag weit übertreffenden allerhöchsten Feiertag beherbergt, nämlich den Tag der Hypotaxe oder, um hier nicht mit Fremdwörtern zu prahlen und Sprache als Distinktionsmerkmal zu missbrauchen, den Tag des Schachtelsatzes, dieses Meisterwerks, das, soweit ich es überblicken kann und worin ich durch weitgereiste und vielsprachige Leserinnen und Leser gerne korrigiert würde, in der deutschen Sprache sein willkommendstes Zuhause gefunden hat,

woraufhin der Entschluss fällt, anstatt in die als Option sowieso ausscheidende Bibliothek in den nahegelegenen Malteserpark zu gehen und ganz unabgelenkt von in meiner Heimatstadt leider nicht vorhandenen mobilen Currywursteinzelhändlern dem Star des heutigen Tages eine kleine, sich bescheiden auf einen Satz beschränkende Eloge darzubieten,

was mangels Vorbereitung, Plan oder Drehbuch unweigerlich nur in der vorliegend bereits als Ergebnis zu betrachtenden „stream of consciousness“-Methode zu bewerkstelligen ist, weshalb jegliche Hoffnung auf Spannung, sinnvollen Inhalt oder gar zielorientierte Struktur sogleich fallen zu lassen ist,

und stattdessen, so zumindest die unverbindliche Empfehlung des Autors, dieser Text wie eine Jazz-Symphonie von Schostakowitsch zu genießen ist, bei der man während des Konzertbesuchs manchmal innerlich vor Freude jauchzt, aber sich andere Male ebenso innerlich und heimlich fragt, wie lange es denn noch dauern wird, sich aber immer sicher sein kann, dass es ein Ende geben wird bevor die Musiker beziehungsweise der Schreibende vom Stuhl fallen beziehungsweise fällt,

wobei mir bei diesem Vergleich schmerzlich bewusst wird, dass die Leserinnen und Leser viel leichter als die KonzertbesucherInnen, was eine perfekte Vorlage für einen Ausflug in die geschlechtergerechte Sprache anböte, der wegen Verästelungs- und Verirrungsgefahr in diesem sowieso schon labyrinthgleichen Text nicht eingeschlagen wird, sondern sich darauf beschränkt, anzumerken, dass mir aufzufallen scheint, dass die Vertreter und Vertreterinnen der Forderung, bei Berufs- oder anderen Menschenbezeichnungen zumindest die beiden wesentlichen Geschlechter abzubilden, dies meist bei positiv oder neutral besetzten Wörtern beziehungsweise Wortpaaren wie Schülerinnen und Schüler oder Bürgerinnen und Bürger praktizieren, aber weit weniger erpicht darauf sind, den Diktatorinnen und Diktatoren oder Terroristinnen und Terroristen den gleichen gleichberechtigenden Respekt zu erweisen, den sich eigentlich fest vorgenommenen Kulturgenuss abbrechen können und durch leichte Kost wie den Griff zu einem lustigen Taschenbuch von Disney oder einem weniger lustigen von Coelho ersetzen können,

und als weiterer Unterschied die trübe Tatsache hinzutritt, dass ich den Füller nicht in einem eleganten Konzertsaal schwinge, sondern in Kälte und Nieselregen auf einer vielleicht einen verkorksten modernistischen Designpreis gewonnen habenden aber niemals einen Gemütlichkeitspreis gewinnen würdenden Bank aus Metallrohren zu frieren beginne und daher befürchte, nicht, wie eigentlich geplant oder zumindest als mögliches Endergebnis offen gehalten habend, einen fast noch jungfräulichen beziehungsweise jungmännlichen 80-seitigen Schreibblock so vollzuschreiben, dass ich just auf dem letzten weißen Blatt mit den Gedanken und der Tinte zu Ende komme,

was mich leider ungedulds- und ablenkungsfördernd an den vor zwei Jahren in, was zugegebenermaßen im Vergleich mit Amberg im Februar kein hoher Maßstab ist, interessanteren Gefilden und gemütlicherer Umgebung zum gleichen Anlass erstmals gestarteten Versuch, dessen Ergebnis ich hiermit unverschämt selbstreferentiell verlinke, dessen Lektüre ich jedoch bitte, zur ununterbrochen fortzusetzenden Lektüre dieses Textes hintanzustellen, erinnern lässt

und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Aufenthaltsort und Schreiben und Geschriebenem stellt, bezüglich derer ich nicht nur selbst die Beobachtung gemacht habe, dass ich an unterschiedlichen Orten unterschiedlich kreativ und produktiv bin und dass Plattenbauten in Osteuropa insbesondere im für stundenlange Spaziergänge zu kalten Winter produktionsfördernd sind,

sondern dies zu der Theorie ausgeweitet habe, dass es eben wegen der klimatischen Verhältnisse mehr gute Literatur aus Russland und Skandinavien als aus Tuvalu und Fiji gibt, nicht ohne, um aus den vielen möglichen Kritikpunkten an dieser zugegeben nicht weit, lange oder tief durchdachten These nur einen herauszugreifen, zuzugestehen, dass mich Eurozentrismus zu einer falschen Einschätzung und Bewertung der Literaturen dieser Welt verleiten mag, und mir jetzt außerdem einfällt, dass Sizilien und Israel schon ziemlich gute Literatur hervorgebracht haben, ich also keine Ausrede habe, wenn ich die nächsten Monate, die ich auf einer Insel im Atlantik verbringen werde, nicht weiterhin punktlos und kommareich schreibend produktiv sein werde, sondern umgebungsinspiriert Geschichten von Walfängern, Piraten und Vulkanausbrüchen liefern muss, falls bis dahin auf dem nichtinsulären Festland überhaupt noch jemand das aktuelle Coronavirus überlebt haben wird,

welches düstere Gedankenspiel hier nicht weiter verfolgt werden soll, weil mir schon zu oft der Vorwurf gemacht wurde, es ginge in meinen Geschichten zu düster, pessimistisch oder gar morbide zu, was bei persönlichen Begegnungen manchmal zu der überraschenden Erkenntnis beim Gegenüber führt, dass ich ganz umgänglich und sogar lustig sein kann, allerdings nur kann und nicht immer will, und in diesem Zusammenhang gleichzeitig Warnung und Entwarnung gegeben werden muss, dass ich zwar viel und gerne erzähle, dies aber gewöhnlich in gemäßigterem Satzbau tue, weil sonst auch bei mir Kopfschmerzen einsetzen würden,

wobei ich jetzt aktiv schreibend schon weiter in dieses seinen Umfang, geschweige denn sein Ende, noch nicht abzusehendes Syntaxgewirr vorgedrungen bin als ich es passiv lesend je in dem ähnlich kunstvoll verschwurbelten „Joseph und seine Brüder“ des Großmeisters Thomas Mann geschafft habe, wobei ich mich keinesfalls auf die gleiche Stufe mit dem vorgenannten und von mir hochgeschätzten Autor, dessen Radioansprachen an die deutsche Nation der Hörerschaft, womit, wie der aufmerksamen Leserschaft nicht entgangen sein wird, die oben kurz angerissene aber nicht im Ansatz zufriedenstellend beantwortete Frage nach den bei Substantiven das Geschlecht anzeigenden anzuwendenden Endungen geschickt umgangen wird, ein Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangten, das heutzutage keine Radio- oder Fernsehsendung beim Publikum als bestehend oder aktivierbar vermutet, was doch ein trauriges Urteil über unsere Zeit ausstellt, stellen möchte, und das nicht nur, weil er schon tot ist und ich quicklebendig, wenn auch dessen manchmal überdrüssig, bin,

sondern dazu ermuntern möchte, all die Tweets und grässlich verstümmelten Kurznachrichten hinter sich zu lassen und zu richtig guter Literatur zu greifen, die Ihr wahrscheinlich auf dem Dachboden, in den Tiefen des Bücherregals, einem jener Bücherschränke, die aus den nicht mehr zu ihrem ursprünglichen Zweck genutzten Telefonzellen umfunktioniert wurden, einer öffentlichen und nach dem sehnlichst erwarteten und hoffentlich baldigen Abschluss der Faschings-, Karnevals- oder je nach Region anderweitig bezeichneter angeblich närrischer und dabei gar nicht komischer Feierlichkeiten dann wieder geöffneten Bibliothek oder notfalls bei einem der die Innenstädte aussterben und veröden lassenden Buchversandhändler findet,

wonach der Autor sich fragt, wie zum heiligen Grammatikus er noch den Bogen zum Schluss, den vermutlich die meisten Leserinnen und Leser, die die Lektüre frohgemut begonnen aber bald erschöpft aufgegeben haben, nicht erleben werden, schlagen wird, wozu ihm nur einfällt, das im Laufe dieser Niederschrift zu Tage tretende Hirngespinst in den Dank des Internets weltweiten und auch die Deutschsprachigen in Übersee erreichenden Raum zu stellen, in ebendiesem vorliegenden Stil Geschichten oder gar ein Büchlein voll derselben anzufertigen, zu drucken beziehungsweise drucken zu lassen und unter das erwartungsgemäß sehr kleine, sich dafür jedoch umso elitärer fühlen dürfende Publikum und damit selbiges zur Verzweiflung zu bringen,

einem Gemütszustand, der sich beim Autor, der damit zumindest für sich selbst überzeugend bewiesen hat, dass Schreiben Arbeit ist, womit, um unelegant darauf hinzuweisen, ganz elegant der Bogen zum Eingangs-, fast hätte ich geschrieben -satz, aber wir sind ja noch im ersten, gleichen, selbigen und einzigen, also -gedanken geschlagen ist, gastrisch niederschlägt, weshalb dieser jetzt den Schreibblock zu- und dafür den Weg zur Bäckerei einschlägt, die hoffentlich nicht vom Vortag so betrunken wie die Bibliothekare und Bibliothekarinnen ist, um ganztägig die Tore vor der zahlungs- und damit eine drohende Rezession abzuwenden bereiten Kundschaft verschließen zu müssen.

amberg_bibliothek

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Nur ein Satz zum Faschingsdienstag

  1. Pingback: Blumige Warnungen auf den Blumeninseln | Der reisende Reporter

  2. Lawrence Davies schreibt:

    Henry James wäre stolz auf dich.

  3. Pingback: „Bildnis der Mutter als junge Frau“ von Friedrich Christian Delius | Der reisende Reporter

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