„Martin Eden“ von Jack London

Jack London ist bekannt für Geschichten über Schatzsucher, Walfänger und Vagabunden. Sein schönstes Werk ist jedoch ein feinfühliger Roman über einen Seemann, der merkt, dass mehr in ihm steckt und der sich deshalb um Bildung und sozialen Aufstieg bemüht und schließlich zum Schriftsteller wird.

Während Der Ruf der Wildnis oder Wolfsblut fast jedem deutschen Leser ein Begriff sind, ist Martin Eden, wie der junge Mann sowie das Buch heißt, im Westen eines der unbekannteren Werke Jack Londons. Das verwundert, denn in anderen Sprachkreisen ist es ein Kultbuch. Von Armenien bis Albanien, von Russland bis in die Türkei habe ich immer wieder begeisterte Leser getroffen.

51z9-c8hy-l._sx320_bo1204203200_Dem dtv-Verlag sei gedankt für die Neuauflage, die Martin Eden hoffentlich auch hierzulande bekannter macht. Die Neuübersetzung durch Lutz-W. Wolff bleibt viel näher am englischsprachigen Original, allerdings fand ich die alte Übersetzung von Erwin Magnus fast besser, auch wenn er sich einige Freiheiten herausgenommen hatte.

Obwohl es mir wahrlich nicht an Lesestoff mangelt, lese ich diesen Roman alle paar Jahre. Es ist eines der wenigen Bücher, wo ich mich mit dem Protagonisten weitgehend identifizieren kann. Und so ist es auch eine nützliche Lektüre für diejenigen Leser und Leserinnen, die mich verstehen wollen.

Wichtig an Martin Eden ist der Klassenaspekt und dass dieser überwiegend mit Bildung, nicht mit Materiellem, gezeichnet wird. Martin will der Arbeiterklasse nicht deshalb entfliehen, weil sie rauh und arm ist und er schuften muss, sondern weil ihn die Arbeit und die ewig gleichen Unterhaltungen geistig nicht fordern. Als er durch eine Zufallsbekanntschaft in die Schichten gelangt – allerdings immer nur als Gast -, in denen man Bücher liest und Gedichte rezitiert, lebt er auf und beginnt, sich fieberhaft und im Selbststudium fortzubilden.

Dazu kommt das Schreiben, das von seinen Zeitgenossen als sinnlos angesehen wird, weil es kein Geld einbringt. „Such dir doch eine Anstellung“, ist die ständige und einfallslose Empfehlung seiner Familie und der Freundin, die ihn letztendlich verlässt, weil er sich kein Haus leisten kann, wo sie zusammenziehen könnten. Selbst unter den Leuten, die vorgeben, ihn zu verstehen, bleibt er vollkommen unverstanden. Dabei müssten sie nur seine Artikel lesen. Aber sie sind ausschließlich daran interessiert, wieviel er damit verdient. Erst am Ende, als es zum schriftstellerischen Durchbruch kommt, stehen die bis dahin abschätzige Familie und die Freundin wieder auf der Matte, mit all der Verlogenheit, die Bourgeoisie und Arbeiterklasse in diesem Fall vereint.

Martin selbst findet schon lange bei niemandem mehr Halt. Bei der Arbeiterklasse nicht, weil ihm Alkohol und Boxkämpfe nicht ausreichen, aber auch beim Bildungsbürgertum nicht, weil deren Wissen nur theoretisch und angelesen ist, und die Anwälte und Richter und Banker nichts von der Welt gesehen haben und nichts vom Leben des Großteils der Bevölkerung wissen (wollen). Martin, der Seeman und Bücherwurm, vereint beides, aber damit ist er allein.

Dieses Dilemma kann nicht aufgehen, aber dennoch ist das Buch nicht deprimierend, was vor allem an der wunderbaren Sprache und der Poesie liegt, die allerdings im englischen Original noch weit besser zur Geltung kommt als in den beiden deutschen Übersetzungen.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu „Martin Eden“ von Jack London

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  5. Ruhrköpfe schreibt:

    danke für den Tipp! 🙂

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