„untertan“ von Joachim Zelter

Wenn ich nach einer Liste von Büchern gefragt werde, die zu lesen seien, um einen Eindruck von Deutschland zu erhalten, so darf darauf Der Untertan von Heinrich Mann nicht fehlen. Im Jahr seines hundertsten Geburtstags ist dieser Roman mit seiner Psychografie der Deutschen noch immer nicht überholt.

Untertan Joachim ZelterWenn sich jetzt also ein Autor daran macht, den Untertan des 21. Jahrhunderts zu schreiben, dann erweckt er dadurch meine Aufmerksamkeit und mein Interesse. Aber selbst wenn ich weit niedrigere als Mann’sche Maßstäbe an Joachim Zelters Werk anlege, kann ich zu keinem anderen Schluß kommen, als daß untertan enttäuscht. Das Buch enttäuscht so sehr, daß der selbstgesteckte Vergleich zu Heinrich Mann nur mehr anmaßend wirkt.

Zelter beschreibt das Leben von Friederich Ostertag, wobei jedoch immer mal wieder eine Dekade übersprungen wird. Das führt zu fehlenden Zusammenhängen, die die Handlung noch unglaubwürdiger erscheinen lassen. In der Kindheit ist Ostertag zum Beispiel regelrecht dumm und wird schon nach der ersten Klasse von der Regelschule genommen und in ein Internat gekarrt. Dort kann er dann nach ein paar Jahren – wie durch ein Wunder – so hervorragend schreiben, daß ihn alle anderen Schüler für ihre Schreibarbeiten. Wie sich dieses Schreibtalent entwickelt hat? Wird nicht einmal angedeutet.

Durch das Schreibtalent kommt Ostertag dann auch mit Graf von Conti zusammen, der am gleichen Internat für verwöhnte Söhne sein Abitur erhalten hat, und jetzt wie Ostertag Soziologie in Konstanz studiert. Ostertag fertigt Referate, Seminararbeiten, die Magisterarbeit und schließlich eine Doktorarbeit für von Conti an. Der schnöselige Adelige gibt derweilen sein Geld aus, sonnt sich im Schwimmbad und hat immer die tollsten Frauen. Was Ansätze für eine Kritik des Universitätsbetriebs erahnen läßt, den Zelter aus eigener Erfahrung kennt, gerät dann aber doch nur zu einem Verwursteln der Karriere von Kalr-Theodor zu Guttenberg. Von Conti wird dann nämlich auch noch Bundestagsabgeordneter (wobei der Weg dahin wieder übersprungen wird) und hat irgendwas mit der Finanzkrise zu tun. Stichworte wie „Sparpaket“ und „Griechenland“ werden in den Raum gestellt, wie wenn der Autor glaubt, damit einen Beitrag zu einer aktuellen Debatte zu leisten. Tut er nicht.

Dieser Roman plätschert so langweilig vor sich hin wie das Leben am Bodensee, wo er spielt. Am Ende ertränkt sich Ostertag übrigens in jenem See, aber auch das ist nur eine billige Kopie des Endes von Martin Eden. Das einzige Gute an dem Buch? Es bringt zum Jubiläum das Original in Erinnerung, das eine erneute Lektüre lohnt.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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