So wird das mit dem Klimawandel enden

Viele große Diskussionen sind im Grunde eine Debatte zwischen Optimisten und Pessimisten – mit ein paar selbsterklärten Realisten, die irrigerweise annehmen, über diesen Kategorieren zu stehen. Das gilt auch für den Klimawandel.

Werden wir CO2-neutrale Technologien entwickeln? Oder können wir das Kohlendioxid  sequestrieren? Wo? Wie werden wir das finanzieren? Können wir Städte verlegen, die vom steigenden Meeresspiegel und von Stürmen bedroht sind? Können Wind- und Solarenergie genug Strom produzieren? Werden Öl und Kohle nicht sowieso irgendwann ausgehen? Können wir Emissionen einsparen, indem wir alle weniger Tage pro Woche arbeiten?

Tatsächlich glaube ich, dass diese Fragen nicht so relevant sind wie sie erscheinen. Die Zukunft unserer Erde wird nicht von Technologie abhängen, sondern vom menschlichen Verhalten.

Werden wir innehalten und weniger konsumieren und produzieren? Werden wir denjenigen helfen, die von Fluten und Dürre vertrieben werden? Werden wir unter der Bedrohung gleichzeitig defensiver und aggressiver werden? Oder mitfühlender und kooperativer? Werden die Reichen (darunter praktisch alle Leser dieses Blogs) sich um die Armen kümmern oder sich in ein Refugium zurückziehen?

In den letzten Jahren, während sich der Planet so schnell aufheizt wie nie zuvor, habe ich mich das öfters gefragt. Dabei werde ich immer skeptischer, je mehr die Bevölkerung wächst und die Menschen weiterhin ungezwungen fliegen und Autos fahren und Steaks essen. Dazwischen erkenne ich manchmal Hoffnungsfünkchen an Optimismus, aber diese werden gleich wieder durch den Auspufflärm der immer größer werdenden Autos überdröhnt.

Dann stieß ich auf ein Buch, ein wunderbares Buch über ein schreckliches Ereignis. Und jetzt glaube ich zu wissen, wie alles enden wird. Die lehrreiche Lektüre war das Buch von Swetlana Alexijewitsch über die Katastrophe in Tschernobyl. Alles darin läßt einem die Haare zu Berge stehen (bevor sie verfrüht ausfallen), aber am meisten die Unbekümmertheit und die absichtliche Ignoranz der Menschen, die, so fürchte ich, nicht auf diejenigen beschränkt ist, die damals in der Nähe des Atomkraftwerks lebten.

Alles ging seinen Gang: Pflügen, Säen, Ernten. Etwas Unvorstellbares war geschehen, aber die Leute lebten, wie sie immer gelebt hatten.

Es lag nicht daran, dass man nicht um die Radioaktivität wusste. Sondern das Problem war so gravierend, dass man es ausblenden musste, um überleben zu können. Auch wenn es nur mehr ein Überleben für einige Jahre sein würde.

Unsere Nachbarn legten in dem Jahr neue Fußböden aus einheimischem Holz. Man maß nach: Die radioaktive Strahlung war 100mal höher als zulässig. Keiner hat den Fußboden wieder herausgerissen, sie wohnen immer noch damit, nach dem Motto: Es wird schon irgendwie gehen, alles löst sich von selbst.

Nun werden manche einwenden, dass sich das in der Sowjetunion abspielte und in einem marktwirtschaftlichen System ganz anders laufen würde. Aber nein! Es waren gerade materielle Motive, die die Menschen die Gefahr, ihre Gesundheit, ihre Familien vergessen ließen. Jemand aus dem Tschernobyl-Museum erzählt:

Es gab einen Moment, da die Gefahr einer thermonuklearen Explosion bestand, und man musste das schwere Wasser aus dem Reaktor ablassen, damit er nicht da hineinstürzte. Schweres Wasser ist eine direkte Komponente des Kerntreibstoffes. Können Sie sich das vorstellen? Die Aufgabe lautete: Wer taucht in das schwere Wasser und öffnet den Schieber des Ablassventils? Man versprach Auto, Wohnung, Datscha und finanzielle Versorgung der Familie bis ans Lebensende. Man suchte Freiwillige. Und sie fanden sich! Die Jungs tauchten, tauchten mehrere Male, öffneten den Schieber, und die Truppe bekam 7000 Rubel dafür. …

Die Männer leben heute nicht mehr.

Gut, das könnte man noch als jugendlichen Heldenmut abtun. Aber auch weit nach der Katastrophe lassen sich die Menschen vom Geld leiten:

Der Boden war ungleichmäßig verseucht, in einer Kolchose gibt es sowohl „saubere“ als auch „schmutzige“ Felder. Die, die auf „schmutzigen“ Feldern arbeiten, bekommen mehr ausgezahlt, und alle wollen dahin. Auf den „sauberen“ will keiner arbeiten.

Wenn in einem Dorf die Evakuierung in einer Woche angekündigt wurde, dann haben die Menschen noch die ganze Woche Stroh gepresst, Gras gemäht und Gemüse geerntet.

Versuche da einer zu erklären, dass man die Gurken und Tomaten nicht essen darf! Was soll das heißen? Die schmecken doch ganz normal. Und der Mensch ißt sie, und sein Magen tut davon nicht weh.

Dabei war es nicht so, dass es keine warnenden Stimmen gab. Ein Lehrer erzählt von einer Runde von Eltern, in der eine Ärztin die anderen Eltern auffordert, wenigstens die Kinder zu Verwandten zu schicken. Weg aus Tschernobyl.

Ich glaube, alle in der Runde empfanden ähnlich: Sie bringt Unruhe hinein. …

Wie wir sie damals gehaßt haben! Sie hatte uns den Abend verdorben.

Und genauso werden sich die Menschen weiterhin verhalten. Sie werden weiter kaufen und produzieren, arbeiten und sich vermehren. Sie werden die Augen verschließen vor allem, was kompliziert ist und sich in schalen Materialismus retten. Selbst der letzte Mensch wird noch stolz Besitz zusammenraffen.

So banal wird das Ende sein.

Weil wir so dumm sind.

Und das, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, ist mein optimistisches Szenario.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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7 Antworten zu So wird das mit dem Klimawandel enden

  1. Pingback: How Climate Change will end | The Happy Hermit

  2. American Viewer schreibt:

    Als Fazit hast du in deinem Text relevante Verhaltensänderungen quasi ausgeschlossen. Dem stimme ich zu. Wenn sich das Verhalten aber nicht ändert, dann gibst du indirekt doch zu: Es hängt letztendlich doch von der Technologie ab.

    • Andreas Moser schreibt:

      Das ist aber sehr geschickt, mir zuzustimmen, um zu zeigen, dass das Gegenteil meiner Aussage stimmt. Hut ab! 😉

      Wenn es eine Technologie gäbe, die Energie böte, ohne die Atmosphäre zu belasten, ja, dann vielleicht. Aber so etwas sehe ich nicht, inbsesondere wenn alle (und zunehmend mehr Menschen) immer mehr wollen.

      Ich bin auch ziemlich skeptisch, was E-Autos angeht, solange jeder ein eineinhalb Tonnen schweres Gefährt will, um als 85-kg-Mensch herumzufahren. Das ist einfach sowas von ineffizient. Die Batterien können wir auch nicht unendlich produzieren.

    • American Viewer schreibt:

      Sorry, ich wollte niemand bloßstellen. 😉

      Was nicht heißen soll, dass man sich jetzt fest auf eine bestimmte Technologie versteifen sollte, wie das in Deutschland teilweise gemacht wird.

  3. Lakritze schreibt:

    Dabei sind wir in der luxuriösen Lage, verzichten zu können. Wir dürfen Nein, danke zu Dingen sagen, die für andere Menschen von vornherein außer Reichweite sind. Vielleicht setzt sich das dermaleinst als Lebensgefühl durch? Bei den Jungen? Die Freiheit, die Leichtigkeit des kleinen Gepäcks?

    • Andreas Moser schreibt:

      Materiellen Verzicht als Ausdruck von Freiheit und Leichtigkeit zu verstehen, genau darum geht es! Ich finde es tatsächlich befreiend, ziemlich wenig zu haben. Ich habe mich schon so daran gewöhnt, dass ich gar nicht mehr ein zweites Paar Hosen oder Schuhe haben möchte. (Bei mir kommt natürlich auch dazu, dass ich viel unterwegs bin, Gewicht also echt Ballast ist.)

      Ich habe den Eindruck, dass dieser Minimalismus mehr Anhänger findet. Die Wohnungen sind nicht mehr so voll wie früher. Nur neue Handys müssen anscheinend noch sein.
      Und dafür verlagert sich der Konsum mehr zu Reisen, was fürs Klima noch schädlicher ist als das Topfset, das unsere Eltern dafür gekauft hätten.
      Aber vielleicht erledigt sich das mit dem Reisen jetzt auch: https://andreas-moser.blog/2020/03/20/hotel-pico/

  4. Pingback: „Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitsch | Der reisende Reporter

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