Die Auswirkungen des Coronavirus auf den Tourismus

Dass ein sich rasant verbreitendes und ziemlich tödliches Virus nicht gerade fördernd für den Tourismus sein würde, das war klar. Zu wenige Leute dachten daran, dass man sich gerade durch Reisen in Sicherheit bringen könnte. Jetzt ist es zu spät. Zu viele glauben – oft fälschlich -, dass es zuhause sicherer sei oder wollen, wenn sie schon sterben, damit noch die Verwandtschaft nerven anstatt ganz romantisch in der Fremde das letzte Licht auszuknipsen.

Aber wie dramatisch die Lage ist, das hat mich dann doch überrascht.

Letzte Woche war ich auf der Azoreninsel Pico und hatte mir, da es noch preisgünstige Nebensaison war, das Hotel Pico gegönnt. „Es macht wirklich einen sehr nebensaisonalen Eindruck“, dachte ich mir noch vergnügt, als ich in Madalena die Straße vom Hafen hoch lief. Bis ich vergebens an der Tür rüttelte. Sie war verschlossen.

Hotel Pico frontal

„Mittagspause“, vermutete ich und ging ein wenig spazieren, die geschlossenen Geschäfte und die Schlangen vor den Apotheken bewundernd. Aber als ich zwei Stunden später zur begehrten Unterkunft zurück kam, war diese noch verschlossener und noch verwaister.

Ich ging um das Gebäude herum, um einen alternativen Eingang zu finden. Da ich einen einwöchigen Übernachtungsgutschein erworben hatte, fühlte ich mich nicht als Hausfriedensbrecher als ich über die Hecke in den Garten sprang. Ah, dort glitzerte schon der Pool, also war alles in Ordnung.

Hotel Pico pool far

Bis ich näher kam:

Hotel Pico pool empty

Hoppla, hier war gar nichts in Ordnung. Nun fiel mir auch der verwilderte Garten auf, der mir persönlich zwar zusagte, von dem ich aber nicht annahm, dass er so geplant war.

Hotel Pico garden

Zu hören war gar nichts, außer dem Zwitschern der Vögel. Kein Gärtner, Bademeister oder anderer Angestellter weit und breit. Also konnte ich mich genauer umsehen. Ich will es mal so sagen: Selbst während des Völkermords in Ruanda gab es Hotels, in denen mehr Leben war.

Hotel Pico deserted (1)Hotel Pico deserted (2)

Die Büros sahen so aus, wie wenn sie zwar überstürzt, aber erst vor kurzem verlassen wurden. Der Obermanager, der Customer-Relations-Manager, der IT-Coordination-Supervisor, die Marketing-Managerin sowie der Human-Resources-Manager sind wahrscheinlich alle direkt zur Universität gelaufen, um sich, geläutert von der Krise, für Philosophie, Literatur oder Geschichte einzuschreiben. Oder zum Arbeitsamt.

Hotel Pico office 1Hotel Pico office 2

Eine Maus versuchte noch wegzulaufen, um dem marktwirtschaftlichen Massaker zu entgehen. Vergebens.

Hotel Pico mouse

Und wenn das am Anfang des Coronavirus schon passiert, dann könnt Ihr Euch vorstellen, wie dieser Sommer für die Tourismusbranche aussehen wird: Konkurse, Bankrotte, Pleiten, Insolvenzen, Schließungen, Kündigungen und Selbstmorde wie zuletzt in der Tourismusflaute des Zweiten Weltkriegs.

Nur mehr die Tauben wohnen jetzt hier und scheißen auf die drei Sterne neben der Eingangstür und die Bewertungen in den Buchungsportalen.

Hotel Pico birds

Und selbst die Vögel verhungern oder sterben vor Langeweile.

Hotel Pico dead bird

Apropos Zweiter Weltkrieg: Genauso wie damals der Staat in die Bresche sprang und Reisen nach Ägypten, Kreta und in die Normandie finanzierte, so rufen jetzt Hoteliers, Gastwirte, Fluggesellschaften und sogar der Eisverkäufer im Park nach staatlicher Unterstützung. Denn in einer freien Marktwirtschaft müssen es die Steuerzahler ausbaden, wenn Fluggesellschaften und Reisende jahrelang glauben, für 15 € quer durch Europa fliegen zu können, dabei die Umwelt zerstören, und bei der kleinsten Krise – oh, welch Überraschung – keine Rücklagen da sind.

Ich reise bekanntlich sehr viel, wenn auch ganz aufopfernd mehr für die Leser dieses Blogs als für mich, aber eigentlich fände ich es gut, wenn die Tourismusindustrie mal so richtig kollabieren würde. Vielleicht sollten wir die derzeitige Ansteckungsgefahr zum Anlass nehmen, zu hinterfragen, ob man wirklich zehnmal im Jahr für ein paar Tage in eine europäische Großstadt fliegen muss, wo alle anderen schon waren oder ebenfalls hinfliegen. Verpasst man eigentlich viel, wenn man das nicht macht? Ich glaube nicht.

Lasst uns doch die Quarantäne nutzen, um mal wieder über Quantität versus Qualität nachzudenken. Ich finde Reisen enorm wichtig für die Persönlichkeitsbildung, für das Verständnis der Welt, für die Begegnung mit dem Fremden und Neuen. Aber das alles geschieht nicht oder kaum auf Kurztrips, Pauschalreisen oder Kreuzfahrten.

Dazu muss man, so widersprüchlich das klingt, sich einerseits durch Lektüre und das Erlernen von Sprachen vorbereiten, sich aber andererseits auf das Unbekannte, auf das Abenteuer einlassen. Das muss nicht teuer sein, ganz im Gegentum: Mit wenig Geld reist man am gewinnbringendsten.

Zeit braucht man allerdings. Aber das haben wir doch in der Quarantäne schon gelernt oder werden es noch lernen: Wir sollten nicht so viel Lebenszeit mit Arbeit, in Besprechungen, mit Excel-Tabellen und am Telefon vergeuden, weil das alles nicht wichtig ist (außer Ihr arbeitet bei der Müllabfuhr oder im Krankenhaus). Die Welt läuft weiter, auch ohne Internetmarketingstrategiesitzungen oder Markenrechtsverletzungsabmahnungen. Also kein Grund, sich für den Chef oder die Firma oder das Bruttoinlandsprodukt kaputt zu arbeiten.

Anstatt fünf- oder sechsmal im Jahr irgendwo hinzuhetzen, ein paar Fotos vom Eiffelturm oder von der Freiheitsstatue auf Instagraph zu stellen, und genau das vorzufinden was Ihr erwartet habt, fände ich es viel wertvoller, alle paar Jahre oder meinetwegen auch nur einmal im Leben eine richtige Reise anzutreten. So wie Patrick Leigh Fermor, der als 18-Jähriger zu Fuß durch Europa wanderte. Oder wie Nicolas Bouvier, der in einem Fiat von der Schweiz nach Afghanistan fuhr. Oder wie Heinrich Barth, der sechs Jahre durch Afrika reiste. Oder wie Dumitru Dan, der zu Fuß die Welt umrundete – oder auch nicht. Oder die längstmögliche Zugreise der Welt. Oder wie Carsten Niebuhr, der sieben Jahre lang durch Arabien, Persien und Indien reiste. Oder einfach eine Wanderung von zu Hause aus.

Hadrian's Wall 071

Die kommenden Monate/Jahre der Quarantäne lassen sich ideal zum Sparen, Planen, Vorfreuen und Armenischlernen nutzen!

Weil Bequemlichkeit verlockend und Abenteuer gefährlich erscheinen, müssen wir uns manchmal zu unserem Glück zwingen. Und deshalb fände ich es ganz gut, wenn es keine (Billig-)Flüge mehr gibt, so dass man langsamer reisen oder trampen muss. Meinetwegen können auch all die Hotels schließen, dann trifft man halt am Bahnhof in Sochumi wieder die alten Omas mit dem Schild „Zimmer zu vermieten“, und man geht zu derjenigen, die für 5 € auch noch ein deftiges Frühstück verspricht. Am wichtigsten wäre aber, dass Trip Advisor und Google Maps pleite gehen, damit man sich einfach wieder verläuft und Einheimische fragen muss, die einen dann aus der Favela in Salvador führen.

Und die ganzen Spekulanten, die Wohnungen gekauft haben, um über AirBnB überteuerte Zimmer an Touristen zu vermieten, die sollen meinetwegen so in die Miesen rutschen, dass sie sich mitsamt ihrer Immobilie in die Luft sprengen müssen. Es wäre so schön, wenn man nichts vorher buchen könnte und wie einstmals nachts an schlecht beleuchteten Türen in der Altstadt von Jerusalem klopfen muss, um zu fragen, ob man zumindest auf dem Dach des Hauses schlafen darf.

Ach, diese ganze Scheißmoderne hat das Reisen so langweilig und berechenbar gemacht. Danke an das Coronavirus, dass es dieses Roboterleben zumindest ein bisschen durcheinander wirbelt! Warum alle Touristen so schnell wie möglich nach Hause wollen, habe ich übrigens nicht kapiert. Ich sitze jetzt auf einer Insel im Atlantik fest, weil weder Flüge noch Fähren gehen. Die letzte habe ich knapp verpasst, weil mich die Wellen so faszinierten.

Klippen Wellen Fähre

Ich finde das super. Endlich eine neue Situation, auf die man sich einstellen muss. Für ein paar Monate, vielleicht sogar Jahre. Mal sehen, wie lange die Versorgungsschiffe noch kommen. Danach muss ich fischen lernen. Und vielleicht kappt noch jemand das Internetkabel, dann wird es richtig spannend.

Ach ja, auf Pico, wo die Hotels in der Insolvenz waren, bin ich dann übrigens in einem Kloster untergekommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Pousada Sao Roque frontal

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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8 Antworten zu Die Auswirkungen des Coronavirus auf den Tourismus

  1. Viel Glück und Spass in deiner Auszeit. Dein Beitrag ist interessant und gut zu lesen, aber in Zeiten wie diesen irritiert mich deine Erzählung und die Fotos von deinem Hotel doch ein bisschen. Wenn du dort wirklich noch ein Zimmer gebucht haben solltest war es wohl eher Betrug als Corona 🙂

    Wie lange wirst du denn auf der Insel bleiben? Eigentlich ist es auch egal wo man zur Zeit ist, man kann sowieso nicht davon laufen oder fliegen. Alles Gute und liebe Grüße von einer Insel, die auch unter Hausarrest steht…

    • Andreas Moser schreibt:

      Na gut, das Hotel stand vielleicht schon etwas länger leer, aber es war einfach zu passend, um den für diesen Sommer erwarteten Niedergang des Tourismussektors zu illustrieren. 🙂
      Ich nehme an, auf Teneriffa macht man sich auch Sorgen?

      Ich denke, ich werde ein paar Monate hier bleiben. Ich habe genügend Bücher dabei, das Fernstudium läuft auch, also fehlt mir nicht an Vielem.
      Und Hausarrest gibt es hier nicht, man kann durchaus noch an die Küste oder in die Berge gehen. (Hier leben allerdings auch nur 15.000 Menschen auf der Insel.) Ich finde das wesentlich angenehmer, als in Deutschland zu sein. Und sicherer fühle ich mich auch, denn neue Fälle dürften jetzt zumindest nicht mehr auf die Insel kommen.
      Wer weiß, vielleicht werden wir am Ende als Einzige überleben? 🙂

  2. Pingback: What does the Corona Virus mean for Tourism? | The Happy Hermit

  3. Lakritze schreibt:

    Punkt. Wäre allerdings schön, wenn es dazu keine Seuche bräuchte.
    Ich liebe Reiseberichte und Bilder von den Enden der Welt; mein eigenes Abenteuer beginnt bereits, wenn ich ohne Auto aus der Stadt will. (Schön wird es dann hinterher.)

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh ja, diese Grenze zwischen Stadt und Land kann sich, insbesondere wenn man zu Fuß unterwegs ist, ewig lange hinziehen. Vor allem in Gesellschaften, wo gar nicht mehr an Fußgänger gedacht wird (Kanada war für mich ein Negativbeispiel).
      Und wie du in deinem schönen Text beschreibst, auch auf dem Land wird man immer wieder daran erinnert, dass man als Zweibeiner nicht mehr die Priorität bei der Verkehrsplanung ist.

  4. Pingback: Vorschau auf Pico | Der reisende Reporter

  5. rano64 schreibt:

    tja, ich bin ja ganz bei dir und habe in den letzten Jahren viel geübt in der Kunst der Langsamkeit. Wandern ist mein liebstes Hobby (mache ich jedes Wochenende) und auch bei großes Reisen nehme ich mir immer nur einen kleinen Schnipsel des jeweiligen Landes vor, damit ich eben nicht viel Zeit beim herumrasen verplempere, sondern eben reise.
    Das Problem: Jetzt machen das plötzlich ganz viele Leute so. Alle Welt geht jetzt wandern und sollten jetzt viele nachhaltig auf den Geschmack kommen, wird es sehr, sehr voll werden. Bekannte Wanderziele wie z.B. die Traumpfade in der Eifel sind bereits gesperrt worden, weil völlig überlaufen. Und selbst in den einsamsten Ecken weitab von jeder Attraktion/Ausflugslokal etc. trifft man jetzt überall Menschen. Bisher waren die touristischen Hammelhorden und Wochenendausflügler immer sehr leicht auszurechnen, aber das funktioniert jetzt nicht mehr.

    • Andreas Moser schreibt:

      Tja, jetzt sind wir plötzlich Trendsetter. 🙂
      Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das so bleiben wird. Ich würde es mir wünschen, aber ich kann mir auch vorstellen, dass es zu Nachholeffekten und Jetzt-erst-recht-Reaktionen kommt, so wie in den „Roaring Twenties“ nach überstandener Spanischer Grippe.

      Ich bekomme gar nicht mehr persönlich mit, was in Deutschland passiert, weil ich auf der Insel Faial feststecke. Hier bin ich eigentlich immer der einzige im Wald oder auf den Feldern. Allenfalls trifft man mal einen Bauern. Vorgestern bin ich einen bekannten Wanderweg, den Levada Trail, gegangen und habe den ganzen Tag keinen einzigen Menschen gesehen.
      Hier fehlen halt die Touristen, und die Einheimischen kennen die Insel schon.

      Das mit dem „kleinen Schnipsel“ eines Landes mache ich auch so und finde es entspannender und gewinnbringender. Ich habe zB ein Jahr in Rumänien gelebt und war nicht einmal in Bukarest, weil es in Siebenbürgen so viel Interessantes gab.

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