Die Heiligen Geister der Azoren

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„Die Azoreaner sind zu annähernd 90% katholisch“, postuliert der ansonsten sehr ausführliche Reiseführer über die Azoren und glaubt, dass die Angelegenheit damit erledigt sei. Aber wer die christliche Welt aus eigener Anschauung oder durch meinen theologisch fundierten Blog kennt, weiß, dass katholisch nicht gleich katholisch bedeutet.

Und wenn man über die Insel Faial spaziert, so kommen einem doch Zweifel an der starken Position der Katholischen Kirche. Denn ihre Gebäude sind verfallen. Die Menschen beachten die Gotteshäuser gar nicht. Nur mehr Bäume wachsen darin, und Pferde weiden auf dem ehemaligen Kirchgrund. Manchmal, wenn man genau hinblickt, sieht man einen alten Mann ausspucken, wenn er an der religiösen Ruine vorbeigeht.

Mittel- und Nordeuropäer glauben, dass die Kirche in Südeuropa (beginnend in Bayern) erheblichen Einfluss hat. Und wenn man sich die farbenfrohen Prozessionen zu jedem klitzekleinen Heiligengeburtstag in Apulien oder auf Malta ansieht, so ist da etwas dran.

Ähnliche Spektakel hatte ich auf den Azoren erwartet, insbesondere zu Ostern, dem angeblich höchsten Fest im liturgischen Jahreskreis, auch wenn die Materialisten unter den Christen dem Jahresendgeschenkefest mehr Aufmerksamkeit widmen.

Aber sogar an Ostern blieb die Kirche kalt.

Meine Neugier wuchs, fast so unaufhaltsam wie das Sündenregister eines Priesters. Der hat jedoch wenigstens die Möglichkeit, sich selbst zu vergeben und – nach Versetzung in einen neuen Amtsbezirk – immer wieder von vorne zu beginnen. Ich jedoch war, auch weil ich die wissbegierige Leserschaft im Nacken verspürte, gezwungen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Also begann ich zu fragen.

Selbst die Leute, die sonst alles wissen, wo wann welches Schiff gesunken ist, welche Art von Walen in welchem Monat zu welchem Zweck zu jagen sind, welche Bananen essbar und welche Kastanien nicht essbar sind, wo der beste Tabak wächst, wie viel Prozent des Energiebedarfs die Windräder liefern, wer die nächste Bürgermeisterwahl gewinnen wird und warum Pedro am Dienstag so spät nach Hause gekommen ist, selbst diese Alleswisser antworteten auf meinen Fragen immer: „Mit Religion kenne ich mich gar nicht aus“, und mussten dann plötzlich dringend zu einer Besprechung oder wieder aufs Meer hinausfahren.

Es schien so ein Tabu zu sein, wie wenn man in Jugoslawien fragt, „und, was hast du im Krieg gemacht?“ Die Leser mögen hier immer bedenken, dass ich der Fremde auf der Insel war und meine Haustür nicht abschließen konnte. Ich wollte mich also nicht unbeliebt machen. Schon viele neugierige Reporter sind von Inseln nicht mehr zurückgekommen. Egon Erwin Kisch konnte sich einst nur durch einen beherzten Sprung auf das Schiff retten.

In Jugoslawien hatte ich gelernt, dass Alkohol die Zungen lockert. Also ab an die Theke. Vage erinnerte ich mich, dass nach Ostern Pfingsten ansteht, das theologisch kompliziertere und deshalb weniger beliebte Fest. Nach dem dritten Glas Maracujalikör wagte ich die Frage, ob Pfingsten ein normaler Arbeitstag sei.

„Wenn du nicht in der Bruderschaft bist, musst du normal arbeiten, nehme ich an“, sagte der eine spöttisch.

„Welche Bruderschaft?“ wollte ich schon fragen, sah aber noch rechtzeitig, wie der andere das blutige Steakmesser so fest umklammerte, wie wenn er den Verräter erdolchen wollen würde. Sein Blick war finsterer als eine aus Mexiko herübergezogene Gewitterfront, die sich endlich entladen wollte.

Ich bin eher ein sonniges als ein gewittriges Gemüt, legte also schnell die paar Escudos für die Drinks auf den Tisch und ging. Erreicht hatte ich nicht viel, außer den Hinweis auf eine Bruderschaft, aber den letzten Bus hatte ich verpasst.

Als ich aus der Taverne torkelte, bemerkte ich zum ersten Mal direkt neben der Bar eine Art Kapelle. Knallgelb angestrichen, verziert mit einer weißen Königskrone, auf der eine Taube thront. Auf dem Dach ein Kreuz, also irgendwie christlich. Aber kein Turm, keine Glocken und keine Öffnungszeiten. Und die Tür war abgeschlossen. Das war komisch, denn auf Faial schließt eigentlich niemand etwas ab.

Die örtliche Kirche konnte es nicht sein, denn die stand nebenan, so verlassen wie alle Kirchen auf den Azoren.

Ein älterer Herr, der wohl meine fragenden Blicke bemerkt hatte, kam von der anderen Straßenseite und erklärte: „Das ist das Império do Divino Espírito Santo, das Reich des Göttlichen Heiligen Geistes“, was ich für eine reichlich blumige Umschreibung für ein kleines Kirchlein hielt.

„Ist das die neue Kirche?“ fragte ich, mit dem Kopf in Richtung des alten und zerstörten Gebäudes zeigend.

„Oh nein“, lachte der Alte. „Der Imperium des Heiligen Geists hat rein gar nichts mit der Kirche zu tun.“

Ich blickte verwirrt.

„Die Bruderschaft nimmt sich des Imperiums an.“

Jetzt war ich fasziniert.

Aber da kamen die beiden Männer, mit denen ich zusammen gesessen hatte, aus der Kneipe.

„Der Heilige Geist ist omnipräsent. Er sieht alles. Er weiß alles“, lallte der betrunkenere der beiden, als er mich vor dem Tempel erblickte.

Der weniger betrunkene der beiden wollte seinen Kumpan zum Auto ziehen.

„Wir haben keine Geheimnisse vor dem Heiligen Geist“, rief jener.

„Die Bruderschaft“, ermahnte mich der Alte, „besteht seit über 700 Jahren. Das ist schwierig, an einem Tag zu verstehen.“

„Besonders, wenn die Brüder betrunken sind“, dachte ich mir, sagte aber nichts.

„Ich wünsche Ihnen einen sicheren Weg nach Hause“, sagte der Alte und drehte sich um. Auf Portugiesisch klang der Satz fast genauso wie „Passen Sie auf, dass Sie nicht in einen Vulkan stolpern und im Höllenschlund des Fegefeuers versinken.“

Was folgte, waren wochenlange Recherchen in Bibliotheken, Herumstreunen in Ruinen, unzählige Gespräche in wahrscheinlich jeder Kneipe auf der Insel, und natürlich die Suche nach den Heilig-Geist-Tempeln, von denen es noch mehr gab als Kneipen. Immer tiefer geriet ich in den Strudel mysteriöser Geheimbünde und theologischer Dogmatik. Für ein paar Monate glich mein Leben einem Robert-Langdon-Roman. Nur ohne Audrey Tautou.

Um die Leser, die hier mit einem vollkommen neuen Thema konfrontiert werden, nicht übermäßig zu schockieren, werde ich die Recherche abkürzen, die Umwege und Sackgassen auslassen und mich auf die harten Fakten konzentrieren. Insbesondere werden wir das Gerücht ignorieren, dass es sich bei den Jüngern des Heiligen Geistes in Wahrheit um die Hüter der Heiligen Grals handelt, auch wenn sich der Name der Insel Faial verdächtig auf Gral reimt.

An der nordöstlichen Küstenstraße steht dieser Tempel, auch er in hübschem Gelb gehalten. Auf dem Giebel thronen Taube und Krone, Zeichen für den Heiligen Geist und für das Königshaus. Gegenüber ist ein kleiner Laden, vor dem ein paar junge Leute in Ermangelung einer anderen Lokalität (oder weil sie anderswo rausgeflogen waren) eine lautstarke Versammlung abhielten.

Ich erwarb ein Kaltgetränk und mischte mich unverdächtig unter das Jungvolk. Weder musikalisch, noch phänotypisch schien es sich dabei um die örtliche Intelligenzia zu handeln. Ich konnte also, soweit diese Metapher bei einem auf offener Straße stattfindenden Zusammentreffen anwendbar ist, mit der Tür ins Haus fallen.

„Weiß jemand von Euch, was das gelbe Häuschen da drüben ist?“

„Klar doch, Alter.“ Letzteres ist im Portugiesischen eine Respektsbekundung gegenüber namentlich noch nicht bekannten Fremden.

Der Junge schien redselig, ganz anders als die Bruderschaftler, also ließ ich ihn erzählen.

„Da geht jedes Jahr ne fette Party ab. Wir schlachten einen Ochsen, und dann wird richtig aufgetischt. Jeder ist eingeladen. Zuerst gibt es Suppe, dann so ein pappsüßes Brot, und dann Steak.“

„Und das geht jede Woche so“, ergänzte jemand.

„Genau. Von Ostern bis Pfingsten.“ Nur dieses Jahr blieb wegen des Coronavirus die Küche kalt und der Ochse am Leben.

„Und jedes Wochenende gibt es eine Prozession, wo der Imperator die Krone nach Hause trägt.“

Da musste ich doch nachfragen: „Wer ist der Imperator?“

„Das ist der älteste aus der Bruderschaft.“

„Unsinn“, fuhr jemand dazwischen, „mein Bruder war letztes Jahr Imperator, und der ist erst 14.“

Huch, das wurde immer obskurer.

„Ja, vielleicht bei Euch in Almoxarife. Bei uns machen das immer die Alten.“

„Bei uns wird jedes Mal ein anderer Imperator gewählt. Aber es sind oft Junge. Die müssen dann jeden Sonntag mit der Krone rumlaufen und müssen sich Reden anhören und so. Ätzend.“

„Aber du bekommst ne Menge Kuchen.“

„Scheiß auf den Kuchen, ich hol mir noch ein Bier.“ Damit ging er in den Laden.

Ich selbst wäre Kuchen gegenüber sehr aufgeschlossen gewesen, aber ich hatte viele Fragen.

„Was hat das mit dem Heiligen Geist zu tun?“ wollte ich wissen.

„Das weiß ich doch nicht“, bekam ich als Antwort, wie wenn ich nach den Lotto-Zahlen der nächsten Woche gefragt hätte.

Ich lehnte die angebotenen Drogen ab und zog von dannen. Wirklich verstanden hatte ich den Kult noch nicht, aber von Jugendlichen anderswo hätte ich auch keine theologischen Ausführungen erhalten, wenn ich nach dem Hintergrund von Chanukka oder Fronleichnam gefragt hätte.

Das ist in etwa das Niveau der Informationen, die öffentlich zugänglich sind. Überall hörte ich von Festen, von Umzügen, von geopferten Ochsen, von Suppe für alle, von Prozessionen, von Musik, und von einer Krone, die mal hier, mal da aufbewahrt und dazwischen feierlich herumgetragen wird.

Bald dämmerte mir, dass der Brauch in jedem Dorf und in den größeren Orten in jedem Imperium anders gefeiert wird. Mal wird der Imperator gewählt, mal wird ein Kind dazu bestimmt, oft wird er ausgelost. Neben den Imperatoren gab es noch Mordomos, Foliões, Trinchantes, Briadores, Copeiros und Aguadeiros, deren Titel schwer zu übersetzen sind, weil sie in jedem Reich eine andere Funktion erfüllen. Jedenfalls gibt es genug Posten, damit niemand leer ausgeht. Und die Frauen kochen.

Geschriebene Regeln gibt es nicht, alles ist mündlich überliefert.

Seit Jahrhunderten.

Und wenn die Azoren nicht so weit weg von Europa, insbesondere von Rom, lägen und damit vor Inquisition und der Katholischen Kirche sicher waren, dann gäbe es auch hier, an ihrem letzten Zufluchtsort, keine Brüder des Heiligen Geistes mehr. Und der Heilige Gral wäre für immer verschollen.

Nur hier, auf diesen neun Inseln mitten im Atlantik, auf den Vulkangipfeln des untergegangenen Atlantis, hat der wahre Glaube überlebt. Apropos Atlantis: Man sieht das ganz deutlich in Farrobim, wo der Tempel mit der schönsten Aussicht steht. Man blickt auf die Nachbarinsel Pico und auf den höchsten Berg des Atlantischen Ozeans.

Nur mit dem Selbstbewusstsein derjenigen, die mehr wissen als alle anderen, lässt sich die in diesem Tempelchen zu Tage tretende Bescheidenheit erklären. „Lasst die Katholiken goldene Kirchen und Kathedralen bauen, sie sind doch auf einem Irrweg“, sagen sich die azoreanischen Brüder.

Ganz wichtig für die Bruderschaften des Heiligen Geistes ist die Autonomie von der Amtskirche. Sie haben mit der katholischen Organisationsstruktur nichts zu tun. Zwischen den Gläubigen und dem Göttlichen sehen sie keinen Bedarf für Mittelsmänner. Wie man an den Telefonkabeln sieht, glauben sie an den direkten Draht zu Gott.

Wenn die Katholische Kirche doch eine Kirche baut bzw. immer wieder neu errichten muss, weil die Bewohner sie niederbrennen (man beachte die vierfache Jahreszahl auf dem nachstehenden Beispiel), dann machen die Azoreaner durch den Ort des nächstgelegenen Imperiums deutlich, welcher Kult in der lokalen Hierarchie höher steht.

In manchen Dörfern wird der örtliche katholische Priester zwar eingeladen, bei der Heilig-Geist-Zeremonie eine Messe zu feiern oder die Speisen zu segnen, aber alles erfolgt auf Einladung des Imperators (oder des Mordomo oder des Trichante). Es ist eher eine öffentliche Relegation des Kirchenvertreters.

Aber was soll der Vatikan machen? Wie der georgische Theologe Josef Dschugaschwili einst bemerkte, hat der Papst keine Divisionen. Und erst recht keine Schiffe, würden die Azoreaner ergänzen. Wenn der Priester nicht kooperiert, ist er vollkommen unten durch. Wenn er sich auflehnt, verschwindet er durch einen unglücklichen Unfall.

Außerdem hat die Katholische Kirche mit ihrer Drei-Hypostasen-Hypothese selbst den Grundstein für die Verehrung des Heiligen Geistes gelegt, wie ich in einem sehr aufschlussreichen Gespräch mit drei wegen der Corona-Pandemie gerade arbeitslosen Priestern lernte, die ich in der Bar am Ende der Welt traf. Sie sprachen ziemlich offen mit mir, wahrscheinlich weil sie schon viel vom hochprozentigen Geist zu sich genommen hatten.

„Die Verehrung des Heiligen Geistes geht zurück auf das 13. Jahrhundert…“, wollte Padre Moreno gerade ansetzen, aber schon unterbrach ihn Padre Castanho:

„In Portugal. In Frankreich hat sich schon 1160 der Ordre du Saint-Esprit gegründet.“

„Natürlich in Portugal. Wir sind ja hier in Portugal, oder?“ fragte Padre Moreno streitlustig zurück.

Padre Castanho setzte ein entschuldigendes Lächeln auf, bevor er Kontra gab: „Die Heilige Elisabeth war Prinzessin von Aragonien, bevor sie Königin von Portugal wurde.“

„Sie war die Frau von Dionysos“, rief Padre Marrom begeistert. „Darauf eine Runde Wein!“

Ich musste mittrinken.

Jedenfalls war Königin Elisabeth, als sie von Spanien nach Portugal zog, schockiert von der extremen Armut. (Portugal war damals noch nicht in der EU.) Sie gründete die Tafel, die nicht verbrauchte Lebensmittel, derer es an einem Königshof gewöhnlich viele gibt, an die Armen verteilte. Das Logo dieser Einrichtung wurde die Königskrone und die den Heiligen Geist symbolisierende Taube.

Um die Armen zu verhöhnen, setzte ihnen die Königin zu Pfingsten die Krone auf den Kopf. Daher stammt sowohl der Brauch des öffentlichen Essenfassens sowie der Krönung von Nichtkönigen an den Heilig-Geist-Festen.

„Wie immer bei christlichen Ritualen gibt es eine vorchristliche Vorgeschichte“, seufzte Padre Castanho, und nur der Stolz über sein Wissen konnte die Verzweiflung über die fehlende Originalität seiner Religion etwas in Schach halten. „Bei den Griechen gab es ebenfalls ein Ochsenofper, die Buphonia, bei der das Fleisch an die Armen verteilt wurde.“

„Pfingsten ist ja auch nichts anderes als Schawuot“, ergänzte Padre Moreno, und alle drei blickten traurig in ihre leeren Gläser.

„Einen Caipirinha!“ orderte Padre Marrom.

„Das ist schon Ihr vierter heute“, mahnte der Barkeeper.

„Vier ist eine heilige Zahl“, erklärte Padre Marrom ernst, und die Stimmung am Theologenstammtisch heiterte sich auf, als sie reihum Belege für diese Behauptung aufzählten.

„Vier Evangelisten.“

„Vier Erzengel.“

„Vier Flüsse im Paradies.“

„Vier Patriarchalbasiliken in Rom.“

„Vier apokalyptische Reiter.“

Wie gut, dass ich durch mein Hinzukommen das Glückskleeblatt ergänzt hatte.

„Aber eigentlich“, sagte Padre Moreno, der erkannt hatte, dass ich auf der Suche nach ernsthaft verwertbaren Informationen war, „geht der Kult des Imperiums des Göttlichen Heiligen Geists auf millenaristisch-mystische Christen zurück, insbesondere auf die Joachimiten.“

Laien stellen sich immer vor, dass Unterhaltungen in einer Fremdsprache komplizierter sind, je abstrakter das Thema ist. Das Gegenteil ist der Fall. Wörter wie Prämillenarismus, Dispensationalismus oder eschatologischer Messianismus sind eigentlich in jeder Sprache gleich. Nur die Endungen und die Aussprache sind ein bisschen anders. Aber von Wörtern wie Brot, Tisch oder Fahrkarte kann man niemals auf deren Pendants in einer Fremdsprache schließen. Deshalb kann ich in anderen Sprachen über Verfassungsrecht diskutieren, aber keine Speisekarten lesen.

So lernte ich, dass die Anbetung des Heiligen Geistes auf Joachim von Fiore zurückgeht, einen millenaristischen Propheten, der die Geschichte entsprechend der Dreifaltigkeit in drei Zeitalter teilte. Nach dem Zeitalter des Vaters (Altes Testament) und des Sohnes (Neues Testament) sollte ab dem Jahr 1260 das Zeitalter des Heiligen Geistes anbrechen. Der Heilige Geist würde die Hierarchie der Kirche überflüssig machen, und man würde zum Urchristentum zurückkehren Dieses Dritte Zeitalter, unglücklich auch Drittes Reich genannt, sollte tausend Jahre bestehen, und schon wisst Ihr, woher die Nazis ihre Terminologie bezogen.

Wie jeder Prophet, der sich nicht lächerlich machen will, starb Joachim weit vor 1260. Trotz seines Dahinscheidens fand er noch Anhänger, eben die Joachimiten. Die spirituale Strömung der Franziskaner nahm die Lehre anfangs auf, aber Papst Alexander IV. verbat sie, sicherheitshalber noch 1256, also vier Jahre vor dem prophezeiten Eintrittsdatum. Praktisch, wenn man die Zukunft einfach so verbieten kann.

Auf dem Kontinent wurden die Joachimiten katholisch-konsequent ausgerottet, aber zufälligerweise gehörten zu den ersten Besiedlern der Azoren die spiritualen Franziskaner. Und so geschah es, dass diese Inseln der einzig sichere Rückzugsort der joachimitischen Doktrin wurden und bis heute blieben.

Ob das alles den Leuten, die sich eine kostenlose Suppe holen oder mit der Krone nach Hause gehen, bewusst ist, weiß ich nicht.

„Übrigens hatte Joachim von Fiore durchaus noch einen Fürsprecher im Vatikan“, schloss Padre Moreno. „Wenn du im Lexikon für Theologie und Kirche den Beitrag zu Joachim von Fiore liest, wirst du den Autor sicher kennen. Joseph Ratzinger hieß er damals.“

„Aber nur in der zweiten Auflage von 1960“, ergänzte Padre Castanho. „Als 1996 die dritte Auflage erschien, war er schon Präfekt der Inquisitionsabteilung. Da war er nur mehr auf Karriere aus.“

„Und als 2013 der alte Aufsatz auftauchte, musste er als Papst zurücktreten. Das war der wirkliche Grund“, sagte Padre Moreno traurig.

„Benedikt XVI. war aus Bayern“, rief Padre Marrom unberührt. „Darauf eine Runde Bier!“

Ich hatte genug erfahren – und vor allem genug getrunken – und verabschiedete mich dankend. Auf dem Weg nach Hause fiel mir bei dem Tempel in São Pedro das Kreuz mit den drei Balken auf. Das Papstkreuz. Die drei Priester hatten also keinen Stuss erzählt.

Allerdings, und das zeigt, dass auch die verschiedenen Imperien vollkommen unabhängig voneinander sind, war dies der einzige Tempel auf Faial mit diesem Symbol. Manche haben einfache Kreuze auf dem Dach, andere die Taube, andere die Krone, andere wiederum eine Krone mit Taube.

Und bei manchen wehte die Flagge, was wohl bedeutete, dass die Krone im Haus war. Oder dass gerade gelost wurde, wer der nächste Imperator sein würde. Oder dass beratschlagt wurde, wer in die Bruderschaft aufgenommen werden sollte.

Ach ja, die Bruderschaft, darüber hatte ich noch herzlich wenig erfahren.

Ist Euch aufgefallen, dass sich, wenn man die Namen der beiden Azoren-Inseln Graciosa und Faial zusammenzieht, das Wort „Graal“ ergibt, Portugiesisch für Gral? Also, wenn das kein Hinweis ist…

Bald merkte ich, dass niemand mit mir in Anwesenheit Dritter über die Bruderschaft sprechen wollte. Anscheinend gibt es da einen Schweigekodex, wie bei den Kartäusern und den Mafiosi. Ich wanderte mehrfach über die Insel, machte immer wieder unauffällig bei den Imperien Rast, und traf manchmal einen einzigen Bruder an, der unvorsichtig ein paar Worte äußerte, weil er sich dachte: „Dieser komische Deutsche sieht aus wie ein abgesoffener Pirat, der hat sowieso alles vergessen, bis er nach Hause kommt.“ Wer recherchieren will, muss sein Licht – entgegen der Empfehlung von Bruder Jesus in Matthäus 5:15 – unter den Scheffel stellen.

Die Brüder, deren Zunge locker wurde, legten Wert darauf, dass in der Bruderschaft jeder die gleichen Rechte und Pflichten hat. „Vom Kuhhirten bis zum Grafen“, wie einer sagte. Vielleicht ist das aber nur in den kleinen Dörfern so, denn in der Inselhauptstadt Horta sah ich ein „Imperium der Adligen“

und ein „Imperium der Arbeiter“ unterhalb der alten Fischverarbeitungsfabrik.

Halt. Diese Flagge gehört zu einer anderen Geschichte aus Horta.

Wie man Mitglied wird in einer Bruderschaft, das erfuhr ich übrigens nie.

„Das ist in jedem Dorf anders“, war die Standardantwort.

„Und wie läuft es hier?“

„Naja, wenn du nicht willst, kann dich keiner zwingen.“

Und das war’s dann auch schon. Mehr Auskunft war niemandem zu entlocken.

Dafür gibt es von mir noch eine brisante Auskunft: Während des Zweiten Weltkriegs hatte das größenwahnsinnige Deutschland auch einen Plan zur Eroberung der Azoren, das sogenannte „Unternehmen Isabella“. Die deutschen Expansionspläne in Europa, Nordafrika und in Asien deckten sich genau mit der Landkarte aller vermuteten Verstecke des Heiligen Grals. Sicher kein Zufall…

Gegen Ende meiner Recherche und weil ich merkte, dass diese Geschichte sehr männerlastig ist, traf ich vor einem Imperium an der Südküste auf eine Frau, die ich ebenfalls nach dem Zweck des Gebäudes ausfragte.

„Ach, das ist für die Männer. Die spielen da Karten.“

„Aber,“ stammelte ich, „ich dachte, es geht um den Heiligen Geist? Um die Bruderschaft?“

Sie blickte mich entheiliggeistert an: „Sie dürfen nicht alles glauben, was man Ihnen erzählt.“

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Die Heiligen Geister der Azoren

  1. Großartig, superspannend, reicht für einen Roman und eine Serie mit mehreren Staffeln!! Danke fürs Durchhalten bei der ganzen Trinkerei 👍

    • Andreas Moser schreibt:

      Danke fürs Durchhalten bei der ganzen Theologie-Theoretisiererei!

      Während ich die letzten paar Tage an diesem Artikel saß und einen Entwurf nach dem anderen verwarf, dachte ich mir auch schon: Das ist ein bisschen zu viel Arbeit, als dass es nicht wenigstens ein Kapitel in einem Buch über die Geheimnisse der Azoren werden sollte.
      Ein historischer Roman wäre auch ein interessantes Projekt, aber dazu weiß ich übers Mittelalter viel zu wenig. Ich würde mir eher die Insel Faial während der Zwischenkriegszeit vornehmen, als die Drehscheibe der Atlantikflüge, Knotenpunkt der Transatlantikkabel und daher ein Hort von Spionen war.

    • Ich weiß ja nix über die Azoren (außer vom Lesen bei dir), aber diese Geheimniskrämerei und die Distanz zum Katholizismus finde ich wirklich erzählenswert.

    • Andreas Moser schreibt:

      Inseln sind oft voller Geheimnisse.
      Ich habe das auch auf Malta erlebt. Aber da waren die Leute rabiater: https://andreasmoser.blog/2012/03/16/welcome-to-malta/ (und bekannterweise noch rabiater gegenüber maltesischen Bloggerinnen 😦 )

  2. Pingback: The Holy Ghosts of the Azores | The Happy Hermit

  3. Pingback: Auf den Spuren des Königs (Tag 7) Füssen | Der reisende Reporter

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