Auf den Spuren des Königs (Tag 7) Füssen

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Die Nacht war trocken und windstill, dank der Hütte. Diesmal war es nur kühl, nicht kalt.

Trotzdem konnte ich bis nach Mitternacht nicht einschlafen. Wahrscheinlich war ich gestern einfach nicht weit genug gewandert. Weniger als 10 km, das ist ja wirklich nichts. Das könnte ich sogar schlafwandeln.

Wenn ich nur schlafen könnte. Es ist nett, dass Bänke in der Hütte sind, aber 25 cm sind so schmal, dass ich bei jedem Umdrehen Angst habe, herunterzufallen. Die Decke ist nicht groß genug, um mich gleichzeitig von oben wie von unten zu wärmen. Einen Schlafsack habe ich bekanntlich nicht. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, um die Schmerzen gleichmäßig zu verlagern, will mein Skelett auseinanderbrechen.

Manchmal habe ich gedankenlos den Begriff „obdachlos“ für meine Existenz verwendet, aber ich habe keine Ahnung, wie wirkliche Obdachlose das jede Nacht aushalten. Es wird ja noch kälter. Und nicht überall stehen so Hütten herum. Dazu kommt das soziale Stigma. Eigentlich ist das absurd: Wenn ich sage, ich bin auf Wanderung und schlafe notfalls draußen, dann laden mich die Leute in ihre Häuser ein (Kapitel 14 und 15, Kapitel 33, Kapitel 46 und 52, Kapitel 58) und hören sich meine Geschichten an. Wenn jemand arm ist und aus Not draußen schläft, dann lädt ihn niemand ein, und die Leute gucken weg.

Um 3:30 Uhr schmerzen die Glieder und Knochen unerträglich, selbst wenn ich mich nicht mehr bewege. Noch Monate später werde ich die bleibenden Schäden spüren, und damit ist genau in dieser 45. Geburtstagsnacht mein Lebenszenit markiert. Ab jetzt geht es körperlich bergab, und wenn ich nicht den Heiligen Gral entdecke, dann ist der Verfall nicht aufzuhalten.

An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Also packe ich meine Sachen und mache mich auf den Weg, anstatt sinnlos herumzusitzen und zu frieren. Der Vollmond leuchtet, soweit ihn die Wolken freigeben, und der Weg zur Wieskirche ist nicht weit. Die Bewegung tut den Gelenken gut.

Ein Vollmond reicht als Laterne übrigens vollkommen aus. Von mir aus hätte man die Elektrizität gar nicht erfinden brauchen.

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Und was ist das für ein Anblick: Als erster Mensch an diesem Tag, ganz allein, sehe ich die berühmteste Kirche Bayerns im Schein des Vollmonds.

Angeblich ist sie „die lichtreichste aller deutschen Barockkirchen des 17./18. Jahrhunderts“, ein „Wunder an Licht und Raum“. Dabei wird sie nicht einmal richtig angestrahlt. Diese Ehre wird nur dem gegenüberliegenden Geldautomaten zuteil. Ein paar windige Laternen stehen um die Kirche und verwirren die an der Südseite angebrachte Sonnenuhr.

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Da ist schon wieder ein Fuchs, diesmal ganz in schwarz. Richtung Wieskirche flitzt er davon, verstört durch einen Spaziergänger außerhalb der regulären Besuchszeiten.

Als ich um die Ecke biege, sitzt er da.

Oh. Dann war der Fuchs von vorgestern (Kapitel 78) vielleicht auch eine fette Katze.

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Es ist 4:30 Uhr. Die Kirche öffnet erst um 8 Uhr. Wie man mit so lausigen Öffnungszeiten UNESCO-Weltkulturerbe wird, ist mir schleierhaft. So lange werde ich nicht in der Kälte herumstehen. Das Café, das auf der Speisekarte mit Currywurst lockt, wird kaum eher öffnen.

Also ziehe ich weiter.

So cool bin ich nämlich. 100 km wandern und dann ein UNESCO-Weltkulturerbe links liegen lassen. Kirchen haben wir ja wirklich genug gesehen auf dieser Wanderung. Und falls doch jemand die Wieskirche von innen sehen will, gibt es ein Foto von Wikipedia und den Link zur virtuellen Tour.

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Aber ich habe jetzt einfach mehr Lust auf einen Spaziergang im Vollmond, in den Sonnenaufgang hinein. Ich habe die Landstraße für mich allein, und bald schallen die Vogelkonzerte aus allen Richtungen.

Ein Blick zurück lässt die hinter der Kirche aufgehende Sonne erahnen.

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Eigentlich sollte ich nach etwa zwei Stunden schlechten Schlafs und ohne Essen seit der gestrigen Hans-im-Glück-Schokolade gar nicht mehr gehen können, aber ab Schober öffnet sich der Blick auf die Alpen. Das Ziel ist nah!

Es war die richtige Entscheidung, den gestrigen Regentag auszusetzen.

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Unterhalb von Unterreithen setzt sich die Sonne endgültig gegen die Wolken durch. Ich lege mich auf eine Bank am Wegesrand, um Schlaf nachzuholen. Vorbeiziehende Hunde stupsen mich neugierig an. Eine Radwandergruppe hält an, um die Aussicht zu bewundern und zu fotografieren. Als ich mich aufsetze, entschuldigt sich ihr Anführer, mich aufgeweckt zu haben. Ein anderer erkundigt sich mitfühlend, ob mir nicht kalt sei. Dabei ist die Sonne eine wärmende Wohltat.

Und die Radfahrer haben Recht, gerade hier die Aussicht zu bewundern. Zum ersten Mal tritt das Ziel der Wanderung ins Blickfeld.

Erkennt Ihr es?

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Ich könnte noch 20 km wandern und von Wiesen und Kühen und Wolken und so erzählen, aber ich merke, dass es die Leserinnen und Leser zu dem Märchenschloss zieht. Außerdem würde der weitere Wanderweg durch einige Sümpfe und Moore führen, und seit Kapitel 6 habe ich panische Angst vor Schlangen. Also stelle ich mich in Trauchgau hoffnungsfroh an die Bundesstraße, die direkt nach Füssen führt.

Anstatt eines Autos hält ein Bus der Linie 72. Der ist zwar nicht so kostenlos wie meine bisherigen Mitfahrgelegenheiten, aber weil er nur für mich angehalten hat, leiste ich mir den Luxus. Die Fahrt ist es wert, denn der Busfahrer spendiert mir eine Panoramarundfahrt um den Forggensee, mit fantastischen Ausblicken. Er fährt durch kleine und pittoreske Dörfer, wo nirgendwo jemand einsteigt, weil bei dem schönen Wetter alle mit dem Rad unterwegs sind.

Es ist wie Landschaftskino. Eine Idylle!

Später werde ich in der Allgäuer Zeitung lesen, dass gestern ein Mann seine Ex-Frau in einem dieser Busse erstochen hat. „Beziehungstat“ heißt das dann, weil der Boulevard nicht weiß, wie man Femizid buchstabiert. Oder weil es einfacher ist, auf die Herkunft des Täters zu rekurrieren als zu erwähnen, dass Männer die mit Abstand gefährlichste Gruppe in unserem Land sind. Fast die Hälfte aller in Deutschland ermordeten Frauen stirbt durch die Hand des Partners oder Ex-Partners.

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Je näher wir Füssen kommen, umso mehr sehe ich, dass der innerdeutsche Tourismus boomt. Auf den Fahrradwegen kommen sich die Radfahrer in die Quere. Die Campingplätze sind voll belegt. Spontanreisende irren frustriert und stellplatzlos herum.

Vor einem Monat war ich noch in Lissabon, auf dem Rückweg von meinem Coronavirus-Exil, und da war ich teilweise der einzige Mensch, selbst auf den bekanntesten Plätzen der Stadt.

Dann wird in der Provinz in Bayern erst recht wenig los sein, hatte ich gedacht.

Falsch gedacht. Füssen ist voll. Die Straßen voll, die Busse voll, die Cafés voll, die Eisdielen voll. Mir schwant Böses, denn ich habe nichts gebucht, weder Übernachtung noch Schloss. Wie sollte ich auch, schließlich wusste ich nicht, wie schnell oder langsam ich vorankommen würde. In Füssen hatte sich keiner der angeschriebenen Couchsurfing-Gastgeber gemeldet, komisch.

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Zum Waschen und Rasieren muss ich deshalb, was sicher einen Verstoß gegen irgendwelche übertriebenen Gesetze darstellt, den Alpsee nutzen.

Ahhh, nach dem Bad fühle ich mich wieder ganz frisch und attraktiv. Kaltes Wasser am Morgen ist wichtiger als ein Bett in der Nacht.

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So traue ich mich in die Tourismusinformation.

„Haben Sie noch Eintrittskarten für die Schlösser?“

„Bei uns ist gibt es keine Tickets mehr, und online ist auch schon alles ausgebucht.“

„Oje! Ich bin mehr als 100 km hierher gewandert.“

Das erweicht die Dame etwas: „Wenn Sie früh aufstehen, können Sie versuchen, morgen ein Ticket zu ergattern. Nehmen Sie den Bus Nr. 73 oder 78 nach Hohenschwangau, und dort gehen Sie zum Ticket-Center.“ Sie streicht mir alles auf einer Karte an, während sie geduldig das erklärt, was sie wahrscheinlich jeden Tag hundertfach auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch erklärt. „Das öffnet um 8 Uhr, und wenn noch Karten übrig sind, bekommen Sie dort welche. Für Schloss Hohenschwangau sind normalerweise immer noch Plätze frei.“

Das arme Schloss Hohenschwangau, das immer hinter Schloss Neuschwanstein zurückstehen muss. Wenigstens das werde ich und werdet damit Ihr sehen.

„Und da Sie gut zu Fuß sind,“ fügt das Fräulein fröhlich hinzu, „können Sie auch einfach um die Schlösser herumwandern, wenn Sie keine Eintrittskarten mehr bekommen. Das ist sowieso viel schöner.“

Sie vermittelt mir dann noch ein Zimmer in einem Hostel zu 40 € pro Nacht, plus 2,20 € Tourismusabgabe. Dafür kann man allerdings alle Busse und sogar den Zug kostenlos benützen, was ein ziemlich guter Deal ist. Ich glaube, es ist auch eine gute Vorgehensweise gegen illegale AirBnB-Wohnungen, so die Touristen denn wissen, dass ihnen die freien Busfahrten vorenthalten werden. Wer glaubt, modern zu sein, und statt ins Fremdenverkehrsamt ins Internet geht, der verpasst diese Information vielleicht.

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Wem diese Wanderung zu kurz war, der muss nicht verzagen: In der Tourismus-Information gibt es allerhand Vorschläge für jene, die das schöne Wetter nützen und noch ein paar hundert Kilometer spazierengehen wollen.

Nur 966 km bis zum Triglav in Slowenien, das klingt verlockend. Mit meinem bisherigen Tempo komme ich dort in zwei Monaten an.

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Im sehr zentral gelegenen Bavaria City Hostel muss ich die Zeit des Formularausfüllens irgendwie überbrücken und frage, wie denn der Touristenansturm in diesem Sommer sei.

„Es ist schlimm. Alles ist voll,“ sagt die Frau, wie wenn sie nicht davon leben würde. „Nur die Schlitzis bleiben dieses Jahr weg.“

Mir hingegen bleibt fast der Atem weg ob dieser rassistischen Wortwahl. Wieso arbeitet so jemand im Tourismus?

Und es ist nicht das einzige Mal, dass ich so etwas höre. Ein befreundeter Lehrer war vor einem Monat in Berlin und freute sich, dass es dieses Jahr „keine Japsen“ gäbe.

Später, im August, just zum Jahrestag der Atombombenabwürfe, wird eine Bekannte über Neuschwanstein sagen: „Abgesehen von den Unmengen Japanern in der Tat sehr, sehr schön.“

Liegt der offene Rassismus gegen Asiaten auch am Coronavirus? Oder suchen sich die Leute ein anderes Ziel, weil Rassismus gegenüber Schwarzen gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert ist?

Darauf angesprochen, sagen sie dann, dass sie es nicht so meinen und dass halt wirklich viele Touristen aus Asien hier sind. Na und? Wenn ein Schloss überlaufen ist, dann ist es doch egal, ob die Besucher aus Peking oder aus Paris kommen. Vielleicht verkaufen die Schlösser einfach zu viele Eintrittskarten? Und warum sind ausländische Touristen in Deutschland ein Ärgernis, aber Deutsche können die Strände rund ums Mittelmeer belagern? Überhaupt kommen all die Klagen über „zu viele Touristen“ meist von Leuten, die am gleichen Ort selbst touristisieren.

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Auch in Füssen begehen Menschen den Fehler ihres Lebens und vermählen sich. Dieses Paar hat sich, passend zu dem, was ihnen bevorsteht, eine Ruine als Kulisse für ihre Freiheitsabschiedsfeier ausgewählt.

Der Bräutigam blickt verstohlen-neidisch zu mir herüber, der ich in der Wiese liege, den Rucksack als Kopfkissen, die Schuhe ausgezogen, und die Zigarre im Mund. Und für einen Moment träumt er von einem Leben, in dem ihm niemand das Rauchen verbietet. Von einem Leben, in dem ihm niemand verbietet, in der Wiese zu liegen, weil man davon angeblich Tuberkulose bekommt. Von einem Leben, in dem ihn niemand drangsaliert, weil er nicht arbeiten und kein Haus kaufen will. Von einem Leben, in dem er nicht angerufen und vorwurfsvoll gefragt wird, wieso er noch nicht zuhause ist. Von einem Leben, in dem Überraschungen, Unwägbarkeiten und Abenteuer etwas Positives sind. Kurz: von einem richtigen Leben.

Tja, zu spät, junger Mann. Bald schiebst du geknickt den Kinderwagen durch die Kleinstadt.

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Geknickt dürfte auch die Kleinstadt selbst sein. Denn obwohl sie ziemlich putzig ist, kommen die Besucher aus Asien und aller Welt nur wegen der beiden Königsschlösser im Nachbarort Schwangau. Dabei gäbe es auch in Füssen selbst einiges zu sehen.

Aber ich muss jetzt erst einmal Döner und Schlaf nachholen.

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Morgen geht es endlich zu den Schlössern, versprochen!

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Auf den Spuren des Königs (Tag 7) Füssen

  1. Wunderschöne Fotos vom Sonnenaufgang! Um die Erfahrungen als Obdachloser beneide ich dich nicht. Und dass wir Deutschen uns in diesem und sicher noch im nächsten Jahr als Touristen selbst auf den Keks gehen, empfinde ich als kleinen Zipfel einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Nur das mit der Hochzeit ist, glaube ich, etwas überzogen. Ich frag mal meinen Mann, wenn er vom Einkaufen zurück und mit dem Putzen fertig ist. In der Zeit lasse ich mir erst mal die Nägel machen 😉

    • Andreas Moser schreibt:

      Haha! Falls er nicht unterwegs meinen Blog liest, anstatt nach Hause ins Grübeln kommt, und eine einfache Fahrkarte ins Pamir-Gebirge löst. 😉
      (Gib ihm besser nie mehr als 10 € mit. 😛 )

      Dass sich die Deutschen gegenseitig ein bisschen kennenlernen, finde ich einen ganz schönen Nebeneffekt der Reisebeschränkungen. Ich hatte während der ganzen Wanderung auch den Eindruck, dass mehr Menschen zum Reden aufgelegt waren, dass sie mehr Zeit hatten. Es war eigentlich eine schöne Stimmung. Von mir aus kann das Virus also noch ein paar Jahre dauern. (Ich habe auch ohne neue Reisen noch genug alte Geschichten auf Lager.)

  2. Pingback: In the King’s Footsteps (Day 7) Füssen | The Happy Hermit

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