Auf den Spuren des Königs (Tag 2) Kloster Andechs

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Yasmin und Basti leben vegan-gesund und haben anscheinend nur gesundheitsbewussten Besuch. Denn als ich zum Frühstück frage, ob sie eine Cola haben, freuen sie sich: „Oh, endlich kommt die Flasche Cola weg, die wir noch im Keller haben.“ Sie ist seit Mai 2018 abgelaufen, vor mehr als zwei Jahren. Wahrscheinlich war sie noch von der Abiturfeier übrig.

Den Rest der Flasche packen sie mit Bananen und Äpfeln zu einem Päckchen zusammen, das mich unterwegs stärken soll, und so verabschiede ich mich ausgeruht, gut gerüstet und frohen Mutes von den neuen Freunden.

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In Maising, dem nächsten Ort, wohnen Yasmins Eltern. Sie haben ihr schon erzählt, dass seit dem Coronavirus wesentlich mehr Wanderer unterwegs sind. „Anfangs trauten sie sich gar nicht mehr aus dem Haus. Sie dachten, all die Fremden brächten die Viren.“

Vielleicht sollte ich mit Mundschutz durchs Dorf gehen. Aber der Regenschutz ist dann doch wichtiger, wenn auch immer nur für ein paar Minuten zwischendurch.

Maising ist so ein unbedeutendes Dorf, dass es eine Tafel aufgestellt hat, die unter Verweis auf die erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1182, also zur Zeit der Kreuzzüge und des Gempei-Krieges, eine Bedeutung zu konstruieren versucht, die dem Dorf bei aller wohlmeindenen Gutmütigkeit einfach nicht zukommen will.

Immerhin erfahre ich anhand dieser Tafel, dass die General-Fellgiebel-Kaserne jetzt die Schule Informationstechnik der Bundeswehr beherbergt, was den sorglosen Umgang des Militärs mit den Spaziergängern in Kapitel 11 erklärt. Die größte Gefahr ist dort wahrscheinlich, dass man von computerspielenden Soldaten für ein Pokemon gehalten und kurzzeitig festgenommen wird.

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Hinter einer Reiterin auf einem Pferd trabt ein Hund hinterher, erschöpft, hechelnd, humpelnd. Und treu. Denn er könnte ja eigentlich zuhause bleiben. Er weiß doch, dass die Frau nach einer Stunde wieder zurückkommt.

Oder sind Hunde doch nicht so schlau wie Katzen?

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„Sind Sie Pilger?“

„Ein säkularer Pilger.“

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„Nimma lang“, Bayerisch für „nicht mehr lange“, verspricht ein Schild, dauere der Weg zum Kloster Andechs.

Aber heftig bergauf geht es. Ich komme so langsam voran auf den verbleibenden 5,8 km, dass ich wieder direkt in die Mittagshitze laufe. Wenn ich an das Kloster denke, habe ich keine Kirchen oder Mönche, sondern nur einen schattigen Biergarten im Kopf.

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Aber zuerst kommt ein Kapitel aus der beliebten Reihe „Der Schein trügt“. Seht Euch diese Fotos an:

JVA Rothenfeld (2)

Das ist doch idyllisch, oder?

Es ist ein Gefängnis.

In den Gebäuden der ehemals klösterlichen Erziehungsanstalt wohnen jetzt Hühner, Ziegen und Gefangene hinter den Gittern der JVA Rothenfeld.

Sehr unüberwindlich wirken die Zäune allerdings nicht. Wärter sind gar keine zu sehen. Das ist hier wohl nicht gerade der Hochsicherheitstrakt des bayerischen Justizvollzugs. Vielleicht für die Millionäre aus dem nahen Starnberg, die mit Betrug, Steuerhinterziehung und Untreue reich geworden sind, vermute ich.

Ein Fotografierverbot hindert mich an Nahaufnahmen. Obwohl, wenn man so ein Gefängnis sieht, will man fast Straftaten begehen, um dann in der Landsitzatmosphäre Bücher zu schreiben.

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Am Rande des Prisonsperimeters finde ich auch gleich den perfekten Schlafplatz: Eine Bank unter einem vor Sonne und Regen schützenden Blätterdach.

Leider ist es noch zu früh zum Schlafen. Aber Ausruhen vor dem Anstieg auf den Berg Andechs muss sein. In der kurzen Zeit der Pause erlebe ich tatsächlich alles von Sonne bis Regen. So wechselhaft wird sich das Wetter noch den ganzen Tag austoben.

Ein Paar kommt vorbei und leint seinen Hund freundlicherweise an, damit er mich weder frisst noch abschleckt.

Ich nütze die Gelegenheit, um zu fragen: „Wissen Sie, welche Sorte von Gefangenen in dem Gefängnis da drüben einsitzt?“

Sie wissen es: „Solche wie der Hoeneß.“

Na, da lag ich mit meiner Vermutung nicht weit daneben. Uli Hoeneß, der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende des FC Bayern München, hatte 28,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen. Ein anderer prominenter Häftling war Uwe Woitzig, ein Bankier, der wegen Betrugs in Höhe von mehreren hundert Millionen verurteilt wurde und über die Zeit in der Haft ein Buch schrieb.

In die JVA Rothenfeld kommen die Strafgefangenen gewöhnlich am Ende der Haftzeit, wenn sie schon Freigänger sind. Das bedeutet, dass sie tagsüber einer Arbeit nachgehen, zum Beispiel bei Fußballclubs, Banken oder anderen kriminellen Vereinigungen, und abends zum Schlafen ins Gefängnis zurückkehren. Für den Gerechtigkeitssinn wollen wir hoffen, dass diese Möglichkeit nicht nur Millionären offensteht. (Das kommt auf meine Liste von Dingen, die ich persönlich ausprobieren muss, um Euch zu berichten.)

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Der Weg nach Andechs ist am Ende einfach zu finden. Erstens thront das Kloster weit sichtbar auf einem Hügel, der wohl den Durst produzieren soll, der dann mit dem berühmten Klosterbier gestillt werden kann.

Zweitens wird der Weg durch einen Kreuzweg theologisch begleitet.

Der Kreuzweg ist fast so logisch durchnummeriert wie dieser Blog. Bei Station VII sinkt Jesus danieder. Erst der Hund, jetzt der Heiland, lauter erschöpfte Geschöpfe.

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Neben der Biermanufaktur betreibt das Kloster Andechs zwei teure Gaststätten, einen Laden, ein Drogengeschäft („Klosterapotheke“). Tja, wenn nicht so viele Leute aus der Kirche austräten, müssten sich die Mönche nicht so merkantilistisch betätigen.

Allerdings waren sie auch früher schon ziemlich materialistisch unterwegs. Im 9. Jahrhundert brachte der raffgierige Rasso Reliquien, also Raubkunst, aus dem Heiligen Land auf den Berg Andechs: ein Stück vom Kreuz Jesu, einen Teil der Dornenkrone und die Heiligen Drei Hostien. Spätestens seit 1128 sind Wallfahrten belegt, übrigens nicht freiwillig, sondern auf Befehl der Grafen von Andechs.

Damals gab es nämlich das Kloster noch nicht, sondern die Burg der Grafen von Andechs, die nicht nur über die Felder der Umgebung, sondern als Herzöge von Meranien, Dalmatien, Istrien und Kroatien bis zur Adria herrschten. Weil dort die Winter wärmer waren, wurden die uns schon aus Kapitel 3 bekannten Wittelsbacher neidisch, zerstörten 1246 die Burg und schnappten sich die Besitzungen.

Wenn nicht jemand die Alpen dazwischen gestellt hätte, könnte man vom Klostergarten noch immer bis nach Rijeka, zur diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt, gucken.

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Erst 1455 wurde Andechs zum Benediktinerkloster, allerdings schon bald sehr geschäftstüchtig, mit Brauerei, Biergarten und 100.000 Bratwurstpilgern pro Jahr.

Dreißigjähriger Krieg und Säkularisation dämpften den Zustrom und den Profit ein wenig. Und noch immer sieht der Klosterkomplex überdimensioniert aus. Ein Teil der Gebäude steht leer, traurig darüber, dass sich Menschen keinen Mumpitz von Heiligen Dornenkränzen mehr erzählen lassen. Der Biergarten, von dem ich schon stundenlang geträumt hatte, ist geschlossen. Auf dem Veranstaltungskalender für das Jahr 2020 kleben kleine Zettel: „Verschoben!“ und „Abgesagt!“

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Ach ja, manche Leute kommen wegen der Kirche hierher. Ich selbst bin eher ein Säkularisations- als ein Kirchenfreund, aber ich habe gehört, dass es Christen unter der Leserschaft gibt. Deshalb ein paar Fotos von und aus dem Haus mit dem Heiligen Turm.

Weil ich mich da nicht auskenne, erzähle ich nichts über Fresken und Rokoko und Hochaltäre. (Ein erleichtertes Aufatmen bei den Leserinnen und Lesern. – Aber ich habe nicht vergessen, dass ich zu passender Gelegenheit mal über die Säkularisation erzählen muss!)

Mich interessieren die Pilgertafeln, die frühere Wanderer mitgebracht haben. Diese Ecke in der Kirche ist sozusagen ein visuelles Gästebuch. Und, wie das bei Gästen so ist, keiner kommt ohne Hintergedanken. Sie wollen von Krankheiten geheilt werden. Sie wollen eine fette Ernte einfahren. Sie wollen die Lottozahlen im Voraus wissen.

Aber die Gäste werden geiziger und/oder ungeduldiger. Niemand bemalt mehr Holztäfelchen. Von den Pilgern des 20. Jahrhunderts hängen ein paar billige Holzkreuze hinter der Kirche.

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Im Eingangsbereich der Kirche fällt mir noch etwas auf.

In der ganzen Welt tobt zur Zeit die Diskussion, wie man mit nicht mehr zeitgemäßen Denkmälern umgehen soll. Statuen werden gestürzt, Straßennahmen geändert, und Menschen behaupten, zu verhungern, wenn sie statt eines Zigeunerschnitzels ein Paprikaschnitzel bestellen müssen.

Und wer mogelt sich wieder durch? Die Kirchen. Wie immer. Wie bei der Raubkunst aus Kapitel 23 halten die Kirchen einfach still und hoffen, dass gesellschaftliche Diskussionen an ihnen vorüberziehen. Sollen sich die Museen doch entschuldigen oder restituieren, die Kirche hält die Krallen auf dem geklauten Krempel. (Gut, wenn alle ihre Stücke vom angeblichen Kreuz Jesu zurück nach Jerusalem brächten, würde man auch schnell merken, dass die ganzen Holzsplitter hundert Kreuze ergeben, und die Scharlatanerie wäre entlarvt.)

Hier steht auf einem Kriegerdenkmal tatsächlich noch etwas von „Heldentod“ und „in Treue fest bis in den Tod“, anscheinend ein christlicher Märtyrerkult. Wenn so etwas in einer Moschee stünde, wäre schon lange der Verfassungsschutz da.

Klar, so war das halt nach dem Ersten Weltkrieg, aber muss man das deshalb ewig unkommentiert stehen lassen? Interessant finde ich auch, dass von „den lieben Kameraden, die als tapfere Bayern des Deutschen Namens Ehre und Bestand schützten“ die Rede ist. Ich weiß gar nicht, wie ich es mir bisher entgehen habe lassen können, von Bayerns Rolle in den deutschen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts zu sprechen.

Aber zuerst wird es noch verstörender in dieser Kirche der Geschichtsrevisionisten. Springen wir zum Zweiten Weltkrieg:

Aha. Der christliche Gott war also 1943 auf Seiten der Wehrmacht und half bei den Angriffskriegen, Massakern und Deportationen in Konzentrationslager. Oder was sonst soll „sichtbare Hilfe in Feindesland“ bedeuten? Und wenn es das Land „des Feindes“ ist, wieso bleibt man dann nicht einfach zuhause? Die Mönche können angeblich Bier brauen, aber Denken ist nicht ihre Stärke.

Lesen wir, was das Kloster selbst dazu schreibt:

„Die wirtschaftlich schwierigen 20er Jahre, Drittes Reich und Nachkriegszeit lasteten auf Abt Bonifaz Wöhrmüller (1919-1951).“

Ach ja, die armen deutschen Christen, so viel gelitten haben sie im 20. Jahrhundert!

„Die Wirtschaftsbetriebe waren neu zu strukturieren, Wallfahrt und Seelsorge forderten Kräfte und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ging die Zahl der Mönche und Mitarbeiter zurück.“

Ja, ja, die Wirtschaft! Nur ja nicht Nachdenken oder Reflektieren über Partizipation am Holocaust, über Mitschuld am Antisemitismus, über Arisierungsgewinne. Jammern über weniger Mönche, aber die Augen zugedrückt haben zum Konzentrationslager in Dachau mit seinen 169 Außenlagern, darunter welchen in dieser lieblichen Landschaft des Landkreises Starnberg.

Aber die Mönche hatten damals einfach Wichtigeres zu tun, das muss man verstehen:

„Trotz des Zweiten Weltkrieges wurden 1941/42 Stuck und Fresken der Wallfahrtskirche restauriert.“

Da wünscht man sich doch eine erneute Säkularisation!

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Während ich im Klostergarten eine Zigarre rauche und lese, die zwei Hauptgründe für mein langsames Vorankommen, sehe ich anscheinend wie ein wirklich armer Pilgerlandstreicher aus, denn eine Familie „vergisst“ demonstrativ aber unaufdringlich zwei Bananen auf der gegenüberliegenden Bank. Das rettet mich vor den wucherischen Wirtshäusern. Außerdem verspüre ich wenig Neigung, die Benediktiner zu alimentieren, damit die davon Schweigegelder an Opfer sexuellen Missbrauchs bezahlen.

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Beim Abstieg vom Kloster ins Kiental treffe ich zum ersten Mal auf eine echte Pilgerin. Sie geht zwar nicht ganz bis nach Spanien, aber so erfahre ich, dass der Münchner Jakobsweg sich weitgehend mit dem von mir beschrittenen König-Ludwig-Weg deckt, nur die profanen Schlösser am Ende auslässt und stattdessen nach Lindau abbiegt. Das ist ein ganzes Stück weiter als meine bescheidene Geburtstagswanderung, aber dafür ist sie schlauer, weil sie nur einen kleinen Rucksack hat und jetzt um 3 Uhr nachmittags ihre Tagesetappe schon beendet hat.

Wenn ich für die kommenden Tage keine Couchsurfing-Gastgeber mehr finde, werde ich frei von Zwängen und Absprachen, wirklich frei wie ein Vagabund sein und meinen Schritt wahrscheinlich auch verlangsamen. Es gibt hier so viele Orte, wo ich einfach stundenlang sitzen oder zufrieden einschlafen könnte. Das Kiental mit den hohen das Sonnenlicht abschirmenden aber gleichzeitig im saftigen Grün erglitzern lassenden Buchen und dem ewig rauschenden Bach in der bis zu 70 m tiefen Schlucht gehört dazu.

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Herrsching ist womöglich ganz hübsch, bezieht seinen ganzen Stolz aber aus einem S-Bahn-Anschluss nach München (praktisch für Leute, die die Wanderung wegen politisch-weltanschaulicher Differenzen jetzt abbrechen möchten) sowie aus der exakten Lage auf dem 48. nördlichen Breitengrad, womit sich die Stadt selbst in einer Reihe mit Ulan Bator, Le Mans und Donezk sieht.

Ach ja, einen See gibt es hier auch. Aber das ist der Ammersee und dazu morgen mehr.

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Als ich am Ortsrand von Herrsching vor Schloss Mühlfeld stehe und mich wundere, was das ist, verdunkelt sich der Himmel rasend schnell. (Später lese ich, dass es die Mönche von Andechs als Sommer-, Bade- und Partyschloss nutzten. Der Unterschied zwischen Adel und Klerus war gar nicht so groß.)

Anstatt die restlichen 6 km zu gehen, halte ich also den Daumen raus. Innerhalb von weniger als einer Minute hält ein Auto. Der junge Mann muss zwar eigentlich nicht nach Aidenried, aber er freut sich so, mal wieder einen Tramper zu sehen, dass er darauf besteht, mich dorthin zu fahren. Er ist früher selbst regelmäßig per Anhalter nach Innsbruck gefahren, weil er da eine Freundin hatte, und die Begegnung mit wildfremden Leuten hat ihm riesigen Spaß gemacht.

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Reinhard, mein Couchsurfing-Gastgeber, ist noch nicht zu Hause, also deponiere ich den Rucksack im Garten und gehe auf Erkundungstour durch das kleine Dorf. Falls er gar nicht mehr auftauchen sollte, muss ich mir schließlich einen alternativen Schlafplatz suchen.

Vor einem Bauernhaus steht eine luxuriöse Schlafschaukel, die wäre sicher gemütlich. Aber zu nahe am Haus.

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Oh, da drüben steht eine Kapelle unter einem großen Baum.

Und sogar eine große Bank ist da. Perfekt.

Wenn nur nicht just in diesem Moment alle Wolken sich öffnen würden. Eine Weile hält mich das Blätterdach trocken, doch nach wenigen Minuten ist es an hundert Stellen leck geschlagen.

In einem Garten unterhalb der Kapelle räumt eine Frau Schuhe und Wäsche in Sicherheit vor der Sintflut. Sie erblickt mich, ich winke, und sie ruft, dass ich doch runter auf die Terrasse kommen soll. Das ist aber nett! Sie bringt mir sogar noch ein Handtuch.

So sitze ich schon länger auf der Terrasse und hoffe, dass die Markise dem Unwetter standhält, als zwei kleine Mädchen um die Ecke kommen und mich erblicken.

„Hallo“, begrüße ich sie in ihrem eigenen Garten.

„Brauchen Sie etwas?“ fragt eine von ihnen ganz hilfsbereit.

„Oh, dankeschön,“ wiegele ich ab, „Eure Mutter hat mir schon so viel geholfen, indem sie mir erlaubt hat, hier den Regen zu überstehen.“

„Ach, unsere Mama weiß schon, dass Sie da sind?“

Es gibt also Familien, die ihre Kinder so erziehen, dass diese beim Anblick eines fremden Mannes in ihrem Garten nicht erschrecken, sondern Hilfe anbieten. Und so hat diese Familie aus Aidenried mich an diesem Tag nicht nur vor Durchnässung, Unterkühlung und dem Tod gerettet, sondern meinen Glauben an die Menschheit auf ein neues Niveau gehoben.

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Als die tiefhängenden und tiefschwarzen Wolken eine Verschnaufpause einlegen, laufe ich schnell zum Haus von Reinhard, das halb Baustelle, halb Museum ist.

Er hat noch zwei andere Gäste zu Besuch, so dass mir das Sofa im Wohnzimmer bleibt. Aber von hier aus habe ich einen wunderbaren Blick über den Ammersee, direkt auf den Sonnenuntergang, wenn es nicht noch grau und wolkig wäre. Hunderte von Büchern säumen das Zimmer. Hier könnte ich auftanken, wenn ich die mitgeschleppte Literatur schon verschlungen hätte.

Mit 78 Jahren ist Reinhard der älteste Couchsurfing-Gastgeber, bei dem ich je übernachtet habe. Er war Urologe und hat im Ruhestand sein schon in der Jugend entdecktes Talent zum Beruf gemacht. Er ging zur Ausbildung nach Indien und in die Marmorsteinbrüche von Da Nang in Vietnam, lernte neue Techniken, und seither bearbeitet der alte Mann, der in seiner Drahtigkeit an Clint Eastwood erinnert, Marmor, Granit und Quarzit zu Shivas, Sphinxen und Schwänen, letzteres eine nie abgeholte Bestellung von König Ludwig II. für Hohenschwangau oder Neuschwanstein.

Ältere Gastgeber sind toll, weil sie schon viel erlebt haben. Als ich vom Iran erzähle, springt er auf und holt ein Amulett aus dem Esszimmer: „Das ist für Imam Ali, das habe ich aus Isfahan mitgebracht.“ Noch zur Zeit des Königreichs Persien war er mit dem VW-Bus im Iran. Begeistert erlebt er wieder die frühe Reise, von den in Istanbul aufgegabelten Schwedinnen, die nach Indien wollten, und die er mitnahm, bis zu dem Überfallversuch im Hostel, wo sich die Diebe unter den Betten versteckt hatten und nachts hervorsprangen. Am Ende amüsierten sich Räuber und Überfallene zusammen über den unbewaffneten und harmlos verlaufenen Versuch der Vermögensverschiebung.

Als wir auf Vulkane zu sprechen kommen, springt er wieder auf und holt einen kanonenkugelgroßen Brocken vom Balkon: „Ein Lava-Auswurf vom Ätna. Ich bin mit dem Auto bis zum Kraterrand gefahren, um Lava für geologisch-bildhauerische Experimente abzuschöpfen.“ Dazu hatte er sich von einem Schmied extra eine Kelle mit einem mehrere Meter langen Stiel anfertigen lassen, die ihm dann von den Carabinieri mit vorgehaltener Waffe entwendet wurde, weil der Lavahandel in Sizilien anscheinend in festen und korrupten Händen liegt.

Wir sind nicht immer einer Meinung, weder politisch, noch was das Frauenbild angeht, bei dem der hauptsächlich an Formen und am Formen interessierte Bildhauer durchscheint, aber wir unterhalten uns bis spät in die Nacht.

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Vor der Wanderung wurde aus der fürsorglichen Fangemeinde Vorsicht vor Bären, Kälte, Hunger und Blasen angemahnt. Aber das gefährlichste passiert an jenem Abend, als ich ziemlich zügig in eine zu sauber geputzte Glastür laufe.

Zum Glück ist ein Arzt im Haus. „Nicht-dislozierte Nasenbeinkontusion“ diagnostiziert Reinhard und gibt mir auf, die kommenden Wochen nicht auf dem Bauch oder auf der Seite zu schlafen. Nach ein paar Tagen verging der Schmerz dann tatsächlich und ich trage die Nase noch immer unverwundet wie ein Boxer, dessen Stärke die Defensive ist.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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