Die Rauchende Schlange

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In diesen Tagen feiern wir eurozentristischen Europäer das Ende des Zweiten Weltkriegs, obwohl jener Veranstaltung in Asien noch ein paar Monate Zugabe gegönnt waren. Mit Paraden und Märschen wurde der überlebenden und mit Friedhofsbesuchen der nicht überlebenden amerikanischen, britischen, französischen, belgischen, neuseeländischen, australischen, indischen, kanadischen und ja, auch der sowjetischen Veteranen und sogar der Partisanen gedacht.

Aber wie jedes Jahr wurden die Soldaten eines Landes komplett vergessen.

Nein, ich meine nicht unsere Opas von der Wehrmacht. Die haben ja nun größtenteils wirklich keine Feier verdient.

Ich spreche von den brasilianischen Soldaten, die zusammen mit den Alliierten Europa vom Faschismus befreit haben.

Von denen wusstet Ihr nichts? Seht Ihr, genau das meine ich. Die werden nämlich immer übersehen. Dabei waren es nicht ein paar einzelne Brasilianer, die in der amerikanischen oder britischen Armee Dienst taten. Nein, Brasilien entsandte im Zweiten Weltkrieg eine gesamte Division nach Italien: 25.000 Mann.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wollte Brasilien auf Schweiz machen, neutral bleiben und mit jeder Seite Geschäfte machen. Brasilien war zu jener Zeit mal wieder Diktatur, die als solche durchaus Sympathien für Nazi-Deutschland hatte (obwohl es im Völkergemisch Brasilien keine Bestrebungen zum Genozid gab). Aber die nordamerikanische Charmeoffensive war einfach zu stark,jornal_o_globo_1942 und so erlaubte Brasilien den USA ab 1942 die Errichtung von Stützpunkten für den Seekrieg im Atlantik.

Die Neutralität wurde unhaltbar, als deutsche U-Boote im gleichen Jahr 13 brasilianische Handelsschiffe versenkten und Hunderte von Menschen starben. Dabei wollte die Regierung Brasiliens noch immer keinen Krieg gegen Deutschland führen. Die Forderungen kamen aus dem Volk und wurden immer lautstarker. Demonstranten forderten den Kriegseintritt und zerstörten deutsche Kneipen. Am 22. August 1942 erklärte Brasilien dem Deutschen Reich, Italien und Japan schließlich den Krieg.

Dieser Schritt wurde damals in Südamerika zunehmend populär. Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Paraguay, Peru, Chile, Venezuela und Uruguay folgten in dieser Reihenfolge. Ach ja, das heroische Argentinien entschloss sich am 27. März 1945 noch knapp rechtzeitig zu diesem kühnen Schritt; es war die letzte Kriegserklärung an Deutschland.

Aber auch in Brasilien blieb es erst einmal bei der Ankündigung. Der Volkszorn kochte weiter, was aber auch daran gelegen haben mag, dass wegen des Zweiten Weltkriegs die Fußball-Weltmisterschaften ausfielen. Es entwickelte sich die Redewendung, dass die Regierung wohl erst Truppen nach Europa schicken werde, „wenn die Schlangen Pfeife rauchen“, um die Skepsis auszudrücken, ob dies jemals passieren wird. Bei uns würde man sagen „wenn die Hölle zufriert“, aber in Brasilien weiß niemand, was Frieren bedeutet.

Endlich, fast zwei Jahre nach Kriegseintritt – und praktischerweise nach der erfolgreichen Landung in der Normandie, als nun wirklich jedem klar war, wer als Sieger vom europäischen Spielfeld gehen würde -, verließen die ersten Truppen am 2. Juli 1944 Brasilien Richtung Italien.

175px-distintivo_da_feb„Die Schlange raucht!“, hieß es nun ungläubig, und das Brasilianische Expeditionskorps wählte dieses Symbol ganz selbstironisch als Abzeichen. Krieg ist immer Chaos, und so fiel erst bei der Ankunft in Italien auf, dass die Brasilianer keine Waffen hatten, dass ihnen keine Kaserne oder andere Unterkunft zugeteilt worden war und, am allerschlimmsten, dass ihnen niemand etwas über Winter, Kälte und Schnee gesagt hatte.

Schnee ist in Brasilien unbekannt. Und diese Truppen vom Strand sollten im Winter 1944/45 in den Apenninen gegen Gebirgstruppen der Wehrmacht kämpfen, die sich an der sogenannten Gotenlinie eingegraben hatten.

BEF soldiers in Italy

Umso erstaunlicher, dass sie dennoch ganz erfolgreich vorankamen, Schlachten gewannen, unter anderem Parma befreiten und allein mehr als 20.000 hauptsächlich deutsche Soldaten gefangen nahmen. Das Foto zeigt den deutschen Generalleutnant Otto Fretter-Pico, wie er sich brasilianischen Soldaten gegenüber ergibt.

general_german_brazil

Die deutsche Propaganda war also wirkungslos geblieben, obwohl sie für die Feinde aus Brasilien sogar eine Radiosendung auf Portugiesisch ausstrahlte: „Hora Auri-Verde“. Darin wurde den Südamerikanern wahrscheinlich noch mehr Angst vor noch mehr Schnee, Eis und Frost gemacht, eine Rückkehr nach Rio empfohlen und andernfalls eine empfindliche Niederlage im Fußball angedroht.

Außerdem nutzten die Nazis in ihrer an die italienische Bevölkerung gerichteten Propaganda die Tatsache, dass viele brasilianische Soldaten dunkelhäutig waren. Sie versuchten insbesondere, Furcht vor Vergewaltigung und Mord zu schüren. Und schon sieht man wieder, wo sich die AfD ihre Methoden abschaut.

Die brasilianischen Soldaten hatten in den Wintermonaten im Schützengraben übrigens viel Zeit, darüber nachzudenken, warum man in Europa für die Demokratie kämpft, während zuhause ein Diktator regiert. Auch unter dem Einfluss der zurückkehrenden Soldaten kündigte Getúlio Vargas 1945 Wahlen an, erlaubte die Gründung von Parteien und versprach, selbst nicht mehr zu kandidieren. Sicherheitshalber wurde er dann aber doch weggeputscht, 1950 wiedergewählt und erschoss sich 1954, wohl verwirrt von dem ewigen Hin und Her, selbst.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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28 Antworten zu Die Rauchende Schlange

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  3. Sehr interessanter Beitrag. Einen ähnlichen Effekt hatte der Einsatz in Deutschland auf afroamerikanische Soldaten, die sich nämlich fragten, warum Rassismus in Nazi-Deutschland böse, aber zu Hause erlaubt sein soll.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ah, sehr guter Punkt!

      Da könnte man schon fast eine Serie daraus machen: Rückwirkungen von Krieg auf die Heimat.

      Ich hatte dazu an der Fernuniversität mal ein Seminar über die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs auf das zivile Leben und habe die Rolle der Frauen bearbeitet.
      Das war dann eigentlich ziemlich ernüchternd. Während des Krieges stieg die Frauenerwerbsarbeit, auch in bis dahin untypischen Berufen (Schwerindustrie, Straßenbahnfahrerinnen), weil die Männer weg waren. Aber sobald die Männer zurück kamen, wurden die Frauen wieder rausgekickt. Oft waren die Frauen nur temporär in die Arbeitsverträge ihrer Männer oder Brüder oder Väter eingesprungen. Das war also keine wirkliche Emanzipation.
      Und auch während des Krieges wollten viele deutsche Unternehmen lieber (männliche) ausländische Kriegsgefangene als deutsche Frauen in der Fabrik haben.
      Gut, das Frauenwahlrecht kam 1919, aber das lag wohl eher an der Revolution als am Weltkrieg.

    • Ja, für die Frauen hat sich dadurch nicht so viel getan. Es ist bestimmt auch wichtig, dass man für eine Mission losgeschickt wird, die zu den Gepflogenheiten in der Heimat im Widerspruch steht.

  4. Tom Tom Arte schreibt:

    Sehr interessant. Guter Beitrag. Und auch gut geschreiben. Danke

  5. Ich wusste es schon, weil ich eine Gedenktafel sah, die an die Befreiung eines Regierungsgebäudes in Pisa erinnert.

  6. Es fehlen die Flieger, die mit Thunderbolts den Deutschen das Laufen unter freiem Himmel unangenehm machten.

  7. Denis Krabbe schreibt:

    Wenn ich den Satz Lese 🤬 Ich meine nicht unsere Opas von der Wehrmacht die größten Teils keine Feier verdient haben 🤬 dann könnte ich im Strahl 🤮🤮🤮🤮🤮🤮

    • Andreas Moser schreibt:

      Naja, Angriffskrieg, Kriegsverbrechen, Völkermord und so sind halt nichts zum Feiern.

      Dazu habe ich gerade anderswo geschrieben: https://andreas-moser.blog/2020/05/08/schlussstrich/

    • Dennis Henschel schreibt:

      Hier mal eine kleine Auswahl an Autoren, denen Sie sich gerne mal zur Diskussion stellen dürfen, sollten Diese noch leben. Selbst Churchill vermittelt ein anderes Bild, doch der hat ja keine Ahnung und muss wohl heute n Nazi geworden sein.

      – Churchill’s Memoiren, Band 1 und 2
      – John V. Denson: Sie sagten Frieden und meinten Krieg : Die US Präsidenten Lincoln, Wilson und Roosevelt
      – Benton L. Bredberry: Das Märchen vom bösen Deutschen
      – Dirk Bavendamm: Amerikas Griff nach der Weltmacht/Roosevelts Krieg: Amerikas Politik und Strategie
      – Curtis Bean Dall: Roosevelt und seine Hintermänner
      – Hans Heinrich Dieckhoff: Roosevelt auf Kriegskurs. Amerikas Kreuzzug gegen den Frieden
      – Michael C. Steinmetz: Wege in den II. Weltkrieg: Die Konfrontation in Europa und Roosevelts Kriegskurs
      – Patrick J. Buchanan: Churchill, Hitler und der unnötige Krieg. Wie Großbritannien sein Empire und der Westen die Welt verspielte
      – Werner Symanek: Polens Marsch in den Zweiten Weltkrieg – Hintergründiges und Verschwiegenes zur Zeitgeschichte
      – Emil Schlee: Friedensbemühungen Deutschlands im 2 Weltkrieg
      – Arndt Verlag: Der Tod sprach polnisch
      – Joachim Brock: Die Diffamierung einer Generation: die Zeit von 1918 bis 1939
      – Albert Kotowski: Polens Politik gegenüber seiner deutschen Minderheit 1919–1939
      – Gerd Schultze-Rhonhof:1939 Der Krieg, der viele Väter hatte, Der lange Anlauf zum Zweiten Weltkrieg
      – Viktor Suworow: Stalins verhinderter Erstschlag
      – Ulrich Stern: Dir wahren Schuldigen am Zweiten Weltkrieg
      – Joachim Hoffmann: Stalins Vernichtungskrieg 1941–1945
      – Ingo Schewiola: Wie der Zweite Weltkrieg gemacht wurde
      – Erkki Hautamäki: Finnland im Auge des Sturms
      – Adolf von Thadden: Vier Reden Stalins – Ein durchgehender roter Faden, mit der Ansprache vom 19. August 1939
      – Peter H. Nicoll: Englands Krieg gegen Deutschland. Ursachen, Methoden und Folgen des Zweiten Weltkriegs
      – Hans Meiser: Tschechen als Kriegstreiber

    • Andreas Moser schreibt:

      Huch, da hat jemand eine ganze Geschichtsrevisionismusbibliothek zuhause.

  8. Björn Siegfried schreibt:

    Größter Müll des Tages. Tschüss

  9. Nimmerlong Stam schreibt:

    Warum hat Brasilien eine Truppe den US Amis zur Verfügung gestellt….. beantwortet diese Frage mit Hintergrund, nicht auf der Basis eines Hofers.🦅☎️

    • Andreas Moser schreibt:

      In dem Artikel habe ich die Frage ja beantwortet. Es war wohl (auch) der Druck aus der brasilianischen Bevölkerung, nachdem Deutschland reihenweise brasilianische Schiffe versenkte.

  10. Michael Heiner schreibt:

    Andreas Moser
    Sie sind ein 🤡🤡🤡

  11. Stefan Gröschner schreibt:

    Ach Sie kannten also meinen Opa. So einen Dünnschiss aufzuschreiben. Sie haben keine Ahnung von Geschichte.

    • Andreas Moser schreibt:

      Bin ja auch noch nicht fertig mit dem Geschichtsstudium. Kann also nur besser werden mir der Zeit. 😉

    • Stefan Gröschner schreibt:

      Dann können Sie mir sicherlich auch erklären, warum es so viele freiwillige ausländische Divisionen in der Waffen-SS gegeben hat? Etwa zwangsrekrutiert wie in den USA, Frankreich und Großbritannien aus den Kolonien Afrikas? Oder aus der ehemaligen Sowetunion wie die Mongolen? Warum wurde das Buch fals Sie es kennen auf den Index gestellt. Das Buch heißt Wahrheit sagen, Teufel jagen.
      Wünsche noch einen schönen Abend

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja, oft wurden die zwangsrekrutiert. In anderen Fällen wurde ihnen die staatliche Unabhängigkeit versprochen, wie zB bei den Kaukasus-Divisionen.
      Wobei zumindest die Georgier ganz zu Kriegsende mit dem Aufstand auf Texel noch die Kurve kratzen. Ab Kapitel 33 in diesem Artikel schreibe ich darüber:
      https://andreas-moser.blog/2019/02/16/tiflis/

  12. Sven Jensen schreibt:

    Wie leicht man sich doch selber disqualifizieren kann :
    —Nein, ich meine nicht unsere Opas von der Wehrmacht. Die haben ja nun größtenteils wirklich keine Feier verdient.—

    —Und schon sieht man wieder, wo sich die AfD ihre Methoden abschaut.—

  13. Dr. Harald Böcker schreibt:

    Und zum Schluss noch AfD bashing…
    kommunistensau!

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