Der sowjetische Soldatenfriedhof

Wenn ich einen ruhigen Ort zum Lesen suche, gibt es gar nicht so viele Möglichkeiten, wie es auf den ersten Blick scheint:  Im Park spielen lärmende Kinder. Im Wald streunen menschenfressende Bären herum. In der Bibliothek lenken mich die Studentinnen ab.

Deshalb bin ich darauf verfallen, Friedhöfe aufzusuchen. Keine gegenwärtig genutzen Friedhöfe, wo man eine Beerdigung stören oder in ein frisch geschaufeltes Grab fallen könnte, sondern alte Friedhöfe, die schon lange niemand mehr aufsucht. Vergessene Friedhöfe. Friedhöfe, die gewissermaßen selbst gestorben sind. Wie der osmanische Friedhof in Bitola in Mazedonien oder der deutsche Soldatenfriedhof in Vilnius, Litauen, der jetzt ein schattiger Park ist.

An meinem jetzigen Wohnort in Târgu Mureș (Neumarkt am Mieresch) in Rumänien bin ich auf einen sowjetischen Soldatenfriedhof gestoßen. Wer schon in Osteuropa unterwegs war, wird die hundertfach verwendete Standardarchitektur erkennen.

Friedhof1

Friedhof2

Der Friedhof ist tatsächlich so verlassen, wie er hier aussieht. Das liegt zum Einen an seiner Lage an einem steilen Hang, die vor das Gedenken einen beschwerlichen Spaziergang setzt, zum Anderen daran, dass sich in dieser zukunftsstrotzenden, vorwärtsgewandten Zeit niemand an das erinnern will, was vor 70 Jahren geschah.

Selbst am 8. Mai, dem Jahrestag des Kriegsendes, wurden hier keine Kränze niedergelegt, keine Reden geschwungen, keine Lieder gesungen. Nur ein paar Geranien in schwarzen Plastiktöpfen hatte jemand abgestellt.

BlumenAuf einer der verlotterten Holzbänke sitzend denke ich darüber nach, wieviel auch heute noch davon abhängt, ob man westlich oder östlich jener Linie geboren wurde, an der im Mai 1945 die Westalliierten bzw. die Rote Armee standen. In Osteuropa ist das Gedenken an die Befreier verständlicherweise getrübt durch die Erinnerung an die folgenden 45 Jahre Kommunismus, doch wird dabei oft Ursache und Wirkung übersehen. Wenn man wie Rumänien mit den Nazis gemeinsame Sache macht, muss man eben befreit werden.

Bank

Für Juden, Roma und andere Verfolgte, die sich in Kellern oder auf Dachböden versteckten (soweit sie nicht schon ermordet oder deportiert worden waren), überbrachte das Rattern der sowjetischen Panzermotoren und -ketten zuerst einmal die Kunde von der Befreiung.

Deshalb und weil sie zahlenmäßig die größte Last bei der Befreiung Europas von den Faschisten getragen haben, halte ich es unterm Strich für angebracht, der sowjetischen Soldaten zu gedenken, die hier begraben liegen.

Grabsteine

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Der sowjetische Soldatenfriedhof

  1. cityoftheweek schreibt:

    It’s more of a park than it is a cemetery. There aren’t any bodies buried here I think. I actually grew up here! Spent every day of my childhood playing in this huge place we had all to ourselves. It was way better than any playground

    • Andreas Moser schreibt:

      But why wouldn’t the bodies be buried here? The alternative would have been to ship them all the way to Russia and Uzbekistan and I am not sure anyone had time for that in October 1944. – We should find out about that. (I will have this article on my English blog in a few days, by the way.)

      And I agree, I would also find it more interesting than a playground if I was a child. But still, doesn’t it scare you in retrospect that you were playing on top of skeletons?

  2. Pingback: The Soviet Military Cemetery | The Happy Hermit

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