„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Menschen, die behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, übersehen zum einen Art. 4 des Grundgesetzes, zeigen aber auch wenig Kenntnis von der deutschen Geschichte.

Letzteres lässt sich mit der Lektüre des amüsanten und interessanten historischen Romans „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein beheben. Ein Buch, das nicht nur kurzweilig geschrieben und reich an Aktualität ist, sondern das zeigt, dass die besten Geschichten oft die wahren sind. (Wie auf diesem Blog.)

Dabei kann man es fast nicht glauben: Der deutsch-jüdische Offizier Edgar Stern heckt einen Plan zur Sprengung des Suez-Kanals aus, um das britische Weltreich entscheidend zu schwächen. Aus dem Plan wird nichts, obwohl er später reaktiviert wird. Stattdessen bekommt er einen Geheimauftrag im Rahmen der deutschen Dschihad-Strategie.

Denn, was viele nicht wissen: Der Dschihad ist ein Meister aus Deutschland.

Im Ersten Weltkrieg versuchte das Deutsche Reich, einen Weltaufstand aller Muslime anzuzetteln, damit diese sich gegen ihre französischen, britischen und russischen Kolonialherren erheben und den Mittelmächten zum Sieg verhelfen würden. Die „Nachrichtenstelle für den Orient“, so etwas wie der Vorläufer des BND, unterstützte dazu örtliche Aufstände, so wie die USA einst die Mudschaheddin in Afghanistan unterstützten.

Deutsche Wissenschaftler durchforsteten den Koran, um Passagen zu finden, die sich als Aufruf zum Dschihad interpretieren lassen konnten. Dann versuchten sie, den osmanischen Sultan zum Ausrufen eben dieses heiligen Krieges zu bewegen, was mit viel Geld zwar gelang, allerdings recht wirkungslos verpuffte. Denn sie hatten, ganz wie heutige Islamkritiker, übersehen, dass ein afghanischer Paschtune sich ebensowenig durch ein Wort eines Herrn Sultan aus Konstantinopel zum Kampf bewegen lässt wie ein Mormone in Utah durch ein Kommuniqué aus dem Vatikan. Die meisten Muslime hatten, wie alle Menschen, null Bock auf Krieg.

Die Erzählung von Jakob Hein setzt mit dem Problem ein, dass der Sultan irgendwie begründen muss, warum die Muslime dieser Welt für die nicht gerade muslimischen Nationen Deutschland, Österreich und Ungarn kämpfen und sterben sollten. Deshalb wurde Kaiser Wilhelm II. von der deutschen Propaganda als Quasi-Sultan dargestellt, der halt nur leider keine Muslime in seinem Reich habe. Konkret wurde das an den muslimischen Kriegsgefangenen unter den britischen und französischen Truppen vorexerziert.

In Wünsdorf in Brandenburg wurde für sie ein sogenanntes Halbmondlager erbaut, mit Moschee und allem drum und dran.

Die deutschen Behörden gaben für ihre „muhammedanischen Kriegsgefangenen“ eine Zeitung heraus, die – wenig subtil – „El-Dschihad“ hieß.

Leutnant Stern wurde nun damit beauftragt, 14 muslimische Kriegsgefangene nach Konstantinopel zu bringen, um sie dort unter großem Pomp und Tamtam freizulassen, womit bewiesen werden sollte, dass Kaiser Wilhelm II. ein herzensguter Mensch war. (Weil die Gefangenen nicht aus der Türkei, sondern aus Afrika waren, handelte es sich wohl eher um eine illegale Abschiebung, aber egal.)

Da die Mission geheim bleiben sollte und die Zugfahrt durch das neutrale Rumänien führte, verfielen die deutschen Orientgenies auf die Idee, die Truppe als Zirkus mit Leutnant Stern als Zirkusdirektor zu tarnen.

Das alles erzählt Hein aus der Perspektive verschiedener Figuren, was aber nie unübersichtlich wird, sondern sich zu einem amüsanten Gesamtbild fügt. Ein lehrreiches Lesevergnügen!

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Über Andreas Moser

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5 Antworten zu „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

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  2. Kasia schreibt:

    Jetzt staune ich wirklich Baumklötze, da ich von dieser skurrilen (ja, wirklich!) Wendung der Geschichte noch nie etwas gehört habe. Gut, ist ja nicht so, als hätte ich alle Wälzer durchsucht 😉 Aber da sieht man wieder einmal eindrücklich, welchen Zirkus Menschen abzuziehen bereit sind, wenn er doch nur ihren Absichten und Zielen dient.

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