Auf den Spuren des Königs (Tag 8) Schloss Hohenschwangau

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Der Bus Nr. 78 zeigt das Fahrtziel nur auf Englisch an: „Hohenschwangau Castles“. Das muss diese Überfremdung sein, vor der viele in Deutschland Angst haben.

Neben mir sitzen allerdings keine internationalen Touristen, sondern schlaftrunkene Schüler.

Am Pulverturm steigt ein Mädchen ein: „Ich habe meine Busfahrkarte vergessen.“

Der Fahrer knöpft ihr kein Geld ab, macht ihr keinen Vorwurf, sondern druckt zwei Karten aus: „Da hascht no eine zum Heimfahrn.“ Die Leute hier sprechen gemütlich, einen Dialekt, den ich eher mit Baden-Württemberg als mit Bayern assoziiere.

„King – Castle – wonderful“, ruft der Busfahrer die Haltestelle in Hohenschwangau aus. Ich glaube, er vermisst die Touristen.

Um 7:30 bin ich losgefahren, damit ich rechtzeitig vor 8 Uhr vor dem Ticket-Center eintreffe. Etwa 15 Leute stehen vor mir in der Schlange, das könnte klappen. Vor mir ist ein Mann aus Fulda, der sofort nach Bayern gefahren ist, als die FAZ schrieb „Neuschwanstein ist wieder offen“. Auch er muss anmerken: „Dieses Jahr sind keine Chinesen und Japaner hier.“ Dabei wären Australier und Neuseeländer noch umweltschädlicher.

Sehr nervig, vor allem so früh am Morgen, ist die Frau etwas hinter mir in der Schlange, die am Telefon ganz laut und wichtig ihre anscheinend Untergebenen wegen Terminplänen, Raumbelegungsplänen, Excel-Tabellen und sonstigem Unwichtigem anschreit. Ihre beiden Töchter haben kein Telefon, wahrscheinlich ist die Mutter abschreckendes Beispiel genug.

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Als ich an der Reihe bin, blicke ich zurück. Jetzt stehen schon mindestens 150 Leute hinter mir. Der Aufruf des Bundesgesundheitsministers, dieses Jahr lieber in Deutschland zu verreisen, zeigt Wirkung. Wer lange schläft oder auf einem Frühstück besteht, verliert.

Alles ist streng getaktet und effizient, etwa so wie am U-Bahn-Schalter in Tokio. Vielleicht kommen die Japaner deshalb so gerne? Wenn ich mich beeile, könnte ich auf Schloss Hohenschwangau sogar die erste Führung des Tages genießen, offeriert die Ticketverkäuferin.

Ich will mich aber nicht beeilen.

Na gut, dann 9:40 Uhr?

Okay.

„Und um 11 Uhr Neuschwanstein? Das können Sie schaffen, wenn Sie zügig gehen.“

Neuschwanstein liegt auf einem Berg, es sind etwa 40 Minuten zu Fuß, und ich habe überhaupt gar keine Lust, mich zu beeilen.

„Also 11:30 Uhr?“

Ich muss mir die Langsamkeit, den Genuss und die Pausen regelrecht erstreiten, bis ich ein Ticket für 13:30 Uhr bekomme. Man hat hier anscheinend hauptsächlich mit Besuchern zu tun, die am Nachmittag noch nach München oder Hallstatt müssen.

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Der Blick auf die Rechnung führt zu zweierlei Entsetzen, einmal finanziell, einmal historisch.

30 € kosten die zwei Schlösser, was ich mir ohne die großzügigen Spenden der Leserinnen und Leser gar nicht hätte leisten können. Wenn Euch die kommende Führung durch die prächtigen Königsschlösser gefallen wird, bedankt Euch also bei den edlen Spendern.

Und zweitens, die Rechnung wurde nicht vom Freistaat Bayern, sondern vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds ausgestellt. Das hört sich so schön antiquiert und fair an, aber in Wirklichkeit bedeutet es, dass der Freistaat Bayern bzw. die Gemeinde Schwangau die Arbeit haben, aber das Geld der Familie der einstigen Könige zufließt.

Diese komische Konstruktion ist eine Folge der milde verlaufenen bayerischen Revolution von 1918. Während anderswo die Könige und Kaiser exiliert, füsiliert und guillotiniert wurden, setzte man sich in Bayern bei einem Bier zusammen und schacherte aus, was dem Freistaat und was der Familie Wittelsbach gehören sollte.

Wie im friedfertigen Bayern so üblich, mündeten die Verhandlungen 1923 in einen Kompromiss, nach dem ein Teil der Schlösser und Liegenschaften Staatsbesitz wurde, der andere Teil den Wittelsbachern verblieb. Diese recht offensichtlich willkürliche, wahrscheinlich beim Kartenspiel gefundene Lösung war nicht kompliziert genug, um die mehrjährigen Verhandlungen zu rechtfertigen. Also gründete man noch ein paar Stiftungen, die sich um die Kunstschätze kümmerten und diese wiederum an Museen ausliehen. Man berief Verwaltungsräte und Staatskommissare. Und man erfand Wörter wie Domanialfideikommisspragmatik und Pinakoglyptohypothek, damit sich niemals jemand nachzufragen trauen würde.

Für den heutigen Tag genügt es, zu wissen, dass Schloss Neuschwanstein im Staatsbesitz ist, aber das Museum der bayerischen Könige und Schloss Hohenschwangau im Eigentum der Wittelsbacher stehen. Deswegen gibt es bei letzteren keinen Studentenrabatt. Die Könige brauchen jeden Euro.

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Ein kleiner Umweg führt mich zum Schloss Frauenstein.

Oh, es ist schon kaputt. Nur mehr ein Gedenkstein steht im Wald.

Gut, dass ich nicht auf den Betrug mit den Online-Tickets für anscheinend nicht mehr existente Schlösser reingefallen bin.

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Aber als ich mich umdrehe, sehe ich sie doch: Zwei Schlösser, brutal in die Landschaft gepflanzt.

Ich finde es immer sehr provinziell, wenn das Kind (oberes Schloss) in unmittelbarer Nachbarschaft der Eltern (unteres Schloss) baut. „Naja, hier hatte ich halt den Baugrund“, sagt der verzogene Sohn dann und bringt die Wäsche noch immer zur Mama zum Bügeln. Wer schon in jungen Jahren nicht weg will, wen es nie nach Timbuktu treibt, nach London lockt oder nach Ceylon zieht, der hat doch einen Knacks.

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Erst später wollte er weg, als er von Bayern die Nase voll hatte. Oder besser gesagt von Deutschland. Die Gründung des Deutschen Reichs 1871 hat König Ludwig II. als bayerische und als persönliche Niederlage empfunden. Er war nicht mehr der oberste, unumschränkte Herrscher, sondern eingehegt und relativ irrelevant in diesem neuen Reich, das zu allem Überfluss auch noch von den verabscheuten (und tatsächlich verabscheuungswürdigen) Hohenzollern regiert wurde.

Aber König Ludwig II. wollte nicht einfach ins Exil gehen und schreiben wie Ovid, die Gebrüder Mann oder Anna Seghers. Nein, er war richtig eingeschnappt und wollte sich trotzig ein anderes Land suchen, wo er Alleinherrscher mit unbeschränkter Macht werden konnte.

Dazu sandte er Kolumbusse aus und setzte eine Kommission ein. Von königlichen Beamten wurden zu diesem Zweck die Kanarischen Inseln, Zypern und Kreta bereist und erkundet. Dass es unbedingt Inseln sein mussten, sagt schon einiges aus.

Die königliche Kommission unter Admiral Kanaris erwählte die Kanarischen Inseln zum geeignetsten Ort, kalkulierte die Kosten für den Erwerb der Inseln, plante die Verhandlungen mit Spanien und England und setzte schon mal eine Verfassung für das „Kanarische Inselreich“ auf.

Und dann verlief alles im Sandstrand.

Ein Glück für die Kanaren, die dem Schicksal einer Königskolonie gerade noch mal entkommen konnten und seither ein entspanntes Leben führen.

Andererseits haben die Kanaren dafür jetzt die Bourbonen an der Backe. Bei diesen ganzen Dynastien weiß man gar nicht, welche schlimmer sind. Obwohl, doch: Das sind immer noch die Hohenzollern.

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Dieser Kanaren-Plan, der übrigens in vielen Berichten, Ausstellungen und Filmen über Ludwig II. verschwiegen wird, erscheint aus jetziger Sicht natürlich hanebüchen.

Aber es gab genug Beispiele, dass deutsche Adelige auswanderten, um anderswo König zu werden. Der Onkel von Ludwig II., Otto, wurde 1832 erster König von Griechenland. Das griechische Parlament tagt heute in dem einst für den Bayern erbauten Palast, und das Blau-Weiß in der griechischen Flagge sind die bayerischen Farben.

Allerdings endete dieser Auslandseinsatz nicht gut. 1862, also nach immerhin 30 Jahren Regentschaft, gab es einen Aufstand bzw. einen Militärputsch, und König Otto musste ins Exil gehen. Er zog zurück nach Bayern, wo er verfügte, dass jeder Ort ein griechisches Restaurant haben solle, weil er Souvlaki und Gyros vermisste.

Die Griechen wählten einen Prinzen aus Dänemark als Nachfolger, ein Fehler, den niemand begangen hätte, der Shakespeares „Hamlet“ gelesen hat. Aber die Griechen bildeten sich schon immer viel auf ihre eigenen Dramen und Tragödien ein und ließen alle ausländische Literatur links liegen.

Ich glaube jedoch, ich schweife ab wie Hamlet, und Ihr wollt endlich ins Schloss.

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Ludwig II. wird immer mit Schloss Neuschwanstein in Verbindung gebracht, dabei hat er dort nur 172 Tage verbracht. Wenn man seinem Denken und Fühlen näher kommen will, muss man aber ins Schloss Hohenschwangau gehen und dort Schloss und Landschaftskulisse auf sich wirken lassen, die den späteren König in seiner Kindheit geprägt haben.

Das Auf-sich-wirken-Lassen könnte schwierig werden, denn die nervige Telefonfrau aus der Warteschlange ist ebenso in der Führung um 9:40 Uhr, und sie ist auch ohne Telefon nervig. Jetzt will sie ständig Fotos von ihren Töchtern machen und ist ganz außer sich, dass man im Schloss nicht fotografieren darf. Mir ist das ganz recht, denn so kann ich mich aufs Beobachten und Schreiben konzentrieren.

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An der Stelle des Schlosses stand schon lange eine Raubritterburg, die immer wieder belagert und zerstört wurde, zuletzt von Napoleon, der sich anscheinend nicht einmal von der entspannenden Bergseekulisse beruhigen hat lassen. (Komisch, dass sich jeder über Japaner und Chinesen, aber niemand über Franzosen echauffiert.) Danach wurde die Burg 30 Jahre vergessen, bis Kronprinz Maximilian auf einer Wanderung die Ruine entdeckte, was, wie ich als erfahrener Wanderer bestätigen kann, durchaus mal passiert. Der spätere König Maximilian II., der Vater von Ludwig, kaufte die Burg und ließ sie als königliches Ferienhäuschen herrichten, was, wie ich Euch als erfahrener Wanderer sagen kann, sehr selten passiert.

Zu dieser grundbuchrechtlichen Überreaktion besteht aber auch kein Anlass, denn die Aussicht und das Rauschen der Blätter kann man, wie diese Wanderung unter Beweis gestellt hat, ohne Eigentum und Besitz genießen. In Bayern hat der ungetrübte Genuss der Naturschönheiten sogar Verfassungsrang, postuliert im poetischen Artikel 141 Absatz 3 der Landesverfassung:

Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer und die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang ist jedermann gestattet. Dabei ist jedermann verpflichtet, mit Natur und Landschaft pfleglich umzugehen. Staat und Gemeinde sind berechtigt und verpflichtet, der Allgemeinheit die Zugänge zu Bergen, Seen, Flüssen und sonstigen landschaftlichen Schönheiten freizuhalten und allenfalls durch Einschränkungen des Eigentumsrechtes freizumachen sowie Wanderwege und Erholungsparks anzulegen.

Ein Grundrecht auf Wandern und am-See-Sitzen, das ist doch toll.

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Hohenschwangau ist ganz im Geist der historisierenden Spätromantik gehalten. Aus Angst, dass die Kinder keine Bilderbücher lesen, haben die Königseltern die Wände aller Räume mit Bildgeschichten aus der mittelalterlichen Sagenwelt und der Familiengeschichte verziert.

Der Speisesaal ist der Schwanenrittersaal. Der Komponist Richard Wagner, dessen größter Fan und Förderer Ludwig II. war, weilte öfter auf Schloss Hohenschwangau. Wagner bekam ein Piano und das Gästezimmer mit dem schönsten Ausblick über den Alpsee. Leider sah der Komponist nicht aus dem Fenster, sondern auf die kitschigen Gemälde. Deswegen haben wir vom ihm jetzt diesen Heldenscheiß anstatt die Landschaft vertonende Musik wie von Smetana oder Čiurlionis.

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Weil Ludwig II. Geld und schlechten Geschmack hatte, kam Richard Wagner immer wieder gerne vorbei. Durch die Beschäftigung mit Ludwig II. zieht sich die Frage, ob er ein guter oder ein schlechter König war, ob er verrückt oder nur speziell war. Das kann man, so hoffe ich in dieser Artikelserie darzustellen, hin und her diskutieren. Aber eine Sache ist unstrittig: Der schwarze Fleck in der Vita des Königs ist die Förderung des dubiosen Komponisten. Ohne Ludwig II. wäre Wagner pleite gewesen und uns wären stundenlange schwülstige Gesänge erspart worden. Oder er hätte, wofür er schon im Gefängnis gesessen hatte, weiter Hip-Hop gemacht.

Aber sogar an dieser dunkelsten Stelle des Monarchen muss ich auf die Ambivalenz hinweisen, die Ludwig II. jeder eindeutigen Bewertung entzieht. Als Wagner 1881 für die Erstaufführung des „Parsifal“ in Bayreuth das Hoforchester des Königs anfragte, aber davon ausdrücklich den Dirigenten Hermann Levi ausnahm, weil dieser jüdisch war, reagierte der König ehrenhaft und konsequent. Er schrieb Wagner, dass er das Orchester bekäme, aber nur mit dem Dirigenten. Er dulde „keinen Unterschied zwischen Christen und Juden“, denn: „Nichts ist widerlicher, unerquicklicher als solche Streitigkeiten. Die Menschen sind ja im Grunde genommen doch alle Brüder, trotz der konfessionellen Unterschiede.“ Das muss den Antisemiten Wagner heftig gewurmt haben.

Leider setzten sich im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte die Wagners durch. Die Moral von der Geschichte: Kein Geld für Antisemiten! Ludwig II. hätte sich das – und vielleicht die Entmündigung und den Tod – erspart, wenn er gewusst hätte, dass man ab nur 2 Talern im Monat meinen Blog unterstützen kann und dafür lehrreiche Artikel frei Haus erhält, garantiert ohne Fanfaren- und Posaunenklänge im Ohr.

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Ein anderer Raum im Schloss ist den Schyren gewidmet, den angeblichen Vorfahren der Wittelsbacher und zeigt Kreuzritter und Normannen und Schlachten.

Die Bilder sind sehr romantisierend. Selbst bei den heftigsten Schlachtengemälden sieht man kein Blut, keine offenen Wunden. Eben so, dass man vor dem Bild speisen kann. Bei Otto, dem Bruder von Ludwig II., führte dies zu einem bösen Erwachen, als er tatsächlich am Deutsch-Französischen Krieg teilnahm und traumatisiert wurde. Die Welt ist eben doch kein Wandgemälde.

Ludwig II. entmündigte seinen jüngeren Bruder übrigens 1878, weshalb jener nach dem Tod Ludwigs II. nur titular König von Bayern wurde, die Amtsgeschäfte aber von Prinzregent Luitpold übernommen wurden. In den letzten Tagen seines Lebens mag Ludwig II. die Entmündigung seines Bruders bereut haben, denn wer in der eigenen Familie wild herumentmündigt, der ist später in einer schwierigen Argumentationslage, wenn er sich gegen die eigene Entmündigung wehren will. Tja, anstatt mit Wagners Walküre hätte sich der junge König besser mit Kants Kategorischem Imperativ beschäftigt.

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Ach ja, die Geschichte von der Entmündigung König Ludwigs II. muss ich endlich mal erzählen:

Wenn man in so einem Schloss aufwächst und nicht mit normalen Kindern in die Schule geht, dann wird man ein bisschen komisch. (Ein weiterer Grund gegen Privatschulen.) Bei Ludwig II. kam hinzu, dass er zwischen einem absolutistischen Herrschaftsverständnis, das mit der relativ modernen bayerischen Verfassung (siehe Kapitel 86) nicht in Einklang zu bringen war, hin- und zwischen gesellschaftspolitisch eher modernen Ansichten, die in überlieferten Aussagen gipfelten, dass er eigentlich Republikaner sei und eine Monarchie, worin ihm auf jeden Fall zuzustimmen ist, eine ziemlich dämliche Idee sei, hergerissen war, was zu ähnlicher Verwirrung führte wie bei den sich in einem meiner Schachtelsätze verheddert habenden Leserinnen und Lesern, die bitte gnädig berücksichtigen wollen, dass der Autor schon weit verschachteltere linguistische Labyrinthe hervor- und unters Publikum gebracht hat.

Wie reagiert man auf solch einen Zwiespalt?

Ganz einfach: Man schaltet das Handy aus und zieht sich zurück.

Ludwig II. wurde immer menschenscheuer und zeigte sich bald kaum mehr in München. Gut, niemand mag München, aber beim König war das problematisch, weil München die Hauptstadt seines Königreichs war und weil dort Regierung und Parlament arbeiteten.

Hohenschwangau und Neuschwanstein sind mehr als 100 km weit weg, was die Zusammenarbeit mit den Ministerien und Behörden schwierig machte.

„Auch ich habe ein Recht auf Home Office“, verteidigte sich der König, der zeitlebens große Angst vor Typhus, Pest, Gelbfieber und HIV hatte. Die Minister mussten also ständig mit der Kutsche in die Berge fahren, nur um ein Dokument unterzeichnen zu lassen. (Ohne Unterschrift des Königs konnte ein Gesetz nicht Gesetz werden.)

Ab 1870 empfing Ludwig II. nicht einmal mehr seine Minister, sondern erledigte alles postalisch. Er war also praktisch nur mehr ein virtueller König, den niemand mehr zu Gesicht kam.

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Der ganze Papierkram nervte Ludwig II., was jeder verstehen kann, bei dem sich Briefe von der Bußgeldstelle und vom Finanzamt stapeln, und er rettete sich mehr und mehr in seine Hobbys: Schlösser bauen und Opern anhören.

Dass ersteres sehr teuer ist, erschließt sich von selbst. Aber der König machte auch den Musikgenuss zu einer teuren Angelegenheit. Anstatt einer Schallplatte bestellte er das gesamte Theaterensemble zu sich nach Hause oder in eines der Opernhäuser, das dann für die Öffentlichkeit gesperrt wurde. Und der König saß ganz allein im Zuhörersaal, weil er keine Freunde hatte. Das ist übrigens sehr frustrierend für die Künstler, denn Künstler – wie Blogger – wollen Publikum.

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„Follow the money“, sagen Kriminalisten, wenn sie einem Fall auf den Grund gehen wollen, und so ist es auch hier.

In Kapitel 87 hatte ich schon erwähnt, dass das bayerische Königshaus eigentlich pleite war und dass Preußen mit jährlichen Zahlungen von mindestens 300.000 Mark einsprang.

Aber jetzt wird es pikant: Diese Zahlungen waren geheim. Es war Schwarzgeld. Illegal. Korruption.

Denn Preußen zahlte nicht an das Königreich Bayern, sondern richtete einen Geheimfonds („Welfenfonds“) ein, aus dem insgesamt 5 Millionen Mark über Schweizer Banken – über wen auch sonst? – auf Privatkonten Ludwigs II. flossen.

Wir erinnern uns, dass Preußen damit vom bayerischen König die Zustimmung zur Gründung des Deutschen Reichs erkauft hatte. Mit anderen Worten: Der bayerische König hatte, wegen seines Schlösserbauwahns, die Unabhängigkeit Bayerns verkauft, ja geradezu verscherbelt und verramscht. Die Schlösser, die jetzt in aller Welt als Symbole Bayerns gelten, haben Bayern den Strick um den Hals gelegt.

Das ist ein Paradebeispiel für Hochverrat. Und darauf steht die Todesstrafe.

König Ludwig II. lebte also unter ständigen Gewissensbissen und in der Furcht, dass Preußen entweder die Zahlungen einstellen würde oder dass die finanziellen Verwicklungen publik würden.

Im April 1886 war es soweit. Bismarck, der deutsche Kanzler, hatte erkannt, dass die finanziellen Forderungen Ludwigs II. ein Fass ohne Boden waren. Vielleicht brauchte er ihn nach der erfolgten und konsolidierten Reichsgründung auch einfach nicht mehr. Und so informierte Bismarck die bayerische Regierung.

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Der bayerische Ministerrat war sich schnell einig: Der König muss weg.

Aber nicht so wie in Frankreich, mit Guillotine und Blut in den Straßen. Nein, ganz unauffällig und hinterrücks.

Am 7. Juni 1886 erteilte der Ministerrat dem Psychiater Bernhard von Gudden den Auftrag, ein Gutachten über den Geisteszustand des Königs zu erteilen. Gudden, der bereits Otto von Bayern für geisteskrank erklärt hatte (Kapitel 134), nahm den Auftrag an.

Am nächsten Tag war das Gutachten fertig.

So schnell und effizient geht es natürlich nur, wenn man den Betroffenen entgegen aller medizinischer und juristischer Regeln nicht persönlich anhört, eine Praxis, die in Bayern noch immer angewendet wird, wenn dubiose Millionengeschäfte vertuscht werden müssen.

Bevor der Ministerrat am 10. Juni 1886 den Beschluss zur Amtsenthebung des Königs veröffentlichte, ließ er sich von Prinz Luitpold die Zusicherung geben, dass die Regierung unverändert im Amt bleiben würde. Prinz Luitpold stimmte zu, dafür wurde er Regent, also faktischer König. Alternativen, wie die freiwillige Abdankung Ludwigs II., hatten die Minister zwar erörtert, aber ausgeschlossen.

Eigentlich war das ein Putsch.

Wer würde dem König die Nachricht überbringen? Wie würde der König reagieren? Warum musste der König sterben? Und, noch viel mysteriöser: Warum musste der Psychiater Gudden sterben?

All das klären wir später. Jetzt setzen wir erst einmal unseren Rundgang in Schloss Hohenschwangau fort.

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Im Schlafzimmer hängen Bilder einer Orientreise.

Im Festsaal wird die Wilkina-Saga gefeiert. Weil sich die Könige ihrer eigenen Bildung nicht ganz sicher waren, sind alle Gemälde beschriftet. So lerne ich, dass der fliegende Drache aus der Unendlichen Geschichte Sintram heißt.

In den Wänden verlaufen 50 cm breite Gänge für das Personal, die von hinten die Kachelöfen beheizen. Warum die Wittelsbacher das nicht selbst machen können, ist unklar, aber man kennt so etwas immer noch von versnobten Leuten, die zum Beispiel selbst keine Pizza holen können und stattdessen schlecht bezahlte Boten bei Regen durch die Stadt jagen.

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Oben habe ich geschrieben, dass man Schloss Hohenschwangau kennen muss, um die Kindheit Ludwigs II. zu verstehen, aber eigentlich greift das zu kurz. Auch als König wohnte er noch 20 Jahre in diesem Schloss.

Notgedrungen. Denn Neuschwanstein war ein Megaprojekt, das nicht von einem Tag auf den anderen fertig war. (Tja, wenn damals schon die Chinesen gekommen wären, die hätten das in einer Woche hochgezogen. Und dazu noch die Revolution niedergeschlagen.) In einem Erker von Hohenschwangau steht ein Teleskop, mit dem Ludwig II. die Baufortschritte am Traumschloss verfolgte. Er musste 17 Jahre lang warten. Da kann man leicht verrückt werden, wenn man keine anderen Hobbys hat.

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Wegen des Coronavirus ist die Gruppengröße bei den Führungen auf 10 Leute beschränkt, was ganz angenehm ist. „Sonst haben wir 45 Leute in der Gruppe“, sagt die Führerin, und ich kann mir das Gedränge kaum vorstellen. „Das hat zur Konsequenz, dass Sie das Schloss nicht mehr so sehen, wie es 1913 der Öffentlichkeit als Museum übergeben wurde. Wir haben den verfügbaren Platz vergrößern müssen und deshalb beispielsweise die Bücherregale von den Wänden entfernt.“

Na super, gerade das Interessanteste wurde in den Keller verbannt. Stattdessen stehen Repliken von irgendwelchen Brunnen und eine Menge Tafelsilber herum.

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Apropos Führung:

Ich habe in Kapitel 125 erwähnt, dass dieses Schloss im Privateigentum der Wittelsbacher steht. Ich hatte deshalb befürchtet, dass es eine monarchieverklärende Führung gibt und man am Ausgang zum Eintritt in den Geheimbund der Guglmänner aufgefordert wird. (Das Kapitel über die Guglmänner habe ich nach anonymen Drohungen wieder entfernt. Aber Ihr könnt ja selber gugln.)

Dem ist überhaupt nicht so. Ganz im Gegentum.

Die junge Frau weist darauf hin, dass Ludwig II. als König gar nicht so beliebt war. „Er musste zwei Kriege führen, trat dem Deutschen Reich bei, vergeudete Geld und zeigte sich dem Volk praktisch nie.“

Prinzregent Luitpold hingegen, der Nachfolger, war viel beliebter: „Er herrschte über die längste Friedensperiode und war sehr leutselig, fast normal. Man konnte ihm in München begegnen, wenn er in der Lederhose seinen Hund spazieren führte.“

Das mit dem Spazierengehen in München lag den bayerischen Königen, außer Ludwig II., anscheinend. Eine Episode zeigt, wie banal historische Ereignisse manchmal daher kommen: Die Nachricht von seinem Sturz erfuhr König Ludwig III. am 7. November 1918 während eines Nachmittagsspaziergangs im Park. Zwei Passanten, die besser informiert waren als der Herrscher, waren nett genug, ihn zu warnen: „Majestät, gehen’s besser heim. Es ist gerade Revolution.“ Der König spazierte zurück zur Residenz, wo Dienerschaft und Wachpersonal schon geflohen waren. Er packte seine Frau, seine Kinder und ein paar Sachen ins Auto und fuhr ins Exil nach Österreich. In der Eile hatte er vergessen, Unterwäsche einzupacken, die ihm der Revolutionsführer und neue Ministerpräsident Kurt Eisner ein paar Tage später nachschickte.

So einfach kann Revolution sein, wenn alle kooperieren. Man muss da nicht zehn Jahre Drama machen wie in Frankreich.

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Für die Führung sind nur 30 Minuten veranschlagt. Der Zeitplan ist knapp getaktet, weil uns die nächste Gruppe schon auf den Fersen ist. Aber dankenswerterweise bietet die Führerin an, dass man ihr danach im Garten noch Fragen stellen kann. „Wenn Ludwig II. zu Lebzeiten nicht gerade populär war,“ frage ich, „wann und warum begann denn die Verklärung und die Nostalgie, die bis jetzt andauert?“

„Eigentlich erst im Nachkriegsdeutschland“, so die verblüffende Antwort. „Das war die Zeit, zu der auch die Sisi-Filme erschienen.“

Da geht mir ein Licht auf: „Das ist ja fast so, wie wenn man krampfhaft in die Kiste der tieferen Vergangenheit griff, um die jüngere Vergangenheit zu übertünchen.“

„Klar“, sagt sie, und ich finde es schade, dass solche Aspekte nicht bei den Führungen angesprochen werden.

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Weil ich mir ausreichend zeitlichen Puffer zwischen den Schlössern gegönnt habe, kann ich noch ein wenig den Garten von Schloss Hohenschwangau genießen. Auf einer Seite blickt man auf die das Königreich begrenzenden Berge, auf der anderen über das regierte Land.

Der für diese Pracht verantwortliche Gärtner erzählt, dass zur Zeit 280 Besucher am Tag kommen, ansonsten sind es täglich 3000. Er wirkt sehr entspannt und schenkt mir eine königliche Mandarine.

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Wie volksnah Prinzregent Luitpold ist, erlebe ich dann selbst auf dem Rückweg ins Tal. Gerade als ich an einer Tafel mit seinem Konterfei vorbei gehe, kommt er mir entgegen. Ohne Entourage oder Adjutant. Und es stört ihn nicht einmal, dass ich ihn auf den Zufall anspreche und ein Foto von ihm mache.

(Wenn jemand den freundlichen Herren aus Dänemark erkennt, schickt ihm doch bitte diesen Artikel.)

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Mittags stehen vor dem Ticket-Center verzweifelt weinende Touristen, die keine Karten mehr für Schloss Neuschwanstein ergattern konnten.

Frau: „Wieso hast du dich nicht um die Eintrittskarten gekümmert?“

Mann: „Weil ich mehrmals gefragt habe, zu welcher Tageszeit ich buchen soll. Und du sagtest, dass dich jede Planung einengt und dass du spontan sein willst.“

Frau: „Aber du hättest mir sagen sollen, dass dann die Karten ausverkauft sind.“

Mann: „Deshalb habe ich darauf gedrängt, dass wir früh losfahren und nicht stundenlang frühstücken.“

Frau: „Das ist doch kein Urlaub. Das ist der reinste Stress mit dir!“

Anfänger denken, dass Reisen romantisch ist, aber in Wirklichkeit gehen viele Beziehungen erst kaputt, wenn man gemeinsam verreist. (Ein Beispiel. Und noch eins.)

Wenn ich heute Morgen geschäftstüchtiger gewesen wäre, hätte ich gleich mehrere Tickets für nachmittags erworben und könnte diese jetzt zum doppelten oder dreifachen Preis verkaufen. Vor der Alhambra in Granada hat mir jemand sogar mal den fünffachen Preis für meine Eintrittskarte angeboten. Aber weil die Leser auf einen Artikel über die Alhambra warteten, musste ich ablehnen. Das war vor zwei Jahren. Zu dem Artikel bin ich immer noch nicht gekommen. 😦

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Eigentlich wollte ich Euch heute über Schloss Neuschwanstein erzählen. Aber wie Ihr seht, ist dieser Artikel schon wieder so lange geworden, dass wir das Märchenschloss auf den nächsten Artikel verschieben müssen.

Geduld! Der König wartete schließlich auch eine ganze Weile.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Auf den Spuren des Königs (Tag 8) Schloss Hohenschwangau

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  2. danysobeida schreibt:

    131. Vo y a sugerir un cambio a la Carta Magna de mi país, para que se incluya el artículo 141 párrafo 3, ahora que han retornado al gobierno los impulsores de Los Derecho de la Madre Naturaleza.
    Una lectura muy interesante y animada, gracias! Espero el capitulo final.

    • Andreas Moser schreibt:

      La Pachamama está completamente de acuerdo con tu propuesta! Pero no obstante la constitución, recuerdo que la mayor parte del lago Titicaca era más accesible que los lagos de Baviera.

      Muchas gracias!
      Ya está casi listo el capitulo final. Estoy feiz que finalmente puedo escribir sobre algo diferente. 🙂

    • danysobeida schreibt:

      Como dijiste „Un derecho básico“ o como dice en nuestra Constitución: un Derecho Fundamental.

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