Abkürzung durchs Atomkraftwerk

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Der Neckar ist ein hübsches Flüsschen.

Nicht so übertrieben wie der Nil. Nicht so begradigt wie der Rhein-Main-Donau-Kanal. Nicht so reißend wie der Sambesi. Aber auch nicht so langweilig wie die Vils.

Einfach ein Fluss mit vielen Schleifen und Schlaufen, mit steilen Weinbergen am Ufer, und hier und da ein kleiner Ort mit hübschen Fachwerkhäusern.

Am Vormittag ist schönes Wetter, und ich wandere am Westufer dieses Wasserlaufs flussaufwärts, irgendwo zwischen Heilbronn und Bietigheim-Bissingen-Besigheim. So genau weiß ich das nicht, denn das Schöne am Flusswandern ist ja, dass man sich nicht verlaufen kann, also auch nicht auf den Weg achten muss.

Gegen Nachmittag wird das Wetter grau und ungemütlich, so dass ich mich zum Umkehren entschließe. Weil ich nach dem West- auch das Ostufer kennenlernen will, wandere ich noch zur nächsten Brücke in Kirchheim, überquere den noch immer nicht tosenden Fluss und mache mich auf den Rückweg.

Eigentlich hatte ich es von der anderen Seite schon gesehen, aber irgendwie verdrängt: Da steht ein Kraftwerk. Ein Atomkraftwerk. Direkt am Fluss, denn diese Kraftwerke brauchen ständig frisches Wasser, um den Reaktor zu kühlen.

Eine Landkarte habe ich nicht dabei, denn wie gesagt: Wie soll man sich am Fluss schon verlaufen? Allerdings wird der Weg immer schmaler, immer unterholziger, immer versteckter, immer verwucherter. Beschilderung habe ich schon lange keine mehr gesehen, andere Wanderer auch nicht.

Aber da kommt mir ein Angler entgegen. (Angler fischen gerne im Abwasser von Kernkraftwerken, wie mir in der Ukraine jemand erzählte. Da sind nämlich die Fische größer.)

„Entschuldigen Sie, mein Herr“, inquiriere ich,“wenn ich diesem Weg folge, kann ich da am Kraftwerk vorbeilaufen?“ Ich denke daran, dass in zivilisierten Ländern selbst bei Militäranlagen ein Küstenstreifen für Wanderer freigehalten wird. (Siehe Kapitel 37 meines Artikels über Cornwall.) Oder dass in fortschrittlichen Bundesländern das Wandern am Fluss sogar Verfassungrang genießt. (Siehe Kapitel 131 dieses Artikels über eine Wanderung zu den bayerischen Königsschlössern.)

„Vorbeilaufen können Sie nicht“, sagt der ortskundige Angler. „Aber Sie können am Tor klingeln, dann kommt jemand und führt Sie über das Gelände.“

„Ah“, sage ich, erstaunt und baff. „Vielen Dank.“

Mir ist es eigentlich unangenehm, den Kraftwerksbetreiber aus seinem Büro herauszuklingeln. Überhaupt bin ich sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, andere Menschen zu inkommodieren. Ich bin so jemand, der lieber stirbt, als den Nachtdienstapotheker vom Kreuzworträtsel wegzuholen. Jemand, der an der Fußgängerampel mit dem Drücken wartet, bis alle Autos vorbei sind. Und 30 Minuten vor Ladenschluss gehe ich nicht mehr Einkaufen, weil ich weiß, dass die Angestellten langsam aufräumen wollen. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb in Japan oder in Persien wohler.

Außerdem kann es ja sein, dass sich der Angler einen Scherz erlaubt hat.

Zumindest letzteres klärt sich auf, als ich kurz darauf vor einer Betonmauer mit Stacheldrahtrollen und mit einem schweren Eisentor stehe. Ein kleines Schild lädt tatsächlich zur Störung der Mittagsruhe ein: „Benutzer des Uferwegs bitte läuten.“

Na gut. Der Umweg um das ganze Gelände wäre tatsächlich zu weit. Also läute ich.

„Ja, guten Tag?“ erklingt eine freundliche Stimme.

„Hallo, guten Tag, ich stehe hier am südlichen Eingang Ihres sympathischen Kraftwerks und würde gerne nach Norden, Richtung Lauffen, weiterwandern.“

„Haben Sie einen Impfausweis dabei?“

„Ja, klar.“ (Super, vielleicht kann man hier atomar geimpft werden. Das hält länger.)

„Und einen Personalausweis oder so?“

„Ja, den habe ich auch dabei.“ (Ich habe beim Wandern sogar Visitenkarten dabei, aber danach fragt der Herr leider nicht.)

„Und einen Hund?“

„Nein“, sage ich unschuldig, wie wenn man den Hund schon mal zuhause vergessen kann.

„Okay, dann schicke ich einen Kollegen vorbei. Aber es kann ein paar Minuten dauern, ist das in Ordnung?“

„Ja klar, absolut kein Grund zur Eile“, antworte ich. Nicht nur aus Höflichkeit und weil ich tatsächlich nie in Eile bin, sondern weil man in einem Kernkraftwerk nun wirklich nicht will, dass jemand hetzt und schludert.

Nach ein paar Minuten kommt ein Wachmann, und – weil ich keinen eigenen habe – bringt er sogar einen Hund mit. Das ist ein Service! Hunde wirken in Kernkraftwerken anscheinend als Frühindikatoren für Strahlung, so wie Kanarienvögel im Bergwerk.

Durch das Gittertor kontrolliert er meinen Impf- und meinen Personalausweis und gibt dann über Funk ein paar Codewörter durch, bei denen ich höflich weghöre und die das Tor ferngesteuert öffnen.

Und schwupp, bin ich das erste Mal in meinem Leben in einem Kernkraftwerk.

„Das liegt daran, dass hier am Neckar ein Jahrhunderte altes Wegerecht für einen Treidelpfad besteht“, erklärt der bewaffnete Wachmann auf meine Frage. „Als das Kernkraftwerk geplant wurde, war die Erhaltung des Wegerechts eine Bedingung für die Baugenehmigung.“ Als historisch interessierter Wandersmann finde ich es faszinierend, dass ich aufgrund eines Feldservituts aus der Zeit des Heiligen Römischen Reichs vorbei an Druckwasserreaktoren, Zellenkühlern, Hybridkühlturmen, Dampferzeugern und Blitzvernebelungsanlagen spazieren kann. Schon erstaunlich, wie eine mittelalterliche Grunddienstbarkeit die Jahrhunderte mit all ihren Kriegen und Revolutionen überstanden hat.

„Im Sommer ist natürlich mehr Betrieb“, erzählt der Wachmann. „Da kommen manchmal ganze Wandergruppen, auch Fahrradfahrer und sogar Reiter.“ Und fügt hinzu: „Das mit den Pferden ist schon ein bisschen übertrieben, die könnten ja wirklich außenrum reiten.“ Vielleicht vertragen sich auch Hund und Pferde nicht besonders. Tja, aber so ist es eben. Denn das Wegerecht wurde ausdrücklich auch für Pferde gewährt. Ist ja auch logisch, wenn es ein Treidelpfad war. Denn wie sonst soll man die Kähne von Rotterdam nach Reutlingen ziehen?

Und deshalb können jetzt ohne Dispens des Reichskammergerichts in Wetzlar, das 1806 voreilig aufgelöst wurde, Pferde nicht vom Durchqueren dieser ansonsten hochgesicherten Anlage ausgeschlossen werden.

Nach 440 Metern sind wir am nördlichen Ende des Atomkomplexes angekommen. Der Wachmann funkt wieder, das Tor öffnet sich, und er wünscht mir, dass ich noch vor Dunkelheit und Regen nach Lauffen gelange. Und das war sie, meine erste Begegnung mit der Atomkraft, durchaus freundlich, aber auch irgendwie kurios.

Wälzt doch mal das Grundbuch in Eurer Gemeinde! Vielleicht findet Ihr auch ein altes Wegerecht.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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19 Antworten zu Abkürzung durchs Atomkraftwerk

  1. sinnlosreisen schreibt:

    Sehr kurios! Ob da auch Atomkraftgegner durchwandern dürfen? Eventuell gar mit einer Anti-Atomkraft-Demo?
    Sicherheitstechnisch ist das ja ein echter Albtraum…

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich bin ja eigentlich auch eher skeptisch, was Atomkraft anbelangt. Allerdings fand ich das in den paar Minuten, die ich auf dem Betriebsgelände war, nicht angebracht, zu diskutieren.

      Es kommt natürlich auf die genaue Formulierung in der kaiserlichen Bulle an, aber ich schätze, dass Demonstrieren über den dort festgesetzten Nutzungsrahmen hinausgeht. (Aus dem gleichen Grund darf man nicht fotografieren.)

      Aber ich habe mir auch gedacht: Hoffentlich erfährt Al-Qaida nie von dieser recht einfachen Möglichkeit, in ein AKW zu gelangen.

    • Uwe Stegemann schreibt:

      Warum sollte man als Atomkraftgegner da nicht durch dürfen? Das Wegerecht ist garantiert! Wenn die Wachleute jemandem wegen einem „Atomkraft nein Danke!“-TShirt nicht durch lassen, dann sind sie keine Profis und haben sich durch Dummheit ein Eigentor geschossen bzw. liefern eine kostenlose Vorlage für Gegner.
      Also, wer Lust hat kann den Weg da drei mal pro Stunde nutzen, das ist in Anti-Atom-Kreisen durchaus bekannt. Und wer es auf die Spitze treiben will, der führt halt auch ein paar (legale!) Waffen mit sich.

    • sinnlosreisen schreibt:

      Ja, das hatte ich ja auch so verstanden, dass da jeder durch darf, egal welche Meinung er hat. Deshalb hab ich mich ja gefragt, wie weit das Recht gehen mag. Demonstrationen muss man ja anmelden. Und Waffen? Hm.
      Es wundert mich, dass der AKW-Betreiber sich so eine Achillessehne (oder ein schmerzendes Hühnerauge) in die Anlage konstruiert hat. Man hätte doch einfach am Fluss entlang einen abgezäunten Weg für die Öffentlichkeit lassen können.

    • Andreas Moser schreibt:

      Letzteres habe ich mich auch gefragt.
      Einen abgezäunten Weg, den der Betreiber ja trotzdem überwachen und natürlich auch selbst betreten kann.
      Oder einen Steg oder eine Brücke. Oder, ganz kreativ, ein Katapult?

    • sinnlosreisen schreibt:

      😂😂
      am besten eine Elon-Musk-Cyber-Röhre. Atomar betrieben.

  2. festus schreibt:

    Kann ja noch eine „innere Sicherheitszone“ geben. Aber in der Tat faszinierend. War der Wachmann pro forma bewaffnet (praktisch immer Revolver) oder trug er Pistole?

    • Andreas Moser schreibt:

      Pistole und eben den Hund.
      Und er hat mich vor sich gehen lassen, um mich im Blick zu haben bzw. mir gesagt, wo ich mich hinstellen soll, während er am Funkgerät war. Das war alles sehr professionell-freundlich.
      Auf dem Gelände waren dann auch noch andere Wachleute, die mich von weitem beobachtet haben. Da ist also keine Gefahr, dass man plötzlich im Reaktor steht und auf den Knopf für die Kernschmelze drückt.

  3. tinderness schreibt:

    Was für eine schöne Geschichte. Bin ganz begeistert!

    • Andreas Moser schreibt:

      Dankeschön!
      Und alles nur, weil ich den Angler angesprochen habe. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, zu klingeln. Oder wäre gar nicht nah genug an das Tor gegangen, um das kleine unscheinbare Schild zu erkennen.

  4. Pingback: A Shortcut through the Nuclear Power Plant | The Happy Hermit

  5. Marc schreibt:

    Einfach in OpenStreetMap nachschauen. Steht dort seit 5 Jahre so drin, wie von dir beschrieben. https://www.openstreetmap.org/node/3342215366

    • Andreas Moser schreibt:

      Und wer es immer noch nicht glaubt, muss sich eben selbst auf den Weg machen.
      Ein Spaziergang an frischer Luft durch den Atomkomplex ist eh gut für die Gesundheit!

  6. Frosty PenandPaper schreibt:

    Süßer Bericht.
    An sich auch nur ein Weg am Fluss mit nem großen Bauwerk daneben und nem Zaun dazwischen.
    Die Ortdosisleistung wird wahrscheinlich bei einfacher Hintergrundstrahlung liegen. Da kann man genauso gut auf dem Erasco Firmengelände spazieren gehen ^^

    Ich empfehle dir aber mal ein Besuch im Schacht Konrad oder Asse. Die kannst du befahren, da gibts wirklich was zu berichten. Mit 30 km/h durch stockfinstere, kilometerlange Tunnel brettern

  7. Pingback: Vor hundert Jahren begann die Kanalbuddelei – Dezember 1921: Rhein-Main-Donau-Kanal | Der reisende Reporter

  8. Pingback: Winter ist keine Ausrede, nicht zu wandern | Der reisende Reporter

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